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Full text of "Natürliche schöpfungsgeschichte : Gemeinverständliche wissenschaftliche vorträge über die entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im besonderen"

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Natürliche Scliöpfimgs - Geschichte. 



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Natürliclie 

Schöpfungs- Geschichte. 



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Gemeinverständliclie wissenschaftliche Vorträge über die 

Entwickelungs - Lehre 

im Allgemeinen und diejenige von 

Darwin, Goethe und Lamarck 

im Besonderen. 



Von 

Ernst Ha ecke 1, 

Professor an der Universität Jena. 



Achte umgearbeitete und vermehrte Auflage. 

Mit dem Porträt des Verfassers und mit 20 Tafeln, sowie zahlreichen 
Holzschnitten, Stammbäumen und systematischen Tabellen. 



Berlin, 1889. 
Druck und Verlag von Georg Reimer. 



„Nach ewigen ehernen 
„Grossen Gesetzen 
„Müssen wir Alle 
„Unseres Daseins 
„Kreise vollenden!" 

Goethe. 



Inhalts -Ueljersiclit. 



Erster Theil. 

Allgemeine Entwickelimgs- Lehre. 

(Transformismus und Darwinismus.) 
L— XV. Vortrag. 

Seite 

I. Vortrag. Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre oder 

Descendenz-Theorie 1 

II. Vortrag. Wissenschaftliclie Berechtigung der Descendenz- 
Theorie. Schöpfungs-Geschichte nach Linne ... 22 

III. Vortrag. Schöpfungs-Geschichte nach Cuvier und Agassiz . 43 

IV. Vortrag. Entwickelungs-Theorie von Goethe und Oken . . 65 
V. Vortrag. Entwickelungs-Theorie von Kant und Lamarck . . 89 

VI. Vortrag. Entwickelungs-Theorie von Lyell und Darwin . . 111 
VII. Vortrag. Die Züchtungs-Lehre oder Selections-Theorie. (Der 

Darwinismus.) 133 

VIII. Vortrag. Vererbung und Fortpflanzung 157 

IX. Vortrag. Vererbungs-Gesetze und Vererbungs-Theorien. . . 178 

X. Vortrag. Anpassung und Ernährung. Anpassungs-Gesetze . 207 
XI. Vortrag. Die natürliche Züchtung durch den Kampf um's 

Dasein. Gellular-Selection und Personal-Selection 238 
XII. Vortrag. Arbeitstheilung und Formspaltung. Divergenz der 

Species. Fortbildung und Rückbildung 261 

XIII. Vortrag. Keimes-Geschichte und Stammes-Geschichte . . . 289 

XIV. Vortrag. Wanderung und Verbreitung der Organismen. Die 

Chorologie und die Eiszeit der Erde 316 

XV. Vortrag. Entwickelung des Weltalls und der Erde. Urzeu- 

srune:. Kohlenstoff-Theorie. Plastiden-Theorie . . 340 



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VI 



Inhalts- Uebcrsicht. 



Zweiter Tlieil. 

Allgemeine Stammes - Geschichte. 

(Phylogenie und Anthropogenie.) 
XVI.— XXX. Vortrag. 

Seite 

XVI. Vortrag. Schöpfungs-Perioden und Schöpfungs-Urkunden . . 371 
XVII. Vortrag. Phylogenetisches System der Organismen. Protisten 

und Histonen 401 

XVIII. Vortrag. Stammes-Geschichte des Protistenreiches 423 

XIX. Vortrag. Stammes-Geschichte des Pflanzenreiches 455 

XX. Vortrag. Phylogenetische Classification des Thierreiches. 

Gastraea-Theorie 487 

XXI. Vortrag. Stanuues-Geschichte der Niederthiere und Wurm- 

thiere 511 

XXII. Vortrag. Stammes-Geschichte der Weichthiere und Stern- 

thiere 542 

XXIII. Vortrag. Stammes-Geschichte der Gliederthiere 566 

XXIV. Vortrag. Stammes-Geschichte der Chordathiere (Mantelthiere 

und Wirbeltliiere) 594 

XXV. Vortrag. Stammes-Geschichte der Amphibien und Ainnioten 620 

XXVI. Vortrag. Stammes-Geschichte der Säugethiere 647 

XXVII. Vortrag. Stammes-Geschichte des Menschen 680 

XXVIH. Vortrag. Wanderung und Verbreitung des Menschenge- 
schlechts. Menschenarten und Menschenrassen . . 713 
XXIX. Vortrag. Einwände gegen die Wahrheit der Descendenz- 

Theorie 752 

XXX. Vortrag. Beweise für die Wahrheit der Descendenz-Theorie 773 



Vorwort 

zur ersten Auflage. 



Die vorliegenden freien Vorträge über „natürliche Schöpfungs- 
Gcschichte" sind im Wintersemester 1867/68 vor einem aus Laien 
und Studirenden aller Facultäteu zusammengesetzten Publicum 
hier von mir gehalten, und von zweien meiner Zuhörer stenogra- 
phirt worden. Abgesehen von den redactionellen Veränderungen 
des stenographischen Manuscripts, habe ich an mehreren Stellen 
Erörterungen weggelassen, welche für meinen engeren Zuhörer- 
kreis von besonderem Interesse waren, und dagegen an anderen 
Stellen Erläuterungen eingefügt, welche mir für den weiteren 
Leserkreis erforderlich schienen. Die Abkürzungen betreffen be- 
sonders die erste Hälfte, die Zusätze dagegen die zweite Hälfte 
der Vorträge, 

Die „natürliche Schöpfungs-Geschichte" oder richtiger ausge- 
drückt: die „natürliche Entwickelungs-Lehre", deren selbständige 
Förderung und weitere Verbreitung den Zweck dieser Vorträge bildet, 
ist seit dem Jahre 1859 durch die grosse Geistesthat von Charles 
Darwin in ein neues Stadium ihrer Entwickelung getreten. Was 
frühere Anhänger derselben nur unbestimmt andeuteten oder ohne 
Erfolg aussprachen, was schon Wolfgang Goethe mit dem pro- 
phetischen Genius des Dichters, weit seiner Zeit vorauseilend, 
ahnte, was Jean Lamarck bereits 1809, unverstanden von 
seinen befangenen Zeitgenossen, zu einer klaren wissenschaftlichen 
Theorie formte, das ist durch das epochemachende Werk von 



VIII Vorwort. 

Charles Darwin unveräusserliches Erbgut der menschlichen Er- 
kenntniss und die erste Grundlage geworden, auf der alle wahre 
Wissenschaft in Zukunft weiter bauen wird. „Entw^ickelung" 
heisst von jetzt an das Zauberwort, durch das wir alle uns um- 
gebenden Räthsel lösen, oder wenigstens auf den Weg ihrer Lö- 
sung gelangen können. Aber wie Wenige haben dieses Losungs- 
wort wirklich verstanden, und wie Wenigen ist seine weltumge- 
staltende Bedeutung klar geworden! Befangen in der mythischen 
Tradition von Jahrtausenden, und geblendet durch den falschen 
Glanz mächtiger Autoritäten, haben selbst hervorragende Männer 
der Wissenschaft in dem Siege der Entwickelungs-Theorie nicht 
den grössten Fortschritt, sondern einen gefährlichen Rückschritt 
der Naturwissenschaft erblickt; und namentlich den biologischen 
Theil derselben, die Abstammungs-Lehre oder Descendenz-Theorie, 
unrichtiger beurtheilt, als der gesunde Menschenverstand des ge- 
bildeten Laien. 

Diese Wahrnehmung vorzüglich war es, welche mich zur 
Veröffentlichung dieser gemeinverständlichen wissenschaftlichen 
Vorträge bestimmte. Ich hoffe dadurch der Entwickelungs-Lehre, 
welche ich für die grösste Eroberung des menschlichen Geistes 
halte, manchen Anhänger auch in jenen Kreisen der Gesellschaft 
zuzuführen, welche zunächst nicht mit dem empirischen Material 
der Naturwissenschaft, und der Biologie insbesondere, näher ver- 
traut, aber durch ihr Interesse an dem Naturganzen berechtigt, 
und durch ihren natürlichen Menschenverstand befähigt sind, die 
Entwickelungstheorie zu begreifen und als Schlüssel zum Ver- 
ständniss der Erscheinungswelt zu benutzen. Die Form der freien 
Vorträge, in welcher hier die Grundzüge der allgemeinen Ent- 
wickelungs-Geschichte behandelt sind, hat mancherlei Nachtheile. 
Aber ihre Vorzüge, namentlich der freie und unmittelbare Ver- 
kehr zwischen dem Vortragenden und dem Zuhörer, überwiegen 
in meinen Augen die Nachtheile bedeutend. 

Der lebhafte Kampf, welcher im letzten Decennium um die 



Vorwort. IX 

Entwickelungslelire entbrannt ist, muss früher oder später notli- 
wendig mit ihrer allgemeinen Anerkennung endigen. Dieser 
glänzendste Sieg des erkennenden Verstandes über das blinde 
Vorurtheil, der höchste Triumph, den der menschliche Geist er- 
ringen konnte, wird sicherlich mehr als alles Andere nicht allein 
7Air geistigen Befreiung, sondern auch zur sittlichen Vervollkom- 
mung der Menschheit beitragen. Zwar haben nicht nur diejenigen 
engherzigen Leute, die als Angehörige einer bevorzugten Kaste jede 
Verbreitung allgemeiner Bildung überhaupt scheuen, sondern auch 
wohlmeinende und edelgesinnte Männer die Befürchtung ausge- 
sprochen, dass die allgemeine Verbreitung der Entwickelungs- 
Theorie die gefährlichsten moralischen und socialen Folgen haben 
werde. Nur die feste Ueberzeugung, dass diese Besorgniss gänz- 
lich unbegründet ist, und dass im Gegentheil jeder grosse Fortschritt 
in der wahren Naturerkenntniss unmittelbar oder mittelbar auch 
eine entsprechende Vervollkommnung des sittlichen Menschen- 
wesens herbeiführen muss, konnte mich dazu ermuthigen, die 
wichtigsten Grundzüge der Entwickelungs-Theorie in der hier vor- 
liegenden Form einem weiteren Kreise zugänglich zu machen. 

Den wissbegierigen Leser, welcher sich genauer über die in 
diesen Vorträgen behandelten Gegenstände zu unterrichten wünscht, 
verweise ich auf die im Texte mit Ziffern angeführten Schriften, 
welche am Schlüsse desselben im Zusammenhang verzeichnet 
sind. Bezüglich derjenigen Beiträge zum Ausbau der Entwicke- 
lungs-Lehre, welche mein Eigenthum sind, verweise ich insbeson- 
dere auf meine 1866 veröffentlichte „Generelle Morphologie der 
Organismen" (Erster Band: Allgemeine Anatomie oder Wissen- 
schaft von den entwickelten Formen; Zweiter Band: Allgemeine 
Entwickelungs-Geschichte oder Wissenschaft von den entstehenden 
Formen). Dies gilt namentlich von meiner im ersten Bande aus- 
führlich begründeten Individualitäts-Lehre und Grundformen-Lehre, 
auf welche ich in diesen Vorträgen nicht eingehen konnte, und 
von meiner im zweiten Bande enthaltenen mechanischen Begrün- 






X Vorwort. 

dung des ursächlichen Zusammenhangs zwischen der individuellen 
und der paläontologischen Entwickelungs-Geschichte. Der Leser, 
welcher sich specieller für das natürliche System der Thiere, 
Pflanzen und Protisten, sowie für die darauf begründeten Stamm- 
bäume interessirt, findet darüber das Nähere in der systematischen 
Einleitung zum zweiten Bande der generellen Morphologie. 

So unvollkommen und mangelhaft diese Vorträge auch sind, 
so hoffe ich doch, dass sie dazu dienen werden, das segensreiche 
Licht der Entwickelungs-Lehre in weiteren Kreisen zu verbreiten. 
Möchte dadurch in vielen denkenden Köpfen die unbestimmte 
Almung zur klaren Gewissheit werden, dass unser Jahrhundert 
durch die endgültige Begründung der Entwickelungs-Theorie, und 
namentlich durch die Entdeckung des menschlichen L^rsprungs, 
den bedeutendsten und ruhmvollsten AVendepunkt in der ganzen 
Entwickelungs-Geschichte der Menschheit bildet. Möchten dadurch 
viele Menschenfreunde zu der Ueberzeugung geführt werden, wie 
fruchtbringend und segensreich dieser grösste Fortschritt in der 
Erkenntniss auf die weitere fortschreitende Entwickelung des 
Menschengeschleehts einwirken wird, und an ihrem Theile werk- 
thätig zu seiner Ausbreitung beitragen. Möchten aber vor Allem 
dadurch recht viele Leser angeregt werden, tiefer in das innere 
Heiligthum der Natur einzudringen, und aus der nie versiegenden 
Quelle der natürlichen Offenbarung mehr und mehr jene höchste 
Befriedigung des Verstandes durch wahre Natur-Erkenntniss, 
jenen reinsten Genuss des Gemüthes durch tiefes Naturverständ- 
niss, und jene sittliche Veredelung der Vernunft durch einfache 
Naturreligion schöpfen, welche auf keinem anderen Wege erlangt 
werden kann. 

Jena, am 18. August 1868. 

Ernst HaeckeL 



Vorwort 

zur achten Auflage. 



Der Zeitraum von zehn Jahren, welcher seit dem Erscheinen 
der letzten Auflage der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte" ver- 
flossen ist, umfasst eine lange Reihe von wichtigen Fortschritten 
auf allen darin behandelten Gebieten der Naturwissenschaft. 
Einerseits sind zahlreiche tüchtige Arbeiterin allen Theilen der Bio- 
logie bemüht gewesen, unsere empirischen Kenntnisse vom orga- 
nischen Leben zu erweitern und unser allgemeines Verständniss 
desselben abzurunden; andererseits haben die weitesten Kreise 
der Ciebildeten denselben eine lebendige, früher ungeahnte Theil- 
nahme zugewendet. Vor Allem hat aber in diesem letzten 
Decennium die allgemeine Entwickelungslehre, und ihr wichtigster 
Theil, die Descendenz-Theorie, so überzeugende Beweisführung, 
so fruchtbare Anwendung und so allgemeine Anerkennung ge- 
funden , dass sie heute bereits als die bedeutungsvollste und 
sicherste Grundlage unseres gesammten Wissens von der leben- 
digen Natur gilt. 

Niemand kann diesen gewaltigen Umschwung unserer grund- 
legenden Natur-Anschauung tiefer empfinden, als ich. Denn als 
vor 23 Jahren meine „Generelle Morphologie" und zwei Jahre 
später, als populärer Auszug eines Theiles derselben, die erste 
Auflage der Natürlichen Schöpfungsgeschichte erschien, stiess ich 
fast^ allgemein auf den hartnäckigsten Widerstand. In dem fol- 
genden Decennium musste erst unter den heftigsten Kämpfen, 



XII Vorwort. 

Schritt für Schritt, das neue, von Jean Lamarck entdeckte, 
von Charles Darwin zugänglich gemachte Land der Entwicke- 
lungs-Lehre erobert und der „Berg von Yorurtheilen", unter dem 
die Wahrheit begraben lag, abgetragen werden. Im letzten De- 
cennium wurde das eroberte Gebiet durch Hunderte fleissiger und 
tüchtiger Hände angebaut, und heute bereits ernten wir auf dem- 
selben reiche Früchte, deren Werth nicht überschätzt werden kann. 

Die gewaltige, alljährlich in erstaunlichem Maasse wachsende 
Litteratur über die Entwickelungs- Lehre und deren einzelne 
Zweige, erläutert am besten jenen merkwürdigen Umschwung 
der allgemeinen Anschauungen. Vor zwanzig Jahren bestand 
noch der grössere Theil derselben aus Schriften „Gegen Darwin"; 
heute sind dergleichen von konntnissreichen und urtheilsfähigen 
Naturforschern überhaupt nicht mehr zu befürchten. Hingegen 
legt jetzt fast die ganze biologische Litteratur Zeugniss „Für 
Darwin" ab, insofern fast alle zoologischen und botanischen, 
anatomischen und ontogenetischen Arbeiten in den phylogenetischen 
Grundsätzen unseres heutigen Transform ismus wurzeln und von 
ihm aus ihre besten befruchtenden Gedanken ableiten. 

Unter diesen Umständen bot sich mir keine leichte Aufgabe, 
als nach Erschöpfung dei- siebenten Auflage dieses Buches der 
Wunsch, eine neue vorzubereiten, an mich herantrat. Als ich 
nach langem Zwischenräume das Buch wieder durchblätterte, 
schien mir Inhalt sowohl als Form desselben, die 1879 noch zeit- 
gemäss sein mochte, 1889 bereits veraltet, t^nsere Zeit lebt 
rasch, und der gewaltige Fortschritt des modernen Geisteslebens 
in diesem Decennium wiegt mehr als ein Jahrhundert des Mittel- 
alters auf. Hätte ich alle die werthvollen, inzwischen gewonnenen 
Ergebnisse der Entwickelungs-Lelu'e in diese neue Auflage auf- 
nehmen und ihrer Bedeutung entsprechend ausführlich schildern 
wollen, so würde der Umfang des Buches um mehr als das 
Doppelte gewachsen sein. Auch war es mir unmöglich, die mannich- 
faltigen, inzwischen erschienenen und nach Hunderten zählen- 



Vorwort. XIII 

den Schriften über Darwinismns, für deren gütige Zusendung ich 
den freundlichen Verfassern bei dieser Gelegenheit herzlich danke, 
eingehend zu studiren und zu berücksichtigen. Detin die letzten 
zwölf Jahre hindurch war ich grösstentheils durch die umfang- 
reichen zoologischen Arbeiten für den Challenger-Report in An- 
spruch genommen (Radiolarien, Tiefsee-Medusen, Siphonophoren, 
Tiefsee-Hornschwämme, zusammen illustrirt durch 230 Tafeln). 
Auch fällt in diesen Zeitraum meine Reise nach Ceylon, über 
welche ich in den „Indischen Reisebriefen" 1882 berichtet habe. 

Somit war ich durch die Umstände genöthigt, einerseits die 
wichtigsten inzwischen gewonnenen Fortschritte der Entwickelungs- 
Lehre in diese neue Auflage aufzunehmen, und ihre Form zeit- 
gemäss umzugestalten; anderseits aber doch die Masse des neu 
aufgenommenen Stoft'es so weit zu verdichten und zu beschränken, 
dass der Umfang des Buches dadurch nicht allzu sehr vergrössert 
wurde. Die Zahl der Vorträge (ursprünglich zwanzig, in der 
letzten Auflage vierundzwanzig) ist jetzt auf dreissig erhöht worden. 
Ganz umgearbeitet (und wie ich hoffe, wesentlich verbessert) 
sind einerseits die Vorträge VIII — XV, welche den eigentlichen 
Darwinimus betreften (Vererbung und Anpassung, Selection und 
Divergenz); anderseits die Vorträge XVII — XXVI, welche das 
von mir (1866) zuerst entworfene phylogenetische System der 
Organismen w'eiter ausführen (Protisten und Histonen, Stamm- 
bäume des Pflanzenreichs und Thierreichs). Da der Umfang 
dieser achten Auflage (trotzdem vieles Unwesentliche in Wegfall 
kam) dadurch ziemlich bedeutend gewachsen ist, und für die be- 
quemere Handhabung vielen Lesern die Zweitheilung derselben 
erwünscht sein dürfte, sind dieser achten Auflage zwei besondere 
Theil-Titel angefügt; der erste Theil (Allgemeine Entwickelungs- 
Lehre) umfasst die Vorträge I — XV; der zweite Theil (Allge- 
meine Stammes-Geschiehte) die Vorträge XVI — XXX. 

Gern hätte ich einen vielfach ausgesprochenen Wunsch er- 
füllt und diese neue Auflage durch zahlreiche und gute Abbil- 



XIV Vorwort. 

düngen besser illustrirt. Indessen würde dadurch Umfang und 
Preis des Buches allzusehr gesteigert worden sein. Ausserdem 
besitzen wir jetzt so zahlreiche, vortrefflich illustrirte, populäre 
Werke über Naturgeschichte, dass ich auf diese (im Anhang ver- 
zeichneten) Schriften verweisen kann. Als besonders werthvolle 
Ergänzung und w^eitere Ausführung der „Natürlichen Schöpfungs- 
Geschichte" möchte ich vor allen Anderen die vortreffliche, nach 
Inhalt und Form gleich ausgezeichnete und reich illustrirte neue 
Auflage von Carus Sternc's „Werden und Vergehen" (Berlin 
1886) empfehlen. Eine reiche Fülle der besten Abbildungen 
bietet die Fortsetzung des bekannten populären Prachtwerkes: 
„Brehm's Thierleben", worüber ich im vorletzten Vortrage 
(S. 770) Einiges gesagt habe. 

Einige der wichtigsten Ergebnisse aus meinem engeren Ar- 
beits-Gebiete (Gasträa-Theorie u. s. w.) habe ich durch sechs neue 
Tafeln illustrirt, welche dieser achten Auflage zugefügt sind. 
Vermehrt ist auch die Zahl der systematischen Tabellen und der 
Stammbäume, welche alle sorgfältig revidirt und zum grösseren 
Theil umgearbeitet wurden. Es wäre wünschcnswerth, dass diese 
wesentlichen Verbesserungen auch Eingang in die Uebersetzungen 
der „Natürlichen Schöpfungs-Geschichte" finden möchten. Die 
Zahl der Letzteren ist inzwischen von acht auf zwölf gestiegen; 
sie erschienen in nachstehender Reihenfolge : Polnisch, ' Dänisch, 
Russisch, Französisch, Serbisch, Englisch, Holländisch, Spanisch, 
Schwedisch, Portugiesisch, Malayisch, Japanisch. 

Möge diese stetig wachsende Theilnahme an den Ergebnissen 
der Entwickelungs-Lehre dazu beitragen, ihr Licht über immer 
weitere Kreise der Wissenschaft zu verbreiten und der Entwicke- 
lung des wahren Menschen- Wesens in bestem Sinne zu Gute 
kommen ! 

Jena, am 18. August 1889. 

Ernst Haeckel. 



Inhalts - Verzeichniss. 



Seite 

Iiilialts-Uebersicht V 

Torwort zur ersten Auflage VII 

Vorwort zur achten Auflage XI 

Die Natur (Goethe, 1780) XXIX 



Erster Vortrag. 



Inhalt und Bedeutung der Abstamnmngs- Lehre oder Descendenz- 
Theorie 

Allgemeine Bedeutung und wesentlicher Inhalt der von Darwin 
reformirten Abstammungs-Lehre oder Descendenz-Theorie. Besondere 
Bedeutung derselben für die Biologie (Zoologie und Botanik). Besondere 
Bedeutung derselben für die natürliche Entwickelungs-Geschichte des 
Menschengeschlechts. Die Abstammungs-Lehre als natürliche Schöpfungs- 
Geschichte. Begriff der Schöpfung. Wissen und Glauben. Schöpfungs- 
Geschichte und Entwickelungs-Geschichte. Zusammenhang der indivi- 
duellen und paläontologischen Entwickelungs-Geschichte. Unzweck- 
mässigkeits-Lehre oder Wissenschaft von den rudimentären Organen. 
Unnütze und überflüssige Einrichtungen im Organismus. Gegensatz der 
beiden grundverschiedenen Weltanschauungen, der monistischen (mecha- 
nischen, causalen) und der dualistischen (teleologischen, vitalen). Be- 
gründung der ersteren durch die Abstammungs-Lehre. Einheit der 
organischen und anorgischen Natur, und Gleichheit der wirkenden Ur- 
sachen in Beiden. Entscheidende Bedeutung der Abstammungs-Lehre für 
die einheitliche (monistische) Auffassung der ganzen Natur. Monistische 
Philosophie. 



Zweiter Vortraö:. 



Wissenschaftliche Berechtigung der Descendenz-Theorie. Schöpfungs- 
treschichte nach Llnne 22 

Die Abstammungs-Lehre oder Descendenz-Theorie als die einheit- 
liche Erklärung der organischen Natur-Erscheinungen durch natürliche 



XVI luhalts-Verzeichnlss. 

Seite 

wirkende Ursachen. Vergleichung derselben mit Newtons Gravitations- 
Theorie. Grenzen der wissenschaftlichen Erklärung und der mensch- 
lichen ErkennAiss überhaupt. Alle Erkenntniss ursprünglich durch 
sinnliche Erfahrung bedingt, aposteriori. Uebergang der aposteriori- 
schen Erkenntnisse durch Vererbung in apriorische Erkenntnisse. 
Gegensatz der übernatürlichen Schöpfungs - Geschichten von Linne, 
Cuvier, Agassiz, und der natürlichen Entwickelungs-Theorien von La- 
marck, Goethe, Darwin. Zusammenhang der ersteren mit der monisti- 
schen (mechanischen), der letzteren mit der dualistischen (teleologischen) 
Weltanschauung. Monismus und Materialismus. Wissenschaftlicher 
und sittlicher Materialismus. Schöpfungs-Geschichte des Moses. Linne 
als Begründer der systematischen Naturbeschreibung und Artunterschei- 
dung. Linnes Classification und binäre Noraenclatur. Bedeutung des 
SpeciesbegriflFs bei Linne. Seine Schöpfungs-Geschichte. Linnes An- 
sicht von der Entstehung der Arten. 

Dritter Vortrag. 

Schöpfnngs-Oeschichte nach Cuvier und Agassiz 43 

Allgemeine theoretische Bedeutung des .Species-BegrifVs. Unter- 
schied in der theoretischen und practischen Bestimmung des Artbegriffs. 
Cuviers Definition der Species. Cuviers Verdienste als Begründer der 
vergleichenden Anatomie. Unterscheidung der vier Hauptformen (Typen 
oder Zweige) des Thierreichs durch Cuvier und Baer. Cuviers Ver- 
dienste um die Paläontologie. Seine Hypothese von den Revolutionen 
des Erdballs und den durch dieselben getrennten Schöpfungs-Perioden. 
Unbekannte, übernatürliche Ursachen dieser Revolutionen und der darauf 
folgenden Neuschöpfungen. Teleologisches Natursystem von Agassiz. 
Seine Vorstellungen vom Schöpfungs-Plane und dessen sechs Kategorien 
(Gruppenstufen des Systems). Agassiz' Ansichten von der Erschaffung 
der Species. Grobe Vermenschlichung (Anthropomorphismus) des 
Schöpfers in der Schöpfungs-llypothese von Agassiz. Innere Unhalt- 
barkeit derselben und Widersprüche mit den von Agassiz entdeckten 
wichtigen paläontologischen Gesetzen. 

Vierter Vortrag. 

Entwickelnngs-Theorie von Goethe und Oken G5 

Wissenschaftliche Unzulänglichkeit aller Vorstellungen von einer 
Schöpfung der einzelnen Arten. Nothwendigkeit der entgegengesetzten 
Entwickelungs-Theorien. Geschichtlicher Ueberblick über die wichtig- 
sten Entwickelungs-Theorien. Griechische Philosophie. Die Bedeutung 
der Natur-Philosophie. Goethe. Seine Verdienste als Naturforscher. 
Seine Metamorphose der Pflanzen. Seine Wirbel-Theorie des Schädels. 
Seine Entdeckung des Zwischenkiefers beim Menschen. Goethe's Theil- 



Inhalts- Verzeichniss. XVII 

Seite 

nähme an dem Streite zwischen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire. Goethe's 
Entdeckung der beiden organischen Bikluugstriebe, des conservativen 
Specificationstriebes (der Vererbung) und des progressiven Umbiidungs- 
triebes (der Anpassung). Goethe's Ansicht von der gemeinsamen Ab- 
stammung aller Wirbelthiere mit Inbegriff des Menschen. Entwicke- 
lungs-Theorie von Gottfried Reinhold Treviranus. Seine monistische 
Natur-AufiFassung. Oken. Seine Natur-Philosophie. Okens Vorstellung 
vom Urschleim (Protoplasma-Theorie) und von den Infusorien (Zellen- 
Theorie). 



Fünfter Vortrag. 



Entwickelangs-Theorie von Kant und Lamarck 89 

Kant's Verdienste um die Entwickehmgs-Theorie. Seine "monistische 
Kosmologie und seine dualistische Biologie. Widerspruch von Mecha- 
nismus und Teleologie. Vergleichung der genealogischen Biologie mit 
der vergleichenden Sprachforschung. Ansichten zu Gunsten der Des- 
cendeuz-Theorie von Leopold Buch, Baer, Schieiden, ünger, Schaff- 
hausen, Victor Carus, Büchner. Die französische Natur-Philosophie. 
Lamarck's Philosophie zoologique. Lamarck's monistisches (mechani- 
sches) Natur-System. Seine Ansichten von der Wechselwirkung der 
beiden organischen Bildungskräfte, der Vererbung und Anpassung. 
Lamarck's Ansicht von der Entwickelung des Menschengeschlechts aus 
affenartigen Säugethieren. Vertheidigung der Descendenz -Theorie durch 
Geoffroy S. Hilaire, Naudin, Lecoq. Die englische Natur-Philosophie. 
Ansichten zu Gunsten der Descendenz-Theorie von Erasmus Darwin, 
W. Herbert, Grant, Freke, Herbert Spencer, Hooker, Huxley. Doppeltes 
Verdienst von Charles Darwin. 



Sechster Vortrag. 



Entwickelungs-Theorie von Lyell und Darwin 111 

Charles Lyell's Grundsätze der Geologie. Seine natürliche Ent- 
wickelungs-Geschichte der Erde. Entstehung der grössten Wirkungen 
durch Summirung der kleinsten Ursachen. Unbegrenzte Länge der 
geologischen Zeit -Räume. Lyell's Widerlegung der Cuvier'schen 
Schöpfungs-Geschichte. Begründung des ununterbrochenen Zusammen- 
hangs der geschichtlichen Entwickelung durch Lyell und Darwin. Bio- 
graphische Notizen über Charles Darwin. Seine wissenschaftlichen 
Werke. Seine Korallenriff-Theorie. Entwickelung der Selections- 
Theorie. Ein Brief von Darwin. Gleichzeitige Veröffentlichung der 
Selections-Theorie von Charles Darwin und Alfred Wallace. Darwin's 
Studium der Hausthiere und Culturpflanzen. Andreas Wagner's An- 
sicht von der besonderen Schöpfung der Cultur-Organismen für den 
Menschen. Der Baum des Erkenntnisses im Paradies. Vergleichung 

Haeckel, Natiirl. Schöpfungs-Gesch. 8. Aufl. t) 



XVIII Inhalts-Verzeichniss. 



der wilden und der Cultur-Organisinen. Darwin's Studium der Haus- 
tauben. Bedeutung der Taubenzucht. Gemeinsame Abstammung aller 
Taubenrassen. 



Neunter Vortrat. 



Seite 



Siebenter Vortrag. 

Die Ziiclitungs-Lehre oder Selections-Tlieorie. (Der Darwinismus.) 133 

Darwinismus (Selections-Theorie) und Lamarekismus (Descendenz- 
Theorie). Der Vorgang der künstlichen Züchtung: Auslese (Selection) 
der verschiedenen Einzelwesen zur Nachzucht. Die wirkenden Ursachen 
der Umbildung: Abänderung, mit der Ernährung zusammenhängend, 
und Vererbung, mit der Fortpflanzung zusammenhängend. Mechanische 
Natur dieser beiden physiologischen Functionen. Der Vorgang der 
natürlichen Züchtung: Auslese (Selection) durch den Kampf um's Da- 
sein. Malthus' ßevölkerungs-Theorie. Missverhältniss zwischen der 
Zahl der möglichen (potentiellen) und der wirklichen (actuellen) Indivi- 
duen jeder Organismen-Art. Allgemeiner Wettkampf um die Existenz. 
Umbildende und züchtende Kraft dieses Kampfes um's Dasein. Ver- 
gleichung der natürlichen und der künstlichen Züchtung. Selections- 
Princip bei Kant und Wells. Zuchtwahl im Menschenleben. Medici- 
nische und clericale Züchtung. 

Achter Vortrag. 

Vererbung und Fortpflanmug 157 

Allgemeinheit der Erblichkeit und der Vererbung. Auffallende be- 
sondere Aeusserungen derselben. Menschen mit vier, sechs oder sieben 
Fingern und Zehen. Stachelschwein-Menschen. Vererbung von Krank- 
heiten, namentlich von Geistes-Krankeiten. Erbsünde. Erbliche Mo- 
narchie. Erbadel. Erbliche Talente und Seelen-Eigenschaften. Ma- 
terielle Ursachen der Vererbung. Zusammenhang der Vererbung mit 
der Fortpflanzung. Urzeugung und Fortpflanzung. Ungeschlechtliche 
oder monogene Fortpflanzung. Fortpflanzung durch Selbsttheilung. 
Moneren und Amoeben. Fortpflanzung durch Knospenbildung, durch 
Keim-Knospenbildung und durch Keim-Zellenbildung. Geschlechtliche 
oder amphigone Fortpflanzung. Zwitterbildung oder Hermaphroditis- 
mus. Geschlechtstrennung oder Gonochorismus. Jungfräuliche Zeugung 
oder Partheuogenesis. Materielle Uebertragung der Eigenschaften bei- 
der Eltern auf das Kind bei der geschlechtlichen Fortpflanzung. 



Vererbnngs-Gesetze und Vererbungs-Theorien 178 

Unterschied der Vererbung bei der geschlechtlichen und bei der 
ungeschlechtlichen Fortpflanzung. Unterscheidung der erhaltenden und 



Inhalts -Verzeichniss. XIX 

Seite 
fortschreitenden Vererbung. Gesetze der erhaltenden oder conservativen 
Erblichkeit: Vererbung ererbter Charaktere. Ununterbrochene oder con- 
tinuirliche Vererbung. Unterbrochene oder latente Vererbung.. Gene- 
rations-Wechsel. Rückschlag. Verwilderung. Geschlechtliche oder 
sexuelle Vererbung. Secundäre Sexual-Charaktere. Gemischte oder 
amphigone Vererbung. Bastardzeugung. Abgekürzte oder vereinfachte 
Vererbung. Gesetze der fortschreitenden oder progressiven Erblichkeit: 
Vererbung erworbener Charaktere. Angepasste oder erworbene Ver- 
erbung. Befestigte oder constituirte Vererbung. Gleichzeitliche (honao- 
chrone) Vererbung. Gleichörtliche (homotope) Vererbung. Molekulare 
Vererbungs- Theorien. Paugenesis (Darwin). Perigenesis (Haeckel). 
Idioplasma (Nägeli). Keimplasma (Weismann). Intracellulare Pauge- 
nesis (Vries). 

Zellliter Vortrag. 

Anpassung und Ernährnng. Anpassungs-Gesetze 207 

Anpassung (Adaptation) und Veränderlichkeit (Variation). Zusam- 
menhang der Anpassung mit der Ernährung (Stoffwechsel und Wachs- 
thum). Unterscheidung der indirecten und directeu Anpassung. Ge- 
setze der indirecten oder potentiellen Anpassung. Individuelle An- 
passung. Monströse oder sprungweise Anpassung. Geschlechtliche 
oder sexuelle Anpassung. Gesetze der directeu oder actuellen An- 
passung. Allgemeine oder universelle Anpassung. Gehäufte oder cumu- 
lative Anpassung. Gehäufte Einwirkung der äusseren Existenzbedin- 
gungen und gehäufte Gegenwirkung des Organismus. Der freie Wille. 
Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe. Uebung und Gewohnheit. 
Functionelle Anpassung. Wechselbezügliche oder correlative Anpassung. 
Wechselbeziehungen der Entwickelung. Correlation der Organe. Er- 
klärung der indirecten oder potentiellen Anpassung durch die Corre- 
lation der Geschlechtsorgane und der übrigen Körpertheile. Nachäffung 
oder mimetische Anpassung (Mimicry). Abweichende oder divergente 
Anpassung. Unbeschränkte oder unendliche Anpassung. 

Elfter Vortrag. 

Die natürliche Znchtniig durch den Kampf um's Dasein. Cellular- 
Selection und Personal-Selection 238 

Wechselwirkung der beiden organischen Bildungstriebe, der Ver- 
erbung und Anpassung. Natürliche und künstliche Züchtung. Kampf 
um's Dasein oder Wettkampf um die Lebensbedürfnisse. Missverhält- 
niss zwischen der Zahl der möglichen (potentiellen) und der Zahl der 
wirklichen (actuellen) Individuen. Verwickelte Wechselbeziehungen 

b* 



XX Inhalts -Verzeichniss. 

Seite 

aller benachbarten Organismen. Wirkungsweise der natürlichen Züch- 
tung. Gleichfarbige Zuchtwahl als Ursache der sympathischen Fär- 
bungen. Geschlechtliche Zuchtwahl als Ursache der secundären Sexual- 
Charactere. Der Kampf der Theile im Organismus (nach Roux). Func- 
tionelle Selbstgestaltung der zweckmässigen Structur. Teleologische 
Mechanik. Cellular-Selection (Protisten) und Personal-Selection (Histo- 
nen). Zuchtwahl der Zellen und der Gewebe. Das Selections-Princip 
bei Empedocles. Mechanische Entstehung des Zweckmässigen aus dem 
Unzweckmässigen. Philosophische Tragweite des Darwinismus. 



Zwölfter Vortrag. 

Arbeitsthellnng und Forinspaltaiig'. Divergenz der Species. Fort- 
bildung und Rückbildung 261 

Arbeitstheilung (Ergonomie) und Formspaltung (Polymorphismus). 
Physiologische Divergenz und morphologische Differenzirung, beide 
nothwendig durch die Selection bedingt. Uebergaug der Varietäten iu 
Species. Begriff der Art oder Species. Bastard-Arten. Personal-Di- 
vergenz und Cellular-Divergenz. Differenzirung der Gewebe. Primäre 
und secundäre Gewebe. Siphonophoren. Arbeitswechsel (Metergie). 
Angleichung (Convergenz). Fortschritt und Vervollkommnung. Ent- 
wickelungs-Gesetze der MeTischheit. Verhältniss der Fortbildung zur 
Divergenz. Centralisation als Fortschritt. Rückbildung. Entstehung 
der rudimentären Organe durch Nichtgebrauch und Abgewöhnung. Un- 
zweckmässigkeits-Lehre oder Dysteleologie. 



Dreizehnter \ ortrag. 

Keimes-Geschiclite und Stamm es-diescliichte 289 

Allgemeine Bedeutung der Keimes-Geschichte (Ontogenie). Mängel 
unserer heutigen Bildung. Thatsachen der individuellen Entwickelung. 
Uebereinstimmung der Keimung beim Menschen und den Wirbelthieren. 
Das Ei des Menschen. Befruchtung. Unsterblichkeit. Eifurchung. 
Bildung der Keimblätter. Gastrulation. Keimes-Geschichte des Cen- 
tral-Nervensystems, der Gliedmaassen, der Kiemenbogen und des 
Schwanzes. Ursächlicher Zusammenhang zwischen Keimes-Geschichte 
(Ontogenie) und Stammes-Geschichte (Phylogenie). Das biogenetische 
Grund-Gesetz. Auszugs - Entwickelung (Palingenesis) und Störungs- 
Entwickelung (Cenogenesis). Stufenleiter der vergleichenden Anatomie. 
Beziehung derselben zur paläontologischen und embryologischen Ent- 
wickelunofs-Keihe. 



Inhalts -Verzeichniss. XXI 



Vierzehnter Vortrag. 

Wandernng und Verbreitung der Organismen. Die €horologie und 
die Eiszeit der Erde '. . 316 

Chorulog'ische Thatsachen und Ur.suchcn. Einmalige Entstehung 
der meisten Arten an einem einzigen Orte: „Schöpfungs-Mittelpunkte". 
Ausbreitung durch Wanderung. Active und passive Wanderungen der 
Thiere und Pflanzen. Fliegende Thiere. Analogien zwischen Vögeln 
und Insecten. Fledermäuse. Transportmittel. Transport der Keime 
durch Wasser und Wind. Beständige Veränderung der Verbreitungs- 
Bezirke durch Hebungen und Senkungen des Bodens. Chorologische 
Bedeutung der geologischen Vorgänge. Einfluss des Klima-Wechsels. 
Eiszeit oder Glacial-Periode. Ihre Bedeutung für die Chorologie. Be- 
deutung der Wanderungen für die Entstehung neuer Arten. Isolirung 
der Kolonisten. Wagner's „Migrations-Gesetz". Verhältniss der Mi- 
grations-Theorie zur Selections-Theorie. üebereinstimmung ihrer Fol- 
Sferungen mit der Descendenz-Theorie. 



Füiifzelmter Vortrat:. 



Entwickelung des Weltalls und der Erde. Urzeugung. Kohlenstoff- 
Theorie. Plastiden-Theorie 340 

Entwickelungs-Geschichte der Erde. Kant's Eutwickelungs-Theorie 
des Weltalls oder die kosmologische Gas-Theorie. Entwickelung. der 
Sonnen, Planeten und Blonde. Erste Entstehung des Wassers. Ver- 
gleichung der Organismen und der Anorgane. Organische und anor- 
gische Steife. Dichtigkeits-Grade oder Aggregat-Zustände. Eiweiss- 
artige Kohlenstoff- Verbindungen. Plasson-Körper. Organische und an- 
orgische Formen. Krystalle und Moneren (strukturlose Organismen 
ohne Organe). Stereometrische Grund-Formen der Krystalle und der 
Organismen. Organische und anorgische Kräfte. Lebenskraft. Wachs- 
thum und Anpassung bei Krystallen und bei Organismen. Bildungs- 
kräfte der Krystalle. Einheit der organischen und anorgischen Natur. 
Urzeugung oder Archigonie. Autogonie und Plasmogonie. Entstehung 
der Moneren durch Urzeugung. Entstehung der Zellen aus Moneren. 
Zellen-Theorie. Plastiden-Theorie. Piastiden oder Bildnerinnen. Cy- 
toden und Zellen. Vier verschiedene Arten von Piastiden. 



Sechzelinter Vortrag. 



Schöpfiings-Perioden und Schöpfungs-Urkunden 371 

Reform der Systematik durch die Descendenz-Theorie. Das natür- 
liche System als* Stammbaum. Paläontologische Urkunden des Stamm- 



XXII Inhalts-Verzeichniss. 



baumes. Die Versteinerungen als Denkmünzen der Schöpfung. Ab- 
lagerung der neptunischen Schichten und Einschluss der organischen 
Reste. Eintheilung der organischen Erd-Geschichte in fünf Haupt- 
Perioden: Zeitalter der Tang -Wälder, Farn -Wälder, Nadel -Wälder, 
Laub-Wälder und Cultur-Wälder. System der neptunischen Schichten. 
Unermessliche Dauer der während ihrer Bildung verflossenen Zeit- 
räume. Ablagerung der Schichten nur während der Senkung, nicht 
während der Hebung des Bodens. Andere Lücken der Schöpfungs-Ur- 
kunde. Metauiorphischer Zustand der ältesten neptunischen Schichten. 
Geringe Ausdehnung der paläontologischen Erfahrungen. Geringer 
Bruchtheil der versteinerungsfähigen Organismen und organischen Kör- 
pertheile. Seltenheit vieler versteinerten Arten. Mangel fossiler 
Zwischen-Formen. Die Schöpfungs-Ürkunden der Ontogenie und der 
verffleichenden Anatomie. 



Seite 



Siebzelmter Vortrag. 



Phylogenetisches System der Organismen. Protisten nud Histonen 401 

Speciellc Durchführung der Descendeu/.-Theorie in dem natürlichen 
System der Organismen. Construction der Stammbäume. Neuere Fort- 
schritte der Phylogenie. Abstammung aller mehrzelligen Organismen 
von einzelligen. Abstammung der Zellen von Moneren. Begriff der 
organischen Stämme oder Phylen. Zahl der Stämme des Thierreichs 
und des Pflanzenreichs. Einheitliche oder monophyletische und viel- 
heitliche oder polyphyletische Descendenz-Hypothese. Das Reich der 
Protisten oder Zellinge (einzellige Organismen). Gegensatz zum 
Reiche der Histonen oder Webinge (vielzellige Thiere und Pflanzen). 
Grenzen zwischen Thierreich und Pflanzenreich. Urpflauzen (Proto- 
phyta) und Urthiere (Protozoa). Monobien und Coenobien. Ghallenger- . 
Resultate. Geschichte der Radiolarien. System der organischen 
Reiche. 

Aclitzelmter Vortrag. 

Stammes-Geschichte des Protlstenreichs 423 

Anfangs-Fragen. Grundsätze für die Phylogenie des Protisten- 
Reiches. Die ältesten Wurzeln des Stammbaumes: Moneren. Phyto- 
moneren als Lebens-Anfänge. Probionten. Vielfach wiederholte Ur- 
zeugung von Probien. Zoomoneren (Raub-Mouereu). Bacterien (soge- 
nannte Spaltpilze). Chromaceen (Chroococceen und Nostochinen). 
Phytarchen und Zoarchen. Hauptgruppen von einzelligen Organismen. 
Diatomeen. Cosmarien. Palmellarien. Volvocinen. Xanthelleen. 
Calcocyten. Siphoneen. Amoebinen (Lobosen). Gregarinen. Geissel- 
cshwärmer (Flagellaten). Flimmerkugeln (Catallacten). Infusorien. 



Inhalts-Verzeichniss. XXI II 

Seite 

Die Zellseelc der Ciliatcn. Acineten. Wurzelfiisser (Rhizopoden), 
Pilzthiere (Mycetozoa). Sonnenthierchen (Heliozoa). Kammerlinge (Thala- 
maria). Strahlinge (Radiolaria). Sedimente der Tiefsee. 



Neimzelinter Vortras:. 



Stammes-Gesehichte des Pflanzenreichs 455 

Das uatürliclie System des Pflanzenreichs. Eintheilung des Pflan- 
zenreichs in sechs Efaiiptclassen und achtzehn Classen. ünterreich der 
Blunienlosen (Cryptogamen). Stamm-Gruppe der Thallus-Pflanzen. Ab- 
stammung der Metaphyten von Protophyten. Tange oder Algen (Ur- 
tange, Grüntange, Brauntange, Rothtange, Mostango). Pilze und Flech- 
ten. Symbiose. Stamm-Gruppe der Vorkeim-Pflauzen (Mesophyten 
oder Prothallophyten). Mose oder Muscinen (Leber-Mose, Laub-Mose). 
Farne oder Filicinen (Laub-Farne, Schaft-Farne, Wasser-Farne, Schup- 
pen-F'arne). Unterreich der Blumen-Pflanzen (Phanerogamen). Nackt- 
samige oder Gymnospermen. Palm-Farne (Cycadeen). Nadelhölzer 
(Coniferen). Meningos (Gnetaceen). Decksamige oder Angiospermen. 
Monocotylen. Dicotylen. Kelchbli'ithige (Apetalen). Sternblüthige 
(Choripetalen). Glockeublüthige (Gamopetalen). Die historische Stufen- 
folge der Haupigruppen des Pflanzenreichs als Beweis für den Trans- 
formismus. 



Zwanzigster Vortras:. 



Phylogenetische Classification des Thierreichs. Gastraea-Theorie . 487 

Das natürliche System des Thierreichs. Aeltere Systeme von 
Linne und Lamarck. Die vier Typen von Baer und Guvier. Die acht 
Typen der neueren Zoologie. Ihre phylogenetische Bedeutung. Die 
Philosophie der Kalkschwämme, die Homologie der Keimblätter, und 
die Gastraea-Theorie. Einheit der Stämme oder Phylen. Abstammung 
aller Metazoen von der Gastraea. Die fünf ersten Bildungsstufen des 
einzelligen Thierkörpers. Die fünf ersten Keimstufen: Stammzelle 
(Cytula). Maulbeerkeim (Morula). Blasenkeim (Blastula). Haubenkeim 
(Depula). Becherkeim (Gastrula). Die entsprechenden fünf ältesten 
Stammformen (Cytaea, Moraea, Blastaea, Depaea, Gastraea). Die Hohl- 
kugel als Urform des Thierkörpers (Baer). Darmhöhle und Leibes- 
höhle. Coelom- Theorie. Pseudocoel und Enterocoel. Die beiden 
Hauptgruppen der Metazoen: L Coelenterien oder Coeleranten (ohne 
Leibeshöhle). IL Coelomarien oder Bilateraten (mit Leibeshöhle). 

Einmidzwauzigster Vortrag. 

Stammes-Gesehichte der Niederthiere und Wurmthiere 511 

Pliylogeuie der Coelenterien oder Coelenteraten: Gastraeaden 



XXIV Inhalts-Verzeichniss. 

Seite 

(Gastraemonen, Cyemarien und Physemarien). Spongien. Ihre Organi- 
sation. Homologie dei> Geisseikammer und der Gastraea. Skeletbil- 
dungen der Schwämme. Die drei . Classen des Spongien -Stammes: 
Kittschwämme (Malthospongien), Kieselschwämme (Silicispongien), Kalk- 
schwämme (Calcispongien). Ihre gemeinsame Stamm-Form: Olynthus. 
Ammoconiden. Stamm der Nesselthiere (Cnidarien oder Acalephen). 
Ihre Organisation. Abstammung aller Nesselthiere von einfachsten 
Polypen (Hydra). Hydropolypen und Scyhopolypen. Polyphyletischer 
Ursprung der Medusen und der Siphonophoren. Ctenophoren. Koral- 
len. Stamm der Plattenthiere (Piatodes): die drei Classen der Strudel- 
würmer (TurbelJarien), Saugwürmer (Trematoden) und Bandwürmer 
(Cestoden). Radiale und bilaterale Grund-Form. Nephridien. Phylo- 
genie der Coelomarien oder Bilateraten: Metazoen mit Leibeshöhle, 
Blut und After. Abstammung der fünf höheren Thier-Stämme von 
Wurmthieren (Helminthen). Die vier Hauptclassen und zehn Classen 
der Helminthen. 

ZwenmdzAvanzigster Vortrag. 

Stamines-Geschichte der Weichthiere nnd Sternthiere 542 

Stamm der Weichthiere oder Mollusken. Organisation derselben. 
Stamm -Verwandtschaft der drei Hauptclassen. Stammgruppe der 
Schnecken (Cochlides). Entstehung der Muscheln (Acephala) durch 
Rückbildung des Kopfes. Entwickelung der Kracken (Cephalopoda) 
durch weitere Ausbildung des Kopfes und seiner Arme. — Stamm der 
Sternthiere oder Echinodermen. Organisation derselben. Zweiseitig-fünf- 
strahlige Grundform. Wassercanal-System. Ontogenie. Hypothesen 
über die Phylogenie der Echinodermen. Pentastraea-Hypothese (1866). 
Ableitung aller Sternthiere von Seesternen, und dieser von Glieder- 
würmern (Panzerwürmer oder Phracthelminthen). Die drei Haupt- 
classen der Echinodermen. Astrozoen (Seesterne und Seestrahlen). 
Pelmatozoen (Seelilien, Seeknospen und Seeäpfel). Echinozoen (See- 
igel und Seegiirken). Pentactaea-Hypothese von Semon (1888). Phy- 
logenetische Bedeutung der gemeinsamen ontogenetischen Larven-Form: 
Pentactula. 

Dreiimdzwaiizigster Vortrag. 

Stamuies-Gleschichte der Gliederthiere 566 

Vier Classen der Gliederthiere von Cuvier. Spätere Trennung der 
Anneliden von den Arthropoden. Die drei Hauptclassen der Anneliden, 
Crustaceen und Tracheaten. Gemeinsame Merkmale derselben. Ab- 
stammung derselben von einer Stammform. Stammgruppe der Anne- 
liden oder Ringelthiere (Egel und Borstenwürmer). Hauptclasse der 
Krustenthiere oder Crustaceen. Eintheilung in zwei divergente Classen: 



Inhalts-Yerzeichuiss. XXV 

Seite 

Krebsthiere (Caridonia) und Schildthiere (Aspidonia). Abstammung der 
Caridonien von Archicariden. Nauplius. Verwandtschaft der Aspido- 
nien und Arachniden. ITauptclasse der Luftrohrthiere (Tracheata). 
Vier Classen derselben: l'rotracheaten (Peripatus), Tausendfüsser (My- 
riapoden), Spinnen (Arachniden) und Insecten. Organisation und 
Stammbaum der Insecten. Eintheilung derselben in -vier Legionen nach 
den Mundtheilen. Flügellose ältere Insecten (Thysanura). Geflügelte 
jüngere Insecten (Pterygonia). Insecten mit beissenden, leckenden, 
stechenden und schlürfenden Mundtheilen. Historische Stammfolge der 
Insecten. 

Vienindzwaiizigster Vortrag. 

Stammes -(ieschichte der Chordathiere (Mautelthiere und Wirbel- 
tliiere) 594 

Die Schöpfungs-Urkunden der Wirbelthiere (Vergleichende Anato- 
mie, Embryologie und Paläontologie). Das natürliche System der Wir- 
belthiere. Die vier Classen der Wirbelthiere von Linne und Lamarck. 
Vermehrung derselben auf acht Classen. Hauptclasse der Eohrherzen 
oder Schädellosen (Lanzetthiere). Blutsverwandtschaft der Schädel- 
losen mit den Mantelthieren. Uebereinstimmung in der embryonalen 
Ent Wickelung des Amphioxus und der A seidien. Ursprung des Wirbel- 
thier-Stammes aus der Würmergruppe. Einheitliche Abstammung der 
Chordathiere. Ihr Kiemendarra. Beziehung zu den Enteropneusten 
(Eichelwurm oder Balanoglossus), und zu den Schnurwürmern (Nemer- 
tina). Divergente Entwickelung der Mantelthiere und Wirbelthiere. 
Die drei Classen der Mantelthiere (Tunicata): Copelaten, Ascidien und 
Thalidien. Hauptclasse der Unpaarnasen oder Rundmäuler (Inger und 
Lampreten). Hauptclasse der Anamnien (Ichthyoten oder Amnionlosen). 
Fische (Urfische, Schmelzfische, Knochenfische). Lurchfische oder 
Dipneusten. Einlunger (Monopneumones) und Zweiluuger (Dipneu- 
mones). 

Fimfimdzwaiizigster Vortrag. 

Stammes-Geschlclite der Amphibien und Amnioten 620 

Fünfzahl der Finger (oder Pentadactylie) bei den vier höheren 
Wirbelthier-Classen (Amphibien und Amnioten). Ihre Bedeutung für 
das Decimal-System. Ihre Entstehung aus der polydactylen Fischflosse. 
Gliederung der fünfzehigen Extremität in drei Hauptabschnitte. Lurche 
oder Amphibien. Panzerlurche (Stegocephalen und Peromelen). Nackt- 
lurche (Urodelen und Anuren). Hauptclasse der Amnioten oder Am- 
nion-Thiere. Bildung des Amnion und der Allantois. Verlust der 
Kiemen. Protamnion (in der permischen Periode). Spaltung des Am- 
nioten-Stammes in zwei Aeste (Sauropsiden und Mammalien). Reptilien, 



XXVI Inhalts-Verzeichniss. 

Seite 

Stammgruppe der Tocosaurier (Ur-Eidechsen). Seedrachen (Plesiosau- 
ren und Ichthyosauren), Eidechsen, Schlangen und Crocodile, Schild- 
kröten (Chelonier). Flugdrachen (Pterosaurier). Drachen und Lind- 
würmer (Dinosaurier). Abstammung der Vögel von vogelbeiuigen Sau- 
riern (Ornithoscelides). Die Ordnungen der Vögel. Urvögel, Zahnvögel, 
Straussvögel, Kielvögel. Fiirbringer'.s Vogel-System und stereometrische 
Stammbäume. 

SechsuiidzAvauzigster Vortrag. 

Stainmes-Gescliichte der Säu^ethiere 647 

System der Säugethiere nach Linne und nach Blainville. Drei 
Unterclassen der Säugethiere (Ornithodelphien, Didelphien, Monodel- 
phien). Ornithodelphien oder Monotreraen. Eierlegende Säugethiere. 
Schnabelthiere (Ornithostomen) und Ursäuger (Promammalien). Didel- 
phien oder Marsupialien. Pflanzenfressende und fleischfressende Beutel- 
thiere (Phyfophaga und Zoophaga). Monodelphien oder Piacentalien 
(Placentalthierc). Bedeutung der Placenta. Paläoutologische Ent- 
deckungen der Neuzeit in Europa und Nordamerica; tertiäre Pla- 
cental-Fauna. Vollständige Stammbäume. Sechs Legionen und zwan- 
zig Ordnungen der Placentalen. Ihr typisches Gebiss. Zahnarme (Eden- 
tata). Walthiere (Cetaceen und Sirenen). Hufthiere. Stammhufer. 
Unpaarhufer. Paarhufer. Rüsselthiere. Platthufer. Nagethiere. Die 
vier Ordnungen der Raubthiere (Creodonten, Insectenfresser, Fleisch- 
fresser und Robben). Die Legion der Primaten: Halbaffen, Flederthiere, 
Affen und Menschen. 

Siebenimdzwauzigster Vortrag. 

Stainmes'Geschichte des Menscheu 680 

Die Anwendung der Descendenz-Theorie auf den Menschen. Un- 
erraessliche Bedeutung und logische Nothwendigkeit derselben. Stellung 
des Menschen im natürlichen System der Thiere, insbesondere unter 
den discoplacentalen Säugethieren. Unberechtigte Trennung der Vier- 
händer und Zweihänder. Berechtigte Trennung der Halbaffen von 
den Affen. Stellung des Menschen in der Ordnung der Affen. Schmal- 
nasen (Affen der alten Welt) und Plattnasen (amerikanische Affen). 
Unterschiede beider Gruppen. Phylogenetische Reduction des Gebisses. 
Entstehung des Menschen aus Schmalnasen. Menschenaffen oder An- 
thropoiden. Afrikanische Menschenaffen (Gorilla und Schimpanse). 
Asiatische Menschenaffen (Orang und Gibbon). Vergleichung der ver- 
schiedenen Menschenaffen und der verschiedenen Menschenrassen. 
Fossile Affen-Reste. Uebersicht der Ahnenreihe des Menschen (in 
25 Stufen). Wirbellose Ahnen (9 Stufen) und Wirbelthier-Ahnen 
(16 Stufen). 



Inhalts-Verzeichniss. XXVII 



Aclituiidzwanzigster Vortrag. 

Wanderung' und Verbreitung des Menschengeschlechts. Menschen- 
arten und Menschenrassen 713 

Alter des Menschengeschlechts. Ursachen der Entstehung dessel- 
ben. Der Ursprung der menschlichen Sprache. Lautspraehe und Be- 
griifssprache. Sing-Affen. Einsläinraiger (raonophyletischer) und viel- 
stiiramiger (polyphyletischer) Ursprung des Menschengeschlechts. Ab- 
stammung der Menschen von vielen Paaren. Classification der Men- 
schenrassen. Schädelmessung. System der zwölf Menschenarten. 
Wollhaarige Menschen oder Ulotrichen. Büschelhaarige (Papuas, 
Hottentotten). Vlieshaarige (Kaifern, Neger). Schlichthaarige Menschen 
oder Lissotrichen. Straffhaarige (Malayen, Mongolen, Arktiker, Ameri- 
kaner). Lockenhaarige (Australier, Dravidas, Nubier, Mittelländer). 
Bevölkerungszahlen. Urheimath des Menschen (Südasien oder Lemurien). 
Beschaffenheit des Urmenschen. Der Traum des Urmenschen. Zahl 
der Ursprachen (Monoglottoneu und Polyglottonen). Divergenz und 
Wanderung des Menschengeschlechts. Geographische Verbreitung der 
Menschenarten. 

I^eummdzwauzigster Vortrag. 

Einwände gegen die Wahrheit der Descendenz-Theorie 752 

Einwände gegen die Abstammungs-Lehre. Einwände des Glaubens 
und der Vernunft. Unermessliche Länge der geologischen Zeiträume. 
Uebergangsformen zwischen den verwandten Species. Abhängigkeit 
der Formbeständigkeit von der Vererbung, und des Formwechsels von 
der Anpassung. Teleologische Einwände. Entstehung zweckmässiger 
und sehr zusammengesetzter Organisations-Einrichtungeu. Stufenweise 
Entwickelung der Instincte und Seelenthätigkeiten. Entstehung der 
apriorischen Erkenntnisse aus aposteriorischen. Erfordernisse für das 
richtige Verständniss der Abstammungs-Lehre. Nothwendige Wechsel- 
wirkung der .Empirie und Philosophie. Der anthropocentrische Stand- 
punkt der sogenannten exacten Anthropologie; im Gegensatze zum 
phylogenetischen Standpunkte der vergleichenden Anthropologie (auf 
zoologischer Basis). Practische Einwände gegen die Folgen der Ab- 
stammungs-Lehre. 



Dreissiffster Vortras:. 



^& 



Beweise für die Wahrheit der Descendenz-Theorie 773 

Zehn Gruppen biologischer Thatsachen als Beweise für die Ab- 
stammungs-Lehre: Thatsachen der Paläontologie, Ontogenie, Morpho- 
logie, Tectologie, Systematik, Dysteleologie, Physiologie, Psychologie, 



XXVIII Inhalts-Verzeichniss. 

Seite 

Chorologie, Oekologie. Mechanisch-causale Erklärung dieser zehn Er- 
scheinungs-Gruppen durch die Descendenz-Theorie. Innerer ursäch- 
licher Zusammenhang derselben. Directer Beweis der Selections-Theo- 
rie. Ihr Yerhiiltniss zur Pithecoiden-Theorie. Induction und Deduc- 
tion. Beweise für die Abstammung des Menschen vom Aifen: Zoolo- 
gische Thatsachen. Stufenweise Entwickelung des menschlichen Geistes, 
im Zusammenhang mit dem Körper. Menschenseele und Thierseele. 
Blick in die Zukunft: Sieg der monistischen Philosophie. 



Ver/cichniss der im Texte angeführten Schriften 7ii7 

Erklärung der Tafeln 802 

Taf. 1 . Lcbensgeschiehte eines einfachsten Organismus, eines Moneres 

(Protomyxa aurantiaca) ■ 802 

Taf. II und III. Keime oder Embryonen von vier Wirbelthieren 

(Schildkröte, Huhn, Hund, Mensch) 803 

Taf. IV. Hand von neun verschiedenen Säugethieren 803 

Taf. V. Gastrula-Bildung von der Teichschnecke und dem Pfeil- 
wurm 804 

Taf. VI. Gasträaden der Gegenwart und nächste Verwandte . . . 805 

Taf. VII. Gruppe von Pflanzeuthieren im Mittelmeere 806 

Taf. VIII und IX. Generationswechsel der Sternthiere 807 

Taf. X und XI. Entwickelungs-Geschichte der Krebsthiere oder 

Crustaceen 809 

Taf. XII und XIII. Entwickelungs-Geschichte der Ascidie und des 

Amphioxus 812 

Taf. XIV und XV. Grundformen von Protisten (Taf. XIV Urpflan- 

zen, Taf. XV Urthiere) 813 

Taf. XVI. Tiefsee-Radiolarien der Challenger-Expedition 814 

Taf. XVII. Farnwald der Steinkohienzeit 816 

Taf. XVIII und XIX. Nervensystem der Metazoen-Stämme . . . 816 
Taf. XX. Hypothetische Skizze des monophyletischen Ursprungs 
und der Verbreitung der zwölf Menschen-Species über die 

Erde 819 

Eegister 821 



Die Natur. 



Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen — unver- 
mögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hinein 
zu kommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreis- 
lauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet 
sind und ihrem Arme entfallen. 

Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was 
war, kommt nicht wieder: Alles ist neu und doch immer das Alte. 

Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben, und macht 
sich Nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, 
und ihre Werkstätte ist unzugänglich. 

Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie ist 
die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoffe zu den grössteu Con- 
trasten : ohne Schein der Anstrengung zu der grössten Vollendung; zur 
genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes 
ihrer Werke hat ein eigenes Wiesen, jede ihrer Erscheinungen den iso- 
lirtesten Begriff, und doch macht alles Eins aus. 

Es ist ein ewiges Leben , Werden und Bewegen in ihr, und doch 
rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment 
Stillstehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren 
Fluch hat sie an's Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist ge- 
messen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar. 

Sie lässt jedes Kind an ihr künsteln, jeden Thoren über sie richten, 
tausende stumpf über sie hingehen und nichts sehen, und hat an allen 
ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung. 

Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; 



XXX Die Natur. 

Alles, was sie giebt, zur Wolilthat; denn sie macht es erst unentbehr- 
lich. Sie säumt, dass man sie verlange; sie eilt, dass man sie nicht 
satt werde. 

Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und 
Herzen, durch die sie fühlt und spricht. Ihre Krone ist die Liebe; nur 
durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen We- 
sen, und Alles will sie verschlingen. Sie hat alles isolirt, um alles zu- 
sammen zu ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe 
hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos. 

Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, er- 
freut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und 
schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. Ver- 
gangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihre Ewigkeit. 
Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise 
und still. Man reisst ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein 
Geschenk ab, dass sie nicht freiwillig giebt. Sie ist listig, aber zu gutem 
Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken. 

Sic ist ganz, und doch immer unvollendet. So wie sie's treibt, 
kann sie's immer treiben. Jedem erscheint sie in einer eigenen Gestalt. 
Sie verbirgt sich in tausend Namen und Ternien, und ist immer dieselbe. 

Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich 
vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten; sie wird ihr Werk 
nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr: nein, was wahr ist und was 
falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr 
Verdienst. 

Goethe (1780). 



Der 

Natürlichen Scliöpfimgs-GescMdite 

Erster Theil: 

Allgemeine Entwickelungs-Lelire. 
(Transform ismiis und Darwinismus). 

I— XV. Vortrag. 



Erster Vortrag. 

Inhalt und Bedeutung der Abstammungs- Lehre oder 
Descendenz - Theorie. 



Allgemeine Bedeutung und wesentlicher Inhalt der von Darwin refor- 
rairten Abstaramungs-Lehre oder Descendenz-Theorie. Besondere Bedeutung 
derselben für die Biologie (Zoologie und Botanik). Besondere Bedeutung 
derselben für die natürliche Eutwickelungs-Geschichte des Menschengeschlechts. 
Die Abstammungs -Lehre als natürliche Schüpfungs- Geschichte. Begritf der 
Schöpfung. Wissen und Glauben. Schüpfungs-Geschichte und Entwickelungs- 
Geschichte. Zusammenhang der individuellen und ]ialäontologischen Ent- 
wickelungs- Geschichte. Unzweckmässigkeits- Lehre oder Wissenschaft von 
den nidiraentären Organen. Unnütze und überflüssige Einrichtungen im 
Organismus. Gegensatz der beiden grundverschiedenen W^eltauschauungeu, 
der monistischen (mechanischen, causalen) und der dualistischen (teleologi- 
schen, vitalen). Begründung der ersteren durch die Abstammungs-Lehre. 
P^inheit der organischen und anorgischen Natur, und Gleichheit der wir- 
kenden Ursachen in Beiden. Entscheidende Bedeutung der Abstammungs- 
Lehre für die einheitliche (monistische) Auffassung der ganzen Natur. Mo- 
nistische Philosophie. 

Meine Herren! Die geistige Bewegung, zu welcher der eng- 
li.sche Naturforscher Charles Darwin vor dreissig Jahren durch 
sein berühmtes Werk „über die Entstehung der Arten"') den 
Anstoss gab, hat während dieses kurzen Zeitraums eine beispielhise 
Tiefe und Ausdehnung gewonnen. Allerdings ist die in jenem 
AVerke dargestellte naturwissenschaftliche Theorie (gewöhidich 
kurzweg die Darwin'sche Theorie oder der Darwinismus 
genannt) nur ein Bruchtheil einer viel umfassenderen Wissenschaft, 
nämlich der universalen Rntwickelungs-Lehre, welche ihre 
unermessliche Bedeutung über das ganze Gebiet aller menschlichen 

Hapckol , Natiirl. Srlii'ipfnngs-nescli. S. AuH. 1 



2 Allgemeine Bedeutuiio- der Abstamiimngs-Lehre. J_ 

Krkenntniss erstreckt. Allein die Art iiiul AVcise. in welcher 
Darwin die letztere durcli die erstere lest begründet hat. ist so 
überzeugend, iiiui iViv entscheidend!^ Wendung, welche durch die 
nothwendigen Folgeschliisse jener Theorie in dei' gesammten 
AA^eltansehauung der Menschheit angebahnt werden ist, muss 
jedem tiel'ei- denkenden Menschen su gewiiliJLi eise luMiien, dass 
nuiii ihre aligemeine Bedeutung nicht hoch genug anschlagen k;uin. 
(Jhne Zweifel nuiss diese ungeheuere Erweiterung unseres mensch- 
lichen (Jesichtskreises unter allen den zahlreichen und grossartigen 
wisscn.schaftlichen Forts(du-itten unserei- Zeit als der bei weitem 
folgenreichste luid wichtigste angesehen werden. 

Wenn mnn uns(M- .Jahrhundert mit Iveclit das Zeitalter der 
Xaturwissenschatten nennt, wenn man mit Stolz auf die unermess- 
lii'h l)edenten(len iMutschritte in ;dlen Zweigen dersellien blickt, 
so j)negt man dabei gewöhnlich weniger an die Erweiterung un- 
serer allgemeinen Naturerkeiuitniss, ids vielmehr an die unmittel- 
baren |)ractischen ErIViIoc jener l'"()rtschritte zu denken. Man 
erwägt dabei dir xüllige und unendlich rulgeiireiclie rmgestidtunL; 
des menschlichen Verkehrs, wt^lchc dui'i-h das entwickelte Ma- 
schinenwesen, dni'cli die Eisenbahnen. J)amj>i'schilVe, 'relegiajdien, 
Telephom« und andere l-^riindungen der l'hysik hervurgebracht 
worden ist. Oder man denkt an den inä(ditigen l"/inlluss, welchen 
tue Chemie in der lleilkunst, in dei- bandwiithschalt. in allen 
Künsten und (Jewerben gewcnmen hat. Wie linch Sie aber auch 
diese Einwirkung dei- neueren Naturwissensclialt auf das pra(-tisclie 
Leben anschlaiien mögen, sit muss dieselbe, vnn einem höheren 
und allgemeineren Stand]iuid<t aus gewürdigt, doch hinter dem 
ungeheuren Einfluss zurückstehen, welchen die theoretischen Fort- 
schritte der heutigen Xaturwissenschatt auf ibts gesammte Va-- 
kenntniss-(iel)iet des Menschen, au!' seine ganze >Veltanschauung 
und Geiste.sbildung nothwendig ausüben. J)enken Sie )iur an den 
unermesslichen Umschwung aller unserer theoretischen Anscliauun- 
gen. welchen ^\ir der allgemeinen .\nwendnng dos ^likroskops 
verdanken. J)enken Sie allein an die Zellen -Thenvie, die uns die 
scheinbare Einheit des menschlichen Organismus als das zusammen- 
gesetzte Resultat aus der staatlichen Verbindunu von Milliarden 



J. Allgemeine Redeutung der Abslamimings-Lehre. 3 

elementarer Leben.seinlieiteii, der Zellen, nachweist. Oder erwägen 
Sie die ungeheure Erweiterung unseres theoretischen Gesichts- 
kreises, welche wir der Spectral -Analyse, der Lehre von der 
AVärme-Meclutnik und von der Ei-Iialtung der Kraft verdanken, 
l'nter allen diesen hewunderungswiinligen theoretischen Fort- 
schritten nimmt abei- jedenlalls unsere heutige Entwi(;kelungs- 
Eehre bei weitem den liöchsten Rang ein. 

Jeder von Ihnen wird den Namen Darwin lieliört haben. 
Aber tlie ^[eisten werden wahrscheiidich nur unvollkommene 
Vorstellungen von dem eigentlichen AVerthe seiner Lehre 1)esitzen. 
Denn wenn man Alles vergleicht, was seit dem Erscheinen seines 
epochemachenden Hauptwerks iiV^er dasselbe geschrielien worden 
ist, so muss demjenigen, der sich nicht näher mit den organischen 
Maturwissenschaften l)efasst hat, der nicht in die inneren Ge- 
heimnisse der Zoologie und Botanik eingedrungen ist, der AVerth 
jener Theorie sehr zweifelhaft erscheinen. Die Beurtheilung der- 
selben ist voll von Widersprüchen und Missverständnissen. Daher 
darf es uns nicht Wunder nehmen, dass selbst jetzt, dreissig 
Jahre nach dem Erscheinen von Dai'wins AVerk, dassell)e noch 
nicht die volle Bedeutung erlangt hat, welche ihm von Rechts- 
wegen gebührt, und welche es jedenfalls früher oder später 
erlangen wird. Die meisten von den zahllosen Schriften, welche 
für imd gegen den Darwinismus während dieses Zeitraums ver- 
öllentlicht wurden, lassen den erforderlichen Grad von Inologischer, 
luid besonders von zoologischer l]ildung vermissen. Obwohl jetzt 
alle bedeutenden Naturforscher der Gegenwart zu den Anhängern 
jener Theorie gehören, haben doch nur wenige derselben Geltung 
und Verständniss in weiteren Kreisen zu verschaffen gesucht. 
Daher rühren die befremdenden Widersprüche und die seltsamen 
frtheile, die man noch heute vielfach über den Darwinismus 
hören kann. Gerade dieser Umstand hat mich vorzugsweise 
bestimmt, die Darwin'sche Theorie und die damit zusammen- 
hängenden weiteren Lehren zum Gegenstand dieser allgemein 
verständlichen Vorträiie zu maclien. Ich halte es für die Pflicht 
der Naturforscher, dass sie nicht allein in dem engeren Kreise 
ihrer Fachwissenschal't auf Verbessei'ungen und Entdeckungen 



4 Wesentliolier Inhalt der Abstammnng's-Lelire. ]. 

siiiuen, das.s sie sich nicht allein in das Studium des Einzelnen 
mit Liebe und Soi-«italt vertiefen, sondern dass sie auch die 
\vicliti.ü;(Mi. aliticnieinen Rri>el misse ihrer besonderen Studien für 
das (lanze niitzl);ir ni;iciu'ii. und dass sie uatui-wissenschaftliche 
Bildung; in weiten Kreisen verbreiten helfen. Der höchste Triumph 
des menschlichen (ieistes. die wahre Erkenntniss der alliiemeinsten 
Xtiturtiesetze, dari' niclit das Privateiuenthum einei' privilegirten 
(jlelehrtenkaste blcibiMi. sundern nuiss (it-nieiiiünt der ü'an/AMi 
gebildeten Menschheit werden. 

Die Theorie, welche diircli l);(r\vin an die S[)itze unserer 
Natur-Erkenntniss gestellt worden ist, pllegt man gewöhnlich als 
Abstammunus-],('hrr oder Desccndenz-Thenrie zu bezeich- 
nen. Andere nennen sie rml)ihliuigs-Lehre uder Transmutations- 
Theorie oder auch kurz: Tra nsformism ns. Heide Rezeiehiumgen 
sind richtig. l)i'nn diese liehre behauptet, dass alle verschie- 
denen Organismen (d. h. alle Thieraiten und Pflanzenarten, 
welche jemals auf der Erde ti'eleltt halten, und nocii jetzt leiten) 
von einer einzii^en odei- von wenigen höchst einfachen 
Sta m ml'orinen abstammen, und dass sie sich aus diesen 
auf dem natürliciien ^Ve^(• allmählicher liubildung 
langsam entwickelt haben. Obwohl diese Eutwickelungs- 
Theorie schon im Anl'anue unseics .lahrlniiulerls vun vei'schiedenen 
grossen TSaturforschern, insb<'son(lere vun !,am a i-ek ') und (ntethe'^) 
aufgestellt und vertheidiyt wurde, hat sie doch erst im .Jahre 
1859 durch Darwin ihre vollständiiie Auslnldunu uiul ihre ui'- 
sächliche Begründung erfahren. Dies ist der (irund, weshalb sie 
oft ausscldiesslich (obwohl nicht yanz liditig) als Darwins 
Theorie bezeichnet wi)-d. 

Der uuschätzl>are Werth dei- Abstammungs- Lehre erscheint 
in verschiedenem f/ichte. je nachdem Sie bloss deren nähere 
Bedeutung für die organische Natui'wissenschaft. oder aber ihren 
weiteren Einlluss auf die gesaramte AVelterkenntniss des ]\Ien- 
schen in Betracht ziehen. Die organische Naturwissenschaft oder 
die Biologie, welche als Zoologie die 'i'hiei'e. als Botanik 
die Pflanzen zum (Jegeustand ihrer Erkenntniss hat, wird durch 
die Abstammuugs-Lehre von Grund aus umgestaltet. Denn durch 



J. Bedeutung der Abstammungsi-Lehic für die Biologie. 5 

die DescoiKlcnz-'riicoric lernen wir die wahren wirkenden Ur- 
sachen der organischen Form-Erscheinungen erkennen, während 
die bisherige Thier- und {Pflanzenkunde sich iiberwdegend mit der 
Kenntniss ihrer Thatsachen beschäftigte. Man kann daher auch 
die Abstamniungs Lehre als die mechanische Erklärung der 
organischen Forni-p]rscheinungen oder als „die Lehre von 
den wahren Ursachen in der organischen iS'atui" bezeichnen'^). 

])a ich nicht voraussetzen kann, dass Ihnen Allen die Aus- 
drücke „organische und anorgische Natur" geläufig sind, 
und da uns die Gegenüberstellung dieser beiderlei Naturkörper 
in der Folge noch vielfach beschäftigen wird, so niuss ich ein 
paar Worte zur Veiständigung darüber vorausschicken. Orga- 
nismen oder organische Naturkörper nennen wir alle 
Lebewesen oder belebten Köiper, also alle Pflanzen und Thiere, 
den Menschen mit inl)egrifli"en. weil bei ilmen fast immer eine 
Zusammensetzung aus verschiedenartigen Theilen (Werkzeugen 
oder „Organen") nachzuweisen ist: diese Orgaue müssen zu- 
sammenwirken, um die Lebenserscheinungen hervorzubringen. 
Eine solche Zusammensetzung vermissen wir dagegen bei den 
Anorganen oder anoj'gischeu Naturkürpern, den sogenann- 
ten todten oder unbelebten Körpern, den Minerallen oder Gesteinen, 
dem ^^ asser, der atmosphärischen Luft u. s. w. Die Organismen 
enthalten stets eiweissartige Kohlenstoff-^'erbindungen in weichem 
oder „festflüssigem" Zustande, während iliese den Anorganen 
stets fehlen. Auf diesem wichtigen Unterschiede beruht die Eiu- 
theilung der gesammten Naturwissenschaft in zwei grosse Haupt- 
Abtheilungen, in die Biologie oder Wissenschaft von den 
Organismen (Anthropologie, Zoologie und Botanik) und die Au- 
orgologie oder Abiologie, die Wissenschaft von den Anorganen 
(Mineralogie. Geologie, Meteorologie u. s. w.). 

Die unvergleichliche Bedeutung der Abstamniungs -Lehre für 
die Biologie liegt also vorzugsweise darin, dass sie uns die Ent- 
stehung dev organischen Formen auf mechanischem Wege erklärt 
und deren wirkende Lh'sachen nachweist. So hoch man aber 
auch mit Recht dieses Verdienst der Descendenz- Theorie an- 
schlagen mag, so tj'itt dasselbe doch fast zurück vor der unermess- 



(5 Bedeutung der Aljstuniinungs-Lehie für die Anthropologie. J. 

liehen Wichtigkeit, welche eine einzige nothvvenclige Folgerung 
derselben für sich allein in Anspruch nimmt. Diese unverjneid- 
licho Folgerung ist die Lehre von dei- thieri sehen Ab- 
stammung des Menschengeschlechts. 

Die Bestimmung der Stellung des Menschen in der Natur 
und seiner Beziehungen zur Gesanimtlieit der Dinge, diese Frage 
aller Fragen für die Menschheit, wie sie Jluxley") mit Recht 
nennt, wird durch jene Erkenntniss der thierischen Abstammung 
des Menschengeschlechts endgültig gelöst. Wir gelangen also 
durch den Transformismus oder die ])escendenz- Theorie zum 
ersten Male in die Lage, eine natürliche Entwickelungs- 
(leschichte des Menschengeschlechts wissenschaftlich begrün- 
den zu können. Sowohl alle Vertheidiger, als alle denkenden 
Gegner Darwins haben anerkannt, dass die Abstammung des 
Menschengeschlechts zunächst von alfenartigen Säugethieren, wei- 
terhin aber von niederen Wirlielthieren, mit Nothwendigkeit aus 
seiner Theorie folgt. 

Allerdings hat Darwin diese wichtigste von allen Folgerun- 
gen seiner Lehre nicht sofort selbst ausgesprochen. In seinem 
Werke „ von der Entstehung der Arten " ist die thierisehe Ab- 
stammung des Menschen nicht erörtert. Der eben so vorsichtige 
als kühne Naturforscher ging damals absichtlich mit Stillschweigen 
darüber hinweg, weil er voraussah, dass dieser bedeutendste von 
allen Folgeschlüssen der Abstammungs-Lehre zugleich das grösste 
Hinderniss für die A^erbreitung und Anerkennung derselben sein 
werde. (Jewiss hätte Darwins Buch von Anfang an noch weit 
mehr Widerspruch und Aergerniss erregt, wenn sogleich diese 
wichtigste Consequenz darin klar ausgesprochen worden wäre. 
Erst zwölf Jahre später, in dem 1871 erschienenen Werke über 
,,die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zucht- 
wahl"**) hat Darwin jenen weitreichendsten Folgeschluss offen 
anerkannt und ausdrücklich seine volle Uebereinstimmung mit 
den Naturforschern erklärt, welche denselben inzwischen schon 
selbst gezogen hatten. Oftenbar ist die Tragweite dieser Folge- 
rung ganz unermesslich, und keine Wissenschaft wird sich den 
Consequenzen derselben entziehen können. Die Anthropologie 



I. Die Ah.>t;uiimiiiig'.s-Lelire als naiüi liehe Srlii'i]iruiig's-Ot'.SL'liichtP. 7 

(»dc]- die Wissenschaft vom Mcnschcii, uud iu FoliiC dessen auch 
die ganze JMiilosoplii e wird iu allen einzelnen Zweigen dadurch 
vuii Grund aus uuigestaltet. 

Es wird erst die spätere Aul'gal)e nicinei' \'()r1r;ige sein, 
diesen besonderen Punkt zu ei'örtei'u. Ich werde die Lehre wn 
der thierischen Abstammung des Menschen erst behandeln, nach- 
dem ich Ihnen Darwins 'J'heorie in ihrer allgemeinen IBcgrün- 
dung und Bedeutung vorgetragen habe. Um es mit einem Satze 
auszudrücken, so ist jene bedeutungsvolle, al)er die meisten 
Menschen von vorn herein abstossende Folgerung nichts weiter 
als ein besonderer Deductions-Schluss. den wir aus dem sicher 
begründeten allgemeinen Inductions-Gesetzc der Descendenz-Theorie 
nach den strengen Geboten der unerbittlichen Logik nothwendig 
ziehen müssen. 

Vielleicht ist nichts geeigneter, Ihnen die ganze und volle 
Ikdeutung der Abstammungs-Lehre mit zwei Worten klar zu 
machen, als die Bezeichnung derselben mit dem Ausdruck: 
„Natürliche Schöpfungs-Geschichte". Ich habe daher auch 
selbst diese Bezeichnung l'iii' die iolgenden Vorträge gewählt. 
Jedoch ist dieselbe nur in einem gewissen Sinne richtig; denn 
streng genommen schliesst der Ausdi'uck „natürliche Schöpi'ungs- 
Geschichte" einen inneren ^Viderspruch, eine contradictio iu ad- 
jecto ein. 

Lassen Sie uns, um dies zu verstehen, einen Augenblick 
den zweideutigen Begriff der Schöpfung etwas näher ins Auge 
fassen, ^\'enn man unter Schöpfung die Entstehung eines 
Körpers durch eine schaffende Gewalt oder Kraft versteht, so 
kann man dabei entweder au die Entstehung seines Stoffes 
(der körperlichen Materie) oder an die Entstehung seiner Form 
(der körperlichen Gestalt) denken. 

Die Schöpfung im ersteren Sinne, als die Entstehung der 
Materie, geht uns hier gai' nichts an. Dieser Vorgang, weini 
er übei-haupt jemals stattgefunden hat, ist gänzlich dei- mensch- 
lichen Erkenntniss entzogen; er kann daher auch niemals Gegen- 
stand naturwissenschaftlicher Erforschung sein. Die Naturwissen- 
schaft hält die Materie für ewig und unvergänglich, weil durch 



8 Begriff der Schöpfung. Wissen und Glauben. I. 

die Erfahrimg noch niemals das Entstehen oder Vergehen auch 
nur des kleinsten Theilchens der Materie nachgewiesen worden 
ist. Da wo ein Naturkörper zu verschwinden scheint, wie z. B. 
beim Verbrennen, beim Verwesen, beim Verdunsten u. s. w., da 
ändert er nur seine Form, seinen physikalischen Aggregatzustand 
oder seine chemische Verbindungsweise. Ebenso beruht die Ent- 
stehung eines neuen Naturkörpers, z. B. eines Krystalles, eines 
Pilzes, eines Infusoriums, nur darauf, dass verschiedene Stofftheil- 
chen, welche vorher in einer gewissen Form oder Verbiudungs- 
weise existirten, in Folge von veränderten Existenz-Bedingungen 
eine neue Form oder Verbindungsweise annehmen. Aber noch 
niemals ist der Fall beobachtet worden, dass auch nui- das kleinste 
StofFtheilchen aus der Welt ver.«<chwunden, oder nur ein Atom zu 
der bereits vorhandenen Masse hinzugekommen wäre. Der Natur- 
forscher kann sicii daher ein Entstehen der Materie eben so wenig 
als ein Vergehen derselben vorstellen: er betrachtet die in der 
Welt bestehende Quantität der Materie als eine gegebene feste 
Thatsache. Fühlt Jemand das Bediirfniss, sich die Entstehung 
dieser Materie als die Wirkung einer übernatürlichen Schöpfungs- 
thätigkeit, einer ausserhalb der Materie stehenden schöpferischen 
Kraft vorzustellen, so haben wir nichts dagegen. Aber wir müssen 
bemerken, dass damit auch nicht das Geringste für eine wissen- 
schaftliche Naturkenntniss gewonnen ist. Eine solche Vorstellung 
von einer immateriellen Kraft, welche die ^laterie erst schafft, 
ist ein Glaubensartikel, welcher mit der menschlichen Wissenschaft 
gar nichts /.n thun hat. Wo der Glaube anfängt, hört die 
Wissenschaft auf. Beide Thätigkeiten des menschlichen Geistes 
sind scharf von einander zu halten. Der Glaube hat seinen Ur- 
sprung in der dichtenden Einbildungskraft, das AVissen dagegen 
in dem erkennenden Verstände des Menschen. Die Wissenschaft 
hat die segenbringeuden Früchte von dem Baume der Erkenntniss 
zu pflücken, unbekümmert darum, ob dadurch die dichterischen 
Einbildungen der Glaubenschaft beeinträchtig werden, oder nicht. 
Wenn also die Naturwissenschaft sich die „natürliche Schöp- 
fungs-Geschichte" zu ihrer höchsten, schwersten und lohnendsten 
Aufgabe macht, so kann sie den Begriff der Schöpfung nur in der 



J Schöpfuiigs-Ge&chichte und Eutwickelungs -Geschichte. 9 

zweiten, oben angeiiihrteji Bedeutung vor.stcben, als die Entstehung 
der Form der Naturkörper. In diesem Sinne kann man die 
(leologic die Scliöpfungs- Geschichte der Erde nennen; denn sie 
sucht die Entstehung der geformten anorgischon Erdoberfläche und 
die maniiichfaltlgen geschichtlichen Veränderungen in der Gestalt 
der festen Erdrinde zu erforschen. Ebenso kann man die Eut- 
wickelungs -Geschichte der Thiere und Pflanzen, welche die Ent- 
stehung der belebton Formen und den mannichfaltigen historischen 
Wechsel der thierischen und pflanzlichen Gestalten untersucht, 
die Schöpfungs-tJeschichte der Organismen nennen. Da jedoch 
in den Begritt" der Schöpfung .sich immer leicht die unwissen- 
schaftliche Vorstellung von einem ausserhalb der Materie stehenden 
und dieselbe umbildenden Schöpfer einschleicht, so wird es in 
Zukunft wohl besser sein, denselben durch die strengere Bezeich- 
nung der Entwickelung zu ersetzen. 

Der hohe Werth, welchen die Entwickelungs-Geschichte 
für das wissenschaftliche Verständniss der Thier- und Pflanzen- 
formeu besitzt, ist seit einem halben Jahrhundert so allgemein 
anerkannt, dass man ohne sie keinen sicheren Schritt in der or- 
ganischen Morphologie oder Formenlehre thun kann. Jedoch hat 
man fast immer unter Entwickelungs-Geschichte nur einen Theil 
dieser Wissenschaft, nämlich diejenige der organischen Individuen 
oder Einzelwesen verstanden, die sogenannte Embryologie, rich- 
tiger und umfassender Ontogenie genannt''). Ausser dieser giebt 
es aber auch noch eine Entwickelungs-Geschichte der organischen 
Arten, Classen und Stämme (Phylen); und diese steht zu der 
ersteren in den wichtigsten Beziehungen. Das Material dafür lie- 
fert die Versteinerungs- Kunde oder Paläontologie. Diese lehrt 
uns, dass jedes organische Phylum, jeder Stamm des Thier- und 
Pflanzenreichs, während der verschiedenen Perioden der Erd- 
Geschichte durch eine Reihe von ganz verschiedenen Classen und 
Arten vertreten wird. So ist z. B. der Stamm der ^Virbelthiere 
durch die Classen der Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und 
Säugethiere vertreten und jede dieser Classen zu verschiedenen 
Zeiten durch ganz verschiedene Arten. Diese paläontologische 
Entwickelungs-Geschichte der Organismen kann man als Stammes- 



10 ludividutllfj uüi.l palaontologir>che Eutwii-kelungs-Geschiclite. I. 

Geschichte oder Phylogeiiie bezeichuen: sie steht in den wich- 
tigsten und merkwürdigsten Beziehungen zu dem andern Zweige 
der organisclien Entwickelunus-Geschichte, zur Keimes-Geschichte 
oder Ontogenie. Die letztere Üiult der ersteren im Grossen und 
Ganzen paraHel. Um es kurz juit einem Satze zu sagen, so ist 
die individuelle Entwickelungs-Geschichte eine schnelle, durch die 
Gesetze der Vererbung und Anpassung bedingte Wiederholung der 
langsamen paläontologischen Entwickelungs-Geschichte: die Onto- 
genie ist ein kurzer Auszug oder eine Rekapitulation der Phylo- 
geiiie^). 

Da ich Ihnen dieses höchst interossanti' und l)edeutsamc Na- 
turgesetz später noch ausführlicher zu erläutern habe, so wollen 
wir uns hier nicht weiter dabei authalten. Nur sei bemerkt, dass 
dasselbe einziu und allein durch die Abstammuugs-Lehre erklärt 
und in seinen Ursachen verstanden wird: ohne dieselbe bleibt es 
ganz unverständllcli und unerklärlich. Die Descendeiiz- Theorie 
zeigt uns zugleich, warum überhaupt die einzelnen Thierc und 
Pflanzen sich entwickeln müssen, warum dieselben nicht gleich 
in fertiger und entwickelter Form ins l,ebt'n treten. Keine über- 
natürliche Schöpfungs-Geschichte vermag uns (bis grosse Rätlisel 
der organischen Eutwickeluug irgendwie zu erklären. Ebenso wie 
auf diese hochwichtige Frage giebt uns der Transform ismus auch 
auf alle andern allgemeinen biologischen Fragen befriedigende 
Antworten, und zwar sind diese Antworten rein mechanisch-cau- 
saler Natur: sie weisen lediglich natürliche, pliysikalisch-chemische 
Kräfte als die Ursachen von Erscheinungen nach, die man früher 
gewohnt war, der unmittelbaren Einwirkung übernatürlicher, schöp- 
ferischer Kräfte zuzuschreiben. Mithin entfernt der Transformis- 
mus aus allen Gebietstheilen der Botanik und Zoologie, und na- 
mentlich auch aus flem wichtigsten Theile der letzteren, aus der 
Anthropologie, den Wunderglauben: er lüftet den mystischen 
Schleier des AVunderbaren und Uebernatürlichen, mit welchem 
man bisher die verwickelten Erscheiuttugen dieser natürlichen Er- 
kenntniss-Gebiete zu verhüllen liebte. Das unklare Nebelbild 
mythologischer Dichtung kann vor dem klaren Sonnenlichte natur- 
wissenschaftlicher Erkenntniss nicht länger bestehen. 



]. Uudiuieutare uder uuzweckiniissigc Oijruiie. 1 | 

Vüu ganz be.soiulerem Interesse sind unter jenen hiologisclien 
Erscheinungen diejenigen, welche die gewöhnliche Annahme von 
der Entstehung eines jedes Organismus durch eine zweckmässig 
bauende Schöpierkraft widerlegen. ISichts hat in dieser lieziehung 
der früheren Naturforschung so grosse Schwierigkeiten verursacht, 
als die Deutung der sogenannten „rudimentären Organe", der- 
jenigen Theile im Thier- und Pflanzenkörper, welche eigentlich 
ohne Leistung, ohne physiologische Bedeutung, und dennoch for- 
mell vorhanden sind. Diese Theile verdienen das allerhöchste 
Interesse, obwohl die meisten Leute wenig oder nichts davon 
■wissen. Fast jeder höher entwickelte Organismus, fast jedes Thier 
und jede Pflanze, besitzt neben den scheinbar zweclmiässigen Ein- 
richtungen seiner Organisation andere Einrichtungen, die durchaus 
keinen Zweck, keine Function in dessen Leben haben können. 

Beispiele davon linden sich überall. Bei den Embryonen 
mancher Wiederkäuer, unter Andern bei unserem gewöhnlichen 
Rindvieh, stehen Schneidezähne im Zwischenkiefer der oberen 
Kinnlade, welche niemals zum Durchbruch gelangen, also auch 
keinen Zweck haben. Die Embryonen mancher AV^allischo, welche 
späterhin die bekannten Barten statt der Zähne besitzen, tragen, 
so lange sie noch nicht geboren sind und keine Nahrung zu sich 
nehmen, dennoch Zähne in ihren Kielern; auch dieses Gebiss tritt 
niemals in Thätigkeit. Ferner besitzen die meisten höheren Thiere 
Muskeln, die nie zur Anwendung kommen; selbst der Mensch 
besitzt solche rudimentäre Muskeln. Die Meisten von uns sind 
nicht iähig, ihre Ohren willkürlich zu bewegen, obwohl die Mus- 
keln für diese Bewegung vorhanden sind; aber einzelnen Personen, 
die sich andauernd Mühe geben diese Muskeln zu üben, ist es in 
der That gelungen, ihre Ohren wieder in Bewegung zu setzen. 
In diesen noch jetzt vorhandenen, aber verkümmerten Organen, 
welche dem vollständigen Verschwinden entgegen gehen, ist es 
noch möglich, durch besondere Uebung, durch andauernden Ein- 
fluss der Willensthätigkeit des Nervensystems, die beinahe er- 
loschene Thätigkeit wieder zu beleben. Dagegen vermögen wir 
dies nicht mehr in den kleineu rudimentären Ohrmuskeln, welche 
noch am Knorpel unserer Ohrmuschel vorkommen; diese bleiben 



12 RudimeutHie oder tiuzweckmässige Organe. I. 

immer völlig wirkungslus. Bei uüsereii langöhrigen Vorfahren 
aus der Tertiärzeit, Allen. Halbaffen und Beutelthieren, welche 
gleich den meisten anderen Säugethieren ihre grosse Ohrmuschel 
frei und lebhaft bewegten, waren jene Muskeln viel stärker ent- 
wickelt und vun grosser Bedeutung. So haben in gleicher Weise 
auch viele Spielarten der Hunde und Kaninchen, deren wilde 
Aorfahren ihre steifen Ohren vielseitig bewegten, unter dem Ein- 
llusse des Culturlebens sich jenes „Ohrenspitzen" abgewöhnt; sie 
haben dadurch verkümmerte Ohrmuskeln und schlaff herabhän- 
gende Ohren bekommen. 

Auch noch an anderen Stellen seines Körpers besitzt der 
Mensch solche rudimentäre Organe, welche durchaus von keiner 
Bedeutung für das Leben sind und niemals functioniren. Eines 
der merkwürdigsten, obwohl unscheinbarsten Organe der Art ist 
die kleine halbmondförmige Falte, welche wir am inneren Winkel 
unseres Auges, nahe der Nasenwurzel i)esitzen. die sogenannte 
Plica semilunaiis. Diese unbedeutende llautlalte bietet für unser 
Auge gar keinen Nutzen: sie ist nur der ganz verkümmerte Rest 
eines dritten, inneren Augenlides, welches neben dem oberen und 
unteren Augcnlide bei anderen Säugethieren. bei Vögeln und Rep- 
tilien sehr entwickelt ist. .la sogar schon unsere uralten Vor- 
fahren aus der Silurzeit, die Urlische, scheinen ilies dritte Augenlid, 
die sogenannte Nickhaut, besessen zu haben. Denn viele von 
ihren nächsten Verwandten, die in wenig veränderter Form noch 
heute fortleben, viele Hailisclie nämlich, liesitzen eine sehr starke 
Nickhaut, und diese kann vom iinieren Augenwinkel her über 
den ganzen Augapfel hinübergezogen werden. 

Zu den schlagendsten Beispielen von rudimentären Organen 
gehören die Augen, welche nicht sehen. Solche finden sich bei 
sehi" vielen Thieren, welche im Dunkeln, z. U. in Höhlen, unter 
der Erde leljen. Die Augen sind liier oft wirklich in ausgebil- 
detem Zustande vorhanden; aber sie sind von dickei', undurch- 
sichtiger Haut bedeckt, so dass kein Lichtstrahl in sie hineinfallen 
kann, mithin können sie auch niemals sehen. Solche Augen 
ohne Gesichtsfunction besitzen z. B. mehrere Arten von unter- 
irdisch lebenden Maulwürfen und Blindmäusen, von Schlangen 



l Rudimentäre oder anzweckmässige Orgaue. 13 

und Eidechsen, von Ampliil)ien und Fischen; ferner zahlreiche 
wirbellose Thiere, die im Dunkeln ihr Leben zubrinjjen: viele 
K;it'er, Krebsthiere, Schnecken, Würmer u. s. \v. 

Eine Fülle der interessantesten Beispiele von rudimentären 
()riianen liefert die vergleichende Osteologie oder Skeletlehre der 
^Virl»elthiel•e, einer der anziehendsten Zweige der vergleichenden 
Anatomie. Hei den allermeisten Wirbelthieren finden wir zwei 
Paar (iliedmaassen am Rumpf, ein P;i;ii- Vordei'beinc und ein 
Paar Hinterbeine. Sehr häutig ist jedoch (bis eine oder (bis andere 
Paai' derselben verkümmert, seltener beide, wie bei den Schlangen 
und einigen aalartigen Fischen. Aber einige Schlangen, z. B. die 
Riesenschlangen (Boa., Python) haben hinten noch einige unnütze 
Knochenstückchen im Leibe, welche die Reste dei- verloren ge- 
gangenen Hinterbeine sind. Ebenso haben die walfischartigen 
Säugethiere (Cetaceen), welche mir entwickelte Vorderl)eine (Brust- 
flossen) l)esitzen, hinten im Fleische noch ein Paar ganz über- 
flüssige Knochen, die Ueberbleiiisel dei' verkümmerten Hinterbeine. 
Dasselbe gilt von vielen echten Fischen, l)ei denen in gleichei" 
AVeise die Hiuterlieine (Bauchflossen) verlm-en gegangen sind. 
Umgekehrt besitzen unsere Blindschleichen (Anguis) und einige 
andere Eidechsen inwendig ein vollständiges Schultej-gei'üst, ohwohl 
die Vorderbeine, zu deren Befestigung dassell)e dient, nicht mein- 
vorhanden sind. Ferner finden sich bei vei'schiedenen ^Virbel- 
thieren die einzelnen Knochen dei- beiden Heinpaare in allen 
verschiedenen Stufen der Verkümmerung, und oft die rückgebil- 
deten Knociien und die zugehöiigen Muskeln stückweise erhalten, 
ohne doch irgendwie eine Verrichtung ausführen zu können. Das 
Instrument ist wohl noch da, aber es kann nicht mehr spielen. 

Fast ganz allgemein linden Sie ferner rudimentäre Organe in 
den Pflanzenblüthen vor, indem der eine oder der andere Theil 
der männlichen F'oi'tpfhinzungs-Orgaiie (der Staubfäden und Staub- 
beutel), oder der weil)lichen I'^ortpllanzungs-Organe ((irifl'el, F"j-ucht- 
knoten u. s. w.) mehr ddei' weniger verkümmert oder „fehl- 
geschlagen" (abortii't) ist. Audi hiei' können Sie l)ei verschiedenen, 
nahe verwandten Pllanzenarten das Organ in allen (iraden der 
Rückbildung verfolgen. So z. B. ist die grosse natürliche Familie 



14 Rudimentäre oder unzweck massige Organe. I. 

der lippeiihlüthigeu Pflanzen (Labiaten), zu welcher Melisse, 
Pfeffermünze. Majoran, (Jundelrelje, Thymian ii. s. w. gehören, 
dadmrh ausgezcidmet, dass die rachenförmige zweilippige lilunien- 
krone zwei lange und zwei kurze Staubfäden enthält. Allein 
bei vielen einzelnen Pflanzen dieser Familie, z. B. bei verschie- 
denen Salbeiarten und beim Rosmarin, ist nur das eine Paar 
der StauV)fäden ausgel)ildet, und das andere Paar ist mehr oder 
weniger verkümmert, oft yanz versohwuntleii. Bisweilen sind die 
Staubfäden vorhanden, aber ohne Staubbeutel, so dass sie keinen 
Nutzen haben können. Seltener findet sich sogar noch das Rudi- 
ment oder der verkümmerte Rest eines fünften Staubfadens, ein 
physiologisch (für die Lel)ensverrichtung) ganz nutzloses, aber 
morphologisch (für die Erkenntniss der Form und der natürlicheii 
Verwandtschaft) äusserst werthvolles (h'gan. In meiner generellen 
Morphologie der Organismen^) halx' ich in dem Abschnitt von 
der „Unzweckjnässigkeits-Fehre oder Dysteleologie", noch eine 
grosse Anzahl von anderen Beispielen angeführt. 

Keine biologische Erscheinung hat wohl jemals die Zoologen 
uiul rxttaniker in grössere A^erlegeidieit versetzt als diese rudi- 
mentären odei- abortiven (verkümmerten) Organe. Es sind 
Werkzeuge ausser Dienst, Körpcrtheile, welche da sind, ohne 
etwas zu leisten, zweckmässig eingerichtet, ohne ihren Zweck in 
AVirklichkeit zu erfüllen. Wenn man die A^ersuche früherer 
Naturforscher zur Erklärung dieses Häthsels betrachtet, kann man 
sich in der That kaum eines Lächelns iiber ihre seltsamen Vor- 
stellungen erwehren. Ausser Stande, eine wirkliche Erklärung 
zu finden, kamen Einige z. B. zu dem Endresultate, dass der 
Schöpfer ,, der Symmetrie wegen'' diese Organe angelegt habe. 
iSach der Meinung Anderer musste es dem Schöpfer unpassend 
odei- unanständig erscheinen, dass diese Organe bei denjenigen 
Organismen, bei denen sie nicht leistungsfähig sind und ihrer 
ganzen Lebensweise nach nicht sein können, völlig fehlten, wäh- 
rend die nächsten \^erwandten sie besässen; und zum Ersatz füi- 
die mangelnde Function verlieh er ihnen wenigstens die äussere 
Ausstattung der leeren Form. Sind doch auch die uniformirten 
Oivilbeamten bei Hofe oft mit einem unschuldit'en Degen aus- 



J_ Verkümmerung der Organe diircli NichtgeKraucti. 15 

gestattet, den sie niemals aus der Scheide ziehen. leh glauije 
aber kaum, dass Sie von einer solchen Erkliinnig hetriedigt sein 
werden. 

Nun wii'd gerade diesi- allgemein vei-breitete und räthselhafte 
Erscheinung der rudimentären Organe, an welcher alle iilirigen 
Erklärungsversuche scheitern, vollkommen erklärt, und zwai- in 
der einfachsten und einleuchtendsten AVeise erkläit durch Dar- 
wins Theorie von der \'ererl)uij,u und von dei' Anpassung. 
Wir k(innen die wichtigen lleset/e dei' Vererbung und Anpassung 
an den llausthieren und Culturpllanzen, welche wir künstlich 
züchten, empirisch verfolgen, und es ist bereits eine Keihe solcher 
(lesetze festgestellt worden. Ohne jetzt auf diese einzugehen, will 
ich nur vorausschicken, dass einige davon auf mechanischem 
Wege die Entstehung der rudimentären Organe vollkommen er- 
kläien, so dass wir das Auftreten derselben als einen ganz 
natürlichen Process ansehen müssen, bedingt dui'ch den Nicht- 
Lieb rauch der Organe. Dui'ch Anpassung an besondere 
Lebensbedingungen sind di(^ Ji-üher thätigen und wirklich arbei- 
tenden Organe allmählich nicht mehr gebraucht worden und 
ausser Dienst getreten. In l'"ol,i>'(> der mangelnden l'eiuing siml 
sie mehr und mehr vei-kümmert, trotzdem alier immer noch durch 
Vererl)ung von einer (l(MU'i-ation auf die andere übertragen 
worden, bis sie endlich grösstentheils verschwanden, ^\'enn wii- 
nun annehmen, dass alle oben aniieführten \\ irbelthiere von 
einem einzigen gemeinsamen Stammvater al»stammeii, welcher 
zwei sehende Augen und zwei wohl entwickelte Heinpaai'e l>esass, 
so erklärt sich ganz einfach der veischiedene (Irad der Verküm- 
merung und Rückbildung dieser Organe bei solchen Nachkommen 
desselben, welche diese Theile nicht mehr gebi-auchen konnten. 
Ebenso erklärt sich vollständig der verschiedene Ausl)ildung.sgrad 
der ursprünglich (in der Blüthenknuspe) angelegten fünf Staub- 
fäden bei den Lippenblüthen, wenn wir annehmen, dass alle 
PHanzen dieser Familie V(tn eiiKMU gemeinsamen, mit l'ünf Staub- 
fäden ausgestatteten Stammvater alistammen. 

Ich hal)e Ihnen die Erschein un"i der rudimentären Organe 
schon jetzt etwas ausführlicher vm'gefiihit. weil tlieselbe von der 



16 Gegensatz der beiden grundverschiedenen Weltanschauungen. I. 

allergrössteu allgemeinen Bedeutung ist; denn sie führt uns auf 
die grossen, allgemeinen, tiefliegenden (Iruudfragen der Pliilosophie 
und der Naturwissenschaft hin, für deren Lösung die Descendenz- 
Theorie nunmehr der unentbehrliche Leitstern geworden ist. 
Sobald wir nämlich, dieser Theorie entsprechend, die ausschliess- 
liche Wirksamkeit physikalisch-chemischer L'rsachen ebenso in 
der lebenden (organischen) Körperwelt, wie in der sogenannten 
leblosen (anorgischen) Natur anerkennen, so räumen wir damit 
jener Weltanschauung die ausschlie.ssliche Herrschaft ein. welche 
man mit dem Namen der mechanischen bezeichnen kann, im 
Gegensatze zu der hergebrachten teleologischen Auflassung. 
Weiui Sie die Weltanschauungen der verschiedenen Völker und 
Zeiten mit einander vergleichend zusammenstellen, können Sie 
dieselben schliesslich alle in zwei gegenüberstehende Gruppen 
bringen: eine causa le oder mechanische und eine teleologische 
oder vital istische. Die letztere war in der Bioluüie bisher 
allgemein herrschend. IMaii sah danach das Thierreich und das 
Pflanzenreich als Productc einer zweckmässig wirkenden, schöpfe- 
rischen Thätigkeit an. Bei dem Anblick jedes Organismus schien 
sich zunächst unabweisiicli die Ueberzeugung aufzudrängen, dass 
eine so künstliche Maschine, ein so verwickelter Bewegungs- 
Apparat, wie es der Oi'ganismus ist. nui- durch eine zweckthätige 
Schöpferkraft hervorgebracht werden könne; durch eine Thätig- 
keit, welche analog, obwohl unendlich viel vollkommener ist, als 
die Thätigkeit des Menschen bei der Construction seiner Ma- 
schinen. Wie erhaben man auch die früheren Vorstellungen des 
Schöpfers und .seiner schöpferischen 'J'hätigkeit steigern, wie sehr 
man sie aller menschlichen Analogie entkleiden mag, so bleibt 
doch im letzten (rrunde bei der teleologischen Naturaufla.s.sung 
dieser Vergleich unabweisiicli und nothwendig. Man nuiss sich 
im Grunde dann immer den Schöpfer selbst als einen Organismus 
vorstellen, als ein Wesen, welches ähnlich dem ^len.schen, wenn 
auch in unendlich vollkommenerer Form, über seine bildende 
Thätigkeit nachdenkt, den Plan der Maschinen entwirft, und 
dann mittelst Anwendung geeigneter Materialien diese Maschinen 
zweckentsprechend ausführt. Alle diese Vorstellungen leiden 



I. Mechanische und teleologische Weltanschauung. 17 

nothwendig an der Gruiidschwäche des Anthropomorphismus 
oder der Vermeuschlichung. Stets werden dabei, wie hoch 
man sicli auch den Schöpfer vorstellen mag, demselben die 
menschlichen Eigenschaften beigelegt, einen Plan zu entwerfen und 
danach den Organismus zweckmässig zu coustruiren. Das wird 
auch von derjenigen Schule, welche Darwins Lehre am schroff- 
sten gegenüber steht, und welche unter den Naturforschern ihren 
bedeutendsten Vertreter in Louis Agassiz gefunden hat, ganz 
klar ausgesprochen. Das berühmte Werk von Agassiz, (Essay 
on Classification), welches dem Darwinschen Werke vollkommen 
entgegengesetzt ist und fast gleichzeitig erschien, hat ganz folge- 
richtig jene absurden authropomorphischen Vorstellungen vom 
Schöpfer bis zum höchsten Grade ausgebildet. 

Was nun überhaupt jene vielgerühmte Zweckmässigkeit 
in der Natur betrifft, so ist sie nur für Denjenigen vorhanden, 
welcher die Erscheinungen im Thier- und Pflanzenleben durch- 
aus oberflächlich betrachtet. Schon die rudimentären Organe 
mussten dieser beliebten Lehre einen harten Stoss versetzen. Jeder 
aber, der tiefer in die Organisation und Lebensweise der ver- 
schiedenen Thiere und Pflanzen eindringt, der sich mit der Wech- 
selwirkung der Lebenserscheinungen und der sogenannten „Oeco- 
nomie der Natur" vertrauter macht, muss sie nothwendig fallen 
lassen. Die vielgepriesene Weisheit und Zweckmässigkeit existirt 
eben so wenig, als die vielgerühmte „Allgüte des Schöpfers". 
Diese optimistischen Anschauungen haben leider eben so wenig 
wirkliche Begründung, als die beliebte Redensart von der „sitt- 
lichen Weltordnung", welche durch die ganze Völkergeschichte 
in ironischer Weise illustrirt wird. Im Mittelalter ist dafür die 
„sittliche" Herrschaft der christlichen Päpste und ihrer frommen, 
vom Blute zahlloser Menschenopfer dampfenden Inquisition nicht 
weniger bezeichnend, als in der Gegenwart der herrschende Mili- 
tarismus mit seinem „sittlichen" Apparate von Zündnadeln und 
anderen raffinirten Mordwaft'en; oder der I^auperismus als untrenn- 
barer Anhang unserer verfeinerten Cultur. 

Wenn Sie das Zusammenleben und die gegenseitigen Bezie- 
hungen der Pflanzen und der Thiere (mit Inbegriff der Men- 

Haeckel, Natiirl. Schopfunf;s-Gescli. 8. AiiH. 2 



IP, Unzweckmässigkeit und Unfriede in der Natur. J. 

sehen) näher betrachten, so finden sie überall und zu jeder Zeit 
das Gegeutheil von jenem gemüthlichen und friedlichen Beisam- 
mensein, welches die Güte des Schöpfers den Geschöpfen hätte 
bereiten müssen; vielmehr sehen Sie überall einen schonungslosen, 
iiöchst erbitterten Kampf Aller gegen Alle. Nirgends in der 
Natur, wohin Sie auch Ihre Blicke lenken mögen, ist jener idyl- 
lische, von den Dichtern besungene Friede vorhanden, — viel- 
mehr überall Kampf, Streben nach Selbsterhaltung, nach Vernich- 
tung der directen Gegner und nach Vernichtung des Nächsten. 
Leidenschaft und Selbstsucht, bewusst oder unbewusst, bleibt über- 
all die Triebfeder des Lebens. Das bekannte Dichterwort: 

„Die Natur ist vollkommen überall. 

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Quah 

ist schön, aber leider nicht wahr. Vielmehr bildet auch in dieser 
Beziehung der Mensch keine Ausnahme von der übrigen Thier- 
welt. Die Betrachtungen, welche wir bei der Lehre vom „Kampf 
um's Dasein" anzustellen haben, werden diese Behauptung zur 
Genüge rechtfertigen. Darwin hat gerade dieses wichtige Ver- 
hältniss in seiner hohen und allgemeinen Bedeutung uns erst 
recht klar vor Augen gestellt, und derjenige Abschnitt seiner 
Lehre, welchen er selbst den „Kampf um's Dasein" nennt, ist 
einer ihrer wichtigsten Theile. 

Wenn wir also jener vitalistischen oder teleologischen Be- 
trachtung der lebendigen Natur, welche die Thier- und Pflanzen- 
formen als Producte eines gütigen und weisen Schöpfers oder 
einer zweckmässig thätigen schöpferischen Naturkraft ansieht, 
durchaus entgegenzutreten gezwungen sind, so müssen wir uns 
entschieden jene Weltanschauung aneignen, welche man die 
mechanische oder causale nennt. Man kann sie auch als 
die monistische oder einheitliche bezeichnen, im Gegensatz 
zu der zwiespältigen oder dualistischen An.schauung, welche 
in jener teleologischen Weltauffassung nothwendig enthalten ist. 
Die mechanische Naturbetrachtung ist seit Jahrzehnten auf ge- 
wissen Gebieten der Naturwissenschaft so sehr eingebürgert, dass 
hier über die entgegengesetzte kein Wort mehr verloren wird. 
Es fällt keinem Physiker oder Chemiker, keinem Mineralogen oder 



I, Monistische Aiiorgologie und dualistische Biologie. 19 

Astronomen mehr ein, in den Erscheinungen, welche ihm auf 
seinem wissen.schaftlichen Gebiete fortwährend vor Augen kom- 
men, die Wirksamkeit eines zweckmässig thätigen Schöpfers zu 
erblicken oder aufzusuclien. Man betrachtet jene Erscheinungen 
vielmehr allgemein und ohne Widerspruch als die nothwendigen 
und unabänderlichen Wirkungen der physikalischen und chemi- 
schen Kräfte, welche an dem Stoffe oder der Materie haften; und 
insofern ist diese Anschauung rein „materialistisch", in einem 
gewissen Sinne dieses vieldeutigen Wortes. Wenn der Physiker 
die Bewegungserscheinungen der Electricität oder des Magnetis- 
mus, den Fall eines Körpers oder die Schwingungen der Licht- 
wellen zu erklären sucht, so ist er bei dieser Arbeit durchaus 
davon entfernt, das Eingreifen einer übernatürlichen schöpferischen 
Kraft anzunehmen. In dieser Beziehung befand sich bisher die 
Biologie, als die Wissenschaft von den sogenannten „belebten" 
Naturkörpern, in vollem Gegensatz zu jenen vorher genannten 
anorgischen Naturwissenschaften (der Anorgologie). Zwar hat die 
neuere Physiologie, die Lehre von den Bewegungserscheinungeu 
im Thier- und Pflanzenkörper, den mechanischen Standpunkt der 
letzteren vollkommen angenommen; allein die Morphologie, die 
Wissenschaft von der Gestaltung der Thiere und Pflanzen, schien 
dadurch gar nicht berührt zu werden. Die Morphologen behan- 
delten nach wie vor, im Gegensatze zu jener mechanischen Be- 
trachtung der Leistungen, die Formen der Thiere und Pflanzen 
als Erscheinungen, die durchaus nicht mechanisch erklärbar seien, 
die vielmehr nothwendig einer höheren, übernatürlichen, zweck- 
mässig thätigen Schöpferkraft ihren Ursprung verdanken müssen. 
Dabei war es ganz gleichgültig, ob man diese Schöpferkraft als 
persönlichen Gott anbetete, oder ob man sie Lebenskraft (vis 
\dtalis) oder Endursache (causa finalis) nannte. Li allen Fällen 
flüchtete man hier, um es mit einem Worte zu sagen, zum Wun- 
der als der Erklärung. Man warf sich einer mystischen Glau- 
bensdichtung in die Arme, und verliess somit das sichere Gebiet 
( naturwissenschaftlicher Erkenntniss. 

Alles nun, was vor Darwin geschehen ist, um eine natür- 
liche, mechanische Auflassung von der Entstehung der Thier- und 

9 * 



20 Einheil der lebendigen und leblosen Natur. J. 

Pflanzenformen zu begründen, vermochte diese nicht zum Durch- 
bruch und zu allgemeiner Anerkennung zu bringen. Dies gelang 
erst Darwins Lehre, und hierin liegt ein unermessliches Ver- 
dienst derselben. Denn wir werden dadurch zu der Ueberzeu- 
gung von der Einheit der organischen und der anorgi- 
schen Natur geführt. Auch derjenige Theil der Naturwissen- 
schaft, welcher bisher am längsten und am hartniickigsten sich 
einer mechanischen Auffassung und Erklärung widersetzte, die 
Lehre vom Bau der lebendigen Formen, von der Bedeutung und 
Entstehung derselben, wird dadurch mit allen übrigen naturwis- 
senschaftlichen Lehren auf einen und denselben Weg der Voll- 
endung gebracht. Die Einheit aller Naturerscheinungen wird 
dadurch endgültig festgestellt. 

Diese Einheit der ganzen Natur, die Beseelung aller Materie, 
die Untrennbarkeit der geistigen Kraft und des körperlichen Stof- 
fes hat Goethe mit den Worten behauptet: „die Materie kann 
nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiren und wirk- 
sam sein". Von den grossen monistischen Philosophen aller Zei- 
ten sind diese obersten Grundsätze der mechanischen Weltan- 
schauung vertreten worden. Schon Demokritos von Abdera, 
der unsterbliche Begründer der Atomenlehre, sprach dieselben 
fast ein halbes Jahrtausend vor Christus klar aus, ganz vorzüg- 
lich aber der erhabene Spinoza und der grosse Dominikaner- 
mönch Giordano Bruno. Der letztere wurde dafür am 17. Fe- 
bruar 1600 in Rom von der christlichen Inquisition auf dem 
Scheiterhaufen verbrannt, an demselben Tage, an welchem 36 Jahre 
früher sein grosser Landsmann und Kampfgeno.sse Galilei ge- 
boren wurde. Auf dem Campo di Fiori in Rom, wo jener Schei- 
terhaufen stand, hat kürzlich das freie neuerstandene Italien dem 
grossen monistischen Märtyrer ein Denkmal enthüllt (am 9. Juni 
1889); ein beredtes Zeichen des gewaltigen Umschwungs der Zeit! 

Durch die Descendenz-Theorie Avird es uns zum erstenmal 
möglich, die monistische Lehre von der Einheit der Natur fest 
zu begründen; danach bietet eine mechanisch -causale Erklärung 
auch der verwickeltsten organischen Erscheinungen, z. B. der Ent- 
stehung und Einrichtung der Sinnesorgane, in der That nicht 



I. KiKla'ultige Begn'iiulung- der inoiiistischen Auffassung. 21 

mehr priiifipiellc Schwierigkeiten ]'ür das allgemeiue Verständiu.ss, 
als die mechanische Erklärung irgend welcher physikalischen 
Processe, wie z. B. der Erdbeben, des Erd- Magnetismus, der 
Meeres - Strömungen u. s. w. Wir gelangen dadurch zu der 
äusserst wichtigen Ueberzeugung, dass alle Naturkörper, die 
wir kennen, gl eich massig belebt sind, dass der Gegensatz, 
welchen man zwischen lebendiger und todter Körperwelt auf- 
stellte, im Grunde nicht existirt. Wenn ein Stein, frei in die 
Luft geworfen, nach bestimmten Gesetzen zur Erde fällt, oder 
wenn in einer Salzlösung sich ein Krystall bildet, oder wenn 
Schwefel und Quecksilber sich zu Zinnober verbinden, so sind 
diese Erscheinungen nicht mehr und nicht minder mechanische 
Lebens-Erscheinungen, als das Wachsthum und das Blühen der 
Pflanzen, als die Fortpflanzung und die Sinnesthätigkeit der 
Thiere, als die Empflndung und die Gedankenbildung des Men- 
schen. Die Naturkräfte treten dabei nur in verschiedenen Ver- 
bindungen und Formen auf, bald einfaclier, bald zusammenge- 
setzter. Gelnindene Spannkräfte werden frei und gehen in leben- 
dige Kräfte über, oder umgekehrt. In dieser Herstellung der 
einheitlichen oder monistischen Naturauffassung liegt das 
höchste und allgemeinste Verdienst unserer neuen, die Krone der 
heutigen Naturwissenschaft bildenden Entwickelungs-Lehre. 



Zweiter Vortrag. 

TVissenschaftliclie Berechtigung der Descendenz- Theorie. 
Scliöpfimgs- Geschichte nach Linn^. 



Die Abstammungslehre oder Descendeuz-Theorie als die einheitliche 
Erklärung der organischen Natur- Erscheinungen durch natürliche wirkende 
Ursachen. Vergleicliung derselben mit Newtons Gravitations-Theorie. Grenzen 
der wissenschafllichen Erklärung und der menschlichen Erkenntniss überhaupt. 
Alle Erkenntniss ursprünglich durch sinnliche Erfahrung bedingt, aposteriori. 
Uebergang der aposteriorischen Erkenntnisse durch Vererbung in apriorische 
Erkenntnisse. Gegensatz der übernatürlichen Schöpfungs- Geschichten von 
Linne, Cuvier, Agassiz, und der natürlichen Entwickelungs-Theorieii von 
Lamarck, Goethe, Darwin. Zusammenhang der ersteren mit der monistischen 
(mechanischen), der letzteren mit der dualistischen (teleologischen) Welt- 
anschauung. Monismus und Materialismus. Wissenschaftlicher und sittlicher 
Materialismus. Schöpfungs-Geschichte des Moses. Linne als Begründer der 
systematischen Naturbeschreibung und Artunterscheidung. Linnes Classifi- 
cation und l)inäre Nomenclatur. Bedeutung des Species-Begriffs bei Linne. 
Seine Schöpfungs -Geschichte. Linnes Ansicht von der Entstehung der 
Arten. 

Meine Herreu! Der Werth einer jeden naturwissenschaft- 
lichen Theorie wird sowohl durch die Anzahl und das Gewicht 
der zu erklärenden Gegenstände gemessen, als auch durch die 
Einfachheit und Allgemeinheit der bewirkenden Ursachen oder 
der wahren Erklärungsgriinde. Je grösser einerseits die Anzahl, 
je wichtiger die Bedeutung der durch die Theorie zu erklärenden 
Erscheinungen ist, und je einfacher andrerseits, je allgemeiner 
die Ursachen sind, welche die Theorie zur Erklärung in Anspruch 
nimmt, desto höher ist ihr wissenschaftlicher Werth, desto sicherer 
bedienen wir uns ihrer Leitung, desto mehr sind wir verpflichtet 
zu ihrer Annahme. 



IJ. Vergleichung von Darwins und Newtons Theorie. 23 

Denken Sie z. B. an diejenige Theorie, welche bisher als 
der grösste Erwerb des menschlichen Geistes galt, an die Gra- 
vitationstheorie, welche der Engländer Newton vor 200 Jahren 
in seinen matliematischen Principien der Naturphilosophie be- 
gi'iindete. Hier finden Sie das zu erklärende Object so gross ge- 
nommen als Sie es nur denken können. Er unternahm es, die 
Bewegungs-Erscheinungeu der Planeten und den Bau des Weltge- 
bäiides auf mathematische Gesetze zurückzuführen. Als die höchst 
einfache Ursache dieser verwickelten Bewegungs-Erscheinungen be- 
gründete Newton das Gesetz der Schwere oder der Massenan- 
ziehung, dasselbe, welches die Ursache des Falles der Körper, 
der Adhäsion, der Cohäsion und vieler anderen Erscheinun- 
gen ist. 

Wenn Sie nun den gleichen Massstab an die Theorie Dar- 
wins anlegen, so müssen Sie zu dem Schluss kommen, dass diese 
ebenfalls zu den grössten Eroberungen des menschlichen Geistes 
gehört, und dass sie sich unmittelbar neben die Gravitations- 
Theorie Newtons stellen kann. Vielleicht erscheint Ihnen dieser 
Ausspruch übertrieben oder wenigstens sehr gewagt; ich hoffe 
Sie aber im Verlauf dieser Vorträge zu überzeugen, dass diese 
Schätzung nicht zu hoch gegriffen ist. In der vorigen Stunde 
wurden bereits einige der wichtigsten und allgemeinsten Erschei- 
nungen aus der organischen Natur namhaft gemacht, welche durch 
Darwins Theorie erklärt werden. Dahin gehören vor Allen die 
Formveränderungen bei der individuellen Entwickelung der 
Organismen, äusserst mannichfaltige und verwickelte Erschei- 
nungen, welche bisher einer mechanischen Erklärung, d. h. einer 
Zurückführung auf wirkende Ursachen die grössten Schwierigkei- 
ten in den Weg legten. Wir haben die rudimentären Organe 
erwähnt, jene ausserordentlich merkwürdigen Einrichtungen in 
den Thier- und Pflanzenkörpern, welche keinen Zweck haben, 
welche jede teleologische, jede nach einem Endzweck des Organis- 
mus suchende Erklärung vollständig widerlegen. Es Hesse sich 
noch eine grosse Anzahl von anderen Erscheinungen anführen, 
die nicht minder wichtig sind, die bisher nicht minder räthsel- 
haft ersclüenen, und die in der einfachsten Weise durch die von 



24 Erklärungsgebiet der Desceiuleriz-Theorie. JJ. 

Darwin reformirteAbstammungs-Lelire erklärt werden. Ich er- 
wähne vorläufig noch die Erscheinungen, welche uns die geo- 
graphische Verbreitung der Thier- und Pflanzenarten 
auf der Oberfläche unseres Planeten, sowie die geologische Ver- 
theilung der ausgestorbenen und versteinerten Organis- 
men in den verschiedenen Schichten der Erdrinde darbietet. 
Auch diese wichtigen paläontologisclien und geographischen Ge- 
setzte, welche wir bisher nur als Thatsachen kannten, werden 
durch die Abstammungslehre in ihren wirkenden Ursachen er- 
kannt. Dasselbe gilt ferner von allen allgemeinen Gesetzen der 
vergleichenden Anatomie, insbesondere von dem grossen Ge- 
setze der Arbeitstheilung oder Sonderung (Polymorphis- 
mus oder Differenzii-ung); dieses Gesetz ist ebenso in der ganzen 
menschlichen Gesellschaft, wie in (kn* Organisation des einzelnen 
Thier- und Pllanzenkörpers die wichtigste gestaltende Ursache, 
diejenige Ursache, welche ebenso eine immer grössere Mannich- 
faltigkeit, wie eine fortschreitende Entwickelung der organischen 
Formen bedingt. In gleicher Weise, wie dieses bisher nur als 
Thatsachc erkannte Gesetz der Arbeitstheilung, wird auch das 
Gesetz der fortschreitenden Entwickelung oder da.s Gesetz 
des Fortschritts, welches .wir ebenso in der Geschichte der Völ- 
ker, wie in der Geschichte der Thiere und Pflanzen überall wir- 
ken sehen, in seinem Ursprung durch die Abstammungs-Lehre er- 
klärt. Und wenn Sie endlich Ihre Blicke auf das grosse Ganze 
der organischen Natur richten, wenn Sie vergleichend alle grossen 
Erscheinungsgruppen dieses ungeheuren Lebensgebietes zusammen- 
fassen, so stellt sich Ihnen dasselbe im LicJite der Abstammungs- 
Lehre nicht mehr als das künstlich ausgedachte AVerk eines plan- 
mässig bauenden Schöpfers dar, sondern als die nothwendige 
Folge wirkender Ursachen, welche in der chemischen Zusammen- 
setzung der Materie selbst und in ihren physikalischen Eigen- 
schaften liegen. 

Man kann also im weitesten L^mfang behaupten (und ich 
hoffe diese Behauptung im Verlaufe meiner Vorträge zu recht- 
fertigen), dass die Al)stammungs-Lehre uns zum ersten Male in die 
Lage versetzt, die Gesammtheit aller organischen Naturerschei- 



JJ_ Krkliiruugsgriinde der I)escendeuz- Theorie. 25 

imn.ü'en auf ein eiiizi.ues Gesetz zuriickzuführeu, eine einzige wir- 
kende Ursache für das unendlich verwickelte Getriebe dieser gan- 
zen reichen Erscheinungswclt aufzufinden. In dieser Beziehung 
stellt sie sich ebenbürtig Newtons Gravitations-Theorie an die 
Seite; ja sie erhebt sich vielleicht noch über dieselbe! 

Aber auch die Erkliirungsgründe sind hier nicht minder ein- 
fach, wie dort. Es sind nicht neue, bisher unbekannte Eigen- 
schaften des Stoft'es, welche Darwin zur Erklärung dieser höchst 
verwickelten Erscheinungswelt herbeizieht; es sind nicht etwa 
Entdeckungen neuer Verbindungs-V^erhältnisse der Materie, oder 
neuer Organisationskräfte derselben; sondern es ist lediglich die 
ausserordentlich geistvolle Verbindung, die synthetische Zusam- 
menfassung und denkende Yergleichung einer Anzahl längst be- 
kannter Thatsachen, durch welche er das „heilige Räthsel" der 
lebendigen Formenwelt löst. Die erste Rolle spielt dabei die Er- 
wägung der Wechselbeziehungen, welche zwischen zwei allgemei- 
nen Lebensthätigkeiten der Organismen bestehen, den Functionen 
der A^er erbung und der Anpassung. Lediglich durch Erwä- 
gung des AV^echselverhältnisses zwischen diesen beiden Lebens- 
thätigkeiten oder physiologischen Functionen der Organismen, 
sowie ferner durch Erwägung der gegenseitigen Beziehungen, welche 
alle an einem und demselben Orte zusammenlebenden Thiere und 
Pflanzen nothAvendig zu einander liesitzen — lediglich durch 
richtige Würdigung dieser einfachen Thatsachen, und durch die 
geschickte Verbindung derselben ist es Darwin möglich gewor- 
den, in denselben die wahren wirkenden Ursachen (causae efficien- 
tes) für die unendlich verwickelten Gestaltungen der organischen 
Natur zu finden. 

Wir sind nun verpflichtet, diese Theorie auf jeden Fall an- 
zunehmen und so lange zu behaupten, bis sich eine bessere findet, 
die es unternimmt, die gleiche Fülle von Thatsachen ebenso ein- 
fach zu erklären. Bisher entbehrten wir einer solchen Theorie 
vollständig. Zwar war der Grundgedanke nicht neu, dass alle 
verschiedenen Thier- und Pflanzenformen von einigen wenigen 
oder sogar von einer einzigen höchst einfachen Grundform ab- 
stammen müssen. Dieser Gedanke w^ar längst ausgesprochen und 



26 Verpfliclihiug zu ullgcmeiner Annahme der Descendenz-Theurie. IJ[. 

zuerst von dem grossen Lamarck^) im Anfang unseres Jahr- 
hunderts bestimmt formulirt worden. Allein Lamarck sprach 
doch eigentlich bloss die Hypothese der gemeinsamen Abstam- 
mung aus, ohne sie durch Erläuterung der wirkenden Ursachen 
genügend zu begründen. Und gerade in dem Nachweis dieser 
Ursachen liegt der ausserordentliche Fortschritt, welchen Darwin 
über Lamarcks Theorie hinaus gethan hat. Er fand in der 
physiologischen Yererbungs- und Anpassungs- Fähigkeit der orga- 
nischen Materie die wahre Ursache jenes genealogischen Verhält- 
nisses auf. Auch konnte der geistvolle Lamarck noch nicht 
über das gewaltige Material biologischer Thatsachen gebieten, 
welches durch die emsigen zoologischen und botanischen For- 
schungen der letzten achtzig Jahre angesammelt und von Dar- 
win zu einem überwältigenden Beweis-Apparat verwerthet wurde. 

Die Theorie Darwins ist also nicht, wie seine Gegner häufig 
behaupten, eine beliebige, aus der Luft gegriffene, bodenlose Hy- 
pothese. Es liegt nicht im Belieben der einzelnen Zoologen und 
Botaniker, ob sie dieselbe als erklärende Theorie annehmen wol- 
len oder nicht. Vielmehr sind sie dazu gezwungen und ver- 
pflichtet nach dem allgemeinen, in den Naturwissenschaften über- 
haupt gültigen Grundsatze, dass wir zur Erklärung der Erschei- 
nungen jede mit den wirklichen Thatsachen vereinbare, wenn 
auch nur schwach begründete Theorie so lange annehmen und 
beibehalten müssen, bis sie durch eine bessere ersetzt wird. Wenn 
wir dies nicht thun, so verzichten wir auf eine wissenschaftliche 
Erklärung der Erscheinungen, und das ist in der That der 
Standpunkt, den Viele noch gegenwärtig einnehmen. Sie betrach- 
ten das ganze Gebiet der belebten Natur als ein vollkommenes 
Räthsel und halten die Entstehung der Tliier- und Pflanzenarten, 
die Erscheinungen ihrer Entwickelung und Verwandtschaft für 
ganz unerklärlich, für ein Wunder; sie wollen von einem wahren 
Verständniss derselben überhaupt nichts wissen. 

Diejenigen Gegner Darwins, welche nicht geradezu in dieser 
Weise auf eine biologische Erklärung verzichten wollen, pflegen 
freilich zu sagen: „Darwins Lehre von dem gemeinschaftlichen 
Ursprung der verschiedenartigen Organismen ist nur eine Hypo- 



I[. ünentbehrliohkeit der Desceiulenz -Theorie in der Biologie. 27 

these; wir stellen ihr eine andere entgegen, die Hypothese, dass 
die einzelnen Thier- und Pflanzenarten nicht durch Abstammung 
sich auseinander entwickelt haben, sondern dass sie unabhängig 
von einander durch ein noch uuentdecktes Naturgesetz entstan- 
den sind." So lange aber nicht gezeigt wird, wie diese Entste- 
hung zu denken ist, und was das für ein „Naturgesetz" ist, so 
lange nicht einmal wahrscheinliche Erklärungsgründe geltend 
gemacht werden können, welche für eine unabhängige Entstehung 
der Thier- und Pflanzenarten sprechen, so lange ist diese Gegen- 
hypotliese in der That keine Hypothese, sondern eine leere, nichts- 
sagende Redensart. Auch verdient Darwins Theorie nicht den 
Namen einer Hypothese. Denn eine wissenschaftliche Hypothese 
ist eine Annahme, welche sich auf unbekannte, bisher noch nicht 
durch die sinnliche Erfahrung wahrgenommene Eigenschaften oder 
Bewegungs-Erscheinungen der Naturkörper stützt. D ar w i n s Lehre 
aber nimmt keine derartigen unbekannten Verhältnisse an; sie 
gründet sich auf längst anerkannte allgemeine Eigenschaften der 
Organismen. Aber die ausserordentliche geistvolle, umfassende 
Verbindung einer Menge bisher vereinzelt dagestandener Erschei- 
nungen verleiht dieser Theorie ihren hohen inneren Werth. Mit 
ihrer Hülfe vermögen wir für die Gesammtlieit aller uns bekann- 
ten morphologischen Erscheinungen in der Thier- und Pflanzen- 
welt eine bewirkende Ursache nachzuweisen; und zwar ist diese 
wahre Ursache immer ein und dieselbe, nämlich die Wechsel- 
wirkung der Anpassung und Vererbung. Diese ist aber ein phy- 
siologisches Verhältniss, und als solches durch physikalisch- 
chemische oder mechanische Ursachen bedingt. Aus diesen Grün- 
den ist die Annahme der durch Darwin mechanisch begründeten 
Abstammungs-Lehre für die gesammte Zoologie und Botanik eine 
zwingende und unabweisbare Nothwendigkeit. 

Da nach meiner Ansicht also die unermessliche Bedeutung 
unserer neuen Entwickelungs-Lehre darin liegt, dass sie die bisher 
nicht erklärten organischen Formerscheinungen mecha- 
nisch erklärt, so ist es wohl nothwendig, hier gleich noch ein 
Wort über den vieldeutigen Begrift' der Erklärung einzuschal- 
ten. Häufig wird dem Trausformismus entgegengehalten, dass er 



28 Grenzeu der Erklärung und der Erkenntniss. JJ_ 

allerdings jene Erscheinungen durch die Vererbung und Anpas- 
sung vollkommen erkläre, dass dadurch aber nicht diese Eigen- 
schaften der organischen IMaterie selbst erklärt werden, dass wir 
nicht zu den letzten Gründen gelangen. Dieser Einwurf ist ganz 
richtig; allein er gilt in dieser Weise von allen Erscheinungen. 
AVir gelangen nirgends zu einer Erkenntniss der letzten 
Gründe. Die Entstehung jedes einfachen Salzkrystalles, den wir 
beim Abdampfen einer Mutterlauge erhalten, ist uns im letzten 
Grunde nicht minder räthselhaft, und an sich nicht minder un- 
begreitlicli, als die Entsti^hung jedes Thieres, das sich aus einer 
einfachen Eizelle entwickelt. Bei Erklärung der einfachsten phy- 
sikalischen oder chemischen Erscheinungen, z. B. des Falles eines 
Steins oder der Bildung einer chemischen Verbindung gelangen 
wir durch Auffindung der wirkenden Ursachen, z. B. der Schwer- 
kraft oder der chemischen Verwandtschaft, zu anderen weiter zu- 
rückliegenden Erscheinungen, die an und für sich Räthsel sind. 
Das liegt in der Beschränktheit oder Relativität unseres Erkennt- 
niss-Vermögens. Wir dürfen niemals vergessen, dass die mensch- 
liche Erkenntniss-Fähigkeit allerdings absolut beschränkt ist und 
nur eine relative Ausdehnung besitzt. Sie ist zunächst schon 
beschränkt durch die Beschaffenheit unserer Sinne und unseres 
Gehirns. 

Ursprünglich stammt alle Erkenntniss aus der sinnlichen 
AVahrnehmung. Man führt wohl dieser gegenüber die angeborene, 
a priori gegebene Erkenntniss des Menschen an ; indessen kön- 
nen wir mit Hülfe der Descendenz-Theorie nachweisen, dass die 
sogenannten apriorisclien Erkenntnisse anfänglich a posteriori erwor- 
ben, in ihren letzten Gründen durch Erfahrungen bedingt sind. 
Erkenntnisse, welche ursprünglich auf rein sinnlichen Wahrneh- 
mungen beruhen, welche aber dann eine Reihe von Generationen 
hindurch erhalten und vererbt werden, treten bei den jüngeren 
Generationen angeboren auf; ebenso wie die sogenannten lustincte 
der Thiere. Von unseren uralten thierischen Voreltern sind alle 
sogenannten „Erkenntnisse a priori" ursprünglich a posteriori ge- 
fasst worden und erst durch Vererbung allmählich zu apriori- 
schen geworden; sie beruhen in letzter Instanz auf Erfahrun- 



Jf_ Erkenntnisse aposteriori und a priori. 29 

gen. Die Gesetze der Vererbung und Anpassung erklären uns, 
wie die Erkenntnisse a priori ursprünglich aus Erkenntnissen a 
posteriori sich entwickelt haben. Die sinnliche Erfahrung ist 
die ursprüngliche Quelle aller Erkenntnisse. Schon aus diesem 
Grunde bleibt alle unsere AVissenschaft beschränkt, und niemals 
vermögen wir die letzten Gründe irgend einer Erscheinung 
zu erfassen. Die Krystallisationskraft , die Schwerkraft und die 
chemische Verwandtschaft bleiben uns, an und für sich, eben 
so unbegreiflich, wie die Anpassung und die Vererbung, wie der 
Wille und das Bewusstsein. 

Wenn uns nun die heutige Descendenz-Theorie die Gesammt- 
heit aller vorhin zusammengefassten Erscheinungen aus einem 
einzigen Gesichtspunkt erklärt, wenn sie eine und dieselbe Be- 
schaffenheit des Organismus als die wirkende Ursache nachweist, 
so leistet sie vorläufig Alles, was wir verlangen können. Ausser- 
dem lässt sich aber auch mit gutem Grunde hoffen, dass wir die 
letzten, von DarAvin gefundenen Ursachen, nämlich die Eigenschaf- 
ten der Erblichkeit und der Anpassungsfähigkeit, noch weiter werden 
erklären lernen; dass wir z. B. dahin gelangen werden, die Mole- 
kular-Verhältnisse in der Zusammensetzung der Eiweissstoffe als 
die weiter zurückliegenden, einfachen Gründe jener Erscheinungen 
aufzudecken. Freilich ist in der nächsten Zukunft hierzu noch 
keine Aussicht, und wir begnügen uns vorläufig mit jener Zurück- 
führung, wie wir uns in der Newton'schen Theorie mit der Zu- 
rückführung der Planeten -Bewegungen auf die Schwerkraft be- 
gnügen. Die Schwerkraft selbst ist uns ebenfalls ein Räthsel, an 
sich nicht erkennbar. 

Bevor wir nun an unsere Hauptaufgabe, an die eingehende 
Erörterung der Abstammungs-Lehre und der aus ihr sich ergeben- 
den Folgerungen herantreten, lassen Sie uns einen geschichtlichen 
Rückblick auf die wichtigsten und verbreitetsten von denjenigen 
Ansichten werfen, welche sich die Menschen vor Darwin über 
die organische Schöpfung, über die Entstehung der mannichfaltigen 
Thier- und Pflanzenarten gebildet hatten. Es liegt dabei keines- 
wegs in meiner Absicht. Sie mit einem vergleichenden Ueberblick 
über alle die zahlreichen Schöpfungs-Dichtungen der verschiedenen 



30 Natiirliihe niid übernatürliche Sohöpfungs-Gescliifliten. U. 

Völker zu unterhalten. So interessant und lohnend diese Auf- 
gabe, sowohl in ethnographischer als in culturhistorisclier Bezie- 
hung, auch wäre, so würde uns dieselbe doch hier viel zu Aveit 
führen. Auch trägt die übergrosse Mehrzahl aller dieser Schöp- 
fungssagen zu sehr das Gepräge willkürlicher Dichtung und des 
Mangels eingehender Naturbetrachtung, als dass dieselben für eine 
naturwissenschaftliche Behandlung der Schöpfungs-Geschichte von 
Interesse wären. Ich werde daher von den nicht wissenschaftlich 
begründeten Schöpfungs-Geschichten bloss die mosaische hervor- 
heben, wegen des beispiellosen Einflusses, den diese morgenlän- 
dische Sage in der abendländischen Culturwelt gewonnen hat. 
Dann werde ich sogleich zu den wissenschaftlich formulirten 
Schöpfuugs-Hypothesen übergehen, welche erst nach Beginn des 
verflossenen Jahrhunderts, mit Linue, ihren Anfang nahmen. 

Alle verschiedenen Vorstellungen, welche sich die Menschen 
jemals von der Entstehung der verschiedenen Thier- und Pflanzen- 
arten gemacht haben, lassen sich füglich in zwei entgegengesetzte 
Gruppen bringen, in natürliche und übernatürliche Schöpfungs" 
Geschichten. 

Diese beiden Gruppen entsprechen im Grossen und Ganzen 
den beiden verschiedenen Ilauptformen der menschlichen Weltan- 
schauung, welche wir vorher als monistische (einheitliche) und 
dualistische (zwiespältige) NaturauiVassung gegenüber gestellt haben. 
Die gewöhnliche dualistische oder teleologische (vitale) Welt- 
anschauung muss die organische Natur als das zweckmässig aus- 
geführte Product eines planvoll wirkenden Schöpfers ansehen. 
Sie muss in jeder einzelnen Thier- und Pflanzenart einen „ver- 
körperten Schöpfungs-Gedauken" erblicken, den materiellen Aus- 
druck einer zweckmässig thätigen Endursache oder einer zweck- 
thätigen Ursache (causa finalis). Sie muss nothwendig über- 
natürliche (nicht mechanische) Vorgänge für die Entstehung der 
Organismen in Anspruch nehmen. Wir dürfen sie daher mit 
Recht als übernatürliche Schöpfungs-Geschichte bezeichnen. 
Von allen hierher gehörigen teleologischen Schöpfungs- Geschichten 
gewann diejenige des Moses den grössten Einfluss, da sie durch 
so bedeutende Naturforscher, wie Linne, selbst in der Natur- 



J 



IJ. Xatürliche und iihenuiti'irli(>lie Sehöpfungs-Geschichten. 31 

wissenscliaft allgemeinen Eingang fand. Auch die Schöpfungs- 
Ansichten von Cuvier und Agassiz, und überhaupt von den 
meisten älteren Naturforschern gehören in diese tlualistische 
Gruppe. 

Die von Darwin ausgebildete Entwicklungs-Theorie dagegen, 
welche wir hier als natürliche Schöpl'ungs- Geschichte zu be- 
handeln haben, und welche bereits von (ioethe unil Lamarck 
angebahnt wurde, muss bei folgerichtiger Durchführung schliesslich 
nothwendig zu der monistischen oder mechanischen (causalen) 
Weltanschauung hinleiten. Im Gegensatze zu jener dualistischen 
oder teleologischen Naturautiassung betrachtet dieselbe die Formen 
der organischen Naturkörper, ebenso wie diejenigen der anorgi- 
scheu, als die notlnvendigen Producte natürlicher Kräfte. Sie er- 
blickt in den einzelnen Tliier- und Pflanzenarten nicht verkörperte 
Gedanken des persönlichen Schöpfers, sondern den zeitweiligen 
Ausdruck eines mechanischen Entwickelungs-Ganges der Materie, 
den Ausdruck einer nothwendig wirkenden Ursache oder einer 
mechanischen Ursache (causa efficiens). Wo der teleologische 
Dualismus in den Scliöpfungs-Wundern die willkürlichen Einfälle 
eines launenhaften Schöpfers aufsucht, da findet der causale Mo- 
nismus in den Entwickelungs-Processen die nothwendigen ^Vir- 
kungen ewiger und unabänderlicher Naturgesetze, 

Man hat diesen, hier von uns vertretenen Monismus auch 
oft für identisch mit dem Materialismus erklärt. Da man 
demgemäss auch den Darwinismus und überhaupt die ganze 
Entwickelungs-Tlieorie als „materialistisch" bezeichnet hat, 
so kann ich nicht umhin, schon hier mich von vornherein gegen 
die Zweideutigkeit dieser Bezeichnung und gegen die Arglist, mit 
welcher dieselbe von mehreren Seiten zur Entstellung unserer Lehre 
benutzt wird, ausdrücklich zu verwahren. 

Unter dem Stichwort „Materialismus" werden sehr allge- 
mein zwei gänzlich verschiedene Dinge mit einander verwechselt 
und vermengt, die im Grunde gar Nichts mit einander zu thun 
haben, nämlich der naturwissenschaftliche und der sittliche Ma- 
terialismus. Der sogenannte naturwissenschaftliche Ma- 
terialismus ist in gewissem Sinne mit unserem Monismus 



32 Monismus und Materialismus. 11. 

identisch. Denn er behauptet im Grunde weiter nichts, als dass 
Alles in der Welt mit natürlichen Dingen zugeht, dass jede 
Wirkung ihre Ursache und jede Ursache ihre AVirkung hat. Er 
stellt also über die Gesammtheit aller uns erkennbaren Erschei- 
nungen das mechanische Causal- Gesetz, oder das Gesetz von 
dem nothwendigen Zusammenhang von Ursache und Wirkung. 
Dagegen verwirft er entschieden jeden Wunderglauben und jede 
wie immer geartete Vorstellung von übernatürlichen Vorgängen. 
Für ihn giebt es daher eigentlich in dem ganzen Gebiete mensch- 
licher Erkenntniss nirgends mehr eine wahre ^letaphysik, sondern 
überall nur Physik. Für ihn ist der unzertrennliche Zusammen- 
hang von Stoff, Form und Kraft selbstverständlich. Dieser wissen- 
schaftliche Materialismus ist auf dem ganzen grossen Gebiete der 
anorgischen Naturwissenschaft, in der Physik und Chemie, in der 
Mineralogie und Geologie, längst so allgemein anerkannt, dass 
kein Mensch mehr seine alleinige Berechtigung in Zweifel zieht. 
Ganz anders verhält es sich jedoch in der Biologie, in der orga- 
nischen Naturwissenschaft, wo man die Geltung desselben noch 
fortwährend von vielen Seiten her bestreitet, ihm aber nichts 
Anderes, als das metaphysische Gespenst der Lebenskraft, oder 
gar nur theologische Dogmen, entgegenhalten kann. Wenn wir 
nun aber den Beweis führen können, dass die ganze erkennbare 
Natur nur Eine ist, dass dieselben „ewigen, ehernen, grossen 
Gesetze" in dem Leben der Thiere und Pflanzen, wie in dem 
Wachsthum der Krystalle und in der Triebkraft des Wasser- 
dampfes thätig sind, so werden wir auch auf dem gesammten 
Gebiete der Biologie, in der Zoologie wie in der Botanik, überall 
mit demselben Rechte den monistischen oder mechanischen Stand- 
punkt festhalten, mag man denselben nun als „Materialismus" 
verdächtigen oder nicht. In diesem Sinne ist die ganze exacte 
Naturwissenschaft, und an ihrer Spitze das Causal-Gesetz, rein 
„materialistisch". Man könnte sie aber mit demselben Rechte 
auch rein „spiritualistisch" nennen, wenn man nur consequent 
die einheitliche Betrachtung für alle Erscheinungen ohne Aus- 
nahme durchführt. Denn eben durch diese consequeute Ein- 
heit Gestaltet sich unser heutiger Monismus zur Versöhnung von 



II_ Wissenschaftlicher und sittlicher Materialismus. 33 

Idealismus und Realismus, zur Ausgleichung des einseitigen Spi- 
ritualismus und Materialismus. 

Ganz etwas Anderes als dieser naturwissenschaftliche ist der 
sittliche oder ethische Materialismus, der mit dem ersteren 
gar Nichts gemein hat. Dieser „eigentliche" Materialismus ver- 
folgt in seiner practischen Lebensrichtung kein anderes Ziel, als 
den möglichst raffinirten Sinnengenuss. Er schwelgt in dem 
traurigen Wahne, dass der rein sinnliche Genuss dem Menschen 
wahre Befriedigung geben könne, und indem er diese in keiner 
Form der Sinnenlust finden kann, stürzt er sich schmachtend 
von einer zur andern. Die tiefe Wahrheit, dass der eigentliche 
Werth des Lebens nicht im materiellen Genuss, sondern in der 
sittlichen That, und dass die wahre Glückseligkeit nicht in äusse- 
ren Glücksgütern, sondern nur in tugendhaftem Lebenswandel 
beruht, bleibt jenem ethischen Materialismus unbekannt. Daher 
sucht man denselben auch vergebens bei solchen Naturforschern 
und Philosophen, deren höchster Genuss der gei.stige Naturgenuss 
und deren höchstes Ziel die Erkenntniss der Naturgesetze ist. 
Diesen Materialismus muss man in den Palästen der Kirchen- 
fürsten und bei allen jenen Heuchlern suchen, welche unter der 
äusseren Maske frommer Gottes Verehrung nur hierarchische Ty- 
rannei und materielle Ausbeutung ihrer Mitmenschen erstreben. 
Stumpf für den unendlichen Adel der sogenannten „rohen IMa- 
lerie" und der aus ihr entspringenden herrlichen Erscheinungs- 
welt, unempfindlich für die unerschöpflichen Reize der Natur, 
wie olme Kenntniss von ihren Gesetzen, verketzern dieselben die 
ganze Naturwi.ssenschaft und die aus ihr entspringende Bildung 
als sündlichen Materialismus, während sie selbst dem letzteren 
in der widerlichsten Gestalt fröhnen. Nicht allein die ganze 
Geschichte der „unfehlbaren" Päpste mit ihrer endlosen Kette 
von gräulichen Verbrechen, sondern auch die widerwärtige Sitten- 
Gescliichte der Orthodoxie in allen Religionsformen liefert hierfür 
genügende Beweise. 

Um nun in Zukunft die übliche Verwechselung dieses ganz 
verwerflichen sittlichen Materialismus mit unserem naturphiloso- 
phischen Materialismus zu vermeiden, und um überhaupt das 

Hat'ckel. Natiirl. Schopfuiigs-Gescli. S. Aiifl, 3 



34 Materialismus und Mochaiiismu.s. II. 

einseitige Missvevtitändni.ss des letzteren zu beseitigen, halten wir 
es für nötliig, denselben entweder Monismus oder Causalismus zu 
nennen. Das Princip dieses Monismus ist dasselbe, was Kaut 
das „Princip des Mechanismus" nennt: und Kant erklärt 
ausdrücklich, dass es ohne dasselbe überhaupt keine Natur- 
wissenschaft geben könne. Dieses Princip ist von unserer 
„natürlichen Schöpfungs-Geschichte" ganz untrennbar, und kenn- 
zeichnet dieselbe gegenüber dem teleologischen Wunderglauben 
der übernatürlichen Schöpfuugs-Geschichte. 

Lassen Sie uns uvm zunächst einen Blick auf die wichtigste 
von allen übernatürlichen Schöpfungs-Geschichten werfen, diejenige 
des Moses, wie sie uns durch die alte Geschichts- und Gesetzes- 
Urkunde des jüdischen Volkes, durch die Bibel, überliefert wor- 
den ist. Bekanntlich ist die mosaische Schöpfungs- Geschichte, 
wie sie im ersten f'apitel der Genesis den Eingang zum alten 
Testament bildet, in der ganzen jüdischen und christlichen Cultur- 
welt bis auf den heutigen Tag fast allgemein in Geltung geblieben. 
Dieser ausserordentliche Erfolg erklärt sich nicht allein aus der 
engen Verbindung derselben mit den jüdischen und christlichen 
Glaubenslehren, sondern auch aus dem einfachen und natürlichen 
Ideengang, welcher dieselbe durchzieht, und welcher vortheilhaft 
gegen die bunte Schöpfungs -Mythologie der meisten anderen 
Völker des Alterthums absticht. Zuerst schafft Gotl der Herr 
die Erde als anorgischen Weltkörper. Dann scheidet er Licht 
und Finsterniss. darauf Wasser und Festland. Nun erst ist die 
Erde für Organismen bewohnbar geworden und es werden zu- 
nächst die Pflanzen, später erst die Thiere erschalfen, und zwar 
von den letzteren zuerst die Bewohner des Wassers und der Luft, 
später erst die Bewohner des Festlandes. Endlich zuletzt von 
allen Organismen schafft Gott den Menschen, sich selbst zum 
Ebenbilde und zum Beherrscher der Erde. 

Zwei grosse und wichtige Grundgedanken der natürlichen 
Entwickelungslehre treten uns in dieser Schöplungs-Hypothese des 
Moses mit überraschender Klarheit und Einfachheit entgegen, 
der Gedanke der Sonderung oder Differenz irung, und der 
Gedanke der foitschreitenden Entwickeluny' oder Vervollkomm- 



[J_ Soliöpfmigs-Goschiolite des Moses. 35 

nung. Obwohl Moses diese grossen Gesetze der organischen 
Entwickelung, die wir später als nothwendige Folgerungen der 
Abstammungs-Lehre nachweisen werden, als die unmittelbare Bil- 
dungs-Thätigkeit eines gestaltenden Schöpfers ansieht, kann man 
doch darin den erhabeneren Gedanken einer fortschreitenden 
Eutwickelung und Dift'erenzirung der ursprünglich einfachen Ma- 
terie finden. Wir können daher dem grossartigen Naturverstäudniss 
des jüdischen Gesetzgebers und der einfach natürlichen Fassung 
seiner Schöpfungs- Hypothese unsere gerechte und. aufrichtige Be- 
wunderung zollen, ohne darin eine sogenannte „göttliche Offen- 
barung" zu erblicken. Dass sie dies nicht sein kann , geht 
einfach schon daraus hervor, dass darin zwei grosse Grundirrthü- 
mer behauptet Averden, nämlich erstens der geocentrische 
Irrthum, dass die Erde der feste Mittelpunkt der ganzen Welt 
sei, um welchen sich Sonne, Mond und Sterne bewegen; und 
zweitens der an thropocen frische Irrthum, dass der Mensch 
das vorbedachte Endziel der irdischen Schöpfung, und nur für 
seinen Dienst die ganze übrige Natur geschaffen sei. Der erstere 
Irrthum wurde durch Copernicus" Weltsystem im Beginn des 
sechszehuten, der letztere durch Lamarcks Abstammungs-Lehre 
im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vernichtet. 

Trotzdem durch Copernicus bereits der geocentrische Irr- 
thum der mosaischen Schöpfungs- Geschichte nachgewiesen und 
damit die Autorität derselben als einer absolut vollkommenen 
göttlichen Offenbarung aufgehoben wurde, erhielt sich dieselbe 
dennoch bis auf den heutigen Tag in solchem Ansehen, dass sie 
in weiten Kreisen das Haupthinderniss für die Annahme einer 
natürlichen Entwickelungs- Theorie bildet. Bekanntlich haben 
selbst viele Naturforscher noch in unserem Jahrhundert versucht, 
dieselbe mit den Ergebnissen der neueren Naturwissenschaft, ins- 
besondere der Geologie, in Einklang zu bringen; so hat man z. B. 
die sieben Schöpfungstage des Moses als sieben grosse geologi- 
sche Perioden gedeutet. Indessen sind alle diese künstlichen 
Deutungsversuche so vollkommen verfehlt, dass sie hier keiner 
Widerlegung bedürfen. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches 
Werk, sondern eine Geschichts-, Gesetzes- und Religions-L'rkunde 



36 Schöpfungs- Geschichte des Moses. II_ 

des jüdischen Volkes, deren hoher culturgeschichtlicher Werth 
dadurch nicht geschmälert wird, dass sie in allen naturwissen- 
schaftlichen Fragen ohne jede massgebende Bedeutung und voll 
von groben Irrthümern ist. 

Wir können nun einen grossen Sprung von mehr als drei 
Jahrtausenden machen, von Moses, welcher ungefähr um das 
Jahr 1480 vor Christus starb, bis auf Linne, welcher 1707 nach 
Christus geboren wurde. Während dieses ganzen Zeitraums wurde 
keine Schüpfungs- Geschichte aufgestellt, welche eine bleibende 
Bedeutung gewann, oder deren nähere Betrachtung an diesem 
Orte von Interesse wäre. Insbesondere während der letzten 
1500 Jalu'e, als das Christenthum die Weltherrschaft gewann, blieb 
die mit dessen Olaubens-Lehren verknüpfte mosaische Schöpfungs- 
Geschichte so allgemein herrschend, dass erst das neunzehnte 
Jahrhundert sicli entschieden dagegen aufzulehnen wagte. Selbst 
der grosse schwedische Naturforscher Linne, der Begründer der 
neueren Naturgeschichte, schloss sich in .seinem Natursystem auf 
das Engste an die Schöpfungs-Ciesdiichte des Moses an. 

Der au.sserordentliche Fortschritt, welchen Kail Linne in 
den sogenannten beschreibenden Naturwissen.schaften that, besteht 
bekanntlich in der Aufstellung eines Systems der Thier- und 
Ptlanzenarten: er führte dasselbe in so folgerichtiger und logisch 
vollendeter Form ilurch, dass es bis auf den heutigen Tag in 
vielen Beziehungen die Richtschnur für alle folgemlen, mit den 
Formen der Tliiere und Pflanzen sieh beschäftigenden Natur- 
forseher geblieben ist. Obgleich das ..Si/sfemn nahirao^' von 
Linne (1735 erschienen) ein künstliches war, obgleich er für 
die Clas.sifieation der Thier- und Ptlaiizen-Arten nur einzelne Merk- 
male als Eintheilungs-Grundlagen anwendete, hat dennoch dieses 
System sich den grössten Erfolg errunuen: erstens (iiurh seine 
eonsequente Durchführung, und zweitens durch seine ungemein 
wichtig gewordene Benennungsweise iler Naturkörper,, auf welche 
\\i.r hier nothwendig einen Blick werfen müssen. Nachdem man 
nämlich vor Linne sieh vergeljlich abüemüht hatte, in das un- 
endliche Chaos der sehun damals bekannten verschiedenen Thier- 
un.d Pllanzen-Formen durch irgend eine passende Namengebung 



ff. Linue's zweifache Art der organischen Benennung. 37 

und Ziisainmeiistelluiiji' Licht zu hrinc;eii, gelang es Linne durch 
Aufstellung der sogenannten „binüreii Nomcnclatur" mit 
einem glücklichen Grift' diese wichtige und schwierige Aufgabe 
zu lösen. Die Innäre Nomenclatur oder die zweifache Benennung 
wie sie Linne zuerst aufstellte, wird noch heutigen Tages ganz 
allgemein von allen Zoologen und Hotanikern angewendet und 
wird sich unzweifelhaft sehr lange noch in gleicher Geltung erhalten. 
Sie besteht darin, dass jede Thier- und Pflanzenart mit zwei 
Namen bezeichnet wird, welche sich ähnlich verhalten, wie Tauf- 
und Familien-Namen der menschlichen Individuen. Der besondere 
Name, welcher dem menschlichen Taufnamen entsj)rlcht, drückt 
den Begriff der Art (Species) aus; er dient zur gemeinschaftlichen 
Bezeichnung aller thierischen oder pflanzlichen Einzelwesen, welche 
in allen wesentlichen Formeigenschaften sich gleich sind, und sich 
nur durch ganz untergeordnete Merkmale unterscheiden. Der all- 
gemeinere Name dagegen, welcher dem menschlichen Familien- 
namen entspricht, di-ückt den Begriff der Gattun.u- (Genus) aus: 
er dient zur gemeinschaftlichen Bezeichnung aller nächst ähnlichen 
Arten oder Species. Der allgemeinere, umfassende Genusname 
wird nach Linne's allgemein gültiger Benennungsweise voran- 
gesetzt; der besondere, untergeordnete Speciesname folgt ihm nach. 
So z. B. heisst die Hauskatze Felis domestica, die wilde Katze 
Felis catus, der Panther Felis pardus, der Jaguar Felis onca, der 
Tiger Felis tigris, der Löwe Felis leo; alle sechs Raubthierarten 
sind verschiedene Species eines und desselben Genus: Felis. 
Oder, um ein Beispiel aus der Pflanzenwelt hinzuzufügen, so heisst 
nach L in ne"s Benennung die Fichte Pinus abies, die Tanne Pi- 
nus picea, die Lärche Pinus larix, die Pinie Pinus pinea, die 
Zirbelkiefer Pinus cembra, die Geder Pinus <'edrus, die gewöhnliche 
Kiefer Pinus silvestris: alle sieben Nadelliolzarton sind verschie- 
dene Species eines und desselben Genus: Pimis. 

Vielleicht scheint Ihnen dieser von Linne herbeigeführte Fort- 
schritt in der practischen Unterscheidung und Benennung der viel- 
gestaltigen Organismen nur von untergeordneter Wichtigkeit zu 
sein. Allein in AVirklichkeit war ei- von ihv allergrössten Be- 
deutung, und zwar sowohl in practischer als in theoretischer Be- 



38 Practische und theoretische Bedeutung der binären Xoinenclutur. JI. 

Ziehung. Üeiin es wurde nun erst möglich, die Unmasse der ver- 
schiedenartigen organischen Formen nach dem grösseren oder 
geringeren Grade iiirer Aehnlichkeit zusammenzustellen und iiber- 
sichtiicli in dem Facinverk des Systems zu ordnen. Die Registratur 
dieses Fachwerks machte Linnc dadurch noch übersichtlicher, 
dass er die nächstähulichen Gattungen (Genera) in sogenannte 
Ordnungen (Ordines) zusammenstellte, und dass er die uächstähn- 
lichon Ordnungen in noch umfassenderen Hauptabtheilungen, den 
('lassen (Classes) vereinigte. Es zerliel also zunächst jedes der 
beiden organischen Reiche nach Linne in eine geringe Anzahl von 
Classen: das Pflanzenreich in 24 ('lassen, das Thierreich in (> 
Classen. Jede Ciasse enthielt wieder mehrere Ordnungen. Jede 
einzelne Ordnung konnte eine Mehrzahl von Gattiuigen und jede 
einzelne Gattung wiederum mehrere Arten enthalten. 

Der practisch«' Nutzen, welchen Linne's binäre Nomen- 
klatur sofort für eine übersichtliche systematische Unterscheidung, 
Benennung, Anordnung und Eintheilung der organischen Formen- 
welt hatte, war unschätzbar: nicht minder bedeutungsvoll aber 
war der unberechenbare t heoretisclic Einfluss, welchen dieselbe 
alsbald auf die gesammte allgoneine Beurtheilung der organischen 
Formen, und ganz besonders auf die Schöplüngs-Geschichte gewann. 
Noch heute drehen sich alle die wichtigen Grundfragen, welche 
wir vorher kurz berührten, zuletzt um die Entscheidung der schein- 
bar sehr abgelegenen und unwichtigen Vorfrage, was denn eigent- 
lich die Art oder Species ist? Noch heute kann der Begriff 
der organischen Species als der Angelpunkt der ganzen 
Schöpfungsfrage bezeichnet werden, als der streitige Mittelpunkt, 
um dessen verschiedene Auflassung alle Darwinisten und Anti- 
darwinisten kämpfen. 

Nach der Meinung Darwins und seiner Anhänger sind die 
verschiedenen Species einer und derselben Gattung von Thieren 
und Pflanzen weiter nichts, als verschiedenartig entwickelte Ab- 
kömmlinge einer und derselben ursprünglichen Stammform. Die 
verschiedenen vorhin genannten Nadelholz-Arten würden demnach 
von einer einzigen ursprünglichen Pinus-Form abstammen. Ebenso 
würden alle oben angeführten Katzenarten aus einer einzigen ge- 



]]_ Bedeutung des Species-Begriffs bei Linue. 39 

ineinsamen Fclis-FoiJii ihren Ursprung ableiten, dem Stammvater 
der ganzen Gattnng. Weiterhin müs.sten dann aber, der Absiam- 
mungs-Lehre entsprechend, auch alle verschiedenen Gattungen einer 
und derselben Ordnung vun einer einzigen gemeinschaftlichen 
Urform abstammen, und ebenso endlich aUe Ordnungen einer 
Ciasse von einer einzigen Stammform. 

Nach der entgegengesetzen Vorstellung der Gegner Darwins 
sind dagegen alle Thier- und Pflanzen-Species ganz unabhängig 
von einander, und nur die Einzelwesen oder Individuen einer 
jeden Specics stammen von einer einzigen gemeinsamen Stamm- 
form ab. Fragen wir sie nun aber, wie sie sich denn diese ur- 
sprünglichen Stammfurmen der einzelnen Arten entstanden den- 
ken, so antworten sie uns mit einem Sprung in das l'id:>egrcif- 
liche: „Diese sind als solche geschaffen worden". 

Linne selbst bestimmte den Begriff der Species bereits in 
dieser Weise, indem er sagte: „Es giebt soviel verschiedene Ar- 
ten, als im Anfang verschiedene Formen von dem unendlichen 
Wesen erschaffen worden sind". („Species tot sunt diversae, quot 
diversas formas ab initio creavit infinitum ens.") Er schloss sich 
also in dieser Beziehung aufs Engste an die mosaische Schöpfungs- 
Gcschichte an , welche ja ebenfalls die Pflanzen und Thiere „ein 
jegliches nach seiner Art" erschaffen werden lässt. Näher hier- 
auf eingehend, meinte Linne. dass ursprünglich von jeder Thier- 
und Pflanzenart entweder ein einzelnes Individuum oder ein Päi'- 
chen geschaffen worden sei; und zwar ein Pärchen, oder wie 
Kloses sagt: „ein Männlein und ein Fräulein" von jenen Arten, 
welche getrennte (iescldechter haben: für jene Arten dagegen, 
bei welchen jedes Individuum beiderlei Geschlechtsorgane in sich 
vereinigt (Hermaphroditen oder Zwitter) wie z. B. die Regen- 
würmer, die Blutegel, die Garten- und Weinbergsschnecken, soAvie 
die grosse Mehrzahl der Gewächse, meinte Linne. es sei hinrei- 
chend, wenn ein einzelnes Individuum erschaffen worden sei. 
Linne schloss sich weiterhin an die mosaische Legende auch in 
Betreff der Sündfluth an; er glaubte, dass bei dieser grossen all- 
gemeinen Ueberschwemmung alle vorhandenen Organismen er- 
tränkt worden seien, bis auf jene wenigen Individuen von jeder 



40 Liuue's Schöpfuugs -Geschichte. 11. 

Art (siebeil Paar von den Vögeln und von dem reinen Vieh, ein 
Paar von dem unreinen Vieh), welclie in der Arche Noah ge- 
rettet und nach beendigter Sündtluth auf dem Ararat an das 
Land gesetzt wurden. Die geographische Schwierigkeit des Zu- 
sammenlebens der verschiedensten Thiere und Pflanzen suchte er 
sich dadurch zu erklären: der Ararat in Armenien, in einem 
warmen Klima gelegen und bis über 16,000 Fuss Höhe aufstei- 
gend, vereinigt in sich die Bedingungen für den zeitweiligen ge- 
meinsamen Aufenthalt auch solcher Thiere, die in verschiedenen 
Zonen leben. Es konnten zunächst also die an das Polarklima 
gewöhnten Thiere auf den kalten Gebirgsrücken hinaufklettern, 
die an das warme Klima gewöhnten an den Fuss hinabgehen, 
und die Bewohner der gemässigten Zone in der Mitte der Berg- 
Iiöhe sich aufhalten. Von hier aus war die Möglichkeit gegeben, 
sich über die Erde nach Norden und Süden zu verbreiten. 

Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, dass diese naive 
.Schöpfimgs-Hypothese Linne's, welche sich oifenbar möglichst eng 
an den herrschenden Bibelglauben anzuschliessen sucht, keiner 
ernstlichen Widerlegung bedarf. Wenn man die sonstige Klar- 
heit des scharfsinnigen Linne erwägt, darf man vielleicht zwei- 
feln, dass er selbst daran glaubte. Was die gleichzeitige Abstam- 
mung aller Individuen einer jeden Species von je einem Elternpaarc 
(oder bei den hermaphroditischen Arten von je einem Stamm- 
zwitter) betrilft, so ist sie ofl'enbar ganz unhaltbar; denn abge- 
sehen von anderen Gründen, würden schon in den ersten Tagen 
nach geschehener Schöpfung die wenigen Raubthiere ausgereicht 
haben, sämmtliclien Pllanzcnfressern den Garaus zu machen, wie die 
pflanzenfressenden Thiere die wenigen Individuen der verschiedenen 
Pllanzenarten hätten zerstören müssen. Ein solches Gleichgewicht 
in der Oeconomie der Natur, wie es gegenwärtig existirt. konnte 
unmöglich stattfinden, wenn von jeder Art nur ein Individuum oder 
nur ein Paar ursprünglich und gleichzeitig geschaffen wurde. 

Wie wenig übrigens Linne auf diese unhaltbare Schöpfungs- 
Hypothese Gewicht legte, geht unter Anderem daraus hervor, dass 
er die Bastarderzeugung (Hybridismus) als eine Quelle der 
Entstehung neuer Arten anerkannte. Er nahm an. dass eine 



J[_ Lintie'.s An.siclit vcni der Kiitstehung der Arten. 41 

grosse Anzahl von selbstständigen neuen Species auf diesem Wege, 
durch geschlechtliche Vermis(duing zweier verschiedener Species, 
entstanden sei. In der That kommen solche Bastarde (Hybridae) 
durchaus nicht selten in der Natur vor; es ist jetzt erwiesen, 
dass eine grosse Anzahl von Arten z. B. aus den Gattungen der 
Brombeere (Rubus). des Wollkrauts (Verbascura), der W^'ide 
(Salix), der Distel (Cirsium) Bastarde von verschiedenen Arten 
dieser Gattungen sind. Ebenso kennen wir Bastarde von Hasen 
und Kaninchen (zwei Species der Gattung Lepus), ferner Bastarde 
verschiedener Arten der Huudegattung (Canis), der Hirschgattung 
(Cervus) u. s. w., welche als selbstständige Arten sich fortzupflan- 
zen im Stande sind. Ja, wir sind sogar aus vielen wichtigen 
Gründen zu der Annahme berechtigt, dass die Bastardzeugung 
eine sehr ergiebige Quelle für die Entstehung neuer 
Arten bildet: und diese Quelle ist ganz unabhängig von der 
natürlichen Züchtung, durch welche nach Darwins Ansicht die 
meisten Species entstanden sind. Wahrscheinlich sind sehr zahl- 
reiche Thier- und Pflanzen-Formen, die wir heute als sogenannte 
„gute Arten" in unseren systematischen Registern auttuhren, 
weiter Nichts, als fruchtbare Bastarde, welche ganz zufällig 
durch die gelegentliche Vermischung der Geschlechtsproducte von 
zwei verschiedenen Arten entstanden sind. Namentlich ist diese 
Annahme für die Wasserthiere und Wasserpflanzen gerechtfertigt. 
Wenn man bedenkt, welche jMassen von verschiedenartigen Sa- 
menzellen und Eizellen im Wasser iieständig zusammentreflcn, 
so erscheint dadurch der Bastardzeugung der weiteste Spielraum 
geöffnet. 

Es ist gewiss sehr bemerkenswerth, dass Linne bereits die 
physiologische (also mechanisclie) Entstehung von neuen Species 
auf diesem Wege der Bastardzeugung behauptete. Oflenbar steht 
dieselbe in unvereinbarem Gegensatze zu der übernatürlichen Ent- 
stehung der anderen Species durch Schöpfung, welche er der 
mosaischen Schöpfungs-Geschichte gemäss annahm. Die eine Ab- 
theilung der Species würde demnach durch dualistische (teleolo- 
gische) Schöpfung, die andere durch monistische (mechanische) 
iMitwickeluns entstanden sein. 



42 Autorität von Liniip's Schöpfuugs- Geschiebte. H. 

Das grosse und wohlverdionte Ansehen, welches sich Linne 
durch seine systematische Classilication und durch seine übrigen 
Verdienste um die Biologie erworben hatte, war offenbar die Ur- 
sache, dass auch seine Schüpfungs-Ansicliteu das ganze vorige Jahr- 
hundert hindurch unangel'uchten in voller und ganz allgemeiner 
Geltung blieben. Wenn nicht die ganze systematische Zoologie 
und Botanik die von ihm eingeführte Unterscheidung, Classi- 
fication und Benennung der Arten und den damit verbundenen 
dogmatischen Species-Begritt' melir oder minder unverändert bei- 
behalten hätte, würde man nicht begreifen, dass seine Vorstel- 
lung von einer selbstständigen Schöpfung der einzelnen Species 
bis vor Kurzem ihre Herrschaft behaupten konnte. Denn je mehr 
sich unsere Kenntnisse vom Bau und von der Entvvickelung der 
Organismen erweiterten, desto unhaltbarer wurde jene Vorstel- 
lung. Nur durch die grosse Autorität Linne's und ilurch seine 
Anlehnung an den herrschenden Bibel-Cllauben war die Erhaltung 
seiner Schöpfungs-Hypothesc bis auf unsere Zeit möglich. 



Dritter Vortrag. 

Schöpfimgs- Geschichte nach Cuvier iiiid Agassiz. 



Allgemeine theoretische ßedeutiiiig des; Specie8-Begiiff,s. Unterschied in 
der theoretischen und practischeii Bestiinmuug des Artbegrifls. Cuviers De- 
finition der Species. Cuviers Verdienste als Begründer der vergleichenden 
Anatomie. Unterscheidung der vier llauptformen (Typen oder Zweige) des 
Thierreichs durch Cuvier und Baer. Cuviers Verdienste um die Paläontologie. 
Seine Hypothese von den Revolutionen des Erdballs und ilen durch dieselben 
getrennten Schöpfungs-Perioden. Unbekannte, übernatürliche Ursachen die- 
ser Revolutionen und der darauf folgenden Neuschöpfungen. Teleologisches 
Natursystem von Agassiz. Seine Vorstellungen vom Schöpfungs- Plane und 
dessen sechs Kategorien (Gruppenstufen des Systems). Agassi// Ansichten 
von der Erschaöung der Species. Grobe Vermenschlichnng (Anthropomor- 
phismus) des Schöpfers in der Schöpfungs- Hypothese von Agassiz. Innere 
Unhaltbarkeit derselben und Widersprüche mit den von Agassiz entdeckten 
wichtigen paläontologischen Gesetzen. 

Meine Herren! Der entscheidende »Scliwerpnnkt in dem 
Meinungskampfe, der von den Naturforschern über die Entstehung 
der Organismen, über ihre Schöpfung oder Entwickelung geführt 
wird, liegt in den Vorstellungen, welche man sich von dem Wesen 
der Art oder Species macht. Entweder hält man mit Linne 
die verschiedenen Arten für selbstständige, von einander unab- 
hängige Schöpfungsformen, oder man nimmt mit Darwin deren 
Blutsverw'andtschaft an. Wenn man Linne's Ansicht theilt und 
die verschiedenen organischen Species unabhängig von einander 
entstehen lässt, so kann man sich diese Entstehung nur als eine 
übernatürliche Schöpfung denken ; man muss entweder für jedes 
einzelne organische Individuum einen besonderen Schöpfungsact 
annehmen (wozu sich wohl kein Naturforscher entschliessen wird), 



44 Allgeineiiie theoretische Bedeiitiiug des Species-Kegriffs. Hl. 

oder man muss alle Iiulivirliien einer jeden Art von einem ein- 
zigen Individuum oder von einem einzigen Stammpaarc ableiten, 
welches nicht auf natürlichem AVege entstanden, sondern durch 
den Machtspruch eines Schöpfers in das Dasein gerufen ist. Da- 
mit verlässt man aber das sichere (lebiet vernunflgoinüsser Natur- 
Erkenntniss und llüchtet sich in das mythologische Reich des 
Wundergl au bens . 

Wenn man dagegen mit Darwin die Formen-Aehnlichkeit der 
verschiedenen Arten auf wirkliche Blutsverwandtschaft bezieht, 
so muss man alle verschiedenen Species der Thier- und Pflanzen- 
welt als veränderte Nachkommen einer einzigen oder einiger 
wenigen, höchst einlachen, ursprünglichen Stammformen betrach- 
ten. Durch diese Anschauung gewinnt das natürliche System 
der Oi-ganismen (die baumartig verzweigte Anordnung und Ein- 
theilung derselben in Classen, Ordnungen, Familien, Gattungen 
und Arten) die Bedeutung eines wirklichen Stammbaums, dessen 
Wurzel durch jene uralten längst verschwundenen Stammformen 
gebildet wird. June wirklich naturgemässe und folgerichtige 
Beti-achtung der Organismen kann aber auch für diese einfachsten 
ursprünglichen Stammformen keinen übernatürlichen Schöpfungs- 
act annehmen, sondern nur eine Entstehung durch l'rzeugung 
(Archigonie oder (ieneratio spontanea). Durch Darwins Ansicht 
von dem Wesen der Species gelangen wir daher zu einer 
natürlichen Flntwickelungs-Theorie, durch Li nne's Auffas- 
sung des Artbegritt's dagegen zu einem übernatürlichen 
Schöpf ungs- Dogma. 

Die meisten Naturforscher nach Linne, dessen grosse V^er- 
dienste um die unterscheidende untl beschreibende Naturwissen- 
.schaft ihm das höchste Ansehen gewannen, traten in seine 
Eusstapfen: ohne weiter über die Entstehung der Organismen 
nachzudenken, nahmen sie in dem Sinne Linnes eine selbst- 
ständige Schöpfung dei- einzelnen Arten an, in Uebereinstimmung 
mit dem mosaischen Schöpfungs-Bericht. Die (Irundlage ihrer 
Species-Auffassung bildete Linne's Ausspruch: „Es giebt so viele 
Arten, als ursprünglich verschiedene Formen erschalfen worden 
sind." Jedoch müssen wir hier, ohne näher auf die Begriffs- 



1 



in. Gegensatz d. theoretischen u. practischen Bestimmung des Artbegriffs. 45 

bestimmung der Species einzugehen, sogleich bemerken, dass alle 
Zoologen und Botaniker in der systematischen Praxis, bei der 
practischen Unterscheidung und Benennung der Thier- und 
Pflanzen-Arten, sich nicht im Geringsten um jene angenommene 
Schöpfung ihrer elterlichen Stammformen kümmerten, und auch 
wirklich nicht kümmern konnten. In dieser Beziehung macht 
einer unserer ersten Zoologen, der geistvolle Fritz Müller, 
folgende treftende Bemerkung: „Wie es in christlichen Landen 
eine Katechismus-Moral giebt, die Jeder im Munde führt. Niemand 
zu befolgen sich verpflichtet hält, oder von anderen befolgt zu 
sehen erwartet, so hat auch die Zoologie ihre Dogmen, die man 
eben so allgemein bekennt, als in der Praxis verläugnet." („Für 
Darwin'', S. 71)'^). Ein solches vernunftwidriges, aber gerade 
darum mächtiges Dogma, und zwar das mächtigste von allen, 
war bis vor Kurzem das Linne'sche Species- Dogma. Obwohl 
die allermeisten Naturfor.scher demselben blindlings sich unter- 
warfen, waren sie doch natürlich niemals in der Lage, die Ab- 
stammung aller zu einer Art gehörigen Individuen von jener 
gemeinsamen, ursprünglich erschatfenen Stammform der Art nach- 
weisen zu können. Melmehr bedienten sich sowohl die Zoologen 
als die Botaniker in ihrer systematischen Praxis ausschliesslich 
der Form ahn lichkeit, um die verschiedenen Arten zu unter- 
scheiden und zu benennen. Sie .stellten in eine Art oder Species 
alle organischen Einzelwesen, die einander in der Formbildung 
sehr ähnlich oder fast gleich waren, und die sich nur durch sehr 
unbedeutende Formenunterschiede von einander trennen lie.ssen. 
Dagegen l)etrachteten sie als verschiedene Arten diejenigen Indi- 
viduen , welche wesentlichere oder auÖ"allendere Unterschiede in 
ihrer Körpergestaltung darboten. Natürlich war aber damit der 
grö.s.sten Willkür in der . systematischen Artunterscheidung Thür 
und Thor geölfnet. Denn da niemals alle Individuen einer Species 
in allen Stücken völlig gleich sind, vielmehr jede Art mehr oder 
weniger abändert (variirt). so vermochte Niemand zu sagen, 
welcher (Irad der Abänderung eine wirklich „gute Art", welcher 
(jrad bloss eine Spielart oder Rasse (Varietät) bezeichne. . 

Nnthwendig musste diese dogmatische Auffassung des Species- 



46 Cuviprs Definition der Species. JJI_ 

Begriffes und die damit verbuudeue Willkür zu den unlösbarsten 
Widersprüchen und zu den unhaltbarsten Annahmen führen. 
Dies zeigt sich deutlich schon bei demjenigen Naturforscher, 
welcher nächst Linue den grössten Einfluss auf die Ausbildung 
der Thierkunde gewann, bei dem berühmten George Cuvier 
(geb. 1769). Er schloss sich in »einer Auffas.suug und Bestim- 
mung des Species-Begrifi's im Ganzen an Linne an, und theilte 
seine Vorstellung von einer unabhängigen Erschaftung der ein- 
zelnen Arten. Die Unveränderlichkeit derselben hielt Cuvier 
für so wichtig, da.ss er sich bis zu dem thörichten Ausspruche 
verstieg: „die Beständigkeit der Species ist eine nothwendige 
Bedingung für die Existenz der wissenschaftlichen Naturgeschichte.'" 
Da Linne' s Dehnition der Species ihm nicht genügte, machte 
er den Versuch, eine genauere und für die systematische Praxis 
mehr verwerthbare Begritfs-Bestimmung derselben zu geben, und 
zwar in folgender Definition: ,.Zu einer Art gehören alle diejeni- 
gen Individuen der Thiere und der Pflanzen, welche entweder 
von einander oder von gemeinsamen Stammeltern bewiesener- 
masseu abstammen, oder 'welche diesen so ähnlich sind, als die 
letzteren unter sich.'" 

Cuvier dachte sich in dieser Beziehung ungefähr Folgendes: 
„Bei denjenigen organischen Individuen, von denen wir wissen, 
sie stammen von einer und derselben Elternform ab, bei denen 
also ihre gemeinsame Abstammung empirisch erwiesen ist, leidet 
es keinen Zweifel, dass sie zu einer Art gehören, mögen dieselben 
nun wenig oder viel von einander abweichen, mögen sie fast 
gleich oder sehr ungleich sein. Ebenso gehören dann aber zu 
dieser Art auch alle diejenigen Individuen, welche von den letz- 
teren (den aus gemeinsamem Stamm empirisch abgeleiteten) nicht 
mehr verschieden sind, als diese unter sich von einander ab- 
weichen.'" Bei näherer Betrachtung dieser Species -Definition 
Cuviers zeigt sich sofort, dass dieselbe weder theoretisch befrie- 
digend, noch practisch anwendbar ist. Cuvier fing mit dieser 
Definition bereits an, sich in dem Kreise herum zu drehen, in 
welchem fast alle folgenden Definitionen der Species im Sinne 
ihrer Unveränderlichkeit sich bewegt haben. 



|]} Cuvier als Beuri'indor der vt'igloii'lioiulen Anatomie. 47 

Hei der ausserordentlichen Bedeutung, welche George Cuvier 
für die organische Naturwissenschaft gewonnen hat, angesichts 
der fast unbeschränkten Alleinherrschaft, welche seine Ansichten 
während der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in der Thierkunde 
ausübten, erscheint es an dieser Stelle angemessen, seinen Ein- 
fluös noch etwas näher zu beleuchten. Es ist dies um so nöthiger, 
als wir in Cuvier den bedeutendsten (jegiuT der Abstammungs- 
Lehre und der monistischen Natur-Auffassung zu bekämpfen haben. 

Unter den vielen und grossen Verdiensten Cuviers stehen 
obenan diejenigen, welche er sich als Gründer der vergleichen- 
den Anatomie erwarb. Während Linne die Unterscheidung 
der Arten, Gattungen, Ordnungen und Classen meistens auf äussere 
Charaktere, auf einzehie, leicht auffindbare Merkmale in der Zahl, 
Grösse. Lage und Gestalt einzelner Körportheile gründete, drang 
Cuvier viel tiefer in das Wesen der Organisation ein. Er wies 
grosse und durchgreifende Verschiedenheiten in dem inneren Bau 
der Thiere als die wesentliche Grundlage einer wissenschaftlichen 
Erkenntuiss und Classification derselben nach. Er unterschied 
natürliche Familien in den Thierclassen und er gründete auf 
deren vergleichende Anatomie sein natürliches System des Tliier- 
reichs. 

Der Fortschritt von dem künstlichen System Linne's zu 
dem natürlichen System Cuviers war ausserordentlich bedeutend. 
Linne hatte sämmtliche Thiere in eine einzige Reihe geordnet, 
welche er in sechs Classen eintheilte, zwei wirbellose und vier 
Wirbelthierclassen. Er unterschied dieselben künstlich nach der 
Beschaflenheit des Blutes und des Herzeus. Cuvier dagegen 
zeigte, dass man im Thierreich vier grosse natürliche Haupt- 
abtheilungen unterscheiden müsse, welche er Hauptformen, Ge- 
neralpläne oder Zweige des Thierreichs nannte. Diese Embranche- 
ments sind: 1) die Wirbelthiere (Vertebrata), 2) die Gliederthiere 
(Articulata). S) die Weichthiere (Mollusca) und 4) die Strahl- 
thiere (Radiata). Cuvier wies ferner nach, dass in jedem dieser 
vier Zweige ein eigenthümlicher Bauplan oder Typus erkennbar 
sei, welcher denselben von jedem der drei andern Zweige unter- 
scheidet. Bei den Wirbelthieren ist derselbe durch die Beschatten- 



48 Untei Scheidung' der vier Hauptformen oder Typen des Thierreichs. JH. 

heit des inneren Skelets oder Knochen-Gerüstes, sowie durch den 
Bau und die Lage des Rückenmarks, abgesehen von vielen ande- 
ren Eigenthürnlichkeiten, bestimmt ausgedrückt. Die Gliederthiere 
werden durch ihr Bauchmark und ihr Rückeuherz charakterisirt. 
Für die Weichthiere ist die sackartige, ungegliederte Körperform 
bezeichnend. Die Strahlthiere endlich unterscheiden sich von 
den drei anderen Hauptformen durch die Zusammensetzung ihres 
Körpers aus vier oder mehreren, strahlenförmig vereinigten Haupt- 
abschnitten (Parameren). 

Man pflegt gewöhnlich die Unterscheidung dieser vier thie- 
rischen Hauptformen, welche ungemein fruchtbar für die weitere 
Entwickelung der Zoologie wurde, Cuvier allein zuzuschreiben. 
Indessen wurde tierselbe Gedauke fast gleichzeitig, und unabhängig 
von Cuvier, von einem der grössten deutschen Naturforscher aus- 
gesprochen, von Baer. welcher um die Entwickelungs-Geschichte 
der Thiere sich die hervorragendsten Verdienste erwarb. Baer 
zeigte, dass man auch in der Entwickelungsweise der Thiere vier 
verschiedene Hauptformen oder Typen unterscheiden müsse ^''). 
Diese entsprechen den vier tliierischen Bauplänen, welche Cuvier 
auf Grund der vergleichenden Anatomie unterschieden hatte. So 
z. B. stimmt die individuelle Entwickelung aller Wirbelthiere aus 
tlem Ei in ihren Grundzügen von Anfang an so sehr überein, dass 
man die Keimanlagen oder Embryonen der verschiedenen Wirbel- 
thiere (z. B. der Reptilien, Yögel und Säugethiere) in der frühesten 
Zeit gar nicht unterscheiden kann. Erst im weiteren A'erlaufe 
der Entwickelung treten allmählich die tieferen Formunterschiede 
auf, welche jene verschiedenen Classen und deren Ordnungen von 
einander trennen. Ebenso ist die Körperanlage, welche sich bei 
der individuellen Entwickelung der Gliederthiere (Insekten, Spinnen, 
Krebse) ausbildet, von Anfang an bei allen Gliederthieren im 
Wesentlichen gleich, dagegen verschieden vou derjenigen aller 
Wirbelthiere. Dasselbe gilt mit gewissen Einschränkungen von 
den Weichthieren und von den Strahlthieren. 

Weder ]3aer, welcher auf dem Wege der individuellen Ent- 
wickelungs-Ge.schichte (oder Ontogenie), noch Cuvier, welcher 
auf dem AVese der veriileichenden Anatomie zur Unterscheidung 



IJJ^ Stammverwancltschaft aller Tliiere eines Typus. 49 

der vier tliierischeii Typen oder Iltuiptrormeii gelangte, erkannte 
die wahre Ursache dieses typischen Unterschiedes. Diese wird 
uns nur durch die Abstaniniuugs-Lehre enthüllt. Die wunderbare 
und wirklich überras(diende Aehnlichkeit in der inneren Organi- 
sation, in den anatomischen Structur- Verhältnissen, und die noch 
merkwürdigere Uebereinstimmung in der individuellen Entwickelung 
bei allen Thieren, welche 7ai einem und demselben Typus, z. B. 
zu dem Zweige der Wirbelthiere gehören, erkliirt sich in der ein- 
fachsten Weise durch die Annahme einer gemeinsamen Abstam- 
mung derselben von einer einzigen Stammform. Entschliesst man 
sich nicht zu dieser Annahme, so bleibt jene durchgreifende Ueber- 
einstimmung der verschiedensten Wirbelthiere im inneren Bau 
und in der Entwickelungsweise vollkommen unerklärlich. Sie 
kann nur durch die Vererbung erklärt werden. 

Nächst der vergleichenden Anatomie der Thiere und der durch 
diese neu begründeten systematischen Zoologie, war es besonders 
die Versteinerungskunde oder Paläontologie, um welche 
sich Cuvier die grössten Verdienste erw^arb. Wir müssen dieser 
um so mehr gedenken, als gerade die paläontologischen und die 
damit verbundenen geologischen Ansichten Cuviers in der ersten 
Hälfte unseres Jahrhunderts sich fast allgemein im höchsten An- 
sehen erhielten, und der Entwickelung der natürlichen Schöpfungs- 
Gescliichte die grössten Hindernisse entgegenstellten. 

Die Versteinerungen oder Petrefacten, deren wissen- 
schaftliche Kenntniss Cuvier im Anfange unseres Jahrhunderts 
in umfassendstem Masse förderte und für die Wirbelthiere ganz 
neu begründete, spielen in der „natürlichen Schöpfungs-Geschichte" 
eine hervorragende Rolle. Denn diese in versteinertem Zustande 
uns erhaltenen Reste und Abdrücke von ausgestorbenen Thieren 
und Pflanzen sind die wahren „D enkmünzen der Schöpfung", 
die untrüglichen und unanfechtbaren Urkunden, welche für eine 
Avahrhaftige Geschichte der Organismen die unerschütterliche 
Grundlage bilden. Alle versteinerten oder fossilen Reste und Ab- 
drücke berichten uns von der Gestalt und dem Bau solcher Thiere 
und Pflanzen, welche entweder die Urahnen und die Voreltern der 
jetzt lebenden Organismen sind, oder aber ausgestorbene Seiten- 

Haeckel, Xatiirl. Schöpfiings-Ciescli. 8. .•VuH. 4 



50 Frühere Ansichten von der Natur der Tersteinerungen. JH. 

linien, die sich von einem gemeinsamen Stamme mit den jetzt 
lebenden Ori^^anismon fnilier oder später abgezweigt haben. 

Diese unschätzbar werthvollen Urkunden der Schöpfungs-Ge- 
schichtc haben sehr hmge Zeit hindurch eine liöclist untergeordnete 
Rolle in der Wissenschaft gespielt. Allerdings wurde die wahre 
Natur derselben schon mehr als ein halbes Jahrtausend vor Christus 
ganz richtig erkannt, und zwar von dem grossen griechischen 
Philosophen Xenophanes von Kolophon, demselben, welcher 
die sogenannte eleatische Philosophie begründete und zum ersten 
Male mit überzeugender Schärfe den Bewi'is führte, dass alle Vor- 
stellungen von persönlichen Göttern nur auf mehr oder weniger 
grobe Anthropomorphismen (Verraeuschlichungen) hinauslaufen. 
Xenophanes stellte zum ersten Male die Behauptung auf, dass die 
l'ossikMi Abdrücke von Thieren und Pflanzen wirkliche Peste von 
vormals lebenden (ieschöpfen seien, und (hiss die Berge, in deren 
Gestein man sie findet, früher unter Wasser gestanden haben 
müssten. Aber obschon auch antlere gro.sse Philosophen des Alter- 
thums, und unter diesen namentlich Aristoteles, jene richtige 
Erkenntniss theilten, blieb deimoch während des rohen Mittelaltei'.s 
allgemein, und bei vielen Xaturforschern selbst noch im vorigen 
.lahihunik^rt, die Ansicht heirschend, dass die Versteinerungen 
sogenannte Naturspiele seien (Iaisus naturae), oder Producte einer 
unl)ekannten Bildungskraft der Natur, eines Gestaltungstriebes 
(Nisus formativus, Ais plastica). Ueber das A\ esen und die Thätig- 
keit dieser räthselhaften und mystischen Biidungskraft machte man 
sich die abenteuerlichsten A ui'stcllungen. Einige ghiubten, dass 
diese l)ihlen(U' Schöpfungskraft, dieselbe, (h'r sie aucli die Ent- 
steluing dei' lebenden Thier- und Ptlanzenartcn zuscIu'ielxMi, zahl- 
reiche \ ersuche gemacht halie, Organismen verschiedener Form 
zu schallVn: diese Versuche seien alter nur theilweise gelungen, 
häullg fehlgeschlagen, und solche missglückte Versuche seien die 
Versteinerungen. Nach Anderen sollten die Petrefacten durch 
den Einfluss der Sterne im Innern der Erde entstehen. Andere 
uiachten sich eine noch gröbere Vorstellung, dass nämlich der 
Schöpfer zunächst aus mineralischen Substanzen, z. B. aus Kalk 
oder Thon, vorläufige Modelle von denjenigen Plhuizen- und Thier- 



in. Friilieie Ansichten von der Natiu- der Versteinerungen. 51 

formen gemacht habe, die er später in organischer Substanz aus- 
liihrte, und denen er seinen lebendigen Odem einhauchte; die 
Petrel'acten seien solche rohe, auorgischo Modelle. Selbst noch 
im Yoi'igcn Jalirhundert waren solche rohe Ansichten verbreitet, 
und es \vnrde z. ß. eine besondere „Samenluft" (Aura seminalis) 
angenommen, welche mit dem Wasser in die Erde dringe und 
durch Befruchtung der Gesteine die Petrefacten, das „Steinfleisch" 
(Caro fossilis) bilde. 

Sie sehen, es dauerte gewaltig lange, ehe die einfache und 
naturgemässe Vorstellung zur Geltung gelangte, dass die Verstei- 
nerungen wirklich nichts Anderes seien, als das, was schon der 
einfache Augenschein lehrt: die unverweslichen Ueberbleibsel von 
gestorbenen Organismen. Zwar wagte der berühmte Maler Leo- 
nardo da Vinci schon im fünfzehnten Jahrhundert zu behaupten, 
dass der aus dem \Vasser beständig sich absetzende Schlamm die 
Ursache der Versteinerungen sei, indem er die auf dem Boden 
der Gewässer liegenden unverweslichen Kalkschalen der Muscheln 
und Schnecken umschliesse, und allmählich zu festem Gestein 
erhärte. Das Gleiche behauptete auch im sechzehnten Jahrhundert 
ein Pariser Töpfer, Palissy, welcher sich durch seine Porzellau- 
erfindung berühmt machte. Allein die sogenannten „Gelehrten 
von Fach" waren weit entfernt, diese richtigen Aussprüche des 
einfachen gesunden Menschenverstandes zu würdigen, und erst 
gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, während der Begründung 
der neptunistischen Geologie durch ^\'erner, gewannen dieselben 
allgemeine Geltung. 

Die Begründung der strengeren wissenschaftlichen Paläonto- 
logie fällt jedoch erst in den Anfang unseres Jahrhunderts, als 
Cuvier seine classischen Untersuchungen über die versteinerten 
AVirbelthiere, und sein grosser Gegner Lamarck seine bahn- 
brechenden Forschungen über die fossilen wirbellosen Thiere, 
namentlich die versteinerten Schnecken und .Muscheln, verölfent- 
lichte. In seinem berühmten Werke „über die fossilen Knochen" 
der Wirbelthiere, insbesondere der Säugethiere und Reptilien, ge- 
laugte Cuvier bereits zur Erkeuntniss einiger sehr wichtigen, 
allgemeinen, paläontologischen Gesetze, welche für die Schöpfungs- 

4* 



/ 



52 Regriinclung- der Paläontologie oder Versteinerungsknncle. Uf. 

Geschichte grosse Bedeutung gewannen. Dahin gehört vor Allen 
der Satz, dass die ausgestorbenen Thierarten, deren Ueberbleibsel 
wir in den verschiedenen, über einander liegenden Schichten der 
Erdrinde versteinert vordiiden, sich um so aufl'allender von den 
jetzt noch lebenden verwandten Thierarten unterscheiden, Je tiefer 
jene Erdschichten liegen, d. h. je früher die Thiere in der Vorzeit 
lebten. In der That finden wir bei jedem senkrechten Durch- 
schnitt der geschichteten Erdrinde, dass die verschiedenen, aus 
tlem A\' asser in bestimmter historischer Keihenfolge abgesetzten 
Erdschichten durch verschiedeue Petrefacten charakterisirt sind; 
und wir finden ferner, dass diese ausgestorbenen Organismen den- 
jenigen der (icgenwart um so ähiiliclu'r werden, je weiter wir in 
tler Sehichtenfolge aufwärts steigen, d. h. je jünger die Periode der 
Erdgeschiclite war, in der sie lebten, starben, und von den ab- 
gelagerten und erhärtenden Schlanimschichten umschlossen wurden. 
So wichtig diese allgemeine ^V^ahrnehmung Cuviers einer- 
seits war, so wurde sie doch andrerseits lur ihn die Quelle eines 
folgenschweren Irrthums. Denn indem er die charakteristischen 
Versteinerungen jeder einzelnen grösseren Schichtengruppe, welche 
während eines Hauptabschnittes der Erdgeschichte abgelagert wurde, 
für gänzlich verschieden von denen der darüber und der darunter 
liegenden Schichtengruppe hielt, glaubte er irrthümlicli, dass nie- 
mals eine und dieselbe Thierart in zwei auf einaiuh'r folgenden 
Schichtengruppen sich vorfinde. So gelangte er zu der falschen, 
für die meisten nachfolgenden Natui'forscher massgebenden Vor- 
stellung, dass eine Peihe von ganz verschiedenen Schöpfungs- 
i'erioden auf einander gefolgt sei. Jede Periode sollte ihre ganz 
besondere Thier- und Pflanzenwelt, eine ihr eigenthümliclie, spe- 
cihsche Fauna und Flora besessen haben. Cuvier stellte sich 
vor, dass die ganze Geschichte der Erde seit der Zeit, seit welcher 
überhaupt lebende Wesen auf der Erdrinde auftraten, in eine 
Anzahl vollkommen getrennter Perioden oder Hauptabschnitte 
zerfalle, und dass die einzelnen Perioden durch eigenthümliclie 
Umwälzungen unbekannter Natur, sogenannte Revolutionen (Kata- 
klysmen oder Katastrophen) von einander geschieden seien. Jede 
Revolution hatte zunächst die uänzliche Vernichtung dei- damals 



I 



[IJ. (.'uvicrs IlY|Kitlie-.o von dtMi frotreniitoii Pcridden iler Erdg-cschichle. 53 

lohenden Tliier- uiul Pilaiizeiiwolt zur Fnlgo, und nach ihrer Been- 
(liüun.ü' fand eine vulLständig neue Schöpfung der organischen 
Können statt Eine neue Welt von Thieren und IMlanzcn, durch- 
wog specifisch verschieden von denen di-r voi'hergehenden Gc- 
schichts-Periode, "wurde mit einem Male in das Leben gerufen. 
])iese hevölkerte nun wieder eine Keihe von Jahrtausenden hin- 
(lui'ch den Erdball, bis sie plötzlich dui-ch den Eintritt einer 
neuen Revolution zu Grunde ging. 

Von dem A\'esen und den Uj-sachen dieser Hevolutionen sagte 
("uvier ausdrücklich, dass man sich keine Vorstellung darüber 
machen könne, und dass die jetzt wirksamen Kriifte der Natur 
zu einer Erkliirung derselben nicht ausreichten. Als natürliche 
Kräfte oder mechanische Agentien, welche in der Gegenwart be- 
ständig, obwohl langsam, an einer Umgestaltung der Erdoberfläche 
arbeiten, führt Cuvier vier wirkende Ursachen auf: erstens den 
Hegen, welcher die steilen Gebirgsabhänge abspült und Schutt 
an deren Fuss anhäuft; zweitens die fliessenden Gewässer, 
welche diesen Schutt fortführen und als Schlamm im stehenden 
Wasser absetzen; drittens das Meer, dessen Brandung die steilen 
Küstenränder abnagt, und an flachen Küstensäumen Dünen auf- 
wirft; und endlich viertens die Vulkane, welche die Schichten 
der erhärteten Erdrinde durchbrechen und in die Höhe heben, 
und welche ihre Auswurfsproducte aufhäufen und umherstreueu. 
AVährend Cuvier die beständige langsame Umbildung der gegen- 
wärtigen Erdoberfläche durch diese vier mächtigen Ursachen an- 
erkennt, behauptet er gleichzeitig, dass dieselben nicht ausgereicht 
haben könnten, um die Erdrevolutionen der Vorzeit auszuführen, 
und dass man den anatomischen Bau der ganzen Erdrinde nicht 
durch die nothwendige AVirkung jener mechanischen Agentien 
erklären könne: vielmehr miissten jene wunderbaren, grosse Um- 
wälzungen der ganzen Erdoberfläche durch eigenthümliche, uns 
gänzlich unbekannte Ursachen bewirkt worden sein; der gewöhn- 
liche Entw ickelungsfaden sei durch diese Revolutionen völlig zer- 
rissen, der Gang der Natur verändert. 

Diese Ansichten legte Cuvier in einem besonderen, auch 
ins Deutsche übersetzten Buche nieder: „Ueber die Revolutionen 



54 Cuviers Hypothese von den Revolutionen der Erdoberfläche. IH. 

der Erclobei-fläche, und die Yeräuderungen, welche sie im Tliier- 
reich hervorgebracht haben". Sie erhielten sich lange Zeit hin- 
durch in allgemeiner Geltung und wurden das grösste Hinderniss 
für die Entwickelung einer natürlichen Schöpfungs- Geschichte. 
Denn wenn wirklich solche, Alles vernichtende Katastrophen 
existirt hatten, so war natürlich eine Continuität der Arten-Ent- 
wickelung, ein zusammenhängender Faden der organischen Erd- 
Geschichte gar nicht anzunehmen, und man musste dann seine 
Zuflucht zu der Wirksamkeit übernatürlicher Kräfte, zum Eingriff 
von Wundern in den natürlichen Gang der Dinge nehmen. Nur 
durch Wunder konnten die Revolutionen der Erde herbeigeführt 
sein, und nur durch Wunder konnte nach deren Aufhören, am 
Anfange jeder neuen Periode, eine neue Thier- und Pflanzenwelt 
geschaff"en sein. Für das Wunder hat aber die Naturwissenschaft 
nirgends einen Platz, sofern man unter Wunder einen Eingriff 
übernatürlicher Kräfte in den natürlichen Entwickelungsgang der 
Materie versteht. 

Die grosse Autorität, welche sich Linne durch die syste- 
matische Unterscheidung und Benennung der organischen Arten 
gewonnen, hatte bei seinen Nachfolgern zu einer völligen Verknöche- 
rung des dogmatischen Speciesbegrifl's, und zu einem wahren 
Missbrauche der systematischen Artunterscheidung geführt; ebenso 
wurden die grossen Verdienste, welclie sich Cuvier um Kennt- 
niss und Unterscheidung der ausgestorbenen Arten erworben hatte, 
die Ursache einer allgemeinen Annahme seiner Revolutions- oder 
Katastrophen-Lehre, und der damit verbundenen grundfalschen 
Schöpfungs-Ansichten. In Folge dessen hielten während der ersten 
Hälfte unseres Jahrhunderts die meisten Zoologen und Botaniker 
an der Ansicht fest, dass eine Reihe unabhängiger Perioden der 
organischen Erdgeschichte existirt habe; jede Periode sei durch 
eine bestimmte, ihr ganz eigenthiiniliche Bevölkerung von Thier- 
und Pflanzenarten ausgezeichnet gewesen: diese sei am Ende der 
Periode durch eine allgemeine Revolution vernichtet, und nach 
dem Aufhören der letzteren wiederum eine neue, spccifisch ver- 
schiedene Thier- und Pflanzenwelt erschaffen worden. Zwar mach- 
ten schon frühzeitig einzelne selbstständig denkende Köpfe, vor 



JIJ. Cuviers Hypothese vuii den Revolutionen dev Erdoberfläche. 55 

Allen der grosse Natiirplülüsupli Laraarck, eine Reihe von ge- 
wichtigen Gründen geltend, welche diese Katastrophen -Theorie 
Cuviers widerlegten, und welche vielmehr auf eine ganz zusam- 
menhängende und ununterbro(diene Entwickelungs-Goschichte der 
g?sammten organischen Erdbevölkerung aller Zeiten hinwiesen. 
Sie behaupteten, dass die Thier- und Pflanzenarten der einzelnen 
Perioden von denen der nächst vorhergehenden Periode abstam- 
men und nur die veränderten Nachkommen der letzteren seien. 
Indessen der grossen Autorität Cuviers gegenüber vermochte da- 
mals diese richtige Ansicht noch nicht durchzudringen. Ja selbst 
nachdem durch Lyells 1830 erschienene, classische „Principien 
der Geologie" die Katastrophen-Lehre Cuviers aus dem Gebiete 
der Geologie gänzlich verdrängt worden war, blieb seine Ansicht 
von der specifischen Verschiedenheit der verschiedenen organi- 
schen Schöpfungen trotzdem auf dem Gebiete der Paläontologie 
noch vielfach in Geltung. 

Durch einen seltsamen Zufall geschah es vor dreissig Jahren, 
dass fast zu derselben Zeit, als Cuviers Schöpfungs-Geschichte 
durch Darwins Werk ihren Todesstoss erhielt, ein anderer be- 
rühmter Naturforscher den Versuch unternahm, dieselbe von 
Neuem zu begründen, und in schroffster Form als Theil eines 
teleologisch-theologischen Natursystems durchzuführen. Der Schwei- 
zer Geologe Louis Agassiz nämlich, welcher durch seine von 
Schimper und Charpentier entlehnten Gletscher- und Eiszeit- 
Theorien einen hohen Ruf erlangt hat, und welcher eine Reihe 
von Jahren in Nordamerika lebte (gestorben 1873), begann 1858 
die Veröllentlichung eines grossartig angelegten Werkes, welches 
den Titel führt: „Beiträge zur Naturgeschichte der vereinigten 
Staaten von Nordamerika". Der erste Band dieser Naturge- 
schichte, welche durch den Patriotismus der Nordamerikaner eine 
für ein so grosses und kostspieliges \Verk unerhörte Verbreitung 
erhielt, führt den Titel: „Ein A^'ersuch über Classification". 
Agassiz erläutert in diesem Versuche nicht allein das natürliche 
System der Oi-ganismcn und die verschiedenen darauf abzielen- 
den Classifications- Versuche der Naturforscher, sondern auch alle 
allgemeinen biologischen Verhältnisse, welche darauf Bezug haben. 



56 Teleologi.sihe.s Xatursystein von Agassiz. [H. 

Die Eiitwickeluiig clor Urgaui.sraeii, und zwar «owulil die embrvo- i 
logische als die paläoiitolügische, die Thatsaclicii der verglei- 
chenden Anatomie, sodann die allgemeine Oeconumie der Natur, 
die geographische und topographische Verbreitung der Thiere und 
Pflanzen, kurz fast alle allgemeinen Erscheinungsreihen der orga- 
nischenNatur, kommen in dem Classifications- Versuche vonAgassiz 
zur Besprechung; sie werden siimmtlich in einem Sinne und von ) 
einem Standpunkte aus erläutert, welcher demjenigen Darwins 
auf das Schroffste gegenüberstellt. 

Das liauptvei-dienst Darwins besteht darin, n a t ii i'lifhe 
Ursachen liir die Entstehung der Thier- und Ptlanzenarten nach- 
zuweisen, uiul somit die mechanische oder monistische \Veltan- 
schauung auch auf diesem schwierigsten Gebiete der Schöpfungs- 
Geschichte geltend zu machen. Agassi z hingegen ist überall 
bestrebt, jeden mechanischen Vorgang aus diesem ganzen Gebiete 
völlig auszuschliessen und überall den übernatürlichen Ein- 
griff eines persönlichen Schöpfers an die Stelle der natürlichen 
Kräfte der Materie zu setzen, mithin eine entschieden teleologische 
oder dualistische \>'eltanschauung zur Geltujig zu bringen. Schon 
aus diesem Grunde ist es gewiss angemessen, wenn ich hier 
auf die biologischen An.sichten von Agassiz, und insbesondere 
auf seine Scliöpfungs-Vorstellungen, etwas näher eingehe. Dies 
lohnt sich um so mehr, als kein anderes ^\evk unserer Geg- 
ner jene wichtigen allgemeinen Grundfragen mit gleicher Aus- 
fülu-lichkeit behandelt, und als zugleich die völlige Unhaltl)ar- 
keit ihrer dualistischen ^^'e]tanschauung sich daraus auf das 
Klarste ergiebt. 

Die organische Art oder Species, deren verschiedenartige 
Auffassung wir oben als den eigentlichen Angelpunkt der entge- 
gengesetzten Schöpfungs- Ansichten bezeichnet haben, Avird von 
Agassiz, ebenso wie von Cuvier und Linne, als eine in allen 
wesentlichen Merkmalen unveränderliche Gestalt angesehen; zwar 
können die Arten innerhalb enger Grenzen abändern oder vari- 
ircn. aber nur in unwesentlichen, niemals in wesentlichen Eigen- , 
thümlichkeiten. Niemals können aus den Abänderungen oder ' 
A" arietäten einer Art wirklich neue Species hervorgehen. Keine 



[]J_ Agassi/,' Ausicliteu mju der Ait mler Species. 57 

von allen organischen Arten staniuit also jemals von einer an- 
deren ab, vielmehr ist jede einzelne lilr sich von Gott geschaf- 
fen worden. Jede einzelne Tliierart ist, wie sich Agassi z aus- 
drückt, ein verkörperter 8c]iöpl'uims-(icdaiik(^ Clottes. 

Durch die paläontologisclien Erfahrungen wissen wir, das.s 
die Zeitdauer der einzelnen organischen Ai'ten eine linclist un- 
gleiche ist, und (hiss viele Species unverändert dui'ch mehrere 
aufeinantler folgende Perioden der Erdgeschichte hindurchgehen, 
während Andere nur einen kleinen liruchtheil einer solchen Pe- 
riode dnrchlebten. In schrolfem Gegensatze zu dieser Thatsache 
behauptet Agassiz, dass niemals eine und dieselbe Species in 
zwei vei'schiedene Perioden vorkomme, dass vielmehr jede ein- 
zelne Periode durch eine ganz cigenthümliche, ihr ausschliesslich 
ungehörige Bevölkerung von Thier- und. Pllanzenarten charakteri- 
sirt sei. Er theilt i'erner Cuviers Ansicht, dass durch die grossen 
und allgemeinen Revolutionen der Erdol)erfläclie, am Ende einer 
jeden Periode, deren ganze Bevölkerung vernichtet, und nach 
deren Untergang eine neue, davon specilisch verschiedene geschaf- 
fen wurde. Diese IS euschöpfung lässt Agassiz in der Weise 
geschehen, dass jedesmal die gesammte Erdbevölkerung in ihrer 
durchschnittlichen Individuenzahl und in den der Oeconomie der 
Natur entsprechenden Wechselbeziehungen der einzelnen Arten 
vom Schöpfer als Ganzes plötzlich in die Welt gesetzt worden 
sei. Hiermit tritt er einem der bestbegründeten und wichtigsten 
(iesetze der Thier- und PHanzengeographie entgegen, dem Gesetze 
nämlich, dass jede Species einen einzigen ursprünglichen Ent- 
stehungsort oder einen sogenannten Schöpfungs-Mittelpunkt besitzt, 
von dem aus sie sich über ihren Bezirk allmählich verbreitet hat. 
Statt dessen lässt Agassiz jede Species an verschiedenen Stellen 
der Erdoberfläche und sogleich in einer grösseren Anzahl von In- 
dividuen geschaffen werden. 

Das natürliche System der Organismen, dessen ver- 
schiedene über einander geordnete Gruppenstufen oder Kategorien, 
die Zweige, Classen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten, 
wir der Abstammungs- Lehre gemäss als verschiedene Aeste und 
Zweige des gemeinschaftlichen organischen Stammbaumes 



58 Agassiz' Ansichten vom luiti'irlichen Systeme der Organismen. Uf. 

betrachten, ist nach Agassiz der unmittelbare Ausdruck des 
göttlichen Schöpfungsplanes; indem der Naturforscher das natür- 
liche System erforscht, denkt er die Schöpfungs-Gedankeu Gottes 
nach. Hierin findet Agassiz den kräftigsten Beweis dafür, dass 
der Mensch das Ebenbild und Kind Gottes ist. Die verschiedenen 
Gruppenstufen oder Kategorien des natürlichen Systems ent- 
sprechen den verschiedenen Stufen der Ausbildung, welche der 
göttliche Schöpfungsplan erlangt hatte. Beim Entwurf und bei 
der Ausführung dieses Planes vertiefte sich der Schöpfer, von 
allgemeinsten Schöpfungsideen ausgehend, immer mehr in die 
besonderen Einzelheiten. Was also z. B. das Thierreich betrifft, 
so hatte Gott bei dessen Schöpfung zunächst vier grundverschie- 
dene Ideen vom Thierkörper, welche er in dem verschiedenen 
Bauplane der vier grossen llauptformen, Typen oder Zweige des 
Thierreichs verkörperte, in den Wirbelthieren , Gliederthieren, 
AVeichthiercn und Strahlthieren. Indem nun der Schöpfer dar- 
iiber nachdachte, in welcher Art und Weise er diese vier ver- 
schiedenen Baupläne mannichfaltig ausführen könne, schuf er 
zunächst innerhalb jeder der vier llauptformen mehrere verschie- 
dene Classen, z. B. in der Wirbelthierform die Classen der Säuge- 
thiere, Vögel, Reptilien, Aniphil)ien und Fische. Weiterhin ver- 
tiefte .sich dann Gott in die einzelnen ('lassen und brachte durch 
verschiedene Abstufungen im Bau jeder Classe deren einzelne 
Ordnungen hervor. Durch weitere Variation der Ordnungsform 
erschuf er die natürlichen Familien. Indem der Schöpfer ferner 
in jeder Familie die letzten Structur-Eigenthümlichkeiteu einzelner 
Theile variirte, entstanden die Gattungen oder Genera. Endlich 
zuletzt ging Gott im weiteren Ausdenken seines Schöpfungsplanes 
so sehr ins Einzelne, dass die einzelnen Arten oder Species ins 
Leben traten. Diese sind also die verkörperten Schöpfungs- 
Gedanken der .speciellsten Art. Zu bedauern ist dabei nur, dass 
der Schöpfer diese seine speciellsten und am tiefsten durch- 
gedachten „Schöpfungs-Gedanken" in so sehr unklarer und lockerer 
Form ausdrückte und ihnen einen so verschwommenen Stempel 
aufprägte, eine so l'reie Variations-Erlaubniss mitgab, dass kein 
einziger Naturforscher im Stande ist, die „guten" von den 






IJI, Agassi/.' Ansichten vom Seli«"])fnngspl;ine. 59 

„schlechten Arten", die ecliten „Species" von den Spielarten, 
Varietäten, Rassen ii. s. w. scharf zai unterscheiden. 

Sie sehen, der Schöpfer verführt nach Agassi// Vorstellung 
beim Hervorbringen der organischen Formen genau ebenso wie 
ein menschlicher Bauknnstler, der sich die Aufgabe gestellt hat, 
möglichst viel verschiedene Bauwerke, zu möglichst mannich- 
faltigen Zwecken, in möglichst abweichendem Style, in möglichst 
verschiedenen Graden der Einfachheit, Pracht, Grösse und Voll- 
kommenheit auszudenken und auszuführen. Dieser Architekt 
würde zunächst vielleicht für alle diese Gebäude vier verschiedene 
Style anwenden, etwa den gothischen, byzantinischen, maurischen 
und chinesischen Styl. In jedem dieser Style Avürde er eine 
Anzahl von Kirchen, Palästen, Kasernen, Gefängnissen und Wohn- 
häusern bauen. Jede dieser verschiedenen Gebäudeformen würde 
er in roheren und vollkommneren, in grösseren und kleineren, 
in einfachen und prächtigen Arten ausführen u. s. w. Jedoch 
wäre der menschliche Architekt vielleicht noch besser als der 
göttliche Schöpfer gestellt, insofern ihm in der Anzahl der Grup- 
penstufen alle Freiheit gelassen wäre. Der Schöpfer dagegen 
darf sich nach Agassiz immer nur innerhalb der genannten sechs 
Gruppenstufen oder Kategorien bewegen, innerhalb der Art, Gat- 
tung, Familie, Ordnung, Classe und Typus. Mehr als diese sechs 
Kategorien giebt es für ihn nicht. 

Wenn Sie in Agassiz' Werk über die Classification selbst 
die weitere Ausführung und Begründung dieser seltsamen An- 
sichten lesen, so werden Sie kaum begreifen, wie man mit allem 
Anschein wissenschaftlichen Ernstes die Vermenschlichung (den 
Anthropomorphisraus) des göttlichen Schöpfers so weit treiben, 
\und eben durch die Ausführung im Einzelnen bis zum verkehr- 
/ testen Unsinn ausmalen kann. In dieser ganzen Vorstellungsreihe 
ist der Schöpfer weiter nichts als ein allmächtiger Mensch, der, 
von Langeweile geplagt, sich mit dem Ausdenken und Aufbauen 
möglichst mannichfaltiger Spielzeuge, der organischen Arten, be- 
lustigt. Nachdem er sich mit denselben eine Reihe von Jahr- 
tausenden hindurch unterhalten, wird er ihrer überdrüssig; er 
vernichtet sie durch eine allgemeine Revolution der Erdoberfläche, 



60 Agassi/." Ansichten vom Schöjifer und von der Solnipfung. HJ. 

indem er das ganze unnütze Spielzeug in Haufen zusammenwirft: 
dcinn ruft er, um sich mit etwas Neuem und Besserem die Zeit 
zu vertreiben, eine neue und volliiommnere Thier- und Pflanzen- 
welt ins ficben. Um jedoch nicht die Mühe der ganzen Schöpfungs- 
Aibeit von Aorn anzufangen, behiilt er immer den einmal aus- 
gedachten Schöpfungsphin im (irossen und (lanzen bei, und schafft 
nur lauter neue Arten, oder höchstens neue (Jattungen, viel 
seltener neue Familien, Ordnungen oder gnr Classen. Zu einem 
neuen Typus oder Style bringt er es nie. Dabei bleibt er immer 
streng inneihrdb jener sechs Kategorien oder (Jruppenstafen. 

Nachdem der Schöpfer so mich Agassiz' Ansicht Millioiuni 
von Jahrtausenden hindurch sich mit dem Aufbauen und Zer- 
stören einer Reihe verschiedener Schöpfungen unterhalten hatte, 
kömmt er endlich zuletzt — obwohl sehr spät! — auf den guten 
Gedanken, sich seinesgleichen zu erschaffen, und er formt den 
Menschen nach seinem Ebenbilde! Hiermit ist das Endziel aller 
Schöpfungs-Geschichte erreicht und die Reihe der Erdrevolutionen 
abgeschlossen. Der Mensch, das Kind und Ebenbild Gottes, giebl 
demsel!)en so viel zu thun, macht ihm so viel Vergnügen und 
Mühe, dass er nun niemals mehr Langeweile hat, und keine neue 
Schöpfung mehr eintreten zu lassen braucht. Wenn man einmal 
in der Weise, wie Agassiz, dem Schöpfer durchaus menschliche 
Attribute und Eigenschaften beilegt, und sein Schöpfungswerk 
durchaus analog einer menschlichen Schöpfungs-Thiitigkeit be- 
trachtet, so ist man nothwondig auch zur Annahme dieser ganz 
absurden Cousequenzen gezwungen. 

Die vielen inneren Widersprüche und die auffallenden Ver- 
kehrtheiten der Schöpfungs- Ansichten von Agassiz, welche ihn 
nothwendig zu dem entschiedensten Widerstand gegen die Ab- 
stammimgs - Lehre führten, müssen um so mehr unser Erstaunen 
erregen, als deiselbe durch seine früheren naturwissenschaftlichen 
Arbeiten in vieler Beziehung thatsächlich Darwin voi'gearbeitet 
hat, insbesondere durch seine Thätigkeit auf dem pahiontologischen 
Gebiete. Unter den zahlreichen Untersuchungen , welche der 
jungen Paläontologie schnell die allgemeine Theilnahme erwarben, 
schliessen sich diejenigen von Agassiz, namentlich das berühmte 



IJJ, Paläniitolofjische Kntwickolungs-Geschichte von Agassiz. ßl 

"Wei'k „über die fossilen Fische", /.uiiächst ebenbürtig an die 
gniiulieiieiuleu Arbeiten von Cuvier ;in. Nicht allein halben 
die versteinerten Fische, mit denen uns Agassiz liekannt machte, 
eine ausserordentlich hohe Bedeutung für das Verständniss der 
gany.en Wirbelthier-(iruppe und ihrer geschichtlichen Entwicke- 
lung gewonnen; sondern wir sind dadurch auch zur sicheren 
Erkenntniss wichtiger allgemeiner Entwickelungs-Gesetze gelangt. 
Insbesondere hat Agassi/, mit besonderem Xiiclubuck auf den 
merkwürdigen Parallelismus zwischen der end)ryonalen und der 
paläontologischen Entwickelung, zwischen der Ontogonie und 
Phylogenie hingewiesen. Diese bedeutungsvolle Uebereinstimmung, 
welche bereits die ältere Naturphilosophie erkannte, habe ich 
sclion vorhin (8. 10) als eine der stärksten Stützen für die Ab- 
stammungs-Lehre in Anspruch genommen. Niemand hatte vorher 
so bestimmt, wüe es Agassiz that, hervorgehoben, dass von den 
AVirbelthieren zuerst nur Fische allein existirt haben, dass erst 
später Amphibien auftraten, und dass erst in noch viel späterer 
Zeit Vögel und Säugethiere erschienen; dass ferner von den 
Säugethieren, ebenso wie von den Fischen, anfangs unvollkoinm- 
nere, niedere Ordnungen, später erst voUkommnere und höhere 
auftraten. Agassiz zeigte mithin, dass die paläontologische 
Entwickelung der ganzen Wirbelthier-llruppe nicht allein der 
embryonalen parallel sei, sondern auch der systematischen Ent- 
wickelung, d. h. der Stufenleiter, welche wir überall im System 
von den niederen zu den höheren Classen, Ordnungen u. s. w. 
aufsteigend erblicken. Zuerst erschienen in der Erdgeschichte 
nur niedere, später erst höhere Formen. Diese wichtige That- 
sache erklärt sich, ebenso wie die Uebereinstimmung der embryo- 
nalen und paläontologischen Entwickelung, ganz einfach und 
natürlich aus der Abstammungs- Lehre, während sie ohne diese 
ganz unerklärlich ist. 

Dasselbe gilt ferner von dem grossen Gesetze der fort- 
schreitenden Entwickelung, von dem historischen Fortschritt 
der Organisation, welcher sowohl im Grossen und Ganzen in der 
geschichtlichen Aufeinanderfolge aller Organismen sichtbar ist, 
als in der besonderen Vervollkommnung einzelner Theile des 



(52 Paläontologische P'utwickelimgs-Gesetze von Agassiz. III. 

Thierkörpers. So z. B. erhielt das Skelet der Wirbelthiere, ihr 
Knochengerüst, erst luiigsam, allmählich und stufenweis den hohen 
Grad von A^ollkommenheit, welchen es jetzt beim ^lensclien und 
den andereii höheren Wirbethieren jjesitzt. Dieser von Agassiz 
thatsächlich anerkannte Fortschritt folgt aber mit Nothwendigkeit 
aus der von Darwin begründeten Züchtungs- Lehre, welche die 
wirkenden Ursachen desselben nachweist. Wenn diese Lehre 
richtig ist, so muss nothwendig die Vollkommenheit und Manuich- 
faltigkeit der Thier- und Pflanzenarten im Laufe der organischen 
Erdgeschichte stufenweise zunehmen, und konnte erst in neuester 
Zeit ihre höchste Ausbildung erlangen. 

Alle so eben angeführten, und noch einige andere allgemeine 
Entwickelungs -Gesetze, welche von Agassiz ausdrücklich an- 
erkannt und mit Recht stark betont werden, sogar von ihm selbst 
zum Theil erst aufgestellt wurden, sind, wie Sic später sehen 
werden, nur durch die Abstammungs-Lehre erklärbar; sie bleiben 
ohne dieselbe völlig unbegreillich. Nur die von Darwin ent- 
wickelte Wechselwirkung der Vererbung und Anpassung kann 
die wahre Ursache derselben sein. Dagegen stehen sie alle in 
schrofiem und unvereinbarem (iegensatz mit der vorher Ijespro- 
chenen Schöpfungs- Hypothese von Agassiz, und mit allen Vor- 
stellungen von der zweckmässigen Werkthätigkeit eines persön- 
lichen Schöpfers. Will man im Ernst durt'li die letztere jene 
merkwürdigen Erscheinungen und ihren inneren Zusammenhang 
erklären, so verirrt nuvn sich nothwendig zu der Annahme, dass 
auch der Schöpfer selbst sich mit der organischen Natur, die er 
schuf und umbildete, entwickelt habe. Man kann sich dann nicht 
mehr von der Vorstellung los machen, dass der Schöpfer selbst 
nach Art des menschlichen Organismus seine Pläne entworfen, 
verbessert und endlich unter vielen Abänderungen ausgeführt 
habe. „Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken.'' 
AVenn es nach der Ehrfurcht, mit der Agassiz auf jeder Seite 
vom Schöpfer spricht, scheinen könnte, dass wir dadurch zur 
erhabensten Vorstellung von seinem AViiken in der Natur gelan- 
gen, so findet in NA'ahrheit das Gegentheil statt. Der göttliche 
Schöpfer wird dadurch zu einem idealisirten Menschen erniedrigt, 



JIJ. Anthropomorphismus von Agassi/.' Schöpfungs-Geschichte. ß3 

zu einem in der Entwickelung fortschreitenden Organi.smus. Gott 
ist im (irunde nach dieser niedrigen Vorstellung weiter Nichts, 
als ein „gasförmiges Wirl)elthier". 

l^ei der weiten Verbreitung und dem hohen Ansehen, welches 
sich Agassiz' AN'^erk erworben hat, und welches in Anbetracht 
der früheren wissenschaftlichen Verdienste des Verfassers wohl 
gerechtfertigt ist, glaubte ich es Ihnen schuldig zu sein, die 
gänzliche Unhaltbarkeit seiner allgemeinen Ansichten hier kurz 
hervorzuheben. Sofern dies AVerk eine naturwissenschaftliche 
Schöpfungs-Geschichte sein will, ist dasselbe unzweifelhaft gänzlich 
verfehlt. Es hat al^er hohen AVerth, als der einzige ausführliche 
untl mit wissenschaftlichen Beweisgründen geschmückte Versuch, 
den in neuerer Zeit ein hervorragender Naturforscher zur Be- 
gründung einer teleologischen oder dualistischen Schöpfungs- Ge- 
schichte unternommen hat. Die innere Unmöglichkeit einer 
solchen wird iladurch klar vor Jedermanns Augen gelegt. Kein 
(iegner von Agassiz hätte vermocht, die von ihm entwickelte 
dualistische Anschauung von der organischen Natur und ihrer 
Entstehung so schlagend zu widerlegen, als dies ihm selbst durch 
die überall hervortretenden inneren AA'idersprüche gelungen ist. 

Die Gegner der monistischen oder mechanischen AVeltan- 
schctuung haben das AV\n-k von Agassiz mit Freuden begrüsst 
und erblicken darin eine vollendete Beweisführung für die un- 
mittelbare Schöpfungs-Tliätigkeit eines persönlichen (iottes. Allein 
sie übersehen dabei, dass dieser persönliche Schöpfer bloss ein 
mit menschlichen Attributen ausgerüsteter, idealisirter Organismus 
ist. Diese niedere dualistische Gottesvorstellung entspricht einer 
niederen thierischen Entwickelungs- Stufe des menschlichen Orga- 
uismus. J)er höher entwickelte Alensch der Gegenwart ist be- 
fähigt und l)erechtigt zu jener unendlich edleren und erhabeneren 
Gottesvorstellung, welche allein mit der monistischen AVeltanschau- 
ung verträglich ist, und welche Gottes Geist und Kraft in allen 
Erscheinungen ohne Ausnahme erblickt. Diese monistische Gottes- 
idee, welcher die Zukunft gehört, hat schon Giordano Bruno 
einst mit den Worten ausgesprochen: „Ein Geist findet sich in 
allen Dingen, und es ist kein Körper so klein, dass er nicht 



64 Dunlistif^che und monistische Gottesvorstellung. JH. 

einen Tlieil der göttlichen Substanz in sich entiiielte, wodurch 
er beseelt wird." Diese veredelte Gottesidee liegt derjenigen 
Religion 7a\ (irunde, in deren Sinne die edelsten Geister des 
Alterlhuais wie der Neuzeit gedacht und gelebt haben, dem 
Pantheismus; und sie ist es, von welcher (ioethe sagt: „Gewiss 
es giebt keine schönere (Jottes-Verelu'ung, als diejenige, welche 
kein Bild bedarf, welche aus dem ^Vechse]ge.spräch mit der 
Natur in unserem Busen entspringt." Durch sie gelangen wir zu 
der erhabenen pantheistischen Vorstellung von der Einheit 
Gottes und der Natur. 



Vierter Vortrag. 

Entwickeluiigs- Theorie nach Goethe und Oken. 



Wissenschaftliehe Unzulänglichkeit aller Vorstellungen von einer Schöpfung 
der einzelnen Arten. Nothwendigkeit der entgegengesetzten Entwickeiungs" 
Theorien. Geschichtlicher Ueberblick über die wichtigsten Entwickelungs- 
Theorien. Griechische Philosophie. Die Bedeutung der Natur-Philosophie. 
Goethe. Seine Verdiensie als Naturforscher. Seine Metamorphose der Pflanzen. 
Seine Wirbel-Theorie des Schädels. Seine Entdeckung des Zwischenkiefers 
beim Menschen. Goethe's Theilnahme an dem Streite zwischen Cuvier und 
GeoflFroy S. Hilaire. Goethe's Entdeckung der beiden organischen Bildungs- 
triebe, des conservativen Specificationstriebes (der Vererbung) und des pro- 
gressiven Umbildungstriebes (der Anpassung). Goethe's Ansicht von der 
gemeinsamen Abstammung aller Wirbelthiere mit Inbegriff des Menschen. 
Entwickelnngs-Theorie von Gottfried Reinhold Treviranus. Seine monistische 
Natur-Auffassung. Oken. Seine Natur-Philosophie. Okens Vorstellung vom 
Urschleim (Protoplasma-Theorie) und von den Infusorien (Zellen-Theorie). 

kleine Herren! Alle ver.scliiedeneii Vorstellungen, welche wir 
uns über eine' selbstständige, von einander unabhiingige Entste- 
hung der einzelnen organischen Arten durch Schöpfung machen 
können, laufen, folgerichtig durchdacht, auf einen sogenannten 
Anthropomorphismus hinaus; sie müssen nothwendig zu einer 
Yermenschlichung des Schöpfers führen, wie wir in dem letzten 
A'ortrage bereits gezeigt haben. Es wird da der Schöpfer selbst 
zu einem Organismus, der sich einen Plan entwirft, diesen Plan 
durchdenkt und verändert, und schliesslich die Geschöpfe nach 
diesem Plane ausführt, wie ein menschlicher Architekt sein Bau- 
werk. Wenn selbst so hervorragende Naturforscher wie Linne, 
Cuvier und Agassi/,, die Hauptvertreter der dualistischen 
Schöpfungs-Hypotliese, zu keiner genügenderen Ansicht gelangen 

Haeckel, Natiirl. Schopl'iings Gesch. 8. Aiiti. 5 



G6 Wisseuschaftliche Unzulänglichkeit aller Schöpfungsvorstellungen. IV. 

Ivonnten, so wird daraus am besten die Unzulänglichkeit aller 
flerjenigen Vorstellungen hervorgehen, welche die Mannichfaltig- 
keit der organischen Natur aus einer solchen Schöpfung der ein- 
zelnen Arten ableiten wollen. Zwar haben einige Naturforscher, 
welche das wissenschaftlich Unbefriedigende dieser Vorstellungen 
einsahen, versucht, den Begritf des persönlichen Schöpfers durcli 
denjenigen einer unbewusst wirkenden schöpferischen Naturkrafi 
zu ersetzen; indessen ist dieser Ausdruck otfenbar eine blosse 
umschreibende Redensart, sobald nicht näher gezeigt wird, worin 
diese Naturkraft besteht, und wie sie wirkt. Daher haben auch 
diese letzteren Versuche durchaus keine Geltung in der Wissen- 
schaft errungen. Vielmehr hat man sich genöthigt ge.sehen, so- 
bald man eine selbstständige Entstehung der verschiedenen Thier- 
und Pllanzen-Formen annahm, immer auf ebenso viele Schöpfungs- 
acte zurückzugreifen, d. h. auf A\ under, auf übernatürliche Ein- 
griffe des Schöpfers in den natürlichen Gang der Dinge, der im 
übrigen ohne seine Mitwirkung abläuft. 

Nun hallen allerdings verschiedene teleologische Naturforscher, 
welche die wissenschaftliche Unzulässigkeit einer ül)eniatürlichen 
„Schöpfung" fühlten, die letztere noch dadurch zu retten ge- 
sucht, dass sie unter Schöpfung „Nichts weiter als eine uns un-1 
bekannte, unfassbare AV'eise der Entstehung" verstanden wissen 
wollten. Dieser sophistischen Ausflucht schneidet der treffliche 
Fritz Müller mit folgender schlagenden CJegenbemerkung jeden 
Rettungspfad ab: „Es soll dadurch nur in verldünlter Weise das 
verschämte Geständniss ausgesprochen werden, dass man über die 
Entstehung der Arten „gar keine Meinung habe" und haben 
Avolle. Nach dieser Erkläruns; des Wortes würde man ebensowohl 
von der Schöpfung der Cholera und der Syphilis, von der 
Schöpfung einer Feuerslnunst und eines Eisenbahnunglücks, wie 
von der Schöpfung des Menschen reden können." (Jenaische 
Zeitschrift f. M. u. N. V. B. S. 272.) 

Gegenüber nun dieser vollständigen wissenschaftlichen Unzu- 
lässigkeit aller Schöpfungs-Hypothesen sind wir gezwungen, zu 
den entgegengesetzten Entwickelungs-Theorien unsere Zu- 
flucht zu nehmen, wenn wir uns überhaupt eine vernünftige Vor- 



IV. Wissenschaftliche Unentbehrlichkeit der Entwickelungs-Tlieorien. 67 

Stellung von der Eutstehung der Organismen maclien wollen. Wir 
sind gezwunoeii und ver})iliclitet dazu, selbst wenn diese Ent- 
\Yickelungs-Lehren nur einen Schimmer von Wahrscheinlichlveit auf 
eine mechanische, natürliche Entstehung der Thier- und Pflanzen- 
Arien fallen lassen; um so mehr aber, wenn diesell)en, wie Sie 
sehen werden, eben so einlach und klar, als vollständig und uni- 
l'assend die gesammteu Thatsachen erklären. Diese Entwickelungs- 
Theorien sind keineswegs, wie noch oft fälschlich angegeben wird, 
willkürliche Einfälle, oder beliebige Erzeugnisse der Einbildungs- 
kraft, welche nur die Entstehung dieses oder jenes einzelnen Or- 
ganismus annähernd zu erklären versuchen; sondern .sie sind 
streng wissenschaftlicli begründete Theorien, welche von einem 
festen und klaren Standpunkte aus die Gesammtheit der orga- 
nischen Natur-Erscheinungen, und insbesondere die Entstehung der 
organischen Species auf das Einfachste erklären, und als die noth- 
wendigen Folgen mechanischer Natur- Vorgänge nachweisen. 

Wie ich bereits im zweiten Vortrage Ihnen zeigte, fallen diese 
Entwickelungs-Theorien naturgeinäss mit derjenigen allgemeinen 
Weltanschauung zusammen, welche man gewöhnlicli als die ein- 
heitliche oder monistische, häufig auch als die mechanische 
oder causale zu l)ezeichnen pflegt, weil sie nur mechanische oder 
nothwendig wirkende Ursachen (causae eflicientes) zur Er- 
klärung der Natur-Erscheinungen in Anspruch nimmt. Elienso 
fallen auf der anderen Seite die von uns bereits betrachteten 
übernatürlichen Schöpfungs-Hypothesen mit derjenigen, völlig ent- 
gegengesetzten Weltauffassung zusammen, welche man im Gegen- 
satz zur ersteren die zwiespältige oder dualistische, oft auch 
die teleologische oder vitale nennt, weil sie die organischen 
Natur-Erscheinungen aus der Wirksamkeit zweckthätiger oder 
zweckmässig wirkender Ursachen (causae linales) ableitet. 
Gerade in diesem tiefen inneren Zusammenhang der verschiedenen 
Schöpfungs-Theorien mit den höchsten Fragen der Philosophie 
liegt für uns die Anreizung zu ihrer eingehenden Betrachtung. 

Der Grundgedanke aller natürlichen Entwickelungs-Theorien 
ist die allmähliche Entwickelung aller (auch der voll- 
kommensten) Organismen aus einem einzigen oder aus sehr 



ß8 Grundgedanken der Entwickelungs-Theorien. JV. 

wenigen, ganz einfachen und ganz unvollkommenen Urwesen, 
welche nicht durch übernatürliche Schöpfung, sondern durch Ur- 
zeugung oder Archigonie (Generatio spontanea) aus anorgischer 
Materie entstanden. Eigentlich sind in diesem Grundgedanken 
zwei verschiedene Vorstellungen verbunden, welche aber in tiefem 
inneren Zusammenhang stehen, nämlich erstens die Vorstellung 
der Urzeugung oder Archigonie der ursprünglichen Stammwesen, 
und zweitens die Vorstellung der fortschreitenden Entwickelung 
der verschiedenen Organismen-Arten aus jenen einfachsten Stamm- 
wesen. Diese beiden wichtigen mechanischen A'orstellungen sind 
die unzertrennlichen Grundgedanken jeder streng wissenschaftlich 
durchgeführten Entwickelungs- Theorie. Weil dieselbe eine Ab- 
stammung der verschiedenen Thier- und Pflanzen-Arten von ein- 
fachsten gemeinsamen Stammarten behauptet, konnten wir sie 
auch als Abstammungs-Lehre (Descendenz-Theorie), untl weil 
(himit zugleich eine Umbildung der Arten verbunden ist, als 
Umbildungs-Lehre (Transmutations-Theorie) oder Transformis- 
mus bezeichnen. 

Während übernatürliche Schöpfungs-Geschichten schon vor 
vielen Jahrtausenden, in jener unvordenklichen Urzeit entstanden 
sein müssen, als der Mensch, eben erst aus dem Attenzustande 
sich entwickelnd, zum ersten Male anfing, eingehender über sich 
selbst und über die Entstehung der iim umgebenden Körperwelt 
nachzudenken, so sind dagegen die natürlichen Entwickelungs- 
Theorien nothwendig viel jüngeren Ursprungs. Wir können diesen 
erst bei gereifteren Cultur-Völkern begegnen, denen durch phihi- 
sophische Bildung die Nothwendigkeit einer natürlichen Ursachen- 
Erkenntniss klar geworden war; und auch bei diesen dürfen wir 
zunächst nur von einzelnen bevorzugten Naturen erwarten, dass 
sie den Ursprung der Erscheinuugswelt eben so wie deren Ent- 
Avickelungsgang, als die nothw endige Folge von mechanischen, 
natürlich wirkenden Ursachen erkannten. Bei keinem Volke 
waren diese Vorbedingungen für die Entstehung einer natürlichen 
Entwickelungs-Theorie jemals so vorhanden, wie bei den Griechen 
den classischen Alterthums. Diesen fehlte aber auf der anderen 
Seite zu sehr die nähere Bekanntschaft mit den Thatsachen der 



IV. Entwickelungs-Theorie des Aristoteles. ßO 

Natur- Vorgange und ihren Formen, und somil: die erfahrungs- 
mässige Gmndlagc für eine weitere Durelihildung der Entwlcdie- 
lungs-Lehre. Die exacto Natur- Forschung und die überall auf 
empirischer Basis begründete Natur-Erkenntniss war ja dem Alter- 
thum ebenso wie dem Mittelalter fast ganz unbekannt und ist 
erst eine Errungenschaft der neueren Zeit. Wir haben daher 
auch hier keine nähere Veranlassung, auf die natürlichen Ent- 
wickelungs-Theorien der verschiedenen griechischen Weltwcisen 
einzugehen, da denselben zu sehr die erfahrungsmässige Kennt- 
niss sowohl von der organischen als von der anorgischen Natur 
abging. 

Nur das wollen wir hier hervorheben, dass schon im sie- 
benten Jahrhundert vor Christus die Häupter der Ionischen Natur- 
Philosophie, die drei Milesier Thaies, Anaximenes und Ana- 
xiraander, namentlich aber der letztere, Avichtige Grundsätze 
unseres heutigen Monismus aufstellten. Sie lehrten bereits ein 
einheitliches Natur-Gesetz als Urgrund der mannichfaltigen Er- 
scheinungen, die Einheit der gesammten Natur und den bestän- 
digeu Wechsel der Formen. Anaximander lässt die lebenden 
Wesen im Wasser durch den Einfluss der Sonnenwärme entstehen 
und nimmt an, dass der Mensch sich aus fischartigen Thieren 
entwickelt habe. Aber auch später finden wir in der Natur- 
Philosophie des Heraklit und Empedocles, wie in den natur- 
wissenschaftlichen Schriften des Demokritos und Aristoteles 
vielfach Anklänge an Vorstellungen, die wir zu den Grundpfeilern 
der heutigen Entwickelungs-Lehre rechnen. Empedocles zeigt, 
wie Zweckmässiges aus Unzweckmässigem hervorgehen kann'^). 
Aristoteles nimmt die Urzeugung als die natürliche Entstehungs- 
art der niederen organischen W^esen an. Er lässt z. B. Motten 
aus Wolle, Flöhe aus faulem Mist, Milben aus feuchtem Holz 
entstehen u. s. w. 

Der Grundgedanke der Entwickelungs-Theorie, dass die ver- 
schiedenen Thier- und Pflanzen- Arten sich aus gemeinsamen Stamm- 
arten durch Umbildung entwickelt haben, konnte natürlich erst 
klar ausgesprochen werden, nachdem die Arten oder Species selbst 
genauer bekannt geworden, und nachdem auch schon die ausge- 



70 Bedeutung rler Natur-Philosophie. IV. 

storbenen Spccies neben den lebenden in Betracht gezogen und 
eingehender mit letzteren verglichen worden waren. Dies geschah 
erst gegen Ende des vorigen und im Beginn unseres Jahrhunderts. 
Erst im Jahre 1801 sprach der grosse Lamarck die Principien 
der Entwickelungs-Lehre aus. welche er 1809 in seiner classischen 
„Philosophie zoologique" weiter ausführte''). Während Lamarck 
und sein Landsmann Geoffroy S. Ililalre in Frankreich den 
Ansichten Cuviers gegeniil)cr traten und eine natürliche Ent- 
wickelung der organisclien Spccies durch Umbildung und Abstain- 
mung behaupteten, vertraten in Deutschland Goethe und Oken 
dieselbe Richtung und legten hier selbstständig die ersten Keime 
der Entwickelungs-Theorie. Da man gewöhnlich alle diese Natur- 
forscher als „Natur-Philosophen" zu bezeichnen pflegt, und da 
diese Bezeichnung in einem gewissen Sinne ganz richtig ist, so 
erscheint es wohl angemessen, hier einige Worte über die rich- 
tige Würdigung der Natur-Philosophie vorauszuschicken. 

Während man in England schon seit langer Zeit Natur-Wissen- 
schaft und Philosophie in die engste Verbindung bringt und jeden 
von allgemeinen Gesichtspunkten geleiteten Natur-Forscher einen 
„Natur-Philosophen" nennt, wird dagegen in Deutschland schon 
seit mehr als einem halben Jahrhundert die Natur-Wissenschaft 
streng von der Philosophie geschieden, und die naturgemässe Ver- 
schmelzung beider zu einer wahren „Natur-Philosophie" wird nur 
von Wenigen anerkannt. An dieser Verkennung sind die phan- 
tastischen Ausschreitungen der früheren deutschen Natur-Philo- 
sophen, Okens, Schellings u. s. w. Schuld, welche glaubten, 
die Natur-Gesetze aus ihrem Kopfe construiren zu können, ohne 
auf dem Boden der thatsächlichen Erfahrung stehen bleiben zu 
müssen. Als sich diese Anmassungen in ihrer ganzen Leerheit 
herausgestellt hatten, schlugen die Natur-Forscher unter der „Na- 
tion von Denkern" in das gerade Gegentheil um, und glaubten, 
das hohe Ziel der Wissenschaft, die Erkenn tniss der Wahrheit, 
auf dem Wege der nackten sinnliclien Erfahrung ohne jede phi- 
losophische Gedankenarbeit erreichen zu können. Von nun an, 
besonders seit dem Jahre 1830, machte sich bei den meisten 
Natur-Forschern eine starke Abneigung gegen jede allgemeinere, 



]Y, Empirie und Pliilosopliie. 71 

pltilosoplijsche Bctraclitung' der Natur golicnd. Man fand nun 
das eigentliche Ziel der Natur-Wissenschart in der Erkenniuiss des 
Einzelnen; in der Biologie scliien dasselbe erreicht, wenn man 
mit Hülle der l'einsten rnstrumeute und Beoljachtungsmittel die 
Formen und die Lebenserscheinungen aller einzelnen Organismen 
ganz genau erkannt haben würde. Zwar gab es immerhin unter 
diesen streng empirischen oder sogenannten exakten Natur-Forschern 
Einzelne, welche sich über diesen bescdu'änkten Standpunkt er- 
hoben und das letzte Ziel in einer Erkenntniss allgemeiner Orga- 
nisations-Gesetze finden wollten. Indessen die grosse Mehrzahl 
der Zoologen und Botaniker im letzten halben Jahrhundert wollte 
von solchen allgemeinen Gesetzen Nichts wissen; '. sie gestand 
höchstens zu,; dass vielleicht in ganz entfernter Zukunft, wenn 
man einmal am Ende aller empirischen Erkenntniss angelangt 
sein würde, wenn alle einzelnen Thiere und Pflanzen vollständig 
untersucht Avorden seien, solche Gesetze aufgestellt werden könnten. 
Wenn man die wichtigsten Fortsehritte, die der menschliche 
Geist in der Erkenntniss der Wahrheit gemacht hat, zusammen- 
fassend vergleicht, so erkennt man bald, dass es stets philoso- 
phische Gedanken -Operationen sind, durch welche diese Fort- 
schritte erzielt wurden. Die vorhergehende sinnliche Erfahrung 
und die dadurch gewonnene Kenntniss des Einzelnen kann nur 
die feste Grundlage für jene allgemeinen Gesetze liefern. Empirie 
und Philosophie stehen daher keineswegs in so ausschliessendem 
Gegensatz zu einander, wie bisher von den Meisten angenommen 
wurde; sie ergänzen sich vielmehr nothwendig. Der Philosoph, 
welchem der unurastössliche Boden der sinnlichen Erfahrung, der 
empirischen Kenntniss fehlt, gelangt in seinen allgemeinen Spe- 
culationen sehr leicht zu Fehlschlüssen, welche selbst ein massig 
gebildeter Natur-Forscher sofort widerlegen kann. Andrerseits 
können die rein empirischen Natur-Forscher, die sich nicht um 
philosophische Zusammenfassung ihrer sinnlichen Wahrnehmungen 
bemühen und nicht nach allgemeinen Erkenntnissen streben, die 
Wissenschaft nur in sehr geringem Masse fördern; der Haupt- 
wcrth ihrer mühsam gewonnenen Einzelkenntnisse liegt in den 
allgemeinen Resultaten, welche später umfassendere Geister aus 



72 Empirie und Philosophie. \\\ 

denselben ziehen. Bei einem allgemeinen Ueberblick über den / 
Entwickelungsgang der Biologie seit Linne finden Sie leicht, wie 
dies Baer ausgeführt hat, ein beständiges Schwanken zwischen j 
diesen beiden Richtungen, ein Ueberwiegen einmal der empi- /■ 
rischen (sogenannten exacten) und dann wieder der philoso- 
pliischen (speculativen) Richtung. So hatte sich schon zu Ende 
des vorigen Jahrhunderts, im (Jegensatz gegen Linne's rein 
empirische Schule, eine natur philosophische Reaction erhoben, 
deren bewegende Geister, Kant, Lamarck, Geofl'roy S. Hi- 
laire, Goethe und Oken, durch ihre Gedankenarbeit Licht und 
Ordnung in das Chaos des aufgehäuften empirischen Rohmaterials 
zu bringen suchten. Gegenüber den vielfachen Irrthümern und 
den zu weit gehenden Speculationen dieser Natur-Philosophen trat 
dann Cuvier auf, welcher eine zweite, rein empirische Periode 
herbeiführte. Diese erreichte ihre einseitigste Entwickelung wäh- 1 
rend der Jahre 1830 — 1860, und nun folgte ein zweiter philo- 
sophischer Rückschlag, durch Darwin's Werk veranlasst ]\Ian 
fing nun in den letzten dreissig Jahren wieder an, sich zur Ei- 
kenntniss der allgemeinen Natur-Gesetze hinzuwenden, denen doch 
schliesslich alle Erfahrungs-Kenntnisse nur als Grundlage dienen, 
und durch welche letztere erst ihren wahren Werth erlangen. 
Durch die Gedanken- Arbeit der Philosophie wird die Natur-Kunde 
erst zur wahren Wissenschaft, zur „Natur-Philosophie". 

Unter den grossen Natur-Philosophen, denen wir die erste 
Begründung einer organischen Entwickelungs-Theorie verdanken, 
und welche neben Charles Darwin als die Urheber der Um- 
bildungslehre glänzen, stehen obenan Jean Lamarck und Wolf- 
gang Goethe. Ich wende mich zunächst zu unserm unvergleich- 
lichen Goethe, welcher von Allen uns Deutschen am nächsten 
steht. Bevor ich jedoch seine besonderen Verdienste um die Ent- 
wickelungs-Theorie erläutere, scheint es mir passend. Einiges 
über seine Bedeutung als Natur-Forscher überhaupt zu sagen, da 
diese gewöhnlich sehr verkannt wird. 

Gewiss die meisten unter Ihnen verehren Goethe nur als 
Dichter und Menschen; nur Wenige werden eine A'^orstellung von 
dem hohen Werth haben, den seine naturwissenschaftlichen Ar- 



IV_ Goethe's Verdienste als Naturforscher. 73 

boitcu besitzen, von dem Riesenschritt, mit dem er seiner Zeit 
vorauseilte, — so vorauseilte, dass eben die meisten Natur-Forscher 
der damaligen Zeit ihm nicht nachkommen konnten. Das Miss- 
geschick, dass seine naturphilosopliischen A\M'dienste von seinen 
Zeitgenossen verkannt wurden, hat Goethe oft schmerzlich em- 
pfunden. An verschiedenen Stellen seiner naturwissenschaftlichen 
Schriften beklagt er sich bitter über die beschränkten Fachleute, 
welche seine Arbeiten nicht zu würdigen verstehen, welche den 
Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, und welche sich nicht da- 
zu erheben können, aus dem ^Vust des Einzelnen allgemeine 
Natur-Gesetze herauszufinden. Nur zu gerecht ist sein Vorwurf: 
„Der Philosoph wird gar bald entdecken, dass sich die Beobachter 
selten zu einem Standpunkt erheben, von welchem sie so viele 
bedeutend bezügliche Gegenstände übersehen können." Wesent- 
lich allerdings wurde diese Verkennung verschuldet durch den 
falschen Weg, aufweichen Goethe in seiner Farben-Lehre gerieth. 
Die Farben-Lehre, die er selbst als das Lieblingskind seiner Müsse 
bezeichnet, ist in ihren Grundlagen durchaus verfehlt, so viel 
Schönes sie auch im Einzelnen enthalten mag. Die exacte ma 
thematische Methode, mittelst welcher man allein zunächst in 
den anorgischen Natur- AVissenschaften, in der Physik vor Allem, 
Schritt für Schritt auf unumstösslich fester Basis weiter bauen 
kann, war Goethe durchaus zuwider. Er Hess sich in der Ver- 
werfung derselben nicht allein zu grossen Ungerechtigkeiten 
gegen die hervorragendsten Physiker hinreissen, sondern auch auf 
Irrwege verleiten, die seinen übrigen werthvollen Arbeiten sehr 
geschadet haben. Ganz Anderes in den organischen Natur- Wissen- 
schaften, in welchen wir nur selten im Stande sind, von Anfang 
an gleich auf der unumstösslich festen mathematischen Basis vor- 
zugehen ; hier sind wir meistens gezwungen, wegen der unendlich 
schwierigen und verwickelten Natur der Aufgabe, uns zunächst 
Inductionsschlüsse zu bilden; d h. wir müssen aus zahlreichen 
einzelnen Beobachtungen, die doch nicht ganz vollständig sind, 
ein allgemeines Gesetz zu begründen suchen. Die denkende 
Vergleichung der verwandten Erscheinungsreihen, die Com- 
bination ist hier das wichtigste Forschungs- Instrument, und 



74 Goethe's Metamorphose der Pflanzen. jy. 

diese wurde von Goethe mit ebenso viel Glück als hewusster 
Werth-Erkenntniss bei seinen naturphilosopliischen Arbeiten an- 
gewandt. 

Von den Schriften Goethe's, die sich auf die organische 
Natur beziehen, ist am berühmtesten die jMetamorpliose der 
Pflanzen geworden, welche 1790 erschien; ein \\'erk, welches 
bereits den Grundgedanken der Entwickelungs-Theorie deutlich 
erkennen lässt. Denn Goethe war darin bemüht, ein einziges 
Grundorgan nachzuweisen, durch dessen unendlich mannichfaltige 
Ausbildung und Umbildung man sich den ganzen Formenreich- 
thum der Pllanzi-nwelt entstanden denken könne; dieses Grund- 
organ fand er im Blatt. ^Venn damals schon die Anwendung 
des Mikroskops eine allgemeine gewesen wäre, wenn Goethe den 
Bau der Organismen mit dem Mikroskop durchforscht hätte, so 
würde er noch weiter gegangen sein, und das Blatt bereits als 
ein Vielfaches von individuellen Theilen niederer Ordnung, von 
Zellen, erkannt haben. Er würde dann nicht das Blatt, sondern 
die Zelle als das eigentliche Grundorgan aufgestellt haben, durch 
dessen A^ermehrung, Umbildung und Verbindung (Synthese) zu- 
nächst das Blatt entsteht; sowie weiterhin durch Umbildung, Va- 
riation und Zusammensetzung der Blätter alle die mannichfaltigen 
Schönheiten in l'orm und Farbe entstehen, welche wir ebenso 
an den echten Ernährungsblättern, wie an den Fortpflanzungs- 
blättern oder den Blütheutheilen der Pflanzen bewundern. In- 
dessen schon jener Grundgedanke war durchaus richtig. Goethe 
zeigte darin, dass man, um das (ianze der Erscheinung zu er- 
fassen, erstens vergleichen und dann zweitens einen einfachen 
Typus, eine einfache Grundform, ein Thema gewissermasscn 
suchen müsse, von dem alle übrigen Gestalten nur die unendlich 
mannichfaltigen Variationen seien. 

Etwas Aehnliches, wie er hier in der Metamorphose der 
Pflanzen leistete, gab er dann für die AN'irbelthiere in seiner be- 
rühmten W i r b e l - T h e r i e des Seh ä d e 1 s. Goethe zeigte zuerst, 
unabhängig von Oken, welcher fast gleichzeitig auf denselben 
Gedanken kam, dass der Schädel des Menschen und aller anderen 
Wirbelthiere, zunächst der Säugethiere, Nichts weiter sei als das 



IV. rtoethe's Wid.el-Thenrie dos Schiidcls. 75 

umgewandelte vorderste Stück der Wirbelsäule oder des Rückgrats. 
Die Kiiocheukapsel des Rchädels erscheint danach aus mehreren 
Knochenringen zusammengesetzt, welche den AV^irbeln des Rück- 
grats ursj)rn liglich gleichwerthig sind. Allerdings ist diese Idee 
kürzlich durch die scharfsinnigen rntersuchungen von Gegen- 
hau r^) sehr bedeutend modificirt worden. IJennoch gehörte sie 
in jener Zeit zu den grössten Fortschritten der vergleichenden 
Anatomie und wurde für das Yerständniss des AVirbelthierbaues 
eine der ersten Grundlagen. Wenn zwei Körpertheile, die auf 
den ersten Blick so verschieden aussehen, wie der Hirnschädel 
und die AVirbelsiiule, sich als ursprünglich gleichartige, aus einer 
und derselben Grundlage hervorgebildete Theile nachweisen Hessen, 
so war damit eine höchst schwierige Aufgabe gelöst. Auch hier 
begegnet uns Avieder der Gedanke des einheitlichen Typus, der 
Gedanke eines einzigen Themas, dass nur in den verschiedenen 
Arten und in den Theilen der einzelnen Arten unendlich variirt 
wird. 

Aber nicht bloss um die Erkenntniss solcher weitgreifenden 
Gesetze war Goethe eifrig bemüht, sondern auch mit zahlreichen 
einzelneu, namentlich vergleichend-anatomischen Untersuchungen, 
oft lange Zeit hindurch lebhaft beschäftigt. Unter diesen ist viel- 
leicht keine interessanter, als die Entdeckung des Zwischen- 
kiefers beim Menschen. Da diese in mehrfacher Beziehung 
von Bedeutung für die Entwickelungs-Theorie ist, so erlaube ich 
mir, Ihnen dieselbe kurz hier darzulegen. Bei sämmtlichen Säuge- 
thieren finden sich in der oberen Kinnlade zwei Knochenstiickchen, 
welche in der Mittellinie des Gesichts, unterhalb der Nase, sich 
berühren, und in der Mitte zwischen den beiden Hälften des 
eigentlichen Oberkiefer-Knochens gelegen sind. Dieses Knochen- 
paar, welches die vier oberen Schneidezähne trägt, ist bei den 
meisten Säugethieren ohne Weiteres leicht zu erkennen; beim 
Menschen dagegen war es zu jener Zeit nicht bekannt, und be- 
rühmte vergleichende Anatomen legten sogar auf diesen Mangel 
des Zwischenkiefers einen sehr grossen Werth, indem sie denselben 
als einen Hauptunterschied zwischen Menschen und Affen ansahen; 
der Mangel des Zwischenkiefers wurde seltsamer Weise als der 



7ß Goethe's Entdeckung des Zwisihenkiefers beim Menschen. IV. 

menschlichste aller menschlichen Charaktere hervorgehoben. Nnn 
wollte es Goethe durchaus nicht in den Kopf, dass der Mensch, 
der in allen übrigen körperlichen Beziehungen offenbar nur ein 
hoch entwickeltes Säugethier sei, diesen Knochen entbehren solle. 
Er zog aus der allgemeinen Verbreitung des Zwischen kiefers bei 
sämratlichen Säugethieren den besonderen Schluss, dass derselbe 
auch beim Menschen vorkommen müsse, und er hatte keine 
Ruhe, bis er bei Yergleichung einer grossen Anzahl von Schädeln 
wirklich den Zwischenkiefer auffand. Bei einzelnen Individuen 
ist derselbe die ganze Lelienszeit hindurch erhalten, während er 
gewöhnlich frühzeitig mit dem benachbarten Oberkiefer ver- 
wächst und nur bei sehr jugendlichen Menschenschädeln als 
selbstständiger Knochen nachzuweisen ist. Auch bei einigen Affen 
findet frülizeitig Verwachsung statt. Bei menschlichen Embryonen 
kann man ihn leicht nachweisen. 

Der Zwischenkiefer ist also beim ^lenschen in der That 
vorhanden, und Goethe gebührt der Ruhm, diese in vielfacher 
Beziehung wichtige Thatsache zuerst entdeckt zu haben, und 
zwar gegen den Widerspruch der wichtigsten Fach- Autoritäten, z. B. 
des berühmten Anatomen Peter Camper. Besonders interessant 
ist dabei der Weg, auf dem er zu dieser Feststellung gelangte; 
CS ist der Doppelweg, auf dem wir beständig in den organischen 
Naturwissenschaften fortschreiten, der Weg der Induction und 
Deduction. Die Induction ist ein Schluss aus zahlreichen 
einzelnen beobachteten Fällen auf ein allgemeines Gesetz; die 
Deduction dagegen ist ein Rückschluss aus diesem allgemeinen 
Gesetz auf einen einzelnen, noch nicht wirklich beobachteten 
Fall. Aus den damals gesammelten empirischen Kenntnissen 
ging der Inductionsschluss hervor, dass sämmtliche Säuge- 
thiere den Zwischenkiefer besitzen. CJoethe zog daraus 
den Deductionsschluss, dass der Mensch, in allen übrigen Be- 
ziehungen seiner Organisation nicht wesentlich von den Säuge- 
thieren verschieden, auch diesen Zwischenkiefer besitzen müsse; 
und letzterer fand sich in der That bei eingehender Untersuchung. 
Es wurde der Deductionsschluss durch die nachfolgende Er- 
fahrung bestätigt oder verificirt. 



4 



lY, Goethe's Theilnahrae an der Natur-Philosophie. 77 

Schon diese wenigen Züge mögen Ihnen den hohen Werth 
vor Augen führen, den wir Goethe's biologischen Forschungen, 
zuschreiben müssen. Leider sind die meisten seiner darauf be- 
zügliclien Arbeiten so versteckt in seinen gesammelten Werken 
und die wichtigsten Beobachtungen und Bemerkungen so zerstreut 
in zahlreichen einzelnen Aufsätzen, die andere Themata be- 
handeln, dass es schwer ist, sie herauszufinden. Auch ist bis- 
weilen eine vortreffliche, wahrhaft wissenschaftliche I3emerkung 
so eng mit einem Haufen von unbrauchbaren Speculationeu ver- 
knüpft, dass letztere der ersteren grossen Eintrag thun. 

Das ausserordentliche Interesse Goethe's für die organische 
Natur-Forschung offenbart sich ganz besonders in der lebendigen 
Theilnahme, mit welcher er noch in seinen letzten Lebensjahren 
den in Frankreich ausgebrochenen Streit zwischen Cuvier und 
(ieoffroy S. Hilaire verfolgte. Goethe hat selbst eine inter- 
essante Darstellung dieses merkwürdigen Streites und seiner 
allgemeinen Bedeutung, sowie eine treffliche Charakteristik der 
beiden grossen Gegner in einer besonderen Abhandlung gegeben, 
welche er erst wenige Tage vor seinem Tode, im März 1832, 
vollendete. Diese Abhandlung führt den Titel: „Principes de 
Philosophie zoologique par Mr. Geoflfroy de Saint-IIilaire"; sie 
ist Goethe's letzte Arbeit, und bildet in der Gesammt-Ausgabe 
seiner Werke deren Schluss. Der Streit selbst war in mehr- 
facher Beziehung von höchstem Interesse. Er drehte sich wesent- 
lich um die Berechtigung der Entwickelungs-Thenrie. Dabei 
wurde er im Schoosse der französischen Academie von beiden 
Gegnern mit einer persönlichen Leidenschaftlichkeit geführt, 
welche in den würdevollen Sitzungen jener gelehrten Körperschaft 
fast unerhört war, und welche bewies, dass beide Natur-Forscher 
für ihre heiligsten und tiefsten Ueberzeugungen kämpften. Am 
22. Februar 1830 fand der erste Conflict statt, welchem bald 
mehrere folgten, der heftigste am 30. Juli 1830. Geoffroy als 
das Haupt der französischen Natur-Philosophen vertrat die natür- 
liche Entwickelungs-Theorie und die einheitliche (monistische) 
Natur-Auffassung. Er behauptete die Veränderlichkeit der orga- 
nischen Species, die gemeinschaftliche Abstammung der einzelnen 



78 Streit zwischen Cuvicr und Geoflfroy S. Hilaire. ly. 

Arten von gemeinsamen Stammformen, und die Einheit der 
Organisation, oder die Einheit des Baiiphmes, \vie man sich 
damals ausdrückte. Cuvier war der entscliiedenste Gegner 
dieser Anschauungen, wie es ja nacli dem, wus Sie gehört haben, 
niclit anders sein konnte. Er versuchte zu zeigen, dass die 
Natur-Philosophen kein Recht hätten, auf Grund des damals vor- 
liegenden empirischen Materials so weitgehende Schlüsse zu 
ziehen, und dass die behauptete Einheit der Organisation oder 
des Bauplanes der Organismen nicht existire. Er vertrat die 
teleologische (dualistische) Xatur-Autrassuu!;,' und behauptete, dass 
„die Unveränderlichkeit iler Species eine notlnvendige Be- 
dingung für die Existenz der wissenschaftlichen Naturgeschichte 
sei". Cuvier hatte den grossen N'ortheil vor seinem Gegner 
voraus, für seine Behauptungen lauter unmittelbiir vor Augen 
liegende Beweisgründe vorbringen zu können, welche allerdings 
nur aus dem Zusammenhang gerissene einzelne Thatsachen 
waren. Geoffroy dagegen war nicht im Stande, den von 
ihm verfochtenen allgemeinen Zusammenhang der einzelnen Er- 
scheinungen mit so greifbaren Einzelheiten belegen zu können. 
Daher behielt Cuvier in den Augen der Mehrheit den Sieg, und 
entschied für die folgenden drei Jahrzehnte die Niederlage der 
Natur-Philosophie und die Herrschaft der streng empirischen 
Richtung. Goethe dagegen nahm natiiiiich entschieden für 
Geoffroy Partei. Wie leibhaft ihn noch in seinem 81. Jahre 
dieser grosse Kampf beschäftigte, mag folgende, von Soret 
erzählte Anekdote bezeugen: 

„Montag, 2. August 1830. Die Nachrichten von der 
begonnenen Juli-Revolution gelangten heute nach AVeimar 
und setzten Alles in Aufregung. Ich ging im Laufe des Nach- 
mittags zu Goethe. „Nun?" rief er mir entgegen, „was 
denken Sie von dieser grossen Begebenheit? Der Vulcan ist 
zum Ausbruch gekommen; alles steht in Flammen, und es 
ist nicht ferner eine Verhandlung bei geschlossenen Thiiren!" 
Eine furchtbare Geschichte! erwiderte ich. Aber was Hess 
sich bei den bekannten Zuständen und bei einem solchen 
Ministerium anders erwarten, als dass man mit der Vertreibung 



IV, Streit zwiselien Cuvier und GeoflTioy S. Tlilaire. 79 

der bisherigen königlichen Familie endigen würde. „A\'ir scheinen 
uns nicht zn verstehen, mein Allerl)estei'," erwiderte Goethe. 
„Ich rede gar nicht von jenen Leuten; es handelt sich bei mir 
um ganz andere Dinge. Ich rede von dem in der Academie 
zum üti'entlichen Ausbruche gekommenen, für die Wissenschaft 
so höchst bedeutenden Streite zwischen Cuvier und Geoffroy 
de S. Hilaire." Diese Aeusserung Goethe's war mir so un- 
erwartet, dass ich niclit wusste, was ich sagen sollte, und dass 
ich während einiger Minuten einen vollständigen Stillstand in 
meinen Gedanken verspürte. „Die Sache ist von der höchsten 
Bedeutung," l'uhr (ioethe fort, „und Sie können sich keinen 
Begriff davon machen, was ich bei der Nachricht von der Sitzung 
des 19. Juli emplinde. Wir halien jetzt an Geoffroy de Saint 
Hilaire einen mächtigen Alliirten auf die Daner. Ich sehe aber 
zugleich daraus, wie gross die Tlieil nähme der französischen 
wissenschaftlichen AVeit an dieser Angelegenheit sein muss, indem 
trotz der furchtbaren politischen Aufregung, die Sitzung des 
19. Juli dennoch bei einem gefüllten Hause stattfand. Das Beste 
aber ist, dass die von Geoffroy in Frankreich eingeführte syn- 
thetische Behandlungsweise der Natur jetzt nicht mehr rück- 
gängig zu machen ist. Diese Angelegenheit ist durch die freien 
Discussionen in der Academie, und zwar in Gegenwart eines 
grossen Publicums jetzt öffentlich geworden, sie lässt sich nicht mehr 
an geheime Ausschüsse verweisen und bei geschlossenen Thüren 
abthun und unterdrücken. 

Von den zahlreichen interessanten und bedeutenden Sätzen, 
in welchen sich Goethe klar über seine Auflassung der orga- 
nischen Natur und ihrer beständigen Entwickelung ausspricht, 
habe ich in meiner generellen ^lorphologie der Organismen"*) 
eine Auswald als Leitworte an den Eingang der einzelnen Bücher 
und Capitel gesetzt. Hier führe ich Ihnen zunächst eine Stelle 
aus dem Gedichte an, welches die L^eberschrift trägt: „die Meta- 
morphose der Thiere" (1819). 

^Alle (ilieder bilden .sich aus nach ew'gen Gesetzen, 

„Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild. 

„Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Thieres, 



80 (loethe's Entdeckung der beiden organischen Bildungs-Triebe. IV. 

„Und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten 
„Mächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung, 
„Welche zum Wechsel sich neigt durch üusserlich wirkende Wesen." 

Schou hier ist der Gegen.«<atz zwi.schen zwei ver.schie- 
denen organi.sclieu Bildungskräfteii angedeutet, welche sich 
gegeiiüber stehen, und durch ihre Wechselwirkung die F'orm 
des Organismus bestimmen; einerseits ein gemeinsames inneres, 
fest .sich erhaltendes Urbild, welches den verschiedensten Gestalten 
zu Grunde liegt; andrerseits der äusserlich wirkende Einfluss der 
Umgebung und der Lebensweise, welcher umbildend auf das Ur- 
l)ild einwii-kt. Noch bestimmter tritt dieser Gegensatz in fol- 
gendem Ausspruch hervor. 

„Eine innere ursprüngliche Gemeinschaft liegt aller Organi- 
sation zu Grunde; die Verschiedenheit der Gestalten dagegen ent- 
springt aus den nothwendigen Beziehungs-A^erhältnissen zur 
Aussenwelt, und man darf daher eine ursprüngliche, gleichzeitige 
A'^erschiedenheit und eine unaufhaltsam fortschreitende Umbildung 
mit Recht annehmen, um die ebenso constanten als abweichenden 
Erscheinungen begreifen zu können." 

Das „Urbild" oder der „Typus", welcher als „innere ur- 
sprüngliche Gemeinschaft" allen organischen Formen zu Grunde 
liegt, i.st die innere Bildungskraft, welche die ursprüngliche 
Bildungsrichtung erhiilt und duich Vererbung fortpflanzt. Die 
„unaufhaltsam fortschreitende Umbildung" dagegen, welche „aus 
den nothwendigen Beziehungs- Verhältnissen zur Au.ssenwelt ent- 
springt", bewirkt als äussere Bildungskraft, durch Anpas- 
sung an die umgebenden Lebensbedingungen, die unendliche 
„Verschiedenheit der Gestalten". Den inneren Bildungstrieb der 
Vererbung, welcher die Einheit des Urbildes erhält, nennt 
Goethe an einer anderen Stelle die Centripetalkraft des Or- 
ganismus, seinen Specificationstrieb: im Gegensatz dazu nennt 
er den äusseren Bildungstrieb der Anpassung, welcher die 
Mannichfaltigkeit der organischen Gestalten hervorbringt, die 
Centrifugalkraft des Organismus, seinen Variationstrieb. Die 
betreffende Stelle, in welcher er ganz klar das „Gegengewicht" 
dieser beiden äusserst wichtigen oryanischen Bildungskräfte be- 



IV. f^ie Speeification (Vererbung) und die Metamorphose (Anpassung-). 81 

zeichnet, lautet folgendermassen: „Die Idee der Metamorphose 
ist gleich der Vis centrifuga und würde sich ins Unendliche ver- 
lieren, wäre ihr nicht ein Gegengewicht zugegeben: ich meine 
den Specil'icationsti'iel), das zähe l'oharrlichkeitsvermögen 
dessen, was einmal zur AVirklichkeit gekommen, eine A^is (-(.'ntri- 
peta, welcher in ihrem tiefsten Grunde keine Aeusserlichkeit 
etwas anhaben kann." 

Unter Metamorphose versteht Goethe nicht allein, wie 
t's heutzutage gewöhnlich aul'gefasst wird, die Foi-m-Verändei-ungen, 
welche das organische Individuum während seiner individuellen 
Entwickelung erleidet, sondern im weiteren Sinne überhaupt die 
Umbildung der organischen Formen. Die „Idee der Meta- 
morphose" ist beinahe gleichbedeutend mit unserer „Entwickelungs- 
Theorie". Dies ergiebt sich unter Anderem auch aus folgendem 
Ausspruch: „Der Triumph der physiologischen Metamorphose 
zeigt sich da, wo das Ganze sich in Familien, Familien sich in 
Geschlechter, Geschlechter in Sippen, und diese wieder in andere 
Mannichfaltigkeiten bis zur Individualität scheiden, sondern und 
umbilden. Ganz ins Unendliche geht dieses Geschäft der Natur; 
sie kann nicht ruhen, noch beharren, aber auch nicht Alles, was 
sie hervorbrachte, bewahren und erhalten. Aus dem Samen ent- 
wickeln sich immer abweichende, die A^erhältnisse ihrer Theile 
zu einander verändert bestimmende Pflanzen." 

In den beiden organischen Bildungstrieben, in dem conser- 
vativen, centripetalen, innerlichen Bildungstriebe der Yererlnmg 
oder der Specification einerseits, in dem progressiven, centri- 
fugalen, äusserlichen Bildungstriebe der Anpassung oder der 
Metamorphose andererseits, hatte Goethe bereits die l)eiden 
grossen mechanischen Naturkräfte entdeckt, welche die wirkenden 
Ursachen der organischen Gestaltungen sind. Diese tiefe bio- 
logische Erkenutniss musste ihn naturgemäss zu dem Grund- 
Gedanken der Abstammungs-Lehre führen, zu der Vorstellung, 
dass die formverwandten organischen x4rten wirklich blutsverwandt 
sind, und dass dieselben von gemeinsamen ursprünglichen Stamm- 
Formen abstammen. Für die wichtigste von allen Thiergruppen, 
die Ilaupt-Abtheilung der AVirlielthiere, drückt dies Goethe in 

Haeikel. Natiirl. Schtipfuiigs Gesell. 8. Aiitl. (j 



82 Goethe's Ansicht von der BlutsverwancUschaft aller Wirbelthiere. jy. 

folgendem mei-k würdigen Satz aas (1796!): „Dies also hätten 
wir gewonnen, ungescheut behaupten 7ai dürfen, dass alle voll- 
kommneren orgauisi-hen Naturen, worunter wir Fische, Amphibien, 
Vögel, Säugethiere und an der Spitze der letzten (h-n ^lenschen 
sehen, alle nach einem Urbikle geformt seien, das nur in seinen 
sehr beständigen Theilen mein- oder weniger hin- und herweicht, 
und sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet." 

Dieser Satz ist in mehrfacher Beziehung von Interesse. Die 
Theorie, dass „alle voUkommneren organischen Naturen", d. ii. 
alle Wirbelthiere, von einem gemeinsamen l^bilde abstammen, 
tlass sie aus diesem durch Forti)Hanzung (Vererbung) und Fm- 
liildung (Anpassunu) entstanden sind, ist daraus deutlich zu 
entnehmen. Besonders interessant aber ist, dass Goethe auch 
liier für den Menschen keine Ausnahme gestattet, ihn vielmehr 
ausdrücklich in den Stamm der übrigen \Virbelthiere hineinzieht. 
Die wichtigste specielle Folgerung der Abstammungs- Lehre, dass 
der Mensch von anderen \\'iil)<'ltlii(M'en al)stammt, lässt sicli hier 
im Keime erkennen ^). 

Noch klarer spricht Goethe diese überaus wichtige Grund- 
Idee an einer anderen Stelle (1807) in folgenden Worten aus: 
„AVenn man Pflanzen und Thiero in ihrem unvollkommensten 
Zustande betrachtet, so sind sie kaum zu unterscheiden. So viel 
aber können wir sagen, dass die aus einer kaum zu sondernden 
Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere nach und nach hervor- 
tretenden Geschöpfe nach zwei entgegengesetzten Seiten sich 
vervollkommnen, so dass die Pflanze sich zuletzt im Baume 
dauernd und starr, das Thier im Menschen zur höchsten Beweg- 
lichkeit und Freiheit sich verherrlicht." In diesem merkwürdigen 
Satze ist nicht allein das genealogische Verwandtschafts-Verhält- 
niss des Pflanzenreichs zum Thierreiche höchst treftend beurtheilt, 
sondern auch bereits der Kern der einheitlichen oder monophy- 
letischen Descendenz-Hypothese enthalten, deren Bedeutung ich 
Ihnen später auseinander zu setzen habe. (Vergl. über Goethe's 
Transformismus namentlich Kalischer 's Schrift'). 

Zu derselben Zeit, als Goethe in dieser Weise die Grundzüge 
der Descendenz-Theorie ent\vai-f. hnden wir bereits einen anderen 



IV. Goethe's nionophyletische Descendeiiz-IIyiiothese. 83 

deutschen Natur- Philosophen angelegentlich mit derselben be- 
schärtigt, nämlich GottTried Rein hold Treviranus aus 
Bremen (geb. 1776, gest. 1837). ^Vie zuerst Wilhelm Focke 
in Ih-emen gezeigt hat, entwickelte Treviranus schon in dem 
frühesten seiner grösseren AVerke, in der „Biologie oder Philo- 
sophie der lebenden Natur", bereits ganz im Anfange unseres 
Jahrhunderts, monistische Ansichten von der Einheit der Natur 
und von dem genealogischen Zusammenhang der Organismen- 
Arten, die ganz unserem jetzigen Standpunkte entsprechen. In 
den drei ersten Bänden der Biologie, die 1802, 1803 und 1805 
erschienen, also schon mehrere Jahre vor den Hauptwerken von 
Oken und Lamarck, finden sich zahlreiche Stellen, welche in 
tlieser Beziehung von Interesse sind. Ich \\ill nur einige der 
wichtigsten hier anführen. 

Ueber die Hauptfrage unserer Theorie, über den Ursprung 
der organischen Species, spricht sich Treviranus folgendermassen 
aus: „Jede Form des Lebens kann durch physische Kräfte auf 
doppelte Art hervorgebracht sein: entweder durch Entstehung 
aus formloser Materie, öde;!' durch Abänderung der Form bei 
dauernder Gestaltung. Im letzteren Falle kann die Ursache 
dieser Abänderung entweder in der Einwirkung eines ungleich- 
artigen männlichen Zeugungs-Stoffes auf den weiblichen Keim, 
oder in dem erst nach der Erzeugung stattfindenden Einflüsse 
anderer Potenzen liegen. — In jedem lebenden Wesen liegt die 
Fähigkeit zu einer endlosen Mannichfaltigkeit der Gestaltungen; 
jedes besitzt das Vermögen, seine Organisation den Veränderungen 
der äusseren Welt anzupassen, und dieses durch den Wechsel 
des Universums in Thätigkeit gesetzte Vermögen ist es, was die 
einfachen Zoophyten der Vorwelt zu immer höheren Stufen der 
Organisation gesteigert und eine zahllose Mannichfaltigkeit in tlie 
lebende Natur gebracht hat." 

Unter Zoophyten versteht hier Treviranus die Organis- 
men niedersten Ranges und einfachster Beschaffenheit, insbesondere 
jene neutralen zwischen Thier und Pffanze in der Mitte stehenden 
Urwesen, die im Ganzen unseren Protisten entsprechen. „Diese 
Zoophyten", sagt er an einer anderen Stelle, „sind die Urformen, 



84 EntwickeUings-Theorie von Treviranns. IV. 

aus welchou alle Organismen der höheren Classen durch all- 
iniihliche Entwiekelung entstanden sind. Wir sind ferner der 
Meinung, dass jede Ai-t, wie jedes hulividuum, gewisse Perioden 
i\es A\'aclisthums, der Bliitlie und des Absterbens hat, dass aber 
iln- Absterben nicht Auflösung, wie l)ei dem Individuum, sondern 
Degeneration ist. Und hieraus scheint uns zu folgen, dass es 
nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die grossen Katastrophen 
der Erde sind, was die Thiere der Vorwelt vertilgt hat, sondern 
dass Viele diese überlebt haben, und das.s sie vielmehr des- 
wegen aus der Jetzigen Xatur verschwunden sind, weil die Arten, 
zu welchen sie gehörten, den Kreislauf ihres Daseins vollendet 
haben und in andere (iattungen übergegangen sind." 

^W^nn Treviraiius an diesen und anderen Stellen Dege- 
neration als die wichtigste Ursache der Und)ildung der Thier- 
und Pflanzen-Arten ansieht, so versteht er darunter nicht „Ent- 
artung'' oder Degeneration in dem heute gebräuchliciien Sinne. 
Melmehr ist seine „Degeneration'' ganz dasselbe, was wir heute 
Anpassung oder Abänderung durch den äusseren Bildungs- 
triel) nennen. J)ass Treviranns diese Und)ihlung der organischen 
Species durch Anpassung, und ihre Erhaltung durch Vererbung, 
die ganze Mannichfaltigkeit der organischen Formen aber durch 
die Wechselwirkung von Anpassung oder Vererbung erklärte, 
geht auch aus mehreren anderen Stellen klar hervor. Wie tief 
er dabei die gegenseitige Abhängigkeit aller lebenden Wesen von 
eiiuinder, und überhaupt den universalen Causalnexus, d.h. 
den einheitlichen ursächlichen Zusammenhang zwischen allen 
(rliedern und Theilen des Welt-Alls erfasste, zeigt unter andern 
noch folgender Satz der Biologie: ,,Das lebende Individuum ist 
abhängig von der Art, die Art von dem Geschlechte, dieses von 
der ganzen lebenden Natur, und die letztere von dem Organis- 
mus der Erde. Das Individuum besitzt zwar ein eigenthümliches 
Leben und bildet insofern eine eigene Welt. Aber eben weil 
das Leben desselben beschränkt ist, so macht es doch zugleich 
auch ein Organ in dem allgemeinen Organismus aus. Jeder 
lebende Körper besteht durch das Universum; aber das Universum 
besteht auch gegenseitig durch ihn." 



W Mouistiscilf Nafur-Anschaming von Treviiaiius. 85 

Dasfs dieser grossartigen nicclianischeii Aulfassitiig des Uni- 
versums zurolge Treviranus auch für den Mensehen keine 
privilegirte Ausnahme-Stellünii' in (hM'Nalur zuliess, vielmehr die 
allmähliche Eniwickeiunu desselben aus niederen Tliier-lM>nnen 
annahm, ist bei einem so tief und klar denkenden Natur-Philo- 
sophen selbstverständlich. Tnd eben so selbstverständlich ist es 
andererseits, dass er keine Klul'l zwischen^' organischer und an- 
orgischer Natur anerkannte, vielmehr die al)s()lute Einheit in 
der Organisation des ganzen Welt-Gebäudes behauptete. Dies 
bezeugt namentlich der folgende 8atz: „Jede Untersuchung über 
den Einfluss der gesam7nten Natur auf die lebende Welt muss 
von dem Orundsatze ausgehen, dass alle lebenden Gestalten 
Producte physischer, noch in jetzigen Zeiten stattfindender, 
und nur dem Grade oder der Richtung nach veränderter Ein- 
flüsse sind." Hiermit ist, wie Treviranus selbst sagt, „das 
Grund-Problem der Biologie gelöst", und, fügen wir hinzu , in 
rein monistischem oder mechanischem Sinne gelöst. 

Als der bedeutendste der deutschen Natur-Philosophen gilt 
gewöhnlich weder Treviranus. noch Goethe, sondern ]>orenz 
Oken, welcher bei Begründung der Wirbel-Theorie des Schädels 
als Nebenbuhler Goethe 's auftrat und Diesem nicht gerade 
freundlich gesinnt war. Bei der sehr verschiedenen Natur der 
beiden grossen Männer, welche eine Zeit lang in nachbarschaft- 
licher Nähe leisten, konnten sie sich doch gegenseitig nicht wohl 
anziehen. Oken 's Lehrbuch der Natur- Philosophie, eines der 
bedeutendsten Erzeugnisse der damaligen naturphilosophischen 
Schule in Deutschland, erschien 1809, in demselben Jahre, in 
welchem auch Lamarck's fundamentales Werk, die „Philosophie 
zoologique" erschien. Schon 1802 hatte Oken einen „Crrundriss 
der Natur- Philosophie" veröffentlicht. Wie schon früher an- 
gedeutet wurde, finden wir bei Oken, versteckt unter einer 
Fülle von irrigen, zum Theil sehr abenteuerlichen und phan- 
tastischen Vorstellungen, eine Anzahl von werthvollen und tiefen 
(iedanken. Einige von diesen Ideen haben erst in neuerer Zeit, 
viele Jahre nachdem sie von ihm ausgesprochen wurden, all- 
mählich wissenschaftliche Geltung erlangt. Hier mögen nur zwei 



30 Xatiir-Philosophie von Okpn. IV. 

von diesen, fast proplictisch ausgesprochenen Gedanken erwiilnit 
werden: beide stehen zu der Enhviekelungs-Tlieorie in der inni.ü- 
steii IJezieliung. 

Eine der wichtigsten Theorien Oken's, weU-lie liiiherhin 
sehr verschrieen, und namentlich von den sogenannten exacten 
Empirikern auf das stärkste bekämpft wurde, ist die Idee, dass 
die Lebens-Erscheinungen aller Oroanismeu von einem gemein- 
schaftlichen chemischen .'^ubstrate ausgehen , gewissermassen 
einem allgemeinen, einfachen „Lebensstoff", welchen er mit 
dem Namen „Urschleim" belegte. Er dachte sich darunter, wie 
der Name sagt, eine schleimartige Substanz, eine Eiweiss-Yer- 
hindung, die in festflüssigem Aggregat-Zustande befindlich ist, 
und das A'ermögen besitzt, durch Anpassung an verschiedene 
Existenz-Bedingungen der Aussenwelt, und in AVechsel-Wirkung 
mit deren Materie, die verschiedensten Formen hervorzubringen. 
Nun brauchen Sie bloss das Wort Urschleim in das "Wort Pro- 
toplasma oder Zellstoff umzusetzen, um zu einer der grössten 
Errungenschaften zu gelangen, welche wir den mikroskopischen 
Forschungen der letzten Decennien, insbesondere denjenigen von 
Max Schnitze, verdanken. Durch diese LTntersuchungen hat 
sich herausgestellt, dass in allen lebendigen Naturkörpern ohne 
Ausnahme eine gewi.sse Menge einer schleimigen, eiweissartigen 
Materie in festflüssigem Dichtigkeitszustande sich vorfindet, und 
dass diese stickstoffhaltige Kohlenstoff- Verbindung ausschliesslich 
der ursprüngliche Träger und Bewirker aller Lebens-Erscheinungen 
und aller organischen Formbildung ist. Alle anderen Stoffe, 
welche ausserdem noch im Organismus vorkommen, w'erden erst 
von diesem activen Lebensstoff gebildet, oder von aussen auf- 
genommen. Das organische Ei, die ursprüngliche Zelle, aus 
welcher sich jedes Thier nnd jede Pflanze zuerst entwickelt, 
besteht wesentlich nur aus einem runden Klümpchen solcher 
eiweissartigen Materie. Auch der Eidotter ist nur Eiweiss, mit 
Fettkörnchen gemengt. Oken hatte also wirklich Recht, indem 
er, mehr ahnend als wissend, den Satz aussprach: „Alles 
Organische ist aus Schleim hervorgegangen, ist Nichts als ver- 
schieden ge.stalteter Schleim. Dieser Urschleim ist im Meere im 



I\'. Urscliloiiii-Thcoric und lufusurieii-Theoric von Okeii. 87 

\ crfuiuc der Phiiielcii-Eiitwickcluug üus aiKiruiiniscIior Malcrio 
cntstandoii." 

An die l rscldciiii-Tlicdric Okcii's. \velcli(? wcsoiif lirli mit 
der neueiiicdi erst lest be.urfindeteii, äusserst wielitigeu Protoplas- 
)ua-Theorie /usammoiinillt, scldiesst sich eine andere, eben so 
grossartige Idee desselben Xatur-l^hilosoidien eng an. Okcn be- 
Iiauptete iiändieli schon 1809, dass der dui-ch rrzeugung im Meere 
entstehende l'rschleim alsl)ald die Fonu \un mikroskopisch kleinen 
niäschen annehme, welche er Mile oder Infusorien nannte. 
..Die (trgaiüsclie AVeit haf zu ihrer l)asis ein(^ rnendlichkeit von 
sulclien Bbischen." Die Bläschen entstehen aus den ursprünglichen 
l'esttlüssigen Urschleinikugeln dadurch, dass die Peiipherie derselben 
sich verdichtet. Die eini'achsten Organismen sind einfache solche 
Bläschen oder Infusorien. Jeder höhere Organismus, jedes Thier 
und jede Pflanze vollkommnerer Art ist weiter Nichts als „eine 
Zusammenhäufung (Synthesis) von solchen infusorialen Bläschen, 
die durch verschiedene Combinationen sich verschieden gestalten 
und so zu höheren Organismen aul'wachsen". Sie brauchen nun 
wiederum das ^^^ort Bläschen oder Infusorium nur durcli das 
Wort Zelle zu ersetzen, um zu eiuer der grössten lüologischen 
Theorien unseres Jahrhunderts, zur Zellen-Theorie, zu gelangen. 
Schleiden und Schwann haben zuerst im Jahre 1838 den em- 
pirisciien Beweis geliefert, dass alle Organismen entweder einfache 
Zellen oder Zusammenhäufungen (Synthesen) von solchen Zellen 
sind: und die neuere Protoplasma-Theorie hat nachgewiesen, dass 
der wesentlichste (und l)isweilen der einzige!) Bestandtheil der 
echten Zelle das Protoplasma (der Urschleim) ist. Die Eigen- 
schaften, die Oken seinen Infusorien zuschreibt, sind eben die 
Eigenschaften der Zellen, die Eigenschaften der elementaren Indi- 
viduen, durch deren Zusammenhäufung, Verbindung und mannich- 
faltige Ausbildung die höheren Organismen entstanden sind. 

Biese beiden, ausserordentlich fruchtbaren Gedanken Oken's 
wurden wegen der absurden Form, in der er sie aussprach, nur 
wenig berücksichtigt, oder gänzlich verkannt; und es war einer 
viel späteren Zeit vorbehalten, dieselben durch die Erfahrung zu 
begründen. Im engsten Zusammenhang mit diesen Vorstellungen 



33 Eutwickelungs Theorie von Oken. IV. 

standen auch andere Grundsätze seiner Entwickelungs-Lehro. Vom 
Ursprung des Menschengeschlechts sagte er: „Der Mensch ist ent- 
wicicelt, niclit erschaffen." So viele willkürliche Verkehrtheiten 
und ausschweifende Phantasiesprünge sich auch in Oken" s Natur- 
philosophie finden mögen, so können sie uns doch nicht hindern, 
diesen grossen und ihrer Zeit weit vorauseilenden Ideen luisere 
gerechte Bewunderung zu zollen. So viel geht aus den angeführten 
Behauptungen Goethe"s und Okcn"s, und aus den demnächst 
zu erörternden Ansichten f>amarck\s und Geoffroy's mit 
Sicherheit hervor, dass in den ersten Decenuien unseres Jahrhun- 
derts Niemand der natürlichen, durch Darwin neu begründeten 
Entwickelungs-Theorie so nahe kam, als die vielverschrieeno Na- 
tur-Philosophie. 



Fünfter Vortrag. 

Entwickeluiigs- Theorie von Kant und Lamarck. 



Kaut's Verdienste um die Entwickeluiigs -Theorie. Seine monistische 
Kosmologie und seine dualistische Biologie. Widerspruch von Mechanismus 
und Teleologie. Vergleichung der genealogischen Biologie mit der verglei- 
chenden Sprachforschung. Ansichten zu Gunsten der Descendenz- Theorie 
von Leopold Buch, Baer, Schieiden, üuger, Schaffhausen, Victor Carus, Büch- 
ner. Die französische Natur-Philosophie. Lamarck's Philosophie zoologiciue. 
Lamarck"s monistisches (mechanisches) Natur-System. Seine Ansichten von 
der Wechselwirkung der beiden organischen Bildungskräfte, der Vererbung 
und Anpassung. Lamarck's Ansicht von der Entwickelung des Menschen- 
geschlechts aus affenartigen Säugethiereu. Vertheidigung der Descendenz- 
Theorie durch Geoffroy S. Hilaire, Naudin, Lecoq. Die englische Natur- 
Philosophie. Ansichten zu Gunsten der Descendenz -Theorie von Erasmus 
Darwin, W. Herbert, Grant, Freke, Herbert Spencer, Hooker, Huxley. Dop- 
peltes Verdienst von Charles Darwin. 

Meine Herren! Die teleologische Natur-Betrachtung, welche 
die Erscheinungen in der organischen Welt durch die zweck- 
mässige Thätigkeit eines persönlichen Schöpfers oder einer zweck- 
thätigen Endursache erklärt, führt nothwendig zuletzt zu ganz 
unhaltbaren Widersprüchen und Folgerungen. Diese zwiespältige, 
dualistische Natur- Auffassung steht zu der überall wahrnehmbaren 
Einheit und Einfachheit der obersten Natur-Gesetze im entschie- 
densten Gegensatz. Die Philosophen, welche dieser Teleologie 
huldigen, müssen nothwendiger Weise zwei grundverschiedene 
Naturen annehmen: eine anorgische Natur, welche durch 
mechanisch wirkende Ursachen (causae efficientes) , und eine 
organische Natur, welche im Gegensatze zu ersterer durch 
zweckmässig thätige Ursachen (causae linales) erklärt werden 
muss. (Vergl. S. 31.) 



90 Kaiit's monistische Anorgologic. V. 

Dieser Dualismus tritt uns aull'alli'ii<l ciitiiegcu, wenn wir 
die Naturanschauung eines der grössten deutschen Phih)s(t|)hcn. 
Kant's. betrachten, und die Vorstellungen in"s Auge fassen. 
^velche er sich von der Entstehung der <,)i'ganismen bildete. Eine 
nähere Betrachtung dieser A'orstellungen ist hier schon deshall» 
geboten, weil wir in Immanuel Kant einen der wenigen Phi- 
losophcu verehren, welche eine gediegene naturwissenschaftliche 
Bildung mit einer ausserordentlichen Klarheit und Tiefe der >^[)o- 
culation verbinden. Der Königsberger Philosoph erwarb sich nicht 
bloss durch Begründung der kritischen Philosophie den höchsten 
Ruhm untei- den speculativcn Philosophen, sondern auch durch 
seine mechanische Kosmogenie einen glänzenden Namen unter 
den Natur- Forschern. Schon im Jahre 1755 machte er in seiner 
„allgemeinen Natur-Geschichte und Theorie des Himmels-')" den 
kühnen Versuch, „die Aerfassung und den mechanischen T'rsprung 
des ganzen AVeltgebäudes nach Newtonschcn Grimdsätzen abzu- 
handeln", und mit Ausschluss aller Wunder aus dem natüilichen 
Entwickelungsgaugc der Materie mechanisch zu erklären. Diese 
Kantische Kosmogenie, welche wir nachher (im XI II. Vortrage) 
kurz erörtern werden, wurde späterhin von dem franzö.sischen 
Mathematiker Laplace und von dein englischen Astronomen 
TIerschel ausführlicher begründet; sie erfreut sich noch heute 
einer fast allgemeinen Anerkennung. Schon allein wegen dieses 
wichtigen \Verkcs, in welchem exactes physikalisches Wissen mit 
der geistvollsten Speculation gepaart ist. verdient Kant den 
Ehrennamen eines Natur-Philosophen im besten und reinsten 
Sinne des Wortes. 

Nun findet sich aber in verschiedenen Schriften von Imma- 
nuel Kant, namentlich aus den jüngeren Jahren (von 1755 bis 
1775) eine Anzahl von höchst wichtigen Aussprüchen zerstreut, 
welche uns dazu berechtigen, Kaut neben Lamarck und 
Goethe als den ersten und -bedeutendsten Vorläufer 
Darwin's hervorzuheben. Profes.sor Fritz Schnitze in Dresden 
hat sich das grosse Verdienst erworben, diese wächtigen, aber sehr 
versteckten und wenig bekannten Stellen aus den Werken des 
grossen Königsberger Philosophen zu sammeln und kritisch zu 



\". Kaufs dualistische Biologie. 91 

erljiutcrn. (Fritz Schultze, „Kant und J)ar\vin, oiii Beitrag 
zur (icschichte der Entwickclungs-Lehre" Jena, 1875.) Es geht 
daraus hervor, dassKant bereits mit voller Klarheit den grossen 
Gedanken der Natur-Ki ii heit (S. 32, 4G) und der allumfassenden 
einheitlichen Entwickelung ertasst hatte. Nicht allein be- 
haujjtet er in Folge dessen die Aljstamniung der verschiedenen 
Organismen von gemeinsamen Stammlurmcii (Dcsccndenz-Tlieorie!), 
die „Abartung von dem Urbilde der Stammgattung durch natür- 
liche Wanderungen" (Migrations-Theorie! S. 65); sondern er nimmt 
auch an (schon 1771!) „dass die ursprüngliche Gangart des 
Menschen die vieri'üssige gewesen ist . dass die zweil'iissige sich 
erst allmählich entwickelt und dass der Mensch erst allmählich 
sein Haupt über seine alten Kameraden, die Thiere, so stolz er- 
hoben hat" (a. a. 0. S. 47 — 50). Ja Kant ist sogar der Erste, 
der das Princip des „Kampfes um"s Dasein" und der „Selections- 
Theorio" entdeckt hat, wie wir nachher noch sehen werden (a. 
a. 0. S. 25, 56, 57, 61, 140 u. s. w.). 

Wir würden daher unbedingt in der Geschichte der Ent- 
wickelungs-Lehre unserem gewaltigen Königsberger Philosophen 
den ersten Platz einräumen müssen, wenn nicht leider diese be- 
wunderungswürdigen monistischen Ideen des jungen Kant später 
durch den überwältigenden Einfluss der dualistischen christlichen 
Weltanschauung ganz zurückgedrängt worden wären. An ihre 
Stelle treten in den späteren Schriften Kant's theils ganz un- 
haltbare dualistische Vorstellungen, theils unklares Schwanken 
zwischen ersteren und letzteren. Wenn Sie Kant's Kritik der 
teleologischen Urtheilskraft, sein angesehenstes biologisches AVerk, 
lesen, so gewahren Sie, dass er sich bei Betrachtung der orga- 
nischen Natur wesentlich immer auf dem teleologischen oder 
dualistischen Standpunkt erhält, während ei- für die auorgische 
Natur unbedingt und ohne Rückhalt die mechanische oder moni- 
stische Erklärungs-Methode annimmt. Er behauptet, dass sich im 
Gebiete der anorgischen Natur sämmtliche Erscheinungen aus me- 
chanischen Ursachen, aus den bewegenden Kräften der Materie 
selbst erklären lassen, im Gebiete der organischen Natur dagegen 
nicht. In der gesammten Anorgologie (in der Geologie und Mi- 



92 Kaufs dualistische Biologie. V. 

neralogie, in der Meteorologie und Astronomie, in der Physik nnd 
Chemie der anorganischen Katurkörper) sollen alle Erscheinungen 
bloss durch Mechanismus (causa efficiens), ohne Dazwischen- 
kunft eines Endzweckes erklärbar sein. In der gesammten Bio- 
logie dagegen, in der Botanik, Zoologie und Anthropologie, soll 
der Mechanismus nicht ausreichend sein, uns alle Erscheinungen 
zu erklären; vielmehr können wir dieselben nur durch Annahme 
einer zweckmässig wirkenden Endursache (causa linalis) lip- 
greifen. An mehreren Stellen hel)t Kant ausdrücklich hervor, 
dass man, von einem streng naturwissenschaftlich-philosophischon 
Standpunkt aus, für alle Erscheinungen ohne Ausnahme eine 
mechanische Erklärungsweise fordern müsse, und dass der Me- 
chanismus allein eine wirkliche Erklärung einschliesse. 
Zugleich meint er aber, dass gegenüber den belebten Natur- 
körpern, den Thieren und Pllanzen, unser menschliches Erkennt- 
niss-Vermögen beschränkt sei, und nicht ausreiche, um hinter die 
eigentliche wirksame Ursache der organischen Vorgänge, insbeson- 
dere der Entstehung der organischen Formen , zu gelangen. Die 
Befugniss der menschlichen Vernunft zur mechanischen Erklä- 
rung aller Erscheinungen sei unbeschränkt, aber ihr Vermögen 
dazu begrenzt, indem man die organische Natur nur teleologisch 
betrachten könne. 

Abweichend von diesem dualistischen Standpunkt behauptet 
Kant wieder an anderen Stellen die Nothwendigkeit einer genea- 
logischen Auffassung des organischen Systems, wenn man über- 
haupt zu einem wissenschaftlichen Verständniss desselben gelangen 
wolle, üie wichtigste und merkwürdigste von diesen Stellen findet 
sich in der „Methoden-Lehre der teleologischen Urtheilskraft" (§79), 
welche 1790 in der ,,Kritik der Urtheilskraft" erschien. Bei dem 
ausserordentlichen Interesse, welches diese Stelle sowohl für die 
Beurtheilung der Kantischen Philosophie, als für die Geschichte 
der Descendenz-Theorie besitzt, erlaube ich mir, Ihnen dieselbe 
hier wörtlich mitzutheilen. 

„Es ist rühmlich, mittelst einer comparativen Anatomie die 
grosse Schöpfung organisirter Naturen durchzugehen, um zu sehen: 
ob sich daran nicht etwas einem System Aehnliches, und zwar 



Y_ Kaufs genealogische Entwickelungs-Tlieoiie. 93 

dem Erzeugungs-Princip nach, vorlindc, ohne dass wir nothig'' 
haben, beim blossen Tieui-tlieilungs-Princii), welches für die Ein- 
sicht ihrer Erzeugung keinen Aufschluss giebt, stehen zu bleiben, ! 
und nuithlos allen Anspruch auf Natu reinsicht in diesem Felde 1 
aufzugeben. Die Uebereinkunft so vieler Thiei'gattungen in einem 
gewissen gemeinsamen Schema, das nicht allein in ihrem Knochen- 
bau, sondern auch in der Anordnung der iibi'igen 'l'hcilc zum 
(irunde zu liegen scheint, wo bewunderungswürdige Einfalt des 
firundrisses durch Verkürzung einer und Verlängerung anderer, 
durch Entwickelung dieser und Auswickelung jener Theile, eine 
so grosse Mannichfaltigkeit von Species hat hervorbringen können, 
lässt einen obgleich schwachen Strahl von Hoffnung ins Gemüth 
fallen, dass hier wohl Etwas mit dem Princip des Mechanis- 
mus der Natur, ohne das es ohnedies keine Naturwissenschaft 
gelten kann, auszurichten sein möclite. Diese Analogie der For- 
men, sofern sie bei aller Verschiedenheit einem gemeinschaft- 
lichen Urbilde gemäss erzeugt zu sein scheinen, verstärkt die 
Vermuthung einer wirklichen Verwandtschaft derselben in 
der Erzeugung von einer gemeinschaftlichen Urmutter dmrh die 
stufenartige Annäherung einer Thiergattung zur anderen, von 
derjenigen an, in welcher das Princip der Zwecke am meisten 
bewährt zu sein scheint, nämlich dem Menschen, bis zum 
]*olyp, von diesem sogar bis zu Mosen und Flechten, und end- 
lich zu der niedrigsten uns merklichen Stufe der Natur, zur 
rohen Materie: aus welcher und ihren Kräften nach mecha- 
nischen Gesetzen (gleich denen, danach sie in Krystall- 
Erzeugungen wirkt) die ganze Technik der Natur, die uns in 
organisirten AVesen so unbegreiflich ist, dass wir uns dazu ein 
anderes Princip zu denken genöthigt glauben, abzustammen 
scheint. Hier steht es nun dem Archäologen der Natur frei, 
aus den übrig gebliebenen Spuren ihrer ältesten Revolutionen, 
nach allem ihm bekannten oder gemuthmassten Mechanismen 
(h^rselben, jene grosse Familie von Geschöpfen (denn so 
müsste man sie sich vorstellen, wenn die genannte, durchgängig 
zusammenhängende Verwandtschaft einen Grund haben soll) ent- 
springen zu lassen." 



94 Kaut's genealogische Entwiekelungs-Theorie. V. 

Man muss darüber erstaunen, wie tief und klar der grosse 
Denker hier die innere Nüthwentligkeit der Abstanimunos-Lehre 
erkannte, und sie als den einzig inöglicUen ^Veg zur Erklärung 
der organischen Natur durch mechanische Gesetze, d. li. zu einer 
wahrhaft wissenschaftlichen Erkenntniss bezeichnete. Sobald man 
indessen diese Stelle im Zusammenhang mit dem übrigen (\e- 
dankengang der „Kritik der Urtheilskraft" betrachtet, und an- 
deren geradezu widersprechenden Stellen gegenüber hält, zeigt 
sich deutlich, dass Kant in diesen und einigen idudichen Sätzen 
über sich selbst hinausging und seinen in der Biologie gewöhn- 
lich eingenommenen teleologischen Standpunkt verliess. Selbst 
unmittelbar auf jenen wörtlich angeführten, bewuiuleruugswürdigen 
Satz folgt ein Zusatz, welcher demselben die Spitze abbricht. 
Nachdem Kant so eben ganz richtig die „Entstehung der orga- 
nischen Formen aus der rohen Materie nach mechanischen Ge- 
setzen (gleich denen der Krystall-Erzeugung)", sowie eine stufen- 
weise Entwickelung der verschiedenen Species durch Abstam- 
mung von einer gemeinschaftlichen Urmutter behauptet hat, fügt 
er hinzu: „Allein er (der Archäolog der Natur, d. h. der Paläon- 
tolog) muss gleichwohl zu dem Ende dieser allgemeinen Mutter 
eine auf alle diese Gescliöpfe zweckmässig gestellte Organisation 
beilegen, widrigenfalls die Zweckform der Producte des Thier- 
und l^flanzen-Reichs ihrer Möglichkeit nach gar nicht zu denken 
ist." Offenbar hebt dieser Zusatz den wichtigsten Grundgedanken 
des vorhergehenden Satzes, dass durch die De.scendenz-Theorie 
eine rein mechanische Erklärung der organischen Natur möglich 
werde, vollständig wieder auf. Und dass diese teleologische Be- 
trachtung der organischen Natur bei Kant vorherrschte, zeigt 
schon die Ueberschrift des merkwürdigen § 79. welcher jene 
beiden widersprechenden Sätze enthält: „Von der nothwendigen 
Unterordnung des Princips des Mechanismus unter das 
teleologische in Erklärung eines Dinges als Naturzweck." 

Am schärfsten spricht sich Kant gegen die mechanische Er- 
klärung der organischen Natur in folgender Stelle aus (§ 74): 
„Es ist ganz gewiss, dass wir die organisirten Wesen und deren 
innere Möglichkeit nach bloss mechanischen Principien der Natur 



Y. Kaufs dualistische Biologie. 95 

nicht einmal zureichend kennen lernen, viel weniger uns erklären 
können, und zwar so gewiss, dass man dreist sagen kann: Es ist 
l'iir iMenschen ungereimt, aiicli nur ciiu'u solchen Anschlag zu 
lassen, 0(k'i' zu hoffen, ilass noch etw;i dci'oinst ein Newton aul'- 
stehon könne, der auch nur die Erzeugung eines (irashalms nach 
Natur-Gesetzen, die keine Absicht geordnet hat, l)egreiflich machen 
werde, sondern man muss diese Einsicht dem Menschen schlech- 
terdings absprechen." Nun ist aber dieser unmögliche Newton 
siel)enzig Jahre später in Darwin wirklich erschienen, und seine 
Selections-Theorie hat die Aufgabe thatsächlich gelöst, die Kant 
für absolut unlösbar hielt. 

Im Anschluss an Kant und an die deutschen Natur-Philo- 
sophen, mit deren Entwickelungs-Tlieorie wir uns im vorher- 
gehenden Vortrage beschäftigt haben, erscheint es gerechtfertigt, 
jetzt noch kurz einiger anderer deutscher Natur-Forscher und Phi- 
losophen zu gedenken, welche im Laufe unseres Jahrhunderts 
mehr oder minder bestimmt gegen die herrschenden teleologischen 
Seh öpfungs- Vorstellungen sich auflehnten, und den mechanischen 
Grundgedanken der Abstammungs-Lehre geltend machten. Bald 
waren es mehr allgemeine philosophische Betrachtungen, bald 
mehr besondere empirische Wahrnehmungen, welche diese den- 
kenden Männer auf die Vorstellung brachten, dass die einzelnen 
organischen Species von gemeinsamen Stamm-Formen abstammen 
müssten. Unter ihnen will ich zunächst den grossen deutschen 
Geologen Leopold Buch hervorheben. Wichtige Beobachtungen 
über die geographische Verbreitung der Pflanzen füiirten ihn in 
seiner trefflichen „physikalischen Beschreibung der cauarisclien 
Liseln" zu folgendem merkwürdigen Ausspruch: 

„Die Individuen der Gattungen auf Contineuten breiten sich 
aus, entfernen sich weit, bilden durch Verschiedenheit der Stand- 
örter, Nahrung und Boden Varietäten, welche, in ihrer Entfer- 
nung nie von anderen Varietäten gekreuzt und dadurch zum 
Haupt-Typus zurückgebracht, endlich constant und zur eignen 
Art werden. Dann erreichen sie vielleicht auf anderen Wegen 
auf das Neue die ebenfalls veränderte vorige Varietät, beide nun 
als sehr verschiedene und sich nicht wieder mit einander ver- 



9ß Genealogische Ansichten von LenpoUi Buch. \\ 

mischende Arten. Nicht so auf Inseln. Gewöhnlich in enge 
Thäler, oder in den Bezirk schmaler Zonen gebannt, können sich 
die Individuen erreichen und jede gesuchte Fixirung einer Varie- 
tät wieder zei'störeii. Es ist dies ungefähr so, wie Sonderbar- 
keiten oder Fehler der Sprache zuerst durch das Haupt einer 
Familie, dann durch Verbreitung dieser selbst, über einen ganzen 
District einheimisch werden. Ist dieser abgesondert und isolirt, 
und bringt nicht die stete Verbindung mit andern die Sprache 
auf ihre vorherige Reinheit zui'iick, so wird aus dieser Al)wei- 
chung ein Dialect. Vcrlnnden natürliche Hindernisse, Wäldei'. 
Verfassung, Regierung, die Rewohner des abweichenden Districts 
noch enger, und trennen sie sich noch schärfer von den Nach- 
barn, so lixirt sich der Dialect, und es \\'\v(] eine viillig verschie- 
dene Sprache." (Uebersicht der Flora auf dci! (anarien, S. !?>?>.) 
Sie sehen, dass Buch hier auf den (ii'undgedaid<en der Ai)- 
stammungs-J.ehre (huch die Erscheinungen der Pflanzen-CJeo- 
graphie geführt wird, ein biologisches Gelnet, welches in der Thal 
eine Masse von Beweisen zu Gunsten derselben liefert. Darwin 
hat diese Beweise in zwei besonderen f'apiteln seines Haupt- 
werkes (dem elften und zwölften) ausführlich erörtert. Buch's 
Bemerkung ist aber auch deshalb von Interesse, weil sie uns auf 
die äusserst lehrreiche Vergleichung der verschiedenen Spracli- 
Zweige und der Organismen- Arten führt, eine Vergleichung, welche 
sowohl für die vergleichende Sj)rach-A\'issenschaft, als für die 
vergleichende Thier- und Pllanzen-Kunde vom grössten Nutzen 
ist. Gleichwie z. B. die verschiedenen Dialecte, Mundarten, 
Sprach-Aeste und Sprach-Zweige der deutschen, slavischen, grie- 
chisch-lateinischen und iranisch-indischen Grund-Sprache von einer 
einzigen gemeinschaftlichen indogermanischen Ur-Sprache ab- 
stammen, und gleichwie sich deren Unterschiede durch die 
Anpassung, ihre gemeinsamen Grundcharaktere durch die 
Vererbung erklären, so stammen auch die verschiedenen Arten, 
Gattungen, Familien, Ordnungen und Classen der Wirbelthiere 
von einer einzigen gemeinschaftlichen Wirbel thier-Form ab; auch 
hier ist die Anpassung die Ursache der A'erschiedenheiten, die 
Vererbung die Ursache des oeraeinsamen Grundcharakters. Dieser 



V. Genealogische Ansichten von Schleicher, Raer, Schieiden. 97 

interessante Parallelismus in der divergenten Entwickelung der 
Sprach-Formen und der Organismen-Formen ist in sehr einleuch- 
tender Weise von einem unserer ersten vergleichenden Sprach- 
Forscher, von dem genialen August Schleicher erörtert worden; 
derselbe hat namentlich den Stammbaum der indogermanischen 
Sprachen in der scharfsinnigsten Weise phylogenetisch entwickelt*^). 

Von anderen hervorragenden deutschen Naturforschern, die 
sich mehr oder minder bestimmt für die Descendenz-Theorie aus- 
sprachen, und die auf ganz verschiedenen Wegen zu derselben 
hingeführt wurden, habe ich zunächst Carl Ernst Baer zu nennen, 
den grossen Reformator der thierischen Entwickelungs-Geschichte. 
In einem 1834 gehaltenen Vortrage, betitelt: „Das allgemeinste 
(iesetz der Natur in aller Entwickelung", erläutert derselbe vor- 
trefflich, dass nur eine ganz kindische Natur-Betrachtung die or- 
ganischen Arten als bleibende und unveränderliche Typen ansehen 
könne, und dass im Gegentheil dieselben nur vorübergehende Zeu- 
gungs-Reihen sein können, die durch Umbildung aus gemeinsamen 
Stamm-Formen sich entwickelt haben. Dieselbe Ansicht begründete 
Baer später (1859) durch die Gesetze der geographischen Verbrei- 
tung der Organismen. 

J. M. Schieiden, welcher vor fünfzig Jahren in Jena durch 
seine streng empirisch-philosophische und wahrhaft wissenschaft- 
liche Methode eine neue Epoche für die Pflanzenkunde begründete, 
erläuterte in seinen Grundzügen der wissenschaftlichen Botanik 
die philosophische Bedeutung des organischen Species-Begriffs; er 
nalun an, dass derselbe nur in dem allgemeinen Gesetze der 
Specification seinen subjectiven Ursprung habe^). Die ver- 
schiedenen Pflanzen-Arten sind nur die specificirten Producte der 
Pflanzen-Bildungstriebe, Avelche durch die verschiedenen Combi- 
nationen der Grundkräfte der organischen Materie entstehen. 

Der ausgezeichnete Wiener Botaniker Franz Unger wurde 
durch seine gründlichen und umfassenden Untersuchungen über 
die ausgestorbenen Pflanzen-Arten zu einer paläontologischen Ent- 
wickelungs-Geschichte des Pflanzen-Reichs geführt, welche den 
Grundgedanken der Abstammungs-Lehre klar ausspricht. In seinem 
„Versuch einer Geschichte der Pflanzenwelt" (1852) behauptet er 

Haeckel. Natürl. Öchöpfungs-Gescli. 8. Aiiti. 7 



98 Genealogische Ansichten von Uuger, Victor Caius, Büchner. Y. 

die Abstammung aller verschiedenen Pflanzen-Arten von einigen 
Avenigen Stamm-Formen, und vielleicht von einer einzigen Urpflauze, 
einer einfachsten Pflanzen-Zelle. Er zeigt, dass diese Anschauungs- 
weise von dem genetischen Zusammenhang aller Pflanzen-Formen 
nicht nur physiologisch notliAvendig, sondern auch empirisch be- 
gründet sei"). 

In der Einleitung zu dem 1853 erschieneneu „System der thie- 
rischen Morphologie" von Victor Carus steht folgender Ausspruch: 
„Die in den ältesten geologischen Lagern begrabenen Organismen 
sind als die Urahnen zu betrachten, aus denen durch fortgesetzte 
Zeugung und Accommodation an progressiv sehr verschiedene Lebens- 
Verhältnisse der Formen-Reichthum der jetzigen Schöpfung entstand." 

In demselben Jahre (1853) erklärte sich der Bonner Anthro- 
pologe Schaaffhausen in einem Aufsatze „über Beständigkeit und 
Cmwandlung der Arten" entschieden zu Gunsten der Descendenz- 
Theorie. Die lebenden Pflanzen- und Thier-Arten sind nach ihm 
die umgebildeten Nachkommen der ausgestorbenen Species, aus 
denen sie durch allmähliche Abänderung entstanden sind. Das 
Auseinanderweichen (die Divergenz oder Sonderung) der nächst- 
verwandten Arten geschieht durch Zerstörung der verbindenden 
Zwischenstufen. Auch für den thierischen Ursprung des Menschen- 
geschlechts und seine allmähliche Entwickeluug aus aftenähnlichen 
Thiereu, die wichtigste Consequenz der Abstaramungs-Lehre, sprach 
sich Schaaffhausen (1857) aus. 

Endlich ist von deutschen Natur- Philosophen noch besonders 
Louis Büchner hervorzuheben, welcher in seinem berühmten 
Buche „Kraft und Stoff" 1855 ebenfalls die Gruudzüge der De- 
scendenz-Theorie selbstständig entwickelte, und zwar vorzüglich 
auf Grund der unwiderleglichen empirischen Zeugnisse, welche 
uns die paläontologische und die individuelle Entwickeluug der 
Organismen, sowie ihre vergleichende Anatomie, und der Paral- 
lelismus dieser Entwickelungs- Reihen liefert. Büchner zeigte 
sehi' einleuchtend, dass schon hieraus eine Entwickelung der ver- 
schiedenen organischen Species aus gemeinsamen Stammformen 
nothvvendig folge, und dass die Entstehung dieser m-sprünglichen 
Stammformen nur durch Urzeugung denkbar sei'"). 



y. Genealogische Ansichten von Jean Lamarck. 99 

All der Spitze der französischen Natur-Philosophie steht 
Jean Lamarck, welcher in der Geschichte der Abstammungs- 
Lehre neben Darwin und Goethe den ersten Platz einnimmt. 
Ihm wird der unsterbliche Ruhm bleiben, zum ersten Male die 
Descendenz- Theorie als selbstständige wissenschaftliche Theorie 
ersten Ranges durchgeführt und als die naturphilosophische Grund- 
lage der ganzen Biologie festgestellt zu haben. Obwohl Lamarck 
bereits 1744 geboren wurde, begann er doch mit Veröffentlichung 
seiner Theorie erst im Beginn unseres Jahrhunderts, im Jahre 
1801, und begründete dieselbe erst ausführlicher 1809, in seiner 
classischen „Philosophie zoologique" ^). Dieses bewunderungswür- 
dige Werk ist die erste zusammenhängende und streng bis zu 
allen Consequeuzen durchgeführte Darstellung der Abstammnngs- 
Lehre. Durch die rein mechanische Betrachtungsweise der orga- 
nischen Natur und die streng philosophische Begründung von 
deren Nothwendigkeit erhebt sich Lamarck's Werk weit über 
die vorherrschend dualistischen Anschauungen seiner Zeit, und 
bis auf Darwin' s Werk, welches gerade ein halbes Jahrhundert 
später erschien, finden wir kein zweites, welches wir in dieser 
Beziehung der Philosophie zoologique an die Seite setzen könnten. 
Wie weit dieselbe ihi-er Zeit vorauseilte, geht avoM am besten 
daraus hervor, dass sie von den Meisten gar nicht verstanden 
und fünfzig Jahre hindurch todtgeschwiegen wurde. Lamarck's 
grösster Gegner, Cuvier, erwähnt in seinem Bericht über die 
Fortschritte der Naturwissenschaften, in welchem die unbedeu- 
tendsten anatomischen Untersuchungen Aufnalmie fanden, dieses 
epochemachende Werk mit keinem Worte. Auch Goethe, wel- 
cher sich so lebhaft für die französische Natur- Philosophie, für 
„die Gedanken der verwandten Geister jenseits des Rheins", in- 
teressirte, gedenkt Lamarck's nirgends und scheint die Philo- 
sophie zoologique gar nicht gekannt zu haben. Den hohen Ruf, 
welchen Lamarck sich als Naturforscher erwarb, verdankt der- 
selbe nicht seinem höchst bedeutenden allgemeinen Werke, son- 
dern zahlreichen speciellen Arbeiten über niedere Tliiere, insbe- 
sondere Mollusken, sowie einer ausgezeichneten „Natur-Geschichte 
der wirbellosen Thiere", welche 1815 — 1822 in sieben Bänden 

7 * 



\00 Lainarck's zoologische Plülosnpliie. V. 

erschien. Der er.ste ]3ancl dieses beriiiiniteii Werkes (1815) ent- 
hält in der allgemeinen Einleitung ebenfalls eine ausführliche 
Darstellung seiner Abstammungs- Lehre. Von der ungemeinen 
Bedeutung der Philosophie zoologique kann ich Ihnen vielleicht 
keine bessere ^'orstellung geben, als wenn \c\\ liior daraus einige 
{\ev wichtigsten Sätze wörtlich anführe: 

„Die systematischen Eintheilungen. die ('lassen, Ordnungen, 
Familien, Gattungen und Arten, so\Yie deren Benennungen, sind 
willkürliche Kunsterzeugnisse des Menschen. Die Arten otier 
Species der Organismen sind von ungleichem Alter, nach einander 
entwickelt und zeigen nur relative, zeitweilige Beständigkeit; aus 
Varietäten gehen Arten hervor. Die Verschiedenheit in den 
lieben.sbedingungen wirkt verändernd auf die Organisation, die 
allgemeine Form und die Theile der Thiere ein, ebenso der Ge- 
l)rauch oder Nichtgebrauch der Organe. Im ersten Anfang sind 
nur die allereinfaciisten und niedrigsten Thiere und l'Hanzen ent- 
standen und erst zuletzt diejenigen von der höchst zusammenge- 
setzten Organisation. Der Entwickelungsgang der Erde und ihrer 
organischen Bevölkerung war ganz continuirlich, nicht durch ge- 
waltsame Revolutionen unterbrochen. Das Leben ist nur ein 
physikalisches Phänomen. Alle Lebens-Erscheinungen beruhen auf 
mechanischen, auf physikali-schen und chemischen Ursachen, die 
in der Beschaffenheit der organischen Materie selbst liegen. Die 
einfachsten Thiere und die einfachsten Pflanzen, welche auf der 
tiefsten Stufe der Organisations-Leiter stehen, sind entstanden und 
entstehen noch heute durch Urzeugung (Generatio spontanea). 
Alle lebendigen Naturkörper oder Organismen sind denselben 
Naturgesetzen wie die leblosen Naturkörper oder die Anorgane 
unterworfen. Die Ideen und Thätigkeiten des Verstandes sind 
Bewegungs- Erscheinungen des Centralnervensystems. Der Wille 
ist in Wahrheit niemals frei. Die Vernunft ist nur ein höherer 
Grad von Entwickelung und Verbindung der Urtheile." 

Das sind nun in der That erstaunlich kühne, grossartige 
und weitreichende Ansichten, welche Lamarck vor achtzig 
Jahren in diesen Sätzen niederlegte, und zwar zu einer Zeit, in 
welcher deren Begründung durch massenhafte Thatsacheu nicht 



V. LamarckÄ monistische Entwickeluugs-Theorie. 101 

entfernt so, wie heutzutage, möglich war. Sie sehen, dass 
Lamarck's AV^erk eigentlich ein vollständiges, streng monistisches 
(mechanisches) Natur-System ist, dass alle wichtigen allgemeinen 
Grundsätze der monistischen Biologie bereits von ihm vertreten 
werden: Die Einheit der wirkenden Ursachen in der organischen 
und anorgischen Natur, der letzte Grund dieser Ursachen in 
den chemischen und physikalischen Eigenschaften der Materie, 
der Mangel einer l>esonderen Lebenskraft oder einer organischen 
End-Ursache; die Abstammung aller Organismen von einigen 
wenigen, höchst einfachen Stamm-Formen oder Urwesen, welche 
durch Urzeugung aus anorgischer Materie entstanden sind; der 
zusammenhängende Verlauf der ganzen Erd-Geschichte, der Mangel 
der gewaltsamen und totalen Erd-Revolutionen, und überhaupt 
die Ündenkbarkeit jedes Wunders, jedes übernatürlichen Eingriffs 
in den natürlichen Weltlauf. 

Dass Lamarck's bewunderungswürdige Geistesthat fast gar 
keine Anerkennung fand, liegt theils in der ungeheuren Weite 
des Riesenschritts, mit welchem er dem folgenden halben Jahr- 
hundert vorauseilte, theils aber auch in der mangelhaften empi- 
rischen Begründung derselben, und in der oft etwas einseitigen Art 
seiner Beweisführung. Als die nächsten mechanischen Ursachen, 
welche die beständige Umbildung der organischen Formen be- 
wirken, erkennt Lamarck ganz richtig die Verhältnisse der 
Anpassung au. während er die Form-Aehulichkeit der ver- 
schiedenenen Arten, Gattungen, Familien u. s. w. mit vollem 
Rechte auf ihre Bluts-Verwandtschaft zurückführt, also durch 
die Vererbung erklärt. Die Anpassung besteht nach ihm darin, 
dass die beständige langsame Veränderung der Aussenwelt eine 
entsprechende Veränderung in den Thätigkeiten und dadurch 
auch weiter in den Formen der Organismen bewirkt. Das grösste 
Gewicht legt er dabei auf die Wirkung der Gewohnheit, auf 
den Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe. Allerdings ist 
diese, wie Sie später sehen werden, für die Umbildung der orga- 
nischen Formen von der höchsten Bedeutung. Allein in der 
Weise, wie Lamarck hieraus allein oder doch vorwiegend die 
Veränderung der Formen erklären wollte, ist das meistens doch 



102 Lamarck's Ansicht von der Anpassung und der Vererbung. 



V. 



nicht möglich. Er sagt z. B., dass der lange Hals der Giraffe 
entstanden sei durch das beständige Hinaufrecken des Halses 
nach hohen Bäumen, und das Bestreben die Blätter von deren 
Aesten zu pflücken; da die Giraft'e meistens in trockenen Ge- 
genden lebt, wo nur das Laub der Bäume ihr Nahrung gewährt, 
war sie zu dieser Thätigkeit gezwungen. Ebenso sind die langen 
Zungen der Spechte, Colibris und Ameisen-Fresser durch die 
Gewohnheit entstanden, ihre Nahrung aus engen, schmalen und 
tiefen Spalten oder Canälen herauszuholen. Die Schwimm- Häute 
zwischen den Zehen der Schwimm-Füsse bei Fröschen und an- 
deren Wasser-Thieren sind lediglich durch das fortwährende 
Bemühen zu schwimmen, durch das Schlagen der Füsse in das 
Wasser, durch die Schwimm - Bewegungen selbst entstanden. 
Durch Vererbung auf die Nachkommen wurden diese Gewohn- 
heiten befestigt und durch weitere Ausbildung derselben schliess- 
lich die Organe ganz umgebildet. So richtig im Ganzen dieser 
Grundgedanke ist, so legt doch Lamarck zu ausschliesslich 
das Gewicht auf die Gewohnheit (Gebrauch und Nichtgebrauch 
der Organe), allerdings eine der wichtigsten, aber nicht die 
einzige Ursache der Form-Veränderung. Dies kann uns jedoch 
nicht hindern, anzuerkennen, dass Lamarck die Wechselwirkung 
der beiden organischen Bildungstriebe, der Anpassung und Ver- 
erbung, ganz richtig begriff. Nur fehlte ihm dabei das äusserst 
wichtige Princip der „natürlichen Züchtung im Kampfe um das 
Dasein", welches Darwin erst 50 Jahre später aufstellte. 

Als ein besonderes Verdienst Lamarck 's ist nun noch 
hervorzuheben, dass er bereits versuchte, die Entwickelung 
des Menschen- Geschlechts aus anderen, zunächst affen- 
artigen Säugethieren darzuthun. Auch hier war es wieder in 
erster Linie die Gewohnheit, der er den umbildenden, veredeln- 
den Einfluss zuschrieb. Er nahm also an, dass die niedersten, 
ursprünglichen Urmenschen entstanden seien aus den menschen- 
ähnlichen Affen, indem die letzteren sich angewöhnt hätten, 
aufrecht zu gehen. Die Erhebung des Rumpfes, das beständige 
Streben, sich aufrecht zu erhalten, führte zunächst zu einer Um- 
bildung der Gliedmassen, zu einer stärkeren Differenzirung oder 



V. LaiiiMick's Alisicht vom Ursjiruiig des MeuKChen. 103 

Sonderung der vorderen und hinteren Extremitäten, welche mit 
I echt als einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen Menschen 
und Affen gilt. Hinten entwickelten sich Waden und platte Fuss- 
Hthlen, vorn (.ireifarmo und Fliinde. Der aufrechte Gang hatte 
zunächst eine freiere Umschau über die Umgebung znr Folge, 
und damit einen bedeutenden Fortschritt in der geistigen Ent- 
wickelung. Die Menschen-Affen erlangten dadurch bald ein 
grosses Uebergewicht über die anderen Affen und weiterhin über- 
haupt über die umgebenden Organismen. Um die Herrschaft 
über diese zu behaupten, thaten sie sich in Gesellschaften zu- 
sammen, und es entwdckelte sich, wie bei allen gesellig lebenden 
Thieren, das Bedürfniss einer Mittheilung ihrer Bestrebungen und 
Gedanken. So entsand das Bedürfniss der Sprache, deren anfangs 
rohe, ungegliederte Laute bald mehr und mehr in Verbindimg 
gesetzt, ausgebildet und artikulirt wurden. Die Entwickeluug 
der artikulirten Sprache war nun wieder der stärkste Hebel für 
eine weiter fortschreitende Entw^ckelung des Organismus und 
vor Allem des Gehirns, und so verwandelten sich allmählich und 
langsam die Affenmenschen in echte Menschen. Die wirkliche 
Abstammung der niedersten und rohesten Urmenschen von den 
höchst entwickelten Affen- wurde also von Lamarck bereits auf 
das Bestimmteste behauptet, und durch eine Reihe der wichtig- 
tigsten Beweisgründe unterstützt. 

Als der bedeutendste der französichen Natur-Philosophen gilt 
gewöhnlich nicht Lamarck, sondern Etienne Geoffroy St. 
Hilaire (der Aeltere), geb. 1771, derjenige, für w^elchen auch 
Goethe sich besonders interessirte, und den wir oben bereits 
als den entschiedensten Gegner Cu vi er 's kenneu gelernt haben. 
Er entwickelte seine Ideen von der Umbildung der organischen 
Species bereits gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, veröffent- 
lichte dieselben aber erst im Jahre 1828, und vertheidigte sie 
dann in den folgenden Jahren, besonders 1830, tapfer gegen 
Cuvier. Geoffroy S. Hilaire nahm im Wesentlichen die 
Descendenz-Theorie Lamarck's an, glaubte jedoch, dass die 
Umbildung der Thier- und Pflanzen-Arten weniger durch die 
eigene Thätigkeit des Organismus, (durch Gewohnheit, Uebung, 



104 Entwickelimgs-Theorie vou Geoffroy S. Hilaire. V. / 

Gehrauch oder Nichtgebrauch der Organe bewirkt werde, aU 
vielmehr durch den „Monde ambiant", d. h. durch die beständige 
Veränderung der Aussenwelt, insbesondere der Atmosphäre. El 
fasst den Organismus gegenüber den Lebens-Bedingungen dei 
Aussenwelt mehr passiv oder leidend auf, Lamarck dagegen 
mehr activ oder handelnd. Geoffroy glaubt z. B., dass bloss 
durch Verminderung der Kohlensäure in der Atmosphäre aus 
eidechsenartigen Reptilien die Vögel entstanden seien, indem 
durch den grösseren Sauerstofl-Gehalt der Athmungs-Process leb- 
hafter und energischer wurde. Dadurch entstand eine höhere 
Blut-Temperatur, eine gesteigerte Nerven- und Muskel-Thätigkeit, 
aus den Schuppen der Reptilien wurden die Federn der Tögel 
u. s. w. Auch dieser Vorstellung liegt ein richtiger Gedanke zu 
Grunde. Aber wenn auch gewüss die Veränderung der Atmo- 
sphäre, wie die Veränderung jeder anderen äusseren Existenz- 
Bedingung auf den Organismus direct oder indirect umgestaltend 
einwirkt, so ist dennoch diese einzelne Ursache an sich viel zu 
unbedeutend, um ihr solche Wirkungen zuzuschreiben. Sie ist 
selbst unbedeutender, als die von Lamarck zu einseitig betonte 
Uebung und Gew^ohnheit. Das Haupt- Verdienst von Geoffroy 
besteht darin, dem mächtigen Einflüsse von Cuvier gegenüber 
die einheitliche Natur- Anschauung, die Einheit der organischen 
Form-Bildung und den tiefen genealogischen Zusammenhang der 
vci'schiedenen organischen Gestalten geltend gemacht zu haben. 
Die berühmten Streitigkeiten zwischen den beiden grossen Gegnern 
in der Pariser Academie, insbesondere die beiden heftigen Con- 
flicte am 22. Februar und am 19. Juli 1830, an denen Goethe 
den lebendigsten Antheil nahm, lial)e ich bereits in dem vorher- 
gehenden Vortrage erwähnt (S. 77, 78). Damals blieb Cuvier 
der anerkannte Sieger, und seit jener Zeit ist in Frankreich 
Wenig für die weitere Entwickelung der Ahstammungs-Lehre, 
und für den Ausbau einer monistischen Entwickelungs-Theorie 
geschehen. Offenbar ist dies vorzugsweise dem hinderlichen Ein- 
flüsse zuzuschreiben, welchen Cuvier 's grosse Autorität ausübte. 
In keinem Avissenschaftlich gebildeten Lande Europa's hat Darwin's 
Lehre zunächst so wenig gewirkt und ist so w-enig verstanden 



Y. Anhänger der Üesceiuleuz-Theorie in England. 105 

worden, wie in Frankreich. Die Academie der Wissenschaften 
in Paris hat sogar den Vorschlag, Darwin zu ihrem Mitgliede 
zu ernennen, mehrmals verworfen , ehe sie sich selbst dieser 
höchsten Ehre für würdig erklärte. Unter den neueren franzö- 
sichen Naturforschern (vor Darwin!) sind nur noch zwei an- 
gesehene Botaniker hervorzuheben, Naudin (1852) und Lecoq 
(1854), welche sich zu Gunsten der Veränderlichkeit und Um- 
bildung der Arten auszusprechen wagten. 

Nachdem wir die älteren Verdienste der deutschen und 
französischen Natur -Philosophie um die Begründung der Ab- 
stammungs-Lehre erörtert haben, wenden wir uns zu England, 
welches seit dem Jahre 1859 der eigentliche Ausgangs-Heerd für 
die weitere Ausbildung und die definitive Feststellung der Ent- 
wickeluugs-Theorie geworden ist. Im Anfange unseres Jahr- 
hunderts haben die Engländer an der festländischen Natur-Philo- 
sophie und an deren bedeutendstem Fortschritte, der Descendenz- 
Tlieorie, nur wenig Antheil genomm-en. Fast der einzige ältere 
englische Naturforscher, den wir hier zu nennen haben, ist 
Erasmus Darwin, der Grossvater des Reformators der Descen- 
denz-Theorie. Er veröftentlichte im Jahre 1794 unter dem Titel 
„Zoonomia" ein naturphilosophisches Werk, in welchem er ganz 
ähnliche Ansichten, wie Goethe und Laniarck, ausspricht, ohne 
jedoch von diesen Männern damals irgend Etwas gewusst zu 
haben. Die Descendenz-Theorie lag schon damals gleichsam in 
der Luft. Auch Erasmus Darwin legt grosses Gewicht auf die 
Umgestaltung der Thier- und PHanzen-Arten durch ihre eigene 
Lebens-Thätigkeit durch die Angewöhnung an veränderte Existenz- 
Bedingungen u. s. Av. Sodann spricht sich im Jahre 1822 W. 
Herbert dahin aus, dass die Arten oder Species der Thiere und 
Pflanzen Nichts weiter seien, als beständig gewordene Varietäten 
oder Spiel-Arten. Ebenso erklärte 1826 Grant in Edinburg, 
dass neue Arten durch fortdauernde Umbildung aus bestehenden 
Arten hervorgehen. 1841 behauptete Freke, dass alle organischen 
Wesen von einer einzigen Urform abstammen müssten. Ausführ- 
licher und in sehr klarer philosophischer Form bewies 1852 
Herbert Spencer die Nothweudigkeit der Abstammuugs-Lehre 



106 Anhänger der Descenden/.-Theorie in England. V. 

und begründete dieselbe näher in seinem 1858 erschienenen 
vortrefflichen „Essays" und in den später veröffentlichten „Prin- 
ciples of Biology""'). Derselbe hat zugleich das grosse Verdienst, 
die Entwickelungs-Theorie auf die Psychologie angewandt und 
gezeigt zu haben, dass auch die Seelen-Thätigkeiten und die 
Geistes-Krälte nur stufenweise erworben und allmählich entwickelt 
werden konnten. Endlich ist noch hervorzuheben, dass 1859 der 
Erste unter den englischen Zoologen, Huxley, die Descendenz- 
Theorie als die einzige Schöpfuugs-IIypothese bezeichnete, welche 
mit der wissenschaftlichen Physiologie vereinbar sei. In dem- 
selben Jahre erschien die „Einleitung in die Tasmauische Flora", 
worin der berühmte engliche Botaniker Hook er die Descendenz- 
Theorie annimmt und durch wichtige eigene Beobachtungen 
unterstützt. 

8ämmtliche Naturforscher und Philosophen, welche Sie in 
dieser kurzen historischen Uebersicht als Anhänger der Entwicke- 
lungs-Theorie kennen gelernt haben, gelangten im besten Falle 
zu der Anschauung, dass alle verschiedenen Thier- und Ptlanzen- 
Arten, die zu ii'gend einer Zeit auf der Erde gelebt haben und 
noch jetzt leben, die allmählich veränderten und umgebildeten 
Nachkommen von einer einzigen, oder von einigen wenigen, ur- 
sprünglichen, höchst einfachen Stamm-Formen sind; und dass letz- 
tere einst durch Frzeugung (Generatio spontanea) aus anorgischer 
j\Iaterie entstanden. Aber keiner von jenen Natur-Philosophen 
gelangte dazu, diesen Grund-Gedanken der Abstammungs-Lehre 
ursächlich zu begründen, und die Umbildung der organischen 
Species durch den wahren Nachweis ihrer mechanischen Ursachen 
wirklich zu erklären. Diese schwierigste Aufgabe vermochte 
erst Charles Darwin zu lösen, und hierin liegt die weite Kluft, 
welche denselben von seinen Vorgängern trennt. 

Das ausserordentliche Verdienst Darwin's ist nach meiner 
Ansicht ein doppeltes: er hat erstens die Abstammungs-Lehre, 
deren Grund-Gedanken schon Goethe und Lamarck klar aus- 
.sprachen, viel umfassender entwickelt, viel eingehender verfolgt 
und viel strenger im Zusammenhang durchgeführt, als alle seine 
Vorgänger; und er hat zweitens eine neue Theorie aufgestellt, 



V_ Ooppeltes Verdienst von Charles Darwin. 107 

welche uns die natürlichen Ursachen der organischen Entwicke- 
liing, die wahren, bewirkenden Ursachen der organischen Form- 
Bildung, der Veränderungen und Umformungen der Thier- und 
Pflanzen-Arten enthüllt. Das ist die Theorie von der natürlichen 
Züchtung (Selectio naturalis). 

Um die Bedeutung dieses doppelten Verdienstes richtig zu 
würdigen, muss man bedenken, dass fast die gesammte Biologie 
vor Darwin den entgegengesetzten Anschauungen huldigte, und 
dass fast bei allen Zoologen und Botanikern die absolute Selbst- 
ständigkeit der organischen Species als selbstverständliche Vor- 
aussetzung aller Form-Betrachtuugen galt. Das falsche Dogma 
von der Beständigkeit und unabhängigen Erschaitung der einzel- 
nen Arten hatte eine so hohe Autorität und eine so allgemeine 
Geltung gewonnen, und wurde ausserdem durch den trügenden 
Augenschein bei oberflächlicher Betrachtung so sehr begünstigt, 
dass wahrlich kein geringer Grad von Muth, Kraft und Verstand 
dazu gehörte, sich reformatorisch dagegen zu erheben und das 
künstlich darauf errichtete Lehr-Gebäude zu zertrümmern. Ausser- 
dem brachte uns aber Darwin noch den neuen und höchst 
Avichtigen Grund-Gedanken der „natürlichen Züclitung". 

Man muss diese beiden Punkte scharf unterscheiden, — 
freilich geschieht es häufig nicht, — man muss scharf unter- 
scheiden erstens die Abstammungs- Lehre oder Descendenz- 
Theorie von Lamarck, welche bloss behauptet, dass alle 
Thier- und Pflanzen-Arten von gemeinsamen, einfachsten, spontan 
entstandenen Urformen abstammen — und zweitens die Züch- 
tungs-Lehre oder Selections-Theorie von Darwin, welche 
uns zeigt, warum diese fortschreitende Umbildung der organischen 
Gestalten stattfand, welche mechanisch wirkenden Ursachen die 
ununterbrochene Neubildung und die immer wachsende Mannich- 
faltigkeit der Thiere und Pflanzen bedingen. 

Eine volle und gerechte Würdigung kann Darwin"s un- 
sterbliches Verdienst erst später erwarten, Avenn die Entwickelungs- 
Theorie. nach Ueberwiuduug aller entgegengesetzten Schöpfungs- 
Theorien, als das oberste Erklärungs-Princip der Anthropologie, 
und dadurch aller anderen Wissenschaften, anerkannt sein wird. 



108 Doppeltes Verdienst von Charles Darwin. V. 

Gegenwärtig, wo in dem lieiss entbrannten Kampfe um die 
Wahrheit Darwins Name den Anhängern der natürlichen Ent- 
wickelungs-Theorie als Losung dient, wird sein Verdienst oft in 
entgegengesetzter Richtung verkannt. Die Einen sind nicht selten 
ebenso geneigt, es zu überschätzen, als die Anderen es herabzu- 
setzen. 

Ueberschätzt wird Dar\vin"s Verdienst, wenn man ihn als 
den Begründer der Descendenz-Theorie oder gar der gesammten 
Entwickelungs-Lehi-c bezeichnet. Wie Sie aus der historischeu 
Darstellung dieses and der vorhergehenden V^jrträge bereits ent- 
nommen haben, ist die Entwickelungs-Theoric als solche nicht 
neu; alle Natur-Philosophen, welche sich nicht dem blinden 
Dogma einer übernatürlichen Schöpfung gebunden überliefern 
wollten, mussten eine natürliche Entwickelung annehmen. Aber 
auch die Descendenz-Theorie, als der umfassende biologische 
Theil der universalen Entwickelungs-Lehre, wurde vonLamarck 
bereits so klar ausgesprochen, und bis zu den wichtigsten Con- 
sequenzen ausgeführt, dass wir ihn als den eigentlichen Begründer 
derselben verehren müssen. Daher darf nicht die Descendenz- 
Theorie als Darwinismus bezeichnet werden, sondern nur die 
Selections-Theorie. 

Unterschätzt wird Darwin's Verdienst natürlich von allen 
seinen Gegnern. Doch kann man von wissenschaftlichen Gegnern 
desselben, die durch gründliche biologische Bildung zur Ab- 
gabe eines Urtheils berechtigt wären, eigentlich nicht mehr reden. 
Denn unter allen gegen Darwin und die Descendenz-Theorie 
veröffentlichten Schriften kaun mit Ausnahme derjenigen von 
Agassi z keine einzige Anspruch überhaupt auf Berücksichtigung, 
geschweige denn Widerlegung erheben: so offenbar sind sie alle 
entweder ohne gründliche Kenntniss der biologischen Thatsacheu, 
oder ohne klares philosophisches A'erständniss derselben ge- 
schrieben. Um die Angriffe von Theologen und anderen Laien 
aber, die überhaupt Nichts von der Natur Avissen, brauchen sich 
die Natur-Forscher nicht weiter zu kümmern. 

Der berühmteste und entschiedenste wissenschaftliche Gegner 
Darwin's war Louis Agassiz. Er verwarf überhaupt die ganze 



V. Agassiz's Opposition «fegen den Darwinismns. 109 

Entwickelungs-Theovie. Seine principielle Opposition verdient 
Beachtung, wenn auch nur als philosophische Curiosität. In der 
lSß9 in Paris erschienenen französischen Uebersetzung seines vor- 
her von uns betrachteten „Essay on Classification"'') hat Agassiz 
seinen schon früher vielfach geäusserten (regensatz gegen den 
„Darwinismus" in die entschiedenste Form gebracht. Er hat 
dieser Uebersetzung einen besonderen, 1() Seiten langen Abschnitt 
angehängt, welcher den Titel führt: „Le Darwinisme. Classi- 
fication de llaeckel.'' In diesem sonderbaren Capitel stehen 
die wunderlichsten Dinge zu lesen, wie z.B.: „Die Darwinsche 
Idee ist eine Conception a priori. — Der Darwinismus ist eine 
Travestie der Thatsachen. — Der Darwinismus schliesst fast die 
ganze Masse der erworbenen Kenntnisse aus, um nur das zurück- 
zubehalten und sich zu assimiliren, was seiner Doctrin dienen 
kann!" 

Das heisst denn doch die ganze Sachlage vollständig auf den 
Kopf stellen! Der Biologe, der die Thatsachen kennt, muss über 
den Muth erstaunen, mit dem Agassiz solche Sätze ausspricht. 
Sätze, an denen kein wahrer Buchstabe ist, und die er selbst 
nicht glauben kann! Die unerschütterliche Stärke der Descendenz- 
Theorie liegt gerade darin, dass sämmtliche biologische That- 
sachen eben nur durch sie erklärbar sind, ohne sie dagegen un- 
verständliche Wunder bleiben. Alle unsere „erworbenen Kennt- 
nisse" in der vergleichenden Anatomie und Physiologie, in der 
Embryologie und Paläontologie, in der Lehre von der geogra- 
phischen und topographischen Verbreitung der Organismen u. s. w., 
sie alle sind unwiderlegliche Zeugnisse für die Wahrheit der 
Descendenz-Theorie. 

Mit Louis Agassiz ist im December 1873 der letzte Gegner 
des Darwinismus in*s Grab gestiegen, der überhaupt wissenschaft- 
liche Beachtung verdiente. Seine letzte Schrift (erst nach seinem 
Tode in dem „Atlantic Monthly" vom Januar 1874 erschienen) 
behandelt die „Entwickeluug und Permanenz des Typus"; sie ist 
speciell gegen Darwin's Ideen und gögen meine phylogenetischen 
Theorien gerichtet. Allein der eigentliche Kern der Sache wird 
darin gar nicht berührt. Die ausserordentliche Schwäche dieses 



1 \() Agassiz's Opposition gegen den Danvinistnus. V. 

letzten Versuches beweist deutlicher, als alles Andere, dass das 
Arsenal unserer Gegner völlig erschöpft ist. 

Ich habe in meiner generellen Morphologie^) und besonders 
im sechsten Buche derselben (in der generellen Phylogenie) den 
„Essay on Classification" von Agassiz in allen wesentlichen 
Punkten eingehend widerlegt. In meinem 24sten Capitel habe 
ich demjenigen Abschnitte, den er selbst für den wichtigsten hielt 
(über die Ciruppenstufen oder Kategorien des Systems) eine sehr 
ausführliche und streng wissenschaftliche Erörterung gewidmet; 
ich glaube gezeigt zu haben, dass dieser ganze Abschnitt ein 
reines Luftschloss, ohne jede Spur von realer Begründung ist. 
Agassiz hat sich aber wohl gehütet, auf diese Widerlegung 
irgendwie einzugehen; er war auch nicht im Stande, irgend etwas 
Stichhaltiges dagegen vorzubringen. Er kämpfte nicht mii Be- 
weisgründen, sondern mit Phrasen! Eine derartige Gegnerschaft 
wird aber den vollständigen Sieg der Entwickelungs-Theorie nicht 
aufhalten, sondern nur beschleunigen! 



Sechster Vortrag. 

Entwickelungs- Theorie von Lyell und Darwin. 



Charles Lyell's Grundsätze der Geologie. Seine natürliche Entwickelungs- 
Geschichte der Erde. Entstehung der grössten Wirkungen durch Summirung 
der kleinsten Ursachen. Unbegrenzte Länge der geologischen Zeit-Räuoie. 
Lyell's Widerlegung der Cuvier'schen Schöpfungs- Geschichte. Begründung 
des ununterbrochenen Zusammenhangs der geschichtlichen Entwickelung durch 
Lyell und Darwin. Biographische Notizen über Charles Darwiu. Seine wis- 
senschaftlichen Werke. Seine Korallenriff-Theorie. Entwickelung der Selec- 
tions- Theorie. Ein Brief von Darwin. Gleichzeitige Veröffentlichung der 
Selections-Theorie von Charles Darwin und Alfred Wallace. Darwin's Studium 
der Hausthiere und Culturpflanzen. Andreas Wagner's Ansicht von der be- 
sonderen Schöpfimg der Cultur-Organismen für den Meiischen. Der Baum 
des Erkenntnisses im Paradies. Vergleichung der wilden und der Cultur- 
Orgauismen. Darwin's Studium der Haustauben. Bedeutung der Taubenzucht. 
Gemeinsame Abstammung aller Taubenrassen. 

Meine Herren! In den letzten drei Jahrzehnten, welche vor 
dem Erscheinen von Darwin's Werk verflossen, vom Jahre 1830 
bis 1859. blieben in den organischen Natur- Wissenschaften die 
Schöpfungs-Vorstellungen Cu vi er 's herrschend. Man bequemte 
;äch 7A1 der unwissenschaftlichen Annahme, dass im Verlaufe der 
Erd-Geschichte eine Reihe von unerklärlichen Erd-Revolutionen 
periodisch die ganze Thier- und Pflanzen- Welt vernichtet habe, 
und dass am Ende jeder Revolution, beim Beginne einer neuen 
Periode, eine neue, vermehrte und verbesserte Auflage der orga- 
nischen Bevölkerung erschienen sei. Freilich war die Anzah- 
dieser Schöpfungs-Auflageu durchaus streitig und in Wahrheit 
gar nicht festzustellen; auch wiesen die zahlreichen Fortschritte, 
welche in allen Gebieten der Zoologie und Botanik während dieser 



■J12 Nachhaltiger Einfluss von f'uvier's Schöpfungs-Hypothese. YJ. 

Zeit gemacht wurden, immer dringender auf die Unhaltbarkeit 
jener bodenlosen Hypothese Cuvier's, und auf die Wahrheit der 
natürlichen Entwickelungs-Theorie Lamarck's hin: ;dlein trotz- 
dem blieb die erstere fast allgemein bei den Biologen in Geltung. 
Dies ist vor Allem der hohen Autorität zuzuschreiben, welche 
sich Cuvier erworben hatte; hier zeigt sich wieder schlagend, 
wie schädlich der Glaube an eine bestimmte Autorität dem Eut- 
wickelungs- Leben der Menschen wird — di(' Autorität von der 
Goethe einmal treffend sagt: dass sie im EinzeUien verewigt, 
was einzeln vorübergehen sollte, dass sie ablehnt und an sich 
vorübergehen lässt, was festgehalten werden sollte, und dass sie 
hauptsächlich Schuld ist, wenn die Menschheit nicht vom Flecke 
kommt. 

Ausser dem grossen Gewicht von Cuvier"s Autorität war 
:iu(h die gewaltige Macht der menschlichen Trägheit hinderlich, 
welche sich nur schwer entschliesst, von dem breitgetretenen Wege 
der alltäglichen Vorstellungen abzugehen und neue, noch nicht 
bequem gebahnte Pfade zu betreten; durch sie lässt es sich be- 
greifen, dass Lamarck"s Descendenz-Theorie erst 1859 zur Gel- 
tung gelangte, nachdem Darwin ihr ein neues Fundament ge- 
geben hatte. Der empfängliche Boden für dieselbe war längst 
vorbereitet, ganz besonders durch das Verdienst eines anderen 
englischen Naturforschers, des 1875 gestorbenen Charles Lyell; 
auf seine hohe Bedeutung für die „natürliche Schöpfungs-Ge- 
schichte" müssen wir hier nothwendig einen Blick werfen. 

Unter dem Titel: Grundsätze der Geologie (Principles 
of geology) ") veröffentlichte Charles Lyell 1830 ein classisches 
Werk, welches die Entwickelungs-Geschichte der Erde von Grund 
aus umgestaltete; es reformirte dieselbe in ähnlicher Weise wie 
30 Jahre später Darwin's Werk die Biologie. LyelTs epoche- 
machendes Buch, welches Cuvier's Schöpfungs-Hypothese an der 
Wurzel zerstörte, erschien in demselben Jahre, in welchem Cuvier 
seine grossen Triumphe über die Natur-Philosophie feierte, und 
seine Oberherrschaft über das morphologische Gebiet auf drei 
Jahrzehnte hinaus befestigte. Cuvier hatte durch seine künst- 
liche Schöpfungs-Hypothese und die damit verbundene Kata- 



yr. Lyell's natürliche Entwickeliings-fiescliiohte der Erde. 113 

Strophen-Theorie einer uatürlichen Entwickelungs-Theorie geradezu 
den Weg verlegt und den Faden der natürlichen Erklärung ab- 
geschnitten. Lyell brach derselben wieder freie Bahn, und führte 
einleuchtend den geologischen Beweis, dass jene dualistischen 
Vorstellungen Cuvier's ebensowohl ganz unbegründet, als auch 
ganz überflüssig seien. Diejenigen Veränderungen der Erdober- 
fläche, welche noch jetzt unter unsern Augen vor sich gehen, er- 
klären nach Lyell vollkommen hinreichend Alles, was Avir von 
der Entwickelung der Erdrinde überhaupt wissen; es ist daher 
vollständig überflüssig und unnütz, in räthselhaften Revolutionen 
die unerklärlichen Ursachen dafür zu suchen. Man braucht 
weiter Nichts zu Hülfe zu nehmen als ausserordentlich lange 
Zeiträume, um die Entstehung des Baues der Erdrinde auf die 
einfachste und natürlichste Weise aus denselben Ursachen zu er- 
klären, Avelche noch heutzutage wirksam sind. Viele Geologen 
hatten sich früher gedacht, dass die höchsten Gebirgsketten der 
Erde ihren Ursprung nur ungeheuren, einen grossen Theil der 
Erd-Oberfläche umgestaltenden Revolutionen, insbesondere co- 
lossalen vulkanischen Ausbrüchen verdanken könnten. Solche 
Bergketten z. B. wie die Alpen, oder wie die Cordilleren, sollten 
auf einmal aus dem feuerflüssigen Erd-Innern durch einen unge- 
heuren Spalt der weit geborstenen Erdrinde emporgestiegen sein. 
T-yell zeigte dagegen, dass wir uns die Entwickelung solcher 
ungeheuren Gebirgsketten ganz natürlich aus denselben laugsamen, 
unmerklichen Hebungen und Senkungen der Erd-Oberfläche er- 
klären können, die noch jetzt fortwährend vor sich gehen, und 
deren Ursachen keineswegs wunderbar sind. Wenn diese Sen- 
kungen und Hebungen auch vielleicht im Jahrhundert nur ein 
paar Zoll oder höchstens einige Fuss betragen, so können sie doch 
bei einer Dauer von einigen Jahr-jMil Honen vollständig genügen, 
um die höchsten Gebirgsketten hervortreten zu lassen. Auch die 
meteorologische Thätigkeit der Atmosphäre, die AVirksamkeit des 
Regens und des Schnees, ferner die Brandung der Küste, welche 
an und für sich nur unbedeutend zu wirken scheinen, müssen 
die grössten Veränderungen hervorbringen, wenn man nur hin- 
länglich grosse Zeiträume für ihre W^irksamkeit in Anspruch 

Haeckel, Xatiirl. Schopfuii^'S-Cesoli. 8. AiiH. S 



114 Entstehung der grössten Wirkungen durch die kleinsten Ursachen. Yf. 

nimmt. Die Summiruug der kleinsten Ur.saclien bringt 
die grössten A\'irkiingen hervor. Der ^Vassertropfen höhlt 
den Stein aus. 

Auf die unerme.ssliche Länge der geologischen Zeit-Räume, 
welche hierzu erforderlich sind, müssen wir nothwendig später 
noch einmal zuriickoramen; denn auch für Darwin's Theorie, 
ebenso wie für diejenige Lyell 's, bleibt die Annahme unge- 
heurer Zeit-Maasse ganz unentbehrlich. Wenn die Erde und 
ihre Organismen sich wirklich auf natürlichem Wege entwickelt 
haben, so muss diese langsame und allmähliche Entwickelung 
jedenfalls eine Zeit-Dauer in Anspruch genommen haben, deren 
Vorstellung unser Kassungs-Vermögen gänzlich übersteigt. Da 
Viele aber gerade hierin eine llaupt-Sclnvierigkeit jener Eut- 
wickelungs-Theorien erblicken, so will ich jetzt schon voraus- 
greifend bemerken, dass wir nicht einen einzigen vernünftigen 
Grund haben, irgend wie uns die hierzu erforderliche Zeit be- 
schränkt zu denken. Wenn nicht allein viele Laien, sondern 
selbst hervorragende Naturforscher, als llaupt-Einwand gegen 
diese Theorien geltend machen, dass dieselben zu lange Zeit- 
Räume in Anspruch nähmen, so ist dieser Einwand kaum zu 
begreii'en. Denn es ist durchaus nicht einzusehen, was uns in 
der Annahme derselben irgendwie beschränken sollte. Wir wissen 
längst schon aus ^lem Dau und de\- Dicke der geschichteten 
Erdrinde, dass die Entstehung derselben, der Absatz der nep- 
tunischen Gesteine aus dem Wasser, allermindestens mehrere 
Millionen Jahre gedauert haben muss. (Jb wir aber hypothetisch 
lür diesen Process zehn jMillionen odiM- zehntausend Rilliunen 
Jahre annehmen, ist vom Standpunkte der strengsten Natur- 
Philosophie gänzlich gleichgültig. Vor uns und hinter uns liegt 
die Ewigkeit. \Venii sich bei Vielen gegen die Annahme von so 
ungeheuren Zeiträumen das Gefühl sträubt, so ist das die Eolge 
der falschen Vorstellungen, welche uns von frühester Jugend an 
über die angeblich kurze, nur wenige Jahrtausende umfassende 
Geschichte der Erde eingeprägt werden, ^^ie Albert Lange in 
seiner vortrefflichen Geschichte des Materialismus'-) schlagend 
beweist, ist es vom streng kritischen Standpunkte aus jeder 



Yf. Unbegrenzte Länge der geoloffisclien Zeit-Riiume. llf) 

naturwissenschaftlichen Hypothese viel eher erlaubt, die Zeit- 
Riiunie 7Ai gross, als zu klein anzunelimcn. Jeder Entwickelungs- 
Vorgang lässt sich um so eher begreifen, je lungere Zeit er 
dauert. Ein kurzer und beschränkter Zeit-Kauni für dens(dben 
ist von vornherein das Unwahrscheinlichste. 

Wir haben hier nicht Zeit, auf LyelTs voi-ziigliches Werk 
näher einzugehen, und wollen daher bloss das wichtigste Resultat 
desselben hervorheben, dass es niimlicli (Ju vier 's Schopfungs- 
Geschichte mit ihren mythischen Revolutionen gründlich wider- 
legte; an ihre Stelle trat einfach die bestiindige Umbildung der 
Erd-Rinde durch die fortdauerude Thätigkeit der noch jetzt auf 
die Erd-Oberfläche wirkenden Kräfte, die Thätigkeit des AVassers 
und des vulkanischen Erd-Innern. Lyell Avies also einen cou- 
tinuirlichen, ununterbrochenen Zusammenhang der ganzen Erd- 
Geschichte nach, und er bewies denselben so unwiderleglich, er 
begründete so einleuchtend die Herrschaft der „existing causes", 
der noch heute wirksamen, dauernden Ursachen in der Umbil- 
dung der Erd-Rinde, dass in kurzer Zeit die Geologie Cuvier's 
Hypothese vollkommen aufgab. 

Nun ist es aber merkwürdig, dass die Paläontologie, die 
Wissenschaft von den Versteinerungen, soweit sie von den Bo- 
tanikern und Zoologen betrieben wurde, von diesem grossen 
Fortschritt der Geologie scheinbar unberührt blieb. Die Biologie 
nahm fortwährend noch jene i wiederholte neue Schöpfung der 
gesammten Thier- und Pflanzen-Bevölkerung im Beginne jeder 
neuen Periode der Erd-Geschichte an, obwohl diese Hypothese 
von den einzelnen, schubweise in die AVeit gesetzten Schöpfungen 
ohne die Annahme der Revolutionen reiner Unsinn wurde und 
gar keinen Halt mehr hatte. Offenbar ist es vollkommen un- 
gereimt, eine besondere neue Schöpfung der ganzen Thier- und 
Pflanzen-Welt zu bestimmten Zeit-A1)schnitten anzunehmen, ohne 
dass die Erd-Rinde sell)st dabei irgend eine beträchtliche allge- 
meine Umwälzung erfährt. Trotzdem also jene Vorstellung auf 
das Engste mit der Katastrophen-Theorie Cu vier 's zusammenhing, 
blieb sie dennoch herrschend, nachdem die letztere bereits zer- 
stört war. 

8* 



IIP) Innerer Ziisairinenliang von Lyell's und Darwin's Theorie. \], 

Es war nun dem grossen englischen Natur-Forscher Charles 
Darwin vorbehalten, diesen Zwiespalt völlig zu beseitigen; er 
bewies klar, dass auch die Lebewelt der Erde eine ebenso con- 
tinuirlich zusammenhängende Geschichte hat, wie die anorgische 
Rinde der Erde; dass auch die Thiere und Pflanzen ebenso all- 
mählich durch Umwandlung oder Transformation auseinander 
hervorgegangen sind, wie die wechselnden Formen der Erd-Rinde, 
der Continente und der sie umschliessenden und trennenden 
Meere aus früheren, ganz davon verschiedenen Formen entstanden 
sind. AVir können in dieser Beziehung wohl sagen; dass Darwin 
auf dem (lebiete der Zoologie upd Botanik den gleichen Fort- 
schritt herbeiführte, wie Lyell, sein gi-osser Landsmann, auf 
dem Ciebiete Acv Geologie. Durch beide wurde der ununter- 
brochene Zusammenhang der geschichtlichen Entwicke- 
lung liewiescu, und eine allmähliche rmänderung der vei'schie- 
denen auf einander folgenden Zustände dargethan. 

Das liesondere Verdienst Darwin 's ist nun. wie bereits in 
dem vorigen Vortrage bemerkt wurde, ein dopj)eltes. Er hat 
erstens die von Lamarck und Goethe aufgestellte Desceiidenz- 
Theorie in viel umfassenderer \\'eise als Ganzes behandelt und 
im Zusammeidiang durchgeführt, als es von allen seinen Vov- 
gängern geschehen war. Zweitens aber hat er dieser Abstamnmngs- 
Lehrc durch seine, ihm eigeutliiiniliclic Züchtungs- Lehre (die 
Sclections-Theorie) das causale Fundament gegeben, d. h. er hat 
die wirkenden Ursachen der Veränderungen nachgewiesen, 
welche von der Abstammungs-Lehre nur als Thatsachen be- 
hauptet werden. Die von Lamarck 1S()9 in die Bi(»logic ein- 
geführte Descendenz-Theorie behauptet, dass alle verschiedenen 
Thier- und IMlanzen-Arten von einer einzigen odei- einigen we- 
nigen, höchst einfachen, spontan entstandenen Urformen ab- 
stammen. Die von Darwin 1859 begründete Selections-Theorie 
zeigt uns, warum dies der Fall sein mu.sste, sie weist uns die 
wirkenden Ursachen so nach, wie es Kant nur wünschen konnte; 
Darwin ist in der That auf dem Gebiete der organischen Natur- 
Wissenschaft der neue Newton geworden, dessen Kommen Kant 
prophetisch verneinen zu können glaul)te. (Vergl. 8. 9ö). 



VI. Biographische Notizen über Charles Darwin. 117 

Ehe wir nun an Darwin's Theorie herantreten, wollen wir 
Einiges über die Persönlichkeit dieses grossen Naturforschers 
vorausschicken, über sein Leben und die Wege, auf denen er 
zur Aufstellung seiner Lehre gelangte. Seine ausführliche Lebens- 
Geschiclite (in drei Bänden) ist 1887 von einem seiner Söhne, 
Francis Darwin, herausgegeben worden"''). Charles Robert 
Darwin ist am 12. Februar 1809 zu Shrewsbury am Severn- 
Fluss geboren, und am 19. April 1882 auf seinem Landgute 
Down in Kent, 7B Jahre alt, gestorben. Im siebzehnten Jahre 
(1825) bezog er die Universität Edinburg, und zwei Jahre später 
Christas College zu Cambridge. Kaum 22 Jahre alt, wurde er 
1831 zur Theiluahme an einer wissenschaftlichen Expedition be- 
rufen, welciie von den Engländern ausgeschickt wurde, vorzüglich 
um die Süd-Spitze Süd- Amerikas genauer zu erforschen und ver- 
schiedene Punkte der Südsee zu untersuchen. Diese Expedition 
hatte, gleich vielen anderen, rühmlichen, von England ausge- 
rüsteten Forschungs-Reiseu, sowohl wissenschaftliche, als auch 
practische, auf die Schifffahrt bezügliche Aufgaben zu erfüllen. 
Das Schiff", von Capitän Fitzroy commandirt, führte in treffend 
symbolischer Weise den Namen „Beagle" oder Spüihund. Die 
Reise des Eeagle, welche fünf Jahre dauerte, wurde fiii Darwin's 
ganze Entwickelung von der grössten Bedeutung: Schon im ersten 
Jahre, als er zum ersten Mal den Boden Süd-Amerikas betrat, 
keimte in ihm der Gedanke der Abstammungs-Lehre auf, den er 
dann späterhin zu so vollendeter Blüthe entwickelte. Die Reise 
selbst hat Darwin in einem von Dieffenbach in das Deutsche 
übersetzten Werke beschrieben; sie ist sehr anziehend geschildert 
und wirft ein helles Licht auf die vielseitiLücn Talente des jungen 
Naturforschers'^). In dieser Reise-Besclireibung tritt Ihnen nicht 
allein die liebenswürdige Persönlichkeit Darwin 's in sehr an- 
ziehender Weise entgegen, sondern Sie können auch vielfach die 
Spuren der Wege erkennen, auf denen er zu seinen Vorstellungen 
gelangte. Als Resultat dieser Reise erschien zunächst ein grosses 
wissenschaftliches Reise- Werk, an dessen zoologischem und geologi- 
schem Theil sich Darwin bedeutend betheiligte; ferner eine ausge- 
zeichnete Arbeit desselben über die Bildung der Korallen-Riffe, welche 



\\^ Darwin's Theorie von der Entstellung der Korallenriffe. YI. 

allein genügt haben würde, seinen Namen mit bleibendem Ruhme 
zu krönen. Bekanntlich bestehen die Inseln der Südsee grössten- 
theils aus Korallen-Riffen oder sind von solchen umgeben. Die 
verschiedenen merkwürdigen Formen derselben und ihr Verhält- 
niss zu den nicht aus Korallen gebildeten Inseln vermochte man 
sich früher nicht befriedigend zu erklären. Erst Darwin war 
es vorbehalten, diese schwierige Aufgabe zu lösen, indem er 
ausser der aufbauenden Thätigkeit der Korallen-Thiere auch geo- 
logische Hebungen und Senkungen des ]Meeres-Bodens für die 
Entstehung der verschiedenen Riff-Gestalten in Anspruch nahm. 
Darwin 's Theorie von der Entstehung der Korallen-Riffe ist, 
ebenso wie seine spätere Theorie von der Entstehung der or- 
ganischen Arten, eine Theorie, welche die Erscheinungen voll- 
kommen erklärt, und dafür nur die einfachsten natürlichen Ur- 
sachen in Anspruch nimmt, ohne sich hypothetisch auf irgend 
welche unbekannten Vorgänge zu beziehen. Unter den übrigen 
früheren Arbeiten Darwin's ist noch seine ausgezeichnete Mono- 
graphie der Cirripedi«n hervorzuheben, einer merkwürdigen Classe 
von See-Thieren, welche im äusseren Ansehen den Muscheln 
gleichen und von Cuvior in der That für zweischalige Mollusken 
gehalten wurden, während dieselben in Wuhrheit zu den Krebs« 
Thieren (Crustaceen) gehören. 

Nach der Rückehr von seiner grossen Reise lebte Darwin 
sechs Jahre (von 1836 — 1842) theils in London, theils in Cam- 
bridge, im Winter 1839 verheirathete er sich mit seiner Cousine 
Emma Wedgewood. Die ausserordentlichen Strapazen, denen er 
während der füntjährigen Reise des Beagle ausgesetzt war, hatten 
seine (Jesundheit dergestalt zerrüttet, dass er sich bald aus dem un- 
ruhigen Treiben Londons zurückziehen musste. Er kaufte sich 
im Herbst 1842 ein Landgut in dem kleinen Dorfe Down in der 
Nähe von Bromley in Kent(mit der Eisenbahn kaum eineStunde von 
London entfernt). Hier verbrachte er in stiller Zurückgozogenhcit 
vierzig Jahre, bis zum Ende seines Lebens unermüdlich mit wissen- 
schaftlicher Arbeit beschäftigt. Die Abgeschiedenheit von dem 
imruhigen Getreibe der grossen Weltstadt, der stille Verkehr mit 
der einsamen Natur, und das glückliche Leben im Schoosse seiner 



VI. Ein Brief von Darwin. 119 

Familie, erliielten seine Lust und Kraft zur Arbeit stets frisch, 
trotz seiner schwächlichen Gesundheit. Unbehelligt durch die 
verschiedenen Geschäfte, welche in London seine Kräfte zer- 
splittert haben würden, konnte er seine ganze Thätigkeit auf das 
Studium des grossen Problems concentriren, auf welches er durch 
jene Reise hingelenkt worden war. Um Ihnen zu zeigen, welche 
Wahrnehmungen während seiner Welt-Umsegelung vorzüglich den 
Grundgedanken der Selections-Theorie in ihm anregten, und in 
welcher Weise er denselben dann weiter entwickelte, erlauben 
Sie mir, Ihnen eine Stelle aus einem Briefe mitzutheilen, welchen 
Darwin am 8. October 1864 an mich richtete: 

„In Süd-Amerika traten mir besonders drei Classeu von 
Erscheinungen sehr lebhaft vor die Seele: Erstens die Art 
und Weise, in welcher nahe verwandte Species einander ver- 
treten und ersetzen, wenn man von Norden nach Süden geht; 
— Zweitens die nahe Verwandtschaft derjenigen Species, welche 
die Süd-Amerika nahe gelegenen Inseln bewohnen, und derjenigen 
Species, welche diesem Festland eigenthümlich sind; dies setzte 
mich in tiefes Erstaunen, besonders die Verschiedenheit der- 
jenigen Species, welche die nahe gelegenen Inseln des Galopagos- 
Archipels bewohnen; — Drittens die nahe Beziehung der leben- 
den zahnlosen Säugethiere (Edentata) und Nagethiere (Rodentia) 
zu den ausgestorbenen Arten. Ich werde niemals mein Erstaunen 
vergessen, als ich ein riesengrosses Panzerstück ausgrub, ähnlich 
demjenigen eines lebenden Gürtel-Thieres. 

„Als ich über diese Thatsachen nachdachte und einige ähn- 
liche Erscheinungen damit verglich, schien es mir wahrscheinlich, 
dass nahe verwandte Species von einer gemeinsamen Stammform 
abstammen könnten. Aber einige Jahre lang konnte ich nicht 
begreifen, wie eine jede Form so ausgezeichnet ihren besonderen 
Lebens -Verhältnissen angepasst werden konnte. Ich begann 
darauf systematisch die Hausthiere und die Garten-Pflanzen zu 
studiren, und sah nach einiger Zeit deutlich ein, dass die 
wichtigste umbildende Kraft in des Menschen Zucht-Wahlver- 
mögen liege, in seiner Benutzung auserlesener Individuen zur 
Nachzucht. Dadurch, dass ich vielfach die Lebensweise und 



120 Eütwickelung der Selections-Theorie. VJ, 

Sitten der Thiere studirt hatte, war ich darauf vorbereitet, den 
Kampf ums Dasein richtig zu würdigen; und meine geologischen 
Arbeiten gaben mir eine Vorstellung von der ungeheuren Länge 
der verflossenen Zeiträume. Als ich dann durch einen glück- 
lichen Zufall das Buch von Malthus „über die Bevölkerung" 
las, tauchte der Gedanke der natürlichen Züchtung in mir auf. 
Unter allen den untergeordneten Punkten war der letzte, den 
ich schätzen lernte, die Bedeutung und Ursache des Bivergenz- 
Princips." 

Während der Müsse und Zurückgezogenheit, in der Darwin 
nach der Rückkehr von seiner Reise lebte, beschäftigte er sich, 
wie aus dieser Mittheilung hervorgeht, zunächst vorzugsweise 
mit dem Studium der Organismen im Cultur-Zustande, der Haus- 
Thiere und Garten-Pflanzen. Unzweifelhaft war dies der nächste 
und richtigste Weg, um zur Selections-Theorie zu gelangen. Wie 
in allen seinen Arbeiten, verfuhr Darwin dabei äusserst sorg- 
fältig und genau. Er hat mit bewunderungswürdiger Vorsicht 
und Selbst- Verleugnung vom Jahre 1837 — 1858, also 21 Jahre 
lang, über diese Sache Nichts veröft'entlicht, selbst nicht eine vor- 
läufige Skizze seiner Theorie, welche er schon 1844 niederge- 
schrieben liatte. Er wollte immer noch mehr sicher begründete 
empirische Beweise sammeln, um so die Theorie ganz vollständig, 
auf möglichst breiter Erfahrungs-Grundlagc festgestellt, mittheilen 
zu können. Dieses Streben nach möglichster Vervollkommnung 
barg in sich die Gefahr, dass die Theorie überhaupt niemals ver- 
öffentlicht würde. Zum Glück wurde Darwin aber darin durch 
einen Landsmann gestört, welcher unabhängig von ihm die Selec- 
tions-Theorie sich ausgedacht und aufgestellt hatte; dieser sen- 
dete 1858 die Grundzüge derselben an Darwin selbst ein mit 
der Bitte, sie an Lyell zur Veröffentlichung in einem englischen 
Journale zu übergeben. Dieser Engländer war Alfred Wallace, 
einer der kühnsten und verdientesten naturwissenschaftlichen 
Reisenden der neueren Zeit '*). Viele Jahre war Wallace allein 
in den Wildnissen von Süd-Amerika und in den Urwäldern des 
indischen Archipels umhergestreift; und bei diesem unmittelbaren 
und umfassenden Studium dei- reichsten und interessantesten 



VI. Selecfions-Theorie von Charles I)arwiii und Alfred Walhice. 121 

Natur, mit einer höchst mannichfaltigen Thier- und Pflanzen- 
Welt, war er genau zu denselben allgemeinen Anschauungen über 
die Entstehung der organischen Arten wie Darwin gelangt. 
Lyell und Hook er, welche Beide Darwin's Arbeit seit langer 
Zeit kannten, veranlassten ihn nun, einen kurzen Auszug aus 
seinen Manuscripten gleichzeitig mit dem eingesandten Manuscript 
von AVallace zu veröffentlichen, was auch im August 1858 im 
„Journal of the Linnean Society" geschah. 

Im November 1859 erschien dann das epochemachende 
Werk Dar\vin"s „Ueber die Entstehung der Arten", in welchem 
die Selections-Theorie ausführlich begründet ist. Jedoch bezeich- 
nete Darwin selbst dieses Buch, von welchem 1872 die sechste 
Auflage und bereits 1860 eine deutsche Uebersetzung von Bronn 
erschien '), nur als einen vorläufigen Auszug aus einem grösseren 
und ausführlicheren Werke, welches in umfassender empirischer 
Beweisführung eine Masse von Thatsachen zu Gunsten seiner 
Theorie enthalten sollte. Der erste Theil dieses von Darwin in 
Aussicht gestellten Hauptwerkes erschien 1868 unter dem Titel: 
„Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domesti- 
cation" : er wurde gleich den späteren Schriften, von Victor 
Carus ins Deutsche übersetzt'^). Er enthält eine reiche Fülle 
der trefflichsten Belege für die ausserordentlichen Veränderungen 
der organischen Formen, welche der Mensch durch seine Cultur 
und künstliche Züchtung hervorbringen kann. So sehr wir auch 
Darwin für diesen Ueberfluss an beweisenden Thatsachen ver- 
bunden sind, so theilen wir doch keineswegs die Meinung jener 
Naturforscher, welche glauben, dass durch diese weiteren Aus- 
führungen die Selections-Theorie eigentlich erst fest begründet 
werden musste. Nach unserer Ansicht enthält bereits Darwin's 
erstes, 1859 erschienenes Werk diese Begründung in völlig aus- 
reichendem Maasse. Die unangreifbare Stärke seiner Theorie 
liegt nicht in der Unmasse von einzelnen Thatsachen, welche 
man als Beweise dafür anführen kann, sondern in dem harmo- 
nischen Zusammenhang aller grossen und allgemeinen Erschei- 
nungs-Reihen der organischen Natur; sie alle legen übereinstim- 
mend für die Wahrheit der Selections-Theorie Zeugniss al). 



122 Darwin's Studium der Haustlüere uud Cultur-Ptianzen. VI. 

Den wichtigsten Folge-Sclilus.s der Descendenz-Theorie, die 
Abstammung des Menschen-Geschleclits von anderen Säiigethieren, 
musste Darwin natürlich bald ziehen, nachdem er sich von der 
Wahrheit der ersteren überzeugt hatte. Allein in seinem Haupt- 
werke ging er absichtlich darauf nicht ein. Erst nachdem dieser 
bedeutungsvolle Schluss von anderen Naturforschern entschieden 
als nothwendige Consequenz der Abstammungs-Lehre festgestellt 
war, hat Darwin denselben ausdrücklich anerkannt, und damit 
„die Krönung seines Gebäudes" vollzogen. Dies geschah in dem 
höchst interessanten, erst 1871 erschienen Werke über „die Ab- 
stammung des Menschen und die geschlechtliche Zucht-Wahl" 
(ebenfalls von Victor Carus in das Deutsche übersetzt)**). Als 
ein Nachtrag zu diesem Buche kann das geistreiche physiogno- 
mische Werk angesehen werden, welches Darwin 1872 „über 
den Ausdruck der Gemüths-Bewegungen l)ei dem Menschen und 
den Thieren" veröffentlicht hat''). 

Von der grössten Bedeutung für die Begründung der Selec- 
tions-Theorie war das eingehende Studium, welches Darwin den 
Haus-Thieren und Cultur-Pflanzen widmete. Die unendlich 
manuichfaltigen Form - Veriindoi-ungeu . welche der Mensch an 
diesen domesticirten Organismen (bircli künstliche Züchtung er- 
zeugt hat, sind für das richtige A'erständniss der Thior- und 
Pflanzen-Formen von der allergrössten Wichtigkeit: und dennoch 
ist ihr Studium in kaum glaublicher Weise von den Zoologen 
und Botanikern bis in die neueste Zeit vernachlässigt worden. 
Nicht allein dicke Bände, sondern ganze Bibliotheken sind mit 
Beschi-eibungen der einzelnen Arten oder Species angefüllt worden, 
und mit höchst kindischen Streitigkeiten darüber, ob diese Species 
gute oder ziemlich gute, schlechte oder ziemlich schlechte Arten seien ; 
ohne dass dem Artbegriff selbst darin zu Leibe gegangen ist. Die 
wichtigste Vorfrage, was denn eigentlich eine Species sei, wurde 
dabei nicht berührt. Wenn die Naturforscher, statt auf jene 
unnützen Spielereien Zeit zu verwenden, die Cultur-Organismen 
gehörig studirt und nicht die einzelnen todten Formen, sondern 
die Umbildung der lebendigen Gestalten in das Auge gefasst 
hätten, so würden sie nicht solange in den Fesseln des Cuvier'- 



\l Andreas Wagner und der Bauin des iM-kenntnisses. 123 

scheu Dogmas befangen gewesen sein. Weil nun aber diese 
Cultur-Organismen gerade der dogmatischen Auffassung von der 
Beharrlichkeit der Art, von der Constanz der Species so äusserst 
unbequem sind, so hat man sich grossen Theils absichtlich nicht 
um dieselben bekümmert; vielfach ist sogar, selbst von berühm- 
ten Naturforschern, der Gedanke ausgesprochen worden, diese 
Cultur-Organismen, die Haus-Thiere und Garten-Pflanzen, seien 
Kunst-Producte des Menschen; ihre Bildung und Umbildung 
könne gar nicht über das Wesen der Species und über die Ent- 
stehung der Formen bei den wilden, im Natur-Zustande lebenden 
Arten entscheiden. 

Diese verkehrte Auffassung ging so weit, dass z. B. ein 
Münchener Zoologe, Andreas Wagner, alles Ernstes die lächer- 
liche Behauptung aufstellte: Die Thiere und Pflanzen im wilden 
Zustande sind vom Schöpfer als bestimmt unterschiedene und 
unveränderliche Arten erschaffen worden: allein bei den Haus- 
Thieren und Cultur-Pflanzen war dies deshalb nicht nöthig, weil 
er dieselben von vornherein für den Gebrauch des Menschen ein- 
lichtete. Der Schöpfer machte also den Menschen aus einem 
Erden-Kloss, blies ihm lebendigen Odem in seine Nase und schuf 
dann für ihn die verschiedenen nützlichen Haus-Thiere und Garten- 
Pflanzen, bei denen er sich in der That die Mühe der Species- 
Unterscheidung sparen konnte. Ob der Baum des Erkennt- 
nisses im Paradies-Garten eine „gute" wilde Species, oder als 
Cultur-Pflanze überhaupt „keine Species" war, erfahren wir 
leider durch Andreas Wagner nicht. Da der Baum des Er- 
kenntnisses vom Schöpfer mitten in den Paradies-Garten gesetzt 
wurde, möchte man eher glauben, dass er eine höchst bevorzugte 
Cultur-Pflanze, also überhaupt keine Species war. Da aber 
andrerseits die Früchte vom Baume des Erkenntnisses dem Men- 
schen verboten waren, und viele Menschen, wie Wagner's 
eigenes Beispiel klar zeigt, niemals von diesen Früchten genossen 
haben, so ist er oftenbar nicht für den Gebrauch des Menschen 
erschaffen, also wahrscheinlich eine wirkliche Species! Wie 
Schade, dass uns Wagner über diese wichtige und schwierige 
Frage nicht belehrt hat! 



124 Vergleichung der wilden und der ciiltiviiten Organifiiuen. Yl. 

Wie lächerlich Ihnen diese Ansicht auch vorkommen mag, 
so ist dieselbe doch nur ein folgerichtigei- Auswuchs einer falschen, 
in der That aber weit verbreiteten Ansicht von dem besonderen 
Wesen der Cultur-Organismen, und Sie können bisweilen von 
ganz angesehenen Naturforschern ähnliche Einwürfe hören. Ge- 
gen diese grundfalsche Auffassung iniiss ich mich von vorn- 
herein ganz bestimmt wenden; sie ist ebenso verkehrt, wie die 
Ansicht mancher Aerzte, welche behaupten, die Krankheiten seien 
künstliche Erzeugnisse der Cultur, keine Natur-Erscheinungen. 
Es hat viel Mühe gekostet, dieses Vorurtheil zu bekämpfen; erst 
in neuerer Zeit ist die Ansicht zur allgemeinen Anerkennung 
gelangt, dass die Krankheiten weiter nichts sind , als natürliche 
Veränderungen des Organismus, wirklich natürliche Lebens-Er- 
scheinungen, hervorgebracht durch veränderte, abnorme Existenz- 
Bedingungen. Die Krankheit ist also nicht, wie die älteren Aerzte 
oft sagten, ein Leben ausserhalb der Natur (vita praeter naturam), 
sondern ein natürliches JiClien unter bestimmten, schädlichen, den 
Körper mit Gefahr bedrohenden Bedingungen. (Jleicherweise sind 
auch die Cultur-Organismen nicht künstliche Producte des Men- 
schen, sondern sie sind Nalur-Producte, welche unter oigenthüm- 
lichen Lebens- Bedingungen entsta)iden. Der Mensch vermag 
durch seine Cultur niemals unmittelbar eine neue organische 
Form zu erzeugen; sondern er kann nur die Organismen unter 
neuen Lebens-Bedingungen züchten, welche umbildend auf sie 
einwirken. Alle Hausthiere und alle Garten-Pflanzen stammen 
ursprünglich von wilden Arten ab, welche erst durch die Cultur 
allmählich umgebildet worden sind. 

Die eingehende Vergleichung der (^ultur-Formen (Kassen und 
Spielarten) mit den wilden, nicht durch Cultur veränderten Or- 
ganismen (Arten und Varietäten) ist für die Selections-Theorie 
von der grössten Wichtigkeit. Was Ihnen bei dieser Verglei- 
chung zunächst am Meisten auffällt, das ist die kurze Zeit, in 
welcher der Mensch im Stande ist, eine neue Form hervorzu- 
bringen, und die auffallende Verschiedenheit der Gestalt, durch 
welche diese vom Menschen producirte Form von der ursprüng- 
lichen Stamm-Form abweichen kann. Die wilden Thiere und 






Yf. Vergleichimg dor wildon und dov oiiltivirton Or^nnismen. 125 

Pflanzen, im freien Zustande, erscheinen Jaln- aus, Jahr ein dem 
sammelnden Zoologen und Botaniker annähernd in derselben Form, 
so dass elien hieraus das falsche Dogma der Species-Constanz 
entstehen konnte. Hingegen zeigen uns die Hausthiere und die 
Garten-Pflanzen oft innerhalb weniger Jahre die grössten Verän- 
derungen. Die Vervollkommnung, welche die Züchtungs-Kunst 
der Gärtner und der Landwirthe erreicht hat, gestattet jetzt in 
sehr kurzer Zeit, in wenigen Jahren, eine ganz neue Tliier- oder 
Pflanzen-Form willkürlich zu schaffen. Man braucht zu diesem 
Zwecke bloss den Organismus unter dem Einflüsse der besonderen 
Bedingungen zu erhalten und fortzupflanzen , welche neue Bil- 
dungen zu erzeugen im Stande sind; und man kann schon nach 
Verlauf von wenigen Generationen neue Arten erhalten, welche 
von der Stamm-Form in viel höherem Grade abweichen, als die 
sogenannten guten Arten im wilden Zustande von einander ver- 
schieden sind. Diese Thatsache ist äusserst wichtig und kann 
nicht genug hervorgehol)en werden. Zwar wird noch oi't be- 
hauptet, die Cultur-Formen, die von einer und dersellien Form 
at)stammen, seien nicht so sehr von einander verschieden, wie die 
wilden Thier- und Pflanzen-Arten unter sich. Allein das ist nicht 
wahr. AVenn man nur unbefangen Vergleiche anstellt, so über- 
zeugt man sich leicht vom Gegentheil. Eine Menge von Rassen 
oder Spiel-Arten, die wir in einer kurzen lieilie von Jahren von 
einer einzigen Cultur-Form abgeleitet haben, sind in viel höherem 
Grade von einander unterschieden, als sogenannte gute Arten 
(„bonae species") oder selbst verschiedene Gattungen einer Fa- 
milie im wilden Zustande. 

Um diese äusserst wichtige Thatsache möglichst fest empi- 
risch zu begründen, beschloss Darwin, eine einzelne Gruppe von 
Hausthieren eingehend in dem ganzen Umfang ihrer Formen- 
Mannichfaltigkeit zu studiren. Er wählte dazu die Haus-Taul)en, 
weil diese in mehrfacher Beziehung dafür ganz besonders geeignet 
sind. Er hielt sich lange Zeit hindurch auf seinem Gute alle 
möglichen Rassen und Spiel-Arten von Tauben, welche er be- 
kommen konnte, und wurde mit reichlichen Zusendungen aus 
allen ANeltueoendeii unterstützt. Ferner Hess er sich in zwei 



12f) Auffallende Verschiedenheit der Taulten-Ras.sen. YJ. 

Londoner Tauben-Clubs aufnelimen, welche die Züchtung der ver- 
schiedenen Tauben-Formen mit Avahrhai't künstlerischer Virtuo- 
sität und unermüdlicher Leidenschaft betreiben. Endlich setzte 
er sich noch mit einigen der berühmtesten Tauben-Liebhaber in 
Verbindung. 80 stand ihm das reichste empirische Material zur 
Verfügung. 

])ie Kunst und Liebhaberei der Tauben-Züchtung ist uralt. 
Schon mehr als 3000 Jahre vor Christus wurde sie von den 
Aegyptern betrieben. Die Römer der Kaiserzeit gaben ungeheure 
Summen dafür aus und führten genaue Stammbaum-Register über 
ihre Abstammung, el)enso wie die Araber über ihre Pferde und 
die mecklenburgischen Edelleute über ihre eigenen Ahnen sehr 
.sorgfältige genealogische Register führen. Auch in Asien war die 
Tauben-Zucht eine uralte Liebhaberei der reichen Für.sten, und 
zur Hofhaltung des Akber Khan, um das Jahr lOOO, gehörten 
mehr als 20,(X)0 Tauben. So entwickelten sich denn im Laufe 
mehrerer Jahrtausende, und in l''olge der mannichfaltigen Zücli- 
tungs-j\Iethoden, welche in den verschiedensten W'eltgegenden ge- 
übt wurden, aus einer einzigen ursprünglich gezähmten Stamm- 
Form eine ungeheure Menge verschicdenarliiier R;isseu und Spiel- 
Arten; ihre extremen Formen sind ausserordentlich verschieden. 

Eine der auffallendsten Tauben -Rassen ist die bekannte 
Pfauen-Taube, l)ei der sicii der Schwanz ähnlich entwickelt wie 
beim Truthahn unil eine Anzahl von 30 — 40 radartig gestellten 
Federn trägt; während ilie anderen Tauben eine viel geringere 
Anzahl von Schwanzfedern, fast immer 12, besitzen. Hierbei 
mag erwähnt werden, dass die Anzahl der Schwanzfedern bei 
den Vögeln als systematisches Merkmal von den Natur-Forschern 
sehr hoch geschätzt wird, so dass man ganze Ordnungen danach 
unterscheiden könnte. So besitzen z. 1^. die Singvögel fast ohne 
Ausnahme 12 Schwanzfedern, die Schrillvögel (Strisores) 10 u. s. w. 
Besonders ausgezeichnet sind ferner mehrere Tauben-Rassen durch 
einen Busch von Nackenfedern, welcher eine Art Perrücke bildet; 
andere durch abenteuerliche L^mbildung des Schnabels und der 
Füsse, durch eigenthümliche, oft sehr auffallende Verzierungen, 
z. B. Hauthippen, die sich am Kopf entwickeln: durch einen 



YI. Gemeinsame Abstammung aller Taiihen-Rassen. 127 

grossen Kropf, welcher eine starke Hervortreibung der Speiseröhre 
am Hals hihlet u. s. w. jMerkwiirdio' sind auch die sonderbaren 
Gewohnheiten, welche viele Tauben erworben haben, z. B. die 
Lach-Tauben uml die 'l'ronimel -Tauben in ihren musikalischen 
Leistungen, die Rrief-Tauben in ihrem topographischen Instinct. 
Die Purzel-Tauben haben die seltsame Gewohnheit, nachdem sie 
in grosser 8('haar in die Luft gestiegen sind, sich zu überschlagen 
und aus der Luft wie todt herabzufallen. Die Sitten und Ge- 
wohnheiten dieser unendlich verschiedenen Tauben-Rassen, die 
Form, Grösse und Färbung der einzelnen Körpertheile, die Pro- 
portionen derselben unter einander, sind in erstaunlich hohem 
Maasse von einander verschieden, in viel höherem ]\Luisse, als es 
bei den sogenannten guten Arten oder selbst bei ganz verschie- 
denen Gattungen unter den wilden Tauben der Fall ist. Und, 
was das ^Vichtigste ist, es beschränken sich jene Unterschiede 
nicht bloss auf die Bildung der äusserlichen Form, sondern er- 
strecken sich selbst auf die wichtigsten innerlichen Theile; es 
kommen sogar sehr bedeutende Abänderungen des Skelets und 
der Muskulatur vor. So finden sich z. B. grosse Verschieden- 
heiten in der Zahl der AVirbel und Rippen, in der Grösse und 
Form der Lücken im Brustbein, in der Form und Grösse des 
(labelbeins, des Unterkiefers, der Gesichtsknochen u. s. w. Kurz 
das knöcherne Skelet, das die Morphologen für einen sehr bestän- 
digen Körpertheil halten, zeigt sich so sehr verändert, dass man 
viele Tauben-Rassen als besondere Gattungen auftiihren könnte. 
Zweifelsohne würde dies geschehen, wenn man alle tliese ver- 
schiedenen Formen getrennt in wildem Natur-Zustande auttande. 
Wie weit die Verschiedenheit der Tauben-Rassen geht, zeigt 
am Besten der Umstand, dass fast alle Tauben-Züchter einstimmig 
der Ansicht sind, jede eigenthümliche oder besonders ausgezeich- 
nete Tauben-Rasse müsse von einer besonderen wilden Stamm-Art 
abstammen. Freilich nimmt Jeder eine verschiedene Zahl von 
Stamm-Arten an. Und dennoch hat Darwin mit überzeugendem 
Scharfsinn den schwierigen Beweis geführt, dass dieselben ohne 
Ausnahme sämmtlich von einer einzigen wilden Stamm-Art, der 
blauen Fels-Taube (Columba livia) abstfimmen müssen. In gleicher 



128 Gemeinsame Abstammung aller Kaninclien-Rassen. \\ 

Weise lässt sich bei den meisten übrigen Haus-Tliieren und bei 
den meisten Cultur-Pflanzen der Beweis führen, dass alle ver- 
schiedeneu Rassen Nachkommen einer einzigen ursprünglichen 
wilden Art sind, die vom Menschen in den Cultur-Zustand über- 
geführt wurde. 

Ein ähnliches Beispiel, wie die Haus-Taube, liefert unter den 
Säugethieren unser zahmes Kaninchen. Alle Zoologen ohne 
Ausnahme halten es schon seit langer Zeit für erwiesen, dass alle 
Rassen und Spiel-Arten desselben von dem gewöhnlichen wilden 
Kaninchen, also von einer einzigen Stamm-Art, abstammen. Und 
dennoch sind die extremsten Formen dieser Rassen in einem 
ganz erstaunlichen Grade von einander verschieden; jeder Zoo- 
loge, welcher dieselben in wildem Zustande anträfe, würde sie 
unbedenklich nicht allein für ganz verschiedene „gute Species", 
sondern sogar für Arten von ganz verschiedenen Gattungen der 
Lei)oriden-Familie erklären. Nicht nur ist die Färbung, Haar- 
länge und sonstige Beschalfenheit des i^elzes bei den verschie- 
denen zahmen Kaninchen-Rassen ausserordentlich mannichfaltig 
und in den extremen Gegensätzen äusserst abweichend, sondern 
auch, was noch viel wichtiger ist, die typische F^orm des Skelets 
und seiner einzelnen Theile, l)esonders die Form des Schädels und 
des für die Systematik so wichtigen Gebisses, ferner das rela- 
tive' Längenverhältniss der Ohren, der Beine u. s. w. In allen 
diesen Beziehungen weichen die Rassen des zahmen Kaninchens 
unbestritten viel weiter von einander ab, als alle die verschiedenen 
Formen von wilden Kaninchen und Hasen, die als anerkannt 
„gute Species" der Gattung Lepus über die ganze Erde zerstreut 
sind. Und dennoch behaupten Angesichts dieser klaren Thatsache 
die Gegner der Entwickelungs-Theorie, dass die letzteren, die 
wilden Arten, nicht von einer gemeinsamen Stamm-Form abstammen 
können, während sie dies bei den ersteren, den zahmen Rassen, 
ohne Weiteres zugeben. Mit Gegnern, welche so absichtlich ihre 
Augen vor dem sonnenklaren Lichte der Wahrheit verschliessen, 
lässt sich dann freilich nicht weiter streiten. 

Während so für die Haus-Taube, für das zahme Kaninchen, 
für das Pferd u. s. w. trotz der merkwürdigen Verschiedenheit 



YJ, Cultivirte Rassen und wilde Species. 129 

ihrer Spiel-Arten die Abstammung von einer einzigen wilden so- 
genannten „Species" gesichert erscheint, so ist es dagegen für 
andere Hausthiere, namentlich die Hunde, Schweine und Rinder, 
allerdings wahrsclieiuliclier, dass die mannichfaltigen Rassen der- 
selben von mehreren wilden Stamm- Arten abzuleiten sind, welche 
sich nachträglich im Cultur-Zustande mit einander vermischt haben. 
Indessen ist die Zahl dieser ursprünglichen wilden Stamm-Arten 
immer gering und viel kleiner als die Zahl der aus ihrer Ver- 
mischung und Züchtung hervorgegangenen Cultur-Formen. Natür- 
lich stammen auch jene ersteren ursprünglich von einer einzigen 
gemeinsamen Stamm-Form der ganzen Gattung ab. Auf keinen 
Fall aber stammt jede besondere Cultur-Rasse von einer eigenen 
wilden Art ab. 

Im Gegensatz hierzu behaupten fast alle Landwirtlie und 
Gärtner mit der grössten Bestimmtheit, dass jede einzelne, von 
ihnen gezüchtete Rasse von einer besonderen wilden Stamm-Art 
abstammen müsse, weil sie die Unterschiede der Rassen scharf 
erkennen, die Vererbung ihrer Eigenschaften sehr hochschätzen, 
und nicht bedenken, dass dieselben erst durch langsame Häufung 
kleiner, kaum merklicher Abänderungen entstanden sind. Auch 
in dieser Beziehung ist die Vergleichung der Cultur-Rassen mit den 
wilden Species äusserst lehrreich. 

Von vielen Seiten, und namentlich von den Gegnern der 
Entwickelungs-Theorie, ist die grösste Mühe aufgewendet worden, 
irgend ein morphologisches oder physiologisches Merkmal, irgend 
eine charakteristische Eigenschaft aufzufinden, durch welche man 
die künstlich gezüchteten, cultivirten „Rassen" von den natürlich 
entstandenen, wilden „Arten" scharf und durchgreifend trennen 
könne. Alle diese Versuche sind gänzlich fehlgeschlagen und 
haben nur mit um so grösserer Sicherheit zu dem entgegengesetzten 
Resultate geführt; sie haben klar gelehrt, dass eine solche Tren- 
nung gar nicht möglich ist. Ich habe dieses Verhältniss in mei- 
ner Kritik des Species -Begriffes ausführlich erörtert und durch 
Beispiele erläutert. (Gen. Morph. II, 323—364.) 

Nur eine Seite dieser Frage mag hier noch kurz berührt 
werden, weil dieselbe nicht allein von den Gegnern, sondern selbst 

Haeckel, Natürl. Schöpfuiigs-Gesch. 8. Aufl. \) 



130 Bastardzengiing zwischen Rassen und Arten. Y]. 

von einigen der bedeutendsten Anhänger des DarAvinismus, z. B. 
von Huxley''), als eine der schwächsten Seiten desselben ange- 
sehen worden ist, nämlich das Yerhältniss der Bast ardzeiigung 
oder des Hybridismus. Zwischen cultivirten Rassen und wilden 
Arten sollte der Unterscdiied bestehen, dass die ersteren der Er- 
zeugung fruchtbarer Bastarde fähig sein sollten, die letzteren 
nicht. Je zwei verschiedene cultivirte Rassen oder wilde Varie- 
täten einer Species sollten in allen Fällen die Fähigkeit 
besitzen, mit einander Bastarde zu erzeugen, wek'he sich unter 
einander oder mit einer ihrer Eltern-l'^oimen fruchtbar vermischen 
und fortpflanzen könnten. Dagegen sollten zwei wirklich ver- 
schiedene Species, zwei cultivirte oder wilde Arten einer Gat- 
tung, niemals die Fähigkeit besitzen, mit einander Bastarde zu 
zeugen, die unter einander oder mit einer der elterlichen Arten 
.sich fruchtbar kreuzen könnten. 

Was zunächst ilie erste Behauptung betrifft, so wird sie ein- 
fach durch die Thatsache widerlegt, da.ss es Organismen giel)t, 
die sich mit ihren nachweisbaren Vorfahren überhaupt nicht mehr 
vermischen, also auch keine fruchtbare Nachkommenschaft erzeu- 
gen können. So paart sich z. B. unser cultivirtes Meerschwein- 
chen nicht mehr mit seinem wilden brasilianisclien Stammvater. 
Umgekehrt geht die Hauskatze von Paraguay, welche von unserer 
europäischen Hauskatze abstammt, keine Verbindung mehr mit 
dieser ein. Zwischen verschiedenen Rassen unserer Haushunde, 
z. B. zwischen den grossen Neufundländern und den zwerghaften 
Schoosshiindchen, ist schon aus einfachen mechanischen Gründen 
eine Paarung unmöglich. Ein besonderes interessantes Beispiel 
aber bietet das Porto-Santo-Kaninchen dar (Lepus Huxleyi). Auf 
der kleinen Insel Porto-Santo bei Madeira wurden im Jahre 1419 
einige Kaninchen ausgesetzt, die an Bord eines Schiffes von einem 
zahmen spanischen Kaninchen geboren worden waren. Diese 
Thierchen vermehrten sich in kurzer Zeit, da keine Raubthiere 
dort waren, so massenhaft, dass sie zur Landplage wurden und 
sogar eine dortige Colonie zur Aufhebung zwangen. Noch gegen- 
wärtig bewohnen sie die Insel in Menge, haben sich aber im 
Laufe von 450 Jahren zu einer ganz eigenthümlicheu Spiel-Art — 



VI. Darwin's Hasen-Kaninchen und andere Bastarde. 131 

oder wenn man will „guten Art" -— entwickelt, ausgezeichnet 
durch eigenthümliche Färbung, rattenähnliche Form, geringe 
Grösse, nächtliche Lebensweise und ausserordentliche AVildheit. 
Da.s Wichtigste jedoch ist, dass sich diese neue Art, die ich Lepus 
Huxleyi nenne, mit dem europäischen Kaninchen, von dem sie 
abstammt, nicht mehr kreuzt und keine Bastarde mehr damit 
erzeugt. 

Auf der andern Seite kennen wir jetzt zahlreiche Beispiele 
von fruchtbaren echten Bastarden, d. h. von Mischlingen, die aus 
der Kreuzung von zwei ganz verschiedenen Arten hervorgegangen 
sind, und trotzdem sowohl unter einander, als auch mit einer 
ihrer Stamm- Arten sich fortpflanzen. Den Botanikern sind solche 
„Bastard -Arten" (Species hybridae) längst in Menge bekannt, 
z. B. aus den Gattungen der Distel (Cirsium), des Goldregen (Cj^- 
tisus), der Brombeere (Rubus) u. s. w. Aber auch unter den 
Thieren sind dieselben keineswegs selten, und vielleicht sogar 
sehr häufig. Man kennt fruchtbare Bastarde, die aus der Kreu- 
zung von zwei verschiedenen Arten einer Gattung entstanden 
sind, aus mehreren Gattungen der Schmetterlings -Ordnung (Zy- 
gaena, Saturuia), der Karpfen -Familie, der Finken, Hühner, 
Hunde, Katzen u. s. \v. Zu den interessantesten gehört das 
Hasen- Kaninchen (Lepus Darwinii), der Bastard von unsern 
einheimischen Hasen und Kaninchen, welcher in Frankreich schon 
seit 1850 zu gastronomischen Zwecken in vielen Generationen 
gezüchtet worden ist. Ich besitze selbst durch die Güte des 
Professor Conrad, Avelcher diese Züchtungs- Versuche auf seinem 
Gute wiederholt hat, solche Bastarde, welche aus reiner Inzucht 
hervorgegangen sind, d. h. deren beide Eltern selbst Bastarde von 
einem Ilasenvater und einer Kaninchenmutter sind. Der so er- 
zeugte Halbblut-Bastard, welchen ich Darwin zu Ehren benannt 
habe, scheint sich in reiner Inzucht so gut wie jede „echte Spe- 
cies" durch viele Generationen fortzupflanzen. Obwohl im Ganzen 
mehr seiner Kaninchenmutter ähnlich, besitzt derselbe doch in 
der Bildung der Ohren und der Hinterbeine bestimmte Eigen- 
schaften seines Hasenvaters. Das Fleisch schmeckt vortrefflich, 
mehr hasenartig, obwohl die Farbe mehr kaninchenartig ist. Nun 

9* 



]32 Darwin'.s FTasen-Kauinchen und andere Bastarde. Yf. 

sind aber Hase (Lepus timidus) und Kaninchen (Lepus ouniculus) 
zwei so verschiedene Species der Gattung Lepus, dass kein Syste- 
matiker vsie als Varietäten einer Art betrachten wird. Auch 
liaben beide Arten so verschiedene Lebensweise und im wilden 
Zustande so grosse Abneigung gegen einander, dass sie sich aus 
freien Stücken nicht vermischen. Wenn man jedoch die neuge- 
borenen Jungen beider Arten zusammen aufzieht, so kommt diese 
Abneigung nicht zur Entwickelung; sie vermischen sich mit ein- 
ander und erzeugen den Lepus Darwinii. 

Ein anderes ausgezeichnetes Heispiel von Kreuzung verschie- 
dener Arten (wobei die beiden Species sogar verschiedenen Gat- 
tungen angehören!) liefern die fruchtbaren Bastarde von Schafen 
und Ziegen, die in Chile seit langer Zeit zu industriellen Zwecken 
gezogen werden. Welche unwesentlichen L^mstände bei der ge- 
schlechtlichen Vermischung ilie Fruchtbarkeit der verschiedenen 
Arten bedingen, das zeigt der L'mstand, da.ss Ziegeidjöcke und 
Schafe bei ihrer Vermischung fruchtbare Bastarde erzeugen, wäh- 
rend Schafbock und Ziege sich überhaupt selten paaren, und dann 
ohne Erfolg. So sind also die Erscheinungen des Ilybridismus, 
auf welche man irrthümlicherweise ein ganz übertriebenes Ge- 
wicht gelegt hat, für den Species-Begriff gänzlich bedeutungslos. 
Die Bastard -Zeugung setzt uns eben so wenig, als irgend eine 
andere Erscheinung, in den Stand, die cultivirten Rassen von den 
wilden Arten durchgreifend zu unterscheiden. Dieser Umstand 
ist aber von der grössten Bedeutung für die Selections-Thcorie. 



Siebenter Vortrag. 

Die Znchtungs-Lehre oder Selections-Tlieorie. 
(Der Darwinismus.) 



Darwinismus (Selections-Theoiie) und Laraarcliismus (Descendenz-Theorie) 
Der Vorgang der künstlichen Züchtung: Auslese (Selection) der verschiedenen 
Einzelwesen zur Nachzucht. Die wirkenden Ursachen der Umbildung: Abän- 
derung, mit der Ernährung zusammenhängend, und Vererbung, mit der Fort- 
pflanzung zusammenhängend. Mechanische Natur dieser beiden physiologi- 
schen Functionen. Der Vorgang der natürlichen Züchtung: Auslese (Selec- 
tion) durch den Kampf um's Dasein. Malthus' Bevölkerungs-Theorie. Miss- 
verhältniss zwischen der Zahl der möglichen (potentiellen) und der wirklichen 
(actuellen) Individuen jeder Organismen-Art. Allgemeiner Wettkampf um 
die Existenz. Umbildende und züchtende Kraft dieses Kampfes um's Dasein. 
Vergleichung der natürlichen und der künstlichen Züchtung. Selections- 
Princip bei Kant und Wells. Zuchtwahl im Menschenleben. Medicinische 
und clericale Züchtung. 

Meine Herren ! Wenn heutzutage häufig die gesammte Ent- 
wickelungs-Lehre, mit der wir uns in diesen Vorträgen beschäf- 
tigen, als Darwinismus bezeichnet wird, so geschieht dies eigent- 
lich nicht mit Recht. Denn wie Sie aus der geschichtlichen 
Einleitung der letzten Vorträge gesehen haben werden, ist schon 
zu Anfang unseres Jahrhunderts der wichtigste Theil der orga- 
nischen Entwickelungs-Theorie, nämlich die Abstammungs-Lehre 
oder Descendenz-Theorie, ganz deutlieh ausgesprochen, und ins- 
besondere durch Lamarck in die Naturwissenschaft eingeführt 
worden. Mau könnte daher diesen Theil der Entwickelungs- 
Theorie, welcher die gemeinsame Abstammung aller Thier- und 
Pflanzen- Arten von einfachsten gemeinsamen Stamm-Formen be- 
hauptet, seinem verdientesten Begründer zu Ehren mit vollem 



134 Darwinismus und Lamarckisrnus. VII. 

Rechte Lamarckisrnus nennen, wenn man einmal an den Na- 
men eines einzelnen hervorragenden Naturforschers das Verdienst 
knüpfen will, eine solche Grund- Lehre zuerst durchgeführt zu 
haben. Dagegen würden wir mit Recht als Darwinismus die 
Selections- Theorie oder Züehtungs- Lehre zu bezeichnen haben, 
denjenigen Theil der Entwickelungs-Theorie, welcher uns zeigt, 
auf welchem Wege und warum die verschiedenen Organismen- 
Arten aus jenen einfachsten Stamm-Formen sich entwickelt haben. 

Diese Selections -Theorie oder der Darwinismus im eigent- 
lichen Sinne beruht wesentlich (wie bereits in dem letzten Vor- 
trage angedeutet wurde) auf der Vergleichung derjenigen Thätig- 
keit, welche der Mensch bei der Züchtung der Hausthiere und 
Garten-Pflanzen ausübt, mit denjenigen Vorgüngen, welche in der 
freien Natur, ausserhalb des Cultur-Zustandes, zur Entstehung 
neuer Arten und neuer Gattungen führen. Wir müssen uns, um 
diese letzten Vorgänge zu verstehen, also zunächst zur künstlichen 
Züchtung des Menschen wenden, wie es auch von Darwin selbst 
geschehen ist. Wir müssen untersuchen, welche Erfolge der 
Mensch durch seine künstliche Züchtung erzielt, und welche Mit- 
tel er anwendet, um diese Erfolge hervorzubringen; und dann 
müssen wir uns fragen: „Giebt es in der Natur ähnliche Kräfte, 
ähnlich wirkende Ursachen, wie sie der Mensch hier anwendet?" 

Was nun zunächst die künstliche Züchtung betrifft, so 
gehen wir von der zuletzt erörterten Thatsache aus , dass deren 
Producte in nicht seltenen Fällen viel mehr von einander ver- 
schieden sind, als die Erzeugnisse der natürlichen Züchtung. In 
der That weichen die Rassen oder Spiel-Arten oft in viel höherem 
Grade und in viel wichtigeren Eigenschaften von einander ab, 
als es viele sogenannte „gute Arten" oder Species, ja bisweilen 
sogar mehr, als es sogenannte „gute Gattungen" im Naturzu- 
stande thun. Vergleichen Sie z. B. die verschiedenen Aepfel-Sor- 
ten, welche die Gartenkunst von einer und derselben ursprüng- 
lichen Apfel-Form gezogen hat, oder vergleichen Sie die verschiede- 
nen Pferde-Rassen, welche die Thier-Züchter aus einer und derselben 
ursprünglichen Form des Pferdes abgeleitet haben, so finden Sie 
leicht, dass die L'nterschiede der am meisten verscliiedenen For- 



VII. Verfahren bei der ki'instlichen Züchtung. 135 

nien ausserordentlich bedeutend sind, viel bedeutender, als 
di^, sogenannten „specifischen Unterschiede", welche die Zoolo- 
gen und Botaniker bei Vergleichung der wilden Arten anwenden, 
um dadurch verschiedene sogenannte „gute Arten" zu unter- 
scheiden. 

Wodurcli bringt nun der Mensch diese ausserordentliche Ver- 
schiedenheit oder Divergenz mehrerer Formen hervor, die ervvie- 
senermaassen von einer und derselben Stamm-Form abstammen? 
Lassen Sie uns zur Beantwortung dieser Frage einen Gärtner 
verfolgen, der eine neue durch besonders schöne Blumenfarbe 
ausgezeichnete Pflanzen-Form züchten will. Derselbe wird zunächst 
unter einer grossen Anzahl von Pflanzen, welche Sämlinge einer 
und derselben Pflanze sind, eine Auswahl oder Selection treft'en. 
Er wird diejenigen Pflanzen heraussuchen, welche die ihm er- 
wünschte Blütheufarbe am meisten ausgeprägt zeigen. Gerade 
die Bliithenfarbe ist ein sehr veränderlicher Gegenstand. Zum 
Beispiel zeigen Pflanzen, welche in der Regel eine weisse Blüthe 
besitzen, sehr häufig Abweichungen in's Blaue oder Pothe hinein. 
Wenn nun der Gärtner eine solche, gewöhnlich weiss blühende 
Pflanze in rother Farbe zu erhalten wünscht, so wird er sehr 
sorgfältig unter den mancherlei verschiedenen Abkömmlingen einer 
und derselben Samen-Pflanze diejenigen heraussuchen, die am 
deutlichsten einen rothen Anflug zeigen; diese wird er ausschliess- 
lich aussäen, um neue Individuen derselben Art zu erzielen. Er 
wird die übrigen Samen-Pflanzen, die weisse oder weniger deut- 
lich rothe Farbe zeigen, ausfallen lassen und nicht weiter culti- 
vlren. Ausschliesslich diejenigen Pflanzen, dei'en Blüthen das 
stärkste Roth zeigen, wird er fortpflanzen, und die Samen, welche 
diese auserlesenen Pflanzen bringen, wieder aussäen. Die Blü- 
then von den Samen-Pflanzen dieser zweiten Generation werden 
durchschnittlich schon mehr röthlich gefärbt sein. Unter diesen 
wird der Gärtner wiederum diejenigen sorgfältig herauslesen, die 
das Rothe am deutlichsten ausgeprägt haben. Wenn eine solche 
Auslese durch eine Reihe von sechs oder zehn Generationen hin- 
durch geschieht, wenn immer mit grosser Sorgfalt diejenige 
Blüthe ausgesucht wird, die das tiefste Roth zeigt, so wird der 



■|3fi Verfahreu bei der künstlichen Züchtung. VII. / 

Gärtner schliesslich die gewünschte Pflanze mit rein rother Blü- 
thenfarbe bekommen. 

Ebenso verfährt der Landwirtii, welcher eine besondere Thier- 
Rasse züchten will, also z. B. eine Schaf-Sorte, welche sich dm-ch 
besonders feine Wolle auszeichnet. Die einfache, bei der Ver- 
vollkommnung der Wolle angewandte Kunst besteht darin, dass 
der Landwirth mit der grössten Sorgfalt und Ausdauer unter 
der ganzen Schafheerde diejenigen Individuen aussucht, Avelchc 
die feinste Wolle haben. Diese allein werden zur Nacliziicht ver- 
wandt, und unter der Nachkommenschaft dieser Au,yerwählten 
werden abermals diejenigen herausgesucht, die sich durch die 
beste Wolle auszeichnen u. s. f. Wenn diese sorgfältige Auslese 
eine Reihe von Generationen hindurch fortgesetzt wird, so zeigen 
die auserlesenen Zuchtschafe schliesslich eine sehr feine AVolIe, 
welche sehr auffallend, und zwar nach dem Wunsche und zu 
Gunsten des Züchters, von der Wolle des ursprünglichen Stamm- 
vaters verschieden ist. 

Die Unterschiede der einzelnen Individuen, auf die es bei 
dieser künstlichen Auslese ankommt, sind sehr klein. Ein ge- 
wöhnlicher ungeübter Mensch ist nicht im Stande, die ungemein 
feinen Unterschiede der Einzelwesen zu erkennen, welche ein ge- 
übter Züchter auf den ersten Blick wahrnimmt. Das Geschäft 
des Züchters ist keine leichte Kunst; dasselbe erfordert einen 
ausserordentlich scharfen Blick, eine grosse Geduld, eine äusserst 
sorgsame Behandlungsweise der zu züchtenden Organismen. Bei 
jeder einzelnen Generation fallen die Unterschiede der Individuen 
dem Laien vielleicht gar nicht in das Auge; aber durch die Häu- 
fung dieser feinen Unterschiede während einer Reihe von Gene- 
rationen wird die Abweichung von der Stamm-Form zuletzt sehr 
bedeutend. Sie wird so auflallend, dass endlicli die künstlich 
erzeugte Form von der ursprünglichen Stamm-Form in weit höhe- 
rem Grade abweichen kann, als zwei sogenannte gute Arten im 
Natur-Zustande thun. Die Züchtungskunst ist jetzt so weit gedie- 
hen, dass der Mensch oft willkürlich bestimmte Eigenthümlich- 
keiten bei den cultivirten Arten der Thiere und Pflanzen erzeu- 
gen kann. Man kann an die geübtesten Züchter bestimmte Auf- 



V[r. Zu(.'hl\valil-Vcrinögcn dos Menschen. loT 

träge gehen, und z. ß. sauen: Ich wünsche diese Pflanzen-Art, 
oder diese Tauben-Rasse, in der und der Farbe, mit der und der 
Zeichnung zu haben. Wo die Züchtung so vervollkommnet ist, 
wie in England, sind die Gärtner und liandwirthe häufig im 
Stande, innerhalb einer bestimmten Zeitdauer, nach Verlauf einer 
Anzahl von Generationen, das verlangte Resultat auf Bestellung 
zu liefern. Einer der erfahrensten englischen Züchter, Sir John 
Sebright, konnte sagen „er wolle eine ihm aufgegebene Feder 
in drei Jahren hervorbringen, er bedürfe aber sechs Jahre, um 
eine gewünschte Form des Kopfes und Schnabels zu erlangen". 
Bei der Zucht der Merinoschafe in Sachsen werden die Thiere 
dreimal wiederholt neben einander auf Tische gelegt und auf das 
Sorgfältigste vergleichend studirt. Jedesmal werden nur die besten 
Schafe, mit der feinsten AVolIe, ausgelesen, so dass zuletzt von 
einer grossen Menge nur einzelne wenige, aber ganz auserlesen 
feine Thiere übrig bleiben. Nur diese letzten werden zur Nach- 
zucht verwandt. Es sind also eigentlich ungemein einfache Ur- 
sachen, mittelst welcher die künstliche Züchtung zuletzt grosse 
Wirkungen hervorbringt; und diese grossen Wirkungen werden nur 
erzielt durch Summirung der einzelnen an sich sehr unbedeuten- 
den Unterschiede, welche die fortwährend wiederholte Auslese 
oder Selection vergrössert. 

Ehe wir nun zur Vergleichung dieser künstlichen Züchtung 
mit der natürlichen übergehen, wollen wir uns klar machen, 
welche natürlichen Eigenschaften und Kräfte der Organismen der 
künstliche Züchter oder Cultivateur benutzt. Man kann alle ver- 
schiedenen, hierbei in das Spiel kommenden Kräfte schliesslich 
auf zwei physiologische Grund-Eigenschaften des Organismus zu- 
rückführen die sämmtlichen Thieren und Pflanzen gemeinschaft- 
lich sind, und die mit den beiden Thätigkeiten der Fortpflan- 
zung und Ernährung auf das Innigste zusammenhängen. Diese 
beiden Grund-Eigenschaften sind die Erblichkeit oder die Fähig- 
keit der Vererbung, und die Veränderlichkeit oder die Fä- 
higkeit der Anpassung. Der Züchter geht von der Thatsache 
aus, dass alle Individuen einer imd derselben Art verschieden 
sind, wenn auch in sehr geringem Grade; eine Thatsache, die 



138 Individuelle Unterschiede aller Organismen. VII. 

sowohl von den Organismen im wilden wie im CultuivAistande 
gilt. Wenn Sie sich in einem Walde umsehen, der nur aus einer 
einzigen Baumart, z. B. Buche, besteht, werden Sie ganz gewiss 
im ganzen Walde nicht zwei Bäume dieser Art finden, die ab- 
solut gleich sind, die in der Form der Verästelung, in der Zahl 
der Zweige und Blätter, der Blüthen und Früchte, sich vollkom- 
men gleichen. Es finden sich individuelle Unterschiede überall, 
gerade so wie bei den Menschen. Es giebt nicht zwei Menschen, 
welche absolut identisch sind, vollkommen gleich in Grösse, Ge- 
sichtsbildung. Zahl der Haare, Temperament, Charakter u. s. w. 
Ganz dasselbe gilt aber auch von den Einzelwesen aller verschie- 
denen Tliier- und Pflanzen-Arten. Bei den meisten Organismen 
erscheinen allerdings die Unterschiede für den Laien sehr gering- 
fügig. Es kommt aber hierbei wesentlich auf die Uebung in der 
Erkenntniss dieser oft sehr feinen Form-Charaktere an. Ein Schaf- 
hirt z. B. kennt in seiner Heerdc jedes einzelne Individuum bloss 
durch genaue Beobachtung der Eigenschaften , während ein Laie 
nicht im Stande ist, alle die verschiedenen Individuen einer und 
derselben Heerde zu unterscheiden. 

Die Thatsache der individuellen Verschiedenheit ist 
die äusserst wichtige Grundlage, auf welche sich das ganze Züch- 
tungsverraögen des Menschen gründet. Wenn nicht überall jene 
individuellen Unterschiede wären, so könnte er nicht aus einer 
und derselben Stamm-Form eine Masse verschiedener Spiel-Arten 
oder Rassen erziehen. Nun ist aber in der That diese Erschei- 
nung ganz allgemein. Wir müssen nothwendig dieselbe auch da 
voraussetzen, wo wir mit unseren groben sinnlichen Hülfsmitteln 
nicht im Stande sind, die Unterschiede zu erkennen. Bei den 
höheren Pflanzen, bei den Phanerogamen oder Blüthenpflanzen, 
wo die einzelnen individuellen Stöcke so zahlreiche Unterschiede 
in der Zahl der Aeste und Blätter, in der Bildung des Stammes 
und der Aeste zeigen, können wir fast immer jene Differenzen 
leicht wahrnehmen. Aber bei den niederen Pflanzen, z. B. Mo- 
sen, Algen, Pilzen, und bei den meisten Thieren, namentlich den 
niederen Thieren, ist dies nicht der Fall. Die individuelle Unter- 
scheidung aller Einzelwesen einer Art ist hier meistens äusserst 



VII. Anpassung und Ernährung. 139 

schwierig oder g'an/> unmöglich. Es liegt jedoch kein Grund vor, 
Itloss denjenigen Organismen eine individuelle Verschiedenheit 
zuzuschreiben, bei denen wir sie sogleich erkennen können. Viel- 
mehr können wir dieselbe mit voller Sicherheit als allgemeine 
Eigenschaft aller Organismen annehmen. Wir dürfen dies um 
so mehr, da wir im Stande sind, die Veränderlichkeit der Indi- 
viduen auf die mechanischen Verhältnisse der Ernährung zu- 
rückzuführen. Wir können allein durch verschiedene Ernährung 
auffallende individuelle Unterschiede da hervorbringen, wo sie 
unter nicht veränderten Ernährungs-Verhältnissen nicht wahrzuneh- 
men sein würden. Die vielen verwickelten Bedingungen der Ernäh- 
rung sind aber niemals bei zwei Individuen einer Art absolut gleich. 
Ebenso nun, wie wir die Veränderlichkeit oder Anpassungs- 
fähigkeit in ursächlichem Zusammenhang mit den allgemeinen 
Ernährungs- Verhältnissen der Thiere und Pflanzen sehen, ebenso 
linden wir die zweite fundamentale Lebenserscheinung, mit der 
wir es hier zu thun haben, nämlich die Vererbungsfähigkeit 
oder Erblichkeit, in unmittelbarem Zusammenhang mit den 
Erscheinungen der Fortpflanzung. Nachdem der Landwirth 
und der Gärtner bei der künstlichen Züchtung die bevorzugten 
Individuen ausgesucht, also die Veränderlichkeit benutzt hat, sucht 
er die veränderten Formen durch Vererbung festzuhalten und aus- 
zubilden. Er geht von der allgemeinen Thatsache aus, dass die 
Kinder ihren Eltern ähnlich sind: „Der Apfel fällt nicht weit 
vom Stamm". Diese Erscheinung der Erblichkeit ist bisher in 
sehr geringem Maasse wissenschaftlich untersucht worden; das 
mag zum Theil daran liegen, dass die Erscheinung zu alltäglich 
ist. Jedermann findet es ganz natürlich, dass eine jede Art ihres 
Gleichen erzeugt, dass nicht plötzlich ein Pferd eine Gans oder 
eine Gans einen Frosch erzeugt. Man ist gewöhnt, diese alltäg- 
lichen Vorgänge der Erblichkeit als selbstverständlich anzusehen. 
Nun ist aber diese Erscheinung nicht so selbstverständlich ein- 
fach, wie sie auf den ersten Blick erscheint; namentlich wird 
sehr häufig bei Betrachtung der Erblichkeit übersehen, dass die 
verschiedenen Nachkommen eines und desselben Elternpaares in 
der That niemals einander ganz gleich, auch niemals absolut 



J40 Vererbung unrl Fortpflanzung. YII. 

gleich den Eltern, sondern immer ein wenig verschieden sind. 
Wir können den Grundsatz der Erblichkeit nicht dahin formu- 
lircn: „Gleiches erzeugt Gleiches", sondern wir müssen ihn viel- 
mehr bedingter dahin aussprechen: „Aehnliches erzeugt Aehn- 
Hches". Der Gärtnei- wie der Landwirth benutzt in dieser Bezie- 
hung die Thatsache der Vererbung im weitesten Umfang, und 
zwar mit besonderer Rücksicht darauf, dass nicht allein diejeni- 
gen Eigenschaften von den Organismen vererbt werden, die sie 
bereits von den Eltern ererbt haben, sondern auch diejenigen, 
die sie selbst erworben haben. Das ist ein höchst wichtiger Punkt, 
auf den sehr \ie\ ankommt. Der Organismus vermag nicht allein 
auf seine Nachkommen diejenigen Eigenschaften, diejenige Gestalt, 
Farbe, Grösse zu übertragen, die er selbst von seinen Eltern er- 
erbt hat; er vermag auch Abänderungen dieser Eigenschaften zu 
vererben, die er erst während seines Lebens durch den Einfluss 
äusserer Umstände, des Klimas, der Nahrung, der Erziehung u. s. w. 
erworben hat. 

Das sind die beiden Grund -Eigenschaften der Thiere und 
Pflanzen, welche die Züchter benutzen, um heue Formen zu er- 
zeugen. iSo ausserordentlich einfach das theoretische Princip der 
Züchtung ist, so schwierig und ungeheuer verwickelt ist im Ein- 
zelnen die practische Verwerthung dieses einfacheii Princips. Der 
denkende, planmässig arbeitende Züchter muss die Kunst ver- 
stehen, die allgemeine Wechselwirkung zwischen den beiden 
Grund-Eigenschaften der Erblichkeit und Veränderlichkeit richtig 
in jedem einzelnen Falle zu verwerthen. 

Wenn wir nun die eigentliche Natur jener beiden wichtigen 
Lebens-Eigenschaften untersuchen, so finden wir, dass wir sie, gleich 
allen physiologischen Functionen, auf physikalische und chemische 
Ursachen zurückführen können; auf Eigenschaften und Bewegungs- 
Erscheimingen der materiellen Theilchen, aus denen der Körper 
der Thiere und Pflanzen besteht. Wie wir später bei einer ge- 
naueren Betrachtung dieser beiden Functionen zu begründen haben 
werden, ist ganz allgemein ausgedrückt die Vererbung wesent- 
lich bedingt durch die materielle Continuität, durch die theilweise 
stoffliche Gleichheit des erzeugenden und des gezeugten Organis- 



vir. Meclianiselie Natur der Erhliclikoif und VeründerlR'hkeit. '(41 

mus, der Eltern und des Kindes. Bei jedem Zeugungs-Acte wird 
eine gewisse Menge von I'rotoplasma oder eiweissartiger Materie, 
das Keimplasma, von den Eltern auf das Kind übertragen; und 
mit diesem Protoplasma wird zAigleioli die demselben individuell 
eio;entliiini liehe ^lolekular - Beweguno- übertragen. Diese 
molekularen Bewegungs- Erscheinungen des Protoplasma, welche 
die Lebens-Erscheinungen hervorrufen und als die wahre Ursache 
derselben wirken, sind aber bei allen lebenden Individuen mehr 
oder weniger verschieden; sie sind unendlich mannichfaltig. 

Anderseits ist die Anpassung oder Abänderung lediglich 
die Folge der materiellen Einwirkungen, w^elche die Materie des 
Organismus durch die denselben umgebende Materie erfährt, in 
der weitesten Bedeutung des Wortes durch die Lebens-Bedingungen. 
Die äusseren Einwirkungen der letzteren werden vermittelt durch 
die molekularen Ernährungs- Vorgänge in den einzelnen Körper- 
theilen. Bei jedem Anpassungs-Acte wird im ganzen Individuum 
oder in einem Theile desselben die individuelle, jedem Theile eigen- 
thümliche Molekular-Bewegung des Protoplasma durch mechanische, 
durch physikalische oder chemische Einwirkungen anderer Körper 
gestört oder verändert. Es werden also die angeborenen, ererbten 
Lebens-Bewegungen des Plasma, die molekularen Bewegungs- 
Erscheinungen der kleinsten eiweissartigen Körpertheilchen da- 
durch mehr oder weniger modificirt. Die Erscheinung der An- 
passung oder Abänderung beruht mithin auf der materiellen Ein- 
wirkung, welche der Organismus durch seine Umgebung oder 
seine Existenz-Bedingungen erleidet, während die Vererbung in 
der theilweisen Identität des zeugenden und des erzeugten Or- 
ganismus begründet ist. Das sind die eigentlichen, einfachen, 
mechanischen Grundlagen des künstlichen Züchtungs-Processes. 

Darwin frug sich nun: Kommt ein ähnlicher Züchtungs- 
Process in der Natur vor, und giebt es in der Natur Kräfte, 
welche die Thätigkeit des Menschen bei der künstlichen Züchtung 
ersetzen können? Giebt es ein natürliches Verhältniss unter den 
wilden Thieren und Pflanzen, Avelches züchtend wirken kann, 
welches auslesend wirkt in ähnlicher Weise, wie bei der künst- 
lichen Zuchtwahl oder Züchtung der planmässige W^ille des 



J42 Darwin's Theorie vom Kampfe um's Dasein. VII. 

Menschen eine Auswahl übt? Auf die Entdeckung eines solchen 
Verhältnisses kam hier alles an und sie gelang Darwin in so 
befriedigender Wei.se, dass wir eben deshalb seine Züehtungs- 
Lehre oder Selections-Theorie als vollkommen ausreichend be- 
trachten, um die Entstehung der wilden Thier- und Pflanzen- 
Arten mechanisch zu erklären. Dasjenige Verhältniss, welches 
im freien Natur-Zustande züchtend und umbildend auf die Formen 
der Thiere und Pflanzen einwirkt, bezeichnet Darwin mit dem 
Au.sdruck: „Kampf um's Dasein" (Struggle for life). 

Der „Kampf um's Dasein" i.st rasch ein Stichwort des Tages 
geworden. Trotzdem ist diese Bezeichnung vielleicht in mancher 
Beziehung nicht ganz glücklich gewäldt. und würde wohl schärfer 
gefasst werden können als „Mitbewerbung um die noth- 
w endigen Existenz-Bedürfnisse". Man hat nämlich unter 
dem „Kampfe um das Dasein" manche Verhältnisse begriff'en, die 
eigentlich im strengen Sinne nicht hierher gehören. Zu der Idee 
des „Struggle for life" gelangte Darwin, wie aus dem im letzten 
Vortrage mitgetheilten Briefe ersichtlich ist, durch das Studium 
des Buches von Malthus „über die Bedingungen und die Folgen 
der Volks- Vermehrung". In diesem wichtigen Werke wurde der 
Beweis geführt, dass die Zahl der Menschen im Ganzen durch- 
schnittlich in geometrischer Progression wächst, während die 
Menge ihrer Nahrungs-Mittel nur in arithmetischer Progression 
zunimmt. Aus diesem Missverhältnisse entspringen eine Masse von 
Uebelständen in der menschlichen Gesellschaft, welche einen bestän- 
digen Wettkampf der Menschen um die Erlangung der nothwendigen, 
aber nicht für Alle ausreichenden Unterhalts -Mittel veranlassen. 

Darwin's Theorie vom Kampfe um das Dasein ist gewisser- 
maassen eine allgemeine Anwendung der Bevölkerungs- Theorie 
von Malthus auf die Gesammtheit der organischen Natur. Sie 
geht von der Erwägung aus, dass die Zahl der möglichen or- 
ganischen Individuen, welche aus den erzeugten Keimen hervor- 
gehen könnten, viel grösser ist, als die Zahl der wirklichen In- 
dividuen, welche thatsächlich gleichzeitig auf der Erd-Oberfläche 
leben. Die Zahl der möglichen oder potentiellen Individuen 
wird uns gegeben durch die Zahl der Eier und der ungeschlecht- 



yjl_ Darwiirsj Theorie vom Kampfe um's Dasein. 143 

liehen Keime, welche die Organismen erzeugen. Die Zahl die.ser 
Keime , aus deren jedem unter günstigen N'erhältnissen ein 
Individuum entstehen könnte, ist unendlich grösser, als die Zahl 
der wirklichen oder actuellen Individuen, d.h. derjenigen, 
welche wirklich aus diesen Keimen entstehen, zur vollen Reife 
gelangen und sich fortpflanzen. Die bei weitem grösste Zahl 
aller Keime geht in der frühesten Lebenszeit zu Grunde, und es 
sind immer nur einzelne bevorzugte Organismen, welche sich 
ausbilden können, welche namentlich die erste Jugendzeit glück- 
lich überstehen und schliesslich zur Fortpflanzung gelangen. 
Diese wichtige Thatsache wird einfach bewiesen durch die Yer- 
gleichung der Eierzahl bei den einzelnen Arten mit der Zahl 
der Individuen, die von diesen Arten existiren. Diese Zahlen- 
Verhältnisse zeigen die auffallendsten Widersprüche. Es giebt 
z. B. Hühner- Arten, welche sehr zahlreiche Eier legen, und die 
dennoch zu den seltensten Vögeln gehören; aber derjenige Vogel, der 
der gemeinste von allen sein soll, der Eissturm-Vogel (Procellaria 
glaciali.s), legt nur ein einziges Ei. Ebenso ist das Verhältniss 
bei anderen Thieren. Es giebt viele, sehr seltene, wirbellose 
Thiere, welche eine ungeheure Masse von Eiern legen; und wieder 
andere, die nur sehr wenige Eier produciren und doch zu den 
gemeinsten Thieren gehören. Denken Sie z. B. an das Verhält- 
niss, welches sich bei den menschlichen Bandwürmern findet. 
Jeder Bandwurm erzeugt binnen kurzer Zeit Millionen von Eiern, 
während der ]Mensch, der den Bandwurm beherbergt, eine viel 
geringere Zahl Eier in sich bildet; und dennoch ist glücklicher 
Weise die Zahl der Bandwürmer viel geringer, als die der Men- 
schen. Unter den Pflanzen sind viele prachtvolle Orchideen, die 
Tausende von Samen erzeugen, sehr selten, und einige asterähn- 
liche Compositen, die nur wenige Samen bilden, äusserst gemein. 
Diese wichtige Thatsache Hesse sich noch durch eine un- 
geheure Masse anderer Beispiele erläutern. Offenbar bedingt nicht 
die Zahl der wirklich vorhandenen Keime die Zahl der später 
in's Leben tretenden und sich am Leben erhaltenden Individuen. 
Die Zahl dieser letzteren wird vielmehr durch ganz andere Ver- 
hältnisse bedingt, zumal durch die Wechsel -Beziehungen, in 



144 Ursachen des Kampfes uin's Dasein. \ll. 

denen sich jeder Organismus zu seiner organischen, wie anorgischen 
Umgebung befindet. Jeder Organismus kiimpft von Anbeginn 
seiner Existenz an mit einer Anzalil von feindlichen Einflüssen, 
er kämpft mit Thieren, welche von diesem Organismus leben, 
denen er als natürliche Nahrung dient, mit Rau1)thieren und mit 
Schmarotzer-Thieren ; er kämpft mit anorgischen Einflüssen der 
verschiedensten Art, mit Temperatur, Witterung und anderen 
Umständen; er kämpft aber (und das ist viel wichtiger!) vor 
allem mit den ihm ähnlichsten, gleichartigen Organismen. Jedes 
Individuum einer jeden Thier- und Pflanzen-Art ist im heftigsten 
Wettstreit mit den anderen Individuen derselben Art begriffen, 
die mit ihm an demselben Orte leben. Die Mittel zum Lebens- 
Unterhalt sind in der Oeconomie der Natur nirgends in Fülle 
ausgestreut, vielmehr im Ganzen sehr beschränkt, und nicht ent- 
fernt für die Masse von Individuen ausreichend, die sich aus den 
Keimen entwickeln könnte. Daher müssen bei den meisten 
Thier- und Pflanzen-Arten die jugendlichen Individuen es sich 
recht sauer werden lassen, um die nöthigen Mittel zum Lebens- 
Unterhalte zu erlangen. Nothwendiger AVeise entwickelt sich 
daraus ein Wettkampf zwischen denselben um die Erlangung 
dieser unentbehrlichen Existenz-Bedingungen. 

Dieser grosse Wettkampf um die Lebens-Bedürfnisse findet 
überall und jederzeit statt, ebenso bei den Menschen und Thieren, 
wie bei den Pflanzen, obgleich bei diesen auf den ersten Blick 
das AVechsel-Verhältniss nicht so klar am Tage zu liegen scheint. 
Wenn ein kleines Ackerfeld übermässig reichlich mit" Weizen besäet 
ist, so kann von den zahlreichen jungen Weizen-Pflanzen (vielleicht 
von einigen Tausenden), die auf einem ganz beschränkten Räume 
emporkeimen, nur ein ganz kleiner Bruchtheil sich am Leben 
erhalten. Da findet ein Wettkampf um den Bodenraum statt, 
den jede Pflanze zur Befestigung ihrer Wurzel braucht; ein Wett- 
kampf um Sonnenlicht und Feuchtigkeit. Ebenso finden Sie bei 
jeder Thier-Art, dass alle Individuen einer und derselben Art 
mit einander um die Erlangung der unentbehrlichen Lebens-Be- 
dingungen im weiteren Sinne des Worts kämpfen. Allen sind 
sie gleich unentbehrlich: aber nur wenigen werden sie wirklich 



YJI. Allgcmeinlieit des Kampfes um's Dasein. 145 

zu Thoil. Alle sind l)orufen; alier wenige sind auserwäldt! Die 
Thatsaclie des grossen Wettkampfcs ist ganz allgemein. Sie 
brauchen bloss Ihren Blick auf die menschliche Gesellschaft zu 
lenken, in der ja überall, in allen verschiedenen Fächern der 
menschlichen Thätigkeit, dieser Wettkampf ebenfalls existirt. 
Auch hier werden die Verhältnisse des Wettkampfes wesentlich 
durch die freie Concurrenz der verschiedenen Arbeiter einer und 
derselben Classe bestimmt. Auch hier, wie überall, schlägt dieser 
Wettkanipf zum Vortheil der Sache aus, zum Vortheil der Arbeit, 
welche der Gegenstand der Concurrenz ist. Je grösser und all- 
gemeiner der Wettkampf oder die Concurrenz, desto schneller 
häufen sich die Verbesserungen und Erfindungen auf diesem 
Arbeits- Gebiete, desto mehr vervollkommnen sich die Arbeiter. 

Nun ist offenbar die Stellung der verschiedenen Individuen 
in diesem Kampfe um das Dasein ganz ungleich. Ausgehend 
wieder von der thatsächlichen Ungleichheit der Individuen, müssen 
wir überall nothwendig annehmen, dass nicht alle Individuen 
einer und derselben Art gleich günstige Aussichten haben. Schon 
von vornherein sind dieselben durch ihre verschiedenen Kräfte 
und Fähigkeiten verschieden im Wettkampfe gestellt, abgesehen 
davon, dass die Existenz-Bedingungen an jedem Punkt der Erd- 
oberfläche verschieden sind und verschieden einwirken. Offenbar 
waltet hier ein unendlich verwickeltes Getriebe von Einwirkungen, 
idie im Vereine mit tler ursprünglichen Ungleichheit der Indivi- 
duen während des liestehenden Wettkampfes um die Erlangung 
der Existenz-Bedingungen einzelne Individuen bevorzugen, andere 
benachtheiligen. Die bevorzugten Individuen werden über die 
anderen den Sieg erlangen, und während die letzteren in mehr 
oder weniger früher Zeit zu Grunde gehen, ohne Nachkommen zu 
hinterlassen, werden die ersteren allein jene überleben können 
und schliesslich zur Fortpflanzung gelangen. Indem also voraus- 
sichtlich oder doch vorwiegend die im Kampfe um das Dasein 
begünstigten Einzel- Wesen zur Fortpflanzung gelangen, werden 
wir (schon allein in Folge dieses Verhältnisses) in der nächsten 
Generation, die von dieser erzeugt wird, Unterschiede von der vorher- 
gehenden wahrnehmen. Es werden schon die Individuen dieser 

naeekel, Natiirl. Schöpfmigs-Gesch. 8. Aufl. IQ 



J46 Züchtende NVirkung des Kampfes um's Dasein. VH. 

zweiten Generation, wenn aucli nicht alle, doch zum Theil, durch 
Vererbung den individuellen Vortheil überlvommen haben, durch 
welchen ihre Eltern über deren Nebenbuhler den Sieg davon trugen. 

Nun wird al)er — und das ist ein sehr wichtiges Vererbungs- 
Gesetz — wenn eine Reihe von Generationen hindurch eine 
solche Uebertragung eine.s günstigen Charakters stattfindet, der- 
selbe nicht einfach in der ursprünglichen Weise übertragen, sondern 
er wird fortwährend gehäuft und gestärkt; schliesslich gelangt er 
in einer späteren Generation zu einer Stiirke, welche diese 
Generation schon sehr wesentlich von der ursprünglichen Stamm- 
Form unterscheidet. Lassen Sie uns zum Beispiel eine Anzahl von 
Pdanzen einer und derselben Art betrachten, die an einem sehr 
trocknen Standort zusammenwachsen; sie haben direct mit dem 
Mangel an Wasser zu kümpleii und dann noch einen Wettkampf 
unter einander um die Erlangung des Wassers zu bestehen. Da 
die Haare der Blätter für die Aufnahme von Feuchtigkeit aus 
der Luft sehr nützlich sind, und da die Behaarung der Blätter 
sehr veränderlich ist, so werden an diesem ungünstigen Standorte 
die Individuen mit den dichtest behaarten Blättern l)evorzugt 
sein. Diese werden allein aushalten, während die anderen, mit 
kahleren Blättern, zu Grunde gehen; die behaarteren worden sich 
fortpflanzen, und die Abkömmlinge derselben werden sich durch- 
schnittlich durch (lichte und starke Behaarung mehr auszeichnen, 
als es I)ei den Individuen der ersten Generation der Fall war. 
Geht dieser Process, verbunden mit anderen Wachsthums- Verände- 
rungen, an einem und demselben Orte mehrere Generationen fort, 
so entsteht schliesslich eine solche Häufung der neu erworbenen 
Eigenschaften, dass die Pflanze uns als eine ganz neue Art erscheint. 

Dabei ist zu berücksichtigen, dass in Folge der Wechsel- 
Beziehungen aller Theile jedes Organismus zu einander in der 
Regel nicht ein einzelner Theil sich verändern kann, ohne zu- 
gleich Aenderungen in anderen Theilen nach sich zu ziehen. Wenn 
also im letzten Beispiel die Zahl der Haare auf den Blättern 
bedeutend zunimmt, so wird dadurch anderen Theilen eine ge- 
wisse Menge von Nahrungs-Material entzogen; das Material, wel- 
ches zur Blüthen-Bildung oder Samen-Bildung verwendet werden 



YII. Uml)i!(lciule ^YiI■l<ung des Kampfes um's Dasein. 147 

könnte, wird verringert, und es wird d;inn die geringere Grösse 
der Bliitlie oder des Samens die mittelbare oder indirecte Folge 
des Kampfes um\s Dasein werden, welcher zunächst nur eine 
Veränderung der lllätter bewirkte. Der Kampf um das Dasein 
wirkt also in diesem Falle züchtend und umbildend. Das Kingen 
der verschiedenen Individuen um die Erlangung der nothwendigen 
Existenz-Bedingungen, oder im weitesten Sinne gefasst, die Wechsel- 
Beziehungen der Organismen zu ihrer gesammten Umgebung, be- 
wirken Form- Veränderungen wie sie im Cultur-Zustande dnrch 
die Thä'tigkeit des züchtenden Menschen hervorgebracht werden. 

Auf den ersten Blick wird Ihnen dieser Gedanke vielleicht 
sehr unbedeutend und kleinlich erscheinen, und Sie werden nicht 
geneigt sein, der Thätigkeit jenes Verhältnisses ein solches Ge- 
wicht einzuräumen, wie dieselbe in der That besitzt. Ich muss 
mir daher vorbehalten, in einem späteren Vortrage an weiteren 
Beispielen das ungeheuer weit reichende Umgestaltungs-Vermögen 
der natürlichen Züchtung Ihnen vor Augen zu führen. Vorläufig 
lieschränke ich mich darauf, nochmals die beiden Vorgänge der 
künstlichen und natürlichen Züchtung neben einander zu stellen 
und Uebereinstimmung und Unterschied in beiden Züchtungs- 
Processen scharf gegen einander zu halten. 

Natürliche sowohl als künstliche Züchtung sind ganz einfache, 
natürliche, mechanische Lebens- Verhältnisse, welche auf der 
AVechsel- Wirkung zweier allgemeiner Lebens-Thätigkeiten oder 
physiologischer Functionen beruhen, nämlich der Anpassung 
und der Vererbung; diese beiden Functionen sind als solche 
wieder auf physikalische und chemische Eigenschaften der orga- 
nischen Materie zurückzuführen. Ein Unterschied beider Züch- 
tungs-Formen bestellt darin, dass bei der künstlichen Züchtung 
der AVille des Menschen planmässig die Auswahl oder Auslese 
betreibt, während l)ei der natürlichen Züchtung der Kampf um 
das Dasein (jenes allgemeine Wechsel- Verhältniss der Organismen) 
planlos wirkt, aber übrigens ganz dasselbe Resultat erzeugt, 
nämlich eine Auswahl oder Selection besonders gearteter Indivi- 
duen zur Nachzucht. Die Veränderungen, welche durch die 
Züchtung hervorgebracht werden, schlagen bei der künstlichen 

10* 



148 Vergleich der niitiirlichen und kiiastlichen Z{ichtung'. VII. 

Züclitung zum Yortlieil des züchtenden Menschen aus, bei 
der natürlichen Züchtung dagegen zum Yortheil des gezüchteten 
Organismus selbst, wie es in der Natur der Sache liegt. 

Das sind die wesentlichsten Unterschiede und üeberein- 
stimraungen zwischen beiderlei Züchtungs-Arten. Dann ist aber 
noch zu berücksichtigen, dass ein weiterer Unterschied in der 
Zeitdauer besteht, welche für den Züchtuugs-Process in beiderlei 
Arten erforderlich ist. Der Mensch vermag bei der künstlichen 
Zucht-Wahl in viel kürzerer Zeit sehr bedeutende Veränderungen 
hervorzubringen, während bei der natürlichen Zucht-Wahl Aehn- 
liches erst in viel längerer Zeit zu Stande gebracht wird. Das 
beruht darauf, dass der Mensch die Auslese viel sorgfältiger be- 
treiben kann. Der Mensch kann unter einer grossen Anzahl von 
Individuen mit der grössten Sorgfalt einzelne herauslesen, die 
übrigen ganz fallen lassen, und bloss die bevorzugten zur Fort- 
pflanzung verwenden, während das bei der natürlichen Zuclit- 
^Vahl nicht der Fall ist. Da werden sich eine Zeit laug neben 
den bevorzugten, zuerst zur Fortpflanzung gelangenden Individuen 
auch noch einzelne oder vit'le von den übrigen, weniger aus- 
gezeichneten Individuen fortpflanzen. Ferner ist der Mensch im 
Stande, die Kreuzung zwischen der ursprünglichen und der neuen 
Form zu verhüten, die bei der natürlichen Züchtung oft nicht zu 
vermeiden ist. AVenn aber eine solche Kreu/Aing, d. h. eine ge- 
schlechtliche Verbindung der neuen Abart mit der ursprünglichen 
Stamm-Form stattfindet, so schlägt die dadurch erzeugte Nach- 
kommenschaft leicht in die letztere zurück. Hei der natürlichen 
Züchtung kann eine solche Kreuzung nur dann sicher vermieden 
werden, wenn die neue Abart sich durch A\'anderung von der 
alten Stamm-Form al)sondert und isolirt. 

Die natürliche Züclitung wirkt daher sehr viel langsamer; 
sie erfordert viel längere Zeiträume, als der künstliche Züchtungs- 
Process. Aber eine wesentliche Folge dieses Unterschiedes ist, 
dass dann auch das Product der künstlichen Zucht-Wahl viel 
leichter wieder verschwindet und die neu erzeugte Form in die 
ältere zurückschlägt, während das bei der natürlichen Züchtung 
nicht der Fall ist. Die neuen Arten oder Species, welche aus 



VII. Vergleich der iiatiirlieheu und kiiiistlioheii Züchtung. ]49 

(lor iiatürliclieu Zücliluiiu' (Mitstoheii, orlialtcMi sich viel cüiistatltcr, 
schlagen viel wolliger leicht in die Stanim-Forni /.uriick. als es hei 
don künstlichen Ziichtungs-Producten der Fall ist, und sie erhalten 
si(di auch demgemäss eine viel längere Zeit hindurch beständig, 
als die künstlichen Kassen, die der Mensch erzeugt. Aber das 
sind nur untergeordnete Unterschiede, die sich durch die ver- 
schiedenen Bedingungen der natürlichen und der künstlichen 
vVuslese erklären, und die auch wesentlich nur die Zeitdauer l)e- 
tred'en. üas 'W'esen und die Mittel der Furm- Veränderung sind 
bei der künstlichen und natürlichen Züchtung ganz dieselben. 

Die gedankenlosen und unwissenden Gegner J)arwin\s 
werden nicht müde zu behaupten, dass seine Selections-Theorie 
eine bodenlose Vermuthung oder wenigstens eine Hypothese sei, 
welche erst bewiesen werden müsse. Dass diese Behauptung 
vollkommen unbegründet ist, können Sie schon aus den so eben 
erörterten Grundzügen der Züchtungs- Lehre selbst entnehmen. 
Darwin nimint als wirkende Ursachen für die Umbildung der 
organischen Gestalten keinerlei unbekannte Naturkräfte oder hypo- 
thetische Verhältnisse an, sondern einzig und allein die allgemein 
bekannten Lebens-Thätigkeiten aller Organismen, welche wir als 
Vererbung und Anpassung bezeichnen. Jeder physiologisch 
gebildete Naturforscher weiss, dass diese beiden Functionen 
unmittelbar mit den Thätigkeiten der Fortpflanzung und Ernäh- 
rung zusammenhängen, und "gleich allen anderen Lebens-Erschei- 
nungen mechanische Natur-Processe sind, d. h. auf molekularen 
Bewegungs-Erscheinungen der organischen Materie beruhen. Dass 
die Wechsel-Wirkung dieser beiden Functionen an einer bestän- 
digen langsamen Umbildung der organischen Formen arbeitet, 
imd dass diese zur Entstehung neuer Arten führt, wird mit Noth- 
wendigkeit durch den Kampf um 's Dasein bedingt. Dieser ist 
aber eben so wenig ein hypothetisches oder des Beweises be- 
dürftiges Verhältniss, als jene Wechsel-AVirkung der Vererbung 
und Anpassung. Vielmehr ist der Kampf um's Dasein eine 
mathematische Nothwendigkeit, welche aus dem Missverhältniss 
zwischen der beschränkten Zahl der Stellen im Natur-Haushalt 
und der übermässigen Zahl der organischen Keime entspringt. 



150 Mathematische Xothweiuligkeit der natürlichen Züchtung. VII. 

Durch die activeii und passiven Wanderungen der Tliiere und 
Pflanzen, welche überall und zu jeder Zeit stattlindeu, wird 
ausserdem noch die Entstehung neuer Arten in hohem Maasse 
begünstigt und gefördert. Die Entstehung neuer Species durch 
die natürliche Züchtung, oder was dasselbe ist, durch die 
AVechsel- Wirkung der Vererbung und Anpassung im Kampfe 
um's Dasein, ist mithin eine mathematische Natur-Noth- 
wendigkeit, welche keines weiteren Beweises bedarf. Wer 
auch bei dem gegenwärtigen Zustande unseres Wissens immer 
noch nach Beweisen für die Selections-Theorie verlangt, der 
beweist dadurch nur, dass er entweder dieselbe nicht vollständig 
versteht, oder mit den biologischen Thatsachen, mit dem empiri- 
schen Wissensschatz der Anthropologie, Zoologie und Botanik nicht 
hinreichend vertraut ist. 

^Vie fast jede grosse und bahnbrechende Idee, so hat auch 
Darwin's Selections-Theorie schon in früherer Zeit ihre Vor- 
läufer gehabt; und zwar ist es wieder unser grosser Königsberger 
Philosoph Immanuel Kant, bei dem wir schon ein Jahrhundert 
vor Darwin die ersten Keime jener Theorie vorfinden. Wie 
Fritz Schnitze in seiner früher (S. 90) hervorgehobenen Schrift 
über „Kant und Darwin" (1875) zuerst gezeigt hat, erhebt sich 
Kant schon lun das Jahr 1757 (also mehr als hundert Jahre 
vor dem Erscheinen von Darwin's Hauptwerk) in seiner „phy- 
sischen Geographie" zu verschiedenen Aussprüchen, „in denen 
sowohl der Gedanke einer Entwickelungs-Geschichte der organi- 
schen Arten, als auch der llimveis auf die Wichtigkeit der 
Zucht-Wahl, der Anpassung und der Vererbung deutlich 
niedergelegt sind"; so z. B. in folgendem Satze: „Es ist aus der 
Verschiedenheit der Kost, der Luft und der Erziehung zu erklä- 
ren, warum einige Hühner ganz weiss werden; und wenn man 
unter den vielen Küchlein, die von denselben Eltern geboren 
werden, nur die aussucht, die weiss sind, und sie zusammen- 
thut, bekommt man endlich eine weisse Rasse, die nicht leicht 
anders ausschlägt." Ferner sagt er in der Abhandlung „von den 
verschiedeneu Rassen der ]\Ienschen" (1775): „Auf der Möglich- 
keit, durch sorgfältige Aussonderung der ausartenden Ge- 



VII. Keime der SelectiunsTlieorie hei Kant. 151 

burteii von den einsclilajiondcn endlich einen danerhaften Fa- 
mil ien-ScIilag- zu erricliten, bei'uht die Meinun.u', einen von 
Natur edlen tSchlag' Mensclien zu zielien, worin Verstand, Tüch- 
tiickeit und Keclitseliall'eidieil er li lieh wären." Und wie wichtig' 
dHl)ei l'ür Kant das Princip des „Kampfes iinvs Dasein" war, 
geht u. xV. aus folgender Stelle der „pragmatischen Anthropologie" 
hervor: „Die Natur hat den Keim der Zwietracht in die j\Ien- 
schen-tiattung gelegt, und diese ist das jMittel, die Pcrfectioni- 
rung des Menschen durch fortschreitende Cultur zu bewirken. 
Der innere oder äussere Krieg ist die Triebfeder, aus dem 
rohen Natur-Zustande in den bürgerliclien überzugehen, als ein 
Maschinen-AVesen, wo die einander entgegeustrebenden Kräfte 
zwar durch Reibung einander Abl)ruch thun, aber doch durch den 
Stoss oder Zug anderer Triebfedern im Gange erhalten werden."") 
Nächst diesen ältesten Spuren der Selections- Theorie bei 
Kant finden wir die ersten Andeutungen derselben in einer 1818 
erschienenen (bereits 1813 vor der Royal Society gelesenen) Ab- 
handlung von Dr. W. C. Wells, betitelt: „Nachricht über eine 
Frau der weissen Rasse, deren Haut zum Theil der eines Negers 
gleicht." Der Verfasser derselben führt an, dass Neger und 
Mulatten sich durch Immunität gegen gewisse Tropen-Krankheiten 
vor der weissen Rasse auszeichnen. Bei dieser Gelegenheit be- 
merkt er, dass alle Thiere bis zu einem gewissen (irade abzu- 
ändern streben, dass die Landwirthe durch Benutzung dieser 
Eigenschaft und durch Zucht-^Vahl ihre Haus-Thiere veredeln, 
und fährt dann fort: „Was aber im letzten Falle durch Kunst 
gesclüeht, scheint mit gleicher Wirksamkeit, w enn auch langsamer, 
bei der Bildung der Menschen-Rassen, die für die von ihnen be- 
wohnten Gegenden eingerichtet sind, durch die Natur zu ge- 
schehen. Unter den zufälligen Varietäten von Menschen, die unter 
den M-enigen und zerstreuten Einwohnern der mittleren Gegenden 
von Afrika auftreten, werden einige besser als andere die Krank- 
heiten des Landes überstehen. In Folge davon wird sich diese 
Rasse vermehren, während die anderen abnehmen, und zwar 
nicht bloss weil sie unfähig sind, die Erkrankungen zu über- 
stehen, sondern weil sie nicht im Stande sind, mit ihren kräf- 



152 Andeutung der Selections-Tlieorie von Wells. V'^JI. I 

tigeren Nachliarn zu coiicurriren. Ich nehme als ausgemacht an, 
dass die Farbe dieser kräitigeren Rasse dunkel sein wird. Da 
aber die Neigung Varietäten zu bilden noch bestellt, so wird sich 
eine immer dunklere Rasse im Laufe der Zeit ausbiklen; und da 
die dunkelste am besten für das Klima passt, so wird diese zu- 
letzt in ihrer Heimath, wenn nicht die einzige, doch die herr- 
schende werden." 

Obwohl in diesem Aufsatze von. Wells das Princip der 
natürlichen Züchtung deutlich ausgesprochen und anerkannt ist, 
so wird es doch bloss in sehr beschränkter Ausdehnuug auf 
die Entstehung der Menschen -Rassen augewendet und nicht 
w^eiter für den Ursprung der Thier- und Pflanzen-Arten ver- 
w-ertiiet. Das hohe Verdienst Darwin's, tue Selections-Tlieorie 
selbstständig ausgebildet und zur vollen und verdienten Geltung 
gebracht zu halien, wird durch jene früheren verborgen ge- 
bliebenen Bemerkungen von Kant und von Wells eben so 
wenig geschmälert, als durch einige fragmentarische Bemerkungen 
über natürliche Züchtung von Patrick Matthew, die in einem 
1831 erschienenen Buche über „Schifls-Bauholz und Baum-Cultur" 
versteckt sind. Auch der berühmte Reisende Afred Wallace, 
der unabhängig von Darwin die Selections-Theorie ausgebildet 
und 1858 gleichzeitig mit dessen erster Mittheilung veröffentlicht 
hatte, steht sowohl hinsichtlich der tiefen Auffassung, als der 
ausgedehnten Anwendung derselben, weit hinter seinem grösseren 
und älteren Landsmanne zurück. Darwin hat durch seine höchst 
umfassende und geniale Ausbildung der ganzen Lehre sich ge- 
rechten Anspruch erworben, die Theorie mit seinem Namen ver- 
bunden zu sehen. 

Wenn die natürliche Züchtung, wie wir behaupten, die 
wichtigste unter den bewirkenden L^rsachen ist, welche die wun- 
dervolle Mannichfaltigkeit des organischen Lebens auf der Erde 
hervorgebracht haben, so müssen auch die interes'^anten Erschei- 
nungen des Menschenlebens zum grössten Thoile aus dersel- 
ben Ursache erklärbar sein. Denn der Mensch ist ja nur ein 
höher entwickeltes Wirbelthier, und alle Seiten des Menschen- 
lebens finden ihre Parallelen, oder richtiger ihre niederen Ent- 



VII. Niitüiiiche und künstliche Züchtung im Menschenleben. 153 

wickolungszustäncle, im Thicrrciche vorgebildet. Die Yölkcrge- 
schichte oder die sogenannte „ W elt-(iescliichte" muss dann 
grösstentheils durch „natiirliclic Züchtung" erklärbar sein, 
muss ein physikalisch-chemischer Process sein, der auf der Wech- 
sel-Wirkung der Anpassung und ^'ererbung in dem Kampfe der 
Menschen um's Dasein beruht. Und das ist in der That der 
Fall. Indessen ist nicht nur die natürliche, sondern auch die 
künstliche Züchtung vielfach in der Welt-Geschichte wirksam. 

Ein ausgezeichnetes Beispiel von künstlicher Züchtung 
der Menschen in grossem Maassstabe liefern die alten Spartaner, 
l)ei denen auf Grund eines besonderen Gesetzes schon die neu- 
geborenen Kinder einer sorgfältigen Musterung und Auslese unter- 
Avorfen werden mussten. Alle schwächlichen, kränklichen oder 
mit irgend einem körperlichen Gebrechen behafteten Kinder wur- 
den getödtet. Nur die vollkommen gesunden und kräftigen Kin- 
der durften am Leben bleiben, und sie allein gelangten später 
zur Fortpflanzung. Dadurch wurde die spartanische Rasse nicht 
allein beständig in auserlesener Kraft und Tüchtigkeit erhalten, 
sondern mit jeder Generation wurde ihre körperliche Vollkom- 
menheit gesteigert. Gewiss verdankt das Volk von Sparta dieser 
künstlichen Auslese oder Züchtung zum grossen Theil seinen sel- 
tenen Grad von männlicher Kraft und rauher Heldentugend. 

Auch manche Stämme unter den rothen Indianern Nord- 
Amerika's, die gegenwärtig im Kampfe um's Dasein den über- 
mächtigen Eindringlingen der weissen Rasse trotz der tapfersten 
Gegenwehr erliegen, verdanken ihren besonderen Grad von Kör- 
perstärke und kriegerischer Tapferkeit einer ähnlichen sorgfälti- 
gen Auslese der neugeborenen Kinder. Auch hier werden alle 
schwachen oder mit irgend einem Fehler behafteten Kinder sofort 
getödtet und nur die vollkommen kräftigen Individuen bleiben 
am Leben und pflanzen die Rasse fort. Dass durch diese künst- 
liche Züchtung die Rasse im Laufe zahlreicher Generationen be- 
deutend gekräftigt wird, ist an sich nicht zu bezweifeln und wird 
durch viele bekannte Thatsachen genügend bewiesen. 

Das Gegentheil von der künstlichen Züchtung der wilden Roth- 
häute und der alten Spartaner bildet die individuelle Au.slese, 



154 Sparttinischc Züchtung. Jlcdiciuische ZiichUing. A 11. 

welche in unseren moilernen Cultur-Staaten durch die vervoll- 
kommnete IJeilkunde der Neuzeit ausgeübt wird. Denn oljwohl 
immer noch wenig im Stande, innere Krankheiten wirklich zu 
heilen, besitzt und übt dieselbe doch mein- als Iriiher die Kunst, 
schleichende, chronische Krankheiten auf lange Jahre hinauszu- 
ziehen. Gerade solche verheerende Uebel, wie Schwindsucht. 
Scrophel-Krankhcit, Syphilis, ferner viele Formen derGeistes-Krank- 
heiten, sind in besonderem Maasse erblich und werden von den 
siechen Eltern auf einen Theil ihrer Kinder oder gar auf die 
ganze Nachkommenschaft übertragen. Je länger nun die kranken 
Eltern mit Hülfe der ärztlichen Kunst ihre sieche Existenz hin- 
ausziehen, desto zahlreichere Nachkommenschaft kann von ihnen 
die unheilbaren Uebel erben, desto mehr Individuen werden dann 
auch wieder in der folgenden Generation, Dank jener künstlichen 
„mediciuischeu Züchtung", von ihren Eltern mit dem schlei- 
chenden Erbübel angesteckt. 

Viel gefährlicher und verheerender als diese meilicinischc ist 
die clericale Züchtung, jener höchst folgenschwere Selections- 
Process, der von jeder mächtigen und einheitlich orgauisirten 
Hierarchie ausgeübt wird. In allen Staaten, in w^elchen ein sol- 
cher centralisirter Clerus seinen verderblichen Einiluss auf die 
Erziehung der Jugend, auf das Familienwesen und somit auf die 
wichtigsten Grundlagen des ganzen Volkslebens Jaludmuderte hin- 
durch ausgeübt hat, sind die traurigen Folgen der demoralisiren- 
den „clericalen Selection" deutlich im Verfalle der gesammten 
Bildung und Sitte sichtbar. Man denke nur an Spanien, an das 
„allerchristlichste" Land Europa's! Bei der römisch-katholischen 
Kirche, deren höchste Machtentfaltung im Mittelalter mit dem 
tiefsten Sinken der wissenschaftlichen Forschung und der allge- 
meinen Sittlichkeit zusammenfällt, ist das ganz besonders offen- 
bar. Denn hier sind die Priester durch die raffinirt-unmoralisehe 
Einrichtung des Cölibats gezwungen, sich in das innerste Heilig- 
timm des Familienlebens einzudrängen; und indem sie hier be- 
sondere Fruchtbarkeit entwickeln, vererben sie ihre unsittlichen 
Charakterzüge auf eine unverhältnissmässig zahlreiche Nachkom- 
menschaft, Mächtis^c unterstützt wurde dieser katholische Züch- 



VII. Clerieale Zi'ichtuiii,'. Einfluss der Tfidesstrafe. 155 

tuiigs- Process durcli die Inquisition, welche ;i!le edleren und 
besseren Charaktere sorgfältig' aus dem Wege i'äumte. 

Auf der anderen Seite ist hervorzuheben, dass andere For- 
men doT künstlichen Züchtung im Culturleben der Menschheit 
auch einen sehr günstigen Einfluss ausüben. Wie sehr das 
bei vielen Verhältnissen unserer vorgesclnittenen Givilisation und 
namentlich der verbesserten Schulbildung und Erzieiumg der Fall 
ist, liegt auf der Hand. Direct wohlthätig wirkt als künstlicher 
Selections-Process auch die Todesstrafe. Zwar wird von A'ielen 
gegenwärtig noch die Abschaffung der Todesstrafe als eine „libe- 
rale Maassregel" gepriesen, und im Namen einer falschen „Hu- 
manität" eine Reihe der albernsten Gründe dafür geltend ge- 
macht. Allein in Wahrheit ist die Todesstrafe für die grosse 
JMenge der unverbesserlichen Verbrecher und Taugenichtse nicht 
nur die gerechte Vergeltung, sondern auch eine grosse Wohlthat 
für den besseren Theil der Menschheit; dieselbe Wohlthat, welche 
für das Gedeihen eines Avohl cultivirten (Jartens die Ausrottung 
des wuchernden Unkrauts ist. Wie durch sorgfältiges Ausjäten 
des Unkrauts nur Licht, Luft und Bodenraum für die edlen Nutz- 
Pflanzen gewonnen wird, so würde durch unnachsichtliche Aus- 
rottung aller unverbesserlichen Verbrecher nicht allein dem bes- 
seren Theile der Menschheit der „Kampf um's Dasein" sehr er- 
leichtert, sondern auch ein vortheilhafter künstlicher Züchtungs- 
Process ausgeübt werden; denn es würde dadurch jenem entarteten 
Auswurfe der Menschheit die Möglichkeit benommen, seine ver- 
derblichen Eigenschaften durch Vererbung zu übertragen. 

Gegen den verderblichen Einfluss vieler künstlichen Züch- 
tungs-Processe finden wir glücklicher Weise ein heilsames Gegen- 
gewicht in dem überall waltenden und unüberwindlichen Einflüsse 
der viel stärkeren natürlichen Züchtung. Denn diese ist 
überall auch im Menschenleben, wie im Thier- und Pflanzenleben, 
das wichtigste umgestaltende Princip und der kräftigste Hebel 
des Fortschritts und der Vervollkommnung. Der Kampf um's 
Dasein oder die „Concurrenz" bringt es mit sich, dass im Grossen 
und Ganzen der Bessere, weil der Vollkommnere, über den 
Schwächeren und Unvollkommneren siegt. Im Menschenleben 



l;")ß Fortschritt der Menschheit durch natürliche Züchtung. VH. 

aber wird dieser Kampf iim's Dasein immer mehr zu einem 
Kampfe des (Jeistes werden, nicht zu einem Kampfe der Mord- 
Avaffen. Dasjenige Organ, welches beim Menschen vor allen an- 
deren durch den veredelnden Einfluss der natürlichen Zuchtwahl 
vervollkommnet wird, ist das Gehirn. Der Mensch mit dem 
vollkommensten Verstände bleibt zuletzt Sieger und vererbt auf 
seine Nachkommen die Eigenschaften des Gehirns, die ihm zum 
Sieg verholfen hatten. So dürfen wir denn mit Fug und Recht 
hoffen, dass trotz aller Anstrengungen der rückwärts strebenden 
Gewalten der Fortschritt des Menschen-Geschlechts zur freien Bil- 
dung — und dadurch zur möglichsten A'ervoUkommnung — unter 
dem segensreichen Einflüsse der luitiirlichen Züchtung immer mehr 
und mehr zur Wahrheit werden wird. 



Achter \ ortrag. 

Vererl)ung und Fortpflanzung. 



Allgemeinheit der Erblichkeit und der Vererbung. Auffallende besondere 
Aeusserungen derselben. Menschen mit vier, sechs oder sieben Fingern und 
Zehen. Stachelschwein-Menschen. Vererbung von Krankheiten, namentlich 
von Geistes-Krankheiten. Erbsünde. Erbliche Monarchie. Erbadel. Erb- 
liche Talente und Seelen-Eigenschaften. Materielle Ursachen der Vererbung. 
Zusammenhang der Vererbung mit der Fortpflanzung. Urzeugung und Fort- 
pflanzung. Ungeschlechtliche oder monogone Fortpflanzung. Fortpflanzung 
durch Selbsttheilung. Moneren und Araoeben. Fortpflanzung durch Knos- 
penhildung, durch Keim -Knospenbildung und durch Keim- Zellenbildung. 
Geschlechtliche oder araphigone Fortpflanzung. Zwitterbildung oder Herma- 
phroditismus. Geschlechtstrennuiig oder Gonochorismus. .lungfräuliche Zeu- 
gung oder Parthenogenesis. Materielle Uebertragung der Eigenschaften beider 
Eltern auf das Kind bei der geschlechtlichen Fortpflanzung. 

Meine Herren! Als die formliildende Naturkraft, welclie die 
ver.scliiedenen Gestalten der Thier- und Pflanzen-Arten erzeugt, 
haben Sie in dem letzten Vortrage nach Darvvin's Theorie die 
natürliche Züchtung kennen gelernt. Wir verstanden unter 
diesem Ausdruck die allgemeine Wechsel-Wirkung, welche im 
Kampfe um das Dasein zwischen der Erblichkeit und der Ver- 
änderlichkeit der Organismen stattfindet; zwischen zwei physio- 
logischen Functionen, welche allen Thieren und Pflanzen eigen- 
thümlich sind, und welche sich auf andere Lebens -Thätigkeiten, 
auf die Functionen der Fortpflanzung und Ernährung zurückführen 
lassen. Alle die verschiedenen Formen der Organismen, welche 
man gewöhnlieh geneigt ist als Producte einer zweckmässig thä- 
tigen Schöpferkraft anzusehen, konnten wir nach jener Züchtungs- 
Theorie auffassen als die nothwendigen Producte der zwecklos 



158 Erblichkeit und Vererbung. VIII. 

wirkenden natiirliclien Züchtung, entstanden dureli die unbewus.ste 
Wechsel- Wirkung zwischen jenen beiden Eigenschaften der Verän- 
derlichkeit und der Erblichkeit. Bei der ausserordentlichen AVich- 
tigkeit, welche diesen Lebens-Eigenscliaften der Organismen dem- 
gemäss zukommt, müssen wir zunächst dieselben etw'as näher in 
das Auge fassen, und wir wollen uns heute mit der Vererbung 
beschäftigen. 

Genau genommen müssen wir unterscheiden zwischen der 
Erblichkeit und der Vererbung. Die Erblichkeit ist die Ver- 
erbungskraft, die Fähigkeit der Organismen, ihre Eigenschaften 
auf iin"e Nachkommen durch die Fortpflanzung zu übertragen. 
Die Vere r bung oder Heredität dagegen bezeichnet die wirkliche 
Ausübung (lieser Fähigkeit, die thatsächlich stattfindende Ueber- 
tragung. 

Erblichkeit und Vererbung sind so allgemeine, alltägliche 
Erscheinungen, dass die meisten Menschen dieselben überhaupt 
nicht beachten, und dass die wenigsten geneigt sind, besondere 
Kellexioncn über den Werth und die Bedeutung dieser Leljons- 
Erscheinungen anzusteHcn. Miin lindct es allgemein ganz natür- 
lich und selbstverständlich, dass jedei' Organismus seines Gleichen 
erzeugt, und dass die Kinder den Eltern im Ganzen wie im Ein- 
zelnen ähnlich sind. Gewöhnlich pflegt man die Erblichkeit nur 
in jenen I^illen hervorzuheben und zu besprechen, wo sie eine 
besondere Eigenthümlichkeit betrifft, die an einem menschlichen 
Individuum, ohne ererbt zu sein, zum ersten Male auftrat und 
von diesem auf seine Nachkommen übertragen wurde. In beson- 
ders auffallendem Grade zeigt sich so die Vererbung bei bestimm- 
ten Ki-ankheiten und bei ganz ungewöhnlichen, monströsen Ab- 
weichungen von der gewöhnlichen Köi'perbildung. 

Unter diesen Fällen von Vererbung monströser Abänderungen 
sind besonders lehrreich diejenigen, welche eine abnorme Vermeh- 
rung oder Verminderung der Fünfzaid der menschlichen Finger 
und Zehen betroffen. Nicht selten kommen menschliche Familien 
vor, in denen mehrere (ienerationen hindurch sechs Finger an jeder 
Hand oder sechs Zehen an jedem Fusse beobachtet werden. Sel- 
tener sind Beispiele von Siebenzahl oder von Vierzahl der Finger 



VJII. Menschen mit vier, sechs oder sieben Fing-ern und Zehen. 159 

lind Zehen. Die uugewöluilicho 13il(luiig gclit immer zuerst von 
einem einzigen Individuum aus, wolclies aus unbekannten Ursaciicn 
mit einem Uebersclmss über die gewöhnliclie Fiinfzaid der Finger 
und Zehen geboren wird und diesen durch Vererbung auf einen 
Tlieil seiner Nachkommen überträgt. In einer und derselben Fa- 
milie kann man die Sechszahl der Finger und Zehen nun drei, 
vier und mehr Generationen hindurcli verfolgen. In einer spani- 
schen Familie waren niciit weniger als vierzig Indivifhien durch 
diese Ueberzahl ausgezeichnet. In allen Fällen ist die Vererbung 
der sechsten überzähligen Zehe oder des sechsten Fingers nicht 
bleibend und durchgreifend, weil die sechsfingerigen Menschen sich 
immer wieder mit fünffingerigen vermisclien. "Würde eine sechs- 
fmgerige Familie sich in reiner Inzucht fortpflanzen, w'ürden 
sechsfingerige ^länner immer nur sechsfingerige Frauen heirathen, 
so könnte durch Fixirung dieses Charakters eine besondere sechs- 
fingerige Menschenart entstehen. Da aher die sechsfingerigen 
Männer immer fünffingerige Frauen heirathen, und umgekehrt, 
so zeigt ihre Nachkommenschaft meistens sehr gemischte Zahlen- 
Verhältnisse und schlägt schliesslich nach Verlauf einiger Gene- 
rationen wieder in die normale Fünfzahl zurück. So können 
z. B. von 8 Kindern eines sechsfingerigen Vaters und einer fünf- 
fingerigen Mutter 2 Kinder an allen Händen und Füssen G Finger 
und 6 Zehen haben, 4 Kinder gemischte Zahlen- Verhältnisse und 
2 Kinder überall die gewöhnliche Fünfzahl. In einer spanischen 
Familie hatten sämmtliche Kinder bis auf das jüngste an Hän- 
den und Füssen die Sechszahl; nur das jüngste hatte überall fünf 
Finger und Zehen, und der sechsfingerige Vater des Kindes wollte 
dieses letzte daher nicht als das seinige anerkennen. 

Sehr auffallend zeigt sich ferner die Vererbungskraft in der 
liildung und Färbung der menschlichen Haut und Haare. Es ist 
allbekannt, wie genau in vielen menschlichen Familien eine eigen- 
thümliche Beschaffenheit des Ilautsystems, z. B. eine besonders 
weiche oder spröde Haut, eine auffallende Ueppigkeit des Haar- 
wuchses, eine besondere Fai'lie und Grösse der Augen u. s. \v. 
viele Generationen hindurch forterbt. Ebenso werden besondere 
lücale Auswüchse und Flecke der Haut, sogenannte Muttermale, 



160 Vererbung bei Staclielschwein-Mensohen mit monströser Haut. YIII. 

Leberflecke und andere Pigment- Anliäufungeu, die an bestimmten 
Stellen vorkommen, gar nicht selten mehrere Generationen hin- 
durch so genau vererbt, dass sie bei den Nachkommen an den- 
selben Stellen sich zeigen, an denen sie bei den Eltern vor- 
handen waren. Besonders berühmt geworden sind die Stachel- 
schwein-Menschen aus der Familie Lambert, welche im vorigen 
Jahrlmndert in London lebte. Edward Lambert, der 1717 geboren 
wurde, zeichnete sich durch eine ganz ungewöhnliche und mon- 
ströse Bildung der Haut aus. Der ganze Körper war mit einer 
zolldicken hornartigen Kruste bedeckt, welche sich in Form zahl- 
reicher stachelförmiger und schuppenförmiger Fortsätze (bis über 
einen Zoll lang) erhob. Diese monströse Bildung der Oberhaut 
oder Epidermis vererbte Lambert auf seine Söhne und Enkel, 
aber nicht auf die Enkelinnen. Die Uebertragung blieb also hier 
in der männlichen Linie, wie es auch sonst oft der Fall ist. 
Ebenso vererbt sich übermässige Fett-Entwickelung an gewissen 
Körperstellen oft nur innerhalb der weiblichen Linie. Wie genau 
sich die charakteristische Gesichts-Bildung erblich überträgt, braucht 
wolil kaum erinnert zu werden; bald bleibt dieselbe in der männ- 
lichen, bald innerhalb der weiMiclK'ii Linie; Itald vermischt sie 
sich in beiden Linien. 

Sehr lehrreich und alll)ekannl sind ferner die Vererbungs- 
Erscheinungen pathologischer Zustände, besonders gewisser mensch- 
licher Krankheits - Formen. Bekanntlich werden insbesondere 
Krankheiten der Athmungs-Organe, der Drüsen und des Nerven- 
systems leicht erblich übertragen. Sehr häufig tritt plötzlich in 
einer sonst gesunden Familie eine derselben bisher unbekannte 
Erkrankung auf; sie wird erworben durch äussere L^rsachen, 
durch krankmachende Lebens - Bedingungen. Diese Krankheit, 
welche bei einem einzelnen Individuum durch äussere Ursachen 
hervorgerufen wurde, pflanzt sich von letzterem auf seine Nach- 
kommen fort, und diese haben nun alle oder zum Theil an der- 
selben Krankheit zu leiden. Bei Lungen-Krankheiten ist dieses 
traurige Yerhältniss der Erblichkeit allbekannt, ebenso bei Leber- 
Krankheiten, bei Syphilis, lei Geistes-Krankheiten. Diese letz- 
teren sind von ganz besonderem Interesse. Ebenso wie gewisse 



yjJJ, Materielle Vererbung geistiger Eigenschaften. 161 

Charakterzüge des Menschen, Stolz, Ehrgeiz, Leichtsinn u. s. w. 
streng durch die Vererbung auf die Nachkommenschaft über- 
tragen werden, so gilt das auch von den besonderen, abnormen 
Aeusserungen der Seelenthiitigkeit, welche man als fixe Ideen, 
Schwermuth, Blödsinn und überhaupt als Geistes-Krankheiten be- 
zeichnet. Es zeigt sich hier deutlich und unwiderleglich, dass die 
Seele des Menschen, ebenso wie die Seele der Thiere, eine rein 
mechanische Thätigkeit, eine Summe von molekularen Beweguugs- 
Erscheinungen der Gehirntheilchen ist, und dass sie mit ihrem 
Substrate, ebenso wie jede andere Körper-Eigenschaft, durch die 
Fortpflanzung materiell übertragen, d. h. vererbt wird. 

Diese äusserst wichtige und unleugbare Thatsache erregt, 
wenn man sie ausspricht, gewöhnlich grosses Aergerniss, und doch 
wird sie eigentlich stillschweigend allgemein anerkannt. Denn 
worauf beruhen die Vorstellungen von der „Erb-Sünde", der „Erb- 
Weisheit", dem „Erb-Adel" u. s. w. anders, als auf der Ueberzeu- 
gung, dass die menschliche Geistes- Beschaffenheit durch die 
Fortpflanzung — also durch einen rein materiellen Vorgang! — 
körperlich von den Eltern auf die Nachkommen übertragen 
wird? — Die Anerkennung dieser grossen Bedeutung der Erb- 
lichkeit äussert sich in einer Menge von menschlichen Einrich- 
tungen, wie z. B. in der Kasten- Eintheilung vieler Völker in 
Krieger-Kasten, Priester-Kasten, Arbeiter-Kasten u. s. w. Oftenbar 
beruht ursprünglich die Einrichtung solcher Kasten auf der Vor- 
stellung von der hohen Wichtigkeit erblicher Vorzüge, welche 
gewissen Familien beiwohnten, und von denen man voraussetzte, 
dass sie immer wieder von den Eltern auf die Nachkommen über- 
tragen werden würden. Die Einrichtung des erblichen Adels und 
der erblichen Monarchie ist auf die Vorstellung einer solchen 
Vererbung besonderer Tugenden zurückzuführen. Allerdings sind 
es leider nicht nur die Tugenden, sondern auch die Laster, Avelche 
durch Vererbung übertragen und gehäuft werden; und wenn Sie 
in der Welt-Geschichte die verschiedenen Individuen der einzelnen 
Dynastien vergleichen, so werden Sie zwar überall eine grosse 
Anzahl von Beweisen für die Erblichkeit auffinden können, aber 
oft weniger für die Erblichkeit der Tugenden, als der entgegen- 

Haeckel, Natürl. Schöpfungs-Gesch. 8. Aufl. H 



1G2 Materielle Vererbung geistiger Eigenschaften. VIII. 

gesetzten Eigenschaften. Denken Sie z. B. nur an die römischen 
Kaiser, an die Julier und die Claudier, oder an die Bourbonen in 
Frankreich, Spanien und Italien! 

In der That dürfte kaum irgendwo eine solche Fülle von 
schlagenden Beispielen für die merkwürdige Vererbung der fein- 
sten körperlichen und geistigen Züge gefunden werden, als in der 
Geschichte der regierenden Häuser in den erblichen Monarchien. 
Ganz besonders gilt dies mit Bezug auf die vorher erwähnten, in 
ungewöhnlichem ^laasse erblichen Geistes-Krankheiten. Schon der 
berühmte Irrenarzt Esquirol wies nach, dass die Zahl der Gei- 
stoskranken in den regierenden Häusern zu ihrer Anzahl in der 
gewöhnlichen Bevölkerung sich verhält, wie GO zu 1, d. h. dass 
Geistes-Krankheit in den bevorzugten Familien der regierenden 
Häuser sechzig mal so häufig vorkommt, als in der gewöhnlichen 
Menschheit. Würde eine gleiche genaue Statistik auch für den 
erblichen Adel durchgeführt, so dürfte sich leicht herausstellen, 
dass auch dieser ein ungleich grösseres Conlingent von Geistes- 
kranken stellt, als die nichtadelige Menschheit. Diese Erschei- 
nung wird uns kaum mehr wundern, wenn wir bedenken, welchen 
Nachtheil sich meistens diese privilegirten Kasten durch ihre 
unnatürliclie einseitige Erziehung und durch ihre künstliche Ali- 
sperrung von der übrigen Menschheit selbst zufügen. Manche dunkle 
Schattenseiten der menschlichen Natur werden dadurch besonders 
entwickelt, gleichsam künstlich gezüchtet, und pflanzen sich nun 
nach den Vererbungs-Ge.setzen mit immer verstärkter Kraft und 
Einseitigkeit durch die Reihe der Generationen fort. 

Wie sich in der Generation.s-Folge mancher Dynastien die 
edle Vorliebe für Wissenschaft und Kunst, in anderen das Pflicht- 
gefühl des tugendhaften Herrschers, als des ersten Staatsdieners, 
durch viele Generationen erblich überträgt und erhält, wie da- 
gegen in anderen Dynastien Jahrhunderte hindurch eine beson- 
dere Neigung für sinnlichen Lebensgenuss, oder für das Kriegs- 
handwerk, oder für rohe Gewaltthätigkeiten vererbt wird, ist aus 
der Völker-Geschichte Ihnen hinreichend bekannt. Ebenso vererben 
sich in manchen Familien viele Generationen hindurch ganz be- 
stimmte Anlagen für einzelne Geistes-Thätigkeiten, z. B. Dicht- 



YJJJ_ Materielle Vererbung geistiger Eigenschaften. 163 

kiinst, Tonkunst, bildende Kunst, Matliematik, Naturforscliung, 
Philosopliic u. s. w. In der Familie Bach hat es nicht weiliger 
als zweiundzwanzig hervorragende musikalische Talente gegeben. 
Natürlich beruht die Vererbung solcher Seelen- Eigenthiimlichkei- 
ten, Avie die Vererbung der Geistes-Eigenschaften überhaupt, auf 
dem materiellen Vorgang der Zeugung. Auch hier ist die Le- 
bens-Erscheinung, die Kraft-Aeusserung, unmittelbar (wie überall 
in der Natur) verbunden mit verschiedenen iMischungs-Verhält- 
nissen des Stoflfes. Die Mischung und Molekular-Bewegung des 
Stoffes ist es, welche bei der Zeugung übertragen wird. 

Bevor wir nun die verschiedenen, zum Theil sehr interessan- 
ten und bedeutenden Gesetze der Vererbung näher untersuchen, 
wollen wir über die eigentliche Natur dieses Vorganges uns ver- 
ständigen. Man pflegt vielfach die Erblichkeits-Erscheinungen als 
etwas ganz Räthselhaftes anzusehen, als eigenthümliche Vorgänge, 
welche durch die Natur- Wissenschaft nicht ergründet, in ihren Ur- 
sachen und eigentlichem Wesen nicht erfasst werden könnten. 
Man pflegt gerade hier sehr allgemein übernatürliche Einwirkun- 
gen anzunehmen. Es lässt sich aber schon jetzt, bei dem heu- 
tigen Zustande der Physiologie, mit vollkommener Sicherheit 
nachweisen, dass alle Erblichkeits-Erscheinungen durchaus natür- 
liche Vorgänge sind, dass sie durch mechanische Ursachen be- 
wirkt werden, und dass sie auf materiellen Bewegungs-Erscheinun- 
gen im Körper der Organismen beruhen, welche wir als Theil- 
erscheinungen der Fortpflanzung betrachten können. Alle Erb- 
lichkeits-Erscheinungen und Vererbungs-Gesetze lassen sich auf die 
materiellen Vorgänge der Fortpflanzung zurückführen. 

Jeder einzelne Organismus, jedes lebendige Individuum ver- 
dankt sein Dasein entweder einem Acte der elternlosen Zeu- 
gung oder Urzeugung (Generatio spontanea, Archigonia), oder 
einem Acte der elterlichen Zeugung oder Fortpflanzung (Ge- 
neratio parentalis, Tocogonia). Auf die Urzeugung oder Archi- 
gonie, durch welche bloss Organismen der allereinfachsten Art, 
Moneren, entstehen können, werden wir in einem späteren Vor- 
trage zurückkommen. Jetzt haben wir uns nur mit der Fort- 
pflanzung oder Tocogonie zu beschäftigen, deren nähere Betrach- 

11* 



Iß4 Zusammenhang der Vererbung mit der Fortpflanzung. VII I. 

tung für das Verständniss der Vererbung von der gn'issten Wich- 
tigkeit ist. Die Meisten von Ihnen werden von den FortplUin- 
zungs-Erscheinungen wahrscheinlich nur diejenigen kennen, welche 
Sie allgemein bei den höheren Pflanzen und Thieren beobachten, 
die Vorgänge der geschlechtlichen Fortpflanzung oder der Amphi- 
gonie. Viel weniger allgemein bekannt sind die Vorgänge der 
ungeschlechtlichen Fortpflanzung oder der ^lonogonie. Gerade 
diese sind aber liei weitem mehr als die vorhergehenden geeig- 
net, ein erklärendes Licht auf die Natur der mit der Fortpflan- 
zung zusammenhängenden Vererbung zu werfen. 

Aus diesem Grunde ersuche ich Sie, jetzt zunächst bloss die 
Erscheinungen der ungeschlechtlichen oder monogonen Fort- 
pflanzung (Monogonia) in das Auge zu fassen. Diese tritt in 
maiiniclii'ach verschiedener Form auf. als Sell)sttheilung, Knospen- 
Uildung lind Keimzellen- oder Sporeii-Rildung. Am lehrreichsten 
ist es hiei', zunächst die Fortpflanzuiiii' i)ei den einfachsten Orga- 
nismen zu betrachten, welche wir kennen, und auf welche wir 
später bei der Frage von der Urzeugung zurückkommen müssen. 
Diese alhMHM'nrnclisten uns bis jetzt liekannten, und zugleich die 
denkbar einfachsten Organismen sind die wasserbewohnenden 
Moneren: sehr kleine lebendige Körperchen, welche eigentlich 
streng genommen den XamiMi do^i Organismus gar nicht ver- 
dienen. Denn die Dezeichiiung „Oruanismus" für die lebenden 
A^'esen beruht auf der Vorstelluiifi-. dass jeder lielel)te Naturkör- 
per aus Organen zusammengesetzt ist, aus verschiedenartigen 
Theilen, die als Wei-kzeuge , ähnlich den verschiedenen Theilen 
einer künstlichen Maschim», in einander greifen und zusammen- 
wirken, um die Thätigkeit des Ganzen hervorzuI)ringen. Nun 
haben wir aber in den Moneren seit fünfundzwanzig Jahren 
kleine Organismen kennen gelernt, welche in der That ni('lit aus 
Organen zusammengesetzt sind, sondern ganz und gar aus einer 
structurlosen gleichartigen Materie bestehen, aus homogenem 
Plasma. Der ganze Körper dieser Moneren ist zeitlebens weiter 
Nichts, als ein bewegliches Schleimklümpchen ohne beständige 
Form, ein kleines lebendiges Stück einer eiweissartigen Kohlen- 
stoff-Verbindung. Wir nehmen an, dass diese gleichartige Masse 



Vlir. Organismen ohne Organe. Mimeren. 165 

eine sclir verwickelte leine Molekular-Stnictur besitzt; allein ana- 
tomisch oder mikroskopisch nachweisbar ist dieselbe nicht. Ein- 
fachere, unvollkommnere Organismen sind gar nicht denkbar'^). 

Die ersten vollständigen Beobaclitungen Ober die Natnr- 
deschichtc eines jMoneres (Protogenes primordialis) habe ich 1?564 
bei Nizza augestellt. Andere sehr merkwürdige Moneren habe 
ich später (1866) auf der canarischen Insel Lanzarote und (1867) 
an der Meerenge von (libraltar beoliaclitet. Die vollständige [.e- 
bens-Geschichte eines dieser canai'ischen Moneren, der oraiigerothen 
Protorayxa aurantica, ist auf Tafel I (S. 168) dargestellt und 
in deren Erklärung lieschrieben (im Anhang). Auch in der Nord- 
see, an der norwegischen Küste bei Bergen, habe ich (1869) 
einige eigenthiimliche Moneren aufgefunden. Ein interessantes 
Moner des süssen AVassers hat Cienkowski unter dem Namen 
Vampyrella beschrieben, ein anderes Sorokin unter dem Na- 
men Gluidium, ein drittes Leidy als Biomyxa, ein viertes 
Mereschkowski als Ilaeckelina u. s. w. Neuerdings sind solche 
echte, kernlose 3Ioneren auch von zahlreichen anderen Naturfor- 
.schern (Gruber, Tr in diese, ]Maggi, Bütschli u. s. w.) be- 
obachtet worden. Ich lege deshalb auf diese vielseitige Bestäti- 
gung meiner oft angezweifelten Entdeckung grossen Werth, weil 
der Nachweis kernloser Piastiden für mehrere Grundfragen unserer 
Entwickehmgs-Lehre höchst bedeutungsvoll ist. In der That be- 
steht ihr Körper einzig und allein aus structurlosem Plasma 
oder Protoplasma, d. h. aus derselben eiweissartigen Koh- 
lenstoff-Verbindung, welche in unendlich vielen Modificatio- 
nen als der wesentlichste und nie fehlende Träger der Lebens- 
Erscheinungen in allen Organismen sich findet. Eine ausführ- 
lichere Beschreibung und Abbildung jener Moneren habe ich 1870 
in meiner „Monographie der Moneren" gegeben, aus der auch 
Tafel I copirt ist'^). 

Im Ruhezustande erscheinen die meisten Moneren als kleine 
Schleimkügelchen, für das unbewaffnete Auge nicht sichtbar oder 
eben sichtbar, höchstens von der Grösse eines Stecknadelkopfes. 
Wenn das Moner sich bewegt, bilden sich an der Oberfläche der 
kleinen Schleimkugel formlose fingerartige Fortsätze oder sehr 



lß() Formen und Lebens-Erscheinungen der Moneren. \'III. 

feine strablencle Fäden, sogenannte Scheinfüsse oder Pseudupodien. 
Diese Scheinfüsse sind einfache, unmittelbare FortsetzAingen der 
structurlosen eiweissartigen Masse, aus der der ganze Körper be- 
steht. 'Wir sind nicht im Stande, verschiedenartige Theile in 
demselben wahrzunehmen, und wir können den dirccten Beweis 
für die absolute Einfachheit der festlliissigen Eiweissmassc da- 
durch führen, dass wir die ISahrungs-Aufnahme der Moneren unter 
dem Mikroskope verfolgen. Wenn kleine Körperchen, die zur 
Ernährung derselben tauglich sind, z. B. kleine Theilchen von 
zerstörten organischen Körpern oder mikroskopische Pdänzchen 
und Infusious-Thierchen, zufällig in Berührung mit den Moneren 
kommen, so bleiben sie an der klebrigen Oberfläche des festflüs- 
sigen Schleimklümpchens hängen, erzeugen hier einen Keiz, wel- 
cher stärkeren Zufluss der schleimigen Körpermasse zur Folge 
hat und werden endlich ganz von dieser umschlossen, oder sie 
werden durch Verschiebungen der einzelnen Eiweiss-Theilchen des 
Moneren-Körpers in diesen hineingezogen und dort verdaut, durch 
einfache Difiusion (Endosmose) ausgezogen. 

Ebenso einfach wie die Ernährung ist die Fortpflanzung 
dieser Urwesen, die man eigentlich weder Thiere noch Pflanzen 
nennen kann. Alle Moneren pflanzen .sich nur auf dem unge- 
schlechtlichen Wege fort, durch Monogonie; und zwar im ein- 
fachsten Falle durch diejenige Art der Spaltung, welche wir an 




Fig. 1. Fortpflanzung eines einfachsten Organismus, eines Moneres, durch 
Selbsttheilung. A. Das ganze Moner, eine Protamoeba. B. Dieselbe zerfällt 
durch eine mittlere Einschnürung in zwei Hälften. C. Jede der beiden Hälf- 
ten hat sich von der andern getrennt und stellt nun ein selbstständiges In- 
dividuum dar. 



Vlir. Fortpflanzung der Moneren durch Sellistllieihnig. 167 

die Spitze der verschiedenen Fort plUinzungs-Formen .stellen, durch 
Selbstheilung. Wenn ein solches Kliimpchen, z. B. eine Prota- 
moeha oder ein Protogenes, eine gewisse Grösse durch Aufnahme 
fremder Eiweissniateiio erhalten hat, so zerfallt es in zwei Stücke; 
es bildet sich eine Einschnürung, wch-he riiigförniig herumgeht, 
lind schliesslich zur Trennung der beiden Hälften führt. (Vergl. 
Fig. l.) Jede Hälfte rundet sich alsl)ald ab und erscheint nun 
als ein selbstständiges Individuum, welches das einfache Spiel der 
Lebens-Erscheinungen, Ernährung und Forti»llanzung, von Neuem 
beginnt. Indem die abgetrennte Hälfte allmählich durch Wachs- 
thum wieder ersetzt wird, erhebt diese Regeneration den Theil 
zum Werth des Ganzen. Bei anderen Moneren (Vampyrella und 
Gloidium) zerfällt der Körper bei der Fortpflanzung nicht in zwei, 
sondern in vier gleiche Stücke, und bei noch anderen (Protomonas, 
Protomy.xa, Myxastrum) sogleich in eine grosse Anzahl von klei- 
nen Schleimkügelchen, deren jedes durch einfaches Wachsthum 
dem elterlichen Körper wieder gleich wird (Tafel I). Es zeigt 
sich hier deutlich, dass der Vorgang der Fortpflanzung weiter 
Nichts ist als ein Wachsthum des Organismus über sein 
individuelles Maass hinaus. 

Die einfache Fortpdanzungs-Weise der Moneren durch Selbst- 
theilung ist eigentlich die allgemeinste und weitest verbreitete 
von allen verschiedenen F^ortpflanzungs-Arten; denn durch densel- 
ben einfachen Process der Theilung pflanzen sich auch die Zel- 
len fort, diejenigen einfachen organischen Individuen, welche in 
sehr grosser Zahl den Körper der allermeisten Organismen , den 
menschlichen Körper nicht ausgenommen, zusammensetzen. Ab- 
gesehen von den Organismen niedersten Ranges, welche noch 
nicht einmal den Formwerth einer Zelle haben (Moneren), oder 
zeitlebens eine einfache Zelle darstellen (wie die meisten Pro- 
tisten) ist der Körper jedes organischen Individuums aus einer 
grossen Anzahl von Zellen zusammengesetzt. Jede organische 
Zelle ist bis zu einem gewissen Grade ein selbstständiger Orga- 
nismus, ein sogenannter „Elementar -Organismus" oder ein „In- 
dividuum erster Ordnung". Jeder höhere Organismus ist gewis- 
sermaassen eine Gesellschaft oder ein Staat von solchen vielge- 



108 Ungeschlechtliche Foifpflanzung der organischen Zellen. VJII. 

staltigen, durch Arbeitstheilung mannichfaltig ausgebildeten Ele- 
mentar-Individuen*'). Ursprünglich ist jede organische Zelle auch 
nur ein einfaches Schleimklümpchen, gleich einem Moner, jedoch 
von diesem dadurch verschieden, dass die gleichartige Eiweiss- 
Masse in zwei verschiedene Bestandtheile sich gesondert hat: ein 
inneres, festeres Eiweiss-Körperchen, den Zellkern (Nucleus), und 
einen äusseren, weicheren Eiweiss-Körper, den Zellschleim ^Pro- 
toplasma). Ausserdem bilden viele Zellen .späterhin noch einen 
dritten (jedoch häufig fehlenden) Formbestandtheil, indem sie 
sich einkapseln, eine äussere Hülle oder Zellhaut (Membrana) 
ausschwitzen. Alle übrigen Formbestandtheile, die sonst noch in 
den Zellen vorkommen, sind von untergeordneter Bedeutung und 
interessiren uns hier nicht. 

Ursprünglich ist auch jeder mehrzellige Organismus eine ein- 
fache Zelle; er wird dadurch mehrzellig, dass jene Zelle sich 
durch Theilung fortpflanzt, und dass die so entstehenden neuen 
Zellen-Individuen beisammen bleiben und durch Arbeitstheilung 
eine Gemeinde oder einen Staat bilden. Die Formen und Le- 
benserscheinungen aller mehrzelligen Organismen sind lediglich 
die Wirkung oder der Ausdruck der gesammteu Formen und Le- 
benserscheinungen aller einzelnen sie zusammensetzenden Zellen. 
Das Ei, aus welchem sich die meisten Thiere und Pflanzen ent- 
wickeln, ist eine einfache Zelle. 

Die einzelligen Organismen, d. h. diejenigen, welche zeit- 
lebens den Formwerth einer einzigen Zelle beibehalten, z. B. die 
Amoeben (Fig. 2), pflanzen sich in der Regel auf die einfachste 
Weise durch Theilung fort. Dieser Process unterscheidet sich 
von der vorher bei den Moneren beschriebenen Selbsttheilung nur 
dadurch, dass zunächst aus dem festeren Zellkern (Nucleus) sich 
zwei neue Kerne bilden. Die beiden jungen Kerne entfernen sich 
von einander und wirken nun wie zwei verschiedene Anziehungs- 
Mittelpunkte auf die umgebende weichere Eiweiss-Masse, den Zell- 
schleim (Protoplasma). Dadurch zerfällt schliesslich auch dieser 
in zwei Hälften, und es sind nun zwei neue Zellen vorhanden, 
welche der Mutter-Zelle gleich sind. War die Zelle von einer 
Membran umgeben, so theilt sich diese entweder nicht, wie bei 



Zi'lu'tisife.scilühti- i'ini'.s ewfiuii.sfcri Dnriiiii.smn.^ 






^"^fF 




KJatrktl ,Ul. 



y. 



tnvniiiiitnt. 



Vin. Fortpflanzung der einzelligen Amoeben durch Theiliing. 



169 




Fig. 2. Fortpflanzung eines einzelligen Organismus, einer Amoeba sphac- 
rococcus, durch Selbsttheilung. A. Die eingekapselte Amoeba, eine einfache 
kugelige Zelle, bestehend aus einem Protoplasma-Klumpen (c), welcher einen 
Kern (b) und ein Kernkörperchen (a) einschliesst und von einer Zellhaut 
oder Kapsel umgeben ist. B. Die freie Amoeba, welche die Cyste oder Zell- 
haut gesprengt und verlassen hat. C. Dieselbe beginnt sich zu theilen, in- 
dem ihr Kern in zwei Kerne zerfällt und der Zellschleim zwischen beiden 
sich einschnürt. D. Die Theilung ist vollendet, indem auch der Zellschleira 
vollständig in zwei Hälften zerfallen ist (Da und Db). 

der Eifurchung (Fig. 3, 4), oder sie folgt passiv der activen Ein- 
schnürung des Protoplasma, oder es wird von jeder jungen Zelle 
eine neue Haut ausgeschwitzt. 

Ganz ebenso wie die selbstständigen einzelligen Organismen, 
z. B. Amoeba (Fig. 2) pflanzen sich nun auch die unselbststän- 
digen Zellen fort, welche in Gemeinden oder Staaten vereinigt 
bleiben und so den Körper der höheren Organismen zusammen- 
setzen. Ebenso vermehrt sich auch durch einfache Theilung die 
Zelle, mit welcher die meisten Thiere und Pflanzen ihre indivi- 
duelle Existenz beginnen, nämlich das Ei. Wenn sich aus einem 
Ei ein Thier, z. B. ein Säugethier (Fig. 3, 4) entwickelt, so be- 



Fig. 3. Ei eines Säugethieres (eine einfache 
Zelle), a Kernkörperchen oder Nucleolus (soge- 
nannter Keimfleck des Eies); 6 Kern oder Nucleus 
(sogenanntes Keimbläschen des Eies); c Zellschleira 
oder Protoplasma (sogenannter Dotter des Eies); d 
Zellhaut oder Membrana (Dotterhaut) des Eies, beim 
Säugethier wegen ihrer Durchsichtigkeit Membrana 
pellucida genannt. 




170 



Beginnende Entwickelung des Säugethier-Eies. 



YlII. 




Fig. 4. Erster Beginn der Entwickelung des Säugethier-Eies, sogenannte 
, Eifurchung" (Fortpflanzung der Ei-Zelle durch wiederholte Selbsttheilung). 
Fig. 4A. Das Ei zerfällt durch Bildung der ersten Furche in zwei Zellen. 
Fig. 4ß. Diese zerfallen durch Ilalbirung in 4 Zellen. Fig. 4C'. Diese letz 
teren sind in 8 Zellen zerfallen. Fig. 4D. Durch fortgesetzte Theilung ist 
ein kugeliger Haufen von zahlreichen Zellen entstanden. 

uiuiit dieser Eiitwickelungs-Process stets damit, dass die einfache 
Ei-Zelie (Fig. 3) durch fortgesetzte Selhsttheiluiig einen Zellenhau- 
fcn bihlet (Fig. 4). Die äu.ssere Hülle oder Zellhaut des kuge- 
ligen Eies bleibt ungetheilt. Zuerst zerfällt nach Eintritt der Be- 
fruchtung der Zellenkern des Eies durch Selbsttheilung in zwei 
Kerne, dann folgt der Zellschleini (der Dotter des Eies) nach 
(Fig. 4A). In gleicher AYeise zeiiallen durch die fortgesetzte 
Selbsttheilung die zwei Zellen in vier (Fig. 413), diese in acht 
(Fig. 4C), in sechzehn, zweiunddreissig u. s. w., und es entsteht 
schliesslich ein kugeliger Haufe von sehr zahlreichen kleinen Zel- 
len (Fig. 4D). Diese bauen nun durch weitere Vermehrung und 
ungleichartige Ausbildung (Arbeitstlieilung) allmählich den zu- 
sammengesetzten melu'zelligen Organismus auf. Jeder von uns 
hat im Beginne seiner individuellen Entwickelung denselben, in 
Fig. 4 dargestellten Process durchgemacht. Das in Fig. 3 abge- 
bildete Säugethier-Ei und die in Fig. 4 dargestellte Entwickelung 
desselben könnte eben so gut vom Menschen, als vom Affen, vom 
Hunde, vom Pferde oder von irgend einem anderen placentalen 
Säugethier herrühren. 

Wenn Sie nun zunächst nur diese einfachste Form der Fort- 
pflanzung, die Selbsttheilunng, betrachten, so werden Sie es ge- 
wiss nicht wunderbar finden, dass die Theilungs-Producte des 
ursprünglichen Organismus dieselben Eigenschaften besitzen, wie 



VIII. Ungeschlechtliclie Foitpflauzmis- durch Sollisttlioiliiiif^. 171 

das elterliche Inclividumn. Sie siiui ja Thcilluiirteii des clteiliclicu 
Organismus, und da die Materie, der Phisma- Stoff, in beiden 
Hälften derselbe ist, da die beiden jungen Individuen gleich viel 
und gleich beschan'ene Materie von dem elterlichen Individuum 
überkommen haben, so müssen natu il ich auch die Lebens-Rrschei- 
nungen, die physiologischen Eigenschaften, in den beiden Kindern 
dieselben sein. In der That sind in jeder Beziehung, sowohl 
hinsichtlich ihrer Form und ihres Stoffes, als hinsichtlich ihrer 
Lebens-Erscheinungen, die beiden Tochter-Zellen nicht von einander 
und von der Mutter-Zelle zu unterscheiden. Sie haben von ihr 
die gleiche Natur geerbt. 

Nun findet sich aber dieselbe einfache Fortpflanzung durch 
Theilung nicht bloss bei den einfachen Zellen, sondei'u auch bei 
höher stehenden mehrzelligen Organismen, z. B. bei den Korallen- 
Thieren, Viele derselben, welche schon einen höheren Grad von 
Zusammensetzung und Organisation zeigen, pflanzen sich dennoch 
einfach durch Theilung fort. liier zerfällt der ganze Organismus 
mit allen seinen Organen in zwei gleiche Hälften, sobald er durch 
Wachsthum ein gewisses Maass der Grösse erreicht hat. Jede 
Hälfte ergänzt sich alsbald wieder durch Wachsthum zu einem 
vollständigen Individuum. Auch hier finden Sie es gewiss selbst- 
verständlich, dass die beiden Theilungs-Producte die Eigenschaften 
des elterlichen Organismus theilen, da sie ja selbst Substanz- 
hälften desselben sind. 

An die Fortpflanzung durch Theilung scbliesst sich zunächst 
die Fortpflanzung durch Knospen-Bildung an. Diese Art der 
Monogonie ist ausserordentlich weit verbreitet. Sie findet sich 
sowohl bei den einfachen Zellen (obwohl seltener), als auch bei 
den aus vielen Zellen zusammengesetzten höheren Organismen. 
Ganz allgemein verbreitet ist die Knospen-Bildung im Pflanzen- 
Reich, seltener im Thier-Reich. Jedoch kommt sie auch hier in 
dem Stamme der Pflanzen-Thiere, insbesondere bei den Korallen 
und bei einem grossen Theile der Medusen sehr häufig vor, ferner 
auch bei einem Theil der Würmer (Platt-Würmern, Ringel-Wür- 
mern, Moosthieren) und bei den Mantelthieren. Die meisten 
verzweigten Thier-Stöcke, welche auch äusserlich den verzweigten 



172 Ungeschlechtliche Fortpflanzung durch Knospen-Bildung. VIII. 

Pflanzen-Stöcken so älmlich sind, entstehen i>lei(;h diesen durch 
Knospen-Biklung. 

Die Fortpflanzung durch Knospen-Bildung (Gemmatio) ist von 
der Fortpflanzung durch Theilung wesentlich verschieden. Die 
beiden durch Knospung neu erzeugten Organismen sind nicht von 
gleichem Alter und daher anfanglich auch nicht von gleichem 
Werthe, wie es bei der Theilung der Fall ist. Bei der letzteren 
können wir offenbar keines der beiden neu erzeugten Individuen 
als das elterliche, als das erzeugende ansehen, weil beide ja glei- 
chen Antheil an der Zusammensetzung des ursprünglichen, elter- 
lichen Individuums haben. AVenn dagegen ein Organismus eine 
Knospe treibt, so ist die letztere das Kind des ersteren. Beide 
Individuen sind von ungleichem Alter und daher zunächst auch 
von ungleicher Grösse und ungleichem Formenwerth. Wenn z. B. 
eine Zelle durch Knospen Bildung sich fortpflanzt, so sehen wir 
nicht, dass die Zelle in zwei gleiche Hälften zerfällt, sondern es 
bildet sich an einer Stelle eine Ifcrvorragung, welche grösser und 
grösser wird, und welche sich mehr oder weniger von der elter- 
lichen Zelle absondert und nun selbstständig wächst. Ebenso be- 
merken wir bei der Knospen-Bildung einer Pflanze oder eines 
Thieres, dass an einer Stelle des ausgebildeten Individuums eine 
kleine locale Wucherung entsteht, welche grösser und grösser 
wird, und ebenfalls durch selbststäudiges Wachsthum sich mehr 
oder weniger von dem elterlichen Organismus absondert. Die Knospe 
kann später, nachdem sie eine gewisse Grösse erlangt hat, ent- 
weder vollkommen von dem Eltern-Individuum sich ablösen, oder 
sie kann mit diesem im Zusammenhang bleiben und einen Stock 
bilden, dabei aber doch ganz selbstständig weiter leben. Wälu-end 
das Wachsthum, welches die Fortpflanzung einleitet, bei der Thei- 
lung ein totales ist und den ganzen Körper betrifft, ist dasselbe 
dagegen bei der Knospen-Bildung ein partielles und betrifl't nur 
einen Theil des elterlichen Organismus. Aber auch hier behält 
die Knospe, das neu erzeugte Individuum, welches mit dem elter- 
lichen Organismus so lange im unmittelbarsten Zusammenhang 
steht und aus diesem hervorgeht, dessen wesentliche Eigenschaf- 
ten und ursprüngliche Bildungsrichtung bei. 



VIII. Ungeschlechtliche Fortpflanzung durch Keimlcnospen-Bililung. 173 

All die Knospen-Bildmi«- schliesst sich unmittelbar eine dritte 
Art der ungescliloclitliclien FürtpfhinzunL»' an, diejenige durch 
Keimknospen-Bildung (Polysporogonia). Bei niederen unvoll- 
kommenen Organismen, so bei sehr vielen Cryptogamen, unter den 
Thieren insbesondere bei den Pllanzenthieren und Würmern, 
sondert sich in einem aus vielen Zellen zusammengesetzten In- 
dividuum eine kleine Zellen-Gruppe von den umgebenden Zellen 
ab, und nun wächst diese kleine isolirte Zellen-Gruppe allmäh- 
lich zu einem Individuum heran, welches dem elterlichen ähn- 
lich wird und früher oder später aus diesem heraustritt. So ent- 
stehen z. B. im Körper der Saug-Würmer (Trematoden) oft zahl- 
reiche, aus vielen Zellen zusammengesetzte Körperchen, Keim- 
Knospen oder Polysporen, welche sich schon frühzeitig ganz von 
dem Eltern-Körper absondern und diesen verlassen, nachdem sie 
einen gewissen Grad selbstständiger Ausbildung erreicht haben. 

Offenbar ist die Keimknospen-Bildung von der echten Knos- 
pen-Bildung nur wenig verschieden. Andrerseits aber berührt sie 
sich mit einer vierten Form der ungeschlechtlichen Fortpflanzung, 
welche beinahe schon zur geschlechtlichen Zeugung hinüberführt, 
nämlich mit der Keimzellen-Bildung (Monosporogonia), oft 
auch schlechtweg Sporen-Bildung (Sporogonia) genannt. Hier ist 
es nicht mehr eine Zellen -Gruppe, sondern eine einzelne Zelle, 
welche sich im Innern des zeugenden Organismus von den um- 
gebenden Zellen absondert, und sich erst weiter entwickelt, nach- 
dem sie aus jenem ausgetreten ist. Nachdem diese Keimzelle 
oder Monospore (gewöhnlich kurzweg Spore genannt) das Eltern- 
Individuum verlassen hat, vermehrt sie sich durch Theilung und 
bildet so einen vielzelligen Organismus, welcher durch Wachsthum 
und allmähliche Ausbildung die erblichen Eigenschaften des elter- 
lichen Organismus wieder erlangt. So geschieht es sehr häufig 
bei den niederen Pflanzen. 

Obwohl die Keimzellen- Bildung der Keimknospen-Bildung 
sehr nahe steht, entfernt sie sich doch offenbar von dieser, wie 
von den vorher angeführten anderen Formen der ungeschlecht- 
lichen Fortpflanzung sehr wesentlich dadurch, dass nur ein ganz 
kleiner Tlieil des zeugenden Organismus die Fortpflanzung und 



174 Fortpflanzung durch Keimzellen-Bildung oder Sporen-Bildung. VIII. 

somit auch die Vererbung venuittelt. Bei der Selbsttheilung, wo 
der ganze Organismus in zwei Tliilften zerfällt, bei der Knospen- 
Bildung, wo ein ansehnlicher und bereits mehr oder minder ent- 
wickelter Körpertheil von dem zeugenden Individuum sich abson- 
dert, finden wir es sehr begreiflich, dass Formen und Lebens- 
Erscheinungen in dem zeugenden und erzeugten Organismus die- 
selben sind. Viel scliwierigei- ist sclion bei der Keimknospen- 
Bildung, und noch schwerer bei der Keimzellen -Bildung zu 
begreifen, wie dieser ganz kleine, ganz unentwickelte Körper- 
Theil, diese Zellen-Gruppe oder einzelne Zelle nicht bloss gewisse 
elterliche Eigenschaften unmitteliiar mit in ihre selbstständige 
Existenz hiniibernimmt, sondern auch nach ihrer Trennung vom 
elterlichen Individuum sich zu einem vielzelligen Körper ent- 
wickelt, und in diesem die Formen und die Lebens-Erscheinungen 
des ursprünglichen, zeugenden Organismus wieder zu Tage treten 
lässt. Diese letzte Form der monogenen Fortpflanzung, die Keim- 
zellen- oder Sporen-Bildung, führt uns hierdurch bereits unmittel- 
bar zu der am schwierigsten zu erklärenden Form der Fortpflan- 
zung, zur geschlechtlichen Zeugung, hinüber. 

Die geschlechtliche (amphigone oder sexuelle) Zeu- 
gung (Amphigonia) ist die gewöhnliche Fortpflanzungs-Art bei 
allen höheren Thieren und Pflanzen. Oftenbar hat sich die- 
selbe im Verlaufe der Erd-(icscliiclite erst später aus der un- 
geschlechtlichen Fortpflanzung, und zwar zunächst aus der Keim- 
zellen-Bildung entwickelt. In den frühesten Perioden der orga- 
nischen Erd-Geschichte pflanzten sich alle Organismen nur auf 
ungeschlechtlichem Wege fort, wie es gegenwärtig noch zahlreiche 
niedere Organismen thun, insl)esondere viele von jenen einzelligen 
Wesen, welche auf der niedrigsten Stufe der Organisation stehen, 
welche man weder als Thiere noch als Pflanzen mit vollem 
Rechte betrachten kann, und welche man daher am besten als 
Urwesen oder Protisten aus dem Thier- und Pflanzen-Reich 
ausscheidet. Indessen erfolgt bei vielen Protisten die Ver- 
mehrung durch Theilung oder Sporen-Bildung erst dann, wenn 
die Verschmelzung von zwei individuellen Zellen vorausgegangen 
ist. Diese Conjugation oder Copulation ist der Anfang der ge- 



yill. Geschlechtliche Fortpflanzung oder Amphigonie. 175 

schlechtlichen Fortpflair/iiiiL!,', wclclic l)oi den höheren Thieren 
und Pflanzen gegenwiirtiu' die ^\M■nleh^uno• der Individuen in der 
Regel allein vermittelt. 

Während bei allen vorhin erwähnten Haupt-Formen der un- 
geschlechtlichen Fortpflanzung, bei der Theilung, Knospen-Bildung, 
Keimknospen-Rildung und Keimzellen-Bildung, die abgesonderte 
Zelle oder Zellen-Gruppe für sich allein im Stande ist, sich zu 
einem neuen Individuum auszubilden, so muss dieselbe l)ei der 
geschlechtlichen Fortpflanzung erst durch einen anderen Zeugungs- 
Stoff" befruchtet werden. Zwei verschiedene Zellen, die männ- 
liche Samen-Zelle (Sperma) und die weibliche Ei-Zelle müssen 
mit einander verschmelzen; und aus der neuen durch diese Co- 
pulation entstandenen Zelle (der Stamm-Zelle, Cytula) ent- 
wickelt sich der vielzellige Organismus. Diese beiden verschie- 
denen Zeugungs-Elemente, der männliche Samen und das weib- 
liche Ei, werden entweder von einem und demselben Individuum 
erzeugt (Zwitter-Bildung, Hermaphroditismus) oder von zwei ver- 
schiedenen Individuen (Geschlechts-Trennung, Gonochorismus). 

Die einfachere und niedere Form der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung ist die Zwitter-Bildung (Hermaphroditismus). Sie 
findet sich bei der grossen Mehrzahl der Pflanzen, aber nur bei 
einer grossen Minderzahl der Tliiere, z. B. bei den Garten- 
Schnecken, Blut-Egeln, Regen -"Würmern und vielen anderen 
AVürmern. Jedes einzelne Individuum erzeugt als Zwitter 
(Hermaphroditus) in sich beiderlei Geschleclits-Stofle, Eier und 
Samen. Bei den meisten höheren Pflanzen enthält jede Blüthe 
sowohl die männlichen Organe (Staubfäden und Staubbeutel) als 
die weiblichen Organe (Griffel und Fruchtknoten). Die Garten- 
Schnecke erzeugt an einer Stelle ihrer Geschlechts-Drüse Eier, an 
einer anderen Sperma. Der Blut-Egel hat ein Paar Eier-Stöcke 
und neun Paar Samen-Drüsen. Viele Zwitter können sich selbst 
befruchten; bei anderen ist eine Copulation und gegenseitige 
Befruchtung zweier Individuen nothwendig, um die Eier zur Ent- 
wickelung zu veranlassen. Durch diese Wechsel-Kreuzung werden 
die Nachtheile der Inzucht vermieden. Das ist schon der Ileber- 
gang zur Geschlechts-Trennung. 



17ß Zwitter-Bildung und Geschlechts-Trennung. YIII. 

Die Gesclilechts-Trennung (Gonorchorismus) ist die höhere 
und verwick eitere von beiden Arten der gesclilechtlichen Zeugung. 
Sie ist gegenwärtig die allgemeine Fortpflanzungs-Art der höheren 
Thiere, findet sich dagegen nur bei einer geringeren Anzahl von 
Pflanzen (z. B. manchen AYasser-Pflanzen : Hydrocharis, Vallis- 
neria; und Bäumen: Weiden, Pappeln). Jedes organische In- 
dividuum als Nicht-Zwitter (Gonochoristus) erzeugt in sich 
nur einen von beiden Zeugungs-Stoffen, entweder männlichen 
oder weiblichen. Die weiblichen Individuen bilden sowohl bei 
den Thieren, als bei den Pflanzen Eier oder Ei-Zellen. Die 
Eier der Pflanzen werden gewöhnlich bei den Blüthen-Pflanzen 
(Phanerogamen) „Embryo-Bläschen", bei den Blüthenlosen (Crypto- 
gamen) „Befruchtungs-Kugeln" genannt. Die männlichen Indi- 
viduen sondern bei den Thieren den befruchtenden Samen 
(Sperma) ab, bei den Pflanzen dem Sperma entsprechende 
Körperchen (Pollen-Körner oder Blüthen-Staub bei den Phane- 
rogamen; bei den Cryptogamen ein Sperma, welches gleich dem- 
jenigen der -meisten Thiere aus lebhaft beweglichen, in einer 
Flüssigkeit schwimmenden Geissel-Zellen besteht, den Zoospermien, 
Spermatozoon oder Sperma-Zellen). 

Eine interessante Uebergangs-Form von der geschlechtlichen 
Zeugung zu der (nächststehenden) ungeschlechtlichen Keimzellen- 
Bildung bietet die sogenannte jungfräuliche Zeugung dar 
(Parthenogenesis). Diese ist in neuerer Zeit bei den Insecten, 
besonders durch Siebold's verdienstvolle Untersuchungen, viel- 
fach nachgewiesen worden; Keimzellen, die sonst den gewöhn- 
lichen Ei-Zellen ganz ähnlich erscheinen und ebenso entstehen, 
können sich zu neuen Individuen entwickeln, ohne des befruch- 
tenden Samens zu bedürfen. Die merkwürdigsten und lehr- 
reichsten von den verschiedenen parthenogenetischen Erscheinungen 
bieten uns diejenigen Fälle, in denen dieselben Keimzellen, je 
nachdem sie befruchtet werden oder nicht, verschiedene Individuen 
erzeugen. Bei unseren gewöhnlichen Honig-Bienen entsteht aus 
den Eiern der Königin ein mänidiches Individuum (eine Drohne), 
wenn das Ei nicht befruchtet wird; ein weibliches (eine Königin 
oder Arbeiterin), wenn das Ei befruchtet wird. Es zeigt sich 



yiir. Jnngfräulirlie Zeugung oiUt Paitlienogenesis. 177 

hier deutlich, dass in der That eine tiefe Kliilt zwischen ge- 
schlechtlicher und geschlechtsloser Zeugung nicht existirt, dass 
beide Formen vielmehr unmittelbar zAisammenhängen. Uebrigens 
ist die Parthenogenesis der Insecten keine urspriuigliche, primäre 
Erscheinung, vielmehr erst seciui(h"ir durch Ausfall des männlichen 
(ieschlechts entstanden; aus irgend einem (iruiide sind die Männ- 
chen iiberllüssig geworden! 

Jedenfalls ist sowohl bei Pllanzen als bei Thieren die ge- 
schlechtliche Zeugung, die als ein so wunderbarer Vorgang er- 
scheint, erst in späterer Zeit aus der älteren ungeschlechtlichen 
Zeugung hervorgegangen. In beiden Fällen ist die Vererbung 
eine nothwendige Theilerscheinung der Fortpflanzung. Die A'^er- 
schmelzung von zwei gleichartigen Zellen, welche bei zahlreichen 
Protisten die ungeschlechtliche Vermehrung durch Theilung oder 
Sporen-Bildung einleitet ( — bald als vorübergehende Conju- 
gation, bald als bleibende Copulation — ) ist der erste Schritt 
zur Amphigonie. Der zweite Schritt ist die ungleichartige Aus- 
bildung oder Divergenz der beiden Zellen, ihre Arbeits -Theilung 
und Form-Spaltung. Die kleinere und beweglichere Zelle gestal- 
tet sich zur männlichen Sperma-Zelle, die grössere und trägere 
Zelle hingegen zur weiblichen Ei -Zelle. Beide übertragen bei 
ihrer Verschmelzung ihre besonderen Eigenschaften erblich auf 
das gemeinsame Product. Diese Vererbung wird uns begreiflich, 
wenn wir die ganze Kette der angeführten Fortpflanzungs-Er- 
scheinuuuen vergleichend im Zusammenhang überblicken. 



Haeckel, Natiiil. Schüpfnngs Gesch. 8. Aufl. 12 



Neunter Vortrag. 

Yererhiings- Gesetze und A'ererlmngs- Theorien. 



Unterschied der Vcrerl)ung bei der geschlechtlichen und l)ei der unge- 
schlechtlichen FortpHanzung. Unterscheidung der erhaltenden und fortschrei- 
tenden Vererbung. Gesetze der erhaltenden oder conservativen Erblichkeit: 
Vererbung ererbter Charaktere. Ununterbrochene oder continuirliche Verer- 
bung. Unterbrochene oder latente Vererbung. Generations-Wechsel. Rück- 
schlag. Verwilderung. Geschlechtliche oder sexuelle Vererbung. Secundäre 
Sexual-Charaktere. Gemischte oder amphigone Vererbung. Bastardzeugung. 
Abgekürzte oder vereinfachte Vererbung. Gesetze der fortschreitenden oder 
progressiven Erblichkeit: Vererbung erworbener Charaktere. Angepasste oder 
erworbene Vererbung. Befestigte oder constituirte Vererbung. Gleichzeitliche 
(homochrone) Vererbung. Gleichörtliche (homotope) Vererbung. Molekulare 
Vererbungs-Theorien. Pangenesis (Darwin). Perigenesis (Haeckel). Idioplasma 
(Nägeli). Keimplasma (Weismann). Intracellulare Pangenesis (Vries). 

Meine Herren! Zu den wichtigsten Fortschritten, weU^he 
unsere heutige Entwickelungs-Lehre seit dreissig Jiihren in die 
allgemeine Naturgeschichte eingeführt hat, gehört sicher das 
tiefere Yerstiindniss der beiden grossen organischen Gestaltungs- 
kräfte, der Vererbung einerseits, der Anpassung anderseits. 
Ihre vielfach verwickelte Wechselwirkung reicht aus, um unter 
den stets wechselnden Verhältnissen des Kampfes um"s Dasein 
die ganze IMannichfaltigkeit der organischen Formenwelt hervor- 
zubringen. Die ältere Natur-Philosophie, im Anfange unseres 
Jahrhunderts, erkannte zwar auch schon die hohe Bedeutung 
dieser Wechselwirkung, vermochte aber in den räthselvollen 
Charakter der beiden gestaltenden „Bildungstriebe" nicht 
tiefer einzudringen. Jetzt hingegen , wo die grossartigen Fort- 
schritte der Morphologie und Physiologie, der Histologie und 



]X. Physiologisches Wesen der Vereibungs-Vorgänge. 179 

Ontogenie, uns einen viel tieferen Einblick in ihr wahres Wesen 
gestatten, erkennen wir in ihnen echte physiologische Func- 
tionen, (l. h. allgemeine Lebensthätigkeiten der Orga- 
nismen seilest; und wie alle anderen Lebensthätigkeiten, be- 
ruhen aucli die beiden fundamentalen Gestaltungskräfte zuletzt 
auf physikalischen und chemischen Vei-h;iltnissen. Allerdings 
erscheinen diese bisweilen äusserst verwickelt, lassen sich aber 
tlocli im Grunde auf einfache, mechanische Ursachen, auf An- 
ziehungs- und Abstossungs- Verhältnisse der Stofftheil- 
chen, der Molekeln und Atome zurückführen. 

Wie ich zuerst in meiner generellen Morphologie (1866) 
eingehend zu zeigen versuchte, ergiebt sich das Verständniss der 
Vererbung aus den verwickelten Erscheinungen der Fort- 
pflanzung, während die Erscheinungen der Anpassung aus 
den elementaren Verhältnissen der Ernährung sich erklären; 
insbesondere aus den trophischen Reizen, welche einerseits der 
unmittelbare Einfluss dei- äusseren Existenz-Bedingungen, ander- 
seits die eigene Thätigkeit der Organe und der sie zusammen- 
setzenden Zellen ausiil)t. 

Im letzten Vortrage hatte ich zu zeigen versucht, dass bei allen 
verschiedenen Formen der Fortpflanzung ( — und also auch der 
Vererbung — ) das Wesentlichste immer die Ablösung eines 
Theiles des elterlichen Organismus und die Befähigung desselben 
zur individuellen . sellistständigen Existenz ist. In allen Fällen 
dürfen wir daher von vornherein schon erwarten, dass die kindlichen 
Individuen dieselben Lebens-Erscheinungen und Form-Eigenschaften 
erlangen werden, welche die elterlichen Individuen besitzen ; denn 
sie sind ja „Fleisch und Bein der Eltern"! Immer ist es nur 
eine grössere oder geringere Quantität von der elterlichen IMaterie, 
und zwar von dem eiweissartigen Plasma ode-r Zeil-Körper, 
welche auf das kindliche Individuum übergeht. Mit der Materie 
werden aber auch deren Lebens-Eigenschaften, die molekularen 
Bewegungen des Plasma, übertragen, welche sich dann in ihrer 
Form äussern. Wenn Sie sich die angeführte Kette von ver- 
schiedenen Fortpflanzungs-Formen in ihrem Zusammenhange vor 
Augen stellen, so verliert die Vererbung durch geschlechtliche 

12* 



180 Vererbung durch geschlechtliche Fortpflanzung. IX. 

Zeugung sehr Viel von dem Räthselhaften und Wunderbaren, 
das sie auf den ersten Blick für den Laien besitzt. Anfänglich 
erscheint es freilich höchst wunderbar, dass bei der geschlecht- 
lichen Fortpflanzung des Menschen, wie aller höheren Tliiere, 
das kleine Ei, eine winzige, für das blosse Auge oft nicht sicht- 
bare Zelle, im Stande ist, alle Eigenschaften des mütterlichen 
Organismus auf den kindlichen zu übertragen; und nicht weniger 
räthselhaft muss es erscheinen, dass zugleich die wesentlichen 
Eigenschaften des väterlichen Organismus auf den kindlichen 
übertragen werden vermittelst des männlichen Sperma, welches 
die Ei-Zelle befruchtete; vermittelst einer einzigen von jenen 
feinen Geissel-Zellen oder Zoosperraien, welche in der schleimigen 
Masse des Samens sich umherbewegen. Sobald Sie aber jene 
zusammenhängende Stufenleiter der verschiedenen Fortpflanzungs- 
Arten vergleichen, bei welcher der kindliche Organismus als 
überschüssiges Wachsthums-Product des Eltern-Individuums sich 
immer mehr von ersterem absondert und immer frühzeitiger die 
selbstständige Laufbahn betritt; sobald Sie zugleich erwägen, 
dass auch das Wachsthum und die Ausbildung jedes höheren 
Organismus bloss auf der Vermehrung der ihn zusammensetzen- 
den Zellen, auf der einfachen Fortpflanzung durch Theilung be- 
ruht, 80 wird es Ihnen klar, dass alle diese merkwürdigen V^or- 
gänge in eine Reihe gehören. 

Das Leben jedes organischen Individuums ist Nichts weiter, 
als eine zusammenliängende Kette von sehr verwickelten materiel- 
len Bewegungs-Ersoheinungen, Diese Bewegungen sind als Ver- 
änderungen in der Lage und Zusammensetzung der Molekeln zu 
denken, der kleinsten (aus Atomen in höchst mannichfaltiger Weise 
zusammengesetzten) Theilchen der belebten Materie. Die speci- 
üsch bestimmte Richtung dieser gleichartigen, anhaltenden, im- 
manenten Lebensbewegung wird in jedem Organismus durch 
die chemische Mischung des eiweissartigen Zeugungsstofles be- 
dingt, welcher ihm den Ursprung gab. Bei dem Menschen, wie 
bei den höhereu Thieren, welche geschlechtlich sich fortpflanzen, 
beginnt die individuelle Lebensbewegung in dem INlomente, in 
welchem die Ei-Zelle von der Samen-Zelle befruchtet wird, in wel- 



JX. Vererbung durch geschlechtliche Fortpflanzung. 181 

chem beide Zeuguiigsstoffe sich thatsächlich vermischen; von da 
an wird nun die Richtung der Lebensliewegung durch die speci- 
fische, oder richtiger individuelle Beschaft'enheit sowohl des Sa- 
mens als des Eies bestimmt. Ueber die rein mechanische, ma- 
terielle Natur dieses Vorganges kann kein Zweifel sein. Aber 
staunend und bewundernd müssen wir hier vor der unendlich 
verwickelten Molekular - Structur der eiweissartigen Materie still 
stehen. Staunen müssen wir über die unleugbare Thatsache, dass 
die einfache Ei-Zelle der Mutter, der einzige Samenfaden oder die 
flimmernde Sperma-Zelle des Vaters, so genau die molekulare in- 
dividuelle Lebensbewegung im Plasma dieser beiden Individuen auf 
das Kind überträgt, dass nachher die feinsten körperlichen und 
geistigen Eigenthümlichkeiten der beiden Eltern an diesem wieder 
in die lebendige Erscheinung treten. 

Hier stehen wdr vor einer mechanischen Naturerscheinung, 
von welcher Virchow, der berühmte Begründer der „Cellular- 
Pathologie", mit vollem Rechte sagt: „Wenn der Naturforscher 
dem Gehrauche der rieschichtschreiber und Kauzelredner zu fol- 
gen liebte, ungeheure und in ihrer Art einzige Erscheinungen 
mit dem hohlen Gepränge schwerer und tönender Worte zu über- 
ziehen, so wäre hier der Ort dazu; denn wir sind an eines der 
grossen Mysterien der thierischen Natur getreten, welche die Stel- 
lung des Thieres gegenüber der ganzen übrigen Erscheinungswelt 
enthalten. Die Frage von der Zellen-Bildung, die Frage von der 
Erregung anhaltender gleichartiger Bewegung, endlich die Fragen 
von der Selbstständigkeit des Nervensystems und der Seele — 
das sind die grossen Aufgaben, au denen der Menschengeist seine 
Kraft misst. Die Beziehung des Mannes und des Weibes zur 
Ei-Zelle zu erkennen, heisst fast so viel, als alle jene Mysterien 
lösen. Die Entstehung und Entwickelung der Ei-Zelle im mütter- 
lichen Körper, die Uebertragung körperlicher und geistiger Eigen- 
thümlichkeiten des Vaters durch den Samen auf dieselbe, be- 
rühren alle Fragen, welche der Menschengeist je über des Men- 
schen Sein aufgeworfen hat." Und, fügen wir hinzu, sie lösen 
diese höchsten Fragen mittelst der Descendenz-Theorie in rein me- 
chanischem, rein monistischem Sinne! 



182 Vererbung rlurch geschlechtliche und ungeschlechtliche Fortpflanzung IX. 

])ass also auch bei der geschlechtlichen Fortpflanzung des 
Menschen und aller höheren Organismen die Vererbung, ein rein 
mechanischer Vorgang, unmittelbar durch den materiellen Zu- 
sammenhang des zeugenden und des gezeugten Organismus be- 
dingt ist, ebenso wie bei der einfachsten ungeschlechtlichen Fort- 
pflanzung der niederen Organismen, darüber kann kein Zweifel 
mehr sein. Doch will ich Sie bei dieser Gelegenheit sogleich auf 
einen wichtigen l'nterschied aufmerksam machen, welchen die 
Vererbung bei der geschlechtlichen und bei der ungeschlechtlichen 
Fortpflanzung darbietet. Längst bekannt ist die Thatsache, dass 
die individuellen Eigenthümlichkeiten des zeugenden Organismus 
viel genauer durch die ungeschlechtliche als durch die geschlecht- 
liche Fortpflanzung auf das erzeugte Individuum übertragen wer- 
den. Die (lartner machen von dieser Thatsache schon lange viel- 
fach Gebrauch. Wenn z. B. von einer Baumart mit steifen, auf- 
recht stehenden Aesten zufällig ein einzelnes Individuum herab- 
hängende Zweige bekömmt, so kann der Gärtner in der Regel 
diese Eigenthümlichkeit nicht durch geschlechtliche, sondern nur 
durch ungeschlechtliche Fortpflanzung vererben. Die von einem 
solchen Trauerbaum abgeschnittenen Zweige, als Stecklinge ge- 
pflanzt, bilden späterhin Bäume, welche ebenfalls hängende Aeste 
haben, wie z. B. die Trauerweiden, Trauerbuchen. Samen- 
pflanzen dagegen, welche man aus den Samen eines solchen 
Trauerbaumes zieht, erhalten in der Regel wieder die ursprüng- 
liche, steife und aufrechte Zweigform der Voreltern. In sehr 
auffallender Weise kann man dasselbe auch an den sogenannten 
„Blutbäumen" wahrnehmen, d. h. Spielarten von Bäumen, welche 
sich durch rothe oder rothbraune Farbe der Blätter auszeichnen. 
Abkömmlinge von solchen Blutbäumen (z. B. Blutbuchen), welche 
man durch ungeschlechtliche Fortpflanzung, durch Stecklinge er- 
zeugt, zeigen die eigenthümliche Farbe und Beschaffenheit der 
Blätter, welche das elterliche Individuum auszeichnet, Avährend 
andere, aus den Samen der Blutbäume gezogene Individuen in 
die grüne Blattfarbe zm'ückschlagen. 

Dieser Unterschied in der Vererbung wird Ihnen sehr natür- 
lich vorkommen, sobald Sie erwägen, dass der materielle Zusam- 



IX. Vererbung durcli gcscIilecliUiche und ungesclileclitliclie Fortj)iluu/,uiig. ]83 

meiihaiig zwischen zeugenden und erzeugten Individuen bei der 
angeschlechtlichen Fortpflanzung viel inniger ist und viel länger 
dauert, als bei der geschlechtlichen. Die individuelle Richtung 
der molekularen Lebensbewegung kann sich daher bei der unge- 
schlechtlichen Fortpflanzung viel länger und gründlicher in dem 
kindlichen Organismus befestigen und viel strenger vererben. Alle 
diese Erscheinungen im Zusammenhang betrachtet bezeugen klar, 
dass die Vererbung der körperlichen und geistigen Eigenschaften 
ein rein materieller, mechanischer Vorgang ist. Durch die Fort- 
pflanzung wird eine grössere oder geringere Quantität eiweissarti- 
ger 8toft'theilchen, und damit zugleich die diesen Plasma-Molekeln 
anhaftende individuelle Bewegungsform vom elterlichen Organis- 
mus auf den kindlichen übertragen. Indem diese Bewegungsform 
sich bet'tändig erhält, müssen auch die feineren Eigenthümlich- 
keiten, die am elterlichen Organismus haften, früher oder später 
am kindlichen Organismus wieder erscheinen. 

Die wichtigste Aufgabe der Vererbungs-Physiologie würde es 
nun sein, tiefer in die Erkenntniss dieser molekularen Bewegungs- 
Vorgänge einzudringen, und die damit verknüpften physikalisch- 
chemischen Vorgänge genauer, und womöglich experimentell, zu 
untersuchen. Indessen ist diese Aufgabe so ausserordentlich 
schwierig, dass nicht einmal eine von den bisher aufgestellten 
molekularen Vererbungs-Theorien genügend erscheint. Bevor wir 
auf diese eingehen, erscheint es zweckmässig, noch erst einen 
Blick auf die verschiedenen Aeusserungsweisen der Erblichkeit 
zu werfen, welche man vielleicht schon jetzt als „Vererbungs- 
Gesetze" aufstellen kann. Leider ist auch für diesen so ausser- 
ordentlich wichtigen Gegenstand sowohl in der Zoologie, als auch 
in der Botanik, bisher nur sehr Wenig geschehen, und nament- 
lich die eigentlichen Physiologen haben sich darum fast gar nicht 
gekümmert. Fast Alles, was man von den verschiedenen Verer- 
bungs-Gesetzen weiss, beruht auf den Erfahrungen der Landwirthe 
und der Gärtner. Daher ist es nicht zu verwundern, dass im 
Ganzen diese äusserst interessanten und wichtigen Erscheinungen 
nicht mit der wünschenswerthen wissenschaftlichen Schärfe unter- 
sucht und in die Form von physiologischen Gesetzen gebracht 



184 Uutersclieidung der erhaltendeu und fort;<chreitenden Vererbung. JX. 

worden sind. Was ich Ihnen demnach im Folgenden von den 
verschiedenen Vererbungs-Gesetzen mittheilen werde, sind nur 
einige vorläufige Bruchstücke, herausgenommen aus dem unend- 
lich reichen Schatze, welcher für die Erkenntniss hier offen liegt. 

Wir können zunächst alle verschiedenen Erblichkeits-Erschei- 
nnngcn in zwei Gruppen bringen, welche wir als Vererbung er- 
erbter Charaktere und Vererbung erworbener Charaktere unter- 
scheiden; und wir können die erstere als die erhaltende (con- 
scrvative) Vererbung, die zweite als die fortschreitende (pro- 
gressive) Vererbung bezeichnen. Diese Unterscheidung beruht 
auf der äusserst wichtigen Thatsache, dass die Einzel-Wesen einer 
jeden Art von Thieren und Pflanzen nicht allein diejenigen Ei- 
genschaften auf ihre Nachkommen vererben können, welche sie 
selbst von ihren Vorfahren ererbt haben, sondern auch die indi- 
viduellen Eigenschaften, die sie erst während ihres Lebens erwor- 
ben haben. Diese letzteren werden durch die fortschreitende, 
die ersteren durch die erhaltende Erblichkeit übertragen. Zu- 
nächst haben wir nun hier die Erscheinungen der conservati- 
vcn oder erhaltenden Vererbung zu untersuchen; d. li. der 
Vererbung solcher Eigenschaften, welche der betreffende Organis- 
mus von seinen Eltern oder Vorfahren schon erhalten hat. 

Unter den Erscheinungen der conservativen Vererbung tritt 
uns zunächst als das allgemeinste Gesetz dasjenige entgegen, 
welches wir das Gesetz der ununterbrochenen oder couti- 
nuirlichen Vererbung nennen können. Dasselbe hat unter den 
höheren Thieren und Pflanzen so allgemeine Gültigkeit, dass der 
Laie zunächst seine Wirksamkeit überschätzen und es für das 
einzige, allein maassgebende Vererbungs - Gesetz halten dürfte. 
Dieses Gesetz drückt einfach die Thatsache aus, dass bei den 
meisten Thier- und Pflanzen-Arten jede Generation im Ganzen der 
andern gleich ist, dass die Eltern ebenso den Gross -Eltern, wie 
den Kindern ähnlich sind. „Gleiches erzeugt Gleiches", sagt man 
gewöhnlich, richtiger aber: „Aehnliches erzeugt Aehnliches". 
Denn in der That sind die Nachkommen oder Descendenten eines 
jeden Organismus demselben niemals in allen Stücken absolut 
gleich, sondern immer nur in einem mehr oder weniger hohen 



IX. Ununterbrochene oder coutinuirlichc Vererlmng. 185 

Grade iihnlich. Dieses Gesetz ist so allgemein bekannt, dass ich 
keine Beispiele anzuführen brauche. 

In einem gewissen Gegensatze zu demselben steht das Ge- 
setz der unterbrochenen oder latenten Vererbung, welche 
man auch als abwechselnde oder alteruirende Vererbung bezeich- 
nen könnte. Dieses wächtige Gesetz erscheint hauptsächlich in 
Wirksamkeit bei vielen niederen Thieren und Plhinzen, und 
äussert sich hier im Gegensatz zu* dem ersteren darin, dass die 
Kinder den Eltern nicht gleich, sondern sehr unähnlich sind, und 
dass erst die dritte oder eine spätere Generation der ersten wie- 
der ähnlich wird. Die Enkel sind den Gross -Eltern gleich, den 
Eltern aber ganz unähnlich. Diese merkwürdige Erscheinung tritt 
bekanntermaassen in geringerem Grade auch in den menschlichen 
Familien sehr häufig auf. Zweifelsohne wird Jeder von Ihnen 
einzelne Familienglieder kennen, welche in dieser oder jener Ei- 
genthümlichkeit vielmehr dem Grossvater oder der Grossmutter, 
als dem Vater oder der Mutter gleichen. Bald sind es körper- 
liche Eigenschaften, z. B. Gesichtszüge, Haarfarbe, Körpergrösse, 
bald geistige Eigenheiten, z. B. Temperament, Energie, Verstand, 
welche in dieser Art sprungweise vererbt werden. Ebenso wie 
beim iNIenschen können Sie diese Thatsache bei den Hausthiercn 
beobachten. Bei den am meisten veränderlichen Haustliieren, 
beim Hund, Pferd, Rind, machen die Thierzüchter sehr häufig 
die Erfahrung, dass ihr Züchtuugsproduct mehr dem grosselter- 
lichen, als dem elterlichen Organismus ähnlich ist. Wollen Sie 
dies Gesetz allgemein ausdrücken und die Reihe der Generationen 
mit den Buchstaben des Alphabets bezeichnen, so wird A = C — 
E, ferner B = D = F u. s. f. 

Noch viel auffallender als bei höheren, tritt uns bei den 
niederen Thieren und Pflanzen diese merkwürdige Thatsache 
entgegen, und zwar in dem berühmten Phänomen des Gene- 
rations-Wechsels (Metagenesis). Hier finden wir sehr häufig 
z. B. unter den Plattwürmern, Mautelthiercn, Ptlanzeuthieren, 
ferner unter den Cryptogamen (Farnen und Mosen), dass das 
organische Individuum bei der Fortpflanzung zunächst eine Form 
erzeugt, die gänzlich von der Elternform verschieden ist, und 



186 Unterbrochene oder latente Vererbung. Generations-Wechsel. IX. 

clasö erst die Nachkommen dieser Generation der ersteren wieder 
ähnlich werden. Dieser regelmässige Generations- Wechsel wurde 
1819 von dem Dichter Chamisso auf seiner Welt-Umsegelung 
bei den Salpen entdeckt, cylindrischen imd glasartig durchsich- 
tigen Mantelthieren , welche an der (Oberfläche des Meeres 
schwimmen. Mier erzeugt die grössere Generation, welche als 
Einsiedler lebt und ein hufeisenförmiges Auge besitzt, auf unge- 
schlechtlichem Wege (durch Knospen-Bildung) eine gänzlich ver- 
schiedene kleinere Generation. Die Individuen dieser zweiten 
kleineren Generation leben in Ketten vereinigt und besitzen ein 
kegelförmiges Auge. Jedes Individuum einer solchen Kette er- 
zeugt auf geschlechtlichem Wege (als Zwitter) wiederum einen 
geschlechtslosen Einsiedler der ersten , grösseren Generation. 
Es sind also hier bei den Salpen immer die erste, dritte, fünfte 
Generation, und ebenso die zweite, vierte, sechste Generation 
einander ganz ähnlich. Nun ist es aber nicht immer bloss eine 
Generation, die so überschlagen wird, sondern in anderen Fällen 
auch mehrere, so dass also die erste Generation der vierten und 
siebenten u. s. w. gleicht, die zweite der fünften und achten, die 
dritte der sechsten und neunten, und so weiter fort. Drei in 
dieser Weise verschiedene Generationen wechseln z. B. bei den 
zierlichen Seetönnchcn (Doliolum) mit einander ab, kleinen 
Mantelthieren, welche den Salpen nahe verwandt sind. Hier 
ist A = Ü = G, ferner B = E = H, und C = F = I. Bei den 
Blattläusen folgt auf jede geschlechtliche Generation eine Keihc 
von acht bis zehn bis zwölf ungeschlechtlichen Generationen, die 
unter sich ähnlich und von der geschlechtlichen verschieden sind. 
Dann tritt erst wieder eine geschlechtliche Generation auf, die 
der längst verschwundenen gleich ist. 

Wenn Sie dieses merkwürdige Gesetz der latenten oder 
unterbrochenen Vererbung weiter verfolgen und alle dahin ge- 
hörigen Erscheinungen zusammenfassen, so können Sie auch die 
bekannten Erscheinungen des Rückschlags darunter begreifen. 
Unter Rückschlag oder Atavismus versteht man die allen Thier- 
Züchtern bekannte merkwürdige Thatsache, dass bisweilen ein- 
zelne Thiere eine Form annehmen, welche schon seit vielen Ge- 



IX. Rncks('lilng odor Afavisiiuis. 187 

nerationeii nicht vorhanden war und cintu- hingst entschwundenen 
(lenci'Htion angehört. Eines der merkwürdigsten Inerlier gehörigen 
Beispiele ist die Thatsache, dass bei einzehien Pferden bisweilen 
ganz charakteristische dunkle Streifen auftreten, ähnlich denen 
des Zebra, Quagga und ajiderer wilder Pferde-Arten Afrika's. 
Hauspferde von den verschiedensten Eassen und von allen Farben 
zeigen bisweilen solche dunkle Streifen, z. B. einen Längsstreifen 
des Rückens, Querstreifen der Schultern und der Beine u. s. w. 
Die plötzliche Erscheinung dieser Streifen lässt sich nur erklären 
als eine Wirkung der latenten Vererbung, als ein Rückschlag 
in die längst verschwundene uralte gemeinsame Stammform aller 
Pferde-Arten, welche zweifelsohne gleich den Zebras, Quaggas 
u. s. w. gestreift war. Ebenso erscheinen auch bei anderen Haus- 
thieren oft plötzlich gewisse Eigenschaften wieder, welche ihre 
längst ausgestorbenen wilden Stamm-Eltern auszeichneten. Auch 
unter den Pflanzen kann man den Rückschlag sehr häufig beob- 
achten. Sie kennen wohl alle das wilde gelbe Löwenmaul (Linaria 
vulgaris), eine auf unseren Aeckern und Wegen sehr gemeine 
Pflanze. Die rachenförmige gelbe Blüthe derselben enthält zwei 
lange und zw^ei kurze Staubfäden. Bisweilen aber erscheint 
eine einzelne Blüthe (Peloria), welche trichterförmig und ganz 
regelmässig aus fünf einzelnen gleichen Abschnitten zusammen- 
gesetzt ist, mit fünf gleichartigen Staubfäden. Diese Peloria 
können wir nur erklären als einen Rückschlag in die längst ent- 
schwundene uralte gemeinsame Stammform aller derjenigen 
Pflanzen, welche gleich dem Löwenmaul eine rachenförmige zwei- 
lippige Blüthe mit zwei langen und zwei kurzen Staubfäden be- 
sitzen. Jene Stammform besass gleich der Peloria eine regel- 
mässige fünftheilige Blüthe mit fünf gleichen, später erst all- 
mählich ungleich werdenden Staubfäden. (Vergl. oben S. 14, 16.) 
Alle solche Rückschläge sind unter das Gesetz der unterbrochenen 
oder latenten Vererbung zu bringen, wenn gleich die Zahl der 
Generationen, die übersprungen wird, ganz ungeheuer gross 
sein kann. 

Wenn Kulturpflanzen oder Hausthiere verwildern, wenn sie 
den Bedingungen des Culturlebens entzogen werden, so gehen sie 



188 Rückschlag-. Geschlechtliche oder sexuelle Vererbung. IX, 

Veränderungen ein, welche nicht bloss als Anpassung an die 
neuerworbene Lebensweise erscheinen, sondern auch theilweise 
als Rückschlag in die uralte Stammform, aus welcher die Cultur- 
formen erzogen worden sind. So kann man die verschiedenen 
Sorten des Kohls, die ungemein in ihrer Form verschieden sind, 
durch absichtliclio Verwiklerung allmählich auf die ursprüngliclie 
Stammform zurückführen. Ebenso schlagen die verwilderten 
Hunde, Pferde, Rinder u. s. w. oft mehr oder weniger in eine 
längst ausgestorbene Generation zurück. Es kann eine erstaun- 
lich lange Reihe von Generationen verfliessen, ehe diese latente 
Vererbungskraft erlischt. 

Als ein drittes Gesetz der erhaltenden oder conservativen 
Vererbung können wir das Gesetz der geschlechtlichen oder 
sexuellen Vererbung bezeichnen, nach welchem jedes Geschlecht 
auf seine Nachkommen desselben Geschlechts Eigenthümlichkeiten 
überträgt, welche es nicht auf die Nachkommen des andern Ge- 
schlechts vererbt. Die sogenannten „secundären Sexual-Charaktere", 
welche in mehrfacher Beziehung von ausserordentlichem Jnteresse 
sind, liefern für dieses Gesetz überall zahlreiche Beispiele. Als 
untergeordnete oder secundäre Sexual-Charaktere bezeichnet man 
solche Eigenthümlichkeiten des einen der beiden Geschlechter, 
welche nicht unmittelbar mit den Gcschlechts-Organen selbst zu- 
sammenhängen. Solche Charaktere, welche bloss dem männlichen 
Geschlecht zukommen, sind z. B. das Geweih des Hirsches, die 
Mähne des Löwen, der Sporn des Hahns. Hierher gehört auch 
der menschliche Bart, eine Zierde, welche gewöhnlich dem weib- 
lichen Geschlecht versagt ist. Aehnliche Charaktere, welche bloss 
das weibliche Geschlecht auszeichnen, sind z. B. die entwickelten 
Brüste mit den Milchdrüsen der weiblichen Säugethiere, der Beutel 
der weiblichen Beutelthiere. Auch Körpergrösse und Haut- 
färbung ist bei den weiblichen Thieren vieler Arten abweichend. 
Alle diese secundären Geschlechts-Eigenschaften werden, ebenso 
wie die Geschlechts-Organe selbst, vom männlichen Organismus 
nur auf den männlichen vererbt, nicht auf den weiblichen und 
umgekehrt. Die entgegengesetzten Thatsachen sind Ausnahmen 
von der Regel. 



IX. Gemischte oder anipliigone Vercrimng'. li^9 

Ein viertes hieriier gehöriges VererlHiiigs-(iesetz steht in ge- 
wissem Sinne im Widei'sprucli mit dem letzterwälmten, und be- 
schränkt dasselbe, nämlich das Gesetz der gemischten oder 
beiderseitigen (amphigonen) Vererbung. Dieses Gesetz sagt 
aus, d;iss ein jedes organische Individuum, welches auf geschlecht- 
lichem Wege erzeugt wird, von beiden Eltern Eigenthiimlich- 
keiten annimmt, sowohl vom Vater als von der Mutter. Diese 
Thatsache, dass von jedem der beiden Geschlechter persönliche 
Eigenschaften auf alle, sowohl männliche als weibliche Kinder 
übergehen, ist sehr wichtig. Goethe drückt sie von sich selbst 
in dem hübschen Verse aus: 

„Voin Vater liali' ich die Statur, des Lebens erustes Füliieii, 
„Vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabuiiren." 

Diese Erscheinung wird Ihnen allen so bekannt sein, dass 
ich hier darauf nicht näher einzugehen brauche. Durch den ver- 
schiedenen Antheil ihres Charakters, welchen Vater und Mutter 
auf ihre Kinder vererben, Averden vorzüglich die individuellen 
Verschiedenheiten der Geschwister bedingt. Dabei ünden wir 
bekanntlich sehr häufig eine kreuzweise Vererbung der beiden 
Geschlechter, so dass der Sohn mehr der Mutter gleicht, hingegen 
die Tochter dem Vater. Diese grössere Aehnlichkeit mit dem 
Elter des anderen Geschlechts zeigt sich oft autfallend nicht allein 
in der äusseren Körperform und besonders der Gesichtsbildung, 
sondern auch in den feineren Charakterzügen der Seele, mithin 
der molekularen Gehirn-Structur. 

Eine ganz ausserordentliche Bedeutung hat neuerdings der 
amphigonen Vererbung Weis mann zugeschrieben, indem er sie 
bei allen vielzelligen Organismen (Metazoen und Metaphyten) als 
die allgemeine Ursache der individuellen Variabilität betrachtet. 
Diese einseitige Auflassung hängt zusammen mit der eigenthüm- 
lichen Theorie von der Continuität des Keim-Plasma, welche 
dieser Naturforscher allzu sehr überschätzt; in Folge dessen 
leugnet er die Vererbung erworbener Eigenschaften überhaupt 
ganz (vergl. unten S. 192 u. f.). 

Unter dieses Gesetz der gemischten oder amphigonen Verer- 
bung gehört auch die sehr wichtige und interessante Erscheinung 



190 Bastanlzeiigung oder Hybridismus. JX. 

der Bastard-Zeugug (Hybridismus). Richtig gewürdigt, ge- 
nügt sie allein schon vollständig, um das herrschende Dogma von 
der Constanz der Arten zu ^Yiderlegen. Pflanzen sowohl als Thiere, 
welche zwei ganz verschiedenen Species angehören, können sich 
mit einander geschlechtlich vermischen und eine Nachkommen- 
schaft erzeugen, die in vielen Fällen sich selbst wieder fort])flan- 
zen kann, und zwar entweder (häufiger) durch Vermischung mit 
einem der beiden Stamm-Eltern, oder aber (seltener) durch reine 
Inzucht, indem Bastard sich mit Bastard vermischt. Das letz- 
tere ist z. B. Iiei den Bastarden von Hasen und Kaninchen fest- 
gestellt (Lepus Darwinii, 8. 131). Allbekannt sind die Bastarde 
zwischen Pferd und Esel, zwei ganz verschiedenen Arten einer 
Gattung (Equus). Diese Bastarde sind verschieden, je nachdem 
der Vater oder die Mutter zu der einen oder zu der anderen Art, 
zum Pferd oder zum Esel gehört. Das Maulthier (Mulus), wel- 
ches von einer Pferdestute und einem Eselhengst erzeugt ist, hat 
ganz andere Eigenschaften als der Maulesel (Hinnus), der Bastard 
vom Pferdehengst und der Eselstute. In jedem Fall ist der 
Bastard (Hybrida), der aus der Kreuzung zweier verschiedener 
Arten erzeugte Organismus, eine Mischform, welche Eigenschaften 
von beiden Eltern angenommen hat: allein die Eigenschaften des 
Bastards sind ganz verschieden, je nach der Form der Kreuzung. 
So zeigen auch die Mulatten-Kinder, welche von einem Europäer 
niil einer Negerin erzeugt werden, eine andere Mischung der 
Charaktere, als diejenigen Bastarde, welche ein Neger mit einer 
Europäerin erzeugt. Bei diesen Erscheinungen der Bastard -Zeu- 
gung sind wir (wie bei den anderen vorher erwähnten Verer- 
bungs-Gesetzen) jetzt noch nicht im Stande, die bewirkenden Ur- 
sachen im Einzelnen nachzuweisen. Aber kein Naturforscher 
zweifelt daran, dass die Ursachen hier überall rein mechanisch, 
in der Natur der organischen Materie selbst begründet sind. Wenn 
wir feinere Untersuchungs-Mittel als unsere groben Sinnes-Organe 
und deren ungenügende Hnlfsmittel hätten, so würden wir jene 
Ursachen erkennen, und auf die chemischen und physikalischen 
Eigenschaften der plasmatischen Materie, auf ihre verwickelte 
Molekular- Structur zurückführen können. 



IX. Abgekürzte oder voieiiifachte Vererbung. 191 

Als ein liinftes Gesetz müssen wir iiiiii unter den Erschei- 
nungen der eonservativen oder erhaltenden Vererbung noch das 
Gesetz der abgekürzten oder vereinfachten Vererbung 
anführen. Dieses Gesetz ist sehr wichtig für die Keimes-(ieschichte 
oder Ontogenie, d. h. für die Entwickelungs-Geschichte der organi- 
schen Individuen. Wie ich bereits im ersten Vortrage (S. 10) 
erwähnte und später noch ausfüln-licli zu erläutei-n liabe, ist die 
Ontogenie oder die Entwickelungs-Geschichte der Individuen 
weiter nichts als eine kurze und schnelle, durch die Gesetze der 
Vererbung und Anpassung bedingte Wiederholung der Phylo- 
genie, d. h. der paläontologischen Entwickelungs-Geschichte des 
ganzen organischen Stammes oder Phylum, zu welchem der be- 
treffende Organismus gehört. W^enn Sie z. B. die individuelle 
Entwickelung des Menschen, des Affen, oder irgend eines anderen 
höheren Säugetliieres innerhalb des Mutterleibes vom Ei an ver- 
folgen, so linden Sie, dass der aus dem Ei entstehende Keim 
oder Embryo eine Reihe von sehr verschiedenen Formen durch- 
läuft, welche im Ganzen übereinstimmt oder wenigstens parallel 
ist mit der Formenreihe, welche die historische Vorfahrenkette 
der höheren Säugethiere uns darbietet. Zu diesen Vorfahren ge- 
hören gewisse Fische, Amphibien, Beutelthiere u. s. w Allein 
der Parallelismus oder die Uebereinstimmung dieser beiden Ent- 
wickelungsreihen ist niemals ganz vollständig. Vielmehr sind in 
der Ontogenie immer Lücken und Sprünge, welche dem Ausfall 
einzelner Stadien der Phylogenie entsprechen. Wie Fritz Müller 
in seiner ausgezeichneten Schrift „Für Darwin"**') an dem Bei- 
spiel der Crustaceen oder Krebse vortrefflich erläutert hat, „wird 
die in der individuellen Entwickelungs-Geschichte erhaltene ge- 
schichtliche Urkunde allmählich verwischt, indem die Entwicke- 
lung einen immer geraderen Weg vom Ei zum fertigen Thiere 
einschlägt". Diese Verwischung oder Abkürzung wird durch das 
Gesetz der abgekürzten Vererbung bedingt; es ist von grosser Be- 
deutung für das Verständniss der Embryologie und erklärt die 
wichtige Thatsache, dass nicht alle Entwickelungs-Formen, welche 
unsere Stamm-Eltern durchlaufen haben, in der Formenreihe unserer 
eigenen individuellen Entwickelung noch sichtbar sind. 



192 Gesetze der fortschreitenden oder progressiven Vererbung. JX. 

Den bisher erörterten Gesetzen der erhaltenden oder conser- 
vativen Vererbung stehen gegenüber die Vererbungs-Erscheinungen 
der zweiten Reihe, die Gesetze der fortschreitenden oder 
progressiven Vererbung. Sie beruhen, wie erwäimt, darauf, 
dass der Organismus niclit allein diejenigen Eigenschaften auf 
seine Nachkommen überträgt, die er bereits von den Voreltern 
ererbt hat, sondern auch eine Anzahl von denjenigen individuellen 
Eigenthiimlichkeiten, welche er selbst erst während seines Lebens 
erworben hat. Die Anpassung verbindet sich hier bereits mit der 
Vererbung und wirkt mit ihr zusammen. 

Die grundlegen(k^ Bedeutung, welche die Vererbung er- 
worbener Eigenscliaftcn für die Abstammungs- Lehre besitzt, 
ist bereits im Anfange unseres Jahrhunderts von Lamarck und 
von Darwin's Grossvater Erasmus klar erkannt worden. So- 
wohl die neuen Eigenschaften, welche im Organismus durch den 
Einfluss der äusseren Existenz-Bedingungen, als diejenigen, welche 
durch seine eigenen Lebens-Tliätigkeiten (Gebrauch oder Nicht- 
gebrauch der Organe) entstehen, können durch Vererbung auf die 
Nachkommen übertragen werden, und somit die ursprüngliche 
Gestaltung mclir oder weniger verändern. Einige neuere Autoreu 
haben freilicli das Ciewicht dieser bedeutungsvollen Erscheinung 
sehr gering angeschlagen, und schliesslich hat sogar August Weis- 
mann sie ganz geleugnet. Er behauptet, dass „bis jetzt noch 
keine Thatsache vorliegt, welche wirklich bewiese, dass erwor- 
bene Eigenschaften vererbt werden können", und dass „nur solche 
Charaktere auf die folgende Generation iibeitrageu werden können, 
welche der Anlage nach schon im Keim enthalten waren". Weis- 
manu verlangt neue und überzeugende I^eweise für die Vererbung 
von Anpassungen, und vergisst dabei, dass derartige Beweise sei- 
ner eigenen, entgegengesetzten Hypothese vollständig fehlen, ja 
in dem gewünschten Sinne wohl überhaupt nicht zu liefern sind. 

Nach meiner eigenen Ueberzeugung, wie nach derjenigen 
vieler anderen Transformisten, besitzt hingegen die directe Verer- 
bung von neuen Anpassungen, im Sinne von Lamarck, die grösste 
Bedeutung, und Tausende von Beweisen dafür liefert die verglei- 
chende Anatomie und Ontogenie, Physiologie und Pathologie. 



IX. Gesetze der foitscliieitenden oder progressiven Vererbung. 193 

Für Tausende von speciellen Einrichtungen bleibt oline jene An- 
nahme die Entstellung rein unbegreiflich; so z.B. für die functio- 
nelle und mimetische Anpassung, l'iir die Instincte (erbliche psy- 
chisclie (Jewohnheiten) u. s. \v. Bezüglich der Vererbung von patho- 
logischen Veränderungen sind namentlich die (Iriinde, welche 
A' irchow gegen Weismann geltend macht, beachtenswerth. 

Unter den wichtigen Erscheinungen der fortschreitenden oder 
progressiven Vererbung können wir an die Spitze als das allge- 
meinste das Gesetz der angepassten oder erworbenen Ver- 
erbung stellen. Dasselbe besagt eigentlich weiter Nichts, als 
was ich eben schon aussprach, dass unter bestimmten Umständen 
der Organismus fähig ist, Eigenschaften auf seine Nachkommen 
zu vererben, welche er selbst erst während seines Lebens durch 
Anpassung erworben hat. Am deutlichsten zeigt sich diese Er- 
scheinung natürlich dann, wenn die neu erworbene Eigenthflm- 
lichkeit die ererbte Form bedeutend abändert. Das war in den 
Beispielen der Fall , welche ich Ihnen in dem vorigen Vortrage 
von der Vererbung überhaupt angeführt habe, bei den Menschen 
mit sechs Fingern und Zehen, den Stachelschwein-jMenschen, den 
Blutbuchen, Trauerweiden u. s. w. Auch die Vererbung er- 
worbener Krankheiten, z. B. der Schwindsucht, des Wahnsinns, 
beweist dies Gesetz sehr auffällig, ebenso die Vererbung des Al- 
binismus. Albinos oder Kakerlaken nennt man solche Indivi- 
duen, welche sich durch IMangel der Farbstoffe oder Pigmente in 
der Haut auszeichnen. Solche kommen bei Menschen, Thiereu 
und Pflanzen sehr verbreitet vor. Bei Thieren, welche eine be- 
stimmte dunkle Farbe haben, werden nicht selten einzelne Indi- 
viduen geboren, welche der Farbe gänzlich entbehren, und bei 
den mit Augen versehenen Thieren ist dieser Pigmeutmangel 
auch auf die Augen ausgedehnt, so dass die gewöhnlich lebhaft 
oder dunkel gefärbte Regenbogenhaut, die Iris des Auges farblos 
ist, aber wegen der durchschimmernden Blutgefässe roth erscheint. 
Bei manchen Thieren, z, B. den Kaninchen, Mäusen, sind solche 
Albinos mit weissem Fell und rothen Augen so beliebt, dass man 
sie in grosser Menge als besondere Rasse fortpflanzt. Dies wäre 
nicht möglich ohne das Gesetz der angepassten Vererbung. 

Haeckel, Natiirl. Schöpfuiigs-Gescli. 8. Aull. 13 



194 Angepasste oder erworbene Vererbung. IX. 

Welche von einem Organifsmus erworbeneu Abänderungen 
sich auf seine Nachkommen übertragen werden, welche nicht, ist 
von vornherein nicht zu bestimmen, und wir kennen leider die 
bestimmten Bedingungen nicht, unter denen die Vererbung er- 
folgt. Wir wissen nur im Allgemeinen, dass gewisse erworbene 
Eigenschaften sich viel leichter vererben als andere, z. B. als die 
durch Verwundung entstehenden Verstümmelungen. Diese letz- 
teren werden in der Regel nicht erblich übertragen; sonst müssten 
die Descendenten von Menschen, die ihre Arme oder Beine ver- 
loren haben, auch mit dem Mangel des entsprechenden Armes 
oder Beines geboren werden. Ausnahmen sind aber auch hier 
vorhanden, und man hat z. B. eine schwanzlose Hunderasse da- 
durch gezogen, dass man mehrere Generationen hindurch beiden 
Geschlechtern des Hundes consequent den Schwanz abschnitt. Vor 
einigen Jahren kam hier in der Nähe von Jena auf einem Gute 
der Fall vor, dass beim unvorsichtigen Zuschhigen des Stallthores 
einem Zuchtstier der Schwanz an der Wurzel abgequetscht wurde, 
und die von diesem Stiere erzeugten Kälber wurden sämmtlich 
schwanzlos geboren. Neuerdings sind bestätigende Beobachtungen 
über dieselbe Erscheinung bei Hunden, Katzen und Mäusen von 
fünf verschiedenen I^eobachtern mitgetheilt worden. Allerdings 
scheinen dies seltene Ausnahmen zu sein. Es ist aber sehr wichtig, 
die Thatsache festzustellen, dass unter gewissen uns unbekannten 
Bedingungen auch gewaltsame Veränderungen bisweilen erblich 
übertragen werden, in gleicher Weise wie viele Krankheiten. 

In sehr vielen Fällen ist die Abänderung, welche durch an- 
gepasste Vererbung übertragen und erhalten wird, angeboren, so 
bei dem vorher erwähnten Albinismus. Dann berulit die Ab- 
änderung auf derjenigen Form der Anpassung, welche wir die 
indirecte oder potentielle nennen. Ein sehr auffallendes Beispiel 
dafür liefert das hornlose Bindvieh von Paraguay in Südamerika. 
Daselbst wird eine besondere Rindviehrasse gezogen, die ganz der 
Hörner entbehrt. Sie stammt von einem einzigen Stiere ab, wel- 
cher im Jahre 1770 von einem gewöhnlichen gehörnten Eltern- 
paare geboren wurde, und bei welchem der Mangel der Hörner 
durch irgend welche unbekannte Ursache veranlasst worden war. 



IX. Befestigte oder constituhte Vererbung. 195 

Alle Nachkommen dieses Stieres, welche er mit einer gehörnten 
Kuh erzeugte, entbehrten der Hörner vollständig. Alan land diese 
Eigenschaft vortheilhaft, und indem man die ungehöruten Rinder 
unter einander fortpllanzte, erhielt man eine hornlose Rindvieh- 
rasse, welche gegenwärtig die gehörnten Rinder in Paraguay fast 
verdrängt hat. Ein ähnliches Beispiel liefern die nordamerika- 
uischen Otterschafe. Im Jahre 1791 lebte in Massachusetts in 
Nordamerika ein Landwirth, Seth Wright mit Namen. In sei- 
ner wohlgebildeten Schafheerde wurde auf einmal ein Lamm ge- 
boren, welches einen auffallend langen Leib und ganz kurze und 
krumme Beine hatte. Es konnte daher keine grosse Sprünge 
macheu und namentlich nicht über den Zaun in des Nachbars 
Garten springen, eine Eigenschaft, welche dem Besitzer wegen 
der Abgrenzung des dortigen Gebietes durch Hecken sehr vor- 
theilhaft erschien. Er kam also auf den Gedanken, diese Eigen- 
schaft auf die Nachkommen zu übertragen, und in der That er- 
zeugte er durch Kreuzung dieses Schafbocks mit wohlgebildeten 
Mutter-Schafen eine ganze Rasse von Schafen, die alle die Eigen- 
schaften des Vaters hatten, kurze und gekrümmte Beine und 
einen langen Leib. Sie konnten alle nicht über die Hecken sprin- 
gen und wurden deshalb in Massachusetts damals sehr beliebt 
und verbreitet. 

Ein zweites Gesetz, welches ebenfalls unter die Reihe der 
progressiven oder fortschreitenden Vererbung gehört, können wir 
das Gesetz der befestigten oder constituirteu Vererbung 
nennen. Dennoch werden Eigenschaften, die von einem Organis- 
mus während seines individuellen Lebens erworben wurden, um 
so sicherer auf seine Nachkommen erblich übertragen, je längere 
Zeit hindurch die Ursachen jener Abänderung einwirkten; und 
diese Abänderung wird um so sicherer Eigenthum auch aller fol- 
genden Generationen, je längere Zeit hindurch auch auf diese die 
abändernde Ursache einwirkt. Die durch Anpassung oder Ab- 
änderung neu erworbene Eigenschaft muss in der Regel erst bis 
zu einem gewissen Grade befestigt oder constituirt sein, ehe mit 
Wahrscheinlichkeit darauf zu rechnen ist, dass sich dieselbe auch 
auf die Nachkommenschaft erblich überträgt. In dieser Bezie- 

13* 



196 Gleichzcitliche oder homocbroue Yeierlmng. JX, 

hung verhält sich die Vererbung ähnlich wie die Anpassung. Je 
längere Zeit hindurch eine neu erworbene Eigenschaft bereits 
durch Vererbung übertragen ist, desto sicherer wird sie auch in 
den kommenden Generationen sich erhalten. Wenn also z. B. 
ein Gärtner durch methodische Behandlung eine neue Aepfelsorte 
gezüchtet hat, so kann er um so sicherer darauf rechnen, die er- 
wünschte Eigenthiimlichkeit dieser Sorte zu erhalten, je länger er 
dieselbe bereits vererbt hat. Dasselbe zeigt sich deutlich in der 
Vererbung von Krankheiten. Je länger bereits in einer Familie 
Schwindsucht oder Wahnsinn erblich ist, desto tiefer gewurzelt 
ist das Uebel, desto wahrscheinlicher werden auch alle folgenden 
Generationen davon ergrift'en werden. 

Endlich können wir die Betrachtung der Erblichkeits-Erschei- 
nungen scldiessen mit den beiden ungemein wiciitigen Gesetzen 
der gleicliörtliclicn und der gleichzeitlichen Vererbung. Wir ver- 
stehen darunter die Thatsache, dass Veränderungen, welche von 
einem Organismus während seines Lebens erworben und erblich 
auf seine Nachkommen übertragen wurden, bei diesen an dersel- 
ben Stelle des Körpers hervortreten, an welcher der elterliche 
Organismus zuerst von ihnen betroften wurde, und dass sie bei 
den Nachkommen auch im gleichen Lebensalter erscheinen, wie 
bei dem erstercn. 

Das Gesetz der gleichzeitlichen oder homochronen 
Vererbung, welches Darwin das Gesetz der „Vererbung in cor- 
respondirendem Lebensalter" nennt, lässt sich wiederum sehr 
deutlich an der Vererbung von Krankheiten nachweisen, zumal 
von solchen, die wegen ihrer Erblichkeit sehr verderblich wer- 
den. Diese treten im kindlichen Organismus in der Kegel zu 
einer Zeit auf, welche derjenigen entspricht, in welcher der elter- 
liche Organismus die Krankheit erwarb. Erbliche Erkrankungen 
der Lunge, der Leber, der Zähne, des Gehirns, der Haut u. s. w. 
erscheinen bei den Nachkommen gewöhnlich in der gleichen Zeit 
oder nur wenig früher, als sie beim elterlichen Organismus ein- 
traten oder von diesem überhaupt erworben wurden. Das Kalb 
bekommt seine Hörner in demselben Lebensalter wie seine El- 
tern. Ebenso erhält das junge Hirsclikalb sein Geweih in der- 



IX. Gleichörtliche oder horaotope Vererbung. 197 

selben Lebenzeit, in welcher es bei seinem Vater und Grossvater 
hervorgespro.sst war. Bei jeder der verschiedenen Weinsorten 
reifen die Trauben zur selben Zeit, wie bei ihren Voreltern. Be- 
kanntlich ist diese Reifzeit bei den verschiedenen Sorten sehr 
verschieden; da aber alle von einer einzigen Art abstammen, ist 
diese Verschiedenheit von den Stamm-Eltern der einzelnen Sorten 
erst erworben worden und hat sich dann erblich fortgepflanzt. 

Das Gesetz der gleichörtlichen oder homotopen Ver- 
erbung endlich, welches mit dem letzterwähnten Gesetze im eng- 
sten Zusammenhange steht, und welches man auch „das Gesetz 
der Vererbung an correspondirender Körperstelle" nennen könnte, 
lässt sich wiederum in pathologischen Erblichkeitsfällen sehr deut- 
lich erkennen. Grosse Muttermale z. B, oder Pigment-Anhäufun- 
gen an einzelnen Hautstellen, ebenso Geschwülste der Haut, er- 
scheinen oft Generationen hindurch nicht allein in demselben Le- 
bensalter, sondern auch an derselben Stelle der Haut. Ebenso 
ist übermässige Fettentwickelung an einzelnen Körperstellen erb- 
lich. Eigentlich aber sind für dieses Gesetz, wie für das vorige, 
zahllose Beispiele überall in der Embryologie zu finden. Sowohl 
das Gesetz der gleichzeitlichen als das Gesetz der gleich- 
örtlichen Vererbung sind Grund-Gesetze der Embryolo- 
gie oder Ontogenie. Denn wir erklären uns durch diese Ge- 
setze die merkwürdige Thatsache, dass die verschiedenen auf ein- 
ander folgenden Formzustände während der individuellen Ent- 
wickelung in allen Generationen einer und derselben Art stets 
in derselben Reihenfolge auftreten, und dass die Umbildungen 
des Körpers immer an denselben Stellen erfolgen. Diese schein- 
bar einfache und selbstverständliche Erscheinung ist doch über- 
aus wunderbar und merkwürdig; wir können die näheren Ur- 
sachen derselben nicht erklären, aber mit Sicherheit behaupten, 
dass sie auf der unmittelbaren Uebertragung der organischen Ma- 
terie vom elterlichen auf den kindlichen Organismus beruhen, 
wie wir es im Vorigen für den Vererbungs-Process im Allgemei- 
nen aus den Thatsacheu der Fortpflanzung nachgewiesen haben. 

Die verschiedenen Gesetze der erhaltenden und der fort- 
schreitenden Vererbung, welche ich zuerst im XIX. Capitel 



198 Moleknlar-Hypothesen der Vererbung. IX. 

meiner „Generellen Morphologie" aufgestellt, und vorstehend 
kurz erörtert habe, wirken in der mannichfaltigsten Weise mit 
einander und durch einander, und daraus ergiebt sich ihre ausser- 
ordentliche Bedeutung für den Transformismus, zugleich aber 
auch die grosse Schwierigkeit, theoretisch tiefer in das Wesen 
dieser physiologischen Vorgänge einzudringen. Zwar sind seit 
Darwin mehrfach verschiedene Versuche gemacht worden, zu ihrer 
Erklärung molekulare Hypothesen aufzustellen; aber keine dieser so- 
genannten „Vererbungs-Theorien" hat das darüber liegende Dunkel 
befriedigend aufgehellt und sich allgemeine Anerkennung erworben. 
Wenn wir schliesslich noch einen Blick auf diese, neuerdings 
viel besprochenen Verorbungs-Theorien werfen, so müssen wir 
vor Allem im Sinne behalten, dass dieselben sämmtlich nur den 
Werth von provisorischen Molekular-Hypothcsen besitzen; 
sie lassen sich weder morphologisch durch mikroskopische 
oder anatomische Beobachtung begründen, noch physiologisch 
durch physikalische und chemische Vorsuche. Das Plasma oder 
die ciweissartige Materie der Zellen, welche allein die Vererbung 
vermittelt ( — sowohl das Karyoplasma des Zeil-Kerns, als das 
Protoplasma des Zeil-Leibes — ) besitzt jedenfalls eine äusserst 
verwickelte feinere Molekular-Structur; d. h. die kleineren und 
kleinsten Theilchen, welche das Plasma zusammensetzen, sind 
nach höchst complicirten Gesetzen gruppenweise geordnet. Aber 
leider sind unsere mikroskopischen Hülfsmittel viel zu schwach, 
um uns in diese Anordnung irgend einen Einblick zu gestatten; 
und ebenso wenig ist bisher die Physik und Cliemie im Stande 
gewesen, eine befriedigende physiologische Vorstellung von der 
molekularen Zusammensetzung und Umbildung des Plasma zu 
gewinnen. Alle Ansichten, welche darüber aufgestellt und in den 
folgenden Vererbungs- Theorien erörtert sind, beruhen auf reiner 
Muthmaassung und sind — strenggenommen — metaphysische 
Speculationen. Wir betrachten sie nach der Reihenfolge ihres 
Erscheinens, die Pangenesis-Theorie (Darwin, 1868), die Perige- 
nesis-Theorie(Haeckel, 1876), die Idioplasma-Tlieorie (Naegeli, 
1884), die Keimplasma-Theorie (Weismann, 1885), die Theorie 
der intracellularen Pangenesis (Vries, 1889). 



IX. Pangenesis-Hypothese von Darwin. 199 

I. Die Pangenesis-Theorie, wurde 1868 von Darwin in 
seinem inhaltreichen Werke über „das Variiren der Thiere und 
Pflanzen im Znstande der Domestication" aulgestellt und 1875 
in der zweiten Auflage desselben (im 27. Capitel) weiter aus- 
geführt. Darwin nimmt an, dass alle Zellen des Organismus 
(als Lebens-Einheiten) sich nicht allein durch Theilung vermehren 
und difterenziren, sondern auch kleinste Körnchen abgeben, welche 
sich in allen Theilen des Körpers zerstreuen; diese unermesslich 
kleinen Körnchen nennt er Keimchen oder Gemmulae; sie 
sammeln sich in den Geschlechts-Elementen und setzen in der 
nächsten Generation das neue Wesen zusammen ; aber sie können 
auch in schlummerndem Zustande an künftige Generationen über- 
liefert und dann erst entwickelt werden. Auch kann jede Zelle 
während ihrer ganzen Entwickelungs-Dauer Körnchen abgeben; 
und diese Körnchen besitzen in schlummerndem Zustande eine 
gegenseitige Verwandtschaft, welche zu ihrer Anhäufung in den 
Geschlechts-Elementen führt. 

Diese „provisorische Hypothese" der Pangenesis, wie sie 
Darwin selbst vorsichtig bezeichnet, scheint mir unter den zahl- 
reichen weittragenden Theorien des grossen Meisters die schwächste 
und haltloseste zu sein. Ich habe sie von Anfang an für ver- 
fehlt gehalten, und in der sogleich zu erwähnenden Schrift über 
Perigenesis (S. 32 — 72) ausführlich die Gründe entwickelt, welche 
mir ihre Annahme unmöglich machen. Sie scheint mir unver- 
einbar mit den fundamentalsten Thatsachen der Histologie und 
Ontogenie; sowohl der Aufbau der Gewebe aus den Zellen, als 
die Entstehung der dift'erenzirten Zellen aus den Keimblättern, 
und deren Entwickelung aus der befruchteten Eizelle, scheinen 
mir in unlösbarem Widerspruch mit der Pangenesis-Hypothese 
zu stehen; consequent ausgeführt, leitet dieselbe zu der Praefor- 
mations-Theorie von Hai 1er u. A. Dasselbe gilt auch von der 
Modification , welche W. K. Brooks derselben 1883 in seinem 
Werke über das Vererbungs-Gesetz gegeben hat. Seine Pan- 
genesis unterscheidet sich von derjenigen Darwin's wesentlich 
nur durch eine Annahme; die Zellen sollen die Keimchen oder 
Gemmulae nicht beständig abwerfen, sondern nur dann, wenn 



200 Perigenesis-Hypothese von Haeckel. JX. 

sie unter neue ungewohnte Bedingungen gerathen. Auch soll 
die männliche Samen-Zelle viel mehr mit Gemmulae angefüllt 
sein, als die weibliche Ei-Zelle; daher soll jene mehr das pro- 
gressive, diese das conservative Element bei der Fortpflanzung 
und Vererbung darstellen. 

TT. Die Perigeuesis-Theorie wurde von mir 1876 in 
einer Abhandlung „über die "Wellenzeugung der Lebenstheilchen, 
oder die Perigenesis der Plastidule" begründet und als ein „pro- 
visorischer Versuch zur mechanischen Erklärung der 
elementaren Entwickehings- Vorgänge" und besonders der Ver- 
erbung bezeichnet (im II. Tiefte meiner „Gesammelten popu- 
lären Vorträge, Bonn, 1879, p. 25 — 80). Die Perigenesis-Hypo- 
these sucht das Wesen der Vererbung durch ein einfaches me- 
chanisches Princip zu erklären, nämlich durch das bekannte 
T^rincip der übertragenen Bewegung. Ich nehme an, dass 
bei jedem l'ortpflanzungs -Vorgang nicht allein die besondere 
chemische Zusammensetzung das Plasson oder Plasma vom Zeu- 
genden auf das Erzeugte übertragen wird, sondern auch die beson- 
dere Form der Molekular-Bewegung, welche mit seiner physikalisch- 
chemischen Natur verknüpft ist. In Uebereinstimmung mit den 
Grundsätzen der heutigen Histologie und Tlistogenie nehme ich 
an, dass nur jenes Plasma (entweder das Karyoplasma des Zell- 
Kcrns, oder das Cytoplasma des Zeil-Leibes) der ursprüngliche 
Träger aller activen Lebens-Thätigkeit, also auch der Vererbung 
und Fortpflanzung ist. Dieses IMasma oder Plasson ist bei allen 
Piastiden (sowohl den kernlosen Cytoden als der echten kern- 
haltigen Zellen) aus Plastidulen oder Plasma-Molekülen zu- 
sammengesetzt; und diese sind „wahrscheinlich stets von Wasser- 
hüllen umgeben; die grössere oder geringere Dicke dieser Wasser- 
hüllen, welche zugleich die benachbarten Plastidule scheiden und 
verbinden, bedingt den weicheren oder festeren Zustand des ge- 
quollenen Plasson" (a. a. 0. S. 48). „Die Vererbung ist Ueber- 
tragung der Plastidul-Bewegung, die Anpassung hingegen Ab- 
änderung derselben" (S. 55). Man kann sich diese Bewegung im 
Grossen und Ganzen unter dem Bilde einer verzweigten AVellen- 
Bewegung vorstellen. Bei allen Protisten oder einzelligen 



JX. Generationsfolge oder Strophogenesis. 201 

Organismen (Protophyten und Protozoen) verläuft diese perio- 
dische Massen-Bewegung in verhältnissmässig einfacher Form, 
während sie sich bei allen Histonen oder vielzelligen Lebe- 
A)'esen (Metaphyten und ^letazoen) mit einer Wechselzeugung 
der Plastidcn und einer Arbeits -Theilung der Plastidule ver- 
bindet; diese hatte ich schon 1866 im 17. Capitel der generellen 
Morphologie als Generations folge oder Strophogenesis erläu- 
tert (Bd. ir, S. 104). 

Die m n i s t i s c h e P hi 1 s p h i e wird die Perigenesis-Hypothese 
um so elier als Grundlage einer mechanischen Vererbungs-Theorie 
annehmen dürfen, als ich zugleich die Plastidule als beseelte 
Moleküle (ähnlich den „Monaden" von Leibnitz) betrachte und 
annehme, dass die Bewegungen derselben (Anziehung und Ab- 
stossung) ebenso mit Empfindungen (Lust und Unlust) verknüpft 
sind, wie die Bewegungen der Atome, aus welchen sie zusammen- 
gesetzt sind. Ohne die Annahme einer derartigen niederen (un- 
bewussten) Empfindung und Willens-Bewegung in aller Materie 
bleiben mir die einfachsten chemischen und physikalischen Pro- 
cesse unverständlich; beruht doch auf ihrer Aunalime die ganze 
Vorstellung von der Wahl-Verwandtschaft, oder der chemi- 
schen Affinität (a. a. 0. S. 49). Die Plastidule unterscheiden sich 
al)er von allen anderen Molekülen durch die Fähigkeit der Ke- 
production oder des Gedächtnisses. Wie schon 1870 der 
Physiologe Ewald Hering in seiner ausgezeiclmeten Abhandlung 
„über das Gedächtniss, als eine allgemeine Function der organi- 
sirten Materie" gezeigt hat, bleiben uns ohne die Annahme eines 
solchen (unbewussten) Gedächtnisses die wichtigsten Lebens- 
Erscheinuugen , und vor allen diejenigen der Fortpflanzung und 
A' ererbung, ganz unerklärlich (S. 51). Mit Bezug darauf kann 
man auch „die Erblichkeit als das Gedächtniss der Plastidule und 
die Variabilität als die Fassungskraft der Plastidule" bezeichnen 
(S. 72). 

III. Die Idioplasma-Theorie ist 1884 von Carl Naegeli 
in seinem umfangreichen Werke : Mechanisch-physiologische Theorie 
der Abstammungs - Lehi'e aufgestellt worden. Dieser ausgezeich- 
nete Botaniker betrachtet als wesentlichen Factor der Vererbung 



202 Idioplasma-Hypothese von Naegeli. IX. 

und als Träger der erblichen Anlagen das Idioplasma, d. h. 
nur jenen Theil des Plasma oder Plasson, welcher als Keim alle 
erblichen Anlagen überträgt, im Gegensätze zum blossen Ernäh- 
rungs-Plasma. Die kleinsten Theile desselben, welche durch ihre 
eigenthümliche Zusammenordnung die Beschaffenheit des Idio- 
plasma bestimmen, nennt Naegeli Micellen; sie entsprechen im 
Wesentlichen meinen Plastidulen und werden als umgeben von 
AVasserhiillen gedacht. Die specifische Natur des Idioplasma, 
welches meinem Plasson analog ist, soll nun „in der Configura- 
tion des Querschnitts von Strängen paralleler ]\Iicell- Reihen be- 
stehen". Die Idioplasma -Stränge sind durch den ganzen Orga- 
nismus in Gestalt eines grossen zusammenhängenden (unsicht- 
baren) Netzwerkes ausgespannt. Dieses verändert sich von Ge- 
neration zu Generation aus inneren Ursachen, während es 
dem Einflüsse der äusseren Existenz-Bedingungen gar nicht oder 
nur in sehr geringem Maasse unterworfen ist. Daher haben auch 
äussere Ursachen (insbesondere Veränderungen des Klimas, 
der Nahrung, der Umgebung u. s. w.) keinen oder nur sehr un- 
bedeutenden Einfluss auf die Umbildung der Arten. Vielmehr 
wird diese durch ein inneres eigcnthümliches Vervollkomm- 
nungs-Princip geleitet. Dieses bewirkt die Umformung der 
kleineren oder grösseren Formen -Gruppen in einer bestimmten 
fortschreitenden Richtung, dabei übt die Selection nur eine ganz 
geringe oder gar keine Wirkung aus. 

^Vie man sieht, führt Naegeli zur Erklärung der Verer- 
bung und der organischen Entwickelung ein rein teleologi- 
sches Princip in die Biologie wieder ein. Sein „inneres Ver- 
vollkommnungs-Princip", das die ganze Entwickelung bedingt, ist 
nichts Anderes als die alte Lebenskraft in neuer Form, ein y 
statt eines x; und diese unbekannte Grösse wird uns dadurch 
nicht begreiflicher, dass sie Naegeli als eine immanente Eigen- 
schaft seines Idioplasma hinstellt. Schwer begreiflich ist, wie 
ein so scharfsinniger Naturforscher ( — der sich selbst für einen 
streng exacten Physiologen hält — ) sich über das wahre Wesen 
seiner naturphilosophischen Molekular -Hypothese so vollkommen 
täuschen konnte. Er verwirft sowohl die Pangenesis Darwin 's 



IX. Keimplasma-Hypothese von Weismanu. 203 

als meine PerigeDesis vollständig, und erklärt sie für „Producta 
der Naturphilosophie, und als solche so gut wie jedes andere 
aus der gleichen Quelle erflossenc Product." Er merkt dabei 
nicht, dass von seiner eigenen Hypothese ganz dasselbe gilt, und 
dass man von ihm mit denselben Worten sagen könnte: „Ihr Feh- 
ler ist wie bei jeder natur- philosophischen Lehre der, dass sie 
ihre Ahnungen als Thatsachen ausgiebt, und liir dieselben un- 
passende naturwissenschaftliche Bezeichnungen braucht, und in 
unberechtigter Weise naturwissenschaftliche Bedeutung in An- 
spruch nimmt" (a. a. 0. S. 81). Ganz dasselbe gilt auch von 
dem metaphysischen letzten Abschnitt seines Werkes: „Kräfte 
und Gestaltungen im molekularen Gebiet", und insbesondere von 
seiner Hypothese der Isagitaet (S. 807). Kein exacter Physiker 
erkennt in denselben etwas Anderes als phantasiereiche meta- 
physische Speculationen. Abgesehen von seiner ganz unbewiese- 
nen Vererbungs-Theorie und vielen davon ausgehenden Irrthü- 
mern, enthält übrigens Naegeli's Werk eine Anzahl von sehr 
werthvollen Beiträgen zur Theorie der Abstammungs-Lehre, leider 
nur nicht ihre „mechanisch -physiologische Begründung". Vor- 
trefflich sind insbesondere die Capitel über Phylogenetische Ent- 
wickelungs-Geschichte und Generationswechsel (VIT, VIII), über 
Morphologie und Systematik als phylogenetische Wissenschaften 
(IX), und Urzeugung (II). Viele darin enthalteneu Ausführun- 
gen decken sich mit denjenigen, welche ich zuerst 1866 in mei- 
ner generellen Morphologie entwickelt hatte. 

IV. Die Keimplasma-Theorie wurde 1885 von August 
Weis mann begründet, in einer Abhandlung über „die Continuität 
des Keimplasma's als Grundlage einer Theorie der Vererbung." 
Diese Theorie stimmt mit den beiden vorhergehenden in der An- 
nahme überein, dass die unmittelbare Ursache der individuellen 
Entwickelung und die materielle Grundlage der Vererbung in den 
Molekülen der plasmatischen Keimsubstanz zu suchen ist, ent- 
weder im Kerne oder im Protoplasma der Fortpflanzungszellen. 
Während aber meine Perigenesis - Hypothese das mechanische 
Princip der übertragenen Bewegung auf die Plasma-Moleküle oder 
Plastidule anwendet und deren Richtung durch Anpassung ab- 



204 Keiraplasma-Hypothese von Weismann. IX. 

ändern lässt; während ferner Naegeli eine innere unbekannte 
Vervollkommnungs-Tendenz, als rein teleologisches Princip, in 
seine Idioplasma- Moleküle oder Micellen hineinlegt und diese 
sich zu netzförmigen Strängen verbinden lässt, erblickt Weis- 
mann die eigentliche Ursache der Vererbung in der Continuität 
des Keimplasma, und diejenige der Abänderung in der Mischung 
der beiden verschiedenen Keim-Plasmen bei der geschlechtlichen 
Zeugung. Er nimmt an, dass im Organismus zwei vollkommen 
getrennte Plasma-Arten neben einander existiren, das Keimplasma 
als Zeugungsstoft", und das somatische Plasma als die Substanz, 
aus der sich alle Gewebe des Körpers entwickeln ( — schon früher 
von Räuber als Germinal-Theil und Personal -Theil des Indivi- 
duums unterschieden — ). Weismann behauptet ferner, dass 
bei jeder Fortpllanzung ein Theil des elterlichen Keimplasma 
nicht zum Aufbau des kindlichen Organismns verwendet wird 
sondern unverändert zurückbleibt und für die Bildung der Keim- 
zellen der folgcuden (leneration verbraucht wird. Auf dieser 
ununterbrochenen Continuität des Kcimplasma, durch die 
ganze Reihe der Generationen, beruht die Vererbung; hingegen 
die Anpassung oder Variation auf der individuellen Verschieden- 
heit der beiden Keimplasma-Arten (des weiblichen Eiplasma und 
männlichen Spermplasma) welche beim sexuellen Zeugungs-Process 
vermischt werden. Als eine wichtige Consequenz seiner Theorie 
betrachtet Weismann die Annahme, dass erworbene Eigenschaf- 
ten nicht vererbt werden können. Er verwirft also das wesent- 
lichste Princip der älteren Lamarck'schen Descendenz- Theorie, 
während er dem Darwin'schen Selections- Princip die weiteste 
AVirksamkeit zugesteht. 

Die vielen morphologischen und physiologischen (»runde, 
welche gegen die Keimplasma-Lehre von AVeismann sprechen, 
sind bereits von Virchow, Kölliker, Detmer, Eimer, Her- 
bert Spencer u. A. ausführlich dargelegt ^vorden. Indem ich 
mich ihnen anschliesse, möchte ich noch besonders hervorheben, 
dass die permanente Trennung der beiden Plasma -Arten in den 
Keim-Zellen nicht nur nicht durch mikroskopische Untersuchung 
bewiesen wird, sondern durch die Thatsachen der Eifurchung und 



IX. lutracellulare Paiigenesis von Vries. 205 

Gastrulation höclist imwahrscheiiilich gemacht wird. Ausserdem 
wird dadurch Weismaiin genötliigt, innere unbekannte Ursachen 
für die Entwickelung seines Keim-Plasma anzunehmen, welche 
ebenso metaphysisch und teleologisch sind wie das innere Ver- 
voIlkonminungs-Princij) im Idioplasma von Naegeli; nur tler Name 
der unbekannten Ursache ist verschieden. Indem schliesslich Weis- 
mann nur die Erblichkeit der indirecten oder potentiellen Varia- 
tion anerkennt, die Vererbung der directen oder actuellen An- 
passung hingegen ganz verwirft, verzichtet er nach meiner Ueber- 
zeugung auf eine mechanische Erklärung der wichtigsten Ti-ans- 
formations- Erscheinungen. 

V. Die Theorie der intracellularen Pangenesis (1889) 
ist kürzlich von dem Botaniker Hugo de Vries erörtert worden, 
in unmittelbarem Anschluss au Darwin's Hypothese (S. 199), 
aber mit dem wesentlichen Unterschiede, dass der von ihm an- 
genommene Keimchen- Transport durch den Körper wegfällt. 
Vries nimmt einen solchen Transport nur innerhalb jeder ein- 
zelnen Zelle an; er giebt eine genauere Definition den Keimchen 
oder (iemmulae (welche er Pangeue nennt) und nimmt au, dass 
jede einzelne erbliche Anlage an einen solchen stofflichen 
Träger, an ein unsichtbares Pangen, gebunden ist. Das ganze 
lebendige Protoplasma ist nur aus Pangenen zusammengesetzt und 
im Zellen- Kerne sind alle Arten von Pangenen des betreffenden 
Individuums vertreten. 

Die lesenswerthe Abhandlung von Vries ist vortrefflich ge- 
schrieben und enthält viele lehrreiche Gedanken über Vererbung. 
Allein eine wirkliche Erklärung derselben, oder auch nur eine 
fassbare Vorstellung ihres Molekular-Processes, giebt sie ebenso- 
wenig, als eine der vier vorhergehenden Hypothesen. Die „ein- 
zelnen erblichen Anlagen" führen wieder zur Praeformations- 
Theorie zurück. Auch bietet der Bau und die Eatwdckeluug der 
thierischen Gewebe ihrer Annahme unüberwindliche Schwierig- 
keiten, welche dem Botaniker Vries bei Betrachtung der viel ein- 
facheren und relativ selbstständigen Pflanzenzelle nicht aufstiessen. 

Ausser den angeführten fünf Vererbungs-Theorien sind neuer- 
dings auch noch von anderen Naturforschern Versuche zu einer 



20G Zellkern als Organ der Vererbung. IX. 

Erklärung dieser wunderbaren Erscheinungen gemacht worden. 
Diese stellen aber entweder nur untergeordnete Modificationen 
von einer jener fünf Hypothesen dar, oder sie entfernen sich so 
sehr von den bekannten Grun.dlagen unserer empirischen Kennt- 
nisse, dass wir sie nicht hervorzuheben brauchen. Die weitere 
Frage, ob bei der Fortpflanzung blo.ss der Kern der Zellen, oder 
auch ihr Protoplasma Träger der erblichen Eigenschaften ist, 
wird jetzt meistens zu Gunsten des ersteren bejaht. Ich hatte 
schon 1866 in meiner Generellen Morphologie (Bd. I, S. 288) be- 
hauptet, „dass der innere Kern die Vererbung der erblichen 
Charaktere, das äussere Plasma dagegen die Anpassung an die 
Verhältnisse der Aussenwelt zu besorgen hat". Neuerdings sind 
namentlich durch die ausgezeichneten Untersuchungen der Gebrü- 
der Hertwig, E. Strasburger und Anderen sehr überzeugende 
Wahrscheinlichkeits-Gründe für diese Ansicht geliefert worden. 

Unsere Kenntniss von der Vererbung und Fortpflanzung ist 
durch diese und zahlreiche andere Untersuchungen in den letzten 
ih-ei Decennion ausserordentlich gefördert worden. Freilich er- 
khirt uns keine von den fünf angeführten Molekular-Hypothesen 
das Räthsel dieser wunderbaren Vorgänge vollständig; eher haben 
sie dazu gedient, uns die ausserordentliche Verwickelung der hier 
stattfindenden unsiclitbaren Processe, und unsere Unfähigkeit, sie 
zu begreifen, uns zum klaren Bewusstsein zu bringen. Aber 
trotzdem haben wir dadurch die früheren mystischen Vorstellungen 
über ihre Natur abgestreift, und allgemein die Ueberzeugung ge- 
wonnen, dass es sich dabei um physiologische Functionen 
handelt, um Lebensthätigkeiten der Zellen, welche gleich allen 
andern Lebens-Erscheinungen auf chemisch-physikalische Processe 
zurückzufülu-en, mithin mechanisch zu erklären sind. 



Zehnter Vortrag. 

Anpassung und Ernährung. Anpassungs-Gesetze. 



Anpassung (Adaptation) und Veränderlichkeit (Variation). Zusammen- 
hang der Anpassung mit der Ernährung (Stoffwechsel und Wachsthum). 
Unterscheidung der iudirecten und directen Anpassung. Gesetze der indirecteu 
oder potentiellen Anpassung. Individuelle Anpassung. Monströse oder sprung- 
weise Anpassung. Geschlechtliche oder sexuelle Anpassung. Gesetze der 
directen oder actuellen Anpassung. Allgemeine oder universelle Anpassung. 
Gehäufte oder cumulative Anpassung. Gehäufte Einwirkung der äusseren 
Existenzbedingungen und gehäufte Gegenwirkung des Organismus. Der freie 
Wille. Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe. Uebung und Gewohnheit. 
Functionelle Anpassung. Wechselbezügliche oder correlative Anpassung. 
Wechselbeziehungen der Entwickelung. Correlation der Organe. Erklärung 
der indirecten oder potentiellen Anpassung durch die Correlation der Ge- 
schlechtsorgane und der übrigen Körpertheile. Nachäffung oder mimetische 
Anpassung (Miniicry). Abweichende oder divergente Anpassung. Unbe- 
schränkte oder unendliche Anpassung. 

Meine Herren! Nachdem wir in den beiden letzten Vorträgen 
die wichtigsten Gesetze und Theorien der Vererbung erörtert 
haben, wenden wir uns nunmehr zu der zweiten grossen Reihe 
von Erscheinungen, welche bei der natürlichen Züchtung in Be- 
tracht kommen, nämlich zu denen der Anpassung oder Abän- 
derung. Diese Erscheinungen stehen, im Grossen und Ganzen 
betrachtet, in einem gewissen Gegensatze zu den Vererbungs- 
Erscheinungen, und die Schwierigkeit, welche die Betrachtung 
beider darbietet, besteht zunächst darin, dass beide sich auf das 
Vollständigste durchkreuzen und verweben. Daher sind wir nur 
selten im Stande, bei den Form- Veränderungen, die unter unseru 
Augen geschehen, mit Sicherheit zu sagen, wieviel davon auf die 
Vererbung-, wieviel auf die Abänderung zu beziehen ist. Alle 



208 Anpassung und Veränderlichkeit. X. 

Form - Charaktere , durcli welche sich die Organismen unterschei- 
den, sind entweder durch die Vererbung oder durch die Anpas- 
sung verursacht; da aber beide Functionen beständig in Wechsel- 
wirkung, zu einander stehen, ist es für den Systematiker ausser- 
ordentlich schwer, den Antheil jeder der beiden Functionen an 
der speciellen Bildung der einzelnen Formen zu erkennen. Dies 
ist gegenwärtig um so schwieriger, als man sich noch kaum der 
ungeheuren Bedeutung dieser Thatsache bewusst geworden ist, 
und als die meisten Naturforscher die Theorie der Anpassung 
ebenso wie der Vererbung vernachlässigt haben. Die vorher auf- 
gestellten Vererbungs-Gesetze, wie die sogleich anzuführenden Ge- 
setze der Anpassung, bilden wahrscheinlich nur einen Bruchtheil 
der vorhandenen, meist noch nicht untersuchten Erscheinungen 
dieses Gebietes; und da jedes dieser Gesetze mit jedem anderen 
in Wechselbeziehung treten kann, so geht daraus die unendliche 
Verwickelung von physiologischen Thätigkeiten hervor, die bei 
der Formlüldung der Organismen in der That wirksam sind. 

AVas nun die Erscheinung der Abänderung oder Anpassung 
im Allgemeinen betritit, so müssen wir dieselbe, ebenso wie die 
Thatsache der V'^ererbung, als eine ganz allgemeine physiologische 
Grundeigenschaft aller Organismen ohne Ausnahme hinstellen, als 
eine Lebensäusserung, welche von dem Begriffe des Organismus 
gar nicht zu trennen ist. Streng genommen müssen wir auch 
hier, wie bei der Vererbung, zwischen der Anpassung selbst und 
der Anpassungsfähigkeit unterscheiden. Unter Anpassung (Adap- 
tatio) oder Abänderung (Variatio) verstehen wir die That- 
sache, dass der Organismus in Folge von Einwirkungen der um- 
gebenden Aussen weit gewisse neue Eigenthümlichkeiten in seiner 
Lebensthätigkeit, Mischung und Form annimmt, welche er nicht 
von seinen Eltern geerbt hat; diese erworbenen individuellen 
Eigenschaften stehen den ererbten gegenüber, welche seine Eltern 
und Voreltern auf ihn übertragen haben. Dagegen nennen wir 
Anpassungs-Fähigkeit (Adaptabilitas) oder Veränderlichkeit 
(Variabilitas) die allen Organismen inne wohnende Fähigkeit, 
derartige neue Eigenschaften unter dem Einflüsse der Aussenwelt 
zu erwerben. 



X. Aii])as,sung uinl Veräiulerlichkeit. 209 

Die unleugbare Thatsjielie der orgauischeu Anpassung oder 
Abänderung ist allbekannt und an tausend uns umgebenden Er- 
scheinungen jeden Augenblick wahrzunehmen. Allein gerade des- 
halb, weil die Erscheinungen der Abänderung durch äussere Ein- 
flüsse selbstverständlich erscheinen, hat man dieselben bisher 
noch fast gar nicht einer genaueren wissenschaftlichen Unter- 
suchung unterzogen. Es gehören dahin alle Erscheinungen, welche 
wir als die Folgen der Angewöhnung und Abgewöhnung, der 
Hebung und Nichtiibung betrachten, oder als Folgen der J)ressur, 
der Erziehung, der Accliniatisation, der Gymnastik u. s. w. Auch 
viele bleibende Veränderungen durch krankmachende Ursachen, 
viele Krankheiten sind weiter nichts als gefährliche Anpassungen 
des Organismus an verderbliche Lebensbedingungen. Bei den 
Cultur-Pflanzen und Hausthieren tritt die Erscheinung der Ab- 
änderung so auflallend und mächtig hervor, dass eben darauf der 
Thierziichter und Gärtner seine ganze Thätigkeit gründet, oder 
vielmehr auf die Wechselbeziehung, in welche er diese Erschei- 
nungen mit denen der \'ererbung setzt. Ebenso ist von den 
Pflanzen und Thieren im Avilden Zustande allbekannt, dass sie 
abändern oder variiren. Jede systematische Bearbeitung einer 
Thier- oder Pflanzen-Gruppe müsste, wenn sie ganz vollständig 
und erschöpfend sein wollte, bei jeder einzelnen Art eine Menge 
von Abänderungen anführen, welche mehr oder weniger von der 
herrschenden oder typischen Hauptform der Species abweichen. 
In der Tliat finden Sie in jedem genauer gearbeiteten systema- 
tischen Specialwerk bei den meisten Arten eine Anzahl von 
solchen Variationen und Umbildungen angeführt, welche bald als 
individuelle Abweichungen, bald als sogenannte Spielarten, Ras- 
sen, Varietäten, Abarten oder Unterarten bezeichnet werden. 
Oft entfernen sich dieselben ausserordentlich weit von der Stamm- 
art, und doch sind sie lediglich durch die Anpassung des Orga- 
nismus an die äusseren Lebensbedingungen entstanden. 

Wenn wir nun zunächst die allgemeinen Ursachen dieser 
Anpassungs-Erscheinungen zu begründen suchen, so kommen wir 
zu dem Resultate, dass dieselben in Wirklichkeit so einfach sind, 
als die Ursachen der Erblichkeits-Erscheinungen. Wie wir für 

Haeckel, Natiirl. Schiipfuugs-Gesch. 8. Aiill. 1-4 



210 Anpassung uiul Veränderlichkeit. X. 

die Vorerbuiigs-Thatsacbeii die Fortpflanzung als allgemeine Grund- 
ursache nachwiesen, die Uebertragung der elterlichen Materie auf 
den kindlichen Körper, so können wir für die Thatsachen der 
Anpassung oder Abänderung, die physiologische Thätigkeit der 
Ernährung oder des Stoffwechsels als die allgemeine Grund- 
ursache hinstellen. Wenn ich hier die „Ernährung" als Grund- 
ursache der Abänderung und Anpassung anführe, so nehme ich 
dieses Wort im weitesten Simie, und verstehe darunter die ge- 
sammten trophischen Veränderungen, welche der Organis- 
mus in allen seinen Theilen durch die Einflüsse der ihn umge- 
benden Aussenwelt erleidet. Es gehört also zur F^rnährung nicht 
allein die Aufnalime der wirklich nährenden Stofl"e und der Ein- 
fluss der vcrschiedenartigon Nahrung; sondern auch z. B. die 
Einwirkung, welche das Wasser und die Atmosphäre, das Son- 
nenlicht und die Temperatur auf die chemisch-physikalische Be- 
schaffenheit des Körpers ausüben; kurz der Einfluss aller der- 
jenigen meteorologischen Erscheinungen, welche man unter dem 
Begrifl" „Klima" zusammenfasst. Auch der mittelbare und un- 
mittelbare Einfluss der Bodenbeschafl'enheit und des AVohnorts 
gehört hierher, ferner der äusserst wichtige und vielseitige Ein- 
fluss, welchen die umgebenden Organismen, die Freunde und 
Nachliarn, die Feinde und Räul)cM-, die Schmarotzer oder Para- 
siten u. s. w, auf jedes Tliier und auf jede Pflanze ausüben. Alle 
diese und noch viele andere höchst wichtige Einwirkungen, welche 
alle die Gewebe des Organismus mehr oder weniger in ihrer ma- 
teriellen Zusammensetzung verändern, müssen hier beim Stoff"- 
wechsel in Betracht gezogen werden. Demgeraäss wird die An- 
passung die Folge aller jener materiellen Veränderungen sein, 
welche die äusseren Existenz -Bedingungen in der Ernährung 
der Elementartheil e, die Einflüsse der umgebenden Aussen- 
welt im Stoffwechsel und im Wachsthum des Organismus 
hervorbringen. 

Wie sehr jeder Organismus von seiner gesammten äusseren 
Umgebung abhängt und durch deren Wechsel verändert wird, ist 
Ihnen Allen im Allgemeinen bekannt. Denken Sie bloss daran, 
wie die menschliche Thatkraft von der Temperatur der Luft ab- 



X. Zusamraenliang der Anpassimg und der Einährung. 211 

hängig ist, oder die (lemüthsstimiiiung von der Farbe des Him- 
mels. Je nachdem der Himmel wolkenlos und sonnig ist, oder 
mit trüben, schweren Wolken bedeckt, ist unsere Stimmung hei- 
ter oder trübe. Wie anders empfinden und denken wir im Walde 
während einer stürmischen Winternacht und während eines hei- 
tern Sommertages! Alle diese verschiedenen Stimmungen unserer 
Seele beruhen auf rein materiellen Veränderungen unseres Ge- 
hirns, auf molekularen Plasma- Bewegungen, welche mittelst der 
Sinne durch die verschiedene Einwirkung des Lichtes, der Wärme, 
der Feuchtigkeit u. s. w. hervorgebracht werden. „Wir sind ein 
Spiel von jedem Druck der Luft!" 

Nicht minder wichtig und tiefgreifend sind die Einwirkun- 
gen, welche unser Geist und unser Körper durch die verschiedene 
Qualität und Quantität der Nahrungsmittel im engeren Sinne er- 
fährt. Unsere Geistesarbeit, die Thätigkeit unseres Verstandes 
und unserer Phantasie ist gänzlich verschieden, je nachdem wir 
vor und während derselben Thee und Kaffee, oder Wein und 
Bier genossen haben. L^nsere Stimmungen, Wünsche und Gefühle 
sind ganz anders, wenn wir hungern und wenn wir gesättigt sind. 
Der Nationalcharakter der Engländer und der Gauchos in Süd- 
amerika, welche vorzugsweise von Fleisch, von stickstoffreicher 
Nahrung leben, ist gänzlich verschieden von demjenigen der kar- 
toffelessenden Irländer und der reisessenden Chinesen, welche 
vorwiegend stickstofflose Nahrung geniessen. Auch lagern die 
letzteren viel mehr Fett ab, als die ersteren. Hier wie überall 
gehen die Veränderungen des Geistes mit entsprechenden Umbil- 
dungen des Körpers Hand in Hand; beide sind durch rein ma- 
terielle Ursachen bedingt. Ganz ebenso wie der Mensch, werden 
aber auch alle anderen Organismen durch die verschiedenen Ein- 
flüsse der Ernährung abgeändert und umgebildet. Ihnen allen 
ist bekannt, dass wir willkürlich die Form, Grösse, Farbe u. s. w. 
bei unseren Cultur-Pflanzen und Hausthieren durch Veränderung 
der Nahrung abändern können, dass wir z. B. einer Pflanze ganz 
bestimmte Eigenschaften nehmen oder geben können, je nachdem 
wir sie einem grösseren oder geringeren Grade von Sonnenlicht 
und Feuchtigkeit aussetzen. Da diese Erscheinungen ganz allge- 

14* 



212 Unterscheidung der indirecteu und direclen Anpassung. X. 

mein verbreitet und bekannt .sind, und wir sogleich zur Betrach- 
tung der verschiedenen Anpassungs- Gesetze übergehen werden, 
wollen wir uns hier nicht länger bei den allgemeinen Thatsachen 
der Abänderung aufhalten. 

Gleichwie die verschiedenen Vererbungs- Gesetze sich natur- 
gemäss in die beiden Reihen der conservativen und der progres- 
siven Vererbung sondern lassen, so kann man unter den Anpas- 
sungs-Gesetzen ebenfalls zwei verschiedene Reihen unterscheiden, 
nämlich erstens die Reihe der indirecten oder mittelbaren, und 
zweitens die Reihe der directen oder unmittelbaren Anpassungs- 
Gesetze. Letztere kann man auch als actuelle, erstere als poten- 
tielle Anpassungs-Gesetze bezeichnen. 

Die erste Reihe, welche die Erscheinungen der unmittelbaren 
uder indirecten (potentiellen) Anpas.sung umfasst, ist im Ganzen 
bis jetzt sehr wenig berücksichtigt worden, und es bleibt das 
Verdienst Darwin's, auf diese Reihe von Veränderungen ganz 
besonders hingewiesen zu haben. In jüngster Zeit hat namentlich 
August Weismann dieselben sehr eingehend untersucht, und 
ihnen zuletzt, als einzig erblichen Abartungen, eine so ausschliess- 
liche Geltung zugeschrieben, dass er die Vererbung von directen 
Anpassungen überhaupt leugnet. Es ist etwas schwierig, diesen 
(iegenstand gehörig klar darzustellen; ich werde versuchen. Ihnen 
densell)en nachher durch Beispiele deutlich zu machen. Ganz all- 
gemein ausgedrückt besteht die indirecte oder potentielle An- 
passung in der Thatsache, dass gewisse A'^eränderungen im Orga- 
nismus, welche durch den Einfluss der Nahrung (im weitesten 
Sinne) und ül)erhaupt der äusseren Existenz-Bedingungen bewirkt 
werden, nicht in der individuellen Form-Beschafi'enheit des betrof- 
fenen Organismus selbst, sondern in derjenigen seiner Nachkom- 
men sich äussern und in die Erscheinung treten. So wird na- 
mentlich bei den Organismen, welche sich auf geschlechtlichem 
Wege fortpllanzen, das Reproductions-System oder der Geschlechts- 
Apparat oft durch äussere ^Virkungen, welche im Lel)rigeu den 
Organismus wenig berülu"en, dergestalt beeinflusst, dass die Nach- 
kommenschaft desselben eine ganz veränderte Bildung zeigt. Sehr 
auffällig kann man das an den künstlich erzeugten Monstrositäten 



X. Unterscheidung der indircoten uiul directen Anpassung. 21)) 

sehen. Man kann Monstrositäten oder Missgeburten dadurch er- 
zeugen, dass man den elterlichen Organismus einer l)estinimten, 
ausserordentlichen Lebensbedingung unterwirft. Diese unge- 
wohnte Lebensbedingung er/.eugt aber nicht eine Veränderung 
des Organismus selbst, sondern eine Veränderung seiner Nach- 
kommen. Man kann das nicht als Vererbung bezeichnen, weil 
ja nicht eine im elterlichen Organismus vorhandene Eigenschaft 
als solche erblich auf die Nachkommen übertragen wird. Viel- 
mehr tritt eine Abänderung, welche den elterlichen Organismus 
betraf, aber nicht wahrnehmbar afticirte, erst in der eigenthüm- 
lichen Bildung seiner Nachkommen wirksam zu Tage. Bloss der 
Anstoss zu dieser neuen Bildung wird durch das Ei der Mutter 
oder durch den Samenfaden des Vaters bei der Fortpflanzung über- 
tragen. Die Neubildung ist im elterlichen Organismus bloss der 
Möglichkeit nach (potentia) vorhanden; im kindlichen wird sie 
zur Wirklichkeit (actu). 

Indem man diese sehr wichtige und sehr allgemeine Erschei- 
nung bisher ganz verna<ihlässigt hatte, war man geneigt, alle wahr- 
nehmbaren Abänderungen und Umbildungen der organischen For- 
men als Anpassungs-Erscheinungen der zweiten Reihe zu betrachten, 
derjenigen der unmittelbaren oder directen (actuellen) Anpassung. 
Das Wesen dieser Anpassungs- Gesetze liegt darin, dass die den 
Organismus betreffende Veränderung (in der Ernährung u. s. w.) 
bereits in dessen eigener Umbildung und nicht erst in derjenigen 
seiner Nachkommen sich äussert. Hierher gehören alle die be- 
kannten Erscheinungen, bei denen wir den umgestaltenden Einfluss 
des Klimas, der Nahrung, der Erziehung, Dressur u. s. w. unmit- 
telbar an den betroffenen Individuen selbst in seiner Wirkung 
verfolgen können. 

Wie die beiden Erscheinungs-Reihen der conservativen und 
der progressiven Vererbung trotz ihres principiellen Unterschiedes 
vielfach in einander greifen und sich gegenseitig modificiren, viel- 
fach zusammenwirken und sich durchkreuzen, so gilt das in noch 
höherem Maasse von den beiden entgegengesetzten und doch innig 
zusammenhängenden Erscheinungs-Reihen der indirecten und der 
directen Anpassung. Einige Naturforscher, namentlich Darwin, 



214 Unterscheidung der indirecten und directen Anpassung. X. 

Carl Vogt und Weismann, schreiben den indirecten oder po- 
tentiellen Anpassungen eine viel bedeutendere oder selbst eine 
fast ausschliessliche Wirksamkeit zu. Die Mehrzahl der Natur- 
forscher aber war bisher geneigt, umgekehrt das Hauptgewicht 
auf die Wirkung der directen oder actuelien Anpassungen zu legen, 
oder auch diese allein gelten zu lassen, im Anscldusse an die 
Lehren von Lamarck. Eigentlich ist dieser Streit vorläufig ziem- 
lich unnütz. Nur selten sind wir in der Lage, im einzelnen Ab- 
änderungs-Falle beurtheilen zu können, wie viel davon auf Rech- 
nung der directen, wieviel auf Rechnung der indirecten Anpassung 
kömmt. ^Vir kennen im Ganzen diese ausserordentlich wichtigen 
lind verwickelten Verhältnisse noch viel zu wenig, und können 
daher nur im Allgemeinen die Behauptung aufstellen, dass die 
Umbildung der organischen Formen entweder bloss der directen, 
oder bloss der indirecten, oder endlich drittens dem Zusammen- 
wirken der directen und der indirecten Anpassung zuzuschreiben 
ist. Die Physiologie der Ernährung wird die wichtige Aufgabe zu 
lösen haben, die verschiedenen Wirkungen dieser Abänderungen 
näher ( — womöglich experimentell — ) zu untersuchen, und auf ihre 
elementaren Ursachen, auf die physikalisch-chemischen Vorgänge 
im Stoffwechsel und im Wachsthum der Organe zuriickzufülu-en. 

Lassen Sie uns nun etwas näher die verschiedenen Erschei- 
nungs- Formen der Variation betrachten, welche man vorläufig 
als „Gesetze der Anpassung" unterscheiden kann. Zunächst wen- 
den wir uns zu den Abänderungen der ersten Reihe, der indi- 
recten oder potentiellen Anpassung. Wenn diese merk- 
würdigen Erscheinungen auch noch sehr dunkel in ihrem Wesen 
und sehr wenig erforscht in ihren elementaren Ursachen sind, so 
steht doch allgemein und unzweifelhaft die Thatsache fest, dass 
alle organischen Individuen Umbildungen erleiden und neue For- 
men annehmen können in Folge von Ernährungs-Veränderungen, 
welche nicht sie selbst, sondern ihren elterlichen Organismus be- 
trafen. Der umgestaltende Einfluss der äusseren Existenz-Bedin- 
gungen, des Klimas, der Nahrung etc. äussert hier seine Wirkung 
nicht direct, in der Umbildung des Organismus selbst, sondern 
indirect, in derjenigen seiner Nachkommen. 



X. Gesetze der indirecten Anpassung. Individuelle Anpassung. 215 

Als das oberste und allgemeinste von den Gesetzen der in- 
directen Abänderung können wir das Gesetz der individuel- 
len Anpassung hinstellen, nämlich den wichtigen Satz, dass 
alle organischen Individuen von Anbeginn ihrer individuellen 
Existenz an ungleich, wenn auch oft höchst ähnlich sind. Zum Be- 
weise dieses Satzes können wir zunächst auf die Thatsache hin- 
weisen, dass beim Menschen allgemein alle Geschwister, alle 
Kinder eines Elternpaares von Geburt an ungleich sind. Es wird 
Niemand behaupten, dass zwei Geschwister bei der Geburt noch 
vollkommen gleich sind, dass die Grösse aller einzelnen Körper- 
theile, die Zahl der Kopfhaare, der Oberhaut-Zellen, der Blut- 
Zellen in beiden Geschwistern ganz gleich sei, dass beide dieselben 
Anlagen und Talente mit auf die Welt gebracht haben. Ganz 
besonders beweisend für dieses Gesetz der individuellen Verschie- 
denheit ist aber die Thatsache, dass bei denjenigen Thieren, 
welche mehrere Junge werfen, z. B. bei den Hunden und Katzen, 
alle Jungen eines jeden Wurfes von einander verschieden sind, 
bald durch geringere, bald durch auffallendere Differenzen in der 
Grösse, Färbung, Länge der einzelnen Körpertheile, Stärke u. s. w. 
Nun gilt aber dieses (Jesetz ganz allgemein. Alle organischen 
Individuen sind von Anfang an durch gewisse, wenn auch oft 
höchst feine Unterschiede ausgezeichnet, und die Ursache dieser 
individuellen Unterschiede, wenn auch im Einzelnen uns gewöhn- 
lich ganz unbekannt, liegt theilweise oder ausschliesslich in ge- 
wissen Einvvirkungen, welche die Fortpflanzungs-Organe des elter- 
lichen Organismus erfahren haben. 

Manche Naturforscher betrachten die individuelle Variation 
als die wichtigste oder selbst die ausschliessliche Ursache der 
Transformation; so namentlich August Weis man, welcher sie 
als die unmittelbare Folge der geschlechtlichen Fortpflanzung hin- 
stellt. Die amphigone Vererbung bewirkt nach ihm unmittelbar 
die individuelle Anpassung. So hoch wir auch ihren Werth 
schätzen mögen, so können wir ihr doch nicht diese ausschliess- 
liche Bedeutung zugestehen. 

Weniger wichtig und allgemein, als dieses Gesetz der indi- 
viduellen Abänderung, ist ein zweites Gesetz der indirecten An- 



216 Monströse oder sprungweise Anpassung. \ 

passuug, welches wir das Gesetz der monströsen oder 
sprungAveisen Anpassung nennen wollen. Hier sind die Ab- 
weichungen des kindlichen Organismus von der elterlichen Form 
so auffallend, dass wir sie in der Regel als Missgeburten oder 
Monstrositäten bezeichnen können. J)iese werden in vielen Fällen, 
wie es durch Experimente nachgewiesen ist, dadurch erzeugt, dass 
man den elterlichen Organismus einer bestimmten Behandlung 
unterwirft, in eigenthümliche Eni ährungs- Verhältnisse versetzt, 
z. 13. Luft und Licht ihm entzieht oder andere auf seine Ernäh- 
rung mächtig einwirkende Einflüsse in bestimmter Weise abändert. 
Die neue Existenz- Bedingung bewirkt eine starke und auffallende 
Abänderung der Gestalt, aber nicht an dem unmittelbar davon 
betroffenen Organismus, sondern erst an dessen Nachkommen- 
schaft. Die Art und Weise dieser Einwirkung im Einzelnen zu 
erkennen, ist uns auch hier nicht möglich, und wir können nur 
ganz im Allgemeinen den ursächlichen Zusammenhang zwischen 
der monströsen Bildung des Kindes und einer gewissen Verän- 
derung in den Existenz -Bedingungen seiner Eltern, sowie deren 
Einfluss auf die Fortpflanzungs- Organe der letzteren, feststellen. 
In diese Reihe der monströsen oder sprungweisen Abänderungen 
gehören wahrscheinlich die früher erwähnten Erscheinungen des 
Albinismus, sowie die einzelnen Fälle von Menschen mit sechs 
Fingern und Zehen, von ungehörnten Rindern, sowie von Schafen 
und Ziegen mit vier oder sechs Hörnern. Wahrscheinlich ver- 
dankt in allen diesen Fällen die monströse Abänderung ihre Ent- 
stehung einer Ursache, welche zunächst nur das Reproductions- 
System des elterlichen Organismus, das Ei der Mutter oder das 
Sperma des ^'aters afficirte. 

Als eine dritte eigenthümliche Aeusserung der indirecten 
Anpassung können wir das Gesetz der geschlechtlichen 
oder sexuellen Anpassung bezeichnen. So nennen wir die 
merkwürdige Thatsache, dass bestimmte Einflüsse, welche auf die 
männlichen Fortpflanzungs-Organe einwirken, nur in der Form- 
bikluug der männlichen Nachkommen, und ebenso andere Ein- 
flüsse, welche die weiblichen Geschlechts-Organe betreffen, nur in 
der Gestalt- Veränderung der weiblichen Nachkommen ihre Wir- 



X. C4esclilechtliche Anpassung. Ursachen der indircctou Anpassung. 217 

kuno- äussern. Diese merkwürdige Erscheinung ist nocli sehr 
dunkel und wenig beachtet, wahrscheinlich aber von grosser Be- 
deutung für die Entstehung der früher betracliteten „secundären 
Sexual-Charaktere". 

Alle die angeführten Erscheinungen der geschlechtlichen, der 
sprungweisen und der individuellen Anpassung, welche wir als 
„Gesetze der indirecten oder mittelbaren (potentiellen) Anpas- 
sung" zusammenfassen können, sind uns in ihrem eigentlichen 
Wesen, in ihrem tieferen ursächlichen Zusammenhang noch 
äusserst wenig bekannt. Nur soviel lässt sich schon jetzt mit 
Sicherheit behaupten, dass sehr zahlreiche und wichtige Umbil- 
dungen der organischeu Formen diesem Vorgange ihre Entstehung 
verdanken. Viele und auffallende Form-Veränderungen sind ledig- 
lich bedingt durch Ursachen, welche zunächst nur auf die Er- 
nährung des elterlichen Organismus und dadurch auf dessen Fort- 
pflanzungs-Organe einwirkten. Offenbar sind hierbei die wichtigen 
Wechselbeziehungen, in denen die Geschlechts-Organe zu den 
übrigen Körpertheilen stehen, von der grössten Bedeutung. Von 
diesen werden wir sogleich bei dem Gesetze der wechselbezüg- 
lichen Anpassung noch mehr zu sagen haben. Wie mächtig 
überhaupt Veränderungen in den Lehensbedingungen, in der Er- 
nährung auf die Fortpflanzung der Organismen einwirken, beweist 
allein schon die merkwürdige Thatsache, dass zahlreiche wilde 
Thiere, die wir in unseren zoologischen Gärten halten, und ebenso 
viele in unsere botanischen Gärten verpflanzte exotische Ge- 
wächse nicht mehr im Stande sind, sich fortzupflanzen, so z. B. 
die meisten Raubvögel, Papageien und Affen. Auch der Elephant 
und die bärenartigen Raubthiere werfen in der Gefangenschaft 
fast niemals Junge. Ebenso werden viele Pflanzen im Culturzu- 
stande unfruchtbar. Es erfolgt zwar die Verbindung der beiden 
Geschlechter, aber keine Befruchtung oder keine Entwicklung der 
befruchteten Keime. Hieraus ergiebt sich unzweifelhaft, dass die 
durch den Culturzustand veränderte Ernährungsweise die Fort- 
pflanzungs-Fähigkeit gänzlich aufzuheben, also den grössten Ein- 
fluss auf die Geschlechts-Organe auszuüben im Stande ist. Ebenso 
können andere Anpassungen oder Ernährungs- Veränderungen des 



218 Gesetze der directen Anpassung. X. 

elterlichen Organismus zwar nicht den giinzlichen Ausfall der 
Nachkommenschaft, wohl aber bedeutende Umbildungen in deren 
Form veranl assen . 

Viel bekannter als die Erscheinungen der indirecten oder 
potentiellen Anpassung sind diejenigen der directen oder actu- 
ellen Anpassung, zu deren näherer Betrachtung wir uns jetzt 
wenden. Es gehören hierher alle diejenigen Abänderungen der 
Organismen, welche man als die Folgen der Uebung, Gewohnheit, 
Dressur, Erziehung u. s. w. betrachtet, ebenso diejenigen Umbil- 
dungen der organischen Formen, welche unmittelbar durch den 
Einfluss der Nahrung, des Klimas und anderer äusserer Existenz- 
bedingungen bewirkt werden. Wie schon vorher bemerkt, tritt 
hier bei der directen oder unmittelbaren Anpassung der umbil- 
dende Einfluss der äusseren Ursache unmittelbar in der Form 
oder Structur des betroffenen Organismus selbst, und nicht erst 
in derjenigen seiner Nachkommenschaft wirksam zu Tage. 

Unter den verschiedenen CJesetzen der directen oder actuel- 
len Anpassung können wir als das oberste und umfassendste das 
Gesetz der allgemeinen oder universellen Anpassung an 
die Spitze stellen. Dasselbe lässt sich kurz in dem Satze aus- 
sprechen: „Alle organischen Individuen werden im Laufe ihres 
Lebens durch Anpassung an verschiedene Lebensbedingungen ein- 
ander ungleich, obwohl die Individuen einer und derselben Art 
sich meistens sehr ähnlich bleiben." Eine gewisse L^ngleichheit 
der organischen Individuen wurde, wie Sie sahen, schon durch 
das Gesetz der individuellen (indirecten) Anpassung bedingt. 
Allein diese ursprüngliche Ungleichheit der Einzelwesen wird 
späterhin dadurch noch gesteigert, dass jedes Individuum sich 
während seines selbstständigen Lebens seineu eigenthümlichen 
Existenzbedingungen unterwirft und anpasst. Alle verschiedenen 
Einzelwesen einer jeden Art, so ähnlich sie in ilu-en ersten Le- 
bensstadien auch sein mögen, werden im weiteren Verlaufe der 
Existenz einander mehr oder minder ungleich. In geringeren 
oder bedeutenderen Eigenthümlichkeiten entfernen sie sich von 
einander, und das ist eine natürliche Folge der verschiedenen 
Bedingungen, unter denen alle Individuen leben. Es giebt nicht 



X. Allgemeine oder universelle Anpassung. 219 

zwei einzelne Wesen irgend einer Art, die unter ganz gleichen 
äusseren Umständen ilir Leben vollbringen. Die Lebensbedin- 
gungen der Nahrung, der Feuchtigkeit, der Luft, des Lichtes, 
ferner die Lebensbedingungen der Gesellschaft, die Wechselbezie- 
hungen zu den umgebenden Individuen derselben Art und an- 
derer Arten, sind bei allen Einzelwesen verschieden; diese Ver- 
schiedenheit wirkt zunächst auf die Functionen, weiterhin auf die 
Formen jedes einzelnen Organismus umbildend ein. 

Wenn Geschwister einer menschlichen Familie schon von 
Anfang an gewisse individuelle Ungleichheiten zeigen, die wir als 
Folge der individuellen (indirecten) Anpassung betrachten kön- 
nen, so erscheinen uns dieselben noch weit mehr verschieden in 
späterer Lebenszeit, wo die einzelnen Geschwister verschiedene 
Erfahrungen durchgemacht, und sich verschiedenen Lebensverhält- 
nissen angepasst haben. Die ursprünglich angelegte Verschieden- 
heit des individuellen Entwickelungsganges wird offenbar um so 
grösser, je länger das Leben dauert, je mehr verschiedenartige 
äussere Bedingungen auf die einzelnen Individuen Einfluss erlan- 
gen. Das können Sie am einfachsten an den Menschen selbst, 
sowie an den Hausthieren und Cultur-Pflanzen nachweisen, bei 
denen Sie willkürlich die Lebensbedingungen modificiren können. 
Zwei Brüder, von denen der eine zum Arbeiter, der andere zum 
Priester erzogen wird, entwickeln sich in körperlicher und gei- 
stiger Beziehung ganz verschieden; ebenso zwei Hunde eines und 
desselben Wurfes, von denen der eine zum Jagdhund, der andere 
zum Kettenhund erzogen wird. Dasselbe gilt aber auch von den 
organischen Individuen im Naturzustande. Wenn Sie z. B. in 
einem Kiefern- oder in einem Buchenwalde , der bloss aus Bäu- 
men einer einzigen Art besteht, sorgfältig alle Bäume mit ein- 
ander vergleichen, so finden Sie immer, dass von allen hundert 
oder tausend Bäumen nicht zwei Individuen in der Grösse des 
Stammes und der einzelnen Theile, in der Zahl der Zweige, Blät- 
ter, Früchte u. s. w. völlig übereinstimmen. Ueberall finden Sie 
individuelle Ungleichheiten, welche zum Theil w^enigstens bloss 
die Folge der verscliiedenen Lebensbedingungen sind, unter denen 
sich alle Bäume entwickelten. Freilich lässt sich niemals mit 



220 Gehäufte oder curaulative Anpassung. X. 

Bestimmtheit sagen, wie viel von dieser Ungleichheit aller Ein- 
zelwesen jeder Art ursprünglich (durch die indirecte individuelle 
Anpassung bedingt), wie viel davon erworben (durch die directe 
universelle Anpassung beAvirkt) sein mag. 

Nicht minder wichtig und allgemein als die universelle An- 
passung ist eine zweite Erscheinungsreihe der directen Anpassung, 
welche wir das Gesetz der gehäuften oder cumulativen 
Anpassung nennen können. Unter diesem Namen fasse ich 
eine grosse Anzahl von sehr wichtigen Erscheinungen zusammen, 
die man gewöhnlich in zwei ganz verschiedene Gruppen bringt. 
Man unterscheidet in der Regel erstens solche Veränderungen der 
Organismen, welche unmittelbar durch den anhaltenden Ein- 
fluss äusserer Bedingungen (durch die dauernde Einwirkung der 
Nahrung, des Klimas, der Umgebung u. s. w.) erzeugt werden, 
und zweitens solche Veränderungen, welche mittelbar duich 
Gewohnheit und Uebung, durch Angewöhnung an bestimmte Le- 
bensbedingungen, durch Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe 
entstehen. Diese letzteren Einlliissi' sinil insliesondere von La- 
ma rck als wichtige Ursachen der Umbildung der organischen 
Formen hervorgehoben, während man die ersteren schon sehr 
lange in weiteren Kreisen als solche anerkannt hat. 

Die scharfe Unterscheidung, welche man zwischen diesen 
beiden Gruppen der gehäuften oder cumulativen Anpassung ge- 
wöhnlich macht, und welche auch Darwin noch sehr hervorhebt, 
verschwindet, sobald man eingehender und tiefer ül)er das eigent- 
liche Wesen und den ursächlichen Grund der beiden .scheinbar 
sehr verschiedenen Anpassungsreihen nachdenkt. Man gelangt 
dann zu der Ueberzeugung, dass man es in beiden Fällen immer 
mit zwei verschiedenen wirkenden Li'sachen zu thun hat, nämlich 
einerseits mit der äusseren Einwirkung oder Action der an- 
passend wirkenden Lebensbedingung, und andrerseits mit der 
inneren Gegenwirkung oder Reaction des Organismus, wel- 
cher sich jener Lebensbedingung unterwirft und anpasst. Wenn 
man die gehäufte Anpassung in ersterer Hinsicht für sich be- 
trachtet, indem man die umbildenden Wirkungen der andauern- 
den äusseren Existenzbedingungen auf diese letzteren allein be- 



X. Kinwirknng- der Umgebung und Gegenwirkung des Organismus. 221 

zieht, so legt niaii ciuseitiu' tliis IIaui)lgewiclit auf dio äussere 
Einwirkung, und man vernaclilässigt die uothwendig eintretende 
innere Gegenwirkung des Organismus. Wenn man umgekehrt 
die gehäufte Anpassung einseitig in der zweiten I^ichtung ver- 
folgt, indem man die umbildende Selbstthätigkeit des Organis- 
mus, seine Gegenwirkung gegen den äusseren Einfluss, seine Ver- 
änderung durch Uebung, Gewohnheit, Gebrauch oder Nichtge- 
brauch der Organe hervorhebt, so vergisst man, dass diese Ge- 
genwirkung oder Reactiou erst durch die Einwirkung der äusseren 
Existenzbedingung hervorgerufen ward. Es ist also nur ein Un- 
terschied der Betrachtungsweise, auf welchem die Unterscheidung 
jener beiden verschiedenen Gruppen beruht, und ich glaube, dass 
man sie mit vollem Rechte zusammenfassen kann. Das Wesent- 
lichste bei diesen gehäuften Anpassungs-Erscheinungen ist immer, 
dass die Veränderung des Organismus, welche zunächst in seiner 
Function und weiterhin in seiner Formbildung sich äussert, ent- 
weder durch lange andauernde oder durch oft wiederholte Ein- 
wirkungen einer äusseren Ursache veranlasst wird. Die kleinste 
Ursache kann durch Häufung oder Cumulation ihrer Wirkung 
die grössten Erfolge erzielen. 

Die Beispiele für diese Art der directen Anpassung sind 
unendlich zahlreich. Wo Sie nur hineingreifen in das Leben der 
Thiere und Pflanzen, finden Sie überall einleuchtende und über- 
zeugende Veränderungen dieser Art vor Augen. Wir Avollen hier 
zunächst einige durch die Nahrung selbst unmittelbar bedingte 
Anpassuugs-Erscheinungen hervorheben. Jeder von Ihnen weiss, 
dass man die Hausthiere, die man für gewisse Zwecke züchtet, 
verschieden umbilden kann durch die verschiedene Quantität und 
Qualität der Nahrung, welche man ihnen darreicht. Wenn der 
Landwirth bei der Schafzucht feine Wolle erzeugen will, so giebt 
er den Schafen anderes Futter, als wenn er gutes Fleisch oder 
reichliches Fett erzielen will. Die auserlesenen Rennpferde und 
Luxuspferde erhalten besseres Futter, als die schweren Lastpferde 
und Karrengaule. Die Körperform des Menschen selbst, der Grad 
der Fettablagerung z. ß., ist ganz verschieden nach der Nahrung. 
Bei stickstoffreicher Kost wii-d wenig, bei stickstoffarmer Kost 



222 Gehäufte oder cumulative Anpassung. X. 

viel Fett abgelagert. Leute, die mit Hülfe der neuerdings belieb- 
ten Banting-Kur mager werden wollen, essen nur Fleisch und 
Eier, kein Brod, keine Kartoffeln. Welche bedeutenden Ver- 
änderungen man an Cultur- Pflanzen, lediglich durch verän- 
derte Quantität und Qualität der Nahrung hervorbringen kann, 
ist allbekannt. Dieselbe Pflanze erhält ein ganz anderes Aus- 
sehen, wenn man sie an einem trockenen, warmen Ort dem Son- 
nenlicht ausgesetzt hält, oder wenn man sie an einer kühlen, 
feuchten Stelle im Schatten hält. Viele Pflanzen bekommen, 
wenn man sie an den Meeresstrand versetzt, nach einiger Zeit 
dicke, fleischige Blätter; und dieselben Pflanzen, an ausnehmend 
trockene und heisse Standorte versetzt, bekommen dünne, be- 
haarte Blätter. Alle diese Formveränderungen entstehen unmit- 
telbar durch den gehäuften Einfluss der veränderten Nahrung. 

Aber nicht nur die Quantität und Qualität der Nahrungsmit- 
tel wirkt mächtig verändernd und umbildend auf den Organis- 
mus ein, sondern auch alle anderen äusseren Existenzbedingun- 
gen, vor Allen die nächste organische Umgebung, die Gesellschaft 
von freundlichen oder feindlichen Organismen. Ein und derselbe 
Baum entwickelt sich ganz anders an einem oftenen Standort, 
wo er von allen Seiten frei steht, als im Walde, wo er sich den 
Umgebungen anpassen muss, wo er ringsum von den nächsten 
Nachbarn gedrängt und zum Emporschiessen gezwungen wird. 
Im ersten Fall wird die Krone weit ausgebreitet, im letzten dehnt 
sich der Stamm in die Höhe und die Krone bleibt klein und ge- 
drungen. Wie mächtig alle diese Umstände, wie mächtig der 
feindliche oder freundliche Einfluss der umgebenden Organismen, 
der Parasiten u. s. w. auf jedes Thier und jede Pflanze einwir- 
ken, ist so bekannt, dass eine Anführung weiterer Beispiele über- 
flüssig erscheint. Die Veränderung der Form, die Umbildung, 
welche dadurch bewirkt wird, ist niemals bloss die unmittelbare 
Folge des äusseren Einflusses, sondern muss immer zurückgeführt 
werden auf die entsprechende Gegenwirkung, auf die Selbstthätig- 
keit des Organismus, die man als Angewöhnung, Uebung, Ge- 
brauch oder Nichtgebrauch der Organe bezeichnet. Dass man 
diese letzteren Erscheinungen in der Regel getrennt von der 



X. Das Dogma von der Freiheit des Willens. 223 

ersteren betrachtet, liegt erstens an der schon hervorgehobenen 
einseitigen Betrachtungsweise, und dann zweitens daran, dass 
man sich eine ganz falsche Vorstellung von dem Wesen und dem 
Einfluss der Willensthätigkeit bei den Thieren gebildet hatte. 

Die Thätigkeit des Willens, welche der Angewöhnung, der 
Uebung, dem Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe bei den 
Thieren zu Grunde liegt, ist gleich jeder anderen Thätigkeit der 
thierischen Seele durch materielle Vorgänge im Central -Nerven- 
system bedingt, durch eigenthüraliche Bewegungen, welche von 
der eiweissartigen Materie der Ganglien-Zellen und der mit ihnen 
verbundenen Nerven -Fasern ausgehen. Der Wille der höheren 
Thiere ist in dieser Beziehung, ebenso wie die übrigen Geistes- 
thätigkeiten, von demjenigen des Menschen nur quantitativ (nicht 
qualitativ) verschieden. Der Wille des Thieres, wie des Men- 
schen ist niemals frei. Das weitverbreitete Dogma von der Frei- 
heit des Willens ist naturwissenschaftlich durchaus nicht haltbar. 
Jeder Physiologe, der die Erscheinungen der Willensthätigkeit bei 
jMenschen und Thieren naturwissenschaftlich untersucht, kommt 
mit Nothwendigkeit zu der Ueberzeugung, dass der Wille eigent- 
lich niemals frei, sondern stets durch äussere oder innere 
Einflüsse bedingt ist. Diese Einflüsse sind grösstentheils Vor- 
stellungen, die entweder durch Anpassung oder durch Vererbung 
erworben, und auf eine von diesen beiden physiologischen Func- 
tionen zurückführbar sind. Sobald man seine eigene Willensthä- 
tigkeit streng untersucht, ohne das herkömmliche Vorurtheil von 
der Freiheit des Willens, so wird man gewahr, dass jede schein- 
bar freie Willenshandlung durch vorhergehende Vorstellungen be- 
wirkt wird, die entweder in ererbten oder in anderweitig 
erworbenen Vorstellungen wurzeln, und in letzter Linie also wie- 
derum durch Anpassungs- oder Vererbungsgesetze bedingt sind. 
Dasselbe gilt von der Willensthätigkeit aller Thiere. Sobald man 
diese eingehend im Zusammenhang mit ihrer Lebensweise be- 
trachtet, und in ihrer Beziehung zu den Veränderungen, welche 
die Lebensweise durch die äusseren Bedingungen erfährt, so über- 
zeugt man sich alsbald, dass eine andere Auflassung nicht mög- 
lich ist. Daher müssen auch die Veränderungen der Willensbe- 



224 Gehäufte oder cuniulatiwe Anpassung. X. 

wegung, welche aus veränderter Ernährung folgen, und welche 
als l'ebung, Gewohnheit u. s. w. umbildend wirken, unter 
jene materiellen Yorgänge der gehäuften Anpassung gerechnet 
Averden. 

Indem sich der thierische Wille den veränderten Existenz- 
Bedingungen durch andauernde Gewöhnung, Uebung u. s. w. an- 
passt, vermag er die bedeuteuilsten Umbildangen der organischen 
Formen zu bewirken. Mannichfaltige Beispiele hierfür sind überall 
im Thierleben zu linden. So verkümmern z. B. bei den Haus- 
thieren manche Organe, indem sie in Folge der veränderten 
Lebensweise ausser Thätigkeit treten. Die Enten und Hühner, 
welche im wilden Zustande ausgezeichnet fliegen, verlei-nen diese 
Bewegung mehr oder weniger im Cultur-Zustande. Sie gewöhnen 
sich daran, mehr ihre Beine, als ihre Flügel zu gebrauchen, und 
in Folge davon werden die dabei gebrauchten Theile der Musku- 
latur und des Skelets in ihrer Ausbildung und Form wesentlich 
verändert. Für die verschiedenen Rassen der Ilausente, welche 
alle von der wilden Ente (Anas boschas) abstammen, hat dies 
])arwin durch eine sehr sorgfältige vergleichende Messung und 
Wägung der betreflenden Skelettheile nachgewiesen. Die Knochen 
des Flügels sind bei der Ilausente schwächer, die Knochen des 
Beines dagegen umgekehrt stärker entwickelt, als bei der wilden 
Ente. Bei den Straussen und anderen Laufvögeln, welche sich 
das Fliegen gänzlich abgewöhnt haben, ist in Folge dessen der 
Flügel ganz verkümmert, zu einem völlig „rudimentären Organ" 
herabgesunken (S. 10). Bei vielen Hausthieren, insbesondere bei 
vielen Rassen von Hunden und Kaninchen, bemerken Sie ferner, 
dass dieselben durch den Cultur-Zustand herabhängende Ohren 
bekommen haben. Dies ist einfach eine Folge des verminderten 
Gebrauchs der Ohrmuskeln. Im wilden Zustande müssen diese 
Thiere ihre Ohren gehörig anstrengen, um einen nahenden Feind 
zu bemerken, und es hat sich dadurch ein starker Muskel-Apparat 
entwickelt, Avelcher die äusseren Ohren in aufrechter Stellung er- 
liält, und nach allen Richtungen dreht. Im Cultur-Zustande haben 
dieselben Thiere nicht mehr nöthig, so aufmerksam zu lauschen; 
sie spitzen und drehen die Ohren nur wenig; die Ohrmuskeln 



X. Umbildung diircli Gewolinlieit, Uebiing und Gebiaudi der Oigane. 225 

kommen ausser (iebfaucli, verkfimmeni allmiililicli, und die Uhren 
sinken nun schlaf! herab oder werden rudimentär. 

AA'ie in diesen Fällen die Function und dadurch auch die 
Form ik\s Organs durch Nichtgebrauch rückgebildet wird, so wird 
dieselbe andrerseits durch stärkeren (iebrauch mehr entwickelt. 
Dies tritt uns besonders deutlich entgegen, wenn wir das GehiiMi 
und die dadurch bewirkten Seelen-Thätigkeiten bei den wilden 
Thieren und den Hausthieren, welche von ihnen abstammen, ver- 
gleichen. Insbesondere der Hund und das Pferd, welche in so 
erstaunlichem IMaasse durch die Cultur veredelt sind, zeigen im 
Vergleiche mit ihren wilden Stanim-Verwaudten einen ausseror- 
dentlichen Grad von Ausbildung der Geistes-Thätigkeit, und offen- 
bar ist die damit zusammenhängende Umbildung des Gehirns 
grösstentheils durch die andauernde Uebung bedingt. Allbekannt 
ist es ferner, wie schnell und mächtig die Muskeln durch anhal- 
tende Uebung wachsen und ihre Form verändern. Vergleichen Sie 
z. B. Arme und Beine eines geübten Turners mit denjenigen eines 
unbeweglichen Stul.)ensitzers. 

Wie mächtig äussere Einflüsse die Gewohnheiten der Thiere, 
ihre Lebensweise beeinflussen und dadurch weiterhin auch ihre 
Form umbilden, zeigen sehr auffallend manche Beispiele von Am- 
phibien und Reptilien. Unsere häufigste einheimische Schlange, 
die Ringelnatter, legt Eier, welche zu ihrer Entwickelung noch 
drei AVochen jjrauchen. AVenn man sie aber in Gefangenschaft 
hält und in den Käfig keinen Sand streut, so legt sie die Eier 
nicht ab, sondern behält sie bei sich, so lange bis die Jungen 
entwickelt sind. Der Unterschied zwischen lebendig gebären- 
den Thieren und solchen, die Eier legen, scheinbar so wichtig, 
wird hier einfach durch die Veränderung des Bodens, auf welchem 
das Tliier lebt, verwischt. 

Ausserordentlich interessant sind in dieser Beziehung auch 
die Wasser-Molche oder Tritonen, welche man gezwungen hat, 
ihre ursprünglichen Kiemen l)eizubehalten. Die Tritonen, Am- 
phibien, welche den Fröschen nahe verwandt sind, besitzen gleich 
diesen in ihrer Jugend äussere Athmungs-Organe, Kiemen, mit 
welchen sie, im Wasser lebend, Wasser athmen. Später tritt bei 

Haeckel, Natiirl. Schüpfiiiigs-Gescli. 8. Aufl. 15 



226 Gehäufte oder cumulative Anpassung. X. 

den Ti'itonen eine Metamorphose ein, wie bei den Fröschen. Sie 
gehen auf das Land, verlieren die Kiemen und gewöhnen sich au 
das Lungenatlimen. Wenn man sie nun daran verhindert, indem 
man sie in einem geschlossenen Wasserbecken hJilt, so verlieren 
sie die Kiemen niclit. Diese bleiben vielmehr bestehen, und der 
Wasser-Molch verharrt zeitlebens auf jener niederen Ausbildungs- 
Stufe, welche seine tiefer stehenden Verwandten, die Kiemen- 
Molche oder Sozobranchien niemals überschreiten. Der Wasser- 
Molch erreicht seine volle (irösse. wird geschlechtsreif und pflanzt 
sich fort, ohne die Kiemen zu verlieren. 

Grosses Aufsehen erregte unter den Zoologen vor einigen 
Jahrzehuten der Axolotl (Siredon pisciformis), ein dem Triton nahe 
verwandter Kiemen-Molch aus Mexico, welchen man schon seit 
langer Zeit kennt und im Pariser Pflanzen-Garten im Grossen ge- 
züchtet hat. Dieses Thier hat auch äussere Kiemen, wie die jugend- 
liche liiirve des Wasser-Molchs, behält aber dieselben gleich allen 
anderen Sozobranchien zeitlebens bei. Für gewöhnlich bleibt 
dieser Kiemen-Molch mit seinen Wasser- Atlmiungsorganen im 
Wasser und pflanzt sich hier auch fort. Nun krochen aber plötz- 
lich im IMIanzcii -Garten unter liuiKlcrtcn dieser Thiere eine ge- 
ringe Anzahl aus dem Was.ser auf das Land, verloren ihre Kie- 
men und verwandelten sich in eine kiemenlose Molchforra, welche 
von einer nordanierikanischen Tritonen- Gattung (Amblystoma) 
nicht mehr zu unterscheiden ist und nur noch durch Lungen 
athmet. In diesem letzten höchst merkwürdigen Falle können 
wir unmittelbar den grossen Sprung von einem wasserathmenden 
zu einem luftathraenden Thiere verfolgen, einen Spruug, der aller- 
dings bei der individuellen Entwickeluugs-Geschichte der Frösche 
und Salamander in jedem Frühling beobachtet werden kann. 
Ebenso aber, wie jeder einzelne Frosch und jeder einzelne Sala- 
mander aus dem ursprünglich kiemenathmenden Amphibium spä- 
terhin in ein lungenathmendes sich verwandelt, so ist auch die 
ganze Gruppe der Frösche und Salamander ursprünglich aus kie- 
menathmenden, dem Siredon verwandten Thieren entstanden. Die 
Sozobranchien sind noch bis auf den heutigen Tag auf jener nie- 
drigen Stufe stehen geblieben. Die Ontogenie erläutert auch hier 



X. Finietionelle Anpassung. 227 

die Pliylogenie, die Entwickelungs-Geschiclitc der Individuen die- 
jenige der ganzen Gruppe (S. 10). 

In unmittelbarem Anschluss an die Erscheinungen der ge- 
häuften oder cumulativen Anpassung, und theihveise unter dem- 
selben Begriff, stehen die wichtigen Veränderungen der Organi- 
sation, welche neuerdings als functionelle Anpassungen von 
Wilhelm Roux sehr eingehend und klar erläutert worden 
sind. Seine Schrift über „den Kampf der Theile im Organismus" 
(1881) ist eines der wichtigsten neueren Erzeugnisse der umfang- 
reichen Darwinistischen Literatur. Im Anschluss an Lamarck 
geht Roux von den murphologischen Wirkungen der physiolo- 
gischen Functionen oder Lebensthätigkeiten aus. Er Aveist nach, 
in wie hohem Maasse die Uebung der Organe dieselben stärkt, 
der Nichtgebrauch sie schwächt; erstere bewirkt Hypertrophie 
und Wachsthum der Organe, letzterer Atrophie und Verkümme- 
rung derselben. Mit Recht legt er grosses Gewicht auf die un- 
zweifelhafte Vererbung dieser erworbenen Veränderungen, und 
betont die diflerenzirende und gestaltende Wirkung der functio- 
nellen Reize. Besonders wichtig aber sind die Erörterungen über 
die tiefgehenden unmittelbaren Veränderungen, welche die ver- 
mehrte oder verminderte Uebung der Organe in den Geweben 
bewirkt, die sie zusammensetzen, und in den Zellen, welche die 
Gewebe aufbauen. Auf diese bedeutungsvollen Veränderungen 
hatte ich schon 1866 in meiner generellen Morphologie hingewie- 
sen, als ich alle Anpassungen auf die Ernährung, als phy- 
siologische Grundthätigkeit, zurückzuführen versuchte (Bd. II, 
S. 193). Roux führt dieselben weiter aus und erläutert einge- 
hend die trophische Wirkung der functionellen Reize für die 
activ und passiv wirkenden Theile. Er zeigt an der feineren 
Structur der Knochen und Muskeln, der Drüsen und Blutgefässe, 
wie deren höchst zweckmässige Einrichtung unmittelbar durch 
die trophische Einwirkung der functionellen Reize entstehen kann. 
Daraus ergiebt sich klar, wie die denkbar höchste Vollkommen- 
heit der Organisation unmittelbar durch die Lebensthätigkeit der 
Organismen selbst bewirkt werden kann, als eine teleologische 
Mechanik, welche keinen bewussten Zweck oder sogenannten 

15* 



228 Wechselbeziigliclie oder correlative Anpassung. X. 

Bauplan voraussetzt. Zugleich zeigt sich aber auch, wie die 
neuen zweckmässigen Einrichtungen durch Vererbung direct über- 
tragen werden können, ohne dass dabei nothAvendig Züchtung 
oder Selection stattfinden muss. 

In engem Zusammenhang mit den beiden vorhergehenden 
Erscheinungsreihen, den cumulativen und l'unctionellen Anpassun- 
gen, steht das Gesetz der wechselbezüglichen oder corre- 
lativen Anpassung. Nach diesem wichtigen Gesetze werden 
durch die actuelle Anpassung nicht nur diejenigen Theile des 
Organismus abgeändert, welche unmittelbar durch die äussere 
Einwirkung betroffen werden, sondern auch andere, nicht unmit- 
telbar davon berührte Theile. Dies ist eine Folge des organi- 
schen Zusammenhanges, und namentlich der einheitlichen Ernäh- 
rungsverhältnisse, welche zwischen allen Theilen jedes Organis- 
mus bestehen. Wenn z. B. bei einer Pflanze durch Versetzung 
an einen trockenen Standort die Behaarung der Blätter zunimmt, 
so wirkt diese Veränderung auf die Ernährung anderer Theile 
zurück und kann eine Verkürzung der Stengelglieder und somit 
eine gedrungenere Form der ganzen Pflanze zur Folge haben. 
Bei einigen Rassen von Schweinen und Ihiuden, z. B. bei dem 
türkischen Hunde, welche durch Anpassung an ein wärmeres 
Klima ihre Behaarung mehr oder weniger verloren, wurde zu- 
gleich das Gebiss zurückgebildet. So zeigen auch die Walfische 
und die Edentaten (Schuppenthiere, Gürtelthiere etc.), welche sich 
(buch ihre eigenthümliche Hautbedeckung am meisten von den 
übrigen Säugethieren entfernt haben, die grössten Abweichungen 
in der Bildung des Gebisses. Ferner bekommen solche Rassen 
von Hausthieren (z. B. Rindern, Schweinen), bei denen sich die 
Beine verkürzen, in der Regel auch einen kurzen und gedrun- 
genen Kopf. So zeichnen sich u. a. die Taubon -Rassen, welche 
die längsten Beine haben, zugleich auch durch die längsten Schnä- 
bel aus. Dieselbe Wechselbeziehung zwischen der Länge der 
Beine und des Schnabels zeigt sich ganz allgemein in der Ord- 
nung der Stelzvögel (Grallatores), beim Storch, Kranich, der 
Schnepfe u. s. w. Die Wechselbeziehungen, welche in dieser 
Weise zwischen verschiedenen Theilen des Organismus bestehen, 



X. Wechselheziehiiugcii der Körpcrtheile. 229 

sind iius.serst inerkwiirdig, und im Einzelnen ihrer Ursa(;he nach 
uns nnbekannt. Im Allgemeinen können wir natürlich sagen: 
die Ernährnngs-Veränderungen, die einen einzelnen Theil hetrel'- 
fen, müssen nothwendig auf die übrigen Theile zurückwirken, 
weil die Ernährung eines jeden Organismus eine zusammenhän- 
gende, centralisirte Thätigkeit ist. Allein warum nun gerade 
dieser oder jener Theil in solcher merkwürdigen Wechselbeziehung 
zu einem andern steht, ist uns in den meisten Fällen unbekannt. 

Wir kennen eine grosse Anzahl solcher Wechselbeziehungen 
in der Bildung, namentlich bei den früher bereits erwähnten 
Abänderungen der Thiere und Pllanzen, die sich durch Pigmont- 
mangel auszeichnen, den Albinos oder Kakerlaken. Der Mangel 
des gewöhnlichen Farbstoffs bedingt hier gewisse Veränderungen 
in der Bildung anderer Theile, z. B. des Muskelsystems, des 
Knochensystems, also organischer Systeme, die zunächst gar nicht 
mit dem Systeme der äusseren Haut zusammenhängen. Sehr 
häufig sind diese schwächer entwickelt und daher der ganze Kör- 
perbau zarter und schwächer, als bei den gefärbten Thieren der- 
selben Art. Ebenso werden auch die Sinnes-Organe und das Nerven- 
system durch diesen Pigmentmangel eigenthümlich afficirt. Weisse 
Katzen mit blauen Augen sind fast immer taub. Die Schimmel 
zeichnen sich vor den gefärbten Pferden durch die besondere Nei- 
gung zur Bildung sarcomatöser Geschwülste aus. Auch beim 
Menschen ist der Grad der Pigmententwickelung in der äusseren 
Haut vom grössten Einlhisse auf die Empfänglichkeit des Orga- 
nismus für gewisse Krankheiten, so dass z. B. Europäer mit 
dunkler Hautfarbe, schwarzen Haaren und braunen Augen sich 
leichter in den Tropen-Gegenden acclimatisiren und viel weniger 
den dort herrschenden Krankheiten (Leber -Entzündungen, gel- 
bem Fieber u. s. w.) unterworfen sind, als Europäer mit hel- 
ler Hautfarbe, blonden Haaren und blauen Augen. (Vergl. oben 
Wells, S. 151.) 

Vorzugsweise merkwürdig sind unter diesen Wechselbezie- 
hungen der Bildung verschiedener Organe diejenigen, welche 
zwischen den Geschlechts-Organen und den übrigen Theilen des 
Körpers bestehen. Keine Veränderung eines Theiles wirkt so 



230 Wechselbeziehungen der Geschlechts-Orgaiie und des Körpers. X. 

mächtig zurück auf die übrigen Körpertheile, als eine bestimmte 
Behandlung der Geschlechts-Organe. Die Landwirthe, welche bei 
Schweinen, Schafen u. s. w. reichliche Fettbilduug erzielen wol- 
len, entfernen die Geschlechts-Organe durch Herausschneiden (Ca- 
stration), und zwar geschieht dies bei Thieren beiderlei Ge- 
schlechts. In Folge davon tritt übermässige Fett-Entwickeliing 
ein. Dasselbe thut auch seine Heiligkeit, der „unfehlbare" Papst, 
bei den Castrateu, welche in der Peterskirche zu Ehren Gottes 
singen müssen. Diese Unglücklichen werden in früher Jugend 
castrirt, damit sie ihre hohen Knabenstimmen beibehalten. In 
Folge dieser Verstümmelung der Genitalien bleibt der Kehlkopf 
auf der jugendlichen Entwickelungsstufc stehen. Zugleich bleibt 
die Muskulatur des gauzen Körpers schwach entwickelt, während 
sich unter der Haut reichliche Fottmeugen ansammclu. Aber 
auch auf die Ausbildung des Central-Nervensystems, der VVillens- 
Energie u. s. w. wirkt jene Verstümmelung mächtig zurück; und 
es ist bekannt, dass die menschlifheu f 'astraten oder Eunuchen 
ebenso wie die castrirten männlichen Ilaustliiere des bestimmten 
psychischen Charakters, welcher das männliche Geschlecht aus- 
zeichnet, gänzlich entbehren. Der Älann ist eben Leib und Seele 
nach nur Mann durch seine männliche Gcncrations-Drüse. 

Diese äusserst wichtigen und einllussreichen ^Vechselbezie- 
hungen zwischen den Geschlechts - Organen und den übrigen 
Körpertheilen, vor allem dem Gehirn, finden sich in gleicher 
Weise bei beiden Geschlechtern. Das lässt sich schon von vorn- 
herein deshalb erwarten, weil bei den meisten Thieren die bei- 
derlei Organe aus gleicher Grundlage sich entwickeln. Beim 
Menschen, wie bei allen übrigen Wirbelthieren, ist die ursprüng- 
liche Anlage der Geschlechts-Drüse oder Gonade dieselbe. An 
einer und derselben Stelle der Leibeshöhle entstehen aus ihrem 
Epithel die Zellen, aus deren wiederholter Theilung später beim 
Weibchen die Eizellen, beim Männchen die Samenzellen hervor- 
gehen. In jungen Embryonen ( — wie sie z. B. auf Taf. 11, 111, 
abgebildet sind — ) lässt sich das Geschlecht nicht unterscheiden. 
Erst allmählich entstehen im Laufe der embryonalen Entwicke- 
lung (beim Menschen in der neunten , Woche seines Embryo- 



X. Wechselbezügliche oder correlative Anpassung. 231" 

Lebens) die Unterschiede der beiden Geschlechter, indem die Go- 
nade sich beim A\'^eibe zum Eierstock, beim Manne zur Samen- 
drüse entwickelt. Jede Veränderung des weiblichen Eierstocks 
äussert eine nicht minder bedeutende Rückwirkung auf den gc- 
sammten weiblichen Organismus, wie jede Veränderung des Testi- 
kels auf den männlichen Organismus. Die Wichtigkeit dieser 
Wechselbeziehung hat Virchow in seinem vortrefflichen Aufsatz 
„das Weib und die Zelle" mit folgenden Worten ausgesprochen: 
„Das AVeib ist eben Weib nur durch seine Gonerations- Drüse; 
alle Eigenthümlichkeiten seines Körpers und Geistes oder seiner 
Ernährung und Nerventhätigkeit: die süsse Zartheit und Run- 
dung der Glieder bei der eigenthümlichen Ausbildung des Beckens, 
die Entwickclung der Brüste bei dem Stehenbleiben der Stimm- 
Organe, jener schöne Schmuck des Kopfhaares bei dem kaum 
merklichen, weichen Flaum der übrigen Haut, und dann wie- 
derum diese Tiefe des Gefühls, diese Wahrheit der unmittelbaren 
Anschauung, diese Sauftmuth, Hingebung und Treue — kurz, 
Alles, was wir an dem wahren Weibe W^eibliches bewundern 
und verehren, ist nur eine Dependenz des Eierstocks. Man nehme 
den Eierstock hinweg, und das Mannweib in seiner hässlichsten 
Halbheit steht vor uns." 

Dieselbe innige Correlation oder Wechselbeziehung zwischen 
den Geschlechts-Organen und den übrigen Körpertheilen findet 
sich auch bei den Pflanzen eben so allgemein wie bei den Thieren 
vor. Wenn man bei einer Gartenpflanze reichlichere Früchte zu 
erzielen wünscht, beschränkt man den Blätterwuchs durch Ab- 
schneiden eines Theils der Blätter. Wünscht man umgekehrt eine 
Zierpflanze mit einer Fülle von grossen und schönen Blättern zu 
erhalten, so verhindert man die Blüthen- und Frucht- Bildung 
durch Abschneiden der Blüthen-Knospen. In beiden Fällen ent- 
wickelt sich das eine Organ-System auf Kosten des anderen. So 
ziehen auch die meisten Abänderungen der vegetativen Blattbil- 
dung bei den wilden Pflanzen eine entsprechende Umbildung in 
den generativen Blüthentheilen nach sich. Die hohe Bedeutung 
dieser „Compensation der Entwickelung", dieser „Correlation der 
Theile" ist bereits von Goethe, von Geoffroy S. Hilairc und 



232 Erklärung der iudirecten oder potentiellen Anpassung. X. 

von anderen Natur-Philosophen hervorgehoben worden. Sie beruht 
wesentlich darauf, dass die dircctc oder actuelle Anpassung keinen 
einzigen Körjiertheil wesentlich verändern kann, ohne zugleich auf 
den ganzen Organismus einzuwirken. 

Die correlative Anpassung der Fortpflanzungs-Organe und der 
übrigen Körpertheile verdient deshalb eine ganz besondere Beriick- 
siciitigung, weil sie vor Allem geeignet ist, ein erklärendes Licht 
auf die vorher betrachteten dunkeln und räthselhaften Erschei- 
nungen der iudirecten oder potentiellen Anpassung zu werfen. 
Denn ebenso wie jede Veränderung der Geschlechts-Organc mächtig 
aui' den übrigen Körper zurückwirkt, so muss natürlich umgekehrt 
auch jede eingreifende Veränderung eines anderen Körpertheils 
)nehr oder weniger auf die Generations- Organe zurückwirken. 
Diese Rückwirkung wird sich aber erst in der Bildung der Nach- 
kommenschaft, welche aus den veränderten (Jenerationstheilen 
entsteht, wahrnehmbar äussern. Gerade jene merkwürdigen, aber 
unmerklichen und an sich ungeheuer geringfügigen Veränderungen 
des fJenitalsystems, der Eier und (U'f^ Sperma, welche durch solche 
Wechselbeziehungen hervorgebracht werden, sind vom grössten 
Einflüsse auf die Bildung der Nachkommenschaft, und alle vorher 
erwähnten Erscheinungen der iudirecten oder potentiellen An- 
passung können schliesslich auf diese wechselbezügliche Anpassung 
zurückgeführt werden. 

Eine weitere Reihe von ausgezeichneteji Beispielen der corre- 
lativen Anpassung liefern die verschiedenen Thicre und Pflanzen, 
welche durch das Schmarotzerleben oder den Parasitismus rück- 
gebildet sind. Keine andere Veränderung der Lebensweise wirkt 
so bedeutend auf die Formbildung der Organismen ein, wie die 
Angewöhnung an das Schmarotzerleben. Pflanzen verlieren da- 
durch ihre grünen Blätter, wie z. B. unsere einheimischen Schma- 
rotzerpflanzen: Orobanche, Lathraea, Monotropa. Thiere, welche 
ursprünglich selbstständig und frei gelebt haben, dann aber eine 
parasitische Lebensweise auf andern Thieren oder auf Pflanzen 
annehmen, geben zunächst die Thätigkeit ihrer Bewegungs-Organe 
und ihrer Sinnes -Organe auf. Der Verlust der Thätigkeit zieht 
aber den A-^erlust der Organe, durch welche sie bewirkt wurde, 



X. Mimetische Anpassung. 233 

nach sich, und so finden wir z. H. viele Krebsthiere oder Crnsta- 
ceen, die in der Jugend einen ziemlicli holien Organisationsgrad, 
Beine, Fiildliörner und Augen besassen, im Alter als Parasiten 
vollkommen degenerirt wieder, ohne Augen, ohne Bewegungs- 
Werkzeuge und ohne Fühlhörner. Aus der munteren, beweglicdien 
Jugendform ist ein unförmlieher, unbeweglicher Klumpen gewor- 
den. Nur die nöthigsten Ernährungs- und Fortpflanzungs-Organe 
sind noch in Thätigkeit. Der ganze übrige Körper ist rückge- 
bildet. OHenbar sind diese tiefgreifenden Umitildungen grossen- 
theils directe Folgen der functionellen oder cumulativen Anpassung, 
des Nichtgebrauchs und der mangelnden Uebung der Organe; aber 
zum anderen Theile kommen dieselben sicher auch auf Rechnung 
der wechselbezüglichen oder corrolativen Anpassung. (Vergl.Taf.X 
und XI.) /v (f y ^ 

Eine besonders interessante Reihe von Veränderungen, welche 
vielfach mit den vorhergehenden Gesetzen der directen Anpassung 
verknüpft sind, bildet die mimetische Anpassung, oder die 
nachäffende Variation, die gewöhnlich sogenannte „iMimicry" 
oder Nachäffung. Sie findet sich unter den Landthieren na- 
mentlich bei den Insecten, unter den Wasserthieren bei den 
Krebsen. In diesen beiden Thierklassen giebt es zahlreiche 
Arten, welche anderen, ganz verschiedenen Ordnungen oder Fa- 
milien angehörigen Arten zum Verwechseln ähnlich sind. Beson- 
ders dienen als Vorbilder der Nachäftung solche Insecten (z. B. 
Schmetterlinge oder deren Raupen), welche wegen autt'allend übler 
Eigenschaften von anderen Insecten gemieden oder gefürchtet 
werden, z. B. wegen unschmackhaften Fleisches, üblen Geruches, 
Bewaffnung mit Stacheln, Dornen u. dgl. mehr. Schmetterlinge 
und Raupen von mehreren ganz verschiedenen Familien haben 
so durch mimetische Anpassung dieselbe Form, Färbung und 
Zeichnung erworben, wie diejenigen anderer Familien, welche 
wegen ihres Geruches oder Geschmackes, wegen ihrer abschrecken- 
den Gestalt oder Bewaffnung gemieden werden. Besonders ge- 
fürchtet sind unter den Insecten allgemein die Bienen und Wespen 
wegen ihres Giftstachels. Daher giebt es Insecten von nicht 
weniger als fünf oder sechs ganz verschiedenen Ordnungen, welche 



234 Abweichende oder divergente Abweichung. X. 

allmjihlich durch natürliche Züchtung den Wespen zum Ver- 
wechsehi ähnlich geworden sind: Schmetterlinge (Sesia), Borken- 
käfer (Odontocera), ferner zahlreiche Dipteren (Fliegen und 
Mücken), verschiedene Heuschrecken (Orthopteren), llalbflügler 
(Hemipteren) und Andere. Die abschreckende Aehnlichkeit mit 
Wespen ist allen diesen verschiedenen Insecten von grösstem 
Nutzen, weil sie sie vor ihren zahlreichen Feinden und Verfolgern 
schützt. So sind auch zahlreiche unschuldige Schlangen allmäh- 
lich gewissen Giftschlangen höchst ähnlich geworden und haben 
deren Form, Färbung und Zeichnung nachgeahmt; so z. 13. unsere 
harmlose Bergnatter (Coronella laevis) die der giftigen Kreuzotter 
(Vipera berus). Da schützende Aehnlichkeit auch in vielen 
anderen Fällen (z. B. bei der gleichlarbigen Zuchtwahl) die Ur- 
sache auffallender Lmbildungen ist, so kann auch bei dieser mi- 
metische Anpassung in weiterem Sinne angenommen werden. 
Zu den directen Anpassungen gehört auch das Gesetz der 
a b w e i c h e n den o d e r d i v e r g e n t e n A n p a s s u n g. Wir verstehen 
darunter die Erscheinung, dass ursprünglich gleichartig angelegte 
Theile sich durch den EinÜuss äusserer Bedingungen in verschie- 
dener Weise ausbilden. Dieses Anpassungs- Gesetz ist ungemein 
wichtig für die Erklärung der Arbeitstheilung oder des Polymor- 
phismus. An uns .selbst können wir es sehr leicht erkennen, 
z. B. in der Thätigkeit unserer beiden Hände. Die rechte Hand 
wird meistens von uns an ganz andere Arbeiten gewöhnt, als die 
linke; es entsteht in Folge der abweichenden Beschäftigung auch 
eine verschiedene Bildung der beiden Hände. Die rechte Hand, 
welche man gewöhnlich viel mehr braucht, als die linke, zeigt 
stärker entwickelte Nerven, Muskeln und Knochen. Dasselbe gilt 
auch vom ganzen Arm. Knochen und Fleisch des rechten Arms 
sind bei den meisten Menschen in Folge stärkeren Gebrauchs 
stärker und schwerer als die des linken Arms. Da nun aber 
der bevorzugte Gebrauch des rechten Arms bei unserer mittel- 
ländischen Menschen-Rasse schon seit Jahrtausenden eingebürgert 
und vererbt ist, so ist auch die stärkere Form und Grösse des 
rechten Arms bereits erblich geworden. Der holländische Natur- 
forscher P. Harting hat durch Messung und AVägung an Neu- 



X. Unbeschränkte oder unendliche Anpassung. 235 

geborenen gezeigt, dass auch l)ci diesen bereits der rechte Arm 
den linken übertrifft. 

Nach demselben Gesetze der divergenten Anpassnng sind 
auch häufig die beiden Augen verschieden entwickelt. Wenn man 
sich z. B. als Naturforscher gewöhnt, immer nur mit dem einen 
Auge (am besten mit dem linken) zu mikroskopiren, und mit dem 
andern nicht, so erlangt das eine Auge eine ganz andere Be- 
schaffenheit, als das andere, und diese Arbeitstheilung ist von 
grossem Vortheil. Das eine Auge wird kurzsichtiger, geeignet für 
das Sehen in die Nähe, das andere Auge weitsichtiger, schärfer 
für den Blick in die Ferne. Wenn man dagegen abwechselnd 
mit beiden Augen mikroskopirt, so erlangt man nicht auf dem 
einen Auge den Grad der Kurzsichtigkeit, auf dem andern den 
Grad der Weitsichtigkeit, welchen man durch zweckmässige Ver- 
theilung dieser verschiedenen Gesichts-Functionen auf beide Augen 
erreicht. Zunächst wird auch hier wieder durch die Gewohnheit 
die Function, die Thätigkeit der ursprünglich gleich gebildeten 
Organe ungleich, divergent; allein die Function wirkt wiederum 
auf die Form und die innere Structur des Organs zurück. 

Unter den Pflanzen können wir die abweichende oder diver- 
gente Anpassung besonders bei den Schlinggewächsen sehr leicht 
w'ahrnehmen. Aeste einer und derselben Schlingpflanze, welche 
ursprünglich gleichartig angelegt sind, erhalten eine ganz ver- 
schiedene Form und Ausdehnung, einen ganz verschiedenen Krüm- 
mungsgrad und Durchmesser der Spiral vviudung, je nachdem sie 
um einen düiniereu oder dickeren Stab sich herumwinden. Ebenso 
ist auch die abweichende Veränderung der Formen ursprünglich 
gleich angelegter Theile, welche divergent nach verschiedenen 
Richtungen unter abweichenden äusseren Bedingungen sich ent- 
wickeln, in vielen anderen Fällen deutlich nachweisbar. Indem 
diese abweichende Anpassung mit der fortschreitenden Vererbung 
in AVechselwirkung tritt, wird sie die Ursache der Arbeitstheilung 
und Formspaltung der verschiedenen Organe. 

Ein achtes und letztes Anpassungs-Gesetz können wir als das 
Gesetz der unbeschränkten oder unendlichen Anpassung 
bezeichnen. AVir wollen damit einfach ausdrücken, dass uns keine 



236 Unbeschränkte oder unendliche Anpassung. X. 

Grenze für die Veränderung der organischen Formen durch den 
Einfluss der änsseren Existenz-Bedingungen bekannt ist. Wir 
können von keinem einzigen Theil des Organismus behaupten, 
(h(ss er nicht mehr veränderlich sei, dass, wenn man ihn unter 
neue äussere Bedingungen bräciite, er durch diese nicht verändert 
werden würde. Noch niemals hat sich in der Erfahrung eine 
Grenze für die Abänderung nachweisen lassen. AVenn z. B. ein 
Organ durch Nichtgebrauch degenerirt, so geht diese Degeneration 
schliesslich bis zum vollständigen Schwunde des Organs fort, wie 
es bei den Augen vieler Thiere der Fall ist. Andrerseits können 
wir durch fortwährende Uebung, Gewohnheit und immer gestei- 
gerten Gebrauch eines Organs dasselbe in einem Maasse vervoll- 
kommnen, Avie wir es von vornherein für unmöglich gehalten 
haben würden. Wenn man die uncivilisirten Wilden mit den 
Cultur-Yölkern vergleicht, so findet man bei jenen eine Ausbildung 
der" Sinn es-Organe, Gesicht, Geruch, (Jeliör, von der die Cultur- 
Völker keine Ahnung haben. Umgekehrt ist bei den höheren 
C'ultur-Yölkcrn das Gehirn, die Geistesthätigkeit in einem Grade 
entwickelt, von welchem die Wilden keine Vorstellung besitzen. 
Allerdings scheint für jeden Organismus eine Grenze der An- 
passungs-Fähigkeit durch den Typus seines Stammes oder Phylum 
gegeben zu sein, d. h. durch die wesentlichen Grund-Eigenschaften 
dieses Stammes, welche von dem gemeinsamen Stammvater des- 
selben ererbt sind und sich durch conservative Vererbung auf alle 
Descendenten desselben übertragen. So kann z. B. niemals ein 
Wirbelthicr statt des charakteristischen Kückenmarks der Wirbel- 
thiere das Bauchmark der Gliedertliiere sich erwerben. Allein 
innerhalb der erblichen Grundform, innerhalb dieses unveräusser- 
lichen Typus, ist der Grad der Anpassungs-Fähigkeit unbeschränkt. 
Die Biegsamkeit und Flüssigkeit der organischen Form äussert 
sich innerhalb desselben frei nach allen Richtungen hin, und in 
ganz unbeschränktem Umfang. Es giebt aber einzelne Thiere, wie 
z. B. die durch Parasitismus rückgebildeten Krebsthierc und 
Würmer, welche selbst jene Grenze des Typus zu überspringen 
scheinen, und durch erstaunlich weit gehende Degeneration alle 
wesentlichen Charaktere ihres Stammes eingebüsst haben. 



X. Grenzen des Natureikennens. 237 

Die Anpassuugs-Fäliiiikeii des Menschen selbst bestellt, wie 
bei allen anderen Thieren, el)enralls unbegrenzt, und da sieh 
dieselbe beim Menschen vor Allem in der Umbildung des (iehirns 
äussert, so lässt sich durchaus keine (irenze der Erkenntniss setzen, 
welche der Mensch bei weiter fortschreitender (ieistesbildung nicht 
würde überschreiten können. Auch der menschliche (Jeist geniesst 
also nach dem Gesetze der unbeschränkten Anpassung eine un- 
entUiche Perspective i'iir seine \'ervollkommnung in der Zukunft. 
Aus dieser Erwägung ergiel)t sich die Grundlosigkeit des be- 
kannten „Ignorabimus", welches der Berliner Physiologe Du 
Bois-Reymond 1S73 in seiner berühmten Rede „über die 
Grenzen des Naturerkennens" dem Fortschritte der AVissenschaft 
unberechtigter Weise entgegen gehalten hat. Ich habe gegen 
dieses berüchtigte „Ignorabimus", das der klerikale Obscurantismus 
zu seinem Losungswort erhoben hat, schon im Vorworte zu meiner 
Anthropogenie (1874) Protest eingelegt^"), und nicht minder in 
meiner Schrift über „Freie Wissenschaft und freie Lehre" ^'). 

Diese Bemerkungen genügen wohl, um die Tragweite der 
Anpassungs-Erscheinungen hervorzuheben und ihnen das grösste 
Gewicht zuzuschreiben. Die Anpassungs-Gesetze sind von ebenso 
grosser Bedeutung, wie die Vererbungs-Gesetze. Alle Anpassungs- 
Erscheinungen lassen sich in letzter Linie zurückführen auf die 
Ernährungs- Verhältnisse des Organismus, in gleicher AVeise wie 
die Vererbungs-Erscheinungen in den Fortpflanzungs- Verhältnissen 
begründet sind; diese aber sowohl als jene sind weiter zurück- 
zuführen auf chemische und physikalische Gründe, also auf mecha- 
nische L^rsachen. Lediglich durch die Wechselwirkung derselben 
entstehen nach Darwin's Selections- Theorie die Umbildungen 
der Organismen, welche die künstliche Züchtung im Cultur-Zu- 
stande, die natürliche Züchtung im Natur-Zustande hervorbringt. 



Elfter Vortrag. 

Die natürliche Züchtung durch den Kampf uni's Dasein. 
Cellular-Selection und Personal-Selection. 



Wechselwirkung der Iteiden organischen Bildungstriebe, der Vererbung 
und Anpassung. Natürliche und künstliche Züchtung. Kampf um's Pasein 
oder Wettkampf um die Lebensbedürfnisse. Missverhältniss zwischen der 
Zahl der möglichen (potentiellen) und der Zahl der wirklichen (actuellen) 
Individuen. Verwickelte Wechselbeziehungen aller benachbarten Organismen. 
Wirkungsweise der natürlichen Züchtung. Gleichfarbige Zuchtwahl als Ur- 
sache der sympathischen Färbungen. Geschlechtliche Zuchtwahl als Ursache 
der secundären Sexual-Charaktere. Der Kampf der Theile im Organismus 
(nach Roiix). Functionelle Selbstgesfaltung der zweckmilssigen Structur. 
Teleologische Mechanik. Cellular-Selection (Protisten) und Personal-Selection 
(Histonen). Zuchtwahl der Zellen und der Gewebe. Das Selections-Princip 
bei Empedocles. Mechanische Entstehung des Zweckmässigen aus dem Un- 
zweckmässigen. Philosophische Tragweite des Darwinismus. 

iVIeine Herren! Um zai einem richtigen Ver.stiinclniss des 
Darwin i.smus zu gelangen, ist, es vor Allem uotlnvendig, die 
beiden organischen Functionen genau in das Auge zu fassen, die 
wir in den letzten Vorträgen betrachtet haben, die Vererbung 
und Anpassung. Wenn man nicht einerseits die rein mecha- 
. nische Natur dieser beiden physiologischen Thätigkeiten und die 
mannichfaltige Wirkung ihrer verschiedenen Gesetze in's Auge fasst, 
und wenn man nicht andrerseits erwägt, wie verwickelt die Wechsel- 
wirkung dieser verschiedenen A^ererbungs- und Anpassungs-Gesetze 
nothwendig sein muss, so wird mau nicht begreifen, dass diese 
beiden Functionen für sich allein die ganze Mannichfaltigkeit der 
Thier- und Pflanzen-Formen sollen erzeugt haben; und doch ist 
das in der That der Fall. Wir sind wenigstens bis jetzt nicht 



XI. Die beiden organischen Bililungjsliiüffe Vererbung und Anpassung. 2?)9 

im Stande gewesen, andere formbildende Ursachen aurzuiiiiden, 
als diese beiden; und wenn wir die nothwendige und unendlich 
verwickelte Wechselwirkung der Vererbung und Anpassung richtig 
verstehen, so haben wir auch gar nicht mehr nöthig, noch nach 
anderen unbekannten Ursachen der Umbildung der organischen 
Gestalten zu suchen. Jene beiden (Jrundursachen erscheinen uns 
dann völlig genügend. 

Schon früher, lange bevor Darwin seine Selections-Theorie 
aufstellte, nahmen einige Niiturforscher, insbesondere Goethe, 
als Ursache der organischen Formen-Mannichfaltigkeit die Wechsel- 
wirkung zweier verschiedener Bildungstriebe an, eines conserva- 
tiven oder erhaltenden, und eines umbildenden oder fortschreiten- 
den Bildungstriebes. Ersteren nannte Goethe den centripetalen 
oder Specitications-Trieb, letzteren den centrifugalen oder den 
Trieb der Metamorphose (S. 81). Diese beiden Triebe entsprechen 
vollständig den beiden Functionen der Vererbung und der An- 
passung. Die Vererbung ist die centripetale oder innere 
Bildungskraft; durch sie werden die organischen Formen in 
ihrer Art erhalten, die Nachkommen den Eltern gleich gestaltet, 
und Generationen hindurch immer Gleichartiges erzeugt. Die 
Anpassung dagegen, welche der Vererbung entgegenwirkt, ist 
die centrifugale oder äussere Bildungskraft; durch die 
veränderlichen Einflüsse der Aussenwelt werden die organischen 
Formen umgebildet, neue Formen aus den vorhandenen geschaffen, 
und die Constanz der Species, die Beständigkeit der Art, schliess- 
lich aufgehoben. Je nachdem die Vererbung oder die Anpassung 
das Uebergewicht erhält, bleil)t die Species-Form beständig oder 
sie bildet sich in eine neue Art um. Der in jedem Augen- 
blick stattfindende Grad der Formbeständigkeit bei den 
verschiedenen Thier- und Pflanzen-Arten ist einfach 
das nothwendige Resultat des augenblicklichen Ueber- 
gewichts, welches die eine dieser beiden Bildungskräfte 
oder physiologischen Functionen über die andere er- 
langt hat. 

Wenn wir nun zurückkehren zu der Betrachtung des Züch- 
tungs-Vorganges, der Auslese oder Selection, die wir bereits im 



240 Künstliche und natürliche Züchtung. XI. 

siebenten Vortrag in ihren (irundzügen untersuchten, so werden 
wir jetzt um so klarer und bestimmter erkennen, dass sowohl 
die künstliche als die natürliche Züchtung einzig und allein auf 
der Wechselwirkung dieser beiden formbildenden Kräfte oder 
Functionen beruhen. Wenn Sie die Thätigkeit des künstlichen 
Züchters, des Landwirths oder Gärtners, scharf in's Auge fassen, 
so erkennen Sie, dass nur jene beiden Bildungskräfte von ihm 
zur Ilervorbringung neuer Formen benutzt werden. Die ganze 
Wirkung der künstlichen Zuchtwahl beruht eben nur auf einer 
denkenden und vernünftigen Anwendung der Vererbungs- und 
Anpassungs-Gesetze, auf einer kunstvollen und planmässigen Be- 
nutzung .und Regulirung derselben. Dabei ist der vervollkomm- 
nete menschliche Wille die auslesende, züchtende Kraft. 

Ganz ähnlich verhält sich die natürliche Züchtung. Auch 
diese benutzt bloss jene beiden organischen Bildungskräfte, die 
physiologischen Functionen der Anpassung und Vererbung, um 
die verschiedenen Arten oder Species hervorzubringen. Dasjenige 
züchtende Princip aber, diejenige auslesende Kraft, welche bei 
der künstlichen Züchtung durch (h'n planmässig wirkenden und 
bewussten Willen des Menschen vertreten wird, ist bei der 
natürlichen Züchtung der planlos wirkende und unbewu.sste 
Kampf um's Dasein. Was wir unter „Kampf um's Dasein" 
verstehen, haben wir im siebenten Vortrage bereits auseinander- 
gesetzt. Gerade die Erkenntniss seiner Bedeutung ist eines der 
grössten Verdienste Darwin 's. Da aber dieses Verhältniss sehr 
häutig unvollkommen oder falsch verstanden wird, ist es noth- 
wendig, dasselbe jetzt noch näher in"s Auge zu fassen, und an 
einigen Beispielen die Wirksamkeit des Kampfes um\s Dasein 
und seinen Antheil an der natürlichen Züchtung zu erläutern. 

Wir gingen bei der Betrachtung des Kampfes um's Dasein 
von der Thatsache aus, dass die Zahl der Keime, welche alle 
Thiere und Pflanzen erzeugen, unendlich viel grösser ist, als die 
Zahl der Individuen, welche wirklich in das Leben treten und sich 
längere oder kürzere Zeit am Leben erhalten können. Die meisten 
Organismen erzeugen während ihres Lebens Tausende oder Millio- 
nen von Keimen, aus deren jedem sich unter günstigen Umstän- 



I 



XI. Kampf um's Dasein. 241 

den ein neues Individuum entwickeln könnte. Bei den meisten 
Thieren und Ptlanzen sind diese Keime echte Eier, d. h. Zellen, welche 
zu ihrer weiteren Entwicklung der geschlechtlichen Befruchtung 
bedürfen. Dagegen pflanzen sich viele Protisten, viele von jenen 
einzelligen niedersten Organismen, welche weder echte Thiere 
noch Pflanzen sind, bloss ungeschlechtlich fort; ihre Keimzellen 
oder Sporen bedürfen keiner Befruchtung. In allen Fällen steht 
die Zahl sowohl dieser ungeschlechtlichen als jener geschlecht- 
lichen Keime in gar keinem Verhältniss zu der relativ geringen 
Zahl der wirklich lebenden Individuen. 

Im Grossen und Ganzen genommen bleibt die Zahl der 
lebenden Thiere und Pflanzen auf unserer Erde durchschnittlich 
fast dieselbe. Die Zahl der Stellen im Naturhaushalt ist beschränkt, 
und an den meisten Punkten der Erdoberfläche sind diese Stellen 
immer annähernd besetzt. Gewiss finden überall in jedem Jahre 
Schwankungen in der absoluten und in der relativen Individuen- 
zahl aller Arten statt. Allein im Grossen und Ganzen genommen 
werden diese Schwankungen nur geringe Bedeutung haben gegenüber 
der Thatsache, dass die Gesammtzahl aller Individuen durch- 
schnittlich beinahe constant bleibt. Der Wechsel, der überall 
stattfindet, besteht darin, dass in einem Jahre diese und im an- 
deren Jahre jene Reihe von Thieren und Pflanzen überwiegt, 
und dass in jedem Jahre der Kampf um's Dasein dieses Verhält- 
niss wieder etwas anders gestaltet. 

Jede einzelne Art von Thieren und Pflanzen würde in kurzer 
Zeit die ganze Erdoberfläche dicht bevölkert haben, wenn sie 
nicht mit einer Menge von Feinden und feindlichen Einflüssen 
zu kämpfen hätte. Schon Linne berechnete, dass, wenn eine 
einjährige Pflanze nur zwei Samen hervorbrächte (und es giebt 
keine, die so wenig erzeugt), sie in 20 Jahren schon eine Million 
Individuen geliefert haben würde. Darwin berechnete vom Ele- 
phanten, der sich am langsamsten von allen Thieren zu ver- 
mehren scheint, dass in 500 Jahren die Nachkommenschaft eines 
einzigen Paares bereits 15 Millionen Individuen betragen würde, 
vorausgesetzt, dass jeder Elephant während der Zeit seiner Frucht- 
barkeit (vom 30. bis 90. Jahre) nur drei Paar Junge erzeugte. 

Haeckel, Natürl. Seh öpfuugs- Gesch. 8. Aufl. 1(3 



242 Zalileiiverliältniss der möglichen und wirklichen Individuen. XI. 

Ebenso würde die Zahl der Menschen, wenn man die mittlere 
Fortpflanzungs-Zahl zu Grunde legt, und wenn keine Hindernisse 
der natürlichen Vermehrung im Wege stünden, bei'eits in 25 Jahren 
sich verdoppelt haben. In jedem Jahrhundert würde die Gesammt- 
zahl der menschlichen Bevölkerung um das sechszehnfache ge- 
stiegen sein. Kun wächst aber bekanntlich die Gesammtzahl der 
Menschen nur sehr langsam und die Zunahme der Bevölkerung 
ist in verschiedenen Gegenden verschieden. Während europäische 
Stämme sich über den ganzen Erdball ausbreiten, gehen andere 
Stämme zu Grunde; ja sogar ganze Arten oder Species des 
Menschengeschlechts gehen mit jedem Jahre mehr ihrem völligen 
Aussterben entgegen. Dies gilt namentlich von den Rothhäuten 
Amerikas und ebenso von den schwarzbraunen Eingeborenen 
Australiens. Selbst wenn diese Völker sich reichlicher fortpflanzten, 
als die weisse Menschenart Europas, würden sie dennoch früher 
oder später der letzteren im Kampfe um's Dasein erliegen. Von 
allen menschlichen Individuen aber, ebenso wie von allen übrigen 
Organismen, geht bei weitem die überwiegende Mehrzahl in der 
frühesten Lebenszeit zu Grunde. Von der ungeheuren Masse von 
Keimen, die jede Art erzeugt, gelangen nur sehr wenige wirklich 
zur Entwickelung, und von diesen wenigen ist es wieder nur ein 
ganz kleiner Bruchtheil, welcher das Alter erreicht, in dem er 
sich fortpflanzen kann. (Vergl. S. 145.) 

Aus diesem Missverhältniss zwischen der ungeheuren Ueber- 
zahl der organischen Keime und der geringen Anzahl von aus- 
erwählten Individuen, die wirklich neben und mit einander fort- 
bestehen können, folgt mit Nothwendigkeit jener allgemeine Kampf 
um's Dasein, jenes beständige Ringen um die Existenz, jener 
unaufhörliche Wettkampf um die Lebensbedürfnisse, von welchem 
ich Ihnen bereits im siebenten Vortrage ein Bild entwarf. Jener 
Kampf um's Dasein ist es, welcher die natürliche Zuchtwahl 
ausübt, welcher die Wechselwirkung der Vererbung und An- 
passung züchtend benutzt und dadurch an einer beständigen Um- 
bildung aller organischen Formen arbeitet. Immer werden in 
jenem Kampf um die Erlangung der nothwendigen Existenz- 
Bedingungen diejenigen Individuen ihre Nebenbuhler besiegen, 



XT. Ursachen und Folgen des Kampfes ura's Dasein. 243 

welche irgend eine individuelle Begünstigung, irgend eine vortheil- 
hafte Eigenschaft besitzen, die ihren Mitbewerbern fehlt. 

Freilich können wir nur in den wenigsten Fällen, nur bei 
näher bekannten Thieren und Pflanzen, uns eine ungeßthre Vor- 
stellung von der unendlich complicirten Wechselwirkung der zahl- 
reichen Verhältnisse machen, welche alle hierl)ei in Frage kommen. 
Denken Sie nur daran, wie unendlich mannichfaltig und ver- 
wickelt die Beziehungen jedes einzelnen Menschen zu den übri- 
gen und überhaupt zu der ihn umgebenden Aussenwelt sind. 
Aehnliclie Beziehungen walten aber auch zwischen allen Thieren 
und Pflanzen, die an einem Orte mit einander leben. Alle Avirken 
gegenseitig, activ oder passiv, auf einander ein. Jedes Thier 
kämpft, wie jede Pflanze, direct mit einer Anzahl von Feinden, 
insbesondere mit Raubthieren und Parasiten. Die zusammen- 
stehenden Pflanzen kämpfen mit einander vmi den Bodenraum, 
den ihre Wurzeln bedürfen, um die nothwendige Menge von Licht, 
Luft, Feuchtigkeit u. s. w. Ebenso ringen die Thiere eines jeden 
Bezirks mit einander um ihre Nahrung, Wohnung u. s. w. Li 
diesem äusserst lebhaften und verwickelten Kampf wird jeder noch so 
kleine persönliche Vorzug, jeder individuelle Vortheil möglicher- 
weise den Ausschlag zu Gunsten seines Besitzers geben. Dieses 
bevorzugte einzelne Lidividuum bleibt im Kampfe Sieger und 
pflanzt sich fort, während seine Mitbewerber zu Grunde gehen, 
ehe sie zur Fortpflanzung gelangen. Der persönliche Vorzug, 
welcher ihm den Sieg verlieh, wird auf seine Nachkommen ver- 
erbt, und kann durch weitere Befestigung und Vervollkommnung 
die Ursache zur Bildung einer neuen Art werden. 

Die unendlich verwickelten AVechselbeziehungen, welche zwi- 
schen den Organismen eines jeden Bezirks bestehen, und welche 
als die eigentlichen Bedingungen des Kampfes um's Dasein an- 
gesehen werden müssen, sind uns grösstentheils unbekannt und 
meistens auch sehr schwierig zu erforschen. Nur in einzelnen 
Fällen haben wir dieselben bisher zu einem gewissen Grade ver- 
folgen können, so z. B. in dem von Darwin angeführten Bei- 
spiel von den Beziehungen der Katzen zum rothen Klee in Eng- 
land. Die rothe Kleeart (Trifolium pratense), welche in England 



244 Verwickelte Wechselbeziehungen aller benachbarten Organismen. XF. 

eines der vorzüglichsten Futterkräuter für das Rindvieh bildet, 
bedarf, um zur Samenbildung zu gelangen, des Besuchs der Hum- 
meln. Indem diese lusecteu den Honig aus dem Grunde der 
Kleeblüthe saugen, bringen sie den Blüthenstaub mit der Narbe 
in Berührung und vermitteln so die Befruchtung der Blüthe, 
welche ohne sie niemals erfolgt. Darwin hat durch Versuche 
gezeigt, dass rother Klee, den man von dem Besuche der Hum- 
meln absperrt, keinen einzigen Samen liefert. Die Zahl der 
Hummeln ist bedingt durch die Zahl ihrer Feinde, unter denen 
die Feldmäuse die verderblichsten sind. Je mehr die Feldmäuse 
überhand nehmen, desto weniger wird der Klee befruchtet. Die 
Zahl der Feldmäuse ist wiederum von der Zahl ihrer Feinde ab- 
hängig, zu denen namentlich die Katzen gehören. Daher giebt 
es in der Nähe der Dörfer und Städte, wo viele Katzen gehal- 
ten werden, besonders viel Hummeln. Eine grosse Zahl von 
Katzen ist also offenbar von grossem Vortheil für die Befruchtung 
des Klees, Man kann nun, wie es von Karl Vogt geschehen 
ist, an dieses Beispiel noch weitere Erwägungen anknüpfen. Denn 
das Rindvieh, welches sich von dem rothen Klee nährt, ist eine 
der wichtigsten Grundlagen des Wohlstandes von England. Die 
Engländer conserviren ihre körperlichen und geistigen Kräfte vor- 
zugsweise dadurch, dass sie sich grösstentheils von trefflichem 
Fleisch, namentlich ausgezeichnetem Rostbeaf und Beafsteak näh- 
ren. Dieser vorzüglichen Fleischnahrung verdanken die Britten 
zum grossen Theil das Uebergewicht ihres Gehirns und Geistes 
über die anderen Nationen. Offenbar ist dieses aber indirect ab- 
hängig von den Katzen, welche die Feldmäuse verfolgen. Man 
kann auch mit Huxley auf die alten Jungfern zurückgehen, 
welche vorzugsweise die Katzen hegen und pflegen und somit für 
die Befruchtung des Klees und den Wohlstand Englands von 
hoher Wichtigkeit sind. An diesem Beispiel können Sie erken- 
nen, dass, je weiter man dasselbe verfolgt, desto grösser der 
Kreis der Wirkungen und der Wechselbeziehungen wird. Man 
kann aber mit Bestimmtheit behaupten, dass bei jeder Pflanze 
und bei jedem Thiere eine Masse solcher Wechselbeziehungen 
existiren. Nur sind wir selten im Stande, die Kette derselben 



XI. Wechselnde Redingungen des Kampfes um's Dasein. 245 

SO herzustellen, und im Zusammenhang zu übersehen, wie es hier 
wenigstens annähernd der Fall ist. 

Ein anderes merkwürdiges Beispiel von wichtigen Wechsel- 
beziehungen ist nach Darwin folgendes: In Paraguay finden sich 
keine verwilderten Rinder und Pferde, wie in den benachbarten 
Theilen Süd-Amerikas, nördlich und südlich von Pai'aguay. Die- 
ser auffallende Umstand erklärt sich einfach dadurch, dass in 
diesem Lande eine kleine Fliege sehr häufig ist, welche die Ge- 
wohnheit hat, ihre Eier in den Nabel der neugeborenen Rinder 
und Pferde zu legen. Die neugeborenen Thiere sterben in Folge 
dieses Eingriffs, und jene kleine gefiirchtete Fliege ist also die 
Ursache, dass die Rinder und Pferde in diesem District niemals 
verwildern. Angenommen, dass durch irgend einen insectenfres- 
senden Vogel jene Fliege zerstört würde, so würden in Paraguay 
ebenso wie in den benachbarten Theilen Süd-Amerikas diese 
grossen Säugethiere massenhaft verwildern, und da dieselben eine 
Menge von bestimmten Pflanzenarten verzehren, würde die ganze 
Flora, und in Folge davon wiederum die ganze Fauna dieses 
Landes eine andere werden. Dass dadurch zugleich auch die 
ganze Oekonomie und somit der Charakter der menschlichen 
Bevölkerung sich ändern würde, braucht nicht erst gesagt zu 
werden. Aehnliches gilt von der Tse-Tse-Fliege in Africa. 

So kann das Gedeihen oder selbst die Existenz ganzer Völ- 
kerschaften durch eine einzige kleine, an sich höchst unbedeu- 
tende Thier- oder Pflanzen-Form indirect bedingt werden. Es 
giebt kleine oceanische Inseln, deren menschliche Bewohner we- 
sentlich nur von einer Palmenart leben. Die Befruchtung dieser 
Palme wird vorzüglich durch Insecten vermittelt, die den Blü- 
thenstaub von den männlichen auf die weiblichen Palmbäume 
übertragen. Die Existenz dieser nützlichen Insecten wird durch 
insectenfressende Vögel gefährdet, die ihrerseits wieder von Raub- 
vögeln verfolgt werden. Die Raubvögel aber unterliegen oft dem 
Angrifte einer kleinen parasitischen Milbe, die sich zu Millionen 
in ihrem Federkleide entwickelt. Dieser kleine gefährliche Pa- 
rasit kann wiederum durch parasitische Pilze getödtet werden. 
Pilze, Raubvögel und Insecten würden in diesem Falle das Ge- 



246 Wechselnde Bedingungen des Kampfes um's Dasein. XI. 

cleihen der Palmen und somit der Menschen begünstigen, Vogel- 
milben und insectenfressende Vögel dagegen gefährden. 

Interessante Beispiele für die Veränderung der Wechselbe- 
ziehungen im Kampf um's Dasein liefern auch jene isolirten und 
von Menschen unbewohnten oceanischen Inseln, auf denen zu 
verschiedenen Malen von Seefahrern Ziegen oder Schweine aus- 
gesetzt wurden. Diese Thiere verwilderten und nahmen an Zahl 
aus Mangel an Feinden bald so übermässig zu, dass die ganze 
übrige Thier- und Pflanzen-Bevölkerung darunter litt, und dass 
schliesslich die Insel beinahe verödete, weil den zu massenhaft 
sich vermehrenden grossen Säugetlüeren die liinreichende Nahrung 
fehlte. In einigen Fällen wurden auf einer solchen von Ziegen 
oder Schweinen übervölkerten Insel später von anderen Seefah- 
rern ein Paar Hunde ausgesetzt, die sich in diesem Futterüber- 
fluss sehr wohl befanden, sich wieder sehr rasch vermehrten und 
furchtbar unter den Heerden aufräumten, so dass nach einer An- 
zahl von Jahren den Hunden selbst das Futter fehlte, und auch 
sie beinahe ausstarben. So wechselt beständig in der Oekonomie 
der Natur das Gleichgewicht der Arten, je nachdem die eine oder 
andere Art sich auf Kosten der übrigen vermehrt. 

In den meisten Fällen sinil l'reilich die Beziehungen der ver- 
schiedenen Thier- und Pllanzcnartcn zu einander viel zu verwickelt, 
als dass wir ihnen nachkommen könnten, und ich überlasse es 
Ihrem eigenen Nachdenken, sich auszumalen, welches unendlich 
verwickelte Getriebe an jeder Stelle der Erde in Folge dieses 
Kampfes stattfinden muss. In letzter Instanz sind die Trieb- 
federn , welche den Kampf bedingen, und welche den Kampf an 
allen verschiedenen Stellen verschieden gestalten und modificiren, 
die Triebfedern der Selbsterhaltung, und zwar sowohl der Erhal- 
tungstrieb der Individuen (Ernährungstrieb), als der Erhaltungs- 
trieb der Arten (Fortpflanzungstrieb). Diese beiden Grundtriebe 
der organischen Sclbsterhaltung sind es, von denen sogar Schil- 
ler, der Idealist (nicht Goethe, der Realist!) sagt: 

„Einstweilen bis den Bau der Welt 

„Philosophie zusammenhält, 

„Erhält sich ihr Getriebe 

„Durch Hunger und durch Liebe," 



XI. Triebfedern des Kampfes um\s Dasein: Hunger und Liebe. 247 

Diese beiden mächtigen Grimdtriebe sind es, welche durch 
ihre verschiedene Ausbildung in den verschiedenen Arten den 
Kampf um's Dasein so ungemein mannichlaltig gestalten, und 
welche den Erscheinungen der Vererbung und Anpassung zu 
(iriinde liegen. Wir konnten alle Vererbung auf die Fortpflan- 
zung, alle Anpassung auf die Ernährung als die materielle Grund- 
ursache zurückführen. 

Der Kampf um's Dasein wirkt bei der natürlichen Züchtung 
ebenso züchtend oder auslesend, wie der Wille des Menschen bei 
der künstlichen Züchtung. Aber dieser wirkt planmässig und 
bewusst, jener planlos und unbewusst. Dieser wichtige Unter- 
scliied zwischen der künstlichen und natürlichen Züchtung ver- 
dient besondere Beachtung. Denn wir lernen hierdurch verste- 
hen, w'arum zweckmässige Einrichtungen ebenso durch 
zwecklos wirkende mechanische Ursachen, wie durch 
zweckmässig thätige Endursachen erzeugt werden kön- 
iien. Die Produkte der natürlichen Züchtung sind ebenso und 
noch mehr zweckmässig eingerichtet, wie die Kunstprodukte des 
Menschen, und dennoch verdanken sie ihre Entstehung nicht 
einer zweckmässig thätigen Schöpferkraft, sondern einem unbe- 
wusst und planlos wirkenden mechanischen Verhältniss. Wenn 
man nicht tiefer über die WechselM^rkung der Vererbung und 
Anpassung unter dem Einfluss des Kampfes um's Dasein nach- 
gedacht hat, so kann man nicht solche Erfolge von diesem natür- 
lichen Züchtungsprozess erwarten, wie derselbe in der That lie- 
fert. Es ist daher wohl angemessen, hier ein Paar besonders 
einleuchtende Beispiele von der Wirsamkeit der natürlichen Züch- 
tung anzuführen. 

Lassen Sie uns zunächst die von Darwin hervorgehobene 
gleichfarbige Zuchtwahl oder die sogenannte „sympathische 
Farbenwahl" der Thiere betrachten. Schon frühere Naturforscher 
haben es sonderbar gefunden, dass zahlreiche Thiere im Grossen 
und Ganzen dieselbe Färbung zeigen wie der Wohnort, oder die 
Umgebung, in der sie sich beständig aufhalten. So sind z. B. 
die Blattläuse und viele andere auf Blättern lebende Insecten 
grün gefärbt. Die Wüstenbewohner: Springmäuse, Wüstenfüchse, 



248 Gleichfarbige Zuchtwahl als Ursache der sympathischen Färbungen. XI. 

Gazellen, Löwen u. s. \v. sind meist gelb oder gelblichbraun ge- 
färbt, wie der Sand der Wüste. Die Polarthiere, welche auf Eis 
und Schnee leben, sind weiss oder grau, wie Eis und Schnee. 
Viele von diesen ändern ihre Färbung im Sommer und Winter. 
Im Sommer, wenn der Schnee theilweis vergeht, wird das Fell 
dieser Polarthiere graubraun oder schwärzlich wie der nackte Erd- 
boden, während es im Winter wieder weiss wu-d. Schmetterlinge 
und Kolibris, welche die bunten, glänzenden Blüthen umschwe- 
ben, gleichen diesen in der Färbung. Darwin erklärt nun diese 
auffallende Thatsache ganz einlach dadurch, dass eine solche Fär- 
bung, die mit der des Wolmortes übereinstimmt, den betreffenden 
Thieren von grösstem Nutzen ist. Wenn diese Thiere Raubthiere 
sind, so werden sie sich dem Gegenstand ihres Appetits viel 
sicherer und unbemerkter nähern können, und ebenso werden die 
von ihnen verfolgten Thiere viel leichter entfliehen können, wenn 
sie sich in der Färbung möglichst wenig von ihrer Umgebung 
unterscheiden. Wenn also ursprünglich eine Thierart in allen 
Farben variirte, so werden diejenigen Individuen, deren Farbe 
am meisten derjenigen ihrer Umgebung glich, im Kampf um's 
Dasein am meisten begünstigt gewesen sein. Sie blieben unbe- 
merkter, erhielten sich und pflanzten sich fort, wälirend die an- 
ders gefärbten Individuen oder Spielarten ausstarben. 

Aus derselben gleichfarbigen Zuchtwahl habe ich in meiner 
„generellen Morphologie" versucht, die merkwürdige Wasserähn- 
lichkeit der pelagischen Glasthiere zu erklären, die wunderbare 
Thatsache, dass die Mehrzahl der pelagischen Thiere, d. h. derer, 
welche an der Oberfläche der offenen See leben, bläulich oder 
ganz farblos und glasartig durchsichtig ist, wie das Wasser selbst. 
Solche farblose, glasartige Thiere kommen in den verschiedensten 
Klassen vor. Es gehören dahin unter den Fischen die Ilelmich- 
thyiden, durch deren glashellen Körper hindurch man die Schrift 
eines Buches lesen kann; unter den Weichthieren die Flossen- 
Schnecken und Kiel- Schnecken; imter den Würmern die Alciope 
und Sagitta; unter den Mantelthieren die Salpen und Seetönn- 
chen; ferner sehr zahlreiche pelagische Krebsthiere (Crustaceen) 
und der grösste Theil der Medusen (Schirm- Quallen, Kamm- 



XI. ^Gleichfarbige Zuchtwahl als Ursache der sympathischen Färbungen. 249 

Quallen u. s. w.). Alle diese pelagischen Tlüere, welche an der 
Oberfläche des ofl'enen Meeres schwimmen, sind glasartig durch- 
sichtig und farblos, wie das AV'asser selbst, während ihre nächsten 
Verwandten, die auf dem Grunde des Meeres leben, gefärbt und 
undurchsichtig wie die Landbewohner sind. Auch diese merk- 
würdige Thatsache lässt sich ebenso wie die sympathische Fär- 
bung der Landbewohner durch die natürliche Züchtung erklären. 
L^nter den Voreltern der pelagischen Glasthiere, welche einen 
verschiedenen Grad von Farblosigkeit und Durchsichtigkeit zeig- 
ten, werden diejenigen, welche am meisten farblos und durch- 
sichtig waren, offenbar in dem lebhaften Kampf um\s Dasein, 
der an der Meeres-Oberfläche stattfindet, am meisten begünstigt 
gewesen sein. Sie konnten sich ihrer Beute am leichtesten un- 
bemerkt nähern, und wurden selbst von ihren Feinden am we- 
nigsten bemerkt. So konnten sie sich leichter erhalten und fort- 
pflanzen, als ihre mehr gefärbten und undurchsichtigen Verw^andten; 
schliesslich erreichte dann, durch gehäufte Anpassung und Verer- 
bung, durch natürliche Auslese im Laufe vieler Generationen, der 
Körper denjenigen Grad von glasartiger Durchsichtigkeit und Farb- 
losigkeit, den wir gegenwärtig au den zahlreichen pelagischen Glas- 
thieren bewundern. 

Nicht minder interessant und lehrreich, als die gleichfarbige 
Zuchtwahl, ist diejenige Art der natürlichen Züchtung, welche 
Darwin die sexuelle oder geschlechtliche Zuchtwahl 
nennt; durch sie wird besonders die Entstehung der sogenannten 
„secundären Sexual-Charaktere" erklärt. Wir haben diese unter- 
geordneten Geschlechts -Charaktere, die in so vieler Beziehung 
lehrreich sind, schon früher erwähnt; wir verstanden darunter 
solche Eigenthümlichkeiten der Thiere und Pflanzen, welche bloss 
einem der beiden Geschlechter zukommen, und welche nicht in 
unmittelbarer Beziehung zu der Fortpflanzungs-Thätigkeit selbst 
stehen. (Vergl. oben S. 188.) Solche secundäre Geschlechts-Charak- 
tere kommen in grosser Mannichfaltigkeit bei höheren Thieren vor. 
Sie wissen Alle, wie auffallend sich bei vielen Vögeln und Schmet- 
terlingen die beiden Geschlechter durch Grösse und Färbung un- 
terscheiden. Meistens ist hier das Männchen das grössere und 



250 Gesolilechtüche Zuchtwahl und secundäre Sexual-Charaktere. XI. 

schönere Geschlecht. Oft liesitzt dasselbe besondere Zierrathe 
oder Waffen, wie z. B. der Sporn und Federkragen des Hahns, 
das Geweih der männlichen Hirsche und Rehe u. s. w. Alle diese 
Eigenthümlichkeiten des einen Geschlechts haben mit der Fort- 
pflanzung selbst, welche durch die „primären Sexual-Charaktere", 
die eigentlichen Geschlechts-Organe, vermittelt wird, unmittelbar 
Nichts zu thuu. 

Die Entstehung dieser merkwürdigen „secundären Sexual- 
Charaktere" erklärt nun Darwin einfach durch die Auslese oder 
Selection, welche bei der Fortpflanzung der Thiere geschieht. 
Bei den meisten Thieren ist die Zahl der Individuen beiderlei 
Geschlechts mehr oder weniger ungleich; entweder ist die Zahl 
der weiblichen oder die der männlichen Individuen grösser, und 
wenn die I'ortpflanzungs-Zeit herannaht, findet in der Regel ein 
Kampf zwischen den betreffenden Nebenbuhlern um Erlangung 
der Tliiere des anderen Geschlechts statt. Es ist bekannt, mit 
welcher Kraft und Heftigkeit gerade bei den höchsten Thieren, 
bei den Säugethieren und Vögeln, liesonders bei den in Polygamie 
lebenden, dieser Kampf gefochten wird. Bei den Hühner- Vögeln, 
wo auf einen Hahn zahlreiche Hennen kommen, findet zur Erlan- 
gung eines möglichst grossen Harems ein lebhafter Kampf zwischen 
den mitbewerbenden Hähnen statt. Dasselbe gilt von vieleji AVie- 
derkäuern. Bei den Hirschen und Rehen z. B. entstehen zur Zeit 
der Fortpflanzung gefährliche Kämpfe zwischen den Männchen 
um den Besitz der Weibchen. Der secundäre Sexual -Charakter, 
welcher hier die Männchen auszeichnet, das Geweih der Hirsche 
und Rehe, das den Weibchen fehlt, ist nach Darwin die Folge 
jenes Kampfes. Hi(5r ist also nicht, wie beim Kampf um die 
individuelle Existenz, die Selbstcrhaltung, sondern die Erhaltung 
der Art, die Fortpflanzung, das Motiv und die bestimmende Ur- 
sache des Kampfes. Es giebt eine ganze Menge von Waffen, die 
in dieser Weise von den Thieren erworben wurden, sowohl pas- 
sive Schutzwall'en als active Angriftswaffen. Eine solche Schutz- 
waffe ist zweifelsohne die ^lähne des Löwen, die dem Weibchen 
abgeht; sie ist bei den Bissen, die die männlichen Löwen sich 
am Halse beizubringen suchen, wenn sie um die Weibchen kam- 



XI. Geschlechtliche Zuchtwahl und secunrliire Sexual-Charaktere. 251 

pfen, ein tüchtiges Scliutzmittel ; und daher sind die mit der stärk- 
sten Mähne versehenen Männchen in dem sexuellen Kampfe am 
Gleisten begünstigt. Eine ähnliche Schutzwafte ist die AV^amme 
des Stiers und der Federkragen des Hahns. Active Angriffswaffen 
sind dagegen das Geweih des Hirsches, der Ilauzahn des Ebers, 
der Sporn des Hahns und der entwickelte Oberkiefer des männ- 
lichen Hirschkäfers; alles Instrumente, welche beim Kampfe der 
Männchen um die Weibchen zur Vernichtung oder Vertreibung 
der Nebenbuhler dienen. 

In den letzterw.ilmten Fällen sind es die unmittelbaren Ver- 
nichtungs- Kämpfe der Nebenbuhler, welche die Entstehung des 
secundären Sexual-Charakters bedingen. Ausser diesen unmittel- 
baren Vernichtungs-Kämpfen sind aber bei der geschlechtlichen 
Auslese auch die mehr mittelbaren Wettkämpfe von grosser Wich- 
tigkeit, welche auf die Nebenbuhler nicht minder umbildend ein- 
wirken. Diese bestehen vorzugsweise darin, dass das werbende 
Geschlecht dem anderen zu gefallen sucht: durch äusseren Putz, 
durch Schönheit, oder durch eine melodische Stimme. Unzweifel- 
haft ist die schöne Stimme der Singvögel wesentlich auf diesem 
Wege entstanden. Bei vielen Vögeln findet ein wirklicher Sän- 
gerkrieg zwischen den Männchen statt, die um den Besitz der 
Weibchen kämpfen. Von mehreren Singvögeln weiss man, dass 
zur Zeit der Fortpflanzung die Männchen sich zahlreich vor den 
Weibchen versammeln und vor ihnen ihren Gesang erschallen 
lassen, und dass dann die Weibchen denjenigen Sänger, welcher 
ihnen am besten gefällt, zu ihrem Gemahl erwählen. Bei anderen 
Singvögeln lassen die einzelnen Männchen in der Einsamkeit des 
Waldes ihren Gesang ertönen, um die Weibchen anzulocken, und 
diese folgen dem anziehendsten Locktone. Ein ähnlicher musi- 
kalischer Wettkampf, der allerdings weniger melodisch ist, findet 
bei den Cikadeu und Heuschrecken statt. Bei den Cikaden hat 
das Männchen am Unterleib zwei trommelartige Instrumente und 
erzeugt damit die scharfen zirpenden Töne, Avelche die alten 
Griechen seltsamer Weise als schöne Musik priesen. Bei den 
Heuschrecken bringen die Männchen, theils indem sie die Hinter- 
schenkel wie Violinbogen an den Flügeldecken reiben, theils durch 



252 Musikalische Zuchtwahl im Kampf um die Fortpflanzung. XI. 

Reiben der Flügeldecken an einander, Töne hervor, die für uns 
allerdings nicht melodisch sind, die aber den weiblichen Heu- 
schrecken so gut gefallen, dass sie die am besten geigenden 
Männchen sich aussuchen. 

Bei anderen Tnsecten und Vögeln ist es nicht der Gesang 
oder überhaupt die musikalische Leistung, sondern der Putz oder 
die Schönheit des einen Geschlechts, welches das andere anzieht. 
So finden wir, dass bei den meisten Hühnervögeln die Hähne 
durch Hautlappen auf dem Kopfe sich auszeichnen, oder durch 
einen schönen Schweif, den sie radartig ausbreiten, wie z. B. der 
Pfau und der Truthahn. Auch der prachtvolle Schweif des 
Paradiesvogels ist eine ausschliessliche Zierde des männlichen 
Geschlechts. Ebenso zeichnen sich bei sehr vielen anderen 
Vögeln und bei sehr vielen Insectcn, namentlich Schmetter- 
lingen, die -Männchen durch besondere Farben oder andere Zierden 
vor den Weibchen aus. Oftenbar sind dieselben Produkte der 
sexuellen Züchtung. Da den Weibchen diese Reize und Ver- 
zierungen fehlen, so müs.sen wir schliessen, dass dieselben von 
den Männchen im Wettkampf um die Weibchen erst allmählig 
erworben worden sind, wobei die Weibchen auslesend wirkten. 

Die Anwendung dieses interessanten Schlusses auf die mensch- 
liche Gesellschaft können Sie sich selbst leicht im Einzelnen aus- 
malen. Offenbar sind auch hier dieselben Ursachen bei der Aus- 
bildung der secimdären Sexual-Charaktere wirksam gewesen. Eben- 
sowohl die Vorzüge, welche den Mann, als diejenigen, welche 
das Weib auszeichnen, verdanken ihren Ursprung ganz gewiss 
grösstentheils der sexuellen Auslese des anderen Geschlechts. Im 
Alterthum und im Mittelalter, besonders in der romantischen 
Ritterzeit, waren es die unmittelbaren Vernichtungs-Kämpfe, die 
Turniere und Duelle, welche die Brautwahl vermittelten; der 
Stärkere führte die Braut heim. In neuerer Zeit dagegen 
sind die mittelbaren Wettkämpfe der Nebenbuhler beliebter, 
welche mittelst musikalischer Leistungen, Spiel und Gesang, oder 
mittelst körperlicher Reize, natürlicher Schönheit oder künstlichen 
Putzes, in unseren sogenannten „feinen" und „ hochcivilisirten " 
Gesellschaften ausgekämpft werden. Bei weitem am Wichtigsten 



XT. Psychische Zuchtwahl im Kampf um die Foi't|)flanzung. 253 

aber von diesen verscliiedenen Formen der Geschlechtswald des 
Menschen ist die am meisten veredelte Form derselben, niimlich 
die psychische Auslese, bei welcher die geistigen Vorzüge 
des einen Geschlechts bestimmend auf die Wahl des anderen 
einwirken. Indem der am höchsten veredelte Kulturmensch 
sich bei der Wahl der Lebensgefährtin Generationen hindurch 
von den Seelenvorziigen derselben leiten Hess, und diese auf 
die Nachkommenschaft vererbte, half er mehr, als durch vieles 
Andere, die tiefe Kluft Schäften, welche ihn gegenwärtig von den 
rohesten Naturvölkern und von unseren gemeinsamen thierischen 
Voreltern trennt. Ueberhaupt ist die Rolle, welche die gesteigerte 
sexuelle Zuchtwahl, und ebenso die Rolle, welche die vorge- 
geschrittene Arbeitstheilung zwischen beiden Geschlechtern beim 
Menschen spielt, höchst bedeutend; und ich glaube, dass hierin 
eine der mächtigsten Ursachen zu suchen ist, welche die phyloge- 
netische Entstehung und die historische Entwickelung des Menschen- 
geschlechts bewirkten. Darwin hat in seinem 1871 erschienenen, 
höchst interessanten Werke über „die Abstammung des Menschen 
und die geschlechtliche Zuchtwahl" ^^) diesen Gegenstand in der 
geistreichsten Weise erörtert und durch die merkwürdigsten Bei- 
spiele erläutert. 

Die ausserordentlich hohe Bedeutung, welche der Kampf 
um's Dasein und die durch ihn bewirkte natürliche Zuchtwahl 
für die Entwickelung der organischen Welt besitzen, ist im Ver- 
laufe der letzten drei Jahrzehnte, seit Darwin 's Entdeckung der- 
selben, immer mehr anerkannt worden. Allein gewöhnlich denkt 
man dabei nur an die Lebens- und Bildungs- Verhältnisse der 
selbstständigen Einzelwesen. Nicht weniger wichtig aber, ja im 
Grunde noch von viel höherer und allgemeinerer Bedeutung, ist 
der Kampf um's Dasein , welcher überall und jederzeit zwischen 
allen Form-Bestandtheilen dieser Einzelwesen stattfindet; die Um- 
bildung dieser letzteren ist ja eigentlich erst das Gesammt-Ergebniss 
aus der besonderen Entwickelung aller ihrer Bestandtheile. 

Darwin selbst ist auf diese elementaren Structur- Umbildungen 
nicht näher eingegangen. Die erste umfassende Darstellung und 
kritische Beleuchtung derselben hat 1881 Professor Wilhelm 



254 Functionelle Se]I)stgestaltiing der zweckmässigen Struotur. XL 

Koiix in Breslau gegeben, in seinem ausgezeichneten Werke: 
„Der Kampf der Theile im Organismus, ein Beitrag zur 
A^ervollständigung der mechanischen Zweckmässigkeits-Lehre" ^^). 
Ich halte diese Schrift für einen der wichtigsten Beiträge zur 
Entwickelungs-Lehre, welche seit Darwin's Hauptwerk (1859) 
erschienen sind und für eine der wesentlichsten Ergänzungen 
seiner Selections-Theorie. Im ersten Abschnitt erörtert Roux 
die functionelle Anpassung der einzelneu Organe und die Erb- 
lichkeit ihrer Wirkungen, insbesondere die functionelle Selbst- 
gestaltung der zweckmässigen Structur, als eine noth- 
wendige Wirkung des vermehrten oder verminderten Gebrauches 
(vergl. oben S. 227). Im zweiten Abschnitt wird der Kampf 
der Theile im Organismus selbst näher untersucht, und ge- 
zeigt, wie aus der Ungleichheit der Theile, aus den ungleichen 
Verhältnissen ihrer Thätigkeit und Ernährung, ihres Stoffwechsels 
Luid Wachsthums, nothwendig von selbst ein Kampf derselben 
um"s Dasein folgen muss; und zwar gilt dies ganz ebenso von 
den einzelnen Organen und den sie zusammensetzenden Geweben, 
als von den einzelnen Zellen, welche die Organe zusammensetzen, 
und schliesslich selbst von den activen Molekeln, welche das 
Plasma der Zellen und ihrer Kerne zusammensetzen (Plastidulen 
oder Micellen). Von grösster Bedeutung ist hierbei die Wechsel- 
Beziehung zwischen der Arbeitsleistung (oder physiologischen 
Function) jedes einzelnen Theiles und seiner Ernährung; indem 
jeder functionelle Reiz auf den Stoffwechsel des thätigen Theiles 
zurückwirkt und somit eine „trophische AVirkung" ausübt, bewirkt 
er zugleich Veränderungen in seiner Form und Structur (oder 
morphologische Differenzirimgen). Es lässt sich somit, wie ich 
schon 1866 in meiner generellen i\Iorphologie behauptet hatte, 
die Anpassung im weitesten Sinne auf die Lebensthätigkeit der 
Erna hrung zurückführen. 

An zahlreichen einleuchtenden Beispielen weist Roux nach, 
wie durch verstärkte Thätigkeit die besondere Leistungsfähigkeit 
der Organe erhöht, durch verminderte Arbeit umgekehrt herab- 
gesetzt wird (im Sinne von Lamarck), und wie ferner durch 
die Eiuwirkuno; functioneller Reize das Zweckmässige in 



Xr. Cellular-Seleetion tiikI Persnnal-Selection. 255 

liöclist (lenkbarer Vollkoinine nlie i t direct mechanisch 
hervorgebracht und gestaltet wird, ohne dass irgend eine 
zweckthätige Endursaclie dabei in's Spiel kommt. So erklärt 
sich höchst einfach die bewunderungswürdige und höchst zweck- 
mässige Vollkommenheit im feineren Bau der Knochen, der 
Muskeln, der Blutgefässe u. s. w. Die feinen Stiitzl)älkclien der 
Knoclien verlaufen in der Richtung des stärksten Druckes und 
Zuges und erreichen so mit der geringsten Menge von Material 
die höchste Stützkraft; die feinen Fasern der Muskeln, welche 
das Fleisch zusammensetzen, verlaufen nur in der Richtung, in 
welcher ihre Zusammenziehung stattfindet; und wenn musku- 
löse Röhren (z. B. der Darm, die Blutgefässe) sich in zwei Rich- 
tungen zusammenziehen, der Länge und der Quere nach, so ordnen 
sich die Muskelfasern bloss in diesen beiden Richtungen. Ebenso 
ist aber auch die feinere Structur der Nerven, der Blutgefässe, 
der Drüsen u. s. w. auf das Zweckmässigste ihrer Thätigkeit an- 
gepasst. Rein mechanisch betrachtet, erscheinen ihre Structur- 
Verhältnisse als Einrichtungen von denkbar vollkommenster 
Zweckmässigkeit, und dennoch sind dieselben ohne vorbe- 
dachten Zweck entstanden, vielmehr rein mechanisch 
durch die eigene Thätigkeit der Organe selbst, unter Vermittelung 
ihrer functionellen Reize, hervorgebracht worden. 

Das bedeutungsvolle Princip der functionellen Selbstgestal- 
tung des Zweckmässigen, welches Roux so scharfsinnig erläutert 
hat, zeigt uns demnach wie die thatsächlich bestehende Zweck- 
mässigkeit im inneren Körperbau auf teleologische Mechanik 
zurückzuführen ist. Aber auch diese kann wieder weiterhin durch 
das Selections-Princip erklärt Averden; nicht im Sinne Dar- 
win 's, dass der Kampf um\s Dasein zwischen den selbstständigen 
Einzelwesen sie hervorruft, sondern im Sinne von Roux, wonach 
derselbe beständig zwischen allen Theilen des einzelnen Organis- 
mus selbst wirksam ist. 

Man könnte demnach die Zuchtwahl der Zellen, wie sie nach 
Roux überall in den Geweben stattfindet, auch als Cellular- 
Seleetion bezeichnen, im Gegensatze zur Personal-Selection, 
wie sie Darwin zuerst zwischen den selbststäudigen Einzelwesen 



256 Cellular-Selection und Personal-Selection. XI. 

nachgewiesen hat. Die erstere würde sich zur letzteren ebenso 
verhalten, wie Virchow's Cellular-Pathologie zur Personal-Patho- 
logie, oder wie die von 'mir aufgestellte Cellular-Psychologie zur 
Personal-Psychologie. (Vgl. meinen Vortrag über „Zellseelen und 
Seelenzellen") ^''). Der Schlüssel für das richtige Verständuiss 
dieses Verhältnisses liegt in der Zellentheorie, und in den weit- 
greifenden Fortschritten, welche diese grundlegende Theorie seit 
einem halben Jahrhundert (und namentlich in den letzten De- 
cennien) gemacht hat. Wir betrachten jetzt allgemein die orga- 
nischen Zellen nicht mehr als todte Bausteine, sondern als leben- 
dige „Elementar-Organismeu", als Piastiden oder „Bildnerinnen". 

Selbstständige Einzelwesen, und zwar ebensowohl morphologisch 
(hinsichtlich des Körperbaues) wie physiologisch (hinsichtlich der 
Lebensthätigkeit) sind ursprünglich alle Zellen. Es besteht aber 
trotzdem ein grosser Unterschied zwischen den einzelligen Orga- 
nismen (Protisten) und den vielzelligen (Histoneu). Bei den 
Protisten oder den einzelligen Lebensformen (Urpflanzen und 
Urthieren) bildet eine einzige Zelle für sich zeitlebens den ganzen 
Organismus. Bei den Mistonen hingegen, den vielzelligen 
Thieren und Pllanzen, besteht der Organismus nur im Beginne 
seiner Existenz aus einer einzigen Zelle; sobald diese sich zu 
entwickeln beginnt, vermehrt sie sich durch wiederholte Theilung, 
und die zahlreichen daraus entstandenen Zellen setzen die Ge- 
webe und Organe zusammen. In diesen sind die gesellig verbun- 
denen Zellen von einander und vom Ganzen abhäugig, und zwar 
um so mehr, je höher das Ganze entwickelt, je stärker es cen- 
tralisirt ist. Mithin verhält sich das einzellige Protist zum viel- 
zelligen und gewebebildenden Ilistonen ähnlich, wie der ein- 
zelne Mensch zum Staat. Der vielzellige Organismus ist ein 
Zellenstaat, und seine einzelnen Zellen sind die Staatsbürger 
(vergl. den VIII. und XVII. Vortrag). 

AVie nun demgemäss alle Lebens-Thätigkeiten in den beiden 
Hauptgruppen der Einzelligen und der Vielzelligen gewisse prin- 
cipielle Verschiedenheiten zeigen, so gilt dasselbe auch von ihrer 
Thätigkeit im Kampfe um"s Dasein, von der Wechselwirkung 
der Vererbung und der Anpassung, welche dabei züchtend wirkt. 



XI. MoK'kular-Selection iiineihalli der Zflleii. 257 

Die Einzelligen oder Protisten zeigen ein einfaches (oder tro- 
phisches) Waelistluini, dnreh Zell-Vergrösserung; sie vermehren 
sich grösstentheils ungeschlechtlicli (durch Theilung oder Sporen- 
Bildung); die Vererbung wird daher durch den Kern der einen 
Zelle vermittelt, welche zugleich der ganze Organismus ist. Die 
Vielzelligen oder Histonen hingegen besitzen ein zusammengesetztes 
(oder numerisches) Wachsthum, durch Zell -Vermehrung; sie 
pflanzen sich geschleclitlich fort (durch Vermischung von Ei-Zelle 
und Sperma-Zelle) ; die Vererbung wird daher nur durch die 
Kerne dieser beiden Geschlechts-Zellen vermittelt, während alle 
übrigen Gewebe-Zellen dabei nicht betheiligt sind. Aber innerhalb 
der Gewebe vermehren sich auch die sie zusammensetzenden 
Zellen beständig; und die Gewebe-Bildung selbst wird durch jene 
bedeutungsvolle Cellular - Selection bestimmt. Die tüchtigsten 
Zellen in jedem Gewebe, welche ihre Arbeit am besten erfüllen, 
verlangen und erhalten dafür auch den besten Theil des Nahrungs- 
Saftes; sie entziehen ihn den schwächeren und untüchtigeren 
Zellen; die ersteren wachsen und vermehren sich durch Theilung, 
während die letzteren früher oder später zu Grunde gehen müssen. 
Der Kampf um's Dasein zwischen den Gewebe-Zellen der 
vielzelligen Organismen, muss demnach als die wichtigste Trieb- 
feder für die fortschreitende Entwickelung und Dilferenzirung 
ihrer Gewebe und Organe angesehen werden. Bei den Einzelligen 
hingegen nimmt der Kampf um's Dasein und die durch ihn be- 
wirkte natürliche Zuchtwahl eine wesentlich verschiedene Form 
an. Denn hier kommt es ja überhaupt noch nicht zur Gewebe- 
Bildung; die Gestaltung der unabhängigen und selbstständig blei- 
benden Zelle wird theils unmittelbar durch die Einwirkung der 
äusseren Existenz-Bedingungen bestimmt, theils durch die Gegen- 
wirkung, welche die Plastidule oder Micellen, die activ lebens- 
thätigen Plasma-Molekeln der Zelle ausüben. Auch zwischen 
diesen letzteren dürfen wir einen beständigen Kampf um's Dasein 
annehmen, und Roux hat gezeigt, welche hohe Bedeutung dem- 
selben für den Stoffwechsel und die Ernährung, somit auch für 
die Anpassung und Gestaltung des Elementar-Organismus zuzu- 
schreiben ist. Allein diese Molekül ar-Selection ist eben so 

Haeckel, Natiirl. Schüpfmigs-Gesch. 8. Aufl. \ ^ 



258 Ableitung des Zweckmässigen ans dem Unzweckmässigen. XI. 

hypothetisch, und eben so wenig direct nacliweisbar, wie die 
Molekulav-Structur, welche wir (in irgend einer Form) für 
das Plasma annehmen müssen. Als Hypothese ist dieselbe un- 
entbehrlich, und zwar ebensowohl für die unabhängigen einzelligen 
Protisten, wie für die abhängigen Gewebe-Zellen der Histonen. 

Je tiefer wir neuerdings in diese elementaren Verhält- 
nisse des organischen Lebens eingedrungen sind, und je mehr 
wir die verwickelten Wechsel - Beziehungen desselben kennen 
gelernt haben, desto höher haben wir den Werth der Selections- 
Theorie schätzen gelernt, desto grösser erscheint uns die philo- 
sophische That Darwin's. Denn indem dieser grosse Natur- 
Philosoph die natürliche Züchtung durch den Kampf um's Dasein 
begründete, entdeckte er nicht nur die wichtigste Ursache der 
organischen Formen-Bildung und Umbildung, sondern er beant- 
wortete zugleich endgültig eines der grössten philosophischen 
Räthsel, die Frage nämlich: Wie können zweckmässige Ein- 
richtungen mechanisch entstehen, ohne zweckthätige 
Ursachen? 

Die uaturgemässe Beantwortung dieser schwierigen Grund- 
frage hatte schon im fünften Jahrhundert vor ('hristus ein grosser 
griechischer Naturphilosoph versucht, Empedocles aus Agrigent. 
Nach ihm sind die zweckmässigen Gestalten der Thiere und 
Pflanzen, wie wir sie jetxt kennen, erst allmählich entstanden, 
und zwar durch den beständigen Kampf der widerstreitenden 
Naturkräfte; die jetzt lebenden Formen sind übrig geblieben aus 
einer ungeheuer gro.ssen Zahl von ausgestorbenen Formen, und 
zwar deshalb, weil sie für jenen Kampf am vortheilhaftesteu ge- 
artet, und darum am lebensfähigsten waren. Einerseits betont 
Empedocles zuerst ganz besonders die Zweckmässigkeit im 
Körperbau der Lebewesen, andrerseits aber hebt er zugleich. her- 
vor, dass man zur Erklärung derselben kein besonileres „Zweck- 
mässigkeits-Princip" aufstellen dürfe, sondern dass sie rein me- 
chanisch durch das Wechselspiel der Naturkräfte entstanden sei. 
Mit Recht sagt daher Fritz Schnitze'*) in seiner Schilderung 
der griechischen Naturphilosophie: „den grossen Gedanken einer 
Theorie der Ableitung des Zweckmässigen aus dem Un- 



XI. Empodocles und Darwin. 259 

zweckmässigen 7Aierst gefasst zu lKil)en, ist das strahlende 
Verdienst des Empedocles, und wenn wir l)edenken, dass seine 
beiden Grundprincipien, Liebe und Hass, die Keiniformen zu den 
modernen Grundkräften der Anziehung und der Abstossung sind, 
80 werden wir diesem alten Foi'sclier in der That unsere Be- 
wunderung und Anerkennung nicht versagen können." 

So darf also mit Beziehung auf die Lösung dieser liochwich- 
tigen Frage Empedocles als der älteste Vorläufer Darwin's 
augesehen werden. Obgleich aber auch andere Naturphilosophen 
des cl assischen Alterthums, insbesondere Lucretius, ihre hohe 
Bedeutung anerkannten, gerieth dieselbe doch späterhin ganz in 
Vergessenheit. Konnte doch selbst Kant — wie schon früher 
(8. 95) erwähnt, — dieselbe so wenig würdigen, dass er sogar 
die Hoffnung, jene Frage jemals lösen zu können, für ungereimt 
erklärte. „Man muss diese Einsicht dem Menschen schlechter- 
dings absprechen." 

Indem Charles Darwin durch seine Selections-Theorie that- 
sächlich jene schwierigste Grundfrage löste, ist er — ich wieder- 
hole es — der neue Newton geworden, dessen einstiges Kom- 
men Kant- für immer verneinen zu können glaubte. Zwar haben 
kurzsichtige Naturforscher diesen Vergleich neuerdings für über- 
trieben erklärt und lächerlich gemacht, damit aljer nur gezeigt, 
wie wenig sie die philosophische Tragw^eite des Darwinismus zu 
würdigen im Stande sind. Denn die Aufgaben sowohl wie die 
Mittel zu ihrer mechanischen Beantwortung waren bei der Gra- 
vitations-Theorie von Newton ungleich einfacher, als bei 
der Selections-Theorie von Darwin. Desshalb leuchtet auch 
die natürliche Wahrheit der ersten jedem Gebildeten unmittelbar 
ein, während für das volle Verständniss der letzeren eine gründ- 
liche naturwissenschaftliche Vorbildung erforderlich ist. Beide 
haben aber ein gleich hohes Verdienst, indem sie den übernatür- 
lichen Zweckbegriff und den damit verknüpften Wunderglauben 
aus unserem Erkenntniss-Gebiete verdrängten, Newton aus dem 
der anorgischen, Darwin aus dem der organischen Natur, 

Die .speculative Philosophie der neuesten Zeit überzeugt sich 
täelich mehr von der Nothwendigkeit, aus dem icarischen Wol- 

17* 



260 r)as Princip der teleologischen Mechanik. XT. 

keufluge der „reinen Speculation" auf den festen Boden der em- 
pirischen Natur- Erkenntniss zuriickzukeln-en, und insbesondere 
die bedeutungsvollen biologischen Fortschritte des letzten Men- 
schenalters in sich aufzunehmen. So sind namentlich AVundt, 
Fritz Schnitze, G. H. Schneider, B. v. Carneri, Spitzer 
u. A. neuerdings eifrig bemüht, die philosophische Bedeutung des 
Transformismus' zu würdigen und die wichtigsten Folgerungen aus 
dem Darwinismus zu ziehen. Die monistische Philosophie von 
Herbert Spencer"), Jacob Moleschott^*^), Ludwig Büch- 
ner'") u. A. ruht auf ihrem Fundamente. AVelche Bedeutung in 
jener Beziehung vor Allen das Selections-Princip besitzt, und wie 
dadurch „die Teleologie in der Auflassung der Organismen-Welt" 
in ein ganz neues Licht gesetzt ward, hat insbesondere Hugo 
Spitzer in Gratz gezeigt^*). Seine „Beiträge zur Descendenz- 
Theorie und zur Methodologie der Naturwissenschaft" (1886) sind 
bisher die eingehendsten Versuche, die philosophische Bedeutung 
des Darwinismus richtig zu würdigen. Indem der letztere den 
übernatiirliclien und dualistischen „transcendenten Zweck begriflC" 
beseitigt, setzt er an seine Stelle das natürliche und monistische 
Princip der „teleologischen Mechanik". 



Zwölfter Vortrag. 

Arbeitstlieiluiig und Formspaltung. Divergenz tler Species. 
Fortbildung und Rückbildung. 



Arbeitstheihing (Ergonomie) und Formspaltung (Polymorphismus). Phy- 
siologische Divergenz und morphologische Differenzirung, beide nothwendig 
durch die Selection bedingt. Uebergang der Varietäten in Species. Begriff 
der Art oder Species. Bastard-Arten. Personal-Divergenz und Cellular- 
Divergeuz. DifTerenzirung der Gewebe. Primäre und secundäre Gewebe. 
Siphonophoren. Arbeitswechsel (Metergie). Angleichung (Convergeuz). Fort- 
schritt und Vervüllkoraranung. Entwickelungs-Gesetze der Menschheit. Ver- 
hältniss der Fortbildung zur Divergenz. Centralisation' als Fortschritt. Rück- 
bildung. Entstehung der rudimentären Organe durch Nichtgebrauch und Ab- 
gewöhnung. Unzweckmässigkeits-Lehre oder Dysteleologie. 

Meine Herren! Wenn Sie die geschichtliche Entwickelung 
der organischen Welt im Grossen und Ganzen betrachten, so tre- 
ten Ihnen als allgemeinste Erscheinungen zunächst zwei grosse 
Gesetze entgegen, das Divergenz-Gesetz und das Fortschritts-Gesetz. 
Das Princip der Divergenz oder Sonderung lehrt uns zunächst 
als Thatsache, auf Grund der Versteinerungs - Kunde, dass die 
Mannichfaltigkeit und Verschiedenheit der Lebensformen auf unse- 
rem Erdball von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart beständig 
zugenommen hat. Das zweite Princip, das des Fortschritts 
oder der Vervollkommnung, lehrt uns auf Grund derselben paläon- 
tologischen Urkunden, dass diese Divergenz im Grossen und Gan- 
zen mit einem stetigen Fortschritt, mit einer zunehmenden Voll- 
kommenheit der Organisation verknüpft gewesen ist. Für beide 
Gesetze liegt der Grund zunächst grösstentheils in der physiolo- 
gischen Arbeitstheihing der Organismen (Ergonomie) und in 



262 Nothwendige Folgen der natürlichen Züchtung. XII. 

der damit verknüpften morphologischen Sonderung oder Form- 
spalt u n g (Polymorphismus). 

Nachdem man auf Grund sehr ausgedehnter paläontologischer 
Untersuchungen die allgemeine Geltung dieser beiden grossen 
historischen Principien erkannt hatte, glaubte man ihre Ursache 
zunächst in einem zweckmässigen Schöpfungsplan, oder unmittel- 
bar in einem übernatürlichen Endzweck suchen zu müssen. Es 
sollte in dem zAveckmässigen Plane des Schöpfers gelegen liaben, 
die Formen der Thiere und Pflanzen im Laufe der Zeit immer 
mannichfaltiger auszubilden und immer vollkommener zu gestal- 
ten. Wir werden offenbar einen grossen Schritt in der Erkennt- 
niss der Natur thun , wenn wir diese teleologische und anthro- 
pomorphc Vorstellung zurückweisen, und die beiden Gesetze der 
Arbeitstheilung und Vervollkommnung als noth wendige Fol- 
gen der natürlichen Züchtung im Kampfe um"s Dasein nachwei- 
sen können. 

Das erste grosse Gesetz, welches unmittell)ar und mit Noth- 
wendigkeit aus der natürlichen Züchtung folgt, ist dasjenige der 
Sonderun g oder Di fferen zirung; dieselbe wird auch häufig 
als Arbeitstheilung (Ergonomie) oder Formspaltung (Poly- 
morphismus) bezeichnet, ersteres in physiologischem, letzteres in 
morphologischem Sinne. Darwin nennt dieses allgemeine Princip 
Divergenz des Charakters. AV'ir verstehen darunter die allge- 
meine Neigung aller organischen Formen, sich in immer höherem 
Grade ungleichartig auszubilden und von dem gemeinsamen Urbilde 
zu entfernen. Die Ursache dieser allgemeinen Neigung zur Sonderung 
und der dadurch bewirkten Hervorbildung ungleichartiger 
Formen aus gleichartiger Grundlage ist nach Darwin einfach 
im Kampf um's Dasein zu suchen ; dieser muss zwischen je zwei 
Organismen um so heftiger entbrennen, je näher sich dieselben 
in jeder Beziehung stehen, je gleichartiger sie sind. Eigentlich 
ist dies wichtige Verhältniss äusserst einfach; es wird aber ge- 
wöhnlich gar nicht genügend in's Auge gefasst. 

Jedem von Ihnen wird einleuchten, dass auf einem Acker 
von bestimmter Grösse neben den Korupflanzen, die dort ausge- 
säet sind, eine grosse Anzahl von Unkräutern existiren können, 



XII. Gesetz der Arbeitstheilung- oder Ergonomie. 268 

und zwar an Stellen, welche nicht von den Kornpflanzen einge- 
nommen werden könnten. Die trockeneren, sterileren Stellen des 
Bodens, auf denen keine Kornpflanzc gedeihen würde, können 
noch zum Unterhalt von Unkraut verschiedener Art dienen; und 
zwar werden davon um so mehr verschiedene Arten und Indi- 
viduen neben einander existiren können, je besser die verschie- 
den Unkrautarten geeignet sind, sich den verschiedenen Stellen 
des Ackerbodens anzupassen. Ebenso ist es mit den Thieren. 
Offenbar können in einem und demselben lieschränkten Bezirk 
eine viel grössere Anzahl von thierischen Individuen zusammen- 
leben, wenn dieselben von mannichfach verschiedener Natur, als 
wenn sie alle gleich sind. Es giebt Bäume (wie z. B. die Eiche), 
auf welchen ein paar Hundert verschiedene Insecten-Arten neben 
einander leben. Die einen nähren sich von den Früchten des 
Baumes, die anderen von den Blüthen, die dritten von den Blät- 
tern, noch andere von der Rinde, der Wurzel u. s. f. Es wäre 
ganz unmöglich, dass die gleiche Zahl von Individuen auf die- 
sem Baume lebte, wenn alle von einer Art wären, wenn z. B. 
alle nur von der Rinde oder nur von den Blättern lebten. Ganz 
dasselbe ist in der menschlichen Gesellschaft der Fall. Jn einer 
und derselben kleinen Stadt kann eine bestimmte Anzahl von 
Handwerkern nur leben, wenn dieselben verschiedene Geschäfte 
betreiben. Die Arbeitstheilung, welche sowohl der ganzen 
Gemeinde, als auch dem einzelnen Arbeiter den grössten Nutzen 
bringt, ist eine unmittelbare Folge des Kampfes um's Dasein, der 
natürlichen Züchtung; denn dieser Kampf ist um so leichter zu 
bestehen, je mehr sich die Thätigkeit und somit auch die Form 
der verschiedenen Individuen von einander entfernt. Natürlich 
wirkt die verschiedene Thätigkeit oder Function umliildend auf 
die Form und Structur zurück; die physiologische Arbeits- 
theilung (oder Ergonomie) bedingt nothwendig die morpholo- 
gische Formspaltung, den Polymorphismus oder die Differen- 
zirung, die „Divergenz des Charakters""). 

Anderseits ist nun zu erwägen, dass alle Thier- und Pflanzen- 
Arten veränderlich sind, und die Fähigkeit besitzen, sich an ver- 
schiedenen Orten den localeu Verhältnissen anzupassen. Die 



264 Gesetz der Formspaltuug oder des Polymorphismus. XII. 

Spiel-Arten, Varietiiteu oder Ka.s.sen oiücr jeden Species werden 
sich den Anpassungs-Gesetzen gemäss um so mehr von der ur- 
sprünglichen Stammart entfernen, je verschiedenartiger die neuen 
I Verhältnisse sind, denen sie sich anpassen. Wenn wir nun diese 
\ von einer gemeinsamen Grundform ausgehenden Varietäten uns 
in Form eines verzweigten Strahlen-Büschels vorstellen, so werden 
diejenigen Spiel-Arten am besten neben einander existiren und 
sich fortpflanzen können, welche am weitesten von einander entfernt 
I sind, welche an den Enden der Reihe oder auf entgegengesetzten 
Seiten des Büschels stehen. Die in der Mitte stehenden Ueber- 
gangsformen dagegen haben den schwierigsten Stand im Kampfe 
iim's Dasein. Die nothwendigen Lebens-Bedürfnisse sind bei den 
extremen, am weitesten auseinander gehenden Spiel-Arten am 
meisten verschieden, und daher w^erdeu diese in dem allgemeinen 
Kampfe um's Dasein am wenigsten in ernstlichen Conflict ge- 
rathen. Die vermittelnden Zwischenformen dagegen, welche sich 
am wenigsten von der ursprünglichen Stammform entfernt haben, 
theilen mehr oder minder dieselben Lebens-Bedürfnisse; daher 
werden sie in der Mitbewerbung um dieselben am meisten zu 
kämpfen haben und am gefährlichsten bedroht sein. 

Wenn also zahlreiche Varietäten oder Spiel -Arten einer 
Species auf einem und demselben Fleck der Erde mit einander 
leben, so können viel eher die am meisten abweichenden Formen, 
neben einander fort bestehen, als die vermittelnden Zwischen- 
formeu. Denn diese letzteren haben mit jedem der verschiedenen 
Extreme zu kämpfen und werden auf die Dauer den feindlichen 
Einflüssen nicht widerstehen können, welche die ersteren siegreich 
überwinden. Diese allein erhalten sich, pflanzen sich fort und 
sind nun nicht mehr durch vermittelnde Uebergangsformen mit 
der ursprünglichen Stammform verbunden. So entstehen aus 
Varietäten „gute Arten". Der Kampf um's Dasein begünstigt 
nothwendig die allgemeine Divergenz oder das Auseinandergehen 
der organischen Formen, die beständige Neigung der Organismen, 
neue Arten zu bilden. Diese beruht nicht auf einer mystischen 
Eigenschaft, auf einem unbekannten Bildungstrieb der Organismen, 
sondern auf der Wechselwirkung der Vererbung und Anpassung 



XII. Entstehung neuer Arten aus Varietäten durcli Divergenz. 265 

im Kampfe um's Dasein. IiuUmh vuii <1(mi Xarictäteii einer jeden 
Species die vermittelnden Zwisclicnformen erlöschen und die 
Uebergangsglieder aussterben, geht der Divergenz-Proccss noth- 
wendig immer weiter, und bildet in den Extremen Gestalten aus. 
die wir als neue Arten unterscheiden. 

Obgleich alle Naturforscher die Variabilität oder Veränder- 
lichkeit der Thier- und PUanzen-Arten zugeben müssen, haben 
doch die meisten früher bestritten, dass die Abänderung oder 
Umbildung der organischen Formen die ursprüngliche Grenze des 
Species-Charakters überschreite. Unsere Gegner halten an dem 
Satze fest: „Soweit auch eine Art in Varietäten-l^üschel aus ein- 
ander gehen mag, so sind die Spiel-Arten oder Varietäten der- 
selben doch niemals in dem Grade von einander unterschieden, 
wie zwei wirkliche gute Arten." Diese Behauptung wird noch oft 
von Darwin"s Gegnern an die Spitze ihrer Beweisführung gestellt; 
sie ist aber vollkommen unhaltbar und unbegründet. Dies wird 
Ihnen sofort klar, sobald Sie kritisch die verschiedenen Versuche 
vergleichen, den Begriff der Species oder Art festzustellen. • 

Was eigentlich eine „echte oder gute Art" („bona species") 
sei, diese Frage vermag kein Naturforscher zu beantworten, ob- 
gleich jeder Systematiker täglich diese Ausdrücke gebraucht, und 
trotzdem ganze Bibliotheken über die Frage geschrieben worden 
sind, ob diese oder jene beobachtete Form eine Species oder 
Varietät, eine wirklich gute oder schlechte Art sei. Die am 
meisten verbreitete Antwort auf diese Frage war folgende: „Zu 
einer Art gehören alle Individuen, die in allen wesentlichen 
Merkmalen übereinstimmen. AVesentliche Species-Charaktere sind 
aber solche, welche beständig oder constant sind, welche niemals 
abändern oder variiren." Sobald nun aber der Fall eintrat, dass 
ein constantes, bisher für wesentlich gehaltenes Merkmal dennoch 
abänderte, so sagte man: „Dieses Merkmal ist für die Art nicht 
wesentlich gewesen, denn wesentliche Charaktere variiren nicht." 
Man bewegte sich also in einem offenbaren Zirkelschluss, und 
die Naivetät ist wirklich erstaunlich, mit der diese Kreisbewegung 
der Art-Definition in Tausenden von Büchern als unumstössliche 
Wahrheit hingestellt und immer noch wiederholt wird. 



266 Entstehung neuer Arten durch Bastard-Zeugung. XII. 

Ebenso wie dieser, so sind aiirli alle übrigen Versuciie, 
welche man zu einer festen und logisclien Begriffs-Bestimmung 
der organischen „Species" gemacht liat, völlig fruchtlos und ver- 
geblich gewesen. Der Natur der Sache nach kann es nicht anders 
sein. Der Begriff der Species ist ebenso gut relativ, und nicht 
absolut wie der Begriff der Varietät, (lattung, Familie, Ordnung, 
Klasse u. s. w. Wie Lamarck schon 1809 hervorhob, sind alle 
diese Begriffe subjectiv und künstlich. Ich habe dies in der 
Kritik dos Species-Begriffs in meiner generellen Morphologie theo- 
retisch nachgewiesen (Oen. ^lorph. II, 323 — 364). Praktisch habe 
ich den Beweis dafür in meinem „System der Kalk-Schwärame" 
geliefert (1872). Bei diesen merkwürdigen Thieren, wie bei den 
Spongien überhaupt (auch beim Badeschwamm), eischoint die 
übliche Species-l'nterschoidung völlig willkürlich. 

Ebenso willkürlich und widernatürlich waren bisher die 
Ansichten über das Verhä ll iiiss der Species zur Bastard - 
Zeugung. Früher galt es als Dogma, dass zwei sogenannte gute 
Arten niemals mit einander Bastarde zeugen könnten, welche 
sich als solche fortpflanzten. Man berief sich dabei fast immer 
auf die Bastarde von Pferd und Esel, die Maulthierc und Maul- 
esel, die in der That nur selten sich fortpflanzen können. Allein 
solche unfruchtbare Bastarde sind, wie sich herau.sgestellt hat, 
seltene Ausnahmen, und in der Mehrzahl der Fälle sind Bastarde 
zweier ganz verschiedenen Arten fruchtbar und können sich fort- 
pflanzen. In vielen Fällen ist ihre Fruchtbarkeit sogar grösser 
als diejenige der reinen Stamm-Arten. Fast immer können sie 
mit einer der beiden Eltern-Arten, bisweilen aber auch rein unter 
sich, mit Erfolg fruchtbar sich vermischen. Daraus können aber 
nach dem „Gesetze der gemischten Vererbung" ganz neue Formen 
entstehen (vergl. oben S. 190). 

In der That ist so die Bastard-Zeugung eine Quelle 
der Entstehung neuer Arten, verschieden von der bisher be- 
trachteten Quelle der natürlichen Züchtung. Schon früher habe 
ich gelegentlich solche Bastard-Arten (Species hybridäe) ange- 
führt, insbesondere das Hasen-Kaninchen (Lepus Darwinii), 
welches aus der Kreuzung von Hasen-Männchen mit Kaninchen- 



XII. Bastard-Zeugung vieler Meeresliewohner. 267 

^Veibclien (Mitsprunueii ist, das Zieiion-Sclia I' (('a[)ra ovitia), 
welches aus der raarung dos Ziegoiil)Ocks mit dem weiblichen 
Schafe eutstaiulcii ist, ferner verschiedene Arten der Disteln 
(Cirsium), der Brombeeren (Rubus) u. s. w. (S. 130—132). 
Wahrscheiidich sind sehr viele wilde Species auf diesem AVege 
entstanden, wie auch Linnc schon annahm. (Janz besonders 
erscheint diese Annahme für viele niedere Seepflanzen und See- 
thiere gerechtfertigt, deren reife Geschlechts-Producte einfach in 
das Wasser entleert werden. Ihr Zusammentreffen und ihre Be- 
fruchtung bleibt dem Zufall überlassen; dabei kommt die lebhafte 
Beweglichkeit der meisten frei schwimmenden Samen-Zellen sehr 
in Betracht. Nun wissen wir durch viele Erfahrungen und Ver- 
suche, dass die Befruchtung der Ei-Zellen bei Kreuzung von zwei 
nahe verwandten Arten oft leichter gelingt, als bei zwei Indivi- 
duen derselben Art. Mithin ist es sehr wahrscheinlich, dass bei 
der zufälligen Begegnung zahlloser Samen-Zellen und Ei-Zellen 
von nahe verwandten IMeeres-Bewohnern mehr Bastarde entstehen 
als reine Inzucht-Producte; und da die ersteren überdies oft 
fruchtbarer sind, als die letzteren, können sie leicht diese im 
Kampf um"s Dasein verdrängen und neue Arten bilden. Neuer- 
dings hat vor Allen Weismann die hohe Bedeutung der ge- 
schlechtlichen Vermischung für die Umbildung der Arten betont. 
Jedenfalls aber beweisen die Bastard- Arten, die sich so gut wie 
reine Arten erhalten und fortpflanzen, dass die Bastard-Zeugung 
nicht dazu dienen kann, den Begriff der Species irgendwie zu 
charakterisiren. 

Dass die vielen vergeblichen Versuche, den Species-Begriff theo- 
retisch festzustellen, mit der praktischen Species-Unterscheidung 
gar Nichts zu thun haben, wurde schon früher angeführt (S. 45). 
Die verschiedenartige praktische Verwerthung des Species-Begrifts 
in der systematischen Zoologie und Botanik, ist sehr lehrreich 
für die Erkenntniss der menschlichen Thorheit. Die bei weitem 
überwiegende Mehrzahl der Zoologen und Botaniker war bisher 
bei Unterscheidung und Beschreibung der verschiedenen Thier- 
und Pflanzen-Formen vor Allem bestrebt, die verwandten Formen 
als „gute Species" scharf zu trennen. Allein eine scharfe uncl 



268 Varietäten sind beginnende Species. Xtl. 

folgerichtige Unterscheidung solcher „echten und guten Arten" 
zeigte sich fast nirgends möglicli. 

Es giebt nicht zwei Zoologen, nicht zwei Botaniker, welche 
in allen Fällen darüber einig wären, welche von den nahe ver- 
wandten Formen einer Gattung gute Arten seien und welche 
nicht. Alle Autoren haben darüber verschiedene Ansichten. Bei 
der Gattung Hieracium z. B., einer der gemeinsten deutschen 
Pflanzen-Gattungen, hat man über 300 Arten in Deutschland 
allein unterschieden. J)er Botaniker Fries lässt davon aber nur 
106, Koch nur 52 als „gute Arten" gelten, und Andere nehmen 
deren kaum 20 an. ' Ebenso gross sind die Differenzen bei den 
Broml)cer-Arten (Rubus). Wo der eine Botaniker über hundert 
Arten macht, nimmt der zweite bloss etwa die Hälfte, ein dritter 
nur fünf bis sechs oder noch weniger Arten an. Die Vögel 
Deutschlands kennt man seit längerer Zeit sehr genau. Bech- 
stein hat in seiner sorgfältigen Naturgeschichte der deutscheu 
Vögel 367 Arten unterschieden, L. Reichenbach 379, Meyer 
und Wolf 406, und der vogelkundige Pastor Brehm sogar mehr 
als 900 verschiedene Arten. Von den Kalk-Schwämmen habe 
ich selbst in meiner ^lonographie dieser höchst veränderlichen 
Pflanzen-Thiere gezeigt, dass man darunter nach Belieben 3 Arten 
oder 21 oder 111 oder 289 oder 591 Species unterscheiden kann ^-). 
Da in dieser Monographie die Unmöglichkeit „gute Arten" in 
hergebrachtem Sinne zu unterscheiden, auf Grund fünfjähriger 
genauester Beobachtungen eines sehr vollständigen Materials ein- 
leuchtend nachgewiesen ist, kann sie wohl als „ein Versuch zur 
analytischen Lösung des Problems von der Entstehung 
der Arten" angesehen werden. Kein anderer ähnlicher Versuch 
ist bisher in solcher Vollständigkeit unternommen worden. 

Sie sehen also, dass die grösste Willkür hier wie in jedem 
anderen Gebiete der zoologischen und l^otanischen Systematik 
herrscht, und der Natur der Sache nach herrschen muss. Denn 
es ist ganz unmöglich, Varietäten, Spiel-Arten und Rassen von 
den sogenannten „guten Arten" scharf zu unterscheiden. Varie- 
täten sind beginnende Arten. Aus der Variabilität oder 
Anpassungsfähigkeit der Arten folgt mit Nothwendigkeit unter 



XII. PiM-yniKil-Divcrgeuz ui\il ('cllnlar-Divorg't'ir/,. 209 

dem Eiiidusso des Kainples um's Dasein die iminer weiter gellende 
Sonderling oder DifVerenzirung der Spiel-Arten, die beständige 
Divergenz der neuen Formen; indem diese durch Erblichkeit eine 
Anzahl von Generationen hindurch constant erhalten werden, 
während die vermittelnden Zwischen-Formen aussterben, bilden 
sie selbstständige „neue Arten". Die Entstehung neuer Species 
durch die Arbeitstheilung oder Sonderung, Divergenz oder Diffe- 
renzirung der Varietäten, ist mithin eine nothwendige Folge 
der natürlichen Zuchtwahl. 

Dass die beständige Neigung der organischen Formen zur 
Sonderung oder Formspaltung in dieser AVeise mit Nothweudig- 
keit aus der natürlichen Züchtung folgen muss, hat Darwin 
zuerst klar erkannt, und im vierten Capitel seines Hauptwerks 
überzeugend bewiesen. Er wendet jedoch sein Divergenz-Princip, 
ebenso wie sein Selections-Princip, hauptsächlich nur auf die 
selbstständig lebenden Einzelwesen an, und bemüht sich zu zeigen, 
wie die Abänderungen der Individuen durch Zuchtwahl und 
Formspaltung zur Entstehung neuer Arten führen. Nun haben 
wir aber schon im letzten Vortrage gesehen, dass das Selections- 
Princip noch viel weitere und allgemeinere Geltung besitzt, indem 
auch alle einzelnen Theile im Organismus, und vor Allen die 
Zellen, durch Zuchtwahl umgebildet werden. Wie nun so die 
Cellular-Selection als ein höchst bedeutender Umbildungs- Vorgang 
neben der Personal-Selection erscheint, so gilt dasselbe auch vom 
Divergenz-Princip. Die Formspaltung der Einzelwesen oder Per- 
sonen, welche zur Bildung neuer Arten führt, — oder kurz: die 
Personal-Divergenz — findet ihre elementare Begründung 
erst in der Difterenzirung der Zellen, welche die einzelne Person 
zusammensetzen, in der Cellular-Di vergenz. 

Die Gewebe -Lehre der Thiere und Pflanzen ( — oder die 
Histologie — ) hat auf Grund der Zellen-Theorie schon längst 
erkannt, dass eine der wichtigsten Erscheinungen in der Ent- 
wickelung der Histonen ( — oder der vielzelligen Organismen — ) 
die sogenannte „ Ditferenzirung oder Sonderung der Gewebe" 
ist. Man versteht darunter ganz allgemein die Thatsache, die 
bei der Entwickelung jedes vielzelligen Einzelwesens zuerst in's 



270 Divergenz der Zellen. XII. 

Auge füllt: dass aus gleichartigen Zellen ungleichartige Gewebe 
hervorgeben. Aus den gleichartigen Zellen der Keimblätter z. B. 
(bei allen Metozoen oder vielzelligen Thieren) entwickeln sich 
divergent die verschiedenartigen Zellen, welche die Hautdecke, 
die Drüsen, das Bindegewebe, die Muskeln, die Nerven u. s. w. 
zusammensetzen. Dabei überzeugen wir uns zugleich, dass die 
ursprüngliche Gewebs-Form im Thierkörper eine einfache Zellen- 
schicht, oder ein Epithelium ist; schon die zuerst gebildete 
Keirahaut (Blastoderma) ist ein solches Epithelium (vergl. Taf. V, 
Fig. 5, 6). Indem durch Einstülpung der Blastula (Fig. 7) die 
Gastrula (Fig. 8) entsteht, sondert sich die einfache Keimhaut 
in die beiden sogenannten „primären Keimblätter", Hautblatt und 
Darmblatt (Exoderm, e; und Entoderm, /). Aus den letzteren 
gehen dann durch weitere f^onderung die vier secundären Keim- 
blätter hervor (eljenfalls einfai lie Epithelien, Fig. 9), und aus diesen 
weiterliin alle verschiedenen Gewebe. Diese letzteren sind mithin 
alle als „secundäre Gewebe" zu bezeichnen, gegenüber dem pri- 
mären Gewebe des Epithelium, aus dem sie entstanden sind. 

Dieser ganze wichtige N'organg nun, die sogenannte „Ditt'e- 
renzirung ^\vl• Gewebe", ist im Grunde nichts anderes, als eine 
Divergenz der Zellen, welche die Gewebe zusammensetzen. 
Das physiologisclie Wesen derselben beruht auf Arbeitstheilung 
der Zellen; ihr morphologisches Ergebniss ist die Formspaltung 
der Zellen, oder die ungleiche Gestaltung iler ursprünglich gleich- 
artigen Zellen. Aber sowohl diese Formspaltung (Polymorphismus), 
als jene Arbeitstheilung (Ergonomie), sind selbst die nothweudige 
Folge der Cellular-Selection," oder jenes „Kampfes der Theile im 
Organismus", welchen zuerst Roux in seiner vollen Bedeutung 
gewürdigt hat (vergl. S. 254). 

Welche ausserordentliche Bedeutung die Arl)eitstheilung 
und die damit verknüpfte Formspaltung für die verschiedensten 
Seiten des organischen Lebens besitzt, habe ich in meinem Vor- 
trage „über Arbeitstheilung in Natur- und Menschen -Leben " ") 
erörtert. Dabei habe ich als ganz besonders einleuchtendes Bei- 
spiel die Organisation der Staatsquallen oder Siphonophoren 
näher erläutert. Das sind schwimmende Medusen-Staaten, die 



XII. Arbeitst heilung der Siphonoplioren. 271 

äuöserlicli einem schüueii Bluinonstocke gleiclieii; die einzelnen 
Blätter, Rliithen luul Früchte dieses Hlunienstockes, meistens so 
durchsichtig wie l)untes Glas, und dabei im höchsten Grade 
ompfindlich und beweglich, erscheinen" auf den ersten Blick nur 
als Organe einer Person, oder eines einzelnen, eigenthümlich 
zusammengesetzten Pflanzenthiei-es. In der That aber ist jedes 
dieser .scheinbaren Organe ursprünglich eine Meduse oder Qualle, 
ein Einzelthier von dem Form-AYerthe einer Person. Durch 
Anpassung an verschiedene Lebens-Aufgabeu sind diese Personen 
und ihre Organe allmählich in der merkwürdigsten Weise um- 
gebildet worden; und tla alle mit ihrem ursprünglichen Mutter- 
thiere, dem centralen Stamme des Stockes, in beständiger Ver- 
bindung bleiben, da auch die Ernährung des ganzen socialen 
Verbandes einheitlich ist, so Erscheinen die zahlreichen Einzel- 
thiere eben nur als Organe eines einzigen Individuums. 

Die verschiedenen Formen dieser Siphonoplioren, welche ich 
in meiner i\b)nographie dieser höchst interessanten Thier-Klasse 
(1888) systematisch beschrieben und verglichen habe, bieten aber 
nicht allein eine P'ülle lehrreicher Beispiele l'ür die Arbeits- 
theilung und die Formspaltung, sondern auch für eine wichtige, 
daran sich anschliessende Erscheinung, den Arbeitsweclisel 
oder Functionswechsel (Metergie). Indem die ursprünglich gleich- 
artigen Medusen, welche den Siphonophoren- Stock zusammen- 
setzen, sich an verschiedene Thätigkeiten gewöhnen und dem 
entsprechend ihre Form ändern, müssen auch die einzelnen 
Orgaue der Medusen-Person ihre ursprüngliche Thätigkeit häufig 
wechseln. So gestaltet sich z. B. das ursprüngliche Schwimm- 
Organ der Meduse, ihr Muskelschirm, bei den einen zu einer 
eigenthümlichen muskulösen Schwimmglocke, bei den anderen 
zu einer lul'tgefüllten Schwimmblase, bei einer dritten Gruppe 
zu einem schützenden Deckschilde, bei einer vierten zu einer 
kapseiförmigen Mantelhülle, u. s. w. Das ursprüngliche einfache 
Magenrohr der Meduse verwamlelt sich bei den einen in einen 
mächtigen zusammengesetzten Drüsen-JMagen (Siphon), bei den 
anderen in ein empfindliches Sinnes-Werkzeug (Palpon), bei den 
männlichen Thieren in eine Samenkapsel (Androphore), bei ilen 



272 Aibeitsweebsel oder Metergie. XII. 

weiblichen in eine Eierkapsel (Gynophore) , u. s. w. Die Siplio- 
nophoren lehren uns demnach, wie der Arbeit.swechsel unmittel- 
bar mit der Arbeitstheilung selbst verknüpft ist, ohne dass man 
deshalb ein besonderes „Princip des Functions-Wechsels'^ auf- 
zustellen braucht. 

Viele der wichtigsten Veränderungen in der organischen Welt, 
sogar die Entstehung ganzer Thierklas.sen , lassen sich ursprüng- 
lich auf den Arbeitswechsel oder die Metergie eines einzelnen 
Organes zurückführen. So sind z. B. die Amphibien aus den 
Fischen dadurch entstanden, dass die Schwimmblase der letzteren 
(ein hydrostatisches r)rgan) zur Lunge wurde und die Arbeit des 
Gaswechsels oder der Athmung übernahm; der Uebergang vom 
Wasserleben zum I^andleben gab dazu die erste Veranlassung. 
Die Vögel sind aus eidechsenartigßn Reptilien dadurch entstanden, 
dass die fliegende Ortsbewegung an die Stelle der kriechenden 
trat; die Vorderbeine der letzteren verwandelten sich in die 
Flügel der erstereu. Für die Entstehung der Säugethiere aus 
reptilienartigen Stamm-Formen war vielleicht die wichtigste Ur- 
sache der Arbeitswechsel der Hautdrüsen an der Bauchseite; 
indem diese ausscheidenden Drüsen (Talg- und Schweiss-Drüsen) 
sich in ^lilclidrüsen verwandelten und somit zum wichtigsten 
Ernährungs-Urgan des Neugeborenen wurden, veranlassten sie 
eine Reihe der bedeutungsvollsten Veränderungeu; die erste Ge- 
legenheits-Ursache dafür ist wahrscheinlich die Gewohnheit der 
Neugel)orenen gewesen, an der Bauchhaut ihrer Mutter zu lecken ; 
der dadurch ausgeübte Ernährungs-Reiz führte zunächst (quanti- 
tativ) zur Vergrösserung der Hautdrüsen und weiterhin (qualitativ) 
zu ihrer Verwandlung in die bedeutungsvollen Milchdrüsen; die 
Fälle culturgeschichtlicher Probleme, welche sich (namentlich in 
der Kunst) an den weii)lichen Busen knüpft, ist phylogenetisch 
auf jenen Vorgang zurück/ul'ühren. Auch für die Entstehung 
des Menschen-Geschlechts ist der Arbeitswechsel von grosser Be- 
deutung gewesen, insbesondere die Arbeitstheilung der vorderen 
und hinteren Gliedmaassen, und die damit verknüpfte Metergie 
der ersteren; während bei den kletternden Affen (oder Vierhändern) 
alle vier Gliedmaassen in Form und Function ähnlich bleiben. 



XII. Angleicliinig oder Convergenz. 273 

gestaltet sich beim aufrecht gehenden Menschen die vordere 
Gliedmaasse zum greifenden Arm, die liintern zum wandelnden 
Bein. Die Divergenz zwischen ersterem und letzterem führte zur 
Ausbildung der menschlichen Hand, jenes unschätzbaren Kunst- 
Orgaus, dessen mannichfaltiger Arbeitswechscl beim ^laler und 
Bildhauer, beim Ciavierspieler und Techniker, beim Arzte und 
Chirurgen zur Quelle der erstaunlichsten Leistungen geworden 
ist; sogar die Arbeitstheilung und der Arbeitswechsel der einzelnen 
Finger spielt ja hier bekanntlich eine wichtige Rolle. 

Eine Reihe von wichtigen Erscheinungen, welche zur Diver- 
genz oder Sonderung scheinbar im Gegensatze stehen, bietet 
uns die sogenannte Convergenz oder Angleichung. Während 
die divergente Züchtung durch Anpassung an verschiedene Lebens- 
Bedingungen und Thätigkeiten aus gleichen Formen zuletzt ganz 
verschiedene gestaltet, bewirkt umgekehrt die convergente Züch- 
tung, dass ursprünglich ganz verschiedene Formen durch An- 
passung an gleiche Existenz-Bedingungen und Functionen zuletzt 
höchst ähnlich werden. So sind z. B. manche Fische und Wal- 
fische äusserlich höchst ähnlich, obgleich ihr innerer Bau ganz 
verschieden ist. Die warmblütigen W^alfische sind echte Säuge- 
thiere, welche durch Anpassung an die Lebensweise der Fische 
deren Form angenommen haben; sie stammen aber ab von land- 
bewolmenden Säugethieren, und zwar die pflanzenfressenden 
Sirenen wahrscheinlich von Hufthieren, die fleischfressenden Del- 
phine und Bartenvvale von Raubthieren. In diesen beiden Gruppen 
hat die convergente Züchtung nicht nur die äussere Gestalt, son- 
dern auch die innere Structur so ähnlich gestaltet, dass man sie 
früher in einer Ordnung vereinigte. 

Ein anderes auffallendes Beispiel von Convergenz des Cha- 
racters, oder von Angleichung der Form, liefert die Medusen- 
Klasse. Diese scheinbar einheitliche Thier-Klasse besteht aus 
zwei ganz verschiedenen Stämmen, wie ich in meiner Mono- 
graphie derselben (1881) nachgewiesen habe. Die kleineren und 
zierlicheren Schleierquallen (Craspedoten oder Hydromedusen) 
stammen ab von Hydropolypen; die grösseren und prächtigeren 

Haeckel, Natiirl. SehopfuiiKS-Gesch. 8. Aufl. 18 ^ • 




274 Gesetz des Fortschritts oder der Yervollkora Innung. XIT. 

Lappenquallen (Acraspoclen oder Scyphouiedusen) stammen ab 
von Scypliopolypen ; auch die Art der Entwickelimg ist in beiden 
Stämmen ganz verschieden, und zwar ebenso in ontogenetischem 
wie in phylogenetischem Sinne. Trotzdem sind schliesslich die 
Medusen beider Stämme, durch Anpassung an gleiche Lebens- 
weise und gleiche Organ-Thätigkeit so ähnlich geworden, dass man 
sie oft kaum unterscheiden kann. 

Viel zahlreicher und auffallender noch sind die Beispiele für 
diese täuschenden Anpassungs-Aehnlichkeiten im Pflanzenreiche. 
So zeichnen sich z. B. viele Wasserpflanzen durch grosse, kahle, 
flache, rundliche Blätter aus, welche auf der Oberfläche der Teiche 
schwimmen; die echten Seerosen (Nymphaeaceen) gleichen darin 
vielen Potameen, Butomeen, Alismaceen, Gentianeen u. s. w., ob- 
gleich diese ganz verschiedeneu Familien augehören. Auch viele 
Schmarotzer-Pflanzen, welche von weit entfernten Familien ab- 
stammen, werden oft höchst ähnlich, z. B. viele Orchideen, 
Cytineen, Lippenbliither, Winden u. s. w. Die Anpassung an die 
gleiche parasitische Lebensweise bewirkt bei allen in gleicher 
Weise das Verschwinden der grünen Blätter, eine eigenthüm- 
lich fleischige Entwickelung des Stengels, der Blüthen u. s. w. 
Schon oft hat diese täuschende, durch convergente Züchtung be- 
wirkte Aehnlichkeit zu grossen Irrthümeru in der systematischen 
Classification verleitet. 

Alle Erscheinungen der Convergenz oder Angleichung erklären 
sich demnach ganz einfach aus der Wirksamkeit der natürlichen 
Zuchtwahl, el)enso wie diejenigen der Divergenz oder Sonderung. 
Dasselbe gilt nun auch von einer weiteren bedeutungsvollen Er- 
scheinungs-Reihe, derjenigen desFortschritts(Progressus) oder der 
Vervollkommnung (Teleosis). Auch dieses grosse und wichtige 
Gesetz ist gleich dem Divergenz -Gesetze längst thatsächlich durch 
die paläontologische Erfahrung festgestellt worden, ehe uns Dar- 
win's Selections-Theorie den Schlüssel zu seiner ursächlichen 
Erklärung lieferte. Die meisten umfassenden Paläontologen haben 
das Fortschritts -Gesetz als allgemeinstes Resultat ihrer Unter- 
suchungen ül)er die Versteinerungen und deren historische Reihen- 
folge hingestellt; so namentlich der verdienstvolle Bronn in 



XII. Gesetz des Fortschritts oder der Vevvollkoinmming. 27') 

seineu vortrefflichen Untersuchungen über die Gestaltungs-Gesetze 
und Entwickelungs- Gesetze der Organismen'"). Die allgemeinen 
Resultate, zu welchen Bronn bezüglich des Ditfcrenzirungs- und 
Fortschritts -Gesetzes auf rein empirischem Wege, durch ausser- 
ordentlich fleissige und sorgfältige Untersuchungen gekomiiieii ist, 
erscheinen uns heute als glänzende Bestätigungen der Selections- 
Theorie. 

Das Gesetz des Fortschritts oder der Vervollkommnung con- 
statirt auf Grund der paläontologischen Erfahrung die äusserst 
wichtige Thatsache, dass zu allen Zeiten des organischen Lebens 
auf der Erde eine beständige Zunahme in der Vollkommenheit 
der organischen Bildungen stattgefunden hat. Seit jener unvor- 
denklichen Zeit, in welcher das Leben auf unserem Planeten mit 
der Urzeugung von Moneren begann, haben sich die Organismen 
aller Gruppen beständig im Ganzen wie im Einzelnen vervoll- 
kommnet und höher ausgebildet. Die stetig zunehmende Mau- 
nichfaltigkeit der Lebensformen war stets zugleich von Fort- 
bildung ihrer Organisation begleitet. Je tiefer Sie in die 
Schichten der Erde hinabsteigen, in welchen die Reste der aus- 
gestorbenen Thiere und Pflanzen begraben liegen, je älter die 
letzteren mithin sind, desto einförmiger, einfacher und unvoll- 
kommener sind ihre Gestalten. Dies, gilt sowohl von den Orga- 
nismen im Grossen und Ganzen, als von jeder einzelnen grösseren 
oder kleineren Gruppe derselben, abgesehen natürlich von jenen 
Ausnahmen, die durch Rückbildung einzelner Formen entstehen. 

Zur Bestätigung dieses Gesetzes will ich Ihnen hier wieder 
nur die wichtigste von allen Thier-Gruppen, den Stamm der 
Wirbelthiere, anfülu'en. Die ältesten fossilen Wirbelthier- Reste, 
welche wir kennen, gehören der tiefstehenden Fisch -Klasse an. 
Auf diese folgten späterhin die vollkommneren Amphibien, dann 
die Reptilien, und endlich in noch viel späterer Zeit die höchst- 
organisirten Wirbelthier-Klassen, die Vögel und Säugethiere. Von 
den letzteren erschienen zuerst nur die niedrigsten und unvoll- 
kommensten Formen, ohne Placenta, die Beutelthiere, und viel 
später wiederum die vollkommneren Säugethiere, mit Placenta. 
Auch von diesen traten zuerst nur niedere, später höhere Formen 

18* 



276 Gesetz des Fortschritts oder der Vervollkommnung. XII. 

auf, und erst in der jüngeren Tertiär-Zeit entwickelte sich aus 
den letzteren allmählich der Mensch. 

Verfolgen Sie die historische Entwickelung des Pflanzen- 
Reichs, so finden Sie hier dasselbe Gesetz bestätigt. Auch von 
den Pflanzen existirte anfänglich bloss die niedrigste und unvoll- 
kommenste Klasse, diejenige der Algen oder Tange. Auf die.se 
folgte später die Gruppe der farnkrautartigen Pflanzen oder Fili- 
cinen. Aber noch existirten keine Blüthen-Pflanzen oder Phane- 
rogamen. Diese begannen erst später mit den Gymnospermen 
(Nadelhölzern und Cycadeen), welche in ihrer ganzen Bildung 
tief unter den übrigen Blüthen-Pflanzen (Angiospermen) stehen, 
und den Uebergang von den Filicinen zu den Angiospermen ver- 
mitteln. Diese letzteren entwickelten sich wiederum viel später, 
und zwar traten auch hier anfangs bloss kronenlose Blüthen- 
Pflanzen auf (Monocotyledonen und Monochlamydeen), später erst 
kronenblüthige (Dichlamydeen). Endlich gingen unter diesen wieder 
die niederen ])iapetalen den höheren Gamopetalen voraus. Diese 
ganze Reihenfolge ist ein unwiderleglicher Beweis für das Gesetz der 
fortschreitenden Entwickelung. 

Fragen wir nun, wodurch diese Thatsache bedingt ist, so 
kommen wir wiederum, gerade so wie bei der Thatsache der Dif- 
ferenzirung, auf die natürliche Züchtung im Kampf um das Da- 
sein zurück. Wenn Sie die ganze Bedeutung der natürlichen 
Züchtung, und insbesondere die verwickelte Wechselwirkung der 
verschiedenen Vorerbungs- und Anpassungs- Gesetze, sich lebhaft 
vor Augen stellen, so werden Sie als die nächste nothwendige 
Folge nicht allein die Divergenz des Charakters, sondern auch die 
Vervollkommnung desselben erkennen. Wir sehen ganz dasselbe 
in der Geschichte des menschlichen Geschlechts. Auch hier ist 
es natürlich und nothwendig, dass die fortschreitende Arbeits- 
theilung beständig die Menschheit fördert, und in jedem einzelnen 
Zweige der menschlichen Thätigkeit zu neuen Erflndungen und 
Verbesserungen antreibt. Im Grossen und Ganzen beruht ja der 
Fortschritt selbst auf der Diff"erenzirung und ist daher gleich dieser 
eine unmittelbare Folge der natürlichen Züchtung durch den Kampf 
um's Dasein. 



XII. Differenzirung in der Eutwickeluiig der Menschheit. 277 

Wenn der Mensch seine Stellung in der Natur richtig begreifen 
und sein Vcrhältniss zu der erkennbaren Erschcinungs-Welt na- 
lurgemäss erfassen will, so ist es durchaus nothwendig, ganz objec- 
tiv die Naturgeschichte des Menschen mit derjenigen der übrigen 
Organismen, und besonders der Thiere zu vergleichen. AVir haben 
bereits früher gesehen, dass die wichtigen physiologischen Gesetze 
der V^ererbung und der Anpassung in ganz gleicher Weise für 
den menschlichen Organismus, wie für die Thiere und Pflanzen 
ihre Geltung haben, und hier wie dort in beständiger Wechsel- 
wirkung mit einander stehen. Daher wirkt auch die natürliche 
Züchtung durch den Kampf um's Dasein ebenso in der mensch- 
lichen Gesellschaft, wie im Leben der Thiere und Pflanzen um- 
gestaltend ein, und ruft hier wie dort immer neue Formen hervor. 
Ganz besonders wichtig ist diese Vergleichung der menschlichen 
und der thierisohen Verhältnisse, wenn man die grossen Gesetze 
der Divergenz und des Fortschritts als die unmittelbaren und 
nothwendigen Folgen der natürlichen Züchtung im Kampf um's 
Dasein nachweisen will. 

Ein vergleichender Ueberbl ick über die Völker-Geschichte oder 
die sogenannte „Welt-Geschichte" zeigt Ihnen zunächst als allge- 
meinstes Resultat eine beständig zunehmende Mannichfaltig- 
keit der menschlichen Thätigkeit, im einzelnen Menschenleben 
sowohl als im Familien- und Staatenleben. Diese Differenzirung 
oder Sonderung, diese stetig zunehmende Divergenz des mensoh- 
lichen Charakters und der menschlichen Lebensform, wird durch 
die immer weiter gehende und tiefer greifende Arbeitstheilung 
der Lidividuen hervorgebracht. Wälu-end die ältesten und nie- 
drigsten Stufen der menschlichen Kultur uns überall nahezu die- 
selben rohen und einfachen Verhältnisse vor Augen führen, be- 
merken wir in jeder folgenden Periode der Geschichte eine grössere 
Mannichfaltigkeit in Sitten, Gebräuchen und Einrichtungen bei 
den verschiedenen Nationen. Die zunehmende Arbeitstheilung 
bedingt eine entsprechende Formspaltung, eine beständig sich stei- 
gernde ^lannichfaltigkeit der Formen in jeder Beziehung. Das 
spricht sich selbst in der menschlichen Gesichts-Bildang aus. Unter 
den niedersten Volksstämmen gleichen sich die meisten Tndivi- 



278 Fortschritt in der Entwickeluag der Menschheit. XII. 

einen so sehr, dass die europäischen Reisenden dieselben oft gar 
nicht unterscheiden können. Mit zunehmender Kultur differen- 
zirt sich die Physiognomie der Individuen in entsprechendem 
Grade. Endlich bei den höchst entwickelten Kultur-Völkern geht 
die Divergenz der Gesichts -Bildung bei allen stammverwandten 
Individuen so weit, dass wir nur selten in die Verlegenheit kom- 
men, zwei Gesichter gänzlich mit einander zu verwechseln. 

Als zweites oberstes Grund -Gesetz tritt uns in der Völker- 
Geschichte das grosse Gesetz des Fortschritts oder der Vervoll- 
kommnung entgegen. Im Grossen und Ganzen ist die Geschichte 
der Menschheit die Geschichte ihrer fortschreitenden Ent- 
wickelung. Freilich kommen überall und zu jeder Zeit Rück- 
schritte im Einzelnen vor, oder es werden schiefe Bahnen des 
Fortschritts eingeschlagen, welche nur einer einseitigen und äusser- 
lichen Vervollkommnung entgegenführen, und dabei von dem 
höheren Ziele der inneren und werthvolleren Veredelung sich 
mehr und mehr entfernen. Allein im Grossen und Ganzen ist 
und bleibt die Entwickelungs- Bewegung der ganzen Menschheit 
eine fortschreitende, indem der Mensch sich immer weiter von 
seinen affenartigen Vorfahren entfernt und immer mehr seinen 
selbstgesteckten idealen Zielen nähert. 

Gegen die Bedeutung des Fortschritts-Gesetzes in der Kultur- 
Geschichte wird bisweilen der mächtige Rückschritt geltend ge- 
macht, welchen das dunkle Mittelalter gegenüber dem strahlenden 
Glänze des classischen Alterthums darbietet. Allein abgesehen 
von den verhängnissvollen inneren und äusseren Ursachen, welche 
den beklagenswerthen Untergang des letzteren herbeiführen muss- 
ten, erklärt sich der Rückschritt des Mittelalters grösstentheils 
aus der Naturverachtuug, welche das Christenthum predigte, und 
aus der Gewaltherrschaft über alles freie Geistesleben, welche 
dessen allmächtige Hierarchie ausübte. Im Stillen entwickelten sich 
dennoch auch in dieser düsteren Periode der Kultur- Geschichte 
viele Keime der Wiedergeburt, die nach der Reformation sich zu 
neuen Kultur-Bliithen entfalteten. Ausserdem kann aber der Zeit- 
raum von kaum einem Jahrtausend, welcher die dunkelste Zeit 
des Mittelalters umfasst, in den Augen des Naturforschers nur 



Xir. Fortschritt in der Entwickchmg der Menschheit. 279 

als eine kurze Zeitspaune gelten, verglichen mit den vielen hun- 
derttausend Jahren, welche nach den neuesten urgeschichtlichen 
Forschungen bereits seit dem Auftreten des Menschen-Geschlechts 
rerflossen sind. 

"Wenn Sic nun erkennen wollen, durch welche Ursachen 
eigentlich diese beiden grossen Entwickelungs-Gesetze der Mensch- 
heit, das Sonderungs- Gesetz und das Fortschritts- Gesetz bedingt 
fiind, so müssen Sie dieselben mit den entsprechenden Entwicke- 
lungs-Gesetzen der Thierheit vergleichen. Sie werden dann bei 
tieferem Eingehen nothwendig zu dem Schlüsse kommen, dass so- 
wohl die Erscheinungen wie ihre Ursachen in beiden Fällen ganz 
dieselben sind. Ebenso in dem Entwickelungs- Gange der Men- 
sch^nwelt, wie in demjenigen der Thierwelt, sind die beiden 
Grund-Gesetze der Differenzirung und Vervollkommnung lediglich 
durch rein mechanische Ursachen bedingt, lediglich die nothwen- 
digen Folgen der natürlichen Zuchtwahl im Kampf um's Dasein. 

Vielleicht hat sich Ihnen bei der vorhergehenden Betrach- 
tung die Frage aufgedrängt: „Sind nicht diese beiden Gesetze 
identisch? Ist nicht immer der Fortschritt nothwendig mit der 
Divergenz verbunden?" Diese Frage ist oft bejaht worden, und 
Carl Ernst Baer z. B.', einer der grössten Forscher im Gebiete 
der Entwickelungs-Geschichte, hat als eines der obersten Gesetze, 
die den Bildungsgang des werdenden Thierkörpers beherrschen, 
den Satz ausgesprochen: „Der Grad der Ausbildung (oder Ver- 
vollkommnung) besteht in der Stufe der Sonderung (oder Dif- 
ferenzirung) der Theile" ^°). So richtig dieser Satz im Ganzen 
ist, so hat er dennoch keine allgemeine Gültigkeit. Vielmehr 
zeigt sich in vielen einzelnen Fällen, dass Divergenz und Fort- 
schritt keineswegs durchweg zusammenfallen. Nicht jeder Fort- 
schritt ist eine Differenzirung, und nicht jede Differen- 
zirung ist ein Fortschritt. 

Was zunächst die Vervollkommnung oder Fortbildung be- 
trifft, so hat man schon früher, durch rein anatomische Betrach- 
tungen geleitet, das Gesetz aufgestellt, dass allerdings die Ver- 
vollkommnung des Organismus grösstentheils auf der Arbeitsthei- 
lung der einzelnen Organe und Körpertheile beruht, dass es je- 



280 Fortschritt ohne Differenzirung. XII. 

doch auch andere organische Umbildungen giebt, welche einen 
Fortschritt in der Organisation bedingen. Eine solche ist beson- 
ders die Zahlverminderung gleichartiger Theile. Verglei- 
chen Sie z. B. die niederen krebsartigen Gliederthiere, welche 
sehr zahlreiche Beinpaare besitzen, und die Tausendfiisse (Myra- 
poden), mit den Spinnen, die stets nur vier Beinpaare, und mit 
den Insecten, die stets nur drei Beinpaare besitzen. Hier finden 
Sic dieses Gesetz, wie durch zahlreiche ähnliche Beispiele, be- 
stätigt. Die Zahlreduction der Beinpaare ist ein Fortschritt in 
der Organisation der Gliederthiere. Ebenso ist die Zahlreduction 
der gleichartigen Wirbelabschnitte des Rumpfes bei den ^Virbel- 
thieren ein Fortschritt in deren Organisation. Die Fische und Am- 
phibien mit einer sehr grossen Anzahl von gleichartigen Wirbeln 
sind schon deshalb unvollkommener und niedriger als die Vögel 
und Säugethiere, bei denen die Wirbel nicht nur im Ganzen viel 
mehr differenzirt, sondern auch die Zahl der gleichartigen Wii- 
bel viel geringer ist. Nach demselben Gesetze der Zahlvermin- 
derung sind ferner die Blüthen mit zahlreichen Staubfäden unvoll- 
kommener als die Blüthen der verwandten Pflanzen mit einer 
geringen Staubfädenzahl u. s. w. Wenn also ursprünglich eine 
sehr grosse Anzahl von gleichartigen Theilen im Körper vorhan- 
den war, und wenn diese Zahl im Laufe zahlreicher Generatio- 
nen allmählich abnahm, so war diese Umbildung eine Vervoll- 
kommnung. 

Ein anderes wichtiges Fortschritts-Gesetz, welches von der 
Dift'erenzirung ganz unabhängig, ja sogar dieser gewisserraaassen 
entgegengesetzt erscheint, ist das Gesetz der Centralisation. 
Im Allgemeinen ist der ganze Organismus um so vollkommener, 
je einheitlicher er organisirt ist, je mehr die Theile dem Ganzen 
untergeordnet, je mehr die Functionen und ilu'e Organe centrali- 
sirt sind. So ist z. B. das Blutgefäss -System da am vollkom- 
mensten, wo ein centralisirtes Herz existirt. Ebenso ist die zu- 
sammengedrängte ^larkmasse, welche das Rückenmark der Wir- 
belthiere und das Bauclimark der höheren Gliederthiere bildet, 
vollkommener, als die decentralisirte Ganglien-Kette der niederen 
Gliederthiere und das zerstreute Ganglien-System der Weichthiere. 



XII. Differenzirung ohae Fortschritt. 281 

Der Medusen -Staat der Siphoiiophoren, ebenso wie der mensch- 
liche Kultur-Staat, ist um so leistungsfähiger und vollkommener, 
je stärker er centralisirt ist. Indessen darf man dabei nicht ver- 
gessen, dass der Begriff der Vollkommenheit nur relativ, nicht 
absolut ist. Bei der Schwierigkeit, welche die Erläuterung der 
verwickelten Fortschrittsgesetzc im Einzelnen hat, kann ich hier 
nicht näher darauf eingehen, und muss Sie bezüglich derselben 
auf Broun's treffliche „Morphologische Studien" und auf meine 
generelle Morphologie verweisen (Gen. Morph. T, 370, 550; II, 
257-266). 

Während also einerseits Fortschritts-Erscheinungen ganz un- 
abhängig von der Divergenz auftreten, so begegnen wir andrer- 
seits sehr häufig Diflferenzirungen, welche keine Vervollkomm- 
nungen, sondern- vielmelii- das Gegentheil, Rückbildung sind. 
Es ist leicht einzusehen, dass die Umbildungen, welche jede Thier- 
und Pflanzenart erleidet, nicht immer Verbesserungen sein kön- 
nen. Vielmehr sind viele Differenzirungs-Erscheinungen zwar von 
unmittelbarem Vortheil für den Organismus, aber insofern schäd- 
lich, als sie die allgemeine Leistungsfähigkeit desselben beein- 
trächtigen. Häufig findet ein Rückschritt zu einfacheren Lebens- 
bedingungen und durch Anpassung an dieselben eine Differen- 
zirung in rückschreitender Richtung statt. Wenn z. B. Organis- 
men, die bisher frei lebten, sich an das parasitische Leben 
gewöhnen, so bilden sie sich dadurch zurück. Solche Thiere, die 
bisher ein wohlentwickeltes Nervensystem und scharfe Sinnes- 
organe, sowie freie Bewegung besassen, verlieren dieselben, wenn 
sie sich an parasitische Lebensweise gewöhnen ; sie bilden sich 
dadurch mehr oder minder zurück. Hier ist, für sich betrachtet, 
die Differenzirung ein Rückschritt, obwohl sie für den parasiti- 
schen Organismus selbst von Vortheil ist. Im Kampf um's Da- 
sein Avürde ein solches Thier, das sich gewöhnt hat, auf Kosten 
Anderer zu leben, durch Beibehaltung seiner Augen und Bewe- 
gungswerkzeuge, die ihm nichts mehr nützen, nur an Material 
verlieren; und wenn es diese Organe einbüsst, so kommt dafür 
eine Masse von Ernährungsmaterial, das zur Erhaltung dieser 
Theile verwandt wurde, anderen Theilen zu Gute. Tm Kampf 



282 Rudimentäre oder verkümmerte Organe. XII. 

iim's Dasein zwischen den verschiedenen Parasiten werden daher 
diejenigen, welche am wenigsten Ansprüche machen, im Vortheil 
vor den anderen sein, und dies begünstigt ihre Rückbildung. 

Ebeuso wie in diesem Falle mit den ganzen Organismen, so 
verhält es sich auch mit den Körpertheilen des einzelnen Orga- 
nismus. Auch eine Difterenzirung dieser Theile, welche zu einer 
theilweisen Rückbildung, und schliesslich selbst zum Verlust ein- 
zelner Organe führt, ist an sich betrachtet ein Rückschritt, kann 
aber l'ür den Organismus im Kampf um's Dasein von Vortheil 
sein. Man kämpft leichter und besser, wenn man unnützes Ge- 
päck fortwirft. Daher begegnen wir überall im entwickelteren 
Thier- und Pflanzenkörper Divergenz -Processen, welche wesent- 
lich die Rückbildung und schliesslich den Verlust einzelner Theile 
bewirken. Hier tritt uns nun vor Allen die höchst wichtige und 
lehrreiche Erscheinungsreihe der rudimentären oder verküm- 
merten Organe entgegen. 

Sie erinnern sich, dass ich schon im ersten Vortrage diese 
ausserordentlich merkwüi-dige Erscheinungsreihe als eine der wich- 
tigsten in theoretischer Beziehung hervorgehoben habe, als einen 
der schlagendsten Beweisgründe für die Wahrheit der Abstam- 
mungs -Lehre. Wir bezeichneten als rudimentäre oder „fehlge- 
schlagene" Organe solche Theile des Körpers, die für einen be- 
stimmten Zweck eingerichtet und dennoch ganz zwecklos sind. 
Ich erinnere Sie an die Augen derjenigen Thiere, welche in Höh- 
len oder unter der Erde im Dunkeln leben, und daher niemals 
ihre Augen gebrauchen können. Bei diesen Thieren finden wir 
imter der Haut versteckt wirkliche Augen, oft gerade so gebildet 
wie die Augen der wirklich sehenden Thiere; und dennoch func- 
tioniren diese Augen niemals, und können nicht functioniren, 
schon einfach aus dem Grunde, weil dieselben von dem undurch- 
sichtigen Felle überzogen sind und daher kein Lichtstrahl in sie 
hineinfällt (vergl. oben S. 13). Bei den Vorfahren dieser Thiere, 
welche frei am Tageslichte lebten, waren die Augen wohl ent- 
wickelt, von der durchsichtigen Hornhaut überzogen und dienten 
wirklich zum Sehen. Aber als sie sich nach und nach an unter- 
irdische Lebensweise gewöhnten, sich dem Tageslicht entzogen 



XII. Rudimentäre Flügel vieler Vögel und Insecten. 283 

und ihre Augen nicht mehr brauchten, wurden dieselben riiclc- 
gebildet und zum Sehen untauglich. 

Sehr anschauliche Beispiele von rudimentären Organen sind 
ferner die Flügel von Thieren, welche nicht fliegen können, z. B. 
unter den Vögeln die Flügel der straussartigen Laufvögel, (Strauss, 
Casuar u. s. w.). Diese Vögel haben sich das Fliegen abge- 
wöhnt und haben dadurch den Gebrauch der Flügel verloren, 
während sich dagegen durch Angewöhnung an schnelles Laufen 
die Beine ausserordentlich entwickelt haben. Aber trotzdem sind 
die Flügel noch da, obwohl in verkümmerter Form. Sehr häufig 
finden sich solche verkümmerte Flügel in der Klasse der Insec- 
ten, von denen die meisten fliegen können. Aus vergleichend 
anatomischen und anderen Gründen können wir mit Sicherheit 
den Schluss ziehen, dass alle jetzt lebenden Insecten (alle Heu- 
schrecken, Käfer, Bienen, Wanzen, Fliegen, Schmetterlinge u. s. w.) 
von einer einzigen gemeinsamen Elternform, einem Stamminsect 
abstammen, welches zwei entwickelte Flügelpaare und drei Bein- 
paare besass. Nun giebt es aber sehr zahlreiche Insecten, bei 
denen entweder eines oder beide Flügelpaare mehr oder minder 
rückgebildet, und viele, bei denen sie sogar völlig verschwunden 
sind. In der ganzen Ordnung der Fliegen oder Dipteren z. B. 
ist das hintere Flügelpaar, bei den Drehflüglern oder Strepsip- 
teren dagegen das vordere Flügelpaar verkümmert oder fast ganz 
verloren. Ausserdem finden Sie in jeder Insecten-Ordnung ein- 
zelne Gattungen oder Arten, bei denen die Flügel mehr oder 
minder rückgebildet oder verschwunden sind. Insbesondere ist 
letzteres bei Parasiten der Fall. Oft sind die Weibchen flügellos 
während die Männchen geflügelt sind, z. B. bei den Leuchtkäfern 
oder Johanniskäfern (Lampyris), bei den Strepsipteren u. s. w. 

Offenbar ist diese theilweise oder gänzliche Eückbildung 
der Insectenflügel durch natürliche Züchtung im Kampf um's 
Dasein entstanden. Denn wir finden die Insecten vorzugsweise 
dort ohne Flügel, wo das Fliegen ihnen nutzlos oder sogar ent- 
schieden schädlich sein würde. Wenn z. B. Insecten, welche 
Inseln bewohnen, viel und gut fliegen, so kann es leicht vor- 
kommen, dass sie beim Fliegen durch den AVind in das Meer 



2<S4 Piuflimentäre oder verkümmerte Flügel vieler Insecteii. XII. 

geweht werden. Nun ist aber thatsächlich immer das Flugver- 
mögen individuell verschieden entwickelt. Also haben die 
schlechtfliegenden Individuen einen Vorzug vor den gutfliegenden; 
sie werden weniger leicht in das Meer geweht, und bleiben länger 
am Leben als die gutfliegenden Individuen derselben Art. Im Ver- 
laufe vieler (ienerationen muss durch die Wirksamkeit der natür- 
lichen Züchtung dieser Umstand nothwendig zu einer vollständigen 
Verkümmerung der Flügel führen. Wir hätten uns diesen Schluss 
rein theoretisch entwickeln können und finden ihn nun durch 
viele Beobachtungen liestätigt. In der That ist auf isolirt gele- 
genen Inseln das Verhältniss der flügellosen Insecten zu den mit 
Flügeln versehenen ganz außallend gross, viel grösser als bei den 
Insecten des Festlandes. So sind z. B. nach Wollaston von 
den 550 Käfer-Arten, welche die Insel Madeira bewohnen, 200 
flügellos oder mit so unvollkommenen Flügeln versehen, dass sie 
nicht mehr fliegen können; und von 29 Gattungen, welche jener 
Insel ausschliesslich eigenthümlich sind, enthalten nicht weniger 
als 23 nur solche Arten. Ott'enbar ist dieser merkwürdige Um- 
stand nicht durch die besondere Weisheit des Schöpfers zu er- 
klären, sondern durch die natürliche Züchtung; der erbliche 
Nichtgebrauch der Flügel, die Abgewöhnung des Fliegens im 
Kampfe mit den gefährlichen Winden, hat hier den trägeren 
Käfern einen grossen Vortheil im Kampfe um\s Dasein gewährt. 
Bei anderen flügellosen Insecten war der Flügelmangel wieder 
aus anderen Gründen vortheilhaft. An sich betrachtet ist der Ver- 
lust der Flügel ein Rückschritt; aber für den Organismus unter 
diesen besonderen Lebens-Verhältnisseu ist er ein grosser Vortheil 
im Kampf um's Dasein. 

Von anderen rudimentären Organen will ich liier noch bei- 
spielsweise die Lungen der Schlangen und der schlangenartigen 
Eidechsen erwähnen. Alle Wirbelthiere, welche Lungen besitzen, 
Amphibien, Reptilien, A^ögel und Säugethiere, haben ein Paar 
Lungen, eine rechte und eine linke. Wenn aber der Körper sich 
ausserordentlich verdünnt und in die Länge streckt, wie bei den 
Schlangen und schlangenartigen Eidechsen, so hat die eine 
Lunge neben der andern nicht mehr Platz, und es ist für den 



XII. Rudimentäre Organe des Menschen. 285 

Mecluinisinus der Atlnnuiig ein olVeiibarer Yortlieil , wenn nur 
eine Lunge entwickelt ist. Eine einzige grosse Lunge leistet hier 
mehr, als zwei kleine neben einander, und daher finden wir bei 
diesen Thieren fast durchgängig die rechte oder die linke Lunge 
allein au.sgebildet. Die andere ist ganz verkümmert, obwohl als 
unnützes Rudiment vorhanden. Aus anderen Gründen ist fast bei 
allen Vögeln der rechte Eierstock verkümmert und ohne Function; 
der linke Eierstock allein ist entwickelt und liefert alle Eier. — 

Dass auch der Mensch solche ganz unnütze und überflüssige 
rudimentäre Organe besitzt, habe ich bereits im ersten Vortrage 
erwähnt, und damals die Muskeln, welche die Olu'en bewegen, 
als solche angeführt. Ausserdem gehört hierher das merkwürdige 
Rudiment des Schwanzes, welches der Mensch in seinen drei bis 
fünf Schvv anzwirbeln besitzt, und welches beim menschlichen 
Embryo während der beiden ersten Monate der Entwickelung 
noch frei hervorsteht. (Vgl. Taf. II und III.) Späterhin verbirgt es 
sich vollständig im Fleische. Dieses verkümmerte Schwänzchen 
des Menschen ist ein unwiderleglicher Zeuge für die unleugbare 
Thatsache, dass er von geschwänzten Voreltern abstammt. Beim 
Weibe ist das Schwänzchen gewöhnlich um einen Wirbel länger, 
als beim Manne; häufig sind am weiblichen Steissboin fünf ein- 
zelne Wirbel deutlich zu unterscheiden, am männlichen meistens 
nur vier. Auf früheren Stufen der Keimbildung ist ihre Zahl 
noch grösser. Auch rudimentäre Muskeln sind am Schwänze des 
Menschen noch vorhanden, welche denselben vormals bewegten. 
Die schwanzlosen Menschenaffen (Gorilla, Schimpanse, Orang, 
Gibbon) verhalten sich auch in dieser Beziehung ganz wie der 
Mensch. 

Ein anderes rudimentäres Organ des Menschen, welches aber 
bloss dem Manne zukommt, und welches ebenso bei sämmtlicheu 
männlichen Säugethieren sich findet, sind die IMilchdrüsen an 
der Brust. Bekanntlich sind diese in der Regel bloss beim 
weiblichen Geschlecht in Thätigkeit. Indessen kennt man von 
verschiedenen Säugethieren, namentlich vom Menschen, vom 
Schafe und von der Ziege, einzelne Fälle, in denen die Milch- 
drüsen auch beim männlichen Geschlechte wohl entwickelt waren 



286 Unschätzbare philosophische Bedeutung der rudimentären Organe. XII. 

und Milch zur Ernälirung de.s Jungen lieferten. Humboldt traf 
im südamerikanischen Urwald einen einsamen Ansiedler, dessen 
Frau im Wochenbett gestorben war. In der Verzweiflung hatte 
er das neugeborene Kind an seine Brust gelegt; und durch den 
andauernden Reiz, den dessen fortgesetzte Saugbewegungen auf 
die rudimentäre Milchdrüse ausübten, war deren erloschene 
Thätigkeit wieder in's Leben getreten. 

Einen ähnlichen interessanten Fall bieten die früher schon 
erwähnten rudimentären Äluskeln der menschlichen Ohrmuschel; 
gewöhnlich ist ihre frühere Thätigkeit ganz erloschen; aber trotz- 
dem können sie von einzelnen Personen in Folge andauernder 
Uebung noch zur Bewegung der Ohren verwendet werden. (S. 12.) 
Ueberhaupt sind die rudimentären Organe bei verschiedenen In- 
dividuen derselben Art oft sehr verschieden entwickelt, bei den 
einen ziemlich gross, bei den anderen sehr klein. Dieser Um- 
stand ist für ihre Erklärung sehr wichtig, ebenso wie der andere 
Umstand, dass sie allgemein bei den Embryonen, oder überhaupt 
in sehr früher Lebenszeit, viel grösser und stärker im Verhält- 
ni.ss zum übrigen Körper sind, als bei den ausgebildeten und 
erwachsenen Organismen. Insbesondere ist dies leicht nachzu- 
weisen an den rudimentären Geschlechts-Organen der Pflanzen 
(Staubfäden und Griffeln), welche ich früher bereits angeführt 
habe. Diese sind verhältnissmässig viel grösser in der jungen 
Blüthenknospe als in der entwickelten Blüthe. ' 

Schon damals (S. 14) bemerkte ich, dass die rudimentären 
oder verkümmerten Organe zu den stärksten Stützen der moni- 
stischen oder mechanistischen Weltanschauung gehöi-en. AVenn 
die Gegner derselben, die Dualisten und Teleologen, das ungeheure 
Gewicht dieser Thatsachen begriffen, müssten sie dadurch allein 
schon bekehrt werden. Die lächerlichen Erklärungs- Versuche 
derselben, dass die rudimentären Organe vom Schöpfer „der 
Symmetrie halber" oder „zur formalen Ausstattung" oder „aus 
Rücksicht auf seinen allgemeinen Schöpfungsplan" den Organis- 
men verliehen seien, beweisen zur Genüge die völlige Ohnmacht 
jener verkehrten Weltanschauung. Ich muss hier wiederholen, 
dass, wenn wir auch gar Nichts von den übrigen Entwickelungs- 



Xir. Rückbildung und Fortbildung durch Selection. 987 

Erscheinungen wüssten, wir ganz allein schon auf (jrund der 
rudimentären Organe die Desccndenz-Tlicorie J'iir walir halten 
miissteu. Kein Gegner derselben hat vermocht, auch nur einen 
schwachen Schimmer von einer annehmbaren Erklärung auf diese 
äusserst merkwürdigen und bedeutenden Erscheinungen fallen zu 
lassen. Es giebt beinahe keine irgend höher entwickelte Thier- 
oder Pflanzenform, die nicht irgend welche rudimentäre Organe 
hätte, und fast immer lässt sich nachweisen, dass dieselben Pro- 
dukte der natürlichen Züchtung sind, dass sie durch Nichtge- 
brauch oder durch Abgewöhnung verkümmert sind. 

Die Erscheinungen dieser Rückbildung verhalten sicli ge- 
rade umgekehrt wie diejenigen der Fortbildung, welche wir 
bei der Entstehung neuer Organe durch Angewöhnung an be- 
sondere Lebens-Bedingungen und durch den Gebrauch noch unent- 
wickelter Theile wahrnelnnen. Zwar wird häufig von unsern 
Gegnern behauptet, dass die Entstehung ganz neuer Theile ganz 
und gar nicht durch die Descendenz-Theorie zu erklären sei. 
Indessen bietet diese Erklärung für denjenigen, der vergleichend- 
anatomische und physiologische Kenntnisse besitzt, gewöhnlich 
keine Schwierigkeit. Jeder, der mit der vergleichenden Anatomie 
und Entwickelungs-Geschichte vertraut ist, findet in der Entste- 
hung ganz neuer Organe ebenso wenig Unbegreifliches, als hier 
auf der anderen Seite in dem völligen Schwunde der rudimen- 
tären Organe. Das Vergehen der letzteren ist an sich betrachtet 
das Gegentheil vom Entstehen der ersteren. Beide Processe sind 
Differenz! rungs-Erscheinungen, die wir gleich allen übrigen ganz 
einfach und mechanisch aus der Wirksamkeit der natürlichen 
Züchtung im Kampf um das Dasein erklären können. 

Wenn war das erste Auftreten neuer Organe genauer in's Auge 
fassen, so bemerken wir meistens weiter Nichts, als das stärkere 
Wachsthum eines Theiles an einem bereits bestehenden Organe. 
Indem aljer dieser Theil nach den Gesetzen der Arbeitstheilung 
und des Arbeitswechsels andere Functionen übernimmt, wird als- 
bald die Formspaltung sichtbar, welche nach dem Selections- 
Princip allmählich zur Ausbihlung eines neuen Organs führt. 
Diese Fortbildinig wird ebenso durch die physiologischen Gesetze 



288 Unzweckmässigkeits-Lehre oder Dysteleologie. XII. 

des Wachsthums und der Ernährung bestimmt, wie im umge- 
kehrten Falle die Rückbildung bei den rudimentären Orgauen. 

Die allgemeine Bedeutung der verkümmerten oder rudimen- 
tären Organe für wichtige Grundfragen der Naturphilosophie kann 
nicht hoch genug angeschlagen werden. (Vergl. das XIX. Capitel 
meiner Gener. Morphol. X. p. 266.) Es lässt sich darauf eine 
besondere „Unzweckmässigkeits-Lehre" gründen, als Gegen- 
stück gegen die alte landläufige „Zweckmäs.sigkeits-Lehre". Wäh- 
rend uns diese letztere, die dualistische Teleologie, schliesslich 
zum übernatürlichen Dogma und Wunderglauben führt, gewin- 
nen wir durch die erstere, die monistische Dysteleologie, ein 
festes P'undament für unsere mechanische Natur-Erklärung; sie 
führt uns durch die „teleologische Älechanik" zum reinen 
Monismus. (XIV. Vortrag.) 



Dreizelinter Vortrag. 

Keiiiies-Gescliichte und Stamiues-Geschichte. 



Allgemeine Bedeutung der Keimes-Geschichte (Ontogenie). Mängel un- 
serer heutigen Bildung. Thatsachen der individuellen Entwickeluug. Ueber- 
einstimmung der Keimung beim Mensehen und den Wirbelthieren. Das Ei 
des Menschen. Befruchtung. Unsterblichkeit. Eifurchung. Bildung der 
Keimblätter. Gastrulation. Keimes -Geschichte des Central -Nervensystems, 
der Gliedmaassen, der Kiemenbogen und des Schwanzes. Ursächlicher Zu- 
sammenhang zwischen Keimes-Geschichte (Ontogenie) und Stammes-Geschichte 
(Phylogenie). Das biogenetische Grund-Gesetz. Auszugs-Entwickelung (Pa- 
lingenesis) und Störungs-Entwickelung (Cenogenesis). Stufeuleiter der ver- 
gleichenden Anatomie. Beziehung derselben zur paläontologischen und em- 
bryologischen Entwickelungs-Reihe. 

Meine Herren! Die weiten Kreise der Gebildeten, welclie 
heutzutage unseren Entwickelungs-Lehren ein mehr oder weniger 
lebhaftes Interesse entgegenbringen, kennen leider die Thatsachen 
der organischen Entwickelung aus eigener Anschauung fast gar 
nicht. Der Mensch selbst wird, gleich den übrigen Säugethieren, 
in bereits entwickelter Form geboren. Das Hühnchen schlüpft, 
gleich den übrigen Vögeln, in fertiger, entwickelter Form aus dem 
Ei. Aber die wunderbaren Vorgänge, durch welche diese fertigen 
Thierformen entstehen, sind den Meisten ganz unbekannt. Und 
doch liegt in diesen wenig beachteten Vorgängen eine Quelle der 
Erkenntniss verborgen, welche von keiner anderen an allgemei- 
ner Bedeutung übertroffen wird. Denn hier liegt die Entwicke- 
lung als greifbare Thatsache vor unseren Augen, und wir 
brauchen bloss eine Anzahl Hühner-Eier in die Brutmaschine zu 
legen, und ihre Ausbildung drei Wochen lang aufmerksam mit 

Uaeckel, Natürl. Schöpfungs-Gesch. 8. Aufl. J^Q 



290 Diß Thatsachen der individuellen Entwickelung. XIII. 

dem Mikroskope zu verfolgen, um das Wunder zu verstehen, 
durch welches sich aus einer einzigen einfachen Zelle ein hoch- 
organisirter Vogel entwickelt. Schritt für Schritt können wir 
diese wunderbare Verwandlung mit Augen verfolgen; und Schritt 
für Schritt können wir nachweisen, wie ein Orgau sich aus dem 
andern entwickelt. 

Schon aus diesem Grunde, weil auf diesem Gebiete allein 
die Thatsachen der Entwickelung uns in greifbarer Wirklichkeit 
vor Augen treten, halte ich es für unerlässlich, Ihre besondere 
Aufmerksamkeit auf jene unendlich wichtigen und interessanten 
Vorgänge hinzulenken, auf die Ontogenesis oder die indivi- 
duelle Entwickelung der Organismen; und ganz vorzüglich 
auf die Keimes-Geschichte der Wirbelthiere, mit Ein- 
schluss des Menschen. Ich möchte diese ausserordentlich merk- 
würdigen und lelu-reichen Erscheinungen, deren ausführliche Dar- 
stellung Sie in meiner „Anthropogenie" ^^) finden, ganz besonders 
Ihrem eingehendsten Nachdenken empfehlen; denn einerseits ge- 
hören dieselben zu den stärksten Stützen der Descendenz-Theorie 
und der monistischen Weltanschauung überhaupt; anderer- 
seits sind sie bisher nur von Wenigen entsprechend ihrer uner- 
messlichen allgemeinen Bedeutung gewürdigt worden. 

Man muss in der That erstaunen, wenn man die tiefe Un- 
kenntniss erwägt, welche noch gegenwärtig in den weitesten Kreisen 
über die Thatsachen der individuellen Entwickelung des Menschen 
und der Organismen überhaupt herrscht. Diese Thatsachen, deren 
allgemeine Bedeutung man gar nicht hoch genug anschlagen kann, 
wurden in ihren wichtigsten Grundzügen schon vor mehr als 
einem Jahrhundert, im Jahre 1759, von dem grossen deutschen 
Naturforscher Caspar Friedrich Wolff in seiner classischen 
„Theoria generationis" festgestellt. Aber gleichwie Lamarck's 
1809 begründete Descendenz-Theorie ein halbes Jahrhundert hin- 
durch schlummerte und erst 1859 durch Darwin zu neuem un- 
sterblichem Leben erweckt wurde, so blieb auch Wolff 's Theorie 
der Epigenesis fast ein halbes Jahrhundert hindurch unbekannt. 
Erst nachdem Oken 1806 seine Entwickelungs- Geschichte des 
Darmkanals veröffentlicht und Meckel 1812 Wolffs Arbeit über 



XIII. Bedeutung der individuellen Entwickelungs-Geschidite. 291 

denselben Gegenstand in's Deutsche übersetzt hatte, wurde Wolff s 
Theorie allgemeiner bekannt und bildete seitdem die Grundlage 
aller folgenden Untersuchungen über individuelle Entwickelungs- 
Geschichte. Das Studium der Keimes-Geschiclite nahm nun einen 
mächtigen Aufschwung, und bald erschienen die classischen Un- 
tersuchungen der beiden Freunde Christian Pander (1817) und 
Carl Ernst Baer (1819). Insbesondere wurden durch Baer"s 
epochemachende „Entwickelungs- Geschichte der Tliiere" ^°) die 
bedeutendsten, die Ontogenie der Wirbelthiere betreffenden That- 
sacheu durch so vortreffliche Beobachtungen festgestellt, und durch 
so vorzügliche philosophische Reflexionen erläutert, dass sie für 
das Verständniss dieser wichtigsten Thiergruppe, zu welcher ja 
auch der Mensch gehört, die unentbehrliche Grundlage wurde. 
Jene Thatsachen würden für sich allein schon ausreichen, die 
Frage von der Stellung des Menschen in der Natur und somit 
das höchste aller Probleme zu lösen. Betrachten Sie aufmerksam 
und vergleichend die acht Figuren, welche auf den nachstehenden 
Tafeln II und III abgebildet sind, und Sie werden erkennen, dass 
man die philosophische Bedeutung der Embryologie nicht hoch 
genug anschlagen kann. (Siehe S. 304, 305.) 

Nun darf man wohl fragen: Was wissen unsere sogenannten 
„gebildeten" Kreise, die auf die hohe Kultur des neunzehnten 
Jahrhunderts sich so Viel einbilden, von diesen wichtigsten bio- 
logischen Thatsachen, von diesen unentbehrlichen Grundlagen für 
das Verständniss ihres eigenen Organismus? Was wissen unsere 
speculativen Philosophen und Theologen davon, welche durch reine 
Speculationen oder durch göttliche Inspirationen das Verständniss 
des menschlichen Organismus gewinnen zu können meinen? Ja, 
was wissen selbst die meisten Naturforscher davon, viele soge- 
nannte „Zoologen" (mit Einschluss der Entomologen!) nicht aus- 
genommen? 

Die Antwort auf diese Frage fällt sehr beschämend aus, und 
wir müssen wohl oder übel eingestehen, dass jene unschätzbaren 
Thatsachen der menschlichen Keimes-Geschichte noch heute den 
Meisten ganz unbekannt sind. Selbst von Vielen, welche sie kennen, 
werden sie doch keineswegs in gebührender Weise gewürdigt. 

19* 



292 Mängel unserer heutigen Bildung. XIIT. 

Hierbei werden wir deutlich gewahr, auf welchem schiefen und 
einseitigen Wege sich die vielgeriihmte Bildung des neunzehnten 
Jahrhunderts nocli gegenwärtig befindet. Unwissenheit und Aber- 
glauben sind die Grundlagen, auf denen sich die meisten Menschen 
das Verständniss ihres eigenen Organismus und seiner Beziehungen 
zur Gesammtheit der Dinge aufbauen, und jene handgreiflichen 
Thatsachen der Entwickelungs-Geschichte, welche das Licht der 
Wahrheit darüber verbreiten könnten, werden ignorirt. 

Die Hauptschuld an dieser bedauerlichen und unheilvollen 
Thatsache trifft unstreitig unsere höhere Schulbildung, vor allen 
die sogenannte „classische Gymnasialbildung". Tief be- 
fangen in der Scholastik des Mittelalters, kann diese sich immer 
noch nicht entschliessen, die ungeheuren Fortschritte, welche die 
Naturerkenntniss in unserem Jahrhundert gemacht hat, in sich 
aufzunehmen. Immer noch gilt als Hauptaufgabe nicht die um- 
fassende Kenntniss der Natur, von der wir selbst einen Theil 
bilden, und der heutigen Kulturwelt, in der wir leben; sondern 
vielmehr die genaueste Kenntniss der alten Staaten-Geschichte, 
und vor allen der lateinischen und griechischen Grammatik. 
Gewiss ist die gründliche Kenntniss des classischen Alterthums 
ein höchst wichtiger und unentbehrlicher Bestandtheil unsrer 
höheren Bildung ; allein das liebevolle Verständniss desselben 
verdanken wir in viel höherem Grade den Malern und Bildhauern, 
den epischen und dramatischen Dichtern, als den claasischen 
Philologen und den gefürchteten Grammatikern. Um aber jene 
Dichter zu geniessen und zu verstehen, brauchen wir sie ebenso 
wenig im Urtext zu lesen als die Bibel. Der ungeheure Auf- 
wand von Zeit und Arbeitskraft, welchen der luxuriöse Sport 
der classischen Grammatik erfordert, würde unendlich zweck- 
mässiger auf das Studium des wundervollen Erscheinungs-Gebiets 
verwendet, welches uns die Riesen-Fortschritte der Naturkunde, 
insbesondere der Geologie, Biologie und Anthropologie, im letzten 
halben Jahrhundert erst zugänglich gemacht haben. 

Leider wird aber das Missverhältniss zwischen der täglich 
sich erweiternden Erkenntniss der realen Welt, und dem be- 
schränkten Staudpunkte unserer sogenannten idealen Jugend- 



Xlir. Unkenntniss der oiitogenetischeu Thatsachen. 293 

bildung von Tag zu Tage grösser. Gerade diejenigen Gebildeten, 
welche im practischen Kulturleben die einflussreichste Rolle spielen, 
die Theologen und Juristen, und ebenso die bevorzugten Lehrer, 
die Philologen und Historiker, wissen von den wichtigsten Er- 
scheinungen der wirklich cxistirenden Welt und von der wahren 
Natur-Geschichte am Wenigsten. Der Bau und die Entstehung 
unseres Erd-Körpers, wie unseres eigenen menschlichen Körpers, 
durch die erstaunlichen Fortschritte der modernen Geologie und 
Anthropologie zu einem der interessantesten Wissens-Objecte er- 
hoben, bleibt den Meisten unbekannt. Von dem menschlichen 
Ei und seiner Entvvickelung zu sprechen, gilt entweder als eine 
lächerliche Fabel oder als eine grobe Unanständigkeit. Und doch 
offenbart uns dieselbe eine Reihe von wirklich erkannten That- 
sachen, welche von keinen anderen im weiten Gebiete der mensch- 
lichen Erkenntniss an allgemeinem Interesse und an hoher Be- 
deutung übertroffen werden. 

Allerdings sind diese bedeutungsvollen Thatsachen nicht 
geeignet, Wohlgefallen bei denjenigen zu erregen, welche einen 
durchgreifenden Unterschied zwischen dem Menschen und der 
übrigen Natur annehmen und namentlich den thierischen Ur- 
sprung des Menschen-Geschlechts nicht zugeben wollen. Insbe- 
sondere müssen bei denjenigen Völkern, bei denen in Folge von 
falscher Auffassung der Erblichkeits-Gesetze eine erbliche Kasten- 
Eintheilung existirt, die Mitglieder der herrschenden privilegirten 
Kasten dadurch sehr unangenehm berührt werden. Bekanntlich 
geht heute noch in vielen Kultur-Ländern die erbliche Abstufung 
der Stände so weit, dass z. B. der Adel ganz anderer Natur, als 
der Bürgerstand zu sein glaubt, und dass Edelleute, welche ein 
entehrendes Verbrechen begehen, zur Strafe dafür aus der Adels- 
kaste ausgestossen und in die Pariakaste des „gemeinen" Bürger- 
standes hinabgeschleudert werden. W^as sollen diese Edelleute 
noch von dem Vollblut, das in ihren privilegirten Adern rollt, 
denken, wenn sie erfahren, dass alle menschlichen Embryonen, 
adelige ebenso wie bürgerliche, während der ersten beiden Monate 
der Entwickelung von den geschwänzten Embryonen des Hundes 
und anderer Säugethiere kaum zu unterscheiden sind? 



294 r)as Ei des Menschen. XIII. 

Da die Absicht dieser Vorträge lediglich ist, die allgemeine 
Erkeimtniss der natürlichen Wahrheiten zu fördern, und eine 
naturgemässe Anschauung von den Beziehungen des Menschen 
zur übrigen Natur in weiteren Kreisen zu verbreiten, so werden 
Sie es hier gewiss gerechtfertigt finden, wenn ich jene weit ver- 
breiteten Vorurtheile von einer privilegirten Ausnahme-Stellung 
des Menschen in der Schöpfung nicht berücksichtige. Vielmehr 
werde ich Ihnen einfach die embryologischen Thatsachen vor- 
führen, aus denen Sie selbst sich die Schlüsse von der Grund- 
losigkeit jener Vorurtheile bilden können. Ich möchte Sie um 
so mehr bitten, über diese Thatsachen der Keimes-Geschichte 
eingehend nachzudenken, als es meine feste Ueberzeugung ist, 
dass die allgemeine Kenntniss derselben nur die intellectuelle 
A^eredelung und somit die geistige Vervollkommnung des ]\lenschen- 
Geschlechts fördern kann. 

Aus dem unendlich reichen und interessanten Erfahrungs- 
Material, das uns die Keimes-Geschichte der Wirbelthiere bietet, 
will ich zunächst einige Thatsachen hervorheben, welche sowohl 
für die Descendenz-Theorie im Allgemeinen, als für deren An- 
wendung auf den Menschen von der höchsten Bedeutung sind. 
Der Mensch ist im Beginn seiner individuellen Existenz ein ein- 
faches Ei, eine einzige kleine Zelle, so gut wie jeder andere 
thierische Organismus, welcher auf dem Wege der geschlecht- 
lichen Zeugung entsteht. Das menschliche Ei ist wesentlich dem- 
jenigen aller anderen Säugethiere gleich, und namentlich von 
dem Ei der höheren Säugethiere absolut nicht zu unterscheiden. 
Das in Fig. 5 abgebildete Ei könnte ebenso gut vom Menschen 
oder vom Affen, als vom Hunde, vom Pferde oder irgend einem 
anderen höheren Säugethiere herrühren. Nicht allein die Form 
und Structur, sondern auch die Grösse des Eies ist bei den 
meisten Säugethieren dieselbe wie beim Menschen, nämlich un- 
gefähr Vio" Dui'chmesser, der TiOste Theil eines Zolles, so dass 
man das Ei unter günstigen Umständen mit blossem Auge eben 
als ein feines Pünktchen wahrnehmen kann. Die Unterschiede, 
welche zwischen den Eiern der verschiedenen Säugethiere und 
Menschen wirklich vorhanden sind, bestehen nicht in der Form- 



XIII. Zusammensetzung des Säugethier-Eies. 295 

Bildung, sondern in der chemischen Mischung, in der molekularen 
Zusammensetzung der eiweissartigen Kohlenstoff- Verbindung, aus 
welcher das Ei wesentlich besteht. Diese feinen individuellen 
Unterschiede aller Eier, besonders in der Molekular-Structur des 
Kernes, beruhen wahrscheinlich auf der indirecten oder poten- 
tiellen Anpassung (und zwar speciell auf dem Gesetze der indi- 
viduellen Anpassung); sie sind zwar für die ausserordentlich 
groben Erkenntnissmittel des Menschen nicht direct sinnlich 
wahrnehmbar, aber durch wohlbegriindete indirecte Schlüsse 
als die ersten Ursachen des ursprünglichen Unterschiedes aller 
Individuen erkennbar. 

Fig. 5. 

Fig. 5. Das Ei des Menschen, iiundertmal ver- 
grössert. a Kernkörperchen oder Nucleolus (soge- 
nannter Keimfleck des Eies); b Kern oder Nucleus (so- 
genanntes Keimbläschen des Eies); c Zellstoff oder 
Protoplasma (sogenannter Dotter des Eies) ; d Zell- 
haut oder Membrana (Dotterhaut des Eies, beim Säuge- 
thier wegen ihrer Durchsichtigkeit Zona pellucida 
genannt). Die Eier der anderen Säugethiere haben 
ganz dieselbe einfache Form. 

Das Ei des Menschen ist, wie das aller anderen Säuge- 
thiere, ein kugeliges Bläschen, welches alle wesentlichen Bestand- 
theile einer einfachen organischen Zelle enthält (Fig. 5). Der 
wesentlichste Theil desselben ist der schleimartige Zellstoff oder 
das Protoplasma (c), welches beim Ei „Dotter" genannt wird, und 
der davon umschlossene Zellenkern oder Nucleus (b), welcher 
hier den besonderen Namen des „Keim-Bläschens" fülu't. Dies 
letztere ist ein zartes, glashelles Eiweiss-Kügelchen von ungefähr 
Vso'" Durchmesser, und umschliesst noch ein viel kleineres, scharf 
abgegrenztes rundes Körnchen (a), das Kern-Körperchen oder 
den Nucleolus der Zelle (beim Ei „Keimfleck" genannt). Nach 
aussen ist die kugelige Ei-Zelle des Säugethiers durch eine dicke, 
glasartige Haut, die Zellen-Membran oder Dotterhaut, abge- 
schlossen, welche hier den besonderen Namen der Zona pellucida 
führt (d). Die Eier vieler niederen Thiere (z. B. vieler Medusen) 
sind dagegen nackte Zellen, ohne jede äussere Hülle. 




296 Befruchtung und Entwickelung des Säugethier-Eies. XIII. 

Sobald das Ei (Ovulara) des Säugetliieres seinen vollen 
Reifegrad erlangt hat, tritt dasselbe aus dem Eierstock des 
Weibes, in dem es entstand, heraus, und gelangt in den Eileiter, 
und durch diese enge Röhre in den weiteren Keim-Behälter oder 
Frucht-Behälter (Uterus). Wird inzwischen das Ei durch den 
entgegenkommenden männlichen Samen (Sperma) befruchtet, so 
entwickelt es sich in diesem Behälter weiter zum Keim (Embryon), 
und verlässt denselben nicht eher, als bis der Keim vollkommen 
ausgebildet und fähig ist, als junges Säugethier durch den Ge- 
burtsact in die Welt zu treten. 

Der Vorgang der Befruchtung, früher für eine der räthsel- 
haftesten und wunderbarsten Erscheinungen gehalten, ist uns 
durch die grossen Erkenntniss-Fortschritte des letzten Jahrzehnts 
vollkommen klar und verständlich geworden, Dank vor Allen 
den ausgezeichneten Untersuchungen der Gebrüder Oscar und 
Richard Hertwig"), von Eduard Strasburger, Bütschli 
und vielen Anderen. Wir wissen jetzt, dass die Befruchtung des 
Eies, als das Wesentlichste der geschlechtlichen Zeugung, weiter 
Nichts ist, als eine Verschmelzung von zwei verschiedenen 
Zellen, der väterlichen Sperma-Zelle und der mütterlichen Ei- 
Zelle. Von den Tausenden beweglicher kleiner Geisselzellen, 
welche sich in einem Tröpfchen männlicher Samen-Flüssigkeit fin- 
den, dringt eine einzige in die weibliche Ei-Zelle ein und ver- 
schmilzt mit ihr vollständig. Bei dieser Verschmelzung der bei- 
den Geschlechts-Zellen ist die Hauptsache die Copulation der 
beiden Zellkerne. Der männliche Sperma-Kern verschmilzt 
mit dem weiblichen Ei-Kern, und so entsteht der neue Stamm- 
kern, der Nucleus der neuen Stammzelle (Cytula). 

Schon vor 23 Jahren hatte ich in meiner Generellen Morpho- 
logie (Bd. I, S. 288) die Bedeutung der beiden activen Zell- 
Bestandtheile daliin bestimmt, „dass der innere Kern die Ver- 
erbung der erblichen Charaktere, das äussere Plasma 
(oder Cytoplasma) dagegen die Anpassung an die Verhältnisse 
der Aussenwelt zu besorgen hat". Dieser Satz ist durch die 
zahlreichen sorgfältigen Untersuchungen der neuesten Zeit voll- 
inhaltlich bestätigt worden. Der männliche Sperma-Kern 



XIII. Dogma der persönlichen Unsterblichkeit. 297 

Überträgt bei der Befruchtung die erblichen Eigenschatten des 
Vaters, während der weibliche Ei-Kern die Vererbung der 
Eigenthümlichkeiten der Mutter besorgt. 

Die Stammzelle (Cytula) oder die sogenannte „befruchtete 
Ei-Zelle" ( — oft auch unpassend „erste Furchungszelle" ge- 
nannt — ) ist demnach ein ganz neues Wesen. Denn wie 
ihre Substanz ein materielles Mischungs-Product von der väter- 
lichen Samen-Zelle und der mütterlichen Ei-Zelle ist, so sind auch 
die davon untrennbaren Lebens-Eigenschaften gemischt aus den 
physiologischen Eigenthümlichkeiten beider Eltern. Die individuelle 
Mischung des Charakters, welchen jedes Kind von beiden Eltern 
geerbt hat, ist zurückzuführen auf die Vermischung der beiden 
Kern-Massen im Augenblicke der Befruchtung. Mit diesem 
wichtigsten Augenblicke beginnt auch erst die lebendige Existenz 
des Individuums, und nicht etwa mit der Geburt, wel-che beim 
Menschen erst neun Monate später eintritt. 

Die allgemeine Bedeutung dieser höchst interessanten Vor- 
gänge ist bisher nicht entfernt in dem Maasse gewürdigt worden, 
wie sie es verdient. Um nur eine ihrer wichtigsten Folgerungen 
hier anzudeuten, so werfen sie ein ganz neues Licht auf die 
wichtige Frage von der Unsterblichkeit. Das Dogma von der 
persönlichen Unsterblichkeit des Menschen war zwar schon 
seit einem halben Jahrhundert durch die grossen Fortschritte der 
vergleichenden Physiologie und Ontogenie, der vergleichenden 
Psychologie und Psychiatrie, gründlich widerlegt worden. In- 
dessen konnten immer noch einige Zweifel darüber entstehen, ob 
nicht wenigstens ein Theil unsers Seelenlebens vom Gehirn un- 
abhängig und auf die Thätigkeit einer immateriellen „Seele" zu- 
rückzuführen sei. Seitdem wir aber den Vorgang der Befruch- 
tung ganz genau kennen, seitdem wir wissen, dass selbst die 
feinsten Seelen-Eigenschaften beider Eltern durch den Befruch- 
tungs-Act auf das Kind erblich übertragen werden, und dass diese 
Vererbung lediglich auf der Verschmelzung der beiden copuliren- 
den Zeil-Kerne beruht, sind alle jene Zweifel hinfällig geworden. 
Es muss nun vollkommen widersinnig erscheinen, noch von einer 
Unsterblichkeit der menschlichen Person zu sprechen, seit wir 



298 



Dogma der persönlichen Unsterblichkeit. 



XIII. 



wissen, dass diese Person, mit allen ihren individuellen Eigen- 
schaften des Körpers und Geistes, erst durch den Befruchtungs- 
Act entstanden ist, also einen endlichen Anfang ihres Daseins 
hat. AVie kann diese Person ein ewiges Leben ohne Ende 
haben? Die menschliche Person, wie jedes andere vielzellige 
Einzel-Thier, ist nur eine vorübergehende Erscheinungs-Form des 
organischen Lebens. Mit ihrem Tode hört die Kette ihrer Lebens- 
thätigkoiten ebenso vollständig auf, wie sie mit dem Befruch- 
tungs-Act ihren Anfang genommen hat. 

Die Formveränderungen und Umbildungen, welche das be- 
fruchtete Ei innerhalb des Keim-Behälters durchhlaufen muss, ehe 
es die Gestalt des jungen Säugethieres annimmt, sind äusserst 
merkwürdig; sie verlaufen vom Anfang an beim Menschen ganz 
ebenso wie bei den übrigen Säugethieren. Zunächst benimmt 
sich das befruchtete Säugethier-Ei gerade so, wie ein einzelliger 
Organismus, welcher sich auf seine Hand selbstständig fortpflanzen 
und vermehren will, z. B. eine Amoebe (vergl. Fig. 2, S. 169). 
Die einfache Ei-Zelle zerfällt nämlich durch den Process derZellen- 
Theilung, welchen ich Ihnen bereits früher beschrieben habe, in 
zwei Zellen. (Fig. 6 A.) 




Fig. 6. Erster Beginn der Entwickelung des Säugethier-Eies, sogenannte 
.,Ei-Furchung" (Vermehrung der Ei-Zelle durch wiederholte Selbsttheilung). 
A. Das Ei zerfällt durch Bildung der ersten Furche in zwei Zellen. B. Diese 
zerfallen durch Halbirung in vier Zellen. C. Diese letzteren sind in acht Zellen 
zerfallen. D. Durch fortgesetzte Theilung ist ein kugeliger Haufen von zahl- 
reichen Zellen entstanden, die Brombeer-Form oder der Maulbeer-Keim (Morula). 

Derselbe Vorgang der Zellen -Theilung wiederholt sich nun 
mehrmals hinter einander. In der gleichen "Weise entstehen aus 
zwei Zellen (Fig. 6A) vier (Fig. 6B); aus vier werden acht 



XIII. Wiederholte Theilung oder Furchung' des Säugelhiereies. 299 

(Fig. 6C), aus acht sechszehn, aus diesen zweiunddreissig u. s. w. 
Jedesmal geht die Theilung des Zollkerns oder Nucleus derjenigen 
des Zellstofl's oder Protoplasma vorher. Weil die Theilung des 
letzteren immer mit der Bildung einer oberflächlichen ringförmigen 
Furche beginnt, nennt man den ganzen Vorgang gewöhnlich die 
Furchung des Eies, und die Producte desselben, die kleinen, 
durch fortgesetzte Zwei-Theilung entstehenden Zellen die Fur- 
chungs-Kugeln (Blastomeren). Indessen ist der ganze Vorgang 
weiter Nichts als eine einfache, oft wiederholte Zellen-Theilung, 
und die Produkte desselben sind eclite, nackte Zellen. Schliess- 
lich entsteht aus der fortgesetzten Theilung oder „Furchung" des 
Säugethier-Eies der sogenannte Maulbeer-Keim (Morula), eine 
maulbeerförmige oder brombeerförmige Kugel , welche aus sehr 
zahlreichen kleinen Kugeln, nackten kernhaltigen Zellen zusammen- 
gesetzt ist (Fig. 6D). Diese Zellen sind die Bausteine, aus denen 
sich der Leib des jungen Säugethiers aufbaut. Jeder von uns 
war einmal eine solche einfache, brombeerförmige, aus lauter 
kleinen Zellen zusammengesetzte Kugel, eine Morula. 

Die weitere Entwickelung des kugeligen Zellenhaufens, welcher 
den jungen Säugethier- Körper jetzt präsentirt, besteht zunächst 
darin, dass derselbe sich in eine kugelige Blase verwandelt, indem 
im Inneren sich P'lüssigkeit ansammelt. Diese Blase nennt man 
Keim-Blase (Blastula oder Vesicula blastodermica). Die Wand 
derselben ist anfangs aus lauter gleichartigen Zellen zusammen- 
gesetzt. Bald aber entsteht an einer Stelle der Wand eine 
scheibenförmige Verdickung, indem sich hier die Zellen rasch 
vermehren; und diese Verdickung ist nun die Anlage für den 
eigentlichen Leib des Keimes oder Embryo, während der übrige 
Theil der Keim- Blase bloss zur Ernährung des Embryo verwendet 
wird. Die verdickte Scheibe der Embryonalanlage nimmt bald 
eine länglich runde und dann, indem rechter und linker Seiten- 
rand ausgeschweift werden, eine sohlenförmige oder bisquitförmige 
Gestalt an (Fig. 7, Seite 304). In diesem Stadium der Entwicke- 
lung, in der ersten Anlage des Keims oder Embryo, sind nicht 
allein alle Säugetliiere mit Inbegriff des Menschen, sondern sogar 
alle W^irbelthiere überhaupt, alle Säugethiere, Vögel, Reptilien, 



300 Bildung und Bedeutung der vier Keimblätter. XIII. 

Amphibien und Fische im Wesentlichen noch gleich; theils kann 
man sie gar nicht, theils nur durch ihre Grösse oder durch un- 
wesentliche Form-Differenzen, sowie durch die Biklung der Ei-Hüllen 
und des Dotter-Anhangs von einander unterscheiden. Bei Allen 
besteht der ganze Leib aus weiter nichts, als aus zwei dünnen 
Schichten oder Lagen von einfachen Zellen; diese liegen wie zwei 
runde dünne Blätter über einander und heissen daher die „pri- 
mären Keimblätter". Das äussere oder obere Keimblatt ist 
das Hautblatt (Exoderma), das innere oder untere liingegen 
das Darmblatt (Entode rma). 

Die Keimform des Thierleibes, welche in dieser Wfeise bloss 
aus den beiden primären Keimblättern besteht, ist allen viel- 
zelligen Thieren (oder Metazoen) gemeinsam, und daher von der 
grössten Bedeutung. Ich habe die allgemeine Verbreitung dieser 
zweiblättrigen Keimform bei allen Metazoen, und die daraus fol- 
gende „Homologie der beiden primären Keimblätter", zuerst 1872 
in meiner Älonographie der Kalk-Schwämme ^'') behauptet, und 
dann in meinen „Studien zur Gasträa-Theorie" '^) die ausführlichen 
Beweise dafür geliefert. Da diese bedeutungsvolle Keimform in 
ihrer ursprünglichen reinen Gestalt (TaL V, Fig. 8, 18; Taf. XII, 
Fig. A4, B4) einem doppelwandigen Becher gleicht, nannte ich 
sie Bechorkeim (Gastrula) und den Vorgang ihrer Bildung 
Gastrulation. Ich werde dieselbe später (im XX. Vortrage) 
näher besprechen. Schon damals (1872, a. a. 0. Bd. I, S. 467) 
schloss ich aus der merkwürdigen Uebereinstimmung der Gastrula 
bei allen vielzelligen Thieren, dass alle diese Metazoen ( — ent- 
sprechend dem biogenetischen Grundgesetze — ) von einer einzigen 
gemeinsamen Stammform ursprünglich abstammen müssten; und 
diese hypothetische Stammform, im Wesentlichen der becher- 
förmigen Gastrula gleichgebildet, ist die Gasträa. 

Die Gastrula der Säugethiere, ebenso wie diejenige vieler 
anderer höherer Thiere, hat in Folge der eigenthümlichen Be- 
dingungen, unter denen sie sich entwickelt, die ursprüngliche 
Becherform verloren und die schon beschriebene Scheibenform 
angenommen. Allein diese Keimscheibe (Discogastrula) ist nur 
eine secuudäre Abänderung oder Modificatiou des m-sprünglichen 



XIII. Bildung und Bedeutung der vier Keimblätter. 301 

Becherkeims. Wie bei diesem letzteren, so zerfallen auch bei der 
ersteren die beiden primären Keimblätter später in die vier 
secundären Keimblätter. Auch diese bestehen aus weiter 
Nichts, als aus gleichartigen Zellen; jedes hat aber eine andere 
Bedeutung für den Aufbau des Wirbelthier-Körpers. Aus dem 
oberen oder äusseren Keimblatt entsteht bloss die äussere Ober- 
haut (Epidermis) nebst den Central theilen des Nervensystems 
(Rückenmark und Gehirn); aus dem unteren oder inneren Blatt 
entsteht bloss die innere zarte Haut (Epithelium), welche den 
ganzen Darmkanal vom Schlund bis zum After, nebst allen seinen 
Anhangsdrüsen (lAinge, Leber, Speicheldrüsen u. s. w.) auskleidet; 
aus den zwischen jenen gelegeneu mittleren beiden Keimblättern 
entstehen alle übrigen Organe. (Vergl. über die Vorgänge der 
Keimes-Entwickelung beim Menschen und bei den Thieren meine 
„Anthropogenie" ^'') und meine „Studien zur Gasträa-Theorie" '^). 
Die Vorgänge nun, durch welche aus so einfachem Bau- 
material, aus den vier einfachen, nur aus Zellen zusammenge- 
setzten Keimblättern, die verschiedenartigen und höchst verwickelt 
zusammengesetzten Theile des reifen Wirbelthier-Körpers entstehen, 
sind erstens wiederholte Theilungen und dadurch Vermehrung der 
Zellen, zweitens Arbeits-Theilung oder Differenzirung dieser Zellen, 
drittens ungleiches Wachsthum der Zellen-Gruppen, und viertens 
Verbindung der verschiedenartig ausgebildeten oder differenzirten 
Zellen zur Bildung der verschiedenen Organe. So entsteht der 
stufenweise Fortschritt oder die Vervollkommnung, welche in der 
Ausbildung des embryonalen Leibes Schritt für Schritt zu ver- 
folgen ist. Die einfachen Embryonal-Zellen, welchen den Wirbel- 
thier-Körper zusammensetzen wollen, verhalten sich wie Bürger, 
welche einen Staat gründen wollen. Die einen ergreifen diese, 
die anderen jene Thätigkeit, und bilden dieselbe zum Besten des 
Ganzen aus. Durch diese Arbeits-Theilung und Form-Spaltung, 
sowie durch die damit im Zusammenhang stehende Vervollkomm- 
nung (den organischen Fortschritt), wird es dem ganzen Staate 
möglich, Leistungen zu vollziehen, welche dem einzelnen Indivi- 
duum unmöglich wären. Der ganze Wirbelthier-Körper, wie jeder 
andere mehrzellige Organismus, ist somit ein republikanischer 



302 Vergleichung des mehrzelligen Organismus mit einem Staate. XIII. 

Zellenstaat; er kann daher organische Functionen vollziehen, 
welche die einzelne Zelle als Einsiedler (z. B. eine Amoebe oder 
eine einzellige Pflanze) niemals leisten könnte ^^). 

Es wird keinem vernünftigen Menschen einfallen, in den 
zweckmässigen Einrichtungen , welche zum Wohle des Ganzen 
und der Einzelnen in jedem menschlichen Staate getroffen sind, 
die planvolle Thätigkeit eines persönlichen überirdischen Schöpfers 
zu suchen. Vielmehr weiss Jedermann, dass jene zweckmässigen 
Organisations-Einrichtungen des Staates die Folge von dem Zu- 
sammenwirken der einzelnen Bürger und ihrer Regierung, sowie 
von deren Anpassung an die Existenzbedingungen der Aussen- 
welt sind. Ganz ebenso müssen wir aber auch den mehrzelligen 
Organismus beurtheilen. Auch in diesem sind alle zweckmässigen 
Einrichtungen lediglich die natürliche und nothweudige Folge des 
Zusammenwirkens, der Differenziruug und Vervollkommnung der 
einzelnen Staatsbürger, der Zellen; und nicht etwa die künst- 
lichen Einrichtungen eines zweckmässig thätigen Schöpfers. Wenn 
Sie diesen Vergleich recht erwägen und weiter verfolgen, wird 
Ihnen deutlich die Verkehrtheit jener dualistischen Naturanschau- 
ung klar werden, welche in der Zweckmässigkeit der Organisation 
die Wirkung eines schöpferischen Bauplans sucht. 

Lassen Sie uns nun die individuelle Entwickeluug des Wirbel- 
thier-Körpers noch einige Schritte weiter verfolgen, und sehen, 
was die Staatsbürger dieses embryonalen Organismus zunächst 
anfangen. In der Mittellinie der geigenförmigen Scheibe, (Fig. 7, 
S. 304), welche aus den vier zelligen Keimblättern zusammengesetzt 
ist, entsteht eine gerade feine Furche, die sogenannte „Primitiv- 
rinne"; durch diese wird der geigenförmige Leib in zwei gleiche 
Seiteuhälften abgetheilt, ein rechtes und ein linkes Gegenstück 
oder Antimer. Beiderseits jener Rinne oder Furche erhebt 
sich das obere oder äussere Keimblatt in Form einer Längsfalte, 
und beide Falten wachsen dann über der Rinne in der Mittel- 
linie zusammen und bilden so , ein cylindrisches Rohr. Dieses 
Rohr heisst das Markrohr oder Medullarrohr, weil es die Anlage 
des Central-Nervensystems, des Rückenmarks (Medulla spinalis) 
ist. Anfangs ist dasselbe vorn und hinten zugespitzt, und so 



XIII. Entstehung des Rückenmarks der Wirbelthiere. 303 

bleibt dasselbe bei den niedersten Wirbelthieren, den geliirnlosen 
und schädellosen Lanzettlneren (Amphioxus) zeitlebens. Bei allen 
übrigen Wirbelthieren aber, die wir von letzteren als Schädel- 
thiere oder Kranioten unterscheiden, wird alsbald ein Unterschied 
zwischen vorderem und hinterem Ende des Medullarrohrs sicht- 
bar, indem das erstere sich aufbläht und in eine rundliche Blase, 
die Anlage des Gehirns verwandelt. 

Bei allen Kranioten, d. h. bei allen mit Schädel und Gehirn 
versehenen Wirbelthieren, zerfällt das Gehirn, welches anfangs 
bloss die blasenförmige Auftreibung vom vorderen Ende des 
Rückenmarks ist, bald in fünf hinter einander liegende Blasen, 
indem sich vier oberflächliche quere Einschnürungen bilden. Diese 
fünf Hirn blasen, aus denen sich späterhin alle verschiedenen 
Theile des so verwickelt gebauten Gehirns hervorbilden, sind an 
dem in Fig. 7 abgebildeten Embryo in ihrer ursprünglichen An- 
lage zu erblicken. Es ist gan^ gleich, ob wir den Embryo eines 
Hundes, eines Huhnes, einer Schildkröte oder irgend eines anderen 
höheren Wlrbelthieres betrachten. Denn die Embryoneu der 
verschiedenen Schädelthiere (mindestens der drei höheren Klassen, 
der Reptilien, Vögel und Säugethiere) sind in dem, Fig. 7 dar- 
gestellten Stadium entweder noch gar nicht oder nur durch ganz 
unwesentliche Merkmale zu unterscheiden. Die ganze Körperform 
ist noch höchst einfach, eine dünne, blattförmige Scheibe. Ge- 
sicht, Beine, Eingeweide u. s. w. fehlen noch gänzlich. Aber die 
fünf Hirnblasen sind schon deutlich von einander abgesetzt. 

Die erste Blase, das Vorderhirn (v) ist insofern die wich- 
tigste, als sie vorzugsweise die sogenannten grossen Hemi- 
sphären, oder die Halbkugeln des grossen Gehirns bildet, des- 
jenigen Theiles, welcher der Sitz der höheren Geistesthätigkeiten 
ist. Je höher diese letzteren sich bei dem Wirbelthier entwickeln, 
desto mehr wachsen die beiden Seitenhälften des Vorderhirns oder 
die grossen Hemisphären auf Kosten der vier übrigen Blasen und 
legen sich von vorn und oben her über die anderen herüber. 
Beim Menschen, wo sie verhältnissmässig am stärksten entwickelt 
sind, entsprechend der höheren Geistesentwickelung, bedecken sie 
später die übrigen Theile von oben her fast ganz. (V^ergl. Taf. II 



304 



Entstehuna: des Gehirns der Wirbelthiere. 



XIII. 



Fig. 7. 

Fig. 7. Embryo eines Säugethieres oder Vo- 
gels , in dem soeben die fünf Hirnblasen angelegt 
sind. V Vorderhim. z Zwischenhirn, m Mittel- 
hirn, h Hinterhirn, n Nachhirn, p Rückenmark. 
a Augenblasen, w Urwirbel. d Rückenstrang oder 
Chorda. 

imd III.) Die zweite Blase, das Zwischeu- 
hirn (z) bildet besonders denjenigen Geliirn- 
tlieil, welchen man Sehliügel nennt, und 
steht in der nächsten Beziehung zu den Au- 
i^en (a), welche als zwei Blasen rechts und 
links aus dem Vorderhirn her vorwachsen 
und später am Boden des Zwischenhirns 
liegen. Die dritte Blase, das Mittelhirn 
(ra) geht grösstentheils in der Bildung der 
sogenannten Vierhügel auf, eines hoch- 
gewölbten Gehirn theiles, welcher besonders 
bei den Reptilien und bei den Vögeln stark 
ausgebildet ist (Fig. E, F, Taf. II), während er bei den Säuge- 
thieren viel mehr zurücktritt (Fig. G, H, Taf. III). Die vierte 
Blase, das Hinterhirn (h) bildet die sogenannten kleinen 
Hemisphären oder die Halbkugeln nebst dem Mitteltheil des 
kleinen Gehirns (Cerebellum) , einen Gehirntheil, über dessen 
Bedeutung man die widersprechendsten Vermuthungen hegt, der 
aber vorzugsweise die Coordination der Bewegungen zu regeln 
scheint. Endlich die fünfte Blase, das Nachhirn (n), bildet 
sich zu demjenigen sehr wichtigen Theile des Central-Nerven- 
systems aus, welchen man das Nackenmark oder das ver- 
längerte Mark (Medulla oblongata) nennt. Es ist das Central- 
Organ der Athem- Bewegungen und anderer wichtiger Functionen, 
und seine Verletzung führt sofort den Tod herbei, während man 
die grossen Hemisphären des Vorderhirns (oder das Organ der 
„Seele" im engeren Sinne) stückweise abtragen und zuletzt ganz 
vernichten kann, ohne dass das Wirbel thier deshalb stirbt; nur 
seine höheren Geistesthätigkeiten schwinden dadurch. 




Tut:u. 



heime (uler Einbrifcn 




i>. />(•/■(/(■/•// I//I y iHiimIu/iIiiiii in Mtfilhirn li Ifitifiiliiin 
n Xac/i/iirn iv Wirlwl. rEiukt'iimaih-. 



von vier ]\'ii-hc'Itliicrc'ii 



Tat:m. 




Jt(t Jni.sr iiAjifp'. >'■ Chr hhnlr, lünii,nhi>irm. s.Schwdin . 
hv. Vorih'ibt'in. hli JUittciheüt . 



XIII. Rilt^lung uiul nedeutung- der fünf Hinihlasen der ^YirbeIthiere. 305 

Diese fünf lliniblasen sind ursprünglich bei allen "W'irbel- 
thieren, die überhaupt ein (ieliirn besitzen, gleichniässig angelegt, 
und bilden sich erst allmäliHch bei den verschiedenen Gruppen 
so verschiedenartig aus, dass es nachher sein- schwierig ist, in den 
ganz entwickelten Gehirnen die gleichen Thcile wieder zn er- 
kennen. In dem frühen Entwickelungs-Stadium, welches in Fig. 7 
dargestellt ist, erscheint es noch ganz unmöglich, die Embryonen 
der verschiedenen Säugethiere, Vögel und Reptilien von einander 
zu unterscheiden. Wenn Sie dagegen die viel weiter entwickelten 
Embryonen auf Taf. II und III mit einander vergleichen, werden 
Sie schon deutlich die ungleichartige Ausbildung erkennen, und 
namentlich wahrnehmen, dass das Gehirn der beiden Säugethiere 
(G) und (11) schon stark von dem «der Vögel (F) und Reptilien 
(E) abweicht. Bei letzteren beiden zeigt bereits das Mittelhirn, 
bei den ersteren dagegen das Vorderhirn sein Uebergewicht. Aber 
auch noch in diesem Stadium ist das Gehirn des Vogels (F) von 
dem der Schildkröte (E) kaum verschieden, und ebenso ist das 
Gehirn des Hundes (G) demjenigen des Menschen (H) jetzt noch 
fast gleich. Wenn Sie dagegen die Gehirne dieser vier Wirbel- 
thiere im ausigebildeten Zustande mit einander vergleichen, so 
finden Sie dieselben in allen anatomischen Einzelheiten so sehr 
verschieden , dass Sie nicht einen Augenblick darüber in Zweifel 
sein können, welchem Thiere jedes Gehirn angehört. 

Ich habe Ihnen hier die ursprüngliche Gleichheit und die 
erst allmählich eintretende und dann immer wachsende Sonde- 
rung oder Differenzirung des Embryo bei den verschiedenen 
Wirbelthieren speciell an dem Beispiele des Gehirns erläutert, 
weil gerade dieses Organ der Seelen-Thätigkeit von ganz beson- 
derem Interesse ist. Ich hätte aber eben so gut das Herz oder 
die Gliedmaassen , kurz jeden anderen Körpertheil statt dessen 
anführen können; immer wiederholt sich hier dasselbe Schöpfungs- 
Wunder: nämlich die Thatsache, dass alle Theile ursprünglich 
bei den verschiedenen Wirbelthieren gleich sind, und dass erst 
allmählich ilire Verschiedenheiten sich ausbilden. In meinen Vor- 
trägen über „Entwickelungs-Geschichte des Menschen" ^'^) 
finden Sie den Beweis für jedes einzelne Organ geführt. 

Haecke 1, Natiirl. Schöpfungs-Gesch. 8. Aufl. 20 



SOG Entwickehmg der Extremitäten der Wirbelthiere. XII 

Es giebt gewiss wenige Körpertlieile, welche so verscliiedei 
artig ausgebildet sind, wie die Gliedmaassen oder Extremi 
täten der verschiedenen Wirbelthiere. (Vergl. unten Taf. H 
und deren Erklärung im Anhang.) Nun bitte ich Sie, in Fig. , 
— H auf Taf. II und III die vorderen Extremitäten (b v) d( 
verschiedenen Embryonen mit einander zu vergleichen, und Si 
werden kaum im Stande sein, irgend welche bedeutende Uu ei 
schiede zwischen dem Arm des Menschen (H b v), dem Fli'g( 
des Vogels (F b v), dem schlanken Vorderbein des Hundes (G b \ 
und dem plumpen Vorderbein der Schildkröte (E b v) zu erkennei 
• Eben so wenig werden Sie bei Vergleichung der hinteren Extr( 
mität (b h) in diesen Figuren herausfinden, wodurch das Bei 
des Menschen (H b h) und des Vogels (F b h), das HinterLei 
des Hundes (G b h) und der Schildkröte (E b h) sich untei 
scheiden. Vordere sowohl als hintere Extremitäten sind jet? 
noch kurze und breite Platten, an deren Endausbreitung di 
Anlagen der fünf Zehen noch durch eine Schwimmhaut verbur 
den sind. In einem noch früheren Stadium (Fig. A — D) sind di 
fünf Zehen noch nicht einmal angelegt, und es ist ganz unmö^ 
lieh, auch nur vordere und hintere Gliedmaassen zu unterscheide! 
Diese sowohl als jene sind nichts als ganz einfache, rundlich 
Fortsätze, welche aus der Seite des Rumpfes hervorgesprosf 
sind. In dem frühen Stadium, welches Fig. 7 darstellt, fehle 
dieselben überhaupt noch ganz, und der ganze Embryo ist ei 
einfacher Rumpf ohne eine Spur von Gliedmaassen. 

An den auf Taf. II und III dargestellten Embryonen au 
der vierten Woche der Entwickehmg (Fig. A — D), in denen Si 
jetzt wohl noch keine Spur des erwachsenen Thieres werden ei 
kennen können, möchte ich Sie noch besonders aufmerksai 
machen auf eine äusserst wichtige Bildung, welche allen Wirbe' 
thieren ursprünglich gemeinsam ist, welche aber späterhin zu de 
verschiedensten Organen umgebildet wird. Sie kennen gowis 
alle die Kiemenbogen der Fische, jene knöchernen Bogei 
welche zu drei oder vier hinter einander auf jeder Seite di 
Halses liegen, und welche die Athmungs-Organe der Fische, di 
Kiemen, tragen (Doppelreihen von rothen Blättchen, welche li 



i-TA 



(uistnikilioii oder (uislrulabikluno 



Taf.V. 




üthAnst.v VOiltschJena 



1 - 10. Teichschnecke (Lymnaeiis) 



11-20. Pfeil w u r ni (S a^ 1 1 1 a ). 



XIII. Entwickelung; der Kiemenbogon. Schwanz des Menschen. 307 

Volk „Fiscliohreii" iieuiit). Diese Kiemeubogeii und die dazwischen 
befindlichen Kiemenspalten sind beim Menschen (D) und beim 
Hunde (C), beim Huhne (B) und bei der Schildkröte (A) ur- 
sprünglich ganz eben so vorhanden, wie bei allen übrigen Wirbel- 
thieren. (In Fig. A — D sind die drei Kiemenbogen der rechten 
Halsseite mit den Buchstaben kl, k 2, k 3 bezeichnet.) Allein 
nur bei den Fischen bleiben dieselben in der ursprünglichen An- 
lage bestehen und bilden sich zu Athmungs- Orgauen aus. Bei 
den übrigen Wirbelthieren werden dieselben theils zur Bildung 
des Gesichts, theils zur Bildung des Gehör-Organs verwendet. 

Endlich will ich nicht verfehlen, Sie bei Vergleichung der 
auf Taf. II und III abgebildeten Embryonen nochmals auf das 
Schwänzchen des Menschen (s) aufmerksam zu machen, 
welches derselbe mit allen übrigen Wirbelthieren in der ursprüng- 
lichen Anlage theilt. Die Auffindung „geschwänzter Menschen" 
wurde lange Zeit von vielen Monisten mit Sehnsucht erwartet, 
um darauf eine nähere Verwandtschaft des Menschen mit den 
übrigen Säugethieren begründen zu können. Und eben so hoben 
ihre dualistischen Gegner oft mit Stolz hervor, dass der gänzliche 
Mangel des Schwanzes einen der wichtigsten körperlichen Unter- 
schiede zwischen dem Menschen und den Thiereu bilde, wobei 
sie nicht an die vielen schwanzlosen Thiere dachten, die es wirk- 
lich giebt. Nun besitzt aber der Mensch in den ersten Monaten 
der Entwickelung eben so gut einen wirklichen Schwanz, wie die 
nächstverwandten schwanzlosen Affen (Orang, Schimpanse, Gorilla) 
und wie die Wirbelthiere überhaupt. Während derselbe aber bei 
den meisten, z. B. beim Hunde (Fig. C, G), im Laufe der Ent- 
wickelung immer länger wii'd, bildet er sich beim Menschen 
(Fig. D, H) und bei den ungeschwänzten Säugethieren von einem 
gewissen Zeitpunkt der Entwickelung an zurück und verwächst 
zuletzt völlig. Indessen ist auch beim ausgebildeten Menschen 
der Rest des Schwanzes als verkümmertes oder rudimentäres 
Organ noch in den drei bis fünf Schwanzwirbeln (Vertebrae 
coccygeae) zu erkennen, welche das hintere oder untere Ende der 
Wirbelsäule bilden; ein untrügliches Zeugniss der Abstammung 
von geschwänzten Ahnen (S. 285). 

20* 



308 Diö Keimes-Geschichte als Auszug der Stamuies-Geschichte. XI 11. 

Die meisten Menschen wollen noch gegenwärtig die wich- 
tigste Folgerung der Descendenz -Theorie, die paläontologische 
Entwickelung des Menschen aus iiftenähnlicheu und weiterhin aus 
niederen Säugethieren nicht anerkennen, und halten eine solche 
Umbildung der organischen Form für unmöglich. Ich frage Sie 
aber, sind die Erscheinungen der individuellen Entwickelung des 
Menschen, von denen ich Ihnen hier die Grundziige vorgeführt 
habe, etwa weniger wunderbar? Ist es nicht im höchsten Grade 
merkwürdig, dass alle Wirbelthiere aus den verschiedensten 
Klassen, Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugethiere, in 
den ersten Zeiten ihrer embryonalen Entwickelung geradezu nicht 
zu unterscheiden sind; und dass selbst viel später noch, in einer 
Zeit, wo bereits Reptilien und Vögel sich deutlich von den 
Säugethieren unterscheiden, Hund und Mensch noch beinahe 
identisch sind? Fürwahr, wenn man jene beiden Entwickeluugs- 
Rcihen mit einander vergleicht, und sich fragt, welche von beiden 
wunderbarer ist, so muss uns die Ontogenie oder die kurze 
und schnelle Entwickelungs-Geschichte des Individuums viel 
räthselhafter erscheinen, als die Phyiogenie oder die lange und 
langsame Entwickelungs-Geschichte des Stammes. Denn eine 
und dieselbe grossartige Form-Wandelung und Umbildung wird von 
der letzteren im Lauf von vielen tausend Jahren, von der ersteren 
dagegen im Laufe weniger Wochen oder Monate vollbracht. Offen- 
bar ist diese überaus schnelle und auftauende Umbildung des In- 
dividuums in der Ontogenesis, welche wir thatsächlich durch 
directe Beobachtung feststellen können, an sich viel wunderbarer, 
viel erstaunlicher, als die entsprechende, aber viel langsamere und 
allmählichere Umbildung, welche die lange Vorfahren-Kette des- 
selben Individuums in der Phylogenesis durchgemacht hat. 

Beide Reihen der organischen Entwickelung, die Ontogenesis 
des Individuums, und die Phylogenesis des Stammes, zu welchem 
dasselbe gehört, stehen im innigsten ursächlichen Zusammenhange. 
Die Keimes-Geschichte ist ein Auszug der Stammes- 
Geschichte, oder mit anderen Worten: die Ontogenie ist eine 
Recapitulation der Phyiogenie. Ich habe diese Theorie, welche 
ich für äusserst wichtig halte, im zweiten Bande meiner gene- 



I 



XTII. Ursächlicher Zusammenhang der Ontogcnesis und Phylogenesis. 300 

rellcn Morphologie') ausführlich zu hogründen vorsucht und in 
meiner „ Anthropogenio" ^'') am Menschen selbst durchgcluhrt. 
Wie ich dort an jedem einzelnen Organ-System des ]\Ienschen 
nachwies, ist die Ontogenesis, oder die Entwickelung des 
Individuums, eine kurze und schnelle, durch die Ge- 
setze der Vererbung und Anpassung bedingte Wieder- 
holung (Recapitulation) der Phylogenesis oder der Ent- 
wickelung des zugehörigen Stammes, d.h. der Vorfahren, 
welche die Ahneukette des betreffenden Individuums bilden. 
Dieser fundamentale Satz ist das wichtigste allgemeine Gesetz 
der organischen Entwickelung, das biogenetische Grundgesetz. 
(Vergl. meine „Studien zur Gasträa-Theorie", 1877, S. 70.) 

Die Uebereinstimmung vieler Keim-Formen höherer Thiere 
mit den entwickelten Formen von stammverwandten niederen 
Thieren, ist so auffallend, dass sie schon der älteren Natur- 
Philosophie nicht entging; Oken, Treviranus u. A. wiesen 
schon im Anfang unseres Jahrhunderts darauf hin. Meckcl 
sprach schon 1821 von einer „Gleichung zwischen der Entwicke- 
lung des Embryo und der Thierreihe". Baer erläuterte schon 
1828 kritisch die Frage, wie weit innerhalb eines Typus oder 
Stammes, (z. B. der Wirbelthiere), die Keim-Formen der höheren 
Thiere die bleibenden Formen der niederen durchlaufen. Allein 
von einem wirklichen Verständniss dieser wunderbaren Gleichung 
konnte natürlich so lange nicht die Rede sein, als die Abstam- 
mungs-Lehre noch nicht zur Anerkennung gelangt w^ar. Als 
dann endlich Darwin 1859 diese Anerkennung durchsetzte, wies 
er auch im XIV. Capitel seines Hauptwerks kurz auf die grosse 
Bedeutung der Embryologie hin. Eingehend und mit voller Klar- 
heit hat aber dieselbe zuerst Fritz Müller an dem Beispiele der 
Krebs - Klasse erläutert, in seiner vorzüglichen Schrift „Für 
Darwin" "^). Ich selbst habe dann seiner Theorie eine schärfere 
Fassung in der Form meines „biogenetischen Grundgesetzes" ge- 
geben, und sie in den Studien zur Gasträa-Theorie, sowie in der 
Anthropogenie weiter ausgeführt. 

In dem innigen Zusammenhange der Keimes- und Stammes- 
Geschichte erblicke ich einen der wichtigsten und unwnderleg- 



310 Parallelismus der Keimes- und der Stammes-Entwickelung XIII. 

liebsten Beweise der Descendenz-Theorie. Es vermag Niemand 
diese Erscheinungen zu begreifen, wenn er nicht auf die Ver- 
erbung«- und Anpassungs-Gesetze zurückgeht; durch diese erst 
sind sie erklärlich. Ganz besonders verdienen dabei die Gesetze 
unsere Beachtung, welche wir früher als die Gesetze der ab- 
gekürzten, der gleichzeitlichcn und der gleichörtlichen 
Vererbung erläutert haben. Indem sich ein so hochstehender 
und verwickelter Organismus, wie der des Menschen oder eines 
anderen Säugethieres , von jener einfachen Zellen -Stufe an auf- 
wärts erhebt, indem er fortschreitet in seiner Differenzirung und 
Vervollkommnung, durchläuft er dieselbe Reihe von Umbildungen, 
welche seine thierischen Ahnen vor undenklichen Zeiten, während 
ungeheurer Zeiträume durchlaufen haben. Schon früher habe ich 
auf diesen äusserst wichtigen Parallelismus der individuellen und 
Stammes-Entwickelung hingewiesen (S. 10). Gewisse, sehr frühe 
und tief stehende Entwickelungs-Stadien des Menschen und der 
höheren Wirbelthiere überhaupt entsprechen durchaus gewissen 
Bildungen, welche zeitlebens bei niederen Fischen fortdauern. Es 
folgt dann eine Umbildung des fischähnlichen Körpers zu einem 
amphibienartigen. Viel später erst entwickelt sich aus diesem 
der Säugethier-Körper mit seinen bestimmten Charakteren, und 
man kann hier wieder in den auf einander folgenden Entwicke- 
lungs-Stadien eine Reihe von Stufen fortschreitender Umbildung 
erkennen, welche offenbar den Verschiedenheiten verschiedener 
Säugethier-Ordnungen und Familien entsprechen. In derselben 
Reihenfolge sehen wir aber auch die Vorfahren des Menschen 
und der höheren Säugetliiere in der Erd-Geschichte nach ein- 
ander auftreten: zuerst Fische, dann Amphibien, später niedere 
und zuletzt erst höhere Säugethiere. So läuft die embryonale 
Entwickelung des Individuums durchaus parallel der paläontolo- 
gischen Entwickelung des ganzen zugehörigen Stammes; und diese 
äusserst interessante und wichtige Erscheinung ist einzig und 
allein durch die Wechselwirkung der Vererbungs- und Anpassungs- 
Gesetze zu erklären. 

Um übrigens das biogonetische Grundgesetz richtig zu ver- 
stehen und anzuwenden, muss man bedenken, dass die erbliche 



XIII. Auszug.s-Entwickclung und Störungs-Eiitwickelung. 311 

Wiederholung der ursprünglichen Stammlbrmon-Ketto durch die 
entsprechende und parallele Keimfornion- Kette nur selten (oder 
strenggenommen niemals!) ganz vollständig ist. Denn die wech- 
selnden Existenz-Bedingungen üben ihre Wirkung auf jede einzelne 
Keimform ebenso aus, wie auf den entwickelten Organismus. 
Ausserdem wirkt das Gesetz der abgekürzten Vererbung (S. 191) 
beständig auf eine A^ereinfachung des ursprünglichen Entwicke- 
lungsganges hin. Andererseits kann aber der Keim durch An- 
passung an neue Lebens- Verhältnisse (z.B. Bildung schützender 
Hüllen) neue Formen gewinnen, welche dem ursprünglichen, 
durch Vererbung übertragenen Bilde der Stammform fehlten. 
So muss denn nothwendig das Bild der Keimform (besonders 
der späteren Keimungsstufen) mehr oder weniger von dem ur- 
sprünglichen Bilde der entsprechenden Stammform abweichen, 
und zwar um so mehr, je höher der Organismus entwickelt ist. 

Demnach zerfallen eigentlich alle Erscheinungen der Kei- 
mung oder der individuellen Entwickelung (Ontogenesis) in zwei 
verschiedene Gruppen: Die erste Gruppe umfasst die Ur-Ent- 
wickelung oder Auszugs-Entwickelung (Palingenesis) und 
führt uns noch heute jene uralten Bildungs- Verhältnisse vor Augen, 
welche durch Vererbung von den ursprünglichen Stammformen 
übertragen worden sind (so z. B. beim menschlichen Embryo die 
Kiemenbogen, die Chorda, der Schwanz u. s. w.). Die zweite 
Gruppe hingegen enthält die Störungs-Entwickelung oder 
Fälschungs-Entwickelung (Cenogenesis) und trübt das ursprüng- 
liche Bild des Entwickelungs-Ganges durch Einführung neuer, 
fremder Bildungen, welche den älteren Stammformen fehlten 
und erst durch Anpassung an die besonderen Bedingungen 
ihrer individuellen Entwickelung von den Keimformen erworben 
wurden (so z. B. beim menschlichen Embryo die Ei-Hüllen, der 
Dottersack, die Placenta u. s. w.). 

Jede kritische Untersuchung und Verwerthung der individuellen 
Entwickelung wird daher vor Allem zu unterscheiden haben, wie 
viel von den embryologischen Thatsachen palingenetische 
Documente sind (zur Auszugs-Geschichte gehörig) — wieviel 
anderseits cenogenetische Abänderungen jener Documente 



312 Parallele der inrlividuellen und systematischen Entwickelnng. XIII. 

(der Störungs-Gescliichte angeliörig). Je mehr in der Keimes- 
Geschichte jedes Organismus durch Vererbung die ursprüngliche 
Palingenie erhalten ist, desto treuer ist das Bild, welches uns 
dieselbe von der Stammes-Geschichte desselben entwirft; je mehr 
anderseits durch Anpassung der Keimformen die Cenogenie 
störend eingewirkt hat, desto mehr wird jenes Bild verwischt 
oder entstellt. 

■ Der wichtige Parallelismus der paläontologischen und der in- 
dividuellen Entwickelungsreihe lenkt nun unsere Aufmerksamkeit 
noch auf eine dritte Entwickelungsreihe, welche zu diesen beiden in 
den innigsten Beziehungen steht und denselben ebenfalls im Ganzen 
parallel läuft. Das ist nämlich diejenige Stufenleiter von For- 
men, welche das Untersuchungs-Object der vergleichenden 
Anatomie bildet, und welche wir kurz die systematische 
Eutwickelung nennen wollen. Wir verstehen darunter die 
Kette von verschiedenartigen, aber doch verwandten und zusam- 
menhängenden Formen, welche zu irgend einer Zeit der Erdge- 
schichte, also z. B. in der Gegenwart, neben einander existi- 
ren. Indem die vergleichende Anatomie die verschiedenen aus- 
gebildeten Formen der entwickelten Organismen mit einander 
vergleicht, sucht sie das gemeinsame Urbild zu erkennen, welches 
den mannichfaltigen Formen der verwandten Arten, Gattungen, 
Klassen u. s. w. zu Grunde liegt, und welches durch deren Dif- 
ferenzirung nur mehr oder minder versteckt wird. Sie sucht die 
Stufenleiter des Fortschritts festzustellen, welche durch den ver- 
schiedenen Vervollkommnungsgrad der divergenten Zweige des 
Stammes bedingt ist. Um bei dem angeführten Beispiele zu blei- 
ben, so zeigt uns die vergleichende Anatomie, wie die einzelnen 
Organe und Organ-Systeme des Wirbelthier-Stammes in den ver- 
schiedenen Klassen, Familien und Arten desselben sich ungleich- 
artig entwickelt, differenzirt und vervollkommnet haben. Sie er- 
klärt uns, in welchen Beziehungen die Reihenfolge der Wirbel- 
thier-Klassen von den Fischen aufwärts durch die Amphibien zu 
den Säugethieren , und hier wieder von den niederen zu den 
liöheren Säugethier-Ordnungen, eine aufsteigende Stufenleiter bil- 
det. Welches klare Licht die Erkenntniss dieser stufenweisen 



XIII. Parallele der individuellen und systematischen Kntwirkelung. 313 

Eiitwickelung der Organe verbreitet, können Sie aus den verglei- 
chend-anatomischen Arbeiten von (Joetho, Meckel, Cuvier, 
Joliannes Müller, Gegenbaur, liuxley, Fürbringer u. A. 
sehen; die letzteren halben durch Anwendung der Descendenz- 
Theorie dieser Wissenschal't eine ganz neue Gestalt gegeben. 

Die Stufenleiter der ausgebildeten Formen, welche die ver- 
gleichende Anatomie in den verschiedenen Divergenz- und Fort- 
schritts-Stufen des organischen Systems nachweist, und welche 
wir die systematische Entwickelungsreihe nannten, entspricht 
einem Theile der palHontologischen Entwickelungsreihe; sie be- 
trachtet das anatomische Resultat der letzteren in der Gegenwart; 
und sie ist zugleich parallel der individuellen Entwickelungsreihe; 
diese selbst ist wiederum der paläontologischen parallel. 

Die mannichfaltige Differenzirung und der ungleiche Grad 
von Vervollkommnung, welchen die vergleichende Anatomie in 
der Entwickelungsreihe des Systems nachweist, ist wesentlich be- 
dingt durch die zunehmende Mannichfaltigkeit der Existenzbedin- 
gungen, denen sich die verschiedenen Gruppen im Kampf um 
das Dasein anpassten, und durch den verschiedenen Grad von 
Schnelligkeit und Vollständigkeit, mit welchem diese Anpassung 
geschah. Die conservativen Gruppen, welche die ererbten Eigen- 
thümlichkeiten am zähesten festhielten, blieben in Folge dessen 
auf der tiefsten Entwickelungsstufe stehen. Die am schnellsten 
und vielseitigsten fortschreitenden Gruppen, welche siclr den ver- 
vollkommneten Existenzbedingungen am bereitwilligsten anpass- 
ten, erreichten selbst den höchsten Vollkommenheitsgrad. Je 
weiter sich die organische Welt im Laufe der Erdgeschichte ent- 
wickelte, desto grösser musste die Divergenz der niederen conser- 
vativen und der höheren progressiven Gruppen werden, wie das 
ja eben so auch aus der Völkergeschichte ersichtlich ist. Hier- 
aus erklärt sich auch die historische Thatsache, dass die voll- 
kommensten Thier- und Pflanzen -Gruppen sich in verhältniss- 
mässig kurzer Zeit zu sehr bedeutender Höhe entwickelt haben, 
während die niedrigsten, conservativsten Gruppen durch alle Zei- 
ten hindurch auf der ursprünglichen Stufe stehen geblieben, oder 
nur sehr langsam und allmählich etwas fortgeschritten sind. 



314 Niedere conservative und höhere progressive Gruppen. XIII. 

Auch die Ahnenreihe des Menschen zeigt dieses Verhältniss 
deutlich. Die Haifische der Jetztzeit stehen den Ur- Fischen, 
welche zu den ältesten Wirbelthier- Ahnen des Menschen gehören, 
noch sehr nahe, ebenso die heutigen niedersten Amphibien (Kie- 
menmolche und Salamander) den Amphibien, welche sich aus 
jenen zunächst entwickelten. Und eben so sind unter den spä- 
teren Vorfahren des Menschen die Monotremen und Beutelthiere, 
die ältesten Säugethiere, zugleich die unvollkommensten Tliiere 
dieser Klasse die heute noch leben. Die uns bekannten Gesetze 
der Vererbung und Anpassung geniigen vollständig, um diese 
äusserst wichtige und interessante Erscheinung zu erklären, die 
man kurz als den Paralleli'smus der individuellen, der 
paläontologischen und der systematischen Entwickelung, 
des betreffenden Fortschrittes und der betreffenden Differen- 
zirung ])ezeichnen kann. Kein (legner der Descendenz-Theorie ist 
im Stande gewesen, für diese höchst wunderbare Thatsache eine 
Erklärung zu liefern, während sie sich nach der Descendenz- 
Theorie aus den Gesetzen der Vererbung und Anpassung vollkom- 
men erklärt. 

Wenn Sie diesen Parallelismus der drei organischen Ent- 
wickelungsreihen schärfer in's Auge fassen, so müssen sie noch 
folgende nähere Bestimmung hinzufügen. Die Ontogenie oder 
die individuelle Eutwickelungsgeschichte jedes Organismus (Em- 
bryologie und Metamorphologie) bildet eine einfache, un ver- 
zweigte oder leiterförmigc Kette von Formen; und eben so der- 
jenige T heil der Phylogenie, welcher die paläontologische Eut- 
wickelungsgeschichte der directen Vorfahren jedes individuel- 
len Organismus enthält. Dagegen bildet die ganze Phylogenie, 
welche uns 'in dem natürlichen System jedes organischen 
Stammes oder Phyliim entgegentritt, und welche die paläontolo- 
gische Entwickelung aller Zweige dieses Stammes untersucht, 
eine verzweigte oder baumförmige Entwickelungsreihe, einen 
wirklichen Stammbaum. Untersuchen Sie vergleichend die ent- 
wickelten Zweige dieses Stammbaums in der Gegenwart, und stel- 
len Sie dieselben nach dem Grade ihrer Differenziruug und Ver- 
vollkommnung zusammen, so erhalten Sie die systematische 



XIII. Parallelismris der drei organischen Entwickelungsreihen. 315 

Stufenleiter der vergleichenden Anatomie. Genau genom- 
men ist also diese letztere nur ein Theil der ganzen Phylogenie 
und auch nur theilweise der Ontogenie parallel; die Ontogenie 
selbst ist nur einem Theile der Phylogenie parallel. 

In neuerer Zeit ist vielfach darüber gestritten worden, welche 
von jenen drei grossen Entwickelungs-Reihen die höchste Bedeu- 
tung für den Transformismus und für die Erkenntniss der Stamm- 
Verwandtschaft besitze. Dieser Streit ist überflüssig; denn im 
Allgemeinen sind alle drei von gleich hohem Wertho; im Einzelnen 
aber muss der phylogenetische Forscher für jeden besonderen Fall 
kritisch untersuchen, ob er den Thatsachen der Palaeontologie, 
oder der Ontogenie, oder der vergleichenden Anatomie grössere 
Wichtigkeit beimessen soll. 

Alle im Vorhergehenden erläuterten Erscheinungen der orga- 
nischen Entwickelung, insbesondere dieser dreifache genealogische 
Parallelismus, und die Differenzirungs- und Fortschritts-Gesetze, 
welche in jeder dieser drei organischen Entwickelungsreihen sicht- 
bar sind, liefern äusserst wichtige Belege für die Wahrheit der 
Descendenz-Theorie. Denn sie sind nur durch diese zu erklären, 
während die Gegner derselben auch nicht die Spur einer Erklä- 
rung dafür aufbringen können. Ohne die Abstammungs-Lehre 
lässt sich die Thatsache der organischen Entwickelung über- 
haupt nicht begreifen. Wir würden daher gezwungen sein, auf 
Grund derselben Lamarck's Abstammungs-Theorie anzunehmen, 
auch wenn wir nicht Darwin's Züchtungs-Tlieorie besässen. 



Vierzelmter Vortrag. 

Wanderung und Verbreitung der Organismen. 
Die Cliorologie und die Eiszeit der Erde. 



Chorologische Thatsacheii uiul Ursaclieii. Einmalige Entstehung der 
meisten Arten au einem einzigen Orte: ^Schöpfungs-Mittelpunkte". Ausbrei- 
tung durch Wanderung. Active und passive Wanderungen der Thiere und 
Pflanzen. Fliegende Thiere. .\Tialogien zwischen Vögein und Insecten. 
Fledermäuse. Transportmittel. Transport der Keime durch Wasser und 
Wind. Beständige Veränderung der Verbreitungs-Bezirke durch Hebungen 
und Senkungen des Bodens. Chorologische Bedeutung der geologischen Vor- 
gänge. EinHuss des Klima- Wechsels. Eiszeit oder Glacial- Periode. Ihre 
Bedeutung für die Chorologie. Bedeutung der Wanderungen für die Ent- 
stehungneuer Arten. Isolirung derKolonisten. Wagner's „Migrations-Gesetz". 
Verhältniss der Migrations-Theorie zur Selections-Theorie. Uebereinstimmung 
ihrer Folgerungen mit der Descendenz-Theorie. 

Meine Herren! Wie ich schon zu wiederholten Malen hervor- 
gehoben habe, wie aber nie genug betont werden kann, liegt der 
eigentliche Werth und die unüberwindliche Stärke der Descendenz- 
Theorie nicht darin, dass sie uns diese oder jene einzelne That- 
sache erläutert, sondern darin, dass sie uns die Gesammtheit 
der biologischen Erscheinungen erklärt, dass sie uns alle 
botanischen und zoologischen Erscheinungsreihen in ihrem inneren 
Zusammenhange verständlich macht. Daher wird jeder denkende 
Forscher um so fester und tiefer von ihrer Wahrheit durch- 
drungen, je mehr er seinen Blick von einzelnen biologischen 
Wahrnehmungen zu einer allgemeinen Betrachtung des Gesammt- 
gebietes des Thier- und Pflanzen-Lebens erhebt. Lassen Sie uns 



XIV. Chorologische Thatsaclieii und Ursachen. 317 

nun jetzt, von diesem umfassenden Standpunkt aus, ein grosses 
biologisches Gebiet iiberl)lic'ken, dessen mannichfaltige und ver- 
wickelte Erscheinungen besonders einlach und lichtvoll durch die 
Descendenz-Theorie erklärt werden. Ich meine die Chorologie 
oder die Lehre von der räumlichen Verbreitung der Orga- 
nismen über die Erd - Oberfläche. Darunter verstehe ich 
nicht nur die geographische Verbreitung der Thier - und 
Pflanzen -Arten über die verschiedenen Erdtheile und deren Pro- 
vinzen, über Festländer und Inseln, Meere und Flüsse; sondern 
auch die topographische Verbreitung derselben und ihre Ver- 
theilung in verticaler Richtung, ihr Hinaufsteigen auf die Höhen 
der Gebirge, ihr Hinabsteigen in die Tiefen des Oceans. 

Wie Ihnen bekannt sein wird, haben die sonderbaren 'choro- 
logischen Erscheiuungsreihen, welche die horizontale Verbreitung 
der Organismen über die Erdtheile, und ihre verticale Verbreitung 
in Höhen und Tiefen darbieten, schon seit längerer Zeit allge- 
meines Interesse erweckt. Insbesondere haben Alexander Hum- 
boldt, Frederick Schouw und Griesebach die Geographie 
der Pflanzen, Berghaus, Schmarda und Wallace die (Jeo- 
graphie der Thiere in weiterem Umfange behandelt. Aber ob- 
wohl diese und manche andere Naturforscher unsere Kenntnisse 
von der Verbreitung der Thier- und Pflanzen - Formen vielfach 
gefördert und uns ein weites Gebiet des Wissens voll wunder- 
barer und interessanter Erscheinungen zugänglich gemacht haben, 
so blieb doch die ganze Chorologie immer nur ein zerstreutes 
Wissen von einer Masse einzelner Thatsachen. Eine Wissen- 
schaft konnte man sie nicht nennen, so lange uns die wirken- 
den Ursachen zur Erklärung dieser Thatsachen fehlten. Diese 
Ursachen hat uns erst die mit der Selections-Theorie eng ver- 
bundene Migrations-Theorie, dieLehre von den Wanderungen 
der Thier- und Pflanzen - Arten, enthüllt, und erst seit Darwin 
können wir von einer selbstständigen chorologischen Wissen- 
schaft reden. Nächst Darwin haben namentlich Wallace und 
Moriz Wagner dieselbe gefördert. 

Der erste Naturforscher, welcher den Grundgedanken der 
Migrations-Theorie klar erfasste und ihre Bedeutung für die Ent- 



318 Umbildung der Arten durch Wanderung. XIV. 

stehung neuer Arten richtig erkannte, war der berühmte deutsche 
Geologe Leopold Buch. In seiner „physikalischen Beschreibung 
der canarischen Inseln" gelangte er schon 1825, also 34 Jahre 
vor dem Erscheinen von Darwin's Werk, zu den merkwürdigen 
Sätzen, welche ich Ihnen bereits früher wörtlich angeführt habe 
(im V. Vortrage, S. 95). In diesen sind Wanderung, Ausbreitung 
und räumliche Sonderung der Abarten als die drei bedeutungsvollen 
äusseren Ursachen hingestellt, welche die Umbildung der Arten 
bewirken; ihr Einfluss genügt, um durch innere Wechselwirkung 
der Veränderlichkeit und der Erblichkeit neue Species hervor- 
zubringen. Dabei erörtert Buch vorzüglich auf Grund seiner 
eigenen, sehi" ausgedehnten Beobachtungen auf grossen Reisen, 
die hohe Bedeutung, welche die räumliche Sonderung der 
ausgewanderten Thicre und Pflanzen auf isolirten Inseln besitzt. 
Leider hat der geistvolle Geologe damals diesen wichtigen Ge- 
danken nicht weiter ausgeführt und nicht einmal seinen Freund 
Alexander Humboldt von seiner Bedeutung überzeugen können. 
Wagner hat aber in seinem Aufsatze über Leopold Buch und 
Charles Darwin (1883) mit Recht hervorgehoben, dass der 
Erstere mit Hinsicht auf die Migrations-Theorie als der bedeutendste 
Vorläufer des Letzteren gelten muss"^). 

Wenn man die gesammten Erscheinungen der geographischen 
und topographischen Verbreitung der Organismen an und für sich 
betrachtet, ohne Rücksicht auf die allmähliche Entwickelung der 
Arten, und wenn man zugleich, dem herkömmlichen Aberglauben 
folgend, die einzelnen Thier- und Pflanzen-Arten als selbstständig 
erschallene und von einander unabhängige Formen betrachtet, so 
bleibt nichts anderes übrig, als jene Erscheinungen wie eine bunte 
Sammlung von unbegreiflichen und unerklärlichen Wundern an- 
zustaunen. Sobald man aber diesen niederen Staudpunkt ver- 
lässt und mit der Annahme einer Stammverwaudtschaft der 
verschiedenen Species sich zur Höhe der Entwickelungs-Theorie 
erhebt, so fällt sogleich ein vollständig erklärendes Licht auf 
jenes mystische Wuudergebiet; man überzeugt sich alsdann, 
dass alle jene chorologischen Thatsachen ganz einfach und 
leicht aus der Annahme einer gemeinsamen Abstammung 



XIV. Einmalige Eiitstelmng Jeder Art au einem Orte. 319 

der Arten, in Verbindnnu; mit ihrer passiven und activen Wan- 
derung begreiflicli werden. 

Der wiclitigstejl^rundsatz, von dem wir in der Cliorologie 
ausgehen müssen, und von dessen Wahrheit uns jede tiefere Be- 
trachtung der Selections-Theorie überzeugt, ist, dass in der Regel 
jede Thier- und Pflanzen-Art nur einmal im Lauf der Zeit und 
nur an einem Orte der Erde, an ihrem sogenannten „Scliöpfungs- 
mittelpunkte", durch natürliche Züchtung entstanden ist. Ich theile 
diese Ansicht Darwin's unbedingt in Bezug auf die grosse Mehr- 
zahl der höheren und vollkommenen Organismen; sie gilt von den 
allermeisten Thieren und Pflanzen, bei denen die Arbeitstheilung 
und Formspaltung der sie zusammensetzenden Zellen und Organe 
einen gewissen Grad erreicht hat. Denn es ist ganz unglaublich, 
oder könnte doch nur durch einen höchst seltenen Zufall ge- 
schehen, dass alle die mannichfaltigen und verwickelten Um- 
stände, alle die verschiedenen Bedingungen des Kampfes um's 
Dasein, die bei der Entstehung einer neuen Art durch natürliche 
Züchtung wirksam sind, genau in derselben Vereinigung und Ver- 
bindung mehr als einmal in der Erdgeschichte, oder gleichzeitig 
an mehreren verschiedeneu Punkten der Erdoberfläche zusammen 
gewirkt haben. 

Dagegen halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass gewisse 
höchst unvollkommene Organismen vom einfachsten Bau, also 
Species von höchst indifferenter Natur, wie z. B. viele einzellige 
Protisten (Algen sowohl als Amoeben und Infusorien), nament- 
lich aber die einfachsten von allen, die Moneren, mehrmals oder 
gleichzeitig an mehreren Stellen der Erde entstanden seien. Denn 
die wenigen einfachen Bedingungen, durch welche ihre specifische 
Gestalt im Kampfe um's Dasein umgebildet wurde, können sich 
Avohl öfter im Laufe der Zeit, oder unabhängig von einander an 
verschiedenen Stellen der Erde wiederholt haben. Ferner können 
auch diejenigen höheren specifischen Formen, welche nicht durch 
natürliche Züchtung, sondern durch Bastardzeugung entstanden 
sind, die früher erwähnten Bastard arten (S. 131, 267), wiederholt 
an verschiedenen Orten in gleicher Form neu entstanden sein. 
Da uns jedoch diese verhältnissmässig geringe Anzahl von Orga- 



320 r)ie Schöpfungs-Mittelpunkte oder Ur-IIeimathen. XIV. 

nismen hier vorläufig noch nicht näher interessirt, so können wir 
in chorologisclier Beziehung von ihnen absehen, und brauchen 
bloss die Verbreitung der grossen Mehrz^|L der Thier- und 
Pflanzen-Arten in Betracht zu ziehen, bei denen die einmalige 
Entstehung jeder Species an einem einzigen Orte, an 
ihrem sogenannten „Schöpfungs- Mittelpunkte", aus vielen wich- 
tigen Gründen als hinreichend gesichert angesehen werden kann. 

Jede Thier- und Pflanzen -Art hat nun von Anbeginn ilu-er 
Existenz an das Streben besessen, sich über die beschränkte Lo- 
calität ihrer Entstehung, über die Schranken ihres „Schöpfungs- 
Mittelpunktes oder Entstchungs - Centrums", besser gesagt ihrer 
Ur-Heimath oder ihres Ursprungs-Ortes hinaus weit aus- 
zubreiten. Das ist eine nothwendige Folge der früher erörterten 
Bevölkerungs- und Uebervölkerungs -Verhältnisse (S. 142, 241). 
Je stärker eine Thier- oder Pflanzen - Art sich vermehrt, desto 
weniger reicht ihr beschi-änkter Ursprungs - Ort für ihren Unter- 
halt aus, desto heftiger wird der Kampf um's Dasein, desto rascher 
tritt eine Uebervölkerung der Heimath und in Folge dessen 
Auswanderung ein. Diese "Wanderungen .sind allen Orga- 
nismen gemeinsam und sie sind die eigentliche Ursache der weiten 
Verbreitung der verschiedenen Organismen -Arten über die Erd- 
oberfläche. Wie die Men.schen aus den übervölkerten Staaten, 
so wandern Tliiere und Pflanzen allgemein aus ihrer übervölkerten 
Ur-Heimath aus. ■ 

Auf die hohe Bedeutung dieser sehr interessanten Wande- 
rungen der Organismen haben schon früher viele ausgezeichnete 
Naturforscher, insbesondere Leopold Buch, Lyell, Schieiden 
u. A. wiederholt aufmerksam gemacht. Die Transportmittel, 
durch welche dieselben geschehen, sind äusserst mannichfaltig. 
Darwin hat dieselben im elften und zwölften Capitel seines 
Werks, welche der „geographischen Verbreitung" ausschliesslich 
gewidmet sind, vortreftlich erörtert. Die Transportmittel sind 
theils active, theils passive; d. h. der Organismus bewerkstelligt 
seine Wanderungen theils durch freie Ortsbewegungen, die von 
ihm selbst ausgehen, theils durch Bewegungen anderer Natur- 
körper, an denen er sich nicht selbstthätig betheiligt. 



XIV. Active Wanderungen der fliegenden Thiere. 321 

Die activeu Wanderungen spielen selbstverständlich die 
grösste Rolle bei den frei beweglichen Thieren. Je freier die 
Bewegung eines Thiercs nach allen Richtungen hin durch seine 
Organisation erlaubt ist, desto leichter kann diese Thierart wan- 
dern, und desto rascher sich über die Erde ausbreiten. Am 
meisten begünstigt sind in dieser Beziehung natürlich die flie- 
genden Thiere, und insbesondere unter den AVirbelthieren die 
Vögel , unter den Gliederthiereu die Insecten. Leichter als alle 
anderen Thiere konnten sich diese beiden Klassen alsbald nach 
ihrer Entstehung über die ganze Erde verbreiten, und daraus er- 
klärt sich auch zum Theil die ungemeine innere Einförmigkeit, 
welche diese beiden grossen Thierklasseu vor allen anderen aus- 
zeichnet. Denn obwohl dieselben eine ausserordentliche Anzahl 
von verschiedenen Arten enthalten, und obwohl die Insectenklasse 
allein mehr verschiedene Species besitzen soll, als alle übrigen 
Thierklassen zusammengenommen, so stimmen dennoch alle diese 
unzähligen Insectenarten, und ebenso andererseits die verschie- 
denen Vögelarten, in allen wesentlichen Eigenthümlichkeiten ihrer 
Organisation ganz auffallend überein. Daher kann man sowohl 
in der Klasse der Insecten, als in derjenigen der Vögel, nur eine 
sehr geringe Anzahl von grösseren natürlichen Gruppen oder 
„Ordnungen" unterscheiden, und diese wenigen Ordnungen weichen 
im inneren Bau nur sehr wenig von einander ab. Die arten- 
reichen Vögelordnungeu sind lange nicht so weit von einander 
verschieden, wie die viel weniger artenreichen Ordnungen der 
Säugethier-Klasse; und die an Genera- und Species-Forraen äusserst 
reichen Insecten stehen sich im inneren Bau viel näher, als die 
viel kleineren Ordnungen der Krebsklasse. Die durchgehende 
Parallele zwischen den Vögeln und den Insecten ist auch 
in dieser systematischen Beziehung sehr interessant; die grösste 
Bedeutung ihres Formeu-Reichthums für die wissenschaftliche 
Morphologie liegt darin, dass sie uns zeigen, wie innerhalb des 
engsten anatomischen Spielraums, und ohne tiefere Veränderungen 
der wesentlichen inneren Organisation, die grösste Mannichfaltig- 
keit der äusseren Körperform sich ausbilden kann. Offenbar liegt 
der Grund dafür in der fliegenden Lebensweise und in der freiesten 

Haeckel, Natürl. Schöpfungs-Gesch. 8. Aufl. 21 



322 Active Wanderungen der Thiere und Pflanzen. XIY. 

Ortsbewegung. In Folge dessen haben sich Vögel sowohl als In- 
secten sehr rasch über die ganze Erdoberfläche verbreitet, haben 
an allen möglichen, anderen Thieren unzugänglichen Localitäten 
sich angesiedelt, und nun durch oberflächliche Anpassung an 
zahllose bestimmte Localverhältnisse ihre specifische Form viel- 
fach modificirt. 

Unter den fliegenden Wirbelthieren siud ausserdem von ganz 
besonderem Interesse für die Chorologie auch die Fledermäuse. 
Denn keine einzige Insel, welche mehr als dreihundert Seemeilen 
vom nächsten Festlande entfernt ist, besitzt andere eingeborene 
Land-Säugethiere. Hingegen sind zahlreiche Fledermaus-Arten 
auf jenen isolirten Inseln zu finden, und viele einzelne Inseln 
oder Inselgruppen sind durch den Besitz ganz besonderer Arten, 
oder selbst eigenthümlicher Gattungen von Fledermäusen ausge- 
zeichnet. Diese merkwürdige Thatsache erklärt sich höchst ein- 
fach durch die Theorie der Selection und Migration, während sie 
ohne dieselbe ein unverständliches Wunder bleibt. Land-Säuge- 
thiere, welche nicht fliegen können, sind nicht im Stande, weite 
Meeres-Strecken zu durchwandern und abgelegene Inseln zu er- 
reichen. Das ist nur den Fledermäusen möglich, welche anhaltend 
fliegen und ausserdem leicht durch Stürme Hunderte von Meilen 
weit verschlagen werden können. Auf eine entfernte Insel ver- 
schlagen, werden sie sich den gauz verschiedenen Existenz-Be- 
dingungen derselben anpassen müssen; und ihre Nachkommen 
werden früher oder später sich in neue Arten oder selbst neue 
Gattungsformen umbilden. 

Nächst den fliegenden Thieren haben natürlich am raschesten 
und weitesten sich diejenigen ausgebreitet, die nächstdem am 
besten wandern konnten, die besten Läufer unter den Landbe- 
wohnern," die besten Schwimmer unter den Wasserbewohnern. 
Das Vermögen derartiger activer Wanderungen ist aber nicht 
bloss auf diejenigen Thiere besclu-änkt, welche ihr ganzes Leben 
hindurch sich freier Ortsbewegung erfreuen. Denn auch die fest- 
sitzenden Thiere, wie z. B. die Korallen, die Röhrenwürmer, die 
Seescheiden, die Seelilien, die Moosthiere, die Rankenkrebse und 
viele andere niedere Thiere, die auf Seepflanzen, Steinen u. dgl. 



Xiy. Passive Wanderungen der Thiere und Pflanzen. 323 

festgewachsen sind, geniessen doch in ihi-er Jugend wenigstens 
freie Ortsbewegung. Sie aUe wandern, ehe sie sich festsetzen. 
Gewöhnlich ist der erste frei bewegliche Jugendzustand derselben 
eine flimmernde Larve, ein rundliches Körperchen, welches mittelst 
eines Kleides von beweglichen Flimmerhaaren im Wasser umher- 
schwärmt. Alle diese scliwimmenden Flimmerlarven niederer 
Thiere haben sich ursprünglich aus derselben gemeinsamen Keim- 
form entwickelt, aus der Gastrula (Taf. V, Fig. 8, 18); auch 
diese ist durch ein bewegliches Flimmerkleid ursprünglich zu weiter 
Ausbreitung befähigt. 

Aber nicht auf die Thiere allein ist das Vermögen der freien 
Ortsbewegung und somit auch der activen Wanderung beschränkt, 
sondern selbst viele Pflanzen erfreuen sicli desselben. Viele niedere 
Wasserpflanzen, insbesondere aus der Tangklasse, schwimmen in 
ihrer ersten Jugend, gleich den eben erwähnten niederen Thieren, 
mittelst beweglicher Flimmerhaare, entweder einer schwingenden 
Geissei oder eines zitternden Wimperpelzes, frei im Wasser um- 
her und setzen sich erst später fest. Selbst bei vielen höheren 
Pflanzen, die wir als kriechende und kletternde bezeichnen, können 
wir von einer activen Wanderung sprechen. Der langgestreckte 
Stengel oder Wurzelstock derselben kriecht oder klettert während 
seines langen Wachsthums nach neuen Standorten und erobert 
sich mittelst seiner weitverzweigten Aeste einen neuen Wohnort, 
indem er sich durch Knospen befestigt, und neue Kolonien von 
anderen Individuen seiner Art hervorruft. 

So einflussreich nun aber auch diese activen Wanderungen 
der meisten Thiere und vieler Pflanzen sind, so würden sie allein 
doch bei weitem nicht ausreichen, uns die Chorologie der Organis- 
men zu erklären. Vielmehr sind bei weitem wichtiger und von 
ungleich grösserer Wirkung, wenigstens für die meisten Pflanzen 
und für viele TMere, von jeher die passiven Wanderungen 
gewesen. Solche passive Orts Veränderungen werden durch äusserst 
mannichfaltige Ursachen hervorgebracht. Luft und AVasser in 
ihrer ewigen Bewegung, Wind und Wellen in ihrer mannich- 
faltigen Strömung spielen dabei die grösste Rolle. Der Wind hebt 
allerorten und allerzeiten leichte Organismen, kleine Thiere und 

21* 



324 Transport durch Wasser und schwimmende Eisberge. XIV. 

Pflanzen, namentlich aber die jugendlichen Keime derselben, 
Tbiereier und Pflanzensamen, in die Höhe, und führt sie weithin 
über Land und Meer. Wo dieselben in das Wasser fallen, werden 
sie von Strömungen oder Wellen erfasst und nach anderen Orten 
hingeführt. Wie weit in vielen Fällen Baumstämme, hartschalige 
Früchte und andere schwer verwesliche Pflanzentheile durch den 
Lauf der Flüsse und durch die Strömungen des Meeres von ihrer 
ursprünglichen Heimath weggeführt werden, ist aus zahlreichen 
Beispielen bekannt. Palmenstämme aus Westindien werden durch 
den Golfstrom nach den britischen und norwegischen Küsten ge- 
bracht. Alle grossen Ströme führen Treibholz aus den Gebirgen 
und oft Alpenpflanzen aus ihrer Quellen-Heimath in die Ebenen 
hinab und weiter bis zu ihrer Ausmündung in das Meer. Zwischen 
dem Wurzelwerk dieser fortgetriebenen Pflanzen, zwischen dem 
Gezweige der fortgeschwemmten Baumstämme sitzen oft zahlreiche 
Bewohner derselben, welche an der passiven Wanderung Theil 
nehmen müssen. Die Baumrinde ist mit Moos , Flechten und 
parasitischen Insecten bedeckt. Andere Lisecten, Spinnen u. dergl., 
selbst kleine Reptilien und Säugethiere, sitzen geborgen in dem 
hohlen Stamme oder halten sich fest an den Zweigen. In der 
Erde, die zwischen die Wm-zelfasern eingeklemmt ist, in dem 
Staube, welcher in den Rindenspalten festsitzt, befinden sich zahl- 
lose Keime von kleineren Thieren und Pflanzen. Landet nun der 
fortgetriebene Stamm glücklich an einer fremden Küste oder einer 
fernen Insel, so können die Gäste, welche an der unfreiwilligen 
Reise Theil nehmen mussten, ihr Fahrzeug verlassen und sich in 
dem neuen Vaterlande ansiedeln. 

Eine seltsame besondere Form dieses Wassertransportes ver- 
mitteln die schwimmenden Eisberge, die sich alljährlich von dem 
ewigen Eise der Polarmeere ablösen. Obwohl jene kalten Zonen 
im Ganzen sehr spärlich bevölkert sind, so können doch manche 
von ihren Bewohnern, die sich zufällig auf einem Eisberge wälu'end 
seiner Ablösung befanden, mit demselben von den Strömungen 
fortgeführt und an wärmeren Küsten gelandet werden. So ist 
schon oft mit abgelösten Eisblöcken des nördlichen Eismeeres eine 
ganze kleine Bevölkerung von Thieren und Pflanzen nach den 



XIV. Transport durch Wirbelwinde und Stürme. 325 

nördlichen Küsten von Europa und Amerika geführt worden. 
Ja sogar einzelne Eisfüchse und Eisbären sind so lebend nach Is- 
land, Norwegen und den britischen Inseln gelangt. 

Keine geringere Bedeutung als der Wassertransport besitzt 
für die passiven Wanderungen der Lufttransport. Der Staub, der 
unsere Strassen und Dächer bedeckt, die Erdkruste, welche auf 
trockenen Feldern und ausgetrockneten Wasserbecken sich be- 
findet, die leichte Humusdecke des Waldbodens, kurz die ganze 
Oberfläche des trockenen Landes enthält Millionen von kleinen 
Organismen und von Keimen derselben. Viele von diesen kleinen 
Thieren und Pflanzen können ohne Schaden vollständig austrocknen 
und erwachen wieder zum Leben, sobald sie befeuchtet werden. 
Jeder Windstoss hebt mit dem Staube unzählige solche kleine 
Lebewesen in die Höhe und führt sie oft meilenweit nach anderen 
Orten hin. Aber auch grössere Organismen, und namentlich Keime 
von solchen, können oft weite passive Luftreisen maclien. Bei 
vielen Pflanzen sind die Samenkörner mit leichten Federkronen 
versehen, die wie Fallschirme wirken und ihr Schweben in der 
Luft erleichtern, ihr Niederfallen erschweren. Spinnen machen 
auf ihrem leichten Fadengespinnste, dem sogenannten „fliegenden 
Weiber-Sommer", meilenweite Luftreisen. Junge Frösche werden 
durch Wirbelwinde oft zu Tausenden in die Luft erhoben und 
fallen als sogenannter „Froschregen" an einem entfernten Orte 
nieder. Vögel und Insecten können durch Stürme über den 
halben Erdkreis weggefülnt werden. Sie fallen in den vereinigten 
Staaten nieder, nachdem sie sich in England erhoben hatten. In 
Kalifornien aufgeflogen, kommen sie in Cliina erst wieder zur 
Ruhe. Mit den Vögeln vmd Insecten können aber wieder viele 
andere Organismen die Reise von einem Continent zum andern 
machen. Selbstverständlich wandern mit allen Organismen die 
auf ihnen wohnenden Parasiten, deren Zahl Legion ist: die Flöhe, 
Läuse, Milben, Pilze u. s. w. In der Erde, die oft zwischen den 
Zehen der Vögel beim Auffliegen hängen bleibt, sitzen wiederum 
kleine Thiere und Pflanzen oder Keime von solchen. Und so 
kann die freiwillige oder unfreiwillige Wanderung eines einzigen 
grösseren Organismus eine kleine Flora oder Fauna mit vielen 



326 Chorologische Bedeutung der geologischen Vorgänge. XIV. 

verschiedenen Arten unter günstigen Umständen aus einem Welt- 
theil in den andern hinüber führen. 

Ausser den angegebenen Transportmitteln giebt es nun auch- 
noch viele andere, welche die Verbreitung der Thier- und Pflanzen- 
Arten über weite Strecken der Erdoberfläche, und insbesondere 
die allgemeine Verbreitung der sogenannten kosmopolitischen 
Species erklären. Doch würden wir uns hieraus allein bei weitem 
nicht alle chorologischen Thatsachen erklären können. Wie kommt 
es z. B., dass viele Süsswasserbewohner in zahlreichen, weit von 
einander getrennten und ganz gesonderten Flussgebieten oder 
Seen leben? Wie kommt es, dass viele Gebirgsbewohner, die in 
der Ebene gar nicht existiren können, auf gänzlich getrennten 
und weit entfernten Gebirgsketten gefunden werden? Dass jene 
Süsswasserbewohner die zwischen ihren "Wassergebieten liegenden 
Landstrecken, dass diese Gebirgsbewohner die zwischen ihren Ge- 
birgsheimathen liegenden Ebenen in irgend einer Weise activ 
oder passiv durchwandert hätten, ist schwer anzunehmen und 
in vielen Fällen gar nicht denkbar. Hier kommt uns nun als 
mächtiger Bundesgenosse die Geologie zur Hülfe. Sie löst uns 
jene schwierigen Räthsel vollständig. 

Die Entwickelungs-Geschichte der Erde zeigt uns, dass die 
Vertheilung von Land und Wasser an ihrer Oberfläche sich in 
ewigem und ununterbrochenem Wechsel befindet. Ueberall finden 
in Folge von geologischen Veränderungen des Erdinnern, vorzugs- 
weise aber durch ausgedehnte Faltenbildung der oberflächlichen 
Erdrinde, Hebungen und Senkungen des Bodens statt, bald 
hier bald dort stärker vortretend oder nachlassend. Wenn die- 
selben auch so langsam geschehen, dass sie im Laufe des Jahr- 
hunderts die Meeresküste nur um wenige Zolle, oder selbst nur 
um ein paar Linien heben oder senken, so bewirken sie doch im 
Laufe langer Zeiträume erstaunliche Resultate. Und an langen, 
an unermesslich langen Zeiträumen hat es in der Erdgeschichte 
niemals gefehlt. Im Laufe der vielen Millionen Jahre, seit schon 
organisches Leben auf der Erde existirt, haben Land und Meer 
sich beständig um die Herrschaft gestritten. Küstenländer und 
Inseln sind unter Meer versunken, und neue sind aus seinem 



XIV. Geologische Yeri'inclerung der geographischen Grenzen. 327 

Sclioosse emporgestiegen. Seen und IMeere sind langsam gehoben 
worden und ausgetroclmet , und neue Wasserbecken sind durch 
Senkung des Bodens entstanden. Halbinseln wurden zu Inseln, 
indem die schmale Landzunge, die sie mit dem Festlande ver- 
band, unter Wasser sank. Die Inseln eines Archipelagus wurden 
zu Spitzen einer zusammenhängenden Gebirgskette, wenn der 
ganze Boden ihres Meeres bedeutend gehoben wurde. 

So war einst das Mittelmeer ein Binnensee, als noch an 
Stelle der Gibraltarstrasse Afrika durch eine Landenge mit Spa- 
nien zusammenhing. England hat mit dem europäischen Fest- 
knde selbst während der neueren Erdgeschichte, als schon Men- 
schen existirten, wiederholt zusammengehangen und ist wieder- 
holt davon getrennt worden. Ja sogar Europa und Nordamerika 
haben unmittelbar in Zusammenhang gestanden. Die Sunda-See 
gehörte früher zum indischen Continent, und die zahllosen klei- 
nen Inseln, die heute in derselben zerstreut liegen, waren bloss 
die höchsten Kuppen der Gebirge jenes Continentes. Der indische 
Ocean existirte in Form eines Continents, der von den Sunda- 
Inseln längs des südlichen Asiens sich bis zur Ostküste von 
Afrika erstreckte. Dieser einstige grosse Continent, den der Eng- 
länder Sclater wegen der für ihn charakteristischen Halbaffen 
Lemuria genannt hat, ist vielleicht die Wiege des Menschenge- 
schlechts gewesen, das aus anthropoiden Affen sich hervorbildete. 

Ganz besonders interessant aber ist der wichtige Nachweis, 
welchen Alfred Wallace^^) mit Hülfe chorologischer Thatsachen 
geführt hat, dass der heutige malayische Arcliipel eigentlich aus 
zwei ganz verschiedenen Abtheilungen besteht. Die westliche 
Abtheilung, der iudo- malayische Archipel, umfasst die grossen 
Inseln Borueo, Java und Sumatra, und hing früher durch Malakka 
mit dem asiatischen Festlande und wahrscheinlich auch mit dem 
eben genannten Lemurien zusammen. Die östliche Abtheilung 
dagegen, der austral-malayische Archipel, Celebes, die Molukken, 
Neuguinea, die Salomons-Inseln u. s. w. umfassend, stand früher- 
hin mit Australien in unmittelbarem Zusammenhang. Beide Ab- 
theilungen waren vormals zwei durch eine Meerenge getrennte 
Continente, sind aber jetzt grösstentheils unter den Meeresspiegel 



328 Chorologische Bedeutung der geologischen Vorgänge. XIV. 

versunken. Die Lage jener früheren Meerenge, deren Siidende 
zwischen Bali und Lombok hindurch geht, hat Wallace bloss 
auf Grund seiner genauen chorologischen Beobachtungen in der 
scharfsinnigsten Weise fest zu bestimmen vermocht. Noch heute 
bildet diese tiefe Meerenge, obwohl nur 15 Seemeilen breit, eine 
scharfe Grenze zwischen den beiden kleinen Inseln Bali und Lom- 
bok; die Thierwelt des ersteren gehört zu Hinter-Indieu, diejenige 
des letzteren zu Australien. 

So haben, seitdem tropfbar-flüssiges Wasser auf der Erde 
existirt, die Grenzen von Wasser und Land sich in ewigem Wechsel 
verändert, und man kann behaupten, dass die Umrisse der Con- 
tinente und Inseln nicht eine Stunde, ja nicht eine Minute hin- 
durch sich jemals gleich geblieben sind. Denn ewig und ununter- 
brochen nagt die Brandung an dem Saume der Küsten; und was 
das Land an diesen Stellen beständig an Ausdehnung verliert, 
das gewinnt es an anderen Stellen durch Anhäufung von Schlamm, 
der sich zu festem Gestein verdichtet und wieder über den Mee- 
resspiegel als neues Land sich erhebt. Nichts kann irriger sein, 
als die Vorstellung von einem festen und unveränderlichen Um- 
risse unserer Continente, wie sie uns in früher Jugend schon durch 
unseren mangelhaften, der geologischen Basis entbehi'enden geo- 
graphischen Unterricht eingeprägt wird. 

Nun brauche ich Sie wohl kaum noch darauf aufmerksam 
zu machen, wie äusserst wichtig von jeher diese geolo- 
gischen Veränderungen der Erdoberfläche für die Wan- 
derungen der Organismen und in Folge dessen für ihre 
Chorologie gewesen sein müssen. Wir lernen dadurch begrei- 
fen, wie dieselben oder ganz nahe verwandte Thier- und Pflanzen- 
Arten auf verschiedenen Inseln vorkommen können, obwohl sie 
nicht das Wasser zwischen denselben durchwandern können, und 
wie andere, das Siisswasser bewohnende Arten in verschiedenen 
geschlossenen Seebecken wohnen können, obgleich sie nicht das 
Land zwischen denselben zu überschreiten vermögen. Jene In- 
seln waren früher Bergspitzen eines zusammenhängenden Festlan- 
des, und diese Seen standen einstmals in unmittelbarem Zusam- 
menhang. Durch geologische Senkungen wurden die ersteren, 



XIV. Chorologische Bedeutung des irdischen Klimawechsels. 329 

durch Hebungen die letzteren getrennt. Wenn wir nun ferner be- 
denken, wie oft und wie ungleichmässig an den verschiedenen 
Stellen der Erde solche wechselnde Hebungen und Senkungen 
stattfanden und in Folge dessen die Grenzen der geographischen 
Verbreitungs-Bezirke der Arten sich veränderten, wenn wir be- 
denken, wie ausserordentlich mannichfaltig dadurch die activen 
und passiven Wanderungen der Organismen beeinflusst werden 
mussten, so lernen wir vollständig die bunte Mannichfaltigkeit 
des Bildes begreifen, welches uns gegenwärtig die Vertheilung der 
Thier- und Pflanzen-Arten darbietet. 

Noch ein anderer wichtiger Factor ist aber hier hervorzu- 
heben, der ebenfalls für die volle Erklärung jenes bunten geogra- 
phischen Bildes von grosser Bedeutung ist, und manche sehr 
dunkle Thatsachen aufhellt, die wir ohne ihn nicht begreifen wür- 
den. Das ist nämlich der allmähliche Klima- Wechsel, welcher 
während des langen Verlaufs der organischen Erdgeschichte statt- 
gefunden hat. Wie wir schon im vorhergehenden Vortrage ge- 
sehen haben, muss beim Beginne des organischen Lebens auf der 
Erde allgemein eine viel höhere und gleichmässigere Temperatur 
geherrscht haben, als gegenwärtig stattfindet. Die Zonen -Unter- 
schiede, die jetzt sehr aulfallend hervortreten, fehlten damals noch 
gänzlich. Wahrscheinlich viele Millionen Jahre hindurch herrschte 
auf der ganzen Erde ein Klima, welches dem heissesten Tropen- 
klima der Jetztzeit nahe stand oder dasselbe noch übertraf. Der 
höchste Norden, bis zu welchem der Mensch jetzt vorgedrungen 
ist, war damals mit Palmen und anderen Tropengewächsen be- 
deckt, deren versteinerte Reste wir noch jetzt dort finden. Sein- 
langsam und allmählich nahm späterhin die Temperatur ab; aber 
immer noch blieben die Pole so w-arm, dass die ganze Erdober- 
fläche für Organismen bewohnbar war. Erst in einer verhältniss- 
mässig sehr jungen Periode der Erdgeschichte, nämlich im Be- 
ginn der Tertiärzeit, erfolgte, wie es scheint, die erste wahrnehm- 
bare Abkühlung der Erdrinde von den beiden Polen her, und 
somit die erste Differenzirung oder Sonderung verschiedener Tem- 
peratur-Gürtel oder klimatischer Zonen. Die langsame und all- 
mähliche Abnahme der Temperatur bildete sich nun innerhalb 



330 l)ie Eiszeit oder Glacial-Periode. XIV. 

der Tertiärperiode immer weiter aus, bis zuletzt an beiden Polen 
der Erde das erste Eis entstand. 

Wie wichtig dieser Klima- Wechsel für die geographische Ver- 
breitung der Organismen und für die Entstehung zahlreicher neuer 
Arten werden musste, braucht kaum ausgeführt zu werden. Die 
Thier- und Pflanzen -Arten, die bis zur Tertiärzeit hin überall 
auf der Erde bis zu den Polen ein angenehmes tropisches Klima 
gefunden hatten, waren nunmehr gezwungen, entweder sich der 
eindringenden Kälte anzupassen oder vor derselben zu fliehen. 
Diejenigen Species, welche sich anpassten und an die sinkende 
Temperatur gewöhnten, wurden durch diese Acclimatisation selbst 
unter dem Einflüsse der natürlichen Züchtung in neue Arten um- 
gewandelt. Die anderen Arten, welche vor der Kälte flohen, 
mussten auswandern und in den niederen Breiten ein milderes 
Klima suchen. Dadurch mussten die bisherigen Verbreitungs- 
Bezirke der Arten gewaltig verändert werden. 

Nun blieb aber in dem letzten grossen Abschnitte der Erd- 
geschichte, in der auf die Tertiärzeit folgenden Quartär -Periode 
(oder in der Diluvial -Zeit) die Wärme -Abnahme der Erde von 
den Polen her keineswegs stehen. Vielmehr sank die Tempera- 
tur nun tiefer und tiefer, ja selbst weit unter dem heutigen Grad 
herab. Das nördliche 'und mittlere Asien, Europa und Nord- 
Amerika bedeckte sich vom Nordpol her in grosser Ausdehnung 
mit einer zusammenhängenden Eisdecke, welche in unserem Erd- 
theile bis gegen die Alpen gereicht zu haben scheint. In ähn- 
licher Weise drang auch vom Südpol her die Kälte vor, und 
überzog einen grossen, jetzt eisfreien Theil der südlichen Halb- 
kugel mit einer starren Eisdecke. So blieb zwischen diesen ge- 
waltigen lebentödtenden Eiscontinenten nur noch ein schmaler 
Gürtel übrig, auf welchen das Leben der organischen Welt sich 
zurückziehen konnte. Diese Periode, während welcher der Mensch 
bereits existirte, und welche den ersten Hauptabschnitt der so- 
genannte Diluvial-Zeit bildet, ist jetzt allgemein unter dem Na- 
men der Eiszeit oder Glacial-Periode bekannt und berühmt. 

Der erste Naturforscher, der den Gedanken der Eiszeit klar 
erfasste und mit Hülfe der sogenannten AVanderblöcke oder er- 



XIV. Chorologische Bedeutung der Glacial-Periode. 331 

ratischen Steinblöcke, sowie der „Gletscher-Schliffe" die grosse 
Ausdehnung der früheren Vergletscherung von Mittel-Europa nach- 
wies, war der geistvolle Karl Schiniper. Von ihm angeregt, 
und durch die selbststäudigen Untersuchungen des ausgezeichne- 
ten Geologen Charpentier bedeutend gefördert, unternahm es 
später der Schweizer Naturforscher Louis Agassiz, die Theorie 
von der Eiszeit weiter auszuführen. In England machte sich be- 
sonders der Geologe Forbes um sie verdient, und verwerthete 
sie auch bereits für die Theorie von den Wanderungen und der 
dadurch bedingten geographischen Verbreitung der Arten. Agassiz 
hingegen schadete späterhin der Theorie durch einseitige Ueber- 
treibung, indem er, der Katastrophen-Theorie Cu vi er 's zu Liebe, 
durch die plötzlich hereinbrechende Kälte der Eiszeit und die da- 
mit verbundene „Revolution" den gänzlichen Untergang der da- 
mals lebenden Schöpfung erklären wollte. 

Auf die Eiszeit selbst und die scharfsinnigen Untersuchungen 
über ihre Grenzen näher einzugehen, habe ich hier keine Ver- 
anlassung, und kann um so mehr darauf verzichten, als die ganze 
neuere geologische Literatur davon voll ist. Sie finden eine aus- 
führliche Erörterung derselben vorzüglich in den Werken von 
Cotta^'), LyelP"), ZitteP') u. s. w. Für uns ist hier nur das 
hohe Gewicht von Bedeutung, welches sie für die Erklärung der 
schwierigsten chorologischen Probleme besitzt, und welehes von 
Darwin sehr richtig erkannt wurde. 

Es kann nämlich keinem Zweifel unterliegen, dass diese 
Vergletscherung der heutzutage gemässigten Zonen einen ausser- 
ordentlich bedeutenden Einfluss auf die geographische und topo- 
graphische Vertheilung der Organismen ausüben und dieselbe 
gänzlich umgestalten musste. Während die Kälte langsam von 
den Polen her gegen den Aequator vorrückte und Land und Meer 
mit einer zusammenhängenden Eisdecke überzog, musste sie 
natürlich die ganze lebende Organismen- Welt vor sich her treiben. 
Thiere und Pflanzen mussten auswandern, wenn sie nicht erfrieren 
wollten. Da nun aber zu jener Zeit vermuthlich die gemässigte 
und die Tropenzone nicht weniger dicht als gegenwärtig mit 
Pflanzen und Thieren bevölkert gewesen sein wird, so muss sich 



332 Chorologische Bedeutung der Glacial-Periode. XIV. 

zwischen diesen und den von den Polen her kommenden Ein- 
dringlingen ein furchtbarer Kampf um's Dasein erhoben haben. 
In diesem Kampfe, der jedenfalls viele Jahrtausende dauerte, 
werden viele Arten zu Grunde gegangen, viele Arten abgeändert 
und zu neuen Species umgebildet worden sein. Die bisherigen 
Verbreitungs-Bezirke der Arten aber mussten völlig verändert 
werden. Und dieser Kampf muss auch dann noch fortgedauert 
haben, ja er muss von Neuem entbrannt, und in neuen Formen 
weiter geführt worden sein, als die Eiszeit ihren Höhepunkt über- 
schritten hatte, und als nunmehr in der postglacialen Periode 
die Temperatur wieder zunahm und die Organismen nach den 
Polen hin zurückzuwandern begannen. 

Jedenfalls ist dieser gewaltige Klimawechsel, mag man 
sonst demselben eine grössere oder eine geringere Bedeutung zu- 
schreiben, eines derjenigen Ereignisse in der Erd- Geschichte, 
die am bedeutendsten auf die Vertheilung der organischen Formen 
eingewirkt haben. Namentlich wird aber ein sehr wichtiges und 
schwieriges chorologisches Verhätniss dadurch in der einfachsten 
Weise erklärt: das ist die specifische Uebereinstimmung vieler 
unserer Alpenbewohner mit vielen Bewohnern der Polarländer. 
Es giebt eine grosse Anzahl von ausgezeichneten Thier- und 
Pflanzen-Formen, die diesen beiden, weit getrennten Erdgegenden 
gemeinsam sind und nirgends in dem weiten, ebenen Zwischen- 
räume zwischen beiden gefunden werden. Eine Wanderung der- 
selben voi^ den Polarländern nach den Alpenhöhen oder umge- 
kehrt wäre unter den gegenwärtigen klimatischen Verhältnissen 
undenkbar oder doch höchstens nur in wenigen seltenen Fällen 
anzunehmen. Eine solche Wanderung konnte aber stattfinden, 
ja sie musste stattfinden wälu-end des allmählichen Eintrittes und 
Rückzuges der Eiszeit. Da die Vergletscherung von Nord-Europa 
bis gegen unsere Alpenkette vordrang, so werden die derselben 
folgenden Polarbewohner, Geutianen und Saxifragen, Eisfüchse 
und Schneehasen, damals unser deutsches Vaterland und über- 
haupt Mittel-Europa bevölkert haben. Als nun die Temperatur 
wieder zunahm, zog sich nur ein Theil dieser arktischen Bevölke- 
rung mit dem zurückweichenden Eise in die Polarzone wieder 



XIY. Entstehung neuer Arten durch Wanderung. 333 

zurück. Ein anderer Theil dersell)en stieg statt dessen an 
den Bergen der Alpenkette in die Höhe und fand liier das 
ihm zusagende kalte Klima. So erklärt sich ganz einfach jene 
rätliselhafte cliorologische Erscheinung. 

Wir haben die Lehre von den Wanderungen der Organismen 
oder die Migratio ns-Theorie bisher vorzüglich insofern ver- 
folgt, als sie uns die Ausstrahlung jeder Thier- und Pflanzen-Art 
von einer einzigen Urheimath, von einem Ursprungs-Orte oder 
„Schöpfungs- Mittelpunkte" aus erklärt, und ihre Ausbreitung 
über einen grösseren oder geringeren Theil der Erdoberfläche 
erläutert. Nun sind aber die Wanderungen der Thiere und 
Pflanzen für die Entwickelungs- Theorie auch noch ausserdem 
deshalb von grosser Bedeutung, weil wir darin ein sehr wichtiges 
Hülfsmittel für die Entstehung neuer Arten erblicken müssen. 
Wenn Thiere und Pflanzen auswandern, so treffen sie, ebenso 
wie auswandernde Menschen, in der neuen Heimath Verhältnisse 
an, die mehr oder weniger von den gewohnten, Generationen 
hindurch ererbten, Existenz-Bedingungen verschieden sind. Diesen 
neuen, ungewohnten Lebensbedingungen müssen sich die Aus- 
wanderer entweder fügen und anpassen, oder sie gehen zu Grunde. 
Durch die Anpassung selbst wird aber ihr eigenthümlicher, speci- 
fischer Charakter verändert, um so mehr, je grösser der Unter- 
schied zwischen der neuen und der alten Heimath ist. Das neue 
Klima, die neue Nahrung, vor Allem aber die neue Nachbar- 
schaft anderer Thiere und Pflanzen wärkt auf den ererbten 
Charakter der eingewanderten Species umbildend ein, und wenn 
dieselbe nicht zäh genug ist, diesen Einflüssen zu widerstehen, 
so muss früher oder später eine neue Art daraus hervorgehen. 
In den meisten Fällen wird diese Umformung der eingewander- 
ten Species unter dem Einflüsse des veränderten Kampfes um's 
Dasein so rasch vor sich gehen, dass schon nach wenigen Gene- 
rationen eine neue Art daraus entstanden ist. 

Von besonderer Bedeutung ist in dieser Beziehung die 
Wanderung für alle Gonochoristen, d. h. für alle Organismen 
mit getrennten Gesclilechtern. Denn bei diesen wird die Ent- 
stehung neuer Arten durch natürliche Züchtung- immer dadurch 



334 Eutsteliung neuer Arten durch Wanderung. XIV. 

erschwert oder verzögert, dass sich die variirenden Abkömmlinge 
gelegentlich wieder mit der unveränderten Stamm-Form geschlecht- 
lich vermischen, und so durch Kreuzung in die ursprüngliche 
Form zurückschlagen. Wenn dagegen solche Abarten ausge- 
wandert sind, wenn sie durch weite Entfernungen oder durch 
Schranken der Wanderung, durch Meere, Gebirge u. s. w. von 
der alten Heimath getrennt sind, so ist die Gefahr einer Ver- 
mischung mit der Stamm-Form aufgehoben, und die Isolirung 
der ausgewanderten Form, die durch Anpassung in eine neue 
Art übergeht, verhindert ihre Kreuzung und dadurch ihren Rück- 
schlag in die Stamm-Form. 

Diese Bedeutung der Wanderung für die Isolirung der neu 
entstehenden Arten und die Verhütung baldiger Rückkehr in die 
Stamm-Formen wurde vorzüglich von dem geistreichen Reisenden 
Moritz Wagner in München hervorgehoben; theils in einem 
besonderen Schriftchen über „Die Darwin'sche Theorie und das 
Migrations-Gesetz der Organismen", theils in mehreren Aufeätzen, 
welche im „Kosmos" und „Ausland" erschienen sind. Kürzlich 
(1889) sind dieselben in einem Bande gesammelt worden, unter 
dem Titel: „Die Entstehung der Arten durch räumliche Sonde- 
rung" ''*). "W^agner hat aus seiner eigenen reichen Erfahrung 
eine grosse Anzahl von treflenden Beispielen gesammelt, welche 
die von Darwin im elften und zwölften Kapitel seines Buches 
gegebene Migrations-Theorie bestätigen, und welche ganz besonders 
den Nutzen der völligen Isolirung der ausgewanderten Organismen 
für die Entstehung neuer Species erörtern. Wagner fasst die 
einfachen Ursachen, „welche die Form räumlich abgegrenzt und 
in ihrer typischen Verschiedenheit begründet haben" in fol- 
genden drei Sätzeft zusammen: „1. Je grösser die Summe der 
Veränderungen in den bisherigen Lebensbedingungen ist, welche 
emigrirende Individuen bei Einwanderung in einem neuen Gebiete 
finden, desto intensiver muss die jedem Organismus innewohnende 
Variabilität sich äussern. 2. Je weniger diese gesteigerte individuelle 
Veränderlichkeit der Organismen im ruhigen Fortbildungs-Process 
durch die Vermischung zahlreicher nachrückender Einwanderer 
der gleichen Art gestört wird, desto häufiger wird der Natur 



XIV. Moritz Wagner's Migrations-Gesetz. 335 

durch Summimug und Vererbung der neuen Merkmale die Bil- 
dung einer neuen Varietät (Abart oder Rasse), d. i. einer be- 
ginnenden Art, gelingen. 3. Je vortheilhafter für die Abart, die 
in den einzelnen Organen erlittenen Veränderungen sind, je besser 
letztere den umgebenden Verhältnissen sich anpassen, und je 
länger die ungestörte Züchtung einer beginnenden Varietät von 
Colouisteu in einem neuen Territorium ohne Mischung mit nach- 
rückenden Einwanderern derselben Art fortdauert, desto häufiger 
wird aus der Abart eine neue Art entstehen." 

Diesen drei Sätzen von Moritz Wagner kann Jeder bei- 
stimmen. Für vollkommen irrig müssen wir dagegen seine Vor- 
stellung halten, dass die Wanderung und die darauf folgende 
Isolirung der ausgewanderten Individuen eine noth wendige Be- 
dingung für die Entstehung neuer Arten sei. Wagner sagt: 
„Ohne eine lange Zeit dauernde Trennung der Colonisten von 
ihren früheren Artgenossen kann die Bildung einer neuen Rasse 
nicht gelingen, kann die Zuchtwahl überhaupt nicht stattfinden. 
Unbeschränkte Kreuzung, ungehinderte geschlechtliche Vermischung 
aller Individuen einer Species wird stets Gleichförmigkeit erzeugen 
und Varietäten, deren Merkmale nicht durch eine Reihe von 
Generationen fixirt worden sind, wieder in den Urschlag zurück- 
stossen." 

Diesen Satz, in welchem Wagner selbst das Haupt-Resultat 
seiner Arbeit zusammenfasst, würde er nur in dem Falle über- 
haupt vertheidigen können, wenn alle Organismen getrennten 
Geschlechts wären, wenn jede Entstehung neuer Individuen nur 
durch Vermischung männlicher und weiblicher Individuen mög- 
lich wäre. Das ist nun aber durchaus nicht der Fall. Merk- 
würdiger Weise sagt Wagner gar Nichts von den zahlreichen 
Zwittern oder Hermaphroditen, die, im Besitz von beiderlei Ge- 
schlechts-Organen, der Selbstbefruchtung fähig sind; und ebenso 
Nichts von den zahllosen Organismen, die überhaupt noch nicht 
geschlechtlich diflferenzirt sind. 

Nun hat es aber seit frühester Zeit der organischen Erd- 
Geschichte tausende von Organismen-Arten gegeben, und giebt 
deren tausende noch heute, bei denen noch gar kein Geschlechts- 



336 Moritz Wagner's Migrations-Gesetz. XIV. 

Unterschied , überhaupt noch gar keine geschlechtliche Fort- 
pflanzung vorkommt, und die sich ausschliesslich auf ungeschlecht- 
lichem Wege, durch Theilung, Knospung, Sporen-Bildung u. s. w. 
fortpflanzen. Die grosse Masse der Protisten, die Moneren, 
Amoeben, Myxomyceten, Rliizopoden, Infusorien u. s. w., kurz 
fast alle die niederen Organismen, die wir in dem zwischen 
Thier- und Pflanzenreich stehenden Protistenreich aufFühren wer- 
den, pflanzen sich ausschliesslich auf ungeschlechtlichem 
Wege fort! Und zu diesem gehört eine der formenreichsten 
Organismen-Klassen, ja sogar in gewisser Beziehung die formen- 
reichste von allen, indem alle möglichen geometrischen Grund- 
Formen in ihr verkörpert sind. Das ist die wunderbare Klasse 
der Rliizopoden oder Wurzel füsser, welche die kalkschaligen 
Thalamophoren und die kieselschaligen Radiolarien umfasst. 
(Vergl. den XVII. und XVIII. Vortrag.) 

Auf alle diese ungeschlechtlichen Organismen würde also 
selbstverständlich die Wagnerische Theorie gar nicht anwendbar 
sein. Dasselbe würde aber ferner auch von allen jenen Zwittern 
oder Hermaphroditen gelten, bei denen jedes Individuum, im 
Besitze von männlichen und weiblichen Organen, der Selbstbe- 
fruchtung fähig ist. Das ist z. B. bei den Strudelwürmern, Saug- 
wiirmern und Bandwürmern, wie überhaupt bei sehr vielen 
Würmern der Fall, ferner bei den festsitzenden Rankenkrebsen 
(Cirripedien), bei den wichtigen Mantel thieren, den wirbellosen 
Verwandten der Wirbelthiere, und bei sehr vielen anderen Orga- 
nismen aus verschiedenen Gruppen. Zahlreiche Arten derselben 
sind durch natürliche Züchtung entstanden, ohne dass eine 
„Kreuzung" der entstehenden Species mit ihrer Stammform über- 
haupt möglich war. 

Wie ich schon im achten Vortrage Ihnen zeigte, ist die Ent- 
stehung der beiden Geschlechter und somit die ganze geschlecht- 
liche Fortpflanzung überhaupt als ein Vorgang aufzufassen, der 
erst in späterer Zeit der organischen Erd-Geschichte in Folge von 
Difterenzirung oder Arbeits-Theilung eingetreten ist. Die 
ältesten Organismen der Erde können sich jedenfalls nur auf dem 
einfachsten ungeschlechtlichen Wege fortgepflanzt haben. Selbst 



XIV. Moritz Wagner's Migrations-Gesetz. 337 

jetzt noch vernielircu sich fast alle Protisten, ebenso wie alle die 
zahllosen Zellen-Formen, welche den Körper der höheren Organis- 
men zusammensetzen, nur durch ungeschlechtliche Zeugung. Und 
doch entstehen hier überall durch Dillerenzirung in Folge von 
natürlicher Züchtung „neue Arten". 

Aber selbst wenn wir bloss die Thier- und Pflanzen - Arten 
mit getrennten Geschlechtern hier in Betracht ziehen wollten, so 
würden wir doch auch für diese Wagner's Hauptsatz, dass „die 
Migration der Organismen und deren Colonie-Bildung die not h- 
wendige Bedingung der natürlichen Zuchtwahl seien", 
bestreiten müssen. Schon August Weismann hat in seiner 
Schrift „Ueber den Einfluss der Isolirung auf die Artbildung" 
jenen Satz hinreichend widerlegt und gezeigt, dass auch in einem 
und demselben Wohnbezirke eine Species sich in mehrere Arten 
durch natürliche Züchtung spalten kann. Indem ich mich diesen 
Bemerkungen auschliesse, möchte ich aber noch besonders den 
hohen Werth nochmals hervorheben, den die physiologische 
Arbeitst hei hing und die damit verknüpfte morphologische 
Formspaltung besitzt, und zwar ebensowohl für die Umbildung 
des ganzen Organismus, als der einzelnen ihn zusammensetzenden 
Zellen. Sowohl jene Personal-Divergenz, als diese Cellular-Diver- 
genz sind nothwendige Folgen der natürlichen Züchtung (S. 269). 
Alle die verschiedenen Zellen-Arten, die den Körper der höheren 
Organismen zusammensetzen, die Nerven -Zellen, Muskel -Zellen, 
Drüsen-Zellen u. s. w., alle diese „guten Arten" von Piastiden, 
diese „bonae species" von Elementar-Organismen, sind bloss durch 
Arbeitstheilung in Folge von natürlicher Züchtung entstanden, 
trotzdem sie nicht nur niemals räumlich isolirt, sondern sogar 
seit ihrer Entstehung immer im engsten räumlichen Verbände 
neben einander existirt haben. Dasselbe aber, was von diesen 
Elementar-Organismen oder „Individuen erster Ordnung" gilt, das 
gilt auch von den ganzen Histouen, oder von den vielzelligen 
Organismen höherer Ordnung, die als „gute Arten" erst später 
aus ihrer Zusammensetzung entstanden sind"). 

Gewiss bleibt die Ansicht von Leopold Buch, von Darwin 
und Wallace richtig, dass die Wanderung der Organismen untl 

Haeckel, Natiirl. .Scliöplungs-Gesch. 8. Aufl. 22 



338 Moritz Wagner's Migrations-Gesetz. XIV. 

ihre Isolirung in der neuen Heimatli (oder die Separation), eine 
sehr günstige und vortlieilhafte Bedingung für die Entstehung 
neuer Arten ist; dass sie aber dafür eine noth wendige Be- 
dingung sei, und dass ohne dieselbe keine neuen Arten entstehen 
können, wie Wagner behauptet, können wir nicht zAigeben. 
Wenn Wagner diese Ansiclit, „dass die Migration die noth- 
wendige Bedingung der natürlichen Zuchtwahl sei", als ein be- 
sonderes „Migrationsgesetz" aufstellt, so halten wir dasselbe 
durch die angeführten Thatsachen für widerlegt. Die Separation 
durch Migration ist nur ein besonderer Fall von Seloction. 
Die Theorie von der ..Entstehung der Arten dnrch räumliche 
Sonderung" kann nicht, wie Wagner meint, Darwin's Lehre von 
ihrer Entstehung durch „natürliche Zuchtwahl" verdrängen und 
ersetzen; denn die erstere bildet einen Bestandtheil und eine 
Folgerung der letzteren. Wir haben überdies schon früher gezeigt, 
dass eigentlich die Entstehung neuer Arten durch natürliche 
Züchtung eine mathematische und logische Nothwendig- 
keit ist, welche ohne Weiteres aus der einfachen Verbindung von 
drei grossen Thatsachen folgt. Diese drei fundamentalen That- 
sachen sind: der Kampf um's Dasein, die Anpassungsfähigkeit 
und die Vererbuiigsfühigkeit der Organismen. 

Auf die zahlreichen interessanten Erscheinungen, welche die 
geographische und topographische Verbreitung der Organismen- 
Arten im Einzelnen darbietet, und welche sich vollständig aus 
der Theorie der Sclection und Migration erklären, können wir hier 
nicht eingehen. Näheres darüber enthalten die angeführten Schriften 
von Darwin, Wallace und Moritz Wagner. Die wichtige Lehre 
von den Verbreitungsschranken, den Flüssen, Meeren und 
Gebirgen, ist dort vortrefflich erörtert und durch zahlreiche Bei- 
spiele erläutert. Nur drei Erscheinungen mögen wegen ihrer be- 
sonderen Bedeutung hier nochmals hervorgehoben werden. Das 
ist erstens die nahe Form- Verwandtschaft, die auffallende „Familien- 
ähnlichkeit", welche zwischen den charakteristischen Localformeu 
jedes Erdtheils und ihren ausgestorbenen, fossilen Vorfahren in 
demselben Erdtheil existirt; — zweitens die nicht minder auf- 
fallende „Familien -Aehnlichkeit", zwischen den Bewohnern von 



XIV. Bedeutung der Chorologie für die Descendenz-Theorie. 3B9 

Inselgruppen und denjenigen des nächst angren/.enden Festlandes, 
von welchem aus die Inseln bevölkert wurden; iil)erhaupt der 
ganz eigenthümliche Charakter, welchen die Flora und Fauna der 
Inseln in ihrer ZusammensetzAing zeigt; ■ — und endlich drittens 
die „Familien - Aehnlichkeit" zwischen den stammverwandten 
Gruppen jedes zusammenhängenden Bezirkes, auch wenn dieselben 
unter den verschiedensten klimatischen und localen Bedingungen 
leben. Diese drei Klassen von Erscheinungen waren es, welche 
in dem jugendlichen Darwin 1832 zuerst den Gedanken der 
Descendenz-Theorie anregten (S. 119). 

Alle diese von Darwin, Wallace und Wagner angeführten 
chorologischen Thatsachen, namentlich die merkwürdigen Er- 
scheinungen der beschränkten Local-Faunen und Floren, die Ver- 
hältnisse der Insel-Bewohner zu den Festland-Bevölkerungen, die 
weite Verbreitung der sogenannten „kosmopolitischen Species", 
die nahe Verwandtschaft localer Species der Gegenwart mit den 
ausgestorbenen Arten desselben beschränkten Gebietes, die nach- 
weisliche Ausstrahlung jeder Art von einem einzigen Schöpfungs- 
mittelpunkte — alle diese und alle übrigen Erscheinungen, welche 
uns die geographische und topographische Verbreitung der Orga- 
nismen darbietet, erklären sich einfach und vollständig aus der 
Selectious- und Migrations - Theorie , während sie ohne dieselbe 
überhaupt nicht zu begreifen sind. Wir erblicken daher in allen 
diesen Erscheinungsreihen eben so viele gewichtige Beweise 
für die Wahrheit der Descendenz-Theorie. 



22^ 



Fünfzelmter Vortrag. 

Entwiclieliiiig: des Weltalls und der Erde. 
Urzeugung:. Kohlenstoff- Theorie. Piastiden - Theorie. 



Entwickelungs-Uescliichte der Erde. Kant's Entwiekelungs-Theorie des 
Weltalls oder die kosmologische Gas-Theorie. Entwickelung der Sonnen, 
Planeten unil Monde. Erste Entstehung des Wassers. Vergleiclmng der 
Organismen und der Anorgane. Organische und anorgische Stoffe. Dichtig- 
keits-Grade oder Aggregat-Zustände. Eiweissartige Kohlenstoff- Verbindungen. 
Plasson-Körper. Organische und anorgische Formen. Krystalle und Moneren 
(strukturlose Organismen ohne Organe). Stereometrische Grund-Formen der 
Krystalle und der Oi-ganismen. Organische und anorgische Kräfte. Lebens- 
kraft. Wachsthum und Anpassung bei Krystallen und bei Organismen. 
Bildungskräfte der Krystalle. Einheit der organischen und anorgischen Natur. 
Urzeugung oder Archigonie Autogouie und Plasmogonie. Entstehung der 
Moneren durch Urzeugung. Entstehung der Zellen aus Moneren. Zellen- 
Theorie. Piastiden -Theorie. Piastiden oder Bildnerinnen. Cytoden und 
Zellen. Vier verschiedene Arten von Piastiden. 

Meine Herren ! J)iircli unsere bisherigen Betrachtungen haben 
wir vorzugsweise die Frage zu beantworten versucht, tlurch welche 
Ursachen neue Arten von Thieren und rihinzen aus bestehenden 
Arten hervorgegangen sind. Wir haben diese Frage dahin be- 
antwortet, dass einerseits die Bastardzeugung, andererseits die 
natürliche Züchtung im Kampf um's Dasein, die Wechselwirkung 
der Vererbungs- und Anpassungs-Gesetze, völlig genügend ist, um 
die unendliche Mannichfaltigkeit der verschiedenen, scheinbar 
zweckmässig nach einem Bauplane organisirten Thiere und Pflanzen 
mechanisch zu erzeugen. Inzwischen wird sich Ihnen schon wieder- 
holt die Frage aufgedrängt haben: Wie entstanden die ersten 
Organismen, oder der eine ursprüngliche Stamm - Organismus, 
von welchem wir alle übriuen ableiten? 



XV. Entsfehung der ersten Org'aiiismen. o41 

Diese Frage hat Lainarck^) diircli die Hypothese der TTr- 
zeugung oder Archigonie beantwortet. Darwin dagegen geht 
iiher dieselbe hinweg, indem er ansdriicklich hervorhebt, dass er 
„Nichts mit dem Ursprung der geistigen Grundkräi'te, noch jnit 
dorn des Lebens selbst zu schaffen habe". Am Schlüsse seines 
Werkes spricht er sich darüber bestimmter in folgenden Worten 
aus: „Ich nehme an, dass wahrscheinlich alle organischen Wesen, 
die jemals auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform ab- 
stammen, welcher das Leben zuerst vom Schöpfer eingehaucht 
worden ist." Ausserdem beruft sich Darwin zur Beruhigung 
Derjenigen, welche in der Descendenz-Theorie den Untergang der 
ganzen „sittlichen Welt-Ordnung" erblicken, auf einen l)eriihmten 
Schriftsteller und Geistlichen, welcher ihm geschrieben hatte: 
„Er habe allmählich einsehen gelernt, dass es eine ebenso er- 
habene Vorstellung von der Gottheit sei, zu glauben, dass sie nur 
einige wenige, der Selbstentwickelung in andere und nothwendige 
Formen fähige I^rtypen geschahen, als dass sie immer wieder 
neue Schöpfungsakte nöthig gehabt habe, um die Lücken aus/Ai- 
füUen, welche durch die Wirkung ihrer eigenen Gesetze entstanden 
seien." Diejenigen, denen der Glaube an eine übernatürliche 
Schöpfung ein Gemüths- Bedürfniss ist, können sich bei dieser 
Vorstellung beruhigen. Sie können jenen Glauben mit der 
Descendenz-Theorie vereinbaren: denn sie müssen in der Er- 
schaffung eines einzigen ursprünglichen Organismus, der die Fähig- 
keit besass alle übrigen durcli Vererbung und Anpassung aus sich 
zu entwickeln, wirklich weit mehr Erfindungskraft und Weisheit 
des Schöpfers bewundern, als in der unabhängigen Erschaffung 
der verschiedenen Arten. 

Wenn wir uns in dieser Weise die Entstehung der ei'sten 
irdischen Organismen, von denen alle übrigen abstammen, durch 
die zweckmässige und planvolle Thätigkeit eines persönlichen 
Schöpfers erklären wollten, so würden wir damit auf eine wissen- 
schaftliche Erkenntniss derselben verzichten, und aus dem Ge- 
biete der wahren Wissenschaft auf das gänzlich getrennte Gebiet 
der dichtenden Glaubenschaft hinübertreten. Wir würden durch 
die Annahme eines übernatürlichen Schöpfungs- Aktes einen Sprung 



342 Feste Rinde und feuerflüssiger Kern des Erdballs. XV. 

in das Unbegreifliche thun. Ehe wir uns zu diesem letzten 
Schritte entschliessen und damit auf eine wissenschaftliche Er- 
kenntniss jenes Vorgangs verzichten, sind wir jedenfalls zu dem 
Versuche verpflichtet, denselben durch eine mechanische Hypo- 
these zu beleuchten. Wir müssen jedenfalls untersuchen, ob denn 
wirklich jener Vorgang so wunderbar ist, oder ob wir uns eine 
haltbare Vorstellung von einer ganz natürlichen Erstehung jenes 
ersten Stamm Organismus machen können. Auf das Wunder der 
„Schöpfung" würden wir dann gänzlich verzichten können. 

Zu diesem Zwecke müssen wir zunächst etwas weiter aus- 
holen und die natürliche Schöpfungs- Geschichte der Erde sowohl 
als des ganzen Weltalls in ihren allgemeinen Grundzügen be- 
trachten. Bekanntlich leiten wir aus dem Bau der Erde, wie wir 
ihn gegenwärtig kennen, die wichtige und bis jetzt noch nicht 
widerlegte Vorstellung ab, dass das Innere unserer Erde sich in 
einem feurig-flüssigen Zustande befindet; die feste aus verschiede- 
nen Schichten Zusammengesetze Rinde, auf deren Oberfläche die 
Organismen leben, bildet nur eine sehr dünne Kruste oder Schale 
um den feurig -flüssigen Kern. Zu dieser Anschauung sind wir 
durch verschiedene übereinstimmende Erfahrungen und Schlüsse 
gelangt. Zunächst spricht dafür die Erfahrung, dass die Tempe- 
ratur der Erdrinde nach dem Innern hin stetig zunimmt. Je 
tiefer wir hinabsteigen, desto hoher steigt die Wärme des Erd- 
bodens, und zwar in dem Verhältniss, dass auf jede 100 Fuss 
Tiefe die Temperatur ungefähr um einen Grad zunimmt. In 
einer Tiefe von 6 Meilen würde demnach bereits eine Hitze von 
1500° herrschen, hinreichend, um die meisten festen Stoffe unse- 
rer Erdrinde in geschmolzenem, feuerflüssigem Zustande zu er- 
halten. Diese Tiefe ist aber erst der 286ste Theil des ganzen 
Erddurchmessers (1717 Meilen). Wir wissen ferner, dass Quellen, 
die aus beträchtlicher Tiefe hervorkommen, eine sehr hohe Tem- 
peratur besitzen, und zum Theil selbst das Wasser im kochenden 
Zustande an die Oberfläche befördern. Sehr wichtige Zeugen sind 
endlich die vulkanischen Erscheinungen, das Hervorbrechen feuer- 
flüssiger Gesteinsmassen durch einzelne berstende Stellen der Erd- 
rinde hindurch. Die gluthflüssigen, soeben dem Erdinneren ent- 



XV. Vormaliger geschmolzener Zustand des gcanzen Erdhalls. 343 

stiegenen Lavaströme zoiii'cii eine Temperatur von 2000" und 
darüber. Alle diese Erscheinungen führen uns mit grosser Sicher- 
heit zu der wichtigen Annahme, dass die feste Erdrinde, vergleich- 
bar der dünnen Schale eines Apfels, nur einen ganz geringen Bruch- 
Iheil von dem ganzen Durchmesser der Erdkugel bildet, und dass 
diese sich noch heute grösstentheils in geschmolzenem oder feuer- 
flüssigem Zustande befindet. 

Wenn wir nun auf Grund dieser Annahme über die einstige 
Entwickekmgs-Geschichte des Erdballs nachdenken, so werden wir 
folgerichtig noch einen Schritt weiter geführt, nämlich zu der 
Annahme, dass in früherer Zeit die ganze Erde ein feurig- 
flüssiger Ball, und dass die Bildung einer dünnen erstarrten 
Rinde auf der Oberfläche dieses Balles erst ein späterer Vorgang 
war. Erst allmählich, durch Ausstrahlung der inneren Gluthitze 
in den kalten Weltraum, verdichtete sich die Oberfläche des 
glühenden Erdballs zu einer dünnen Rinde. Dass die Temperatur 
der Erde früher allgemein eine viel höhere war, wird durch viele 
Erscheinungen bezeugt, l nter Anderem spricht dafür die gleich- 
massige Vertheilung der Organismen in früheren Zeiten der Erd- 
Geschichte. Während bekanntlich jetzt den verschiedenen Erd- 
zonen und ihren örtlichen Temperaturen verschiedene Bevölke- 
rungen von Thieren und Pflanzen entsprechen, war dies früher 
entschieden nicht der Fall, und wir sehen aus der Vertheilung 
der Versteinerungen in den älteren Zeiträumen, dass erst sehr 
spät, in einer verhältnissmässig neuen Zeit der organischen Erd- 
Geschichte (im Beginn der sogenannten cänolithischen oder Tertiär- 
zeit), eine Sonderung der Zonen und dem entsprechend auch 
ihrer organischen Bevölkerung stattfand. Während der ungeheuer 
langen Primär- und Secundärzeit lebten tropische Pflanzen, welche 
einen sehr hohen Temperaturgrad bedürfen, nicht allein in der 
heutigen heissen Zone unter dem Aequator, sondern auch in der 
heutigen gemässigten und kalten Zone. Auch viele andere Er- 
scheinungen haben eine allmähliche Abnahme der Temperatur 
des Erdkörpers im Ganzen, und insbesondere eine erst spät ein- 
getretene Abkühlung der Erdrinde von den Polen her kennen 
gelehrt. In seinen ausgezeichneten „Untersuchungen über die 



344 Kant's Entwickelungs-Theorie des Weltalls. XV. 

Entwickelungs-Gesetze der organischen Welt" hat Bronn '^) die 
zaldreichen geologischen und paläontologischen Beweise dafür zu- 
sammengestellt. 

Auf diese Erscheinungen einerseits und auf die mathematisch- 
astronomischen Erkenntnisse vom Bau des Weltgebäudes anderer- 
seits gründet sich nun die Theorie, dass die ganze Erde vor un- 
denklicher Zeit, lange vor der ersten Entstehung von Organismen 
auf derselben, ein feuerfliissiger Ball war. Diese Theorie aber 
steht wiederum in Uebereinstimmung mit der grossartigen Theorie 
von der Entstehung des Welt - Ciebäudes und spcciell unseres 
Planetensystems, welche auf Grund von mathematischen und 
astronomischen Thatsachen 1755 unser kritischer Philosoph Kant ^^) 
aufstellte, und welche später die berühmten jMathematiker La- 
place und Herschel ausführlicher begründeten. Diese mecha- 
nische Kosmogenie oder Entwickelungs-Theorie des Weltalls 
steht noch heute in fast allgemeiner Geltung; sie ist durch keine 
bessere ersetzt worden, und Mathematiker, Astronomen und Geo- 
logen haben dieselbe durch mannichfaltige Beweise immer fester 
zu stützen versucht. 

Die Kosmogenie Kant's behauptet, dass das ganze Welt- 
all in unvordenklichen Zeiten ein gasförmiges Chaos bildete. 
Alle Materien, welche auf der Erde und anderen Weltkörpern 
gegenwärtig in verschiedenen Dichtigkeitszuständen , in festem, 
fest-flüssigem, tropfbar-flüssigem und elastisch-flüssigem oder gas- 
förmigem Aggregatzustande sich gesondert finden, bildeten ur- 
sprünglich zusammen eine einzige gleichartige, den Weltraum 
gleichmässig erfüllende Masse, welche in Folge eines ausserordent- 
lich hohen Temperaturgrades in gaslörmigem oder luftförmigem, 
äusserst dünnem Zustande sich befand. Die Millionen von Welt- 
körpern, welche gegenwärtig auf die verschiedenen Sonnensysteme 
vertheilt sind, existirten damals noch nicht. Sie entstanden erst 
in Folge einer allgemeinen Drehbewegung oder Rotation, bei 
welcher sich eine Anzahl von festeren Massengruppen mehr als 
die übrige gasförmige Masse verdichteten, und nun auf letztere 
als Anziehungsmittelpunkte wirkten. So entstand eine Scheidung 
des chaotischen Ur-Nebels oder W^elt-Gases in eine Anzahl von 



XV. Eiitwirkeluns- dor Snnnon, Planeten und Monde. 345 

i'otireiulcii, niolif uikI mehr sich vcrdichtoiKhMi Nobolh.'iUon. Auch 
unser Süiincnsystem war ein solcher riesiger gaslorniiger Duiist- 
ball, dessen Theilchen sich sämmtlicli um einen gonicinsamen 
Mittelpunkt, den Sonnenkern, herumdrehten. Der Nehelball selbst 
nalini durch die Rotationsbewegung, gleich allen übrigen, eine 
Sphäroid-Form oder allgeplattete Kugel-Gestalt an. 

Während die Centripetalkral't die rotirenden Theilchen immer 
näher an den festen Mittelpunkt des Nebel balls heranzog, und 
so diesen mehr und mehr verdichtete, war umgekehrt die Centri- 
fugalkraft bestrebt, die peripherischen Theilchen immer weiter 
von jenem zu entfernen und sie abzuschleudern. An dem Aequa- 
torialrande der an beiden Polen abgeplatteten Kugel war diese 
Centrifugal kraft am stärksten, und sobald sie bei weitergehender 
Verdichtung das Uebergewicht über die Centripetalkraft erlangte, 
löste sich hier eine ringförmige Nebelmasse von dem rotirenden 
Balle ab. Diese Nebelringe zeichneten die Bahnen der zukünf- 
tigen Planeten vor. Allmählich verdichtete sich die Nebelmasse 
des Ringes zu einem Planeten, der sich um seine eigene Axe 
drehte und zugleich um den Centralkörper rotirte. In ganz 
gleicher Weise aber wurden von dem Aequator der Planeten- 
masse, sobald die Centrifugalkraft w^ieder das Uebergewicht über 
die Centripetalkraft gewann, neue Nebelringe abgeschleudert, 
welche in gleicher Weise um die Planeten sich bewegten, wie 
diese um die Sonne. Auch diese Nebelringe verdichteten sich 
wieder zu rotirenden Bällen. So entstanden die Monde, von 
denen nur einer um die Erde, aber vier um den Jupiter, sechs 
um den Uranus sich bewegen. Der Ring des Saturnus stellt uns 
noch heute einen Mond auf jenem früheren Entwickelungsstadium 
dar. Indem bei immer weiter schreitender Abkühlung sich diese 
einfachen Vorgänge der Verdichtung und Abschleuderung vielfach 
wiederholten, entstanden die verschiedenen Sonnensysteme, die 
Planeten, welche sich rotirend um ihre centrale Sonne, und die 
Trabanten oder Monde, welche sich drehend um ihren Planeten 
bewegen. 

Der anfängliche gasförmige Zustand der rotirenden Weltkörper 
ging allmählich durch fortschreitende Abkühlung und Verdichtung 



346 Kant'.s komologische Gas-Theorie. XV. 

in den feurigfliissigen oder gescbmolzenen Aggregatzustaud über. 
Durch den Ycrdichtungsvorgang selbst wurden grosse Mengen von 
Wärme frei, und so gestalteten sich die rotirenden Sonnen, Pla- 
neten und Monde bald zu glühenden Feuerbiillen, gleich riesigen 
geschmolzenen Metalltropfen, welclie Licht und Wärme ausstrahlten, 
Üurch den damit verbundenen Wärmeverlust verdichtete sich 
wiederum die geschmolzene Masse an der Oberfläche der feuer- 
fliissigen Bälle und so entstand eine dünne feste Rinde, welche 
einen feurigflüssigen Kern umschloss. In allen diesen Beziehungen 
wird sich unsere mütteiiiche Erde nicht wesentlich verschieden 
von den übrigen Weltkörpern verhalten haben. 

Der besondere Zweck dieser Vorträge gestattet uns nicht, 
die „natürl iche Schöpfungs-Geschichte des Weltalls" mit 
seinen verschiedenen Sonnen-Systemen und Blaneten-Systemen im 
Einzelnen zu verfolgen und (hirch alle verschiedeneu astronomischen 
und geologischen Beweismittel mathematisch zu begründen. Ich 
begnüge mich daher mit den eben angeführten Grundzügen der- 
selben und verweise Sie bezüglich des Näheren auf Kant's „All- 
gemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" "'), sowie auf 
das treffliche Werk von Carus Sterne, „Werden und Ver- 
gehen" ^^). Nur die Bemerkung will ich noch hinzufügen, dass 
diese bewunderungswürdige Theorie, welche man auch die kos- 
mologische Gas-Theorie genannt hat, mit allen uns bis jetzt 
bekannten allgemeinen Erscheinungsreihen in bestem Einklang 
steht. Ferner ist dieselbe rein mechanisch oder monistisch; 
sie nimmt ausschliesslich die ureigenen Kräfte der ewigen Materie 
für sich in Anspruch, und schliesst jeden übernatürlichen Vor- 
gang, jede zweckmässige und bewusste Thätigkeit eines persön- 
lichen Schöpfers vollständig aus. K an t's kosmologische Gas-Theorie 
nimmt daher in der Anorgologie, und insbesondere in der Geo- 
logie, eine ähnliche herrschende Stellung ein, und krönt in 
ähnlicher Weise unsere Gesammterkenntniss, wie Lamarck's bio- 
logische Descendenz-Theorie in der ganzen Biologie, und nament- 
lich in der Anthropologie. Beide stützen sich ausschliesslich 
auf mechanische oder bewusstlose Ursachen (Causae efficientes), 
nirgends auf zweckthätige oder bewusste Ursachen (Causae 



XV. Unendlichkeit und Ewigkeit des Welitalls. 347 

finales). (Vcrgl. oben S. 81) — 92.) Beide erfüllen somit alle An- 
forderungen einer wissenschaftliclieii Theorie und werden so lange 
in (ieltung bleiben, bis sie durch bessere ersetzt werden. 

Allerdings will ich andererseits nicht verhehlen, dass der 
grossartigen Kosmogenie Kant's einige Schwächen anhaften, welche 
uns nicht gestatten, ihr dassell)e unbedingte Vertrauen yai schenken, 
wie Lamarck's Descendenz-Theorie. (Jrosse Schwierigkeiten ver- 
schiedener Art hat die Vorstellung des uranfänglichen gasförmigen 
Chaos, das den ganzen Weltraum erfüllte. Eine grössere und 
ungelöste Schwierigkeit aber liegt darin, dass die kosmologische 
Gas-Theoiie uns gar keinen Anhaltepunkt liefert für die Erklärung 
des ersten Anstosses, der die Rotationsbewegung in dem gaser- 
füllten Weltraum verursachte. Beim Suchen nach einem solchen 
Anstoss werden wir unwillkürlich zu der falschen Frage nach dem 
„ersten Anfang" verführt. Einen ersten Anfang können wir 
uns aber für die ewigen Bewegungserscheinungen des Weltalls 
eben so wenig denken, als ein schliessliches Ende. 

Das Weltall ist nach Raum und Zeit unbeschränkt und un- 
ermesslich. Es ist ewig und es ist unendlich. Aber auch für 
die ununterbrochene und ewige Bewegung, in welcher sich alle 
Theilchen des Weltalls beständig befinden, können wir uns keinen 
Anfang und kein Ende denken. Die grossen Gesetze von der 
Erhaltung der Kraft^^) und von der Erhaltung des Stoffes, 
die Grundlagen unserer ganzen Naturanschauung, lassen keine 
andere Vorstellung zu. Die Welt, soweit sie dem Erkemitniss- 
vermögen des Menschen zugänglich ist, erscheint als eine zu- 
sammenhängende Kette von materiellen Bewegungserscheinungen, 
mit einem fortwährenden Wechsel der Formen verknüpft. Jede 
Form, als das zeitweilige Resultat einer Summe von Bewegungs- 
erscheinungen, ist als solches vergänglich und von beschränkter 
Dauer. Aber in dem beständigen Wechsel der Formen bleibt 
die Materie und die davon untrennbare Kraft ewig und unzer- 
störbar; dies ist die wahre Unsterblichkeit. 

Wenn nun auch Kant's kosmologische Gas-Theorie nicht im 
Stande ist, die Entwickelungs-Geschichte des ganzen Weltalls in 
befriedigender ^Veise über jenen Zustand des gasförmigen Chaos 



348 Eiitstehung- iintl Umhildung' der Erdriuilc. XV. 

liiiiaus aiilzuklärcMi, und wenn auch ausserdem noch manclierlei 
Bedenken, namentlich von chemischer und geologischer Seite her, 
sich gegen sie aufvverfen lassen, so müssen wir ihr doch ander- 
seits das grosse Verdienst lassen, den ganzen Bau des unserer 
Beobachtung zugänglichen Weltgebäudes, die „Anatomie" der 
Sonnen-Systeme und speciell unseres Planeten-Systems, vortrefTIich 
durch ihre Entwickelungs-Gcschichte zu erklären. Vielleicht war 
diese Entwickelung in der That eine ganz andere; vielleicht ent- 
standen die Planeten, und also auch unsere Erde, durch Aggre- 
gation aus zahllosen kleinen, im Weltraum zerstreuten Meteoriten? 
Eine solche Tlicorie ist u. A. von Raden hausen, dem geist- 
reichen Verfasser der treftlichen >Verke „Isis" und „Osiris" auf- 
gestellt worden^'"). Aber meines Erachtens bieten diese und ähn- 
liche Kosmogenien noch grössere Schwierigkeiten, als diejenige 
von K ant. 

Nach diesem allgemeinen Blick auf die monistische Kos- 
mogenie oder die „natürliche Entwickelungs-Gcschichte des Welt- 
alls" lassen Sic uns zu einem winzigen Bruchtheil desselben zu- 
i-iickkehren, zu unserer mütterlichen Erde. Wir hatten dieselbe 
im Zustande einer feurigflüssigen, an beiden J'olen abgeplatteten 
Kugel verlassen, deren Oberfläche sich durch Abkühlung zu einer 
ganz dünnen festen liinde verdichtet hatte. Die erste Erstarrungs- 
kruste W'ird die ganze Oberfläche des Erdsphäroids als eine zu- 
sammenhängende, glatte, dünne Schale gleichmässig überzogen 
haben. Bald aber wurde dieselbe uneben und höckerig. Indem 
nämlich bei fortschreitender Abkühlung der feuerlliissige Kern 
sich mein- und mehr verdichtete und zusammenzog, und so der 
ganze Erddurchmesser sich verkleinerte, musste die dünne, 
starre Binde, welche der weicheren Kernmasse nicht nachfolgen 
konnte, über derselben vielfach sich runzeln, Falten bilden und 
zusammenbrechen. Es würde zwischen beiden ein leerer Raum 
entstanden sein, wenn nicht der äussere Athmosphärendruck die 
zerbrechliche Rinde nach innen hinein getrieben hätte. Andere 
Unebenheiten entstanden wahrscheinlich dadurch, dass an ver- 
schiedenen Stellen die abgekühlte Rinde durch den Erstarrungs- 
process selbst sich zusammenzog und Sprünge oder Risse bekam. 



XV. Erste Eiitstclimig der Berge und des Wassers. 349 

Der feiierflüs.sigo Kern quoll voü Neuem durch diese Sprünge 
hervor und erstarrte ;ihernials. So entstunden schon frühzeitig 
mancherlei Erhöhungen und Vertiefungen, die ersten Grundlagen 
der Festländer untl Meoresbecken, der Berge und der Thäler. 

Nachdem die Temperatur des abgekühlten Erdballs bis auf 
einen gewissen Grad gesunken war, erfolgte ein sehr wichtiger 
neuer Vorgang, nämlich die erste Entstehung des Wassers. 
Das Wasser war bisher nur in DamptVorm in der den Erdball 
umgebenden Atmos[)h;ire vorhanden gewesen. Olfenljar konnte 
das AVasser sich erst zu tropfbar- flüssigem Zustande verdichten, 
nachdem die Temperatur der Atmosphäre bis auf 99° C. gesunken 
war. Nun begann die weitere Umbildung der Erdrinde durch 
die Kraft des AV assers. Indem dasselbe beständig in Form von 
Regen niederfiel, hierbei die Erhöhungen der Erdrinde abspülte, 
die Vertiefungen durch den abgespülten Schlamm ausfüllte , und 
diesen schichtenweise ablagerte, bewirkte es die ausserordentlich 
wichtigen neptunischen Umbildungen der Erdrinde. Seit- 
dem dauerte die Sediment-Bildung beständig fort, und führte zur 
Entstehung der mächtigen geschichteten Gebirgsmassen, oder Sedi- 
ment-Gesteine, auf welche wir im nächsten Vortrage noch einen 
näheren Blick werfen werden. 

Erst nachdem die Erdrinde so weit abgekühlt war, dass das 
AA'^asser sich zu tropfbarer Form verdichtet hatte, erst als die 
bis dahin trockene Erdkruste zum ersten Male von flüssigem 
Wasser bedeckt wurde, konnte die Entstehung der ersten Organis- 
men erfolgen. Denn alle Thiere und alle Pflanzen, alle Organis- 
men überlumpt, bestehen zum grossen Theile oder zum grössten 
Theile aus tropfbar-flüssigem Wasser, welches mit anderen Materien 
in eigenthümlicher W^eise sich verbindet, und diese in fest- flüssigen 
Aggregatzustand versetzt. AVir können also aus diesen allge- 
meinen Grundzügen der anorgischen Erd-Geschichte zunächst die 
wichtige Thatsache folgern, dass zu irgend einer bestimmten Zeit 
das organische Leben auf der Erde seinen Anfang hatte, 
dass tue irdischen Organismen nicht von jeher existirten, sondern 
in irgend einem Zeitpunkte zum ersten i\Ial entstanden. Diese 
Thatsache ist von grösster IJedeutunu'. 



350 Urzeugung. Vergleichung der Organismen und Anorgane. XY. 

Wie haben wir uns nun diese Entstehung der ersten 
Organismen zu denken? liier ist deijenige Punkt, an weh^hem 
die meisten Naturforscher nocli heutzutage geneigt sind, den Ver- 
such einer natürlichen Erklärung aufzugeben, und zu dem Wun- 
der einer unbegreiflichen Schöpfung zu flüchten. Mit diesem 
Schritte treten sie, wie schon vorher bemerkt wurde, ausserhalb 
des Gebietes der naturwissenschaftlichen Erkenntniss und verzich- 
ten auf jede weitere Einsicht in den nothwendigen Zusammen- 
hang der Natur-Geschichte. Ehe wir muthlos diesen letzten Schritt 
thun, ehe wir an der Möglichkeit jeder Erkenntniss dieses wich- 
tigen Vorganges verzweifeln, wollen wir wenigstens einen Versuch 
machen, denselben zu begreifen. Lassen Sie uns sehen, ob denn 
wirklich die Entstehung eines ersten Organismus aus anorgischem 
Stoffe, die Entstehung eines lebendigen Körpers aus sogenannter 
lebloser Materie etwas ganz Undenkbares, ausserhall) aller be- 
kannten Erfahrung Stehendes sei? Lassen Sie uns mit einem 
Worte die Frage von der Urzeugung oder Archigonie unter- 
suchen! Vor allem ist hierbei erforderlich, sich die hauptsäch- 
lichsten Eigenschaften der beiden Haupt-Gruppen von Naturkör- 
pern, der sogenannten leblosen oder anorgischen und der beleb- 
ten oder organischen Körper klar zu machen, und das Gemein- 
same einerseits, das Unterscheidende beider Gruppen andrerseits 
festzustellen. Auf diese Vergleichung der Organismen und 
Anorgane müssen wir hier um so mehr eingehen, als sie ge- 
wöhnlich sehr vernachlässigt wird, und als sie doch zu einem 
richtigen, einheitlichen Verständniss der Gesammtuatur ganz noth- 
wendig ist. Am zweckmässigsten wird es hierbei sein, die drei 
Grundeigenschaften jedes Naturkörpers, Stoff, Form und Kraft, ge- 
sondert zu betrachten. Beginnen wir zunäclist mit dem Stoff. 

Durch die Chemie sind wir dahin gelaugt, sämmtliche uns 
bekannte Körper in eine geringe Anzahl von Elementen oder 
Grundstoffen zu zerlegen; solche nicht weiter zerlegbare Körper 
sind z. B. Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel, ferner die 
verschiedenen Metalle: Kalium, Natrium, Eisen, Gold u. s. w. 
Man zählt jetzt 64 — 66 solcher Elemente oder Grundstoffe. Die 
Mehrzahl derselben ist ziemlich unwichtig und selten, nur die 



XV. Elemente iiml Ur-Elemcnte: Masse und Aether. 351 

Minderzahl ist allgemeiner verbreitet und setzt nicht allein die 
meisten Anorgane, sondern auch sämmtliche Organismen zusam- 
men. Vergleichen wir nun diejenigen Elemente, welche den Kör- 
per der Organismen aufbauen, mit denjenigen, welche in den 
Anorganen sich finden, so haben wir zunächst die höchst wich- 
tige Thatsache hervorzuheben, dass im Thier- und Pilanzenkörper 
kein Grundstoff vorkommt, der nicht auch ausserhall) desselben 
in der leblosen Natur zu linden wäre. Es giebt keine beson- 
deren organischen Elemente oder Grundstoffe. 

Beiläuüg bemerkt, ist es höchst wahrscheinlich, dass alle 
diese sogenannten „Elemente" nur verschiedene Ver- 
bindungs-Formen von zwei verschiedenen Urelementen 
sind: Masse und Aether; die Massen- Atome Träger der An- 
ziehung („Lust"); die Aether-Atome Träger der Abstossung 
(„Unlust"). Die Unterschiede unserer heutigen „Elemente" be- 
ruhen wahrscheinlich nur darauf, dass die Massen-Atome in ver- 
schiedener Zahl und Anordnung zusammengesetzt, oder durch 
die Aether-Atome in verschiedener Weise getrennt sind. Die 
gruppenweise Verwandtschaft der Elemente legt uns diese 
Vermuthung sehr nahe, wenn auch unsere unvollkommene Chemie 
bisher nicht im Stande gewesen ist, dieselbe experimentell zu be- 
gründen. 

Die chemischen und physikalischen Unterschiede, welche 
zwischen den Organismen und den Anorganen existiren, haben 
also ihren materiellen Grund nicht in einer verschiedenen Natur 
der sie zusammensetzenden Grundstoffe, sondern in der ver- 
schiedenen Art und Weise, in welcher die letzteren zu chemi- 
schen Verbindungen zusammengesetzt sind. Diese verschiedene 
Verbindungsweise bedingt zunächst gewisse physikalische Eigen- 
thümlichkeiten, insbesondere in der Dichtigkeit der Materie, 
welche auf den ersten Blick eine tiefe Kluft zwischen beiden 
Körpergruppen zu begründen scheinen. Die geformten anorgi- 
schen oder leblosen Naturkörper, die Krystalle und die amorphen 
Gesteine, befinden sich in einem Dichtigkeitszustande, den wir 
den festen nennen, und den wir dem tropfbar-flüssigen Dichtig- 
keitszustande des Wassers und dem u'asförmiüen Dichtiskeitszu- 



352 Dichtigkeits-Zustände der Organismen und Anorgane. XV. 

stände der Luft entgegensetzen. Es ist Ihnen bekannt, dass diese 
drei verschiedenen Dichtigkeitsgrade oder Aggregatzustände 
der Anorgane durchaus nicht den verschiedenen Elementen 
eigenthümlich, sondern die Folgen eines bestimmten Temperatur- 
Grades sind. Jeder anorgische feste Körper, z. B. Blei, kann 
durch Erhöhung der Temperatur zunächst iu den tropfbar-flüssigen 
oder geschmolzenen, und durch weitere Erhitzung in den gas- 
förmigen oder elastisch-flüssigen Zustand versetzt werden. Ebenso 
kann jeder gasförmige Körper, z. B. Kohlensäure, durch gehörige 
Erniedrigung der Temperatur zunächst in den tropfbar-flüssigen 
und weiterhin in den festen Dichtigkeits- Zustand übergeführt 
werden. 

Im Gegensatze zu diesen drei Dichtigkeits-Zuständcn der An- 
organe befindet sich der lebendige Körper aller Organismen, 
Thiere sowohl als Pflanzen, in einem ganz eigenthümlichen, vier- 
ten Aggregatzustande. Dieser ist weder fest, wie Gestein, noch 
tropfbar-flüssig, wie Wasser, vielmehr liält er zwischen diesen 
beiden Zuständen die Mitte, und kann daher als der fest- flüssige 
oder gequollene Aggregat-Zustand bezeichnet werden. In 
allen lebenden Körpern ohne Ausnahme ist eine gewisse Menge 
AVasser mit fester ^laterie in ganz eigenthü ml icher Art und Weise 
vcriainden, und eben durch diese charakteristische Verbindung 
(k's A\'assers mit der organischen Materie entsteht Jener weiche, 
weder feste noch flüssige, Aggregat-Zustand, welcher für die me- 
chanische Erklärung der Lebenserscheinungen von der grössten 
Bedeutung ist. Die L^rsache desselben liegt wesentlich in den 
physikalischen und chemischen Eigenschaften eines einzigen Grund- 
stoff"s, des Kohlenstoffs. 

Von allen Elementen ist der Kohlenstoff für uns bei weitem 
das wichtigste und interessanteste, weil bei allen uns bekannten 
Thier- und Pflanzen-Körpern dieser Grundstoll' die grösste Rolle 
spielt. Er ist dasjenige Element, welches durch seine eigenthüm- 
liche Neigung zur Bildung verwickelter Verbindungen mit den 
andern Elementen die grösste Mannichfaltigkeit in der chemischen 
Zusammensetzung, und daher auch in den Formen und Lebeus- 
Eigeuschaften der Thier- und Pflanzen- Körper hervorruft. Der 



XV. Homogene Zustände der Organismen und Anorgane. 353 

Kohlenstoff zeichnet sich ganz besonders dadurch aus, dass er 
sich mit den andern Elementen in unendlich mannichfaltigen 
Zahlen- und Gewichts- Verhiiltnissen verbinden kann. Zunächst 
entstehen durch Verbindung des Kohlenstoft's mit drei andern 
Elementen, dem Sauerstolf, AVasserstoff und Stickstoff (zu denen 
sich meist auch noch Schwefel und häufig Phosphor gesellt), jene 
äusserst wichtigen Verbindungen, welche wir als das erste und 
unentbehrlichste Substrat aller Lebens -Erscheinungen kennen ge- 
lernt haben, die eiweissartigen Verbindungen oder Albumin-Körper 
(Protei'nstoffe). Unter diesen sind wieder die wichtigsten die 
Fl asson -Körper oder „Plasma- Verbindungen" (Karyoplasma und 
Protoplasma). Schon früher (S. 164) haben wir in den Moneren 
Organismen der aller einfachsten Art kennen gelernt, deren gan- 
zer Körper in vollkommen ausgebildetem Zustande aus weiter 
Nichts besteht, als aus einem Plasson-Stückchen oder einem 
fest -flüssigen eiweissartigen Plasma-Klümpchen; gerade diese 
einfachsten Organismen sind für die Lehre von der ersten Ent- 
stehung des Lebens von der allergrössten Bedeutung. Aber auch 
die meisten übrigen Organismen sind zu einer gewissen Zeit ihrer 
Existenz, wenigstens in der ersten Zeit ihres Lebens, als Ei-Zellen 
oder Keim-Zellen, im Wesentlichen weiter Nichts als einfache 
Klümpchen eines solchen eiweissartigen Bildungsstoffes, des Zell- 
schleimes oder Protoplasma. Sie sind dann von den Mone- 
ren nur dadurch verschieden, dass im Innern des eiweissartigen 
Körperchens sich der Zeil-Kern (Nucleus) von dem umgebenden 
Zell -Stoff (Cytoplasma) gesondert hat. Wie wir schon früher 
zeigten, sind Zellen von ganz einfacher Beschaffenheit die Staats- 
bürger, welche durch ihr Zusammenwirken und ihre Sonderung 
den Körper auch der vollkommensten Organismen, einen repu- 
blikanischen Zellen-Staat, aufbauen (S. 256). Die entwickelten 
Formen und Lebens-Ersclieinungen des letzteren werden lediglich 
durch die Thätigkeit jener eiweissartigen Piastiden zu Stande 
gebracht, der wahren „Bildnerinnen" des Lebens. 

Es darf als einer der grössteu Triumphe der neueren Biolo- 
gie, insbesondere der Gewebe-Lehre, angesehen werden, dass wir jetzt 
im Stande sind, das Wunder der Lebens-Erscheinungen auf diese 

Haeckel, Natüii. Schopfungs-Geseh. 8. Aufl. 23 



354 Bedeutung der eiweissartigen Kohlenstoff- Verbindungen. XV. 

Stoffe zurückzuführen, dass wir die unendlich mann ich falti- 
gen und verwickelten, physikalischen und chemischen 
Eigenschaften der eiweissartigen Plasson-Körper als die 
eigentliche Ursache der organischen oder Lebens-Er- 
scheinungen nachgewiesen haben. Alle verschiedenen Formen 
der Organismen sind zunächst und unmittelbar das Resultat der 
Zusammensetzung aus verschiedenen Formen von Zellen. Die un- 
endlich mannichfaltigen Verschiedenheiten in der Form, Grösse 
und Zusammensetzung der Zellen sind aber erst allmählich durch 
die Arbeitstheilung und die Formspaltung der Plastidule oder 
Micellen entstanden; durch die iMolekular-Selection jener 
einfachen gleichartigen Plasson- Körnchen, welche ursprünglich 
allein den Leib der Piastiden bildeten. Daraus folgt mit Noth- 
wendigkeit, dass auch die (irund-Erscheinungen des organischen 
Lebens, Ernährung und Fortpflanzung, ebenso in ihren höchst 
zusammengesetzten wie in ihren einfachsten Aeusserungen, auf 
die materielle Zusammensetzung jenes eiweissartigen Bilduugs- 
stoffes, des Plasson, zurückzuführen sind. Aus jenen beiden 
Fundamental-Functionen haben sich aber die übrigen Lebensthätig- 
keiten erst allmählich hervorgebildet. 

So hat denn gegenwärtig die allgemeine Erklärung des 
organischen Lebens für uns nicht mehr Schwierigkeit, als die Er- 
klärung der physikalischen Eigenschaften der anorgischen Kör- 
per. Alle Lebens- Erscheinungen und Gestaltungs-Processe der 
Organismen sind eben so unmittelbar durch die chemische Zu- 
sammensetzung und die physikalischen Kräfte der organischen 
Materie bedingt, wie die Lebens - Erscheinungen der anorgischen 
Krystalle, d. h. die Vorgänge ihres Wachsthums und ihrer speci- 
fischen Formbiklung, die unmittelbaren Folgen ihrer chemischen 
Zusammensetzung und ihres physikalischen Zustandes sind. Die 
letzten Ursachen bleiben uns freilich in beiden Fällen gleich 
verborgen. "Wenn Gold und Kupfer im tesseralen, Wismuth und 
Antimon im hexagonalen, Jod und Schwefel im rhombischen 
Krystallsystem krystallisiren, so ist uns dies im Grunde nicht 
mehr und nicht weniger räthselhaft, als jeder elementare Vorgang 
der organischen Formbiklung, jede Selbstgestaltung der organi- 



XV. Form-Bildung der Organismen und Anorgane. 355 

sehen Zelle. Auch in dieser Beziehung können wir gegenwärtig 
den fundamentalen Unterschied zwischen organischen und anor- 
gischen Körpern nicht mehr festhalten, von welchem man frü- 
her allgemein überzeugt war. 

Betrachten wir zweitens die Uebereinstimmungen und Unter- 
schiede, welche die Form bil düng der organischen und anor- 
gischen Naturkörper uns darbietet. Als Hauptunterschied in die- 
ser Beziehung sah man früher die einfache Structur der letzteren, 
den zusammengesetzten Bau der ersteren an. Der Körper aller 
Organismen sollte aus ungleichartigen oder heterogenen Theilen 
zusammengesetzt sein, aus Werkzeugen oder Organen, welche 
zum Zweck des Lebens zusammenwirken. Dagegen sollten auch 
die vollkommensten Anorgane, die Krystalle, durch und durch 
aus gleichartiger oder homogener Materie bestehen. Dieser Un- 
terschied erscheint im Princip allerdings sehr wesentlich. Allein 
er hat alle Bedeutung verloren, seit wir vor 25 Jahren die höchst 
merkwürdigen und wichtigen Moneren kennen gelernt haben '^). 
Der ganze lebendige Körper dieser einfachsten von allen Orga- 
nismen ist nur ein fest- flüssiges, formloses und structurloses 
Plasson-Klümpchen; vergleichbar einem Krystall, der aus einer 
einzigen anorgischen Verbindung, z. B. einem Metallsalze, oder 
einer sehr zusammengesetzten Kieselerde-Verbindung besteht. Frei- 
lich nehmen wir an, dass auch im homogenen Plasma des ein- 
fachsten Moneres eine sehr verwickelte Molekular-Structur 
besteht; allein diese ist weder anatomisch noch mikroskopisch 
nachweisbar; und ausserdem muss dieselbe eben so gut bei vie- 
len Krystallen vorausgesetzt w^erden. 

Ebenso wie in der inneren Structur oder Zusammensetzung, 
hat man auch in der äusseren Form durchgreifende Unterschiede 
zwischen den Organismen und Anorganen finden wollen, insbe- 
sondere in der mathematisch bestimmbaren Krystallform der letz- 
teren. Allerdings ist die Krystallisation vorzugsweise eine Eigen- 
schaft der sogenannten Anorgane. Die Krystalle werden begrenzt 
von ebenen Flächen, welche in geraden Linien und unter be- 
stimmten messbaren Winkeln zusammenstossen. Die Thier- und 
Pflanzen-Form dagegen scheint auf den er^en Blick keine der- 

23* 



356 Bewegungs-Erscheinungen der Organismen und Anorgane. XV. 

artige geometrische Bestimmung zuzulassen. Sie ist meistens von 
gebogenen Flächen und krummen Linien begrenzt, welche unter 
veränderlichen Winkeln zusammenstossen. Allein wir haben in 
neuerer Zeit in den Radiolarien und in vielen anderen Proti- 
sten eine grosse Anzahl von niederen Organismen kennen gelernt, 
bei denen der Körper in gleicher Weise, wie bei den Krystallen, 
auf eine mathematisch bestimmbare Grundform sich zurückführen 
lässt; auch hier ist die Gestalt im Ganzen wie im Einzelnen 
durch geometrisch bestimmbare Flächen, Kanten und Winkel be- 
grenzt. In meiner allgemeinen Grundformenlehre oder Pro- 
morphologie habe ich hierfür die ausführlichen Beweise gelie- 
fert, und zugleich ein allgemeines Formen-System aufgestellt, 
dessen ideale stereometrische Grundformen eben so gut die rea- 
len Formen der anorgischen Krystalle wie der organischen Indi- 
viduen erklären (Gener. Morphol. I, 375—574). Ausserdem giebt 
es übrigens auch vollkommen amorphe Organismen, wie die 
Moneren, Amöben u. s. w., welche jeden Augenblick ihre Ge- 
stalt wechseln, und bei denen man eben so wenig eine bestimmte 
Grundform nachweisen kann, als es bei den formlosen oder amor- 
phen Anorganen, bei den nicht krystallisirten Gesteinen, Nieder- 
schlägen u. s. w. der Fall ist. Wir sind also nicht im Stande, 
irgend einen principiellen Unterschied in der äusseren Form 
oder in der inneren Structur der Anorgane und Organismen auf- 
zufinden. 

Wenden wir uns drittens an die Kräfte oder an die Be- 
wegungs-Erscheinungen dieser beiden verschiedenen Körper- 
Gruppen. Hier stossen wir auf die grössten Schwierigkeiten. 
Die Lebens-Erscheinungen, wie sie die meisten Menschen nur von 
hoch ausgebildeten Organismen, von vollkommneren Thieren und 
PHanzen kenneu, erscheinen so räthselhaft, so wunderbar, so 
eigenthümlich, dass die Meisten der bestimmten Ansicht sind, in 
der anorgischen Natur komme gar nichts Aehnliches oder nur 
entfernt damit Vergleichbares vor. Man nennt ja eben deshalb 
die Organismen belebte und die Anorgane leblose Naturkörper. 
Daher erhielt sich bis in unser Jahrhundert hinein, selbst in der 
Wissenschaft, die sich mit der Erforschung der Lebens-Erschei- 



XV. Kohlenstoff-Verbindungen als Ursachen rler Lebenskraft. 357 

riungen beschäftigt, in der Physiologie, die irrthümlirhc Ansicht, 
dass die physikalischen und chemischen Eigenschaften der Materie 
nicht zur Erklärung der Lebens-Erscheinungen ausreichten. Heut- 
zutage darf diese Ansicht durch die Fortschritte der Biologie als 
völlig überwunden angesehen werden. In der exacten Physiologie 
wenigstens hat sie nirgends mehr eine Stätte. Es fällt heutzutage 
keinem Physiologen mehr ein, irgend welche Lebens-Erscheinungen 
als das Resultat einer wunderbaren Lebenskraft aufzufassen, 
einer besonderen zweckmässig thätigen Kraft, welche ausserhalb 
der Materie steht, und welche die physikalisch-chemischen Kräfte 
gewissermassen nur zeitweilig in ihren Dienst nimmt. Die heutige 
Physiologie ist zu der streng monistischen Ueberzeugung gelangt, 
dass sämmtliche Lebens-Thätigkeiten, und vor allen die beiden 
Grund -Erscheinungen der Ernährung und Fortpflanzung, rein 
physikalisch-chemische Vorgänge sind, ebenso unmittelbar von der 
materiellen Beschaffenheit des Organismus abhängig, wie alle 
physikalischen und chemischen Eigenschaften oder Kräfte eines 
jeden Krystalles lediglich durch seine materielle Zusammen- 
setzung bedingt werden. Da nun derjenige Grundstoff, welcher 
die eigenthiimliche materielle Zusammensetzung der Organismen 
bedingt, der Kohlenstoff ist, so müssen wir alle Lebens-Erschei- 
nungen, und vor allen die beiden Grund-Functionen der Er- 
nährung und Fortpflanzung, in letzter Linie auf die Eigenschaften 
des Kohlenstoffs zurückführen. Lediglich die eigenthüm- 
lichen, chemisch - physikalischen Eigenschaften des 
Kohlenstoffs, und namentlich der festflüssige Aggregat- 
zustand und die leichte Zersetzbarkeit der höchst zu- 
sammengesetzten eiweissartigen Kohlenstoff- Verbin- 
dungen, sind die mechanischen LTrsachen jener eigen- 
thümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche 
sich die Organismen von den Anorganen unterscheiden, 
und die man im engeren Sinne das „Leben" zu nennen 
pflegt. 

Um diese „Kohlenstoff-Theorie", welche ich im zweiten 
Buche meiner generellen Morphologie ausführlich begründet habe, 
richtig zu würdigen, ist es vor Allem nöthig, diejenigen Be- 



358 Wachsthuin und Anpassung bei Krystallen und bei Organismen. XV. 

wegungs-Erscheinungen scharf iu's Auge zu fassen, welche beiden 
Gruppen von Naturkörpern gemeinsam sind. Unter diesen steht 
obanan das Wachsthum. Wenn Sie irgend eine anorgische 
Salzlösung langsam verdampfen lassen, so bilden sich darin Salz- 
Krystalle, welche bei weiter gehender Verdunstung des Wassers 
langsam an Grösse zunehmen. Dieses Wachsthum erfolgt dadurch, 
dass immer neue Theilchen aus dem flüssigen Aggregat-Zustande 
in den festen übergehen und sich an den bereits gebildeten festen 
Krystallkern nach bestimmten Gesetzen anlagern. Durch solche 
Anlagerung oder Apposition der Theilchen entstehen die mathe- 
matisch bestimmten Krystall-Formen. Ebenso durch Aufnahme 
neuer Theilchen geschieht auch das Wachsthum der Organismen. 
Der Unterschied ist nur der, dass beim Wachsthum der Organis- 
men in Folge ihres fest-flüssigen Aggregat-Zustandes die 
neu aufgenommenen Theilchen in's Innere des Organismus vor- 
rücken (Intussusception), während die Anorgane nur durch 
Apposition, durch Ansatz neuer, gleichartiger Materie von aussen 
her zunehmen, ludess ist dieser wichtige Unterschied des Wachs- 
thums durch Intussusception und durch Appo.^ition augenschein- 
lich nur die nothwendige und unmittelbare Folge des verschiedö- 
nen Dichtigkeits-Zustandes oder Aggregat-Zustandes der Organismen 
und der Anorgane. 

Ich kann hier an dieser Stelle leider nicht näher die 
mancherlei höchst interessanten Parallelen und Aehnlichkeiten 
verfolgen, welche sich zwischen der Bildung der vollkommensten 
Anorgane, der Krystalle, und der Bildung der einfachsten Or- 
ganismen, der Moneren und der nächst verwandten Protisten- 
Formen, vorfinden. Ich muss Sie in dieser Beziehung auf die 
eingehende Vergleichung der Organismen und der Anor- 
gane verweisen, welche ich im fünften Kapitel meiner generellen 
Morphologie durchgeführt habe (Gen. Morph. I, 111 bis 166). Dort 
habe ich ausführlich bewiesen, dass durchgreifende Unterschiede 
zwischen den organischen und anorganischen Naturkörpern weder 
in Bezug auf Form und Structur, noch in Bezug auf Stoff und 
Kraft existiren; dass die wirklich vorhandenen Unterschiede von 
der eigenthümlichen Natur des Kohlenstoffs abhängen, und 



XV. Aeussere vmd innere Bildungskraft der Organisraenund Anorgane. 359 

dass keine uniibersteigliche Kluft zwischen der organischen und 
der anorgischen Natur existirt. 

Besonders einleuchtend erkennen 8ic diese höchst wichtige 
Thatsache, wenn Sie die Entstehung der Formen bei den 
Krystallen und bei den einfachsten organischen Individuen ver- 
gleichend untersuchen. Auch bei der Bildung der Krystall- 
Individuen treten zweierlei verschiedene, einander entgegenwirkende 
Bildungstriebe in Wirksamkeit. Die innere Gestaltungskraft 
oder der innere Bildungstrieb, welcher der Erblichkeit der Orga- 
nismen entspricht, ist bei dem Krystalle der unmittelbare Aus- 
fluss seiner materiellen Constitution oder seiner chemischen Zu- 
sammensetsiing. Die Form des Krystalles, soweit sie durch diesen 
inneren, ureigenen Bildungstrieb bestimmt wird, ist das Resultat 
der specifisch bestimmten Art und Weise, in welcher sich die 
kleinsten Theilchen der krystallisirenden Materie nach verschie- 
denen Richtungen liin gesetzmässig au einander lagern. Jener 
selbstständigen inneren Bildungskraft, welche der Materie selbst 
unmittelbar anhaftet, wirkt eine zweite formbildende Kraft geradezu 
entgegen. Diese äussere Gestaltungskraft oder den äusseren 
Bildungstrieb können wir bei den Krystallen ebenso gut wie bei 
den Organismen als Anpassung bezeichnen. Jedes Krystall- 
Individuum muss sich während seiner Entstehung ganz ebenso 
wie jedes organische Individuum den umgebenden Einflüssen und 
Existenz-Bedingungen der Aussenwelt unterwerfen und anpassen. 
In der That ist die Form und Grösse eines jeden Krystalles ab- 
hängig von seiner gesammten Umgebung, z.B. von dem Gefäss, 
in welchem die Krystallisation stattfindet, von der Temperatur 
und von dem Luftdruck, unter welchem der Krystall sich bildet, 
von der Anwesenheit oder Abwesenheit ungleichartiger Körper 
u. s. w. Die Form jedes einzelnen Krystalles ist daher ebenso 
wie die Form jedes einzelnen Organismus das Resultat der Gegen- 
wirkung zweier einander gegenüber stehender Factoren, des 
inneren Bildungstriebes, der durch die chemische Constitution 
der eigenen Materie gegeben ist, und des äusseren Bildungs- 
triebes, welcher durch die Einwirkung der umgebenden Materie 
bedingt ist. Beide in Wechselwirkung stehende Gestaltungskräfte 



360 Einheit der organischen und anorgischen Natur. XV. 

sind im Organismus ebenso wie im Krystall rein mechanischer 
Natur, unmittelbar an dem Stoffe des Körpers haftend. Wenn 
man das Wachsthura und die Gestaltung der Organismen als 
einen „Lebens-Process" bezcicimet, so kann man dasselbe eben- 
so gut von dem sich bildenden Krystall behaupten. Die teleo- 
logische Natur-Betrachtung, welche in den organischen Formen 
zweckmässig eingerichtete iSchöpfungs-Maschineu erblickt, muss 
folgerichtiger Weise dieselben auch in den Krystall-Formen an- 
erkennen. Die Unterschiede, welche sich zwischen den einfachsten 
organischen Individuen und den anorgischen KrystaHen vor- 
finden, sind durch den festen Aggregat-Zustand der letzteren, 
durch den fest- flüssigen Zustand der ersteren bedingt. Im 
Uebrigen sind die bewirkenden Ursachen der Form in beiden 
vollstiindig dieselben. Ganz besonders klar drängt sicii Ihnen 
diese Ueberzeugung auf, wenn Sie die höchst merkwürdigen Er- 
scheinungen von dem Wachsthum, der Anpassung und der 
„Wechsel-Beziehung oder Correlation der Theile" bei den ent- 
stehenden Krystallen mit den entsprechenden Erscheinungen bei 
der Entstehung der einfachsten organischen Individuen (Moneren 
und Zellen) vergleichen. Die Analogie zwischen Beiden ist 
so gross, dass wirklich keine scharfe Grenze zu ziehen ist. 
In meiner generellen Morphologie habe ich hierfür eine An- 
zahl von schlagenden Thatsachen angeführt (Gen. Morph. I, 146, 
156, 158). 

Wenn Sie diese „Einheit der organischen und anor- 
gischen Natur", diese wesentliche Uebereinstimmung der Or- 
ganismen und Anorgane in Stoff, Form und Kraft, sich lebhaft 
vor Augen halten, wenn Sie sich erinnern, dass wir nicht im 
Stande sind, irgend welche fundamentalen Unterschiede zwischen 
diesen beiderlei Körper-Gruppen festzustellen (wie sie frülierhin 
allgemein angenommen wurden), so verliert die Frage von der 
Urzeugung sehr viel von der Schw^ierigkeit, welche sie auf den 
ersten Blick zu haben scheint. Die Entstehung des ersten Orga- 
nismus aus anorgischer Materie erscheint uns dann viel leichter 
denkbar und viel verständlicher, als es bisher der Fall war; denn 
jene künstliche absolute Scheidewand zwischen organischer und 



XV. Urzeugung oder Archigonio. Autogonie und Plasmogonie. 361 

anorgischer Natur, zwischen helchlcii und lehlosen Naturkörpern 
ist jetzt l)eseitigt. 

Bei der Frage von der Urzeugung oder Archigonio, die 
wir jetzt bestimmter beantworten können, erinnern Sie sich zu- 
nächst daran, dass wir unter diesem Begriff ganz allgemein die 
eiternlose Zeugung eines organischen Individuums, die 
Entstellung eines Organismus unabhängig von einem elterlichen 
oder zeugenden Organismus verstehen. In diesem Sinne haben 
wir früher die Urzeugung (Archigonia) der Elternzeugung oder 
Fortpflanzung (Tocogonia) entgegengesetzt (S. IßB). Bei dieser 
letzteren entsteht das organische Individuum dadurch, dass ein 
grösserer oder geringerer Theil von einem bereits bestehenden 
Organismus sich ablöst und selbstständig weiter wächst (Gen. 
Morph. II, 32). 

Von der Urzeugung, welche man auch oft als freiwillige 
oder ursprüngliche Zeugung bezeichnet (Generatio spontanea, 
aequivoca, primaria etc.), müssen wir zunächst zwei wesentlich 
verschiedene Arten unterscheiden, nämlich die Autogonie und 
die Plasmogonie. Unter Autogonie verstehen wir die Ent- 
stehung eines einfachsten organischen Individuums in einer an- 
orgischen Bildungs-Flüssigkeit, d.h. in einer Flüssigkeit, 
welche die zur Zusammensetzung des Organismus erforderlichen 
Grundstoffe in einfachen und beständigen Verbindungen gelöst 
enthält (z. B. Kohlensäure, Ammoniak, binäre Salze u. s. w.); 
Plasmogonie dagegen nennen wir die Urzeugung dann, wenn 
der Organismus in einer organischen Bildungs-Flüssigkeit 
entsteht, d. h. in einer Flüssigkeit, welche jene erforderlichen 
Grundstoffe in Form von verwickelten und lockeren Kohlenstoff- 
Verbindungen gelöst enthält (z. B. Eiweiss, Fett, Kohlen-Hydraten 
etc.) (Gen. Morph. I, 174; II, 33). 

Der Vorgang der Autogonie sowohl als der Plasmogonie ist 
bis jetzt noch nicht direct mit voller Sicherheit beobachtet. In 
älterer und neuerer Zeit hat man über die Möglichkeit oder 
Wirklichkeit der Urzeugung sehr zahlreiche und zum Theil auch 
interessante Versuche angestellt. Allein diese Experimente be- 
ziehen sich fast sämmtlich nicht auf die Autogonie, sondern auf 



362 Beweisliraft der Versuche über Urzeugung. XV. 

die Plasmogonie, auf die Entstehung eines Organismus aus bereits 
gebildeter organischer Materie. Offenbar hat aber für unsere 
Schöpfungs- Geschichte dieser letztere Vorgang nur ein unter- 
geordnetes Interesse. Es kommt für uns vielmehr darauf an, die 
Frage zu lösen: „Giebt es eine Autogonie? Ist es möglich, dass 
ein Organismus nicht aus vorgebildeter organischer, sondern aus 
rein anorgischer Materie entsteht?" Daher können wir hier 
auch ruhig alle jene zahlreichen Experimente, welche sich nur 
auf die Plasmogonie beziehen, und in den letzten Jahrzehnten mit 
besonderem Eifer betrieben worden sind, bei Seite lassen; zumal 
sie meist ein negatives Resultat hatten. Angenommen auch, es 
würde dadurch die Wirklichkeit der Plasmogonie streng bewiesen, 
so wäre damit noch nicht die Autogonie erklärt. 

Die Versuche über Autogonie haben bis jetzt ebenfalls kein 
sicheres positives Resultat geliefert. Jedoch müssen wir uns 
von vorn herein auf das bestimmteste dagegen verwahren, dass 
durch diese Experimente die Unmöglichkeit der Urzeugung über- 
haupt nachgewiesen sei. Die allermeisten Naturforscher, welche 
bestrebt waren, diese Frage experimentell zu entscheiden, und 
welche bei Anwendung aller möglichen Vorsichtsmaassregeln unter 
ganz bestimmten Verhältnissen keine Organismen entstehen sahen, 
stellten auf Grund dieser negativen Resultate sofort die Behaup- 
tung auf: „Es ist überhaupt unmöglich, dass Organismen von 
selbst, ohne elterliche Zeugung, entstehen." Diese leichtfertige 
und unüberlegte Behauptung stützten sie einfach und allein auf 
das negative Resultat ihrer Experimente, welche doch weiter Nichts 
beweisen konnten, als dass unter diesen oder jenen, höchst künst- 
lichen Verhältnissen, wie sie durch die Experimentatoren geschaffen 
Avurden, kein Organismus sich bildete. Man kann auf keinen 
Fall aus jenen Versuchen, welche meistens unter den unnatür- 
lichsten Bedingungen in höchst künstlicher AVeise angestellt 
wurden, den Schluss ziehen, dass die Urzeugung überhaupt un- 
möglich sei. 

Die Unmöglichkeit der Urzeugung kann überhaupt 
niemals bew'iesen werden. Denn wie können wir wissen, 
dass in jener ältesten unvordenklichen Urzeit nicht ganz andere 



XV. Entstehung organischer Verbindungen ausserhalb der Organismen. 363 

Bedingungen, als gegenw;irti<i;, exislirtcn, und dass diese eine 
Autogonie ermöglichten? Ja, wir können sogar mit voller Sicher- 
heit positiv behaupten, dass die allgemeinen Lebens-Bedingungen 
der Primordialzeit gänzlich von denen der Gegenwart verschieden 
gewesen sein müssen. Denken Sie allein an die Thatsache, dass 
die ungeheuren Massen von Kohlenstolf, welche wir gegenwärtig 
in den primären Steinkohlengebirgen abgelagert finden, erst durch 
die Thätigkeit des PHanzenlebens in feste Form gebracht wurden; 
sie sind die mächtig zusammengepressten und verdichteten Ueber- 
reste von zahllosen Pflanzenleichen, die sich im Laufe vieler 
Millionen Jahre anhäuften. Allein zu der Zeit, als auf der ab- 
gekühlten Erdrinde, nach der Entstehung des tropfbar- llüssigen 
Wassers, zum ersten Male Organismen durch Urzeugung sich bil- 
deten, waren jene uuermesslichen Kohlenstoffquantitäten in ganz 
anderer Form vorhanden, wahrscheinlich grösstentheils in Form 
von Kohlensäure in der Atmosphäre vertheilt. Die ganze Zu- 
sammensetzung der Atmosphäre war also ausserordentlich von 
der jetzigen verschieden. Ferner waren, wie sich aus chemischen, 
physikalischen und geologischen Gründen schliesseu lässt, der 
Dichtigkeitszustand und die elektrischen Verhältnisse der Atmo- 
sphäre ganz andere. Ebenso war auch jedenfalls die chemische 
und physikalische Beschaffenheit des Urmeeres, welches damals 
als eine ununterbrochene Wasserhülle die ganze Erdoberfläche im 
Zusammenhang bedeckte, ganz eigenthümlich. Temperatur, Dich- 
tigkeit, Salzgehalt u. s. w. müssen sehr von denen der jetzigen 
Meere verschieden gewesen sein. Es bleibt also auf jeden Fall 
für uns, wenn wir auch sonst Nichts weiter davon wissen, die 
Annahme wenigstens nicht bestreitbar, dass zu jener Zeit unter 
ganz anderen Bedingungen eine Urzeugung möglich gewesen sei, 
die heutzutage vielleicht nicht mehr möglich ist. 

Nun kommt aber dazu, dass durch die neueren Fortschritte 
der Chemie und Physiologie das Eäthselhafte und Wunderbare, 
das zunächst der viel bestrittene und doch nothwendige Vorgang 
der Urzeugung an sich zu haben scheint, grösstentheils oder 
eigentlich ganz zerstört worden ist. Es ist kaum seclizig Jahre 
her, dass sämmtliche Chemiker behaupteten, wir seien nicht im 



364 Bedeutung der Moneren für die Urzeugung. XV. 

Stande, irgend eine zusammengesetzte Koldeiistoffverbindung oder 
eine sogenannte „organische Verbindung" künstlich in unseren 
Laboratorien herzustellen. Nur die mystische „Lebenskraft" sollte 
diese Verbindungen zu Stande bringen können. Als daher 1828 
Wohl er in Göttingen zum ersten Male dieses Dogma thatsäch- 
lich widerlegte, und auf künstlichem Wege aus rein anorgischen 
Körpern (Cyan- und Ammoniak-Verbindungen) den rein „organi- 
schen" Harnstoff darstellte, war man im höchsten Grade erstaunt 
und überrascht. In der neueren Zeit ist es nun durch die Fort- 
schritte der synthetischen Chemie gelungen, derartige „organische" 
Kohlenstoff- Verbindungen rein künstlich in grosser Mannichfaltig- 
keit in unseren Laboratorien aus anorgischen Substanzen herzu- 
stellen, z. B. Alkohol, Essigsäure, Ameisensäure u. s. w. Selbst 
viele höchst verwickelte Kohlenstoff-Verbindungen werden jetzt 
künstlich zusammengesetzt, so dass alle Aussicht vorhanden ist, 
auch die am meisten zusammengesetzten und zugleich die wich- 
tigsten von allen, die Eiweiss-Verbindungen der Plasson-Körper, 
früher oder später künstlich in unseren chemischen Werkstätten 
zu erzeugen. Dadurch ist aber die tiefe Kluft zwischen organischen 
und anorgischen Körpern, die man früher allgemein festhielt, 
grösstentheils oder eigentlich ganz beseitigt, und für die Vor- 
stellung der Urzeugung der Weg gebahnt. 

Von noch grösserer, ja von der allergrössten Wichtigkeit für 
die Hypothese der Urzeugung sind endlich die höchst merkwürdigen 
Moneren, jene schon vorher mehrfach erwähnten Lebewesen, 
welche nicht nur die einfachsten beobachteten, sondern auch über- 
haupt die denkbar einfachsten von allen Organismen sind'^). 
Schon früher, als wir die einfachsten Erscheinungen der Fort- 
pflanzung und Vererbung untersuchten, habe ich Hmen diese 
wunderbaren „Organismen ohne Organe" beschrieben. Wir 
kennen jetzt schon acht oder zehn verschiedene Gattungen solcher 
Moneren, von denen einige im süssen Wasser, andere im Meere 
leben (vergl. oben S. 164—167, sowie Taf. I und deren Erklärung 
unten im Anhang). In vollkommen ausgebildetem und frei be- 
weglichem Zustande stellen sie sämmtlich weiter Nichts dar, als 
ein structurloses Klümpchen einer eiweissartigen Kohlenstoff- Ver- 



XV. Entstehung der Moneren durch Urzeugung. 365 

biiidung. Nur durch die Art der Fortpflanzung und Entwickelung, 
sowie der Nahrungsaufnahme, sind die einzelnen Gattungen und 
Arten ein wenig verscliieden. Durch die Entdeckung dieser Or- 
ganismen, die von der allergrössten Bedeutung ist, verliert die 
Annahme einer Urzeugung den grössten Theil ihrer Schwierig- 
keiten. Denn da denselben noch jede Organisation, jeder Unter- 
schied ungleichartiger Tlieile fehlt, da alle Lebens-Erscheinungen 
von einer und derselben gleichartigen und formlosen Materie voll- 
zogen werden, so können wir uns ihre Entstehung durch Urzeu- 
gung sehr wohl denken. Geschieht dieselbe durch Plasmogonie, 
ist bereits lebensfähiges Plasma vorhanden, so braucht dasselbe 
bloss sich zu individualisiren, in gleicher Weise, wie bei der 
Krystalllnldung sich die Mutterlauge der Krystalle individualisirt. 
Geschieht dagegen die Urzeugung der Moneren durch wahre Auto- 
gonie, so ist dazu noch erforderlich, dass vorher jenes lebens- 
fähige Plasson, jener Urschleim, aus einfacheren Kohlenstoff- Ver- 
bindungen sich bildet. Jedenfalls muss ursprünglich die Auto- 
gonie der Plasmogonie vorhergegangen sein. 

Da wir jetzt im Stande sind, in unseren chemischen Laborato- 
rien ähnliche zusamrnengesetzte Kohlenstoff- Verbindungen künstlich 
herzustellen, so liegt durchaus kein Grund für die Annahme vor, 
dass nicht auch in der freien Natur sich Verhältnisse finden, 
unter denen ähnliche Verbindungen entstehen können. Sobald 
man früherhin die Vorstellung der Urzeugung zu fassen suchte, 
scheiterte man an der organologischen Zusammensetzung auch der 
einfachsten Organismen, welche man damals kannte. Erst seitdem 
wir mit den höchst wichtigen Moneren bekannt geworden sind, 
ist jene Hauptschwierigkeit gelöst. Denn in den structurlosen 
Plasma-Körpern der Moneren haben wir Organismen kennen gelernt, 
welche gar nicht aus Organen zusammengesetzt sind, welche bloss 
aus einer einzigen, chemisch gleichartig zusammengesetzten Masse 
bestehen, und dennoch wachsen, sich ernähren und fortpflanzen. 
Die Hypothese der Urzeugung hat dadurch denjenigen Grad von 
Wahrscheinlichkeit gewonnen, welcher sie berechtigt, die Lücke 
zwischen Kant's Kosmogenie und Lamarck's Descendenz-Theorie 
auszufüllen. 



366 Entstehung der Zellen aus Ifoneren. XV. 

Nur solche homogene, noch gar nicht clifferenzirte Organis- 
men, welche in ihrer gleichartigen molekularen Zusammensetzung 
den anorgischen Krystallen gleichstehen, konnten durch Urzeugung 
entstellen, und konnten die Ureltern aller übrigen Organismen 
werden. Bei der weiteren Entwickelung derselben haben wir als 
den wichtigsten Vorgang zunächst die Bildung eines Kernes 
(Nucleus) in dem structurlosen Plasson-Klümpchen anzusehen. 
Diese können wir uns physikalisch als Verdichtung der innersten, 
centralen Eiweiss-Theilchen vorstellen, womit eine chemische Ver- 
änderung derselben Hand in Hand ging. Die dichtere centrale 
Masse, welche anfangs allmählich in das peripherische Plasma 
überging, sonderte sich später ganz von diesem ab und bildete 
so ein selbstständiges rundes, chemisch etwas verschiedenes Eiweiss- 
Körperchen, den Kern. Durch diesen Vorgang ist aber bereits 
aus dem Moner eine Zelle geworden. Dass nun die weitere 
Entwickelung aller übrigen Organismen aus einer solchen Zelle 
keine Schwierigkeit hat, wird aus den bisherigen Vorträgen klar 
geworden sein. Denn jedes Thier und jede Pflanze ist im Be- 
ginn des individuellen Leben.s eine einfache Zelle. Der Mensch 
so gut wie jedes andere Thier ist anfangs weiter Nichts, als eine 
einfache Ei-Zelle, eine Plasma-Kugel mit Kern (S. 295, Fig. 5). 

Aehidich wie der Kern der organischen Zellen durch Son- 
derung aus der centralen Masse der ursprünglich gleichartigen 
Plasma-Klümpchen entstand, bildete sich die erste Zellhaut 
oder Membran an deren Oberfläche. Auch diesen einfachen 
aber höchst wichtigen Vorgang können wir, wie schon oben be- 
merkt, entweder durch einen chemischen Niederschlag oder eine 
physikalische Verdichtung in der oberflächlichsten Rindenschicht 
erklären, oder auch durch eine Ausscheidung. Eine der ersten Anpas- 
sungsthätigkeiten, welche die durch Urzeugung entstandenen Mo- 
neren ausübten, wird die Verdichtung einer äusseren Rinden- 
schicht gewesen sein, welche als schützende Hülle das weichere 
Innere gegen die angreifenden Einflüsse der Aussenwelt abschloss. 
War aber erst durch Verdichtung der homogenen Moneren im 
Inneren ein Zellenkern, an der Oberfläche eine Zellhaut entstan- 
den, so waren damit alle die fundamentalen Formen der Bau- 



XV. Zellen-Tlieone niu] Plastideii-TIieorie. B67 

steine gegeben, aus denen durch unendlich manniclifaltige Zu- 
sammensetzung sich erlahrungsgemiiss der Körper s.'iinmtliclier 
höheren Organismen aufbaut. 

Wie schon früher erwähnt, beruht unser ganzes Verständ- 
niss des Organismus wesentlich auf der von Schieiden und 
Schwann im Jahre 1838 aufgestellten Zellentheorie. Danach 
ist jeder Organismus entweder eine einfache Zelle oder eine Ge- 
meinde, ein Staat von eng verbundenen Zellen. Die gesammten 
Formen und Lebens-Erscheinungen eines jeden vielzelligen Orga- 
nismus sind das Gesammtresultat der Formen und Lebens-Er- 
scheinuugen aller einzelnen ihn zusammensetzenden Zellen. In 
Folge der neueren Fortschritte der Zellen-Lehre ist es nöthig ge- 
worden, die Elementar-Organismeu oder die organischen „Lidi- 
viduen erster Ordnung", welche man gewöhnlich als „Zellen" 
bezeichnet, mit dem allgemeineren und passenderen Namen tler 
Bildnerinnen oder Piastiden zu belegen. Wir unterscheiden 
unter diesen Bildnerinnen zwei Hauptgruppen, nämlich Cytoden 
und echte Zellen. Die Cytoden sind kernlose Plasmastücke, 
gleich den Moneren (S. 166, Fig. 1). Die Zellen dagegen sind 
Plasmastücke, welche einen Kern oder Nucleus enthalten (S. 169, 
Fig. 2). Jede dieser beiden Haupt-Formen von Piastiden zerfällt 
wieder in zwei untergeordnete Form-Gruppen, je nachdem sie eine 
äussere Umhüllung (Haut, Schale oder Membran) besitzt oder 
nicht. Wir können demnach allgemein folgende vier verschie- 
dene Plastiden-Arten unterscheiden: 1. ' Urcytoden (S. 166, 
Fig. lA); 2. Hül,l cytoden; 3. Urzellen (S. 169, Fig. 2B); 
4. Hüll Zellen (S. 169, Fig. 2A). 

W^as das Verhältniss dieser vier Piastiden -Formen zur ITr- 
zeugung betrifft, so ist folgendes das Wahrscheinlichste: 1. die 
Urcytoden (Gymnocytoda), nackte Plasmastücke ohne Kern, 
gleich den heute noch lebenden Moneren, sind die einzigen Pla- 
stiden, welche unmittelbar durch Urzeugung entstanden; 2. die 
Hüll cytoden (Lepocytoda), Plasmastücke ohne Kern, welche von 
einer Hülle (Membran oder Schale) umgeben sind, entstanden 
aus den Urcytoden entweder durch Verdichtung der oberfläch- 
lichsten Plasmaschichten oder durch Ausscheidung einer Hülle; 



368 . ^^'^^ Plastiden-Tlieorie und die ürzeiigimgs-TTypothese. XV. 

3. Die Urzellen (Gymiiocyta) oder nackte Zellen, Plasmastücke 
mit Kern, aber ohne Hülle, entstanden aus den Urcytoden durch 
Verdichtung der innersten Plasma-Theile zu einem Kerne oder 
Nucleus, durch Difterenzirung von centralem Kerne und peri- 
pherem Zellstoff; 4. die Hüllzellen (Lepocyta) oder Hautzellen, 
Plasma-Stücke mit Kern und mit äusserer Hülle (Membran oder 
Schale), entstanden entweder aus den Hüllcytoden durch Bildung 
eines Kernes oder aus den Urzellen durch Bildung einer Mem- 
bran. Alle übrigen Formen von Bildnerinnen oder Piastiden, 
Avelche ausserdem noch vorkommen, sind erst nachträglich durch 
Cellular-Selection, durch Abstammung mit Anpassung, durch 
Differenzirung um! rnil)ilduiig aus jenen vier Grund-Formen ent- 
standen (S. 255). 

Diese Plastiden-Theorie, diese Ableitung aller verschie- 
denen Plastiden-Formcn (und somit auch aller aus ihnen zusam- 
mengesetzten Organismen) von den Moneren, bringt einfachen 
und natürlichen Zusammenhang in die gesammte Entwickelungs- 
Theorie. Die Entstehung der ersten Moneren durch Urzeugung er- 
scheint uns als ein einfacher und nothwendiger Vorgang in dem 
Entwickelungs-Process des Erdkörpers. Ich gebe zu, dass dieser 
Vorgang, so lange er noch nicht direct beobachtet oder durch 
das Experiment wiederholt ist, eine reine Hypothese bleibt. Allein 
ich wiederhole, dass diese Hypothese für den ganzen Zusammen- 
hang der natürlichen Schöpfungsgeschichte unentbehrlich ist, dass 
sie an sich durchaus nichts Gezwungenes und Wunderbares mehr 
hat, und dass sie keinesfalls positiv widerlegt werden kann. Ausser- 
dem würde auch der Vorgang der Urzeugung, selbst wenn 
er alltäglich und stündlich noch heute stattfände, auf 
jeden Fall äusserst schwierig zu beobachten, ja mit un- 
trüglicher Sicherheit als solcher überhaupt kaum festzustellen sein. 
Diese Ansicht theilt auch der scharfsinnige Naegeli, welchen in 
seinem vortrefflichen Capitel über Urzeugung den Satz aufstellt: 
„Die Urzeugung leugnen heisst das Wunder verkünden." 



Der 

Natürliclieii Scliöpfimgs-Gescliiclite 

Zweiter Theil: 

Allgemeine Stammes- Gescliiclite. 
(Pbylogenie und Anthropogenie). 

XVI— XXX. Vortrag. 



Haeokel, Natiirl. Scliüpfiiugs-CJescIi. y. AuH. 2'4 



Seclizeliiiter Vortrag. 

Schöpfuiigs-Periodeii und Schöpfuiigs-lJrkuiuleii. 



Reform der Systematik durch die Descendenz-Theorie. Das natürliclie 
System als Stammbaum. Paläontologische Urkunden des Stammbaumes. Die 
Versteinerungen als Denkmünzen der Schöpfung. Ablagerung der neptuni- 
schen Schichten und Einschluss der organischen Reste. Eintheilung der or- 
ganischen Erd-Geschichte in fünf Haupt-Perioden: Zeitalter der Tang-Wälder, 
Farn-Wälder, Nadel-Wälder, Laul)-Wälder und Cultur-Wälder. System der 
ueptunischen Schichten. Unermessliche Dauer der während ihrer Bildung 
verflossenen Zeiträume. Ablagerung der Schichten nur während der Senkung, 
nicht während der Hebung des Bodens. Andere Lücken der Schöpfungs- 
Urkunde. Metamorphischer Zustand der ältesten neptunischen Schichten. 
Geringe Ausdehnung der paläontologischen Erfahrungen. Geringer Bruch- 
theil der versteinerungsfähigen Organismen und organischen Körpertheile. 
Seltenheit vieler versteinerten Arten. Mangel fossiler Zwischen-Formeu. Die 
Schöpfungs-Urkunden der Ontogenie und der vergleichenden Anatomie. 

Meine Herren! Die geschiclitliclie Auffassung des organischen 
Lebens, welche die Abstammiings-Lehre in die biologischen Wissen- 
schaften eingefiilu't hat, fördert nächst der Anthropologie keinen 
anderen Wissenschaftszweig so sehr, als den beschreibenden Theil 
der Naturgeschichte, die systematische Zoologie und Botanik. Die 
meisten Naturforscher, die sich bisher mit der Systematik der 
Thiere und Pflanzen beschäftigten, sammelten, benannten und ord- 
neten die verschiedenen Arten dieser Naturkörper mit einem 
ähnlichen Interesse, wie die Alterthumsforscher und Ethnographen 
die Waffen und Geräthschaften der verschiedenen Völker sammeln. 
Viele erhoben sich selbst nicht über denjenigen Grad der WLssbe- 
gierde, mit dem man Wappen, Briefmarken und ähnliche Curiositäteu 
zu sammeln, zu etikettiren und zu ordnen pflegt. In ähnlicher Weise 

24* 



372 ^^^ natürliche System als Stammbaum der Organismen. XVI. 

^vic diese Sammler au der Formen -Mannichfaltigkeit, Schönheit 
oder Seltsamkeit der Wappen, Briefmarken u. s. w. ihre Freude 
finden, und dabei die erfinderische Bildungskmist der Menschen 
bewundern, in ähnlicher Weise ergötzten sich die meisten Natur- 
forscher an den mannichfaltigen Formen der Thiere und Pflanzen, 
und erstaunten über die reiche Phantasie des Schöpfers, über seine 
unermüdliche Schöpfungsthätigkeit und über die seltsame Laune, 
in welcher er neben so vielen schönen und nützlichen Organismen 
auch eine Anzahl hässlicher und unnützer Formen gebildet habe. 

Diese kindliche Behandlung der systematischen Zoologie und 
Botanik wird durch die Abstammungs-Lehre gründlich vernichtet. 
An die Stelle des oberflächlichen und spielenden Interesses, mit 
welchem die Meisten bisher die organischen Gestalten betrachte- 
ten, tritt das weit höhere Interesse des erkennenden Verstandes, 
welcher in der Form-A'erwandtschaft der Organismen ihre 
wahre Stamm -Verwandtschaft erblickt. Das natürliche 
System der Thiere und Pflanzen, welches man früher ent- 
weder nur als Namenregister zur übersichtlichen Ordnung der 
verschiedenen Formen oder als Sachregister zum kurzen Ausdruck 
ihres Aehnlichkeits-Grades schätzte, erhält durch die Abstammungs- 
Lehre den ungleich höheren AVerth eines wahren Stammbaumes 
der Organismen. Diese Stammtafel soll uns den genealogischen 
Zusammenhang der kleineren und grösseren Gruppen enthüllen. 
Sie soll zu zeigen versuchen, in welcher AVeise die verschiedenen 
Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten des Thier- 
und Pflanzenreichs den verschiedenen Zweigen, Aesten und Ast- 
gruppen ihres Stammbaums entsprechen. Jede w^eitere und höher ' 
stehende Kategorie oder Gruppenstufe des Systems (z. B. Klasse, 
Ordnung) umfasst eine Anzahl von grösseren und stärkeren Zwei- 
gen des Stammbaums, jede engere und tiefer stehende Kategorie 
(z. B. Gattung, Art) nur eine kleinere und schwächere Gruppe 
von Aestchen. Nur wenn wir in dieser Weise das natürliche 
System als Stammbaum betrachten, können wir den wahren Werth 
desselben erkennen. 

Dieser genealogischen Auffassung des organischen Systems 
gehört ohne Zweifel allein die Zukunft. Auf sie gestützt, können 



XVI. Paläontologischc Urkundea des Stammbaumes. 373 

\vii- uns jetzt 7Ai einer der wesentlichsten, al)er aucli scliwieriu;sten 
Aufgaben der „natürlichen Schöprungsgeschichte" wenden, näm- 
lich zur wirklichen Construction der organischen Stammbäume, 
fyassen Sie uns sehen, wie weit wir vielleicht schon jetzt im 
Stande sind, alle verschiedenen organischen Formen als die diver- 
genten Nachkommen einer einzigen oder einiger wenigen gemein- 
schaftlichen Stamm-Formen nachzuweisen. Wie können wir uns 
aber den wirklichen Stammbaum der thierischen und pflanzlichen 
Formen-Gruppen aus den dürftigen und fragmentarischen, bis jetzt 
darüber gewonnenen Erfahrungen construiren? Die Antwort hierauf 
liegt schon zum Theil in demjenigen, was wir früher über den Paral- 
lelismus der drei Entwickelungs-Reihen bemerkt hal)en, über den 
wichtigen ursächlichen Zusammenhang, welcher die paläontologi- 
sche Entwickelung der ganzen organischen Stämme mit der em- 
bryologischen Entwickelung der Individuen und mit der systema- 
tischen Entwickelung der Gruppen-Stufen verbindet. 

Zunächst werden wir uns zur Lösung dieser schwierigen 
Aufgabe an die Paläontologie oder Versteinerungskunde 
zu wenden haben. Denn wenn wirklich die Descendenz- 
Theorie wahr ist, wenn wirklich die versteinerten Reste der 
vormals lebenden Thiere und Pflanzen von den ausgestorl)enen 
Urahnen und Vorfahren der jetzigen Organismen herrühren, so 
müsste uns eigentlich ohne Weiteres die Kenntniss und Verglei- 
clmng der Versteinerungen den Stammbaum der Organismen auf- 
decken. So einfach und einleuchtend dies nach dem theoretisch 
entwickelten Prinzip erscheint, so ausserordentlich schwierig und 
verwickelt gestaltet sich die Aufgabe, wenn man sie wirklich in 
Angriff nimmt. Ihre practische Lösung würde schon sehr schwie- 
rig sein, wenn die Versteinerungen einigermaassen vollständig 
erhalten wären. Das ist aber keineswegs der Fall. Vielmehr ist 
die handgreifliche Schöpfungs-L^rkunde, welche in den Versteine- 
rungen begraben liegt, über alle jMaassen unvollständig. Daher 
erscheint es jetzt vor Allem nothwendig, diese Urkunde kritisch 
zu prüfen, und den Werth, welchen die Versteinerungen für die 
Entwickelungs-Geschichte der organischen Stämme besitzen, zu 
bestimmen. Da wir die allgemeine Bedeutung der V^ersteinerun- 



374 Ablagerung der versteinerungsführendeii Erdschichten. XVI. 

gen als „Denkmünzen der Schöpfung" bereits früher erörtert 
haben, als wir Ciivier's Verdienste um die Petrefacten- Kunde 
betrachteten (S. 49), so können wir jetzt sogleich zur Untersuchung 
der Bedingungen und Verhältnisse übergehen, unter denen die 
organischen Körperreste versteinert und in mehr oder weniger 
kenntlicher Form erhalten wurden. 

In der Regel finden wir Versteinerungen oder Petrefacten 
nur in denjenigen Gesteinen eingeschlossen, welche schichtenweise 
als Schlamm im Wasser abgelagert wurden, und welche man des- 
halb neptunische, geschichtete oder sedimentäre Gesteine nennt. 
Die Ablagerung solcher Schichten konnte natürlich erst beginnen, 
nachdem im Verlaufe der Erdgeschichte die Verdichtung des 
Wasserdampfes zu tropfbar- llüssigem AVasser erfolgt war. Seit 
diesem Zeitpunkt, welchen wir im letzten Vortrage bereits be- 
trachtet hatten, begann nicht allein das organische Leben auf der 
Erde, soucUm-ü auch eine ununterbrochene und höchst wichtige 
Umgestaltung der erstarrten anorgischen Erdrinde. Das Wasser 
begann seitdem jene ausserordentlich wichtige mechanische Wirk- 
samkeit, durch welche die Erdoberfläche fortwährend, wenn auch 
langsam, umgestaltet wird. Ich darf wohl als bekannt voraus- 
setzen, welchen ausserordentlich bedeutenden Einfluss in dieser 
Beziehung noch jetzt das Wasser in jedem Augenblick ausübt. 
Indem es als Regen niederfällt, die obersten Schichten der Erd- 
rinde durchsickert und von den Erhöhungen in die Vertiefungen 
herabfliesst, löst es verschiedene mineralische Bestandtheile des 
Bodens chemisch auf und spült mechanisch die locker zusammen- 
hängenden Theilchen ab. An den Bergen herabfliessend führt 
das Wasser den Schutt derselben in die Ebene und lagert ihn 
als Schlamm im stehenden AVasser ab. So arbeitet es beständig 
an einer Erniedrigung der Berge und Ausfüllung der Thäler. 
Ebenso arbeitet die Brandung des Meeres ununterbrochen an der 
Zerstörung der Küsten und an der Auffüllung des Meerbodens 
durch die herabgeschlämmten Trümmer. So würde schon die 
Thätigkeit des Wassers allein, wenn sie nicht durch andere Um- 
stände wieder aufgewogen würde, mit der Zeit die ganze Erde 
nivelliren. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Ge- 



XVI. Ablagerung der versteinerungsfiilireudcn Erdsrliichfen. 875 

liiriisniassen, welche alljiihilicli ;ils Sclilaium dem Meere zugeführt 
werden und sich auf dessen Boden absetzen, so bedeutend sind, 
dass im Verlauf einer längeren oder kürzeren Periode, vielleicht 
von wenigen Millionen Jahren, die Erdoberdäche vollkommen ge- 
ebnet und von einer zusammenhängenden Wasserschale umschlos- 
sen werden würde. Dass dies nicht geschieht, verdanken wir der 
fortdauernden vulkanischen Gegenwirkung des feurig-flüssigen Erd- 
iiuieren. J)iese Reaction des geschmolzenen Kerns gegen die feste 
Riüde bedingt ununterbrochen wechselnde Hebungen und Senkun- 
gen an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche. Meistens 
geschehen diese Hebungen und Senkungen sehr langsam; allein 
indem sie Jahrtausende hindarch fortdauern, bringen sie durch 
Summirung der kleinen Einzelwirkungen nicht minder grossartige 
Resultate hervor, wie die entgegenwirkende und nivellirendc Thä- 
tigkeit des Wassers. 

Indem die Hebungen und Senkungen der verschiedeneu Erd- 
theile im Laufe von Jahrmillionen vielfach mit einander wechseln, 
kömmt bald dieser bald jener Theil der Erdoberfläche iil)er oder 
unter den Spiegel des Meeres. Beispiele dafür habe ich schon 
früher angeführt (S. 327). Es giebt wahrscheinlich keinen Ober- 
flächentheil der Erdrinde, der nicht in Folge dessen schon wieder- 
holt über oder unter dem Meeresspiegel gewesen wäre. Durch 
diesen vielfachen Wechsel erklärt sich die Mannichfaltigkeit und 
die verschiedenartige Zusammensetzung der zahlreichen neptuni- 
schen (resteinschichten, welche sich an den meisten Stellen in 
beträchtlicher Dicke über einander abgelagert haben. In den ver- 
schiedenen Geschichts- Perioden, während deren die Ablagerung 
statt fand, lebte eine mannichfach verschiedene Bevölkerung von 
Thieren und Pflanzen. Wenn die Leichen derselben auf den 
Boden der Gewässer herabsanken, drückten sie ihre Körperform 
in dem weichen Schlamme ab, und unverwesliche Theile, harte 
Knochen, Zähne, Schalen u. s. w. wurden unzerstört in demselben 
eingeschlossen. Sie blieben in dem Schlamm, der sich zu neptu- 
nischem Gestein verdichtete, erhalten, und dienen nun als Verstei- 
nerungen zur Charakterik der betreflenden Schichten. Durch sorg- 
fältige Vergleichung der verschiedenen über einander gelagerten 



376 Eintheihmg der Erd-Geschichte in geologische Perioden. XVI. 

Schichten und der in ihnen enthaltenen Versteinerungen ist es 
so möglich geworden, sowohl das relative Alter der Schichten und 
Schichten -flruppen zu bestimmen, als auch die Haupt-Momente 
der Phylogenie oder der Entwickelungs-Geschichte der Thier- und 
Pflanzen-Stämme empirisch festzustellen. 

Die verschiedenen über einander abgelagerten Schichten der 
neptunischen Gesteine, welche in sehr mannichfaltiger Weise aus 
Kalk, Thon und Sand zusammengesetzt sind, haben die Geologen 
gruppenweise in ein ideales System zusammengestellt, welches 
dem ganzen Zusammenhange der organischen Erdgeschichte 
entspricht, d. h. desjenigen Theiles der Erdgeschichte, während 
dessen organisches Leben existirte. Wie die sogenannte „Welt- 
geschichte" in grössere oder kleinere Perioden zerfällt, welche 
durch den zeitweiligen Entwickelungs-Zustand der bedeutendsten 
Völker charakterisirt und durch hervorragende Ereignisse von ein- 
ander abgegrenzt werden, so theilen wir auch die unendlich län- 
gere organische Erdgeschichte in eine Reihe von grösseren oder 
kleineren Perioden ein. Jede dieser Perioden ist durch eine cha- 
rakteristische Flora und Fauna, durch die besonders starke Ent- 
wickelung einer bestimmten Pflanzen- oder Thier- Gruppe ausge- 
zeichnet, und jede ist von der vorhergehenden und folgenden 
Periode durch einen auffallenden theil weisen Wechsel in der Zu- 
sammensetzung der Thier- und Pflanzen-Bevölkerung getrennt. 

Für die nachfolgende Üebersicht des historischen Entwicke- 
lungsganges, den die grossen Thier- und Pflanzen-Stämme genom- 
men haben, ist es nothwendig, zunächst hier die systematische 
Classification der neptunischen Schichten -Gruppen und der den- 
selben entsprechenden grösseren und kleineren Geschichts-Perioden 
anzugeben. Wie Sie sogleich sehen werden, sind wir im Stande, 
die ganze Masse der übereinanderliegenden Sedimentgesteine in 
fünf oberste Haupt-Gruppen oder Terrains, jedes Terrain in 
mehrere untergeordnete Schichten -Gruppen oder Systeme, und 
jedes System von Schichten wiederum in noch kleinere Gruppen 
oder Formationen einzutheilen ; endlich kann auch jede For- 
mation wieder in Etagen oder Unter-Formationen, und jede von 
diesen wiederum in noch kleinere Lagen, Bänke u. s. w. geschieden 



XVI. (^Polii(risrhe Classification der rieptunischen SchichtPii-diiipppn. 377 

werden. Jeiles der fünf grossen Terr;iiiis wurde während eines 
grossen Hauptal)schnittes der Erdgescliiclite, während eines Zeit- 
alters, abgelagert; jedes System während einer kürzeren Periode, 
jede Formation während einer noch kürzeren Epo'c he u. s. w. In- 
dem wir so die Zeiträume der organischen Erdgeschichte und die 
während derselben abgelagerten neptunischen und versteinerungs- 
führenden Erdschichten in ein gegliedertes System bringen, ver- 
fahren wir genau wie die Historiker, welche die Völkergeschichte 
in die drei Haupt -Abschnitte des Alterthums, des Mittelalters 
und der Neuzeit, und jeden dieser Abschnitte wieder in unter- 
geordnete Perioden und Epochen eintheilen. Wie aber der Histo- 
riker durch diese scharfe systematische Eintheilung und durch die 
bestimmte Abgrenzung der Perioden durch einzelne Jahreszahlen 
nur die Uebersicht erleichtern und keineswegs den ununterbroche- 
nen Zusammenhang der Ereignisse und der Völker-Entwickelung 
leugnen will, so gilt ganz dasselbe auch von unserer systemati- 
schen Eintheilung, Specification oder Classification der organischen 
Erdgeschichte. Auch hier geht der rothe Faden der zusammen- 
hängenden Entwickelung überall ununterbrochen hindurch. Wir 
verwahren uns also ausdrücklich gegen die Anschauung, als woll- 
ten wir durch unsere scharfe Abgrenzung der grösseren und klei- 
neren Schichten-Ciruppen und der ihnen entsprechenden Zeiträume 
irgendwie an Cuvier's Lehre von den Erd-Revolutionen und von 
den wiederholten Neuschöpfungen der organischen Bevölkerung 
anknüpfen. Dass diese irrige Lehre durch Lyell längst gründ- 
lich widerlegt ist, habe ich ihnen bereits früher gezeigt. (Vergl. 
S. 113.) 

Die fünf grossen Haupt-Abschnitte der organischen Erdgeschichte 
oder der paläontologischen Entwickelungs- Geschichte bezeichnen 
wir als primordiales, primäres, secundäres, tertiäres und quartäres 
Zeitalter. Jedes ist durch die vorwiegende Entwickelung bestimm- 
ter Thier- und Pflanzen-Gruppen in demselben bestimmt charak- 
terisirt, und wir könnten demnach auch die fünf Zeitalter einer- 
seits durch die natürlichen Haupt-Gruppen des Pflanzenreichs, 
andererseits durch die verschiedenen Classen des Wirbelthier- 
Stammes anschaulich bezeichnen. Dann wäre das erste oder 



378 t*ie f'iiif Zeitalter der organischen Erd-rieschichte. XVI. 

primorrliale Zeitalter dasjenige der Tange und Schädellosen, das 
zweite oder primäre Zeitalter das der Farne und Fische, das 
dritte oder secundäre Zeitalter das der Nadel-Wälder und Schlei- 
cher, das vierte oder tertiäre Zeitalter das der Laub-Wälder und 
Säugethiere, endlich das fünfte oder (|uartäre Zeitalter dasjenige 
des Menschen und seiner Cultur. Die Abschnitte oder Perioden, 
welche wir in jedem der fünf Zeitalter unterscheiden (S. 282), 
werden durch die verschiedenen Systeme von Schichten bestimmt, 
in die jedes der fünf grossen T err ai n s zerf;illt(S.283). Lassen Sie uns 
jetzt noch einen flüchtigen Blick auf die Reihe dieser Systeme und 
zugleich auf die Bevölkerung der fünf grossen Zeitalter werfen. 

-Den ersten und liingston Jlau])t-Abscluiitt der organischen 
Erdgeschichte bildet die Primordialzeit oder das Zeitalter der 
Tang-Wälder, das auch das archolithische oder archozoische 
Zeitalter genannt w'erden kann. Es umfasst den ungeheuren Zeit- 
raum von der ersten Ur-Zeugung, von der Entstellung des ersten 
irdischen Organismus, bis zum Ende der silurischen Schichtenbil- 
dung. Während dieses unermesslichen Zeitraums, welcher wahr- 
scheinlich viel länger war, als alle übrigen vier Zeiträume zusam- 
mengenommen, lagerten sich die drei mächtigsten von allen 
neptunischen Schichten-Systemen al), nämlich zu unterst das lau- 
rentische, darüber das cambrische und darüber das siluri- 
sche System. J)ie ungefähre Dicke oder IMächtigkeit dieser drei 
Systeme zusammengenommen beträgt siebzigtausend Fuss. Davon 
kommen ungefähr 30,000 auf das laurentische, 18.000 auf das 
cambrische und 22,000 auf das silurische System. Die durch- 
schnittliqhe Mächtigkeit aller vier übrigen Terrains, des primären, 
sccundären, tertiären und cjuartären zusammengenommen, mag 
dagegen etwa höchstens 60,000 Fuss betragen, und schon hieraus, 
abgesehen von vielen anderen Gründen, ergiebt sich, dass die 
Dauer der Primordialzeit wahrscheinlich viel länger war, als die 
Dauer der folgenden Zeitalter bis zur Gegenwart zusammengenom- 
men. Viele ^lillionen von Jahrhunderten müssen zur Ablagerung 
solcher Schichtenmassen erforderlich gewesen sein. Leider befindet 
sich der bei weitem grösste Theil der primordialen Schichten- 
Gruppen in dem sogleich zu erörternden nietamorphischen Zu- 



XVI. Primordialzeit oder Zeitalter der Tang-Wälder. H79 

Staude, und dadurch sind die in iluKMi (Mitluiltoudcu \'<M'steine- 
ruugeu, die ältesten und wichtigsten von allen, grosstentheils 
zerstört und unkenntlich geworden. Nur in einem Thcile der 
camhrischen und silurischen Schichten sind Petrcl'acte in grösserer 
]\lengc und in kenntlichem Zustande erhalten worden. Als die 
älteste von allen deutlich erhaltenen Versteinerungen gilt das 
„kanadische Morgenwesen" (Eozoon ranadense\ dessen organische 
Natur (als Polythalamie) IVeilich noch zweifelhaft ist und vielfach 
bestritten wird. ])asselbe ist in den untersten laurentischen 
Schichten (in der (Ittawa-Formation, am Lorenzo-Strome) gefun- 
den worden. 

Trotzdem die primordialen (»der archolithischen Versteinerun- 
gen uns nur zum bei weitem kleinsten Theile in kenntlichem 
Zustande erhalten sind, besitzen dieselben dennoch den Werth 
unschätzbarer Documente für diese älteste und dunkelste Zeit der 
organischen Erdgeschichte. Zunächst scheint daraus hervorzugehen, 
dass während dieses ganzen ungeheuren Zeitraums fast nur Wasser- 
bewohner existirten. Wenigstens sind bis jetzt unter allen archo- 
lithischen Petrefakten nur sehr wenige gefunden worden, welche 
man mit Sicherheit auf landbewohnende Organismen beziehen 
kann: die ältesten von diesen sind einige silurische Farne und 
Skorpione. Fast alle Pflanzenreste, die wir aus der Primordial- 
zeit besitzen, gehören zu der niedrigsten von allen Pflanzen- 
Gruppen, zu der im Wasser lebenden Classe der Tauge oder 
Algen. Diese bildeten in dem warmen Ur-Meere der Primor- 
dialzeit mächtige Wälder, von deren Formenreichthum und Dich- 
tigkeit uns noch heutigen Tages ihre Epigonen, die Tang- Wälder 
des atlantischen Sargasso - Meeres, eine ungefähre Vorstellung 
geben mögen. Die colossale» Tang -Wälder der archolithischen 
Zeit ersetzten damals die noch gänzlich fehlende Wald- Vegetation 
des Festlandes. Gleich den Pflanzen lebten auch fast alle Thiere, 
von denen man Reste in den archolithischen Schichten gefunden 
hat, im Wasser. Von den Gliederfüssern finden sich nur Krebs- 
thiere und einzelne Skorpione , noch keine Insecten. Von den 
Wirbelthiereu sind nur sehr wenige Fischreste bekannt, welche 
sich in der jüngsten von allen primordialen Schichten, in der 



380 Primärzeit oder Zeitalter der Farn- Wälder. XVI. 

oberen Silurformatioii vorfinden. Dagegen müssen Würmer und 
kopflose Wirbeltliiere (Schädellose oder Akranier), die Ahnen 
der Fische, massenhaft während der Primordialzeit gelebt haben. 
Daher können wir sie sowohl nach den Schädellosen als nach 
den Tangen benennen. 

Die Primärzeit oder das Zeitalter der Farn-Wälder, 
der zweite Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte, welchen 
man auch das paläolithische oder paläozoische Zeitalter nennt, 
dauerte vom Ende der silurischen Schichtenbildung lus zum Ende 
der permischen Schichtenbildung. Auch dieser Zeitraum war von 
sehr langer Dauer und zerfällt wiederum in drei Perioden, wäh- 
]-end deren sich drei miichtige Schichtensystemo ablagerten, näm- 
lich zu Unterst das devonische System oder der alte rothe Sand- 
stein, darüber das carbonische oder Steinkohlensystem, und 
darüber das permische System oder der neue rothe Sandstein 
und der Zechstein. Die durclischnittliche Dicke dieser drei Sy- 
steme zusammengeimmmen mag etwa 42,000 Fuss betragen, woraus 
sich schon die ungeheure Länge der für ihre Bildung erforderlichen 
Zeiträume ergiebt. 

Die devonischen und permischen Formationen sind vorzüglich 
reich an Fischresten, sowohl an Urfischen, als an Schmelzfischeu. 
Aber noch fehlen in der primären Zeit gänzlich die Knochenfische. 
In der Steinkohle finden sich schon verschiedene Reste von land- 
l)e\vohnendenThieren, und zwar sowohl Gliederthieren (Spinnen und 
Insecten) als Wirbclthiei-en (Amphibien). Im permischen System 
kommen zu den Amphibien nuch tlie höher entwickelten Schlei- 
cher oder Reptilien, und zwar unseren Eidechsen nahverwandte 
Formen (Proterosaurus etc.). Trotzdem können wir das primäre 
Zeitalter das der Fische nennen, weil diese wenigen Amphibien 
und Reptilien ganz gegen die ungeheure Menge der paliiolithi- 
schen Fische zurücktreten. Ebenso wie die Fische unter den 
Wirbelthieren, so herrschten unter den Pflanzen während dieses 
Zeitraums die Farnpflanzen oder Filicinen vor, und zwar sowohl 
echte Farnkräuter und Farnbäume (Laubfarne oder Phyllopteriden) 
als Schaftfarne (Calamophyten) und Schuppenfarne (Lepidophyten). 
Diese landbewolmenden Farne oder Filicinen bildeten die Haupt- 



XVr. Secundüiv.eit oder Zeitalter der Nadel-Wälder. 381 

raasse der dichten paläolithischeii Insel -AVälder, deren fossile 
Reste uns in den ungeheuer mächtigen Steinkohlenlagern des 
carbonischen Systems und in den schwächeren Kohlenlagern des 
devonischen und permischen Systems erhalten sind. Sie berech- 
tigen uns, die Primärzeit eben sowohl das Zeitalter der Farne, 
als das der Fische zu nennen. 

Der dritte grosse Hauptabschnitt der paläontologischen Ent- 
wickelungs- Geschichte wird durch die Secundärzeit oder das 
Zeitalter der Nadel- Wälder gebildet, welches auch das me- 
solithische oder mesozoische Zeitalter genannt wird. Es reicht 
vom Ende der permischen Schichtenbildung bis zum Ende der 
Kreide -Schichtenbildung, und zerfällt abermals in drei grosse 
Perioden. Die während dessen abgelagerten Schichtensysteme sind 
7Ai Unterst das Trias-System, in der Mitte das Jura-System, 
und zn oberst das Kreide-System. Die durchschnittliche Dicke 
dieser drei Systeme zusammengenommen bleibt schon weit hinter 
derjenigen der primären Systeme zurück und beträgt im Ganzen 
nur ungefähr 15,000 Fuss. Die Secundärzeit wird demnach wahr- 
scheinlich nicht halb so lang als die Primärzeit gewesen sein. 

Wie in der Primärzeit die Fische, so herrschen in der Secun- 
därzeit die Schleicher oder Reptilien über alle übrigen Wir- 
belthiere vor. Zwar entstanden während dieses Zeitraums die 
ersten Vögel und Säugethiere; auch lebten damals die riesigen 
Labyrinthodonten; und zu den zahlreich vorhandenen Urfischen 
und Schmelzfischen der älteren Zeit gesellten sich die ersten 
echten Knochenfische. Aber die charakteristische und überwiegende 
Wirbelthier-Classe der Secundärzeit bildeten die höchst mannich- 
faltig entwickelten Reptilien. Neben solchen Schleichern, welche 
den heute noch lebenden Eidechsen, Krokodilen und Schildkröten 
nahe standen, wimmelte es in der mesolitischen Zeit überall von 
abenteuerlich gestalteten Drachen. Insbesondere sind die merk- 
würdigen fliegenden Eidechsen oder Pterosaurier, die schwimmen- 
den Seedrachen oder Halisaurier, und die kolossalen Landdrachen 
oder Dinosaurier der Secundärzeit eigenthümlich, da sie weder 
vorher noch nachher lebten. Man kann demgemäss die Secun- 
därzeit das Zeitalter der Schleicher oder Reptilien nennen. 



382 XVI. 

Ueber sieht 

der paläoiitologisclien Perioden oder der grösseren Zeitabschnitte 
der organischen Erd-Geschichte. 

I. Erster Zeitraum: Archolithisclies Zeitalter. Primordial-Zeit 

(Zeitalter der Schädellosen und der Tang-Wälder.) 

1. Aeltere Archolith-Zeit oder Laureutische Periode. 

2. Mittlere Archolith-Zeit - Cambrische Periode. 

3. Neuere Archolith-Zeit - Silurische Periode. 

II. Zweiter Zeitraum: PaläolithisclieS Zeitalter. Primär-Zeit. 

(Zeitalter der Fische und der Farn-Wälder.) 

4. Aeltere Paläolith-Zeit oder Devonische Periode. 

5. Mittlere Paläolith-Zeit - Steinkohlen-Periode. 
(). Neucrc Paläolith-Zeit - Permische Periode. 

III. Dritter Zeitraum : Mesolithisches Zeitalter. Secundär-Zeit. 

(Zeitalter der Reptilien und der Nadel-Wälder.) 

7. Aeltere Mesolith-Zeit oder Trias-Periode. 

8. Mittlere Mesolith-Zeit - .lura-Periode. 

9. Neuere Mesolith-Zeit - Kreide-Periode. 

IV. Vierter Zeitraum: Caenolitllisclies Zeitalter. Tertiär-Zeit. 

(Zeitalter der Säugethiere und der Laub-Wälder.) 

10. Aeltere Caenolith-Zeit oder Eocaene Periode. 

11. Mittlere Caenolith-Zeit - Miocaene Periode. 

12. Neuere Caenolith-Zeit - Pliocaene Periode. 

V. Fünfter Zeitraum : AlltliropolithiscLes Zeitalter. Quartär-Zeit. 

(Zeitalter der Mensciien und der Cultur-Wälder.) 

13. Aeltere Anthropolith-Zeit oder Eiszeit. Glaciale Periode. 

14. Mittlere Anthropolith-Zeit - Postglaciale Periode. 

15. Neuere Anthropolith-Zeit - Cultur-Periode. 

(Die Cultur-Periode ist die historische Zeit oder die Periode der IJeber- 

lieferungen.) 



XVI. 



383 



lieber sieht 

der paläontologisclien Forinationon oder der versteincrungsfiihreii- 
den Schichten der Erdrinde. 



Terrains 



Systeme 



Formationen 



Synonyme 
der Formationen 



V. Anthropolithi- 
sche Terrains 

oder 
authropozoische 

(quartäre) 
Schichteugruppeu 

IV. Caenoli tili sehe 
Terrains 

oder 

caenozoische 

(tertiäre) 

Scliichtengruppen 



III. Mesolithische 
Terrains 

oder 

mesozoische 

(secundäre) 

Schichtengruppen 



II. Paläolithische 
Terrains 

oder 

paläozoische 

(primäre) 

Schichtengruppen 

I. Archolithische 
Terrains 

oder 

archozoische 

(primordiale) 

Scliichtengruppen 



XIV. Reccnt |3G. 

(Alluvium) I35. 

Xlll. Pleistocaenf34. 

(Diluvium) \33. 

XII. Pliocaen |32. 

(Neutertiär) l31. 

XI. Miocaen 1^*^- 

(Mitteltertiär) V29. 

^28. 

X. Eocaen J,^-, 

(Alttertiär) l^p 

f. 
94 
IX. Kreide .'" 



VIII. .Iura. 



VII. Trias. jlß. 

[15. 

VI. Permisches [14. 

(Dyas) U^- 

]V. Carbon ischesf 12 

(Steinkohle) ln. 



Praesent Oberalluviale 

ftecent Unteralluviale 

Postglacial Oberdiluviale 

Glacial Unterdiluviale 



'IV. Devonisches 
(Altrothsand) 



(10. 

III. Silurisches l 6. 
l 5- 



II. Cambrisches 



I. Laurentisches 



l 3. 

I ^ 
l 1 



Arvern 

Subapennin 

Falun 

Limburg 

Gyps 

Grobkalk 

Londonthon 

Weisskreide 

Grünsand 

Neocom 

Wealden 

Fortland 

Oxford 

Bath 

Lias 

Eeuper 

Muschelkalk 

Buntsand 

Zechstein 

Neurothsand 

Eohlensand 

Kohlenkalk 

Pilton 

Ufracombe 

Linton 

Ludlow 

Landovery 

Landeilo 

Potsdam 

Longmynd 

Labrador 

Ottawa 



Oberpliocaene 

Unterpliocaene 

Obermiocaene 

Untermiocaene 

(Jbereocaene 

Mitteleocaene 

üntereocaene 

Oberkreide 

Mittelkreide 

Unterkreide 

Wälderformation 

Oberoolith 

Mitteloolith 

Unteroolith 

Liasformation 

Obertrias 

Mitteltrias 

Untertrias 

Oberpermische 

Unterpermische 

Obercarbonische 

Untercarbonische 

Oberdevonische 

Mitteldevonische 

Unterdevonische 

Obersilurische 

Mittelsilurische 

Untersilurische 

Obercambrische 

Untercambrische 

Oberlaurentische 

Unterlaurentische 



384 Tertiärzeit oder Zeitalter der Laub-^Yälder. XVI. 

Andere nennen sie das Zeitalter der Nadel-Wälder, genauer 
der Gymnospermen oder Nacktsamen-Pflanzen. Denn diese 
Pflanzen-Gruppe, vorzugsweise durch die beiden wichtigen Classen 
der Nadelhölzer oder Coniferen und der Farnpalmen oder Cyca- 
deen vertreten, setzte während der Secundärzeit ganz überwie- 
gend den Bestand der Wälder zusammen. Die farnartigen Pflan- 
zen traten dagegen zurück und die Laubhölzer entwickelten sich 
erst gegen Ende des Zeitalters, in der Kreidezeit. 

Viel kürzer und weniger eigen thümlich als diese drei ersten 
Zeitalter war der vierte Hauptabschnitt der organischen Erd- 
geschichte, die Tertiärzeit oder das Zeitalter der Laub- 
Wälder. Dieser Zeitraum, welcher auch caeuolithisches oder 
caenozoisches Zeitalter heisst, erstreckte sich vom Ende der Kreide- 
schichtenbildung bis zum Ende der pliocaenen Schichtenbildung. 
Die während dessen abgelagerten Schichten erreichen nur unge- 
fähr eine mittlere Mächtigkeit von 3000 Fuss und bleiben dem- 
nach weit hinter den drei ersten Terrains zurück. Auch sind die 
drei Systeme, welche man in dem tertiären Terrain unterscheidet, 
nur schwer von einander zu trennen. Das älteste derselben 
heisst eocaenes oder alttertiäres, das mittlere miocaenes oder 
mitteltertiäres und das jüngste pliocaenes oder neutertiäres 
System. 

Die gesammte Bevölkerung der Tertiärzeit nähert sich im 
Ganzen und im Einzelnen schon viel mehr derjenigen der Gegen- 
wart, als es in den vorhergehenden Zeitaltern der Fall war. 
Unter den Wirbelthieren überwiegt von nun an die Classe der 
Säugethiere bei weitem alle übrigen. Ebenso herrscht in der 
Pflanzenwelt die formenreiche Gruppe der Decksamen-PflaUiien 
oder Angiospermen vor, deren Laubhölzer die charakteristischen 
Laub -Wälder der Tertiärzeit bildeten. Die Abtheilung der 
Angiospermen besteht aus den beiden Classen der Einkeimblätt- 
rigen oder Monocotyledonen und der Zweikeimblättrigen oder 
Dicötyledonen. Zwar hatten sich Angiospermen aus beiden 
Classen schon in der Kreidezeit gezeigt, und Säugethiere traten 
schon im letzten Abschnitt der Triaszeit auf. Allein beide Grup- 
pen, Säugethiere und Decksamen-Pflanzen, erreichen ihre eigent- 



XYI. Quartär/.eit oder Zeitalter der ^ullul■-^Vulde^. 385 

liehe Eiitwickolung uiul Oljerlu'iTscliart erst in der Tertiärzeit, so 
(lass man diese mit vollem Reclite danach benennen kann. 

Den fünften und letzten Hauptabschnitt der organischen Erd- 
geschichte bildet die Quartärzeit oder Culturzeit, derjenige, 
gegen die Länge der vier übrigen Zeitalter verschwindend kurze 
Zeitraum, den wir gewöhnlich in komischer Selbstüberhebung die 
„Weltgeschichte" zu nennen pflegen. Da die Ausbildung des 
Menschen und seiner ('ultur, welche mächtiger als alle früheren 
Vorgänge auf die organische Welt umgestaltend einwirkte, dieses 
Zeitalter charakterisirt, so könnte man dasselbe auch die Men- 
schenzeit, das anthropolithische oder anthropozoische Zeitalter 
nennen. Es könnte allenfalls auch das Zeitalter der Cultur- 
Wälder heissen, weil selbst auf den niederen Stufen der mensch- 
lichen Cultur ihr umgestaltender Einfluss sich bereits in der Be- 
nutzung der AVälder und ihrer Erzeugnisse, und somit auch in 
der Physiognomie der Landschaft liemerkbar macht. Geologisch 
wird der Beginn dieses Zeitalters, welches bis zur Gegenwart 
reicht, durch das Ende der pliocaenen Schichten -Ablagerung be- 
grenzt. 

Die neptunischen Schichten, welche während des verhältniss- 
mässig kurzen quartären Zeitraums abgelagert wurden, sind an 
den verschiedeneu Stellen der Erde von sehr verschiedener, meist 
aber von sehr geringer Dicke. Man bringt dieselben in zwei ver- 
schiedene Systeme, von denen man das ältere als diluvial oder 
pleistocaen, das neuere als alluvial oder recent bezeichnet. 
Das Diluvial-System zerfällt selbst wieder in zwei Formationen, 
in die älteren glacialeu und die neueren postglacialen Bil- 
dungen. Während der älteren Diluvialzeit nämlich fand jene 
ausserordentlich merkwürdige Erniedrigung der Erd- Temperatur 
statt, W'elche zu einer ausgedehnten Vergletscherung der gemä'ssig- 
ten Zonen führte. Die hohe Bedeutung, welche diese „Eiszeit" 
oder Glacial-Periode für die geographische und topographische 
Verbreitung der Organismen gewonnen hat, wurde bereits früher 
auseinandergesetzt (S. 330). Auch die auf die Eiszeit folgende 
„Nacheiszeit", die post-glaciale Periode oder die neuere Dilu- 
vialzeit, während welcher die Temj)eratur wiederum stieg und 

Haeckel, Natüil. Schöpfuiigs-Gesch. 8. AuH. 25 



386 (ilaciale und postglaciale Periode. XVI. 

das Eis sich nach tlen Polen zurückzog, war für die gegenwär- 
tige Gestaltung der chronologischen Verhältnisse höchst bedeu- 
tungsvoll. 

Der biologische Charakter der Quartärzeit liegt wesentlich in 
der Entwickelung und Ausbreitung des menschlichen Organismus 
und seiner Cultur. Weit mehr als jeder andere Organismus hat 
der Mensch umgestaltend, zerstörend und neubildend auf die Thier- 
und Pflanzenbevölkerung der Erde eingewirkt. Aus diesem Grunde, 
— nicht weil wir dem Menschen im Uebrigen eine privilegirte 
Ausnahmestellung in der Natur einräumen, — können wir mit 
vollem Rechte die Ausbreitung des Menschen und seiner Cultur als 
Beginn eines besonderen letzten Hauptabschnitts der organischen 
Erdgeschichte bezeichnen. Wahrscheinlich fand allerdings die 
körperliche Entwickelung des Urmenschen aus menschenähnlichen 
Aften bereits in der jüngeren oder pliocaenen, vielleicht sogar 
schon in der mittleren oder miocaenen Tertiärzeit statt. Allein 
die eigentliche Entwickelung der menschlichen Sprache, welche 
wir als den wichtigsten Hebel für die Ausbildung der eigenthüm- 
lichen V^orzüge des Menschen und seiner Herrschaft über die 
übrigen Organismen betrachten, fällt wahrscheinlich erst in jenen 
Zeitraum, welchen man aus geologischen Gründen als pleistocaeno 
oder diluviale Zeit von der vorhergehenden Pliocaenperiode trennt. 
Jedenfalls ist derjenige Zeitraum, welcher seit der Entwickelung 
der menschlichen Sprache bis zur Gegenwart verfloss, mag der- 
selbe auch A'iele Jahrtausende und vielleicht Hunderttausende von 
Jahren in Anspruch genommen haben, verschwindend gering gegen 
die unermessliche Länge der Zeiträume, welche vom Beginn des 
organischen Lebens auf der Erde bis zur Entstehung des Menschen- 
geschlechts verflossen. 

Die vorstehende tabellarische Uebersicht zeigt Hinen rechts 
(S. 383) die Reihenfolge der paläontologischen Terrains, Systeme 
und Formationen, d. h. der grösseren und kleineren neptunischen 
Schichtengruppen, welche V'ersteinerungen einschliessen, von den 
obersten oder alluvialen bis zu den untersten oder laurentischen 
Ablagerungen hinab. Die links gegenüberstehende Tabelle (S. 382) 
führt Ihnen die historische Eintheilung der entsprechenden Zeit- 



XVI. Relative Lunge der fünf geologischen Zeitalter. 387 

räume vor, der grösseren uiul kleineren paläontologisclien Perioden, 
und zwar in umgekehrter lieihenlblge, von der ältesten laurentischen 
bis auf die jüngste quartärc Zeit hinauf. (Vergl. auch S. 390.) 

Man hat viele Versuche angestellt, die Zahl der Jahrtausende, 
welche diese Zeiträume zusammensetzen, annähernd zu berechnen. 
Man verglich die Dicke der Schlammschichten, Avelche orfahrungs- 
gemäss während eines Jahrhunderts sich absetzen, und welche nur 
wenige Linien oder Zolle betragen, mit der gesammten Dicke der 
geschichteten Gesteinsmassen, deren ideales System wir soeben 
überblickt haben. Diese Dicke mag im Ganzen durchschnittlich 
ungel'ähr 130,000 Fuss betragen, und hiervon kommen 70,000 auf 
das primordiale oder archolithische. 42,000 auf das primäre oder 
paläolithische, 15,000 auf das secuudäre oder mesolithische und 
endlich nur 3000 auf das tertiäre oder caenolithische Terrain. 
Die sehr geringe und nicht annähernd bestimmbare durchschnitt- 
liche Dicke des quartären oder anthropolitischen Terrains kommt 
dabei gar nicht in Betracht. Man kann sie höchstens durchschnitt- 
lieh auf 500 — 700 Fuss anschlagen. Selbstverständlich haben aber 
alle diese Maassangaben nur einen ganz durchschnittlichen und an- 
nähernden Werth, und sollen nur dazu dienen, das relative Maass- 
verhältniss der Schichten -Systeme und der ihnen entsprechenden 
Zeitabschnitte ganz ungefähr zu überblicken. Auch werden die 
Maasse sehr verschieden abgeschätzt. 

Wenn man nun die gesammte Zeit der organischen Erdge- 
schichte, d. h. den ganzen Zeitraum seit Beginn des Lebens auf 
der Erde bis auf den heutigen Tag, in hundert gleiche Theile 
theilt, und wenn man dann, dem angegebenen durchschnittlichen 
Dickenverhältniss der Schichten-Systeme entsprechend, die relative 
Zeitdauer der fünf Haupt- Abschnitte oder Zeitalter nach Procenten 
berechnet, so ergiebt sich folgendes Resultat. (Vergl. S. 390.) 

L Archolithische oder Primordialzeit 53,6 

n. Paläolithische oder Primärzeit 32,1 

IIL Mesolithische oder Secundärzeit 11,5 

IV. Caenolithische oder Tertiärzeit 2,3 

V. Anthropolithische oder Quartärzeit 0,5 

Summa 100,0 
25* 



388 Relative Dicke der fünf gesehieliteteu Terrains. XVI. 

Es betrügt demnacli die Liinge des arcliolithischen Zeitraums, 
während dessen fast noch keine landbewohuende Thiere und Pflan- 
zen existirten, mehr als die Hälfte, mehr als 53 Procent, dagegen 
die Länge des anthropolitliischen Zeitraums, ^vährend dessen der 
Mensch existirte, kaum ein halbes Procent von der ganzen Länge 
der organischen Erdgeschichte. Es ist aber ganz unmöglich, die 
Länge dieser Zeiträume auch nur annähernd nach Jahren zu be- 
rechnen. 

Die Dicke der Schlammschichten, welche während eines Jahr- 
hunderts sich in der Gegenwart al»lagern. und welche man als 
]{asis für diese Berechnung benutzen wollte, ist an den verschie- 
denen Stellen der Erde unter den ganz verschiedenen Bedingungen, 
unter denen überall die Ablagerung stattfindet, natürlich ganz 
verschieden. Sie ist sehr gering auf dem Boden des hohen Meeres, 
in den Betten breiter Flüsse mit kurzem Laufe, und in Landseen, 
welche sehr dürftige Zuflüsse erhalten. Sie ist verhältnissmässig 
bedeutend an Meeresküsten mit starker Brandung, am Ausfluss 
grosser Ströme mit langem Lauf und in Landseen mit starken 
Zuflüssen. An der Mündung des Missisippi, welcher sehr bedeu- 
tende Schlammmassen mit sich fortfülu't, wüiden in 100,000 Jahren 
w'ohl etwa (300 Fuss abgelagert werden. Auf dem Grunde des 
offenen Meeres, weit von den Küsten entfernt, werden sich während 
dieses langen Zeitraums nur wenige Fuss Schlamm absetzen. 
Selbst an den Küsten, wo verhältnissmässig viel Schlamm abge- 
lagert wird, mag die Dicke der dadurch während eines Jahrhun- 
derts gebildeten Schichten, wenn sie nachher sich zu festem Ge- 
steine verdichtet haben, doch nur wenige Zolle oder Linien be- 
tragen. Jedenfalls aber bleiben alle auf diese Verhältnis.se ge- 
gründeten Berechnungen ganz unsicher, und wir können uns auch 
nicht einmal annähernd die ungeheure Länge der Zeiträume vor- 
stellen, welche zur Bildung Jener neptunischen Schichten-Systeme 
erforderlich waren. Nur relative, nicht absolute Zeitmaasse sind 
hier anwendbar. 

Man würde übrigens auch vollkommen fehl gehen, wenn man 
die Mächtigkeit jener Schichten-Systeme allein als Maassstab für 
die inzwischen wirklich verflossene Zeit der Erdgeschichte be- 



XVI. ünmessbare Lunge der nrg;uiisiiieii Erd-Gesohichte. 389 

(PMchteii wollte. Demi ll('l)imu,cii und Senkungen der Erdrinde 
l)a!)Cii !)est;indig mit einander «'ewechselt, und aller Walirschein- 
liclikeit nach entspricht der mineralogische und paläontologisclie 
Interschied, den man zwischen je zwei auf eiuanderfolgenden 
Schichten-Systemen und zwischen je zwei Formationen derselben 
wahrnimmt, einem beträchtlichen Zwischenraum von vielen Jahr- 
tausenden, während dessen die l)etretfendc Stelle der Erdrinde 
iil)er das Wasser geholten war. Erst nach Althiul' dieser Zwischen- 
zeit, als eine neue Senkung diese Stelle wieder unter Wasser 
brachte, fand die Ablagerung einer neuen Bodenschicht statt. Da 
aber inzwischen die anorgischen und organischen Verhältnisse an 
diesem Orte eine beträchtliche Umbildung erfahren hatten, musstc 
die neugebildete Schlammschicht aus verschiedenen Bodenbestand- 
theilen zusammengesetzt sein und ganz verschiedene Versteine- 
rungen einschliessen. 

Die aufli'allenden Untei'schietle, die zwischen den Versteine- 
rungen zweier übereinander liegenden Schichten so häulig statt- 
limlen, sind einfach und leicht nur durch die Annahme zu er- 
klären, dass derselbe Punkt der Erdoberfläche Avied er holten 
Senkungen und Hebungen ausgesetzt wurde. Noch gegen- 
wärtig finden solche Hebungen und Senkungen, welche man der 
Reaction des feuer-flüssigen Erdkerns gegen die erstarrte Rinde 
zuschreibt, in weiter Ausdehnung statt. 

So steigt z. B. die Küste von Schweden und ein Theil von 
der AVestküste Süd-Amerikas beständig langsam empor, während 
die Küste von Holland und ein Theil von der Ostküste Süd- 
Amerikas allmählich untersinkt. Das Steigen wie das Sinken ge- 
schieht nur sehr langsam und beträgt im Jahrhundert bald nur 
einige Linien, bald einige Zoll oder höchsten einige Fuss. Wenn 
aber diese Bewegung Hunderte von Jahrtausenden hindurch un- 
unterbrochen andauert, kann sie die höchsten Gebirge bilden. 

Offenbar haben ähnliche Hebungen und Senkungen, wie sie 
an jenen Stellen noch heute zu messen sind, während des ganzen 
Verlaufes der organischen Erdgeschichte ununterbrochen an ver- 
schiedenen Stellen mit einander gewechselt. Das ergiebt sich mit 
Sicherheit aus der geographischen Verbreitung der Organismen. 



390 



Relative Dicke der fünf geschiciiteten Terrains. 



XVI. 



IV. Caenolithische Schichten-Systeme 

3000 Fuss. 



Eocaen, Miocaeu, Pliocaen. 



111. 3Iesolithische Schichten-Systeme. 

Ablagerungen der Secuudärzeit. 
Circa 15,000 Fuss. 



IX. Kreide-System. 
VIII. Jura-System. 
VII. Trias-System. 



II. Paläolithische 
Schichten-Systeme 

Ablagerungen 
der Priraar-Zeit. 

Circa 42,000 Fuss. 



VI. Permisches 
System. 



V. Steinkohlen- 
System. 

IV. Devonisches 
System. 



Tabelle 

zur Uebersicht der 
neptunischen verstei- 
nerungsführenden 
Schichten-Systeme 

der Erdrinde 

mit Bezug auf ihre 

verhältnissmässige 

durchschnittliche 

Dicke. 

(130,000 Fuss 

circa.) 



I. Archo- 
lithische 

Schichten- 
Systeme. 

Ablagerungen 

der 

Primordial- 

zeit. 

Circa 

70,000 Fuss. 



III. Silurisches 

System. 

Circa 22,000 Fuss. 

II. Cambrisches 

System. 
Circa 18,000 Fuss. 

1. Laurentisches 

System. 
Circa 30,000 Fuss. 



XVI. Wechsel der Seiikiings-Zeitiiimne und Hebungs-Zeitränme. 391 

CVergl. 326.) Nun ist es aber lur die l)Oiirtheiliing unserer palä- 
ontologischen Schöpfungs-Urkunde ausserordentlicli wichtig, sich 
klar zu machen, dass bleibende Schichten sich bloss während lang- 
samer Senkung des Bodens unter Wasser ablagern können, nicht 
aber während andauernder Hebung. Wenn der Boden langsam 
mehr und mehr unter den Meeresspiegel versinkt, so gelangen die 
abgelagerten Schlammschicliten in immer tieferes und ruhigeres 
AVasser, wo sie sich ungestört zu Gestein verdichten können. 
AVenn sich dagegen umgekehrt der Boden langsam hebt, so kom- 
men die soeben abgelagerten Schlammschichten, welche Reste von 
Pflanzen und Thieren umschliessen, sogleich wieder in den Bereich 
des Wogenspiels, und werden durch die Kraft der Brandung als- 
bald nebst den eingeschlossenen organischen Resten zerstört. Aus 
diesem einfachen, aber sehr gewichtigen Grunde können also nur 
während einer andauernden Senkung des Bodens sich reichlichere 
Schichten ablagern, in denen die organischen Reste erhalten blei- 
ben. AVenn je zwei verschiedene über einander liegende Forma- 
tionen oder Schichten mithin zwei verschiedenen Senkungsperio- 
den entsprechen, so müssen wir zwischen diesen letzteren einen 
langen Zeitraum der Hebung annehmen, von dem wir gar nichts 
wissen, weil uns keine fossilen Reste von den damals lebenden 
Thieren und Pflanzen aufbewahrt werden konnten. Offenbar ver- 
dienen aber diese spurlos dahingegangenen Hebungszeiträume 
nicht geringere Berücksichtigung als die damit abwechselnden 
Senkungszeiträume, von deren organischer Bevölkerung uns 
die versteinerungsführenden Schichten eine ungefähre Vorstellung 
geben. AA^'ahrscheinlich waren die ersteren durchschnittlich von 
nicht geringerer Dauer als die letzteren; für diese Annahme sprechen 
viele gewichtige Gründe. 

Schon hieraus ergiebt sich, wie unvollständig unsere Urkunde 
nothwendig sein muss, um so mehr, da sich theoretisch erweisen 
lässt, dass gerade während der Hebungszeiträume das Thier- und 
Pflanzenleben an Mannichfaltigkeit zunehmen musste. Denn in- 
dem neue Strecken Landes über das Wasser gehoben werden, 
bilden sich neue Inseln. Jede neue Insel ist aber ein neuer 
Schöpfungs-Mittelpunkt, weil die zufällig dorthin verschlagenen 



392 Versteineningslo.se Hebungs-Zeiträume. XVI. 

Thiere und Pflanzen auf dem neuen Boden im Kampf ums Da- 
sein reiche Gelegenheit finden, sich eigenthiimlich zu entwickeln 
und neue Arten zu bilden. Die Biklung neuer Arten hat offen- 
bar während dieser Zwischenzeiten, aus denen uns leider keine 
Versteinerungen erhalten bleiben konnten, vorzugsweise stattge- 
funden; umgekehrt gab die langsame Senkung des Bodens eher 
Gelegenheit zum Aussterben zahlreicher Arten und zu einem Rück- 
schritt in der Artenbildung. Auch die Zwischenformen zwischen 
den alten und den neu sich bildenden Species werden vorzugsweise 
während jener Hebungszeiträume gelebt haben und konnten daher 
ebenfalls keine fossilen Reste hinterlassen. 

Zu den sehr bedeutenden und empfindlichen Lücken der palä- 
ontologischen Schöpfungsurkunde, welche durch die Hebungszeit- 
räume bedingt werden, kommen nun leider noch viele andere Um- 
stände hinzu, welche den hohen Werth derselben ausserordentlich 
verringern. Dahin gehört vor Allen der metamorphische Zu- 
stand der ältesten Schichten-Gruppen, gerade derjenigen, 
welche die Reste der ältesten Flora und Fauna, der Stammformen 
aller folgenden Organismen enthalten, und dadurch von ganz be- 
sonderem Interesse sein würden. Gerade diese Gesteine, und zwar 
der grössere Theil der primordialen oder archolithischen Schichten, 
fast das ganze laurentische und ein grosser Theil des cambrischen 
Systems, enthalten gar keine kenntlichen Reste mehr, und zwar 
aus dem einfachen Grunde, weil diese Schichten durch den Ein- 
fluss des feuer-flüssigen Erdinnern nachträglich wieder verändert 
oder metamorphosirt wurden. Durch die Hitze des glühenden 
Erdkerns sind diese tiefsten neptunischen Rindenschichten in ihrer 
ursprünglichen Schichten-Structur gänzlich umgew^andelt und in 
einen krystallinischen Zustand übergeführt worden. Dabei ging 
aber die Form der darin eingeschlossenen organischen Reste ganz 
verloren. Nur hie und da wurde sie durch einen glücklichen 
Zufall erhalten, wie es bei Planchen der ältesten bekannten Petre- 
facten, aus den untersten cambrischen and laurentischen Schichten, 
der Fall ist. Jedoch können Avir aus den Lagern von krystalli- 
nischer Kohle (Graphit) und krystallinischem Kalk (Marmor), 
welche sich in den metamorphischen Gesteinen eingelagert finden, 



XVI. Metamorphischer Zustand der ältesten neptunischen Schichten. ,S9.S 

mit Sicherheit aiiCdie frühere Anwesenheit von vcr.steiiiei'leii IMUiii- 
zen- und Thlerresten in (lcnselh(Mi schliesscn. 

Ausserordentlich unvollständig wird unsere Schö])rungs-Ur- 
kunde durch den Umstand, dass erst ein sehr kleiner Theil der 
Erdoberfläche genauer geologisch untersucht ist, vorzugsweise Europa 
und Nord-Amerika; auch von Süd-Amerika und Ost-Indien sind 
einzelne Stellen der Erdrinde aufgeschlossen; der grösste Theil 
derselben ist uns aber unbekannt. Dasselbe gilt vom grössten 
Theil Asiens, des umfangreichsten aller Welttheile; auch von 
Afrika (ausgenommen das Ka}) der guten Hoffnung und die Älittel- 
meerkfiste) und von Australien wissen wir nur sehr Wenig. Im 
Ganzen ist wohl kaum der hundertste Theil der gesammten Erd- 
oberlläche gründlich paläontologisch erforscht. Wir können daher 
wohl hoffen, bei weiterer Ausbreitung der geologischen Unter- 
suchungen, denen namentlich die Anlage von Eisenbahnen und 
Bergwerken sehr zu Hilfe kommen wird, noch einen grossen Theil 
wichtiger Versteinerungen aufzufinden. Ein Fingerzeig dafür ist 
uns durch die merkwürdigen Versteinerungen gegeben, die man 
an den wenigen genauer untersuchten Punkten von Afrika und 
Asien, in den Kapgegenden und am Himalaya, aufgefunden hat. 
Eine Reihe von ganz neuen und sehr eigenthümlichen Thierformen 
ist uns dadurch bekannt geworden. Freilich müssen wir andrer- 
seits erwägen, dass der ausgedehnte Boden der jetzigen Meere 
vorläufig für die paläontologischen Forschungen fast unzugänglich 
ist; den grössten Theil der hier seit uralten Zeiten begrabenen 
Versteinerungen werden wir entweder niemals oder erst nach Ver- 
lauf vieler Jahrtausende kennen lernen, wenn durch allmähliche 
Hebungen der gegenwärtige Meeresboden mehr zu Tage getreten 
sein wird. Wenn Sie bedenken, dass die ganze Erdoberfläche zu 
ungefähr drei Fünftheilen aus Wasser und nur zu zwei Fünf- 
theilen aus Festland besteht, so können Sie ermessen, dass auch 
in dieser Beziehung die paläontologische Urkunde eine ungeheure 
Lücke enthält. 

Nun kommen aber noch eine Reihe von Schwierigkeiten für 
die Paläontologie hinzu, welche in der Natur der Organismen 
selbst begründet sind. Vor allen ist hier hervorzuheben, dass in 



394 Geringe Ausdehnung der paläontologischeu Erfahrungen. XVI. 

der Regel nur liarte und feste Körpertheile der Organismen auf 
den Boden des Meeres und der süssen Gewässer gelangen und hier 
in Schlamm eingeschlossen und versteinert werden können. Es 
sind also namentlich die Knochen und Zähne der AVirbelthiere, 
die Kalkschalen der Weichtldere, die Chitinskelete der Glieder- 
thiere, die Kalkskelete der Sternthiere und Corallen, ferner die 
holzigen, festen Tlieile der Pflanzen, die einer solchen Versteine- 
rung fähig sind. Die weichen und zarten Theile dagegen, welche 
bei den allermeisten Organismen den bei weitem grössten Theil 
des Körpers bilden, gelangen nur sehr selten unter so günstigen 
Verhältnissen in den Schlamm, dass sie versteinern, oder dass 
ilire ausser Form deutlich in dem erhärteten Schlamme sich ab- 
drückt. Nun bedenken Sie, dass ganze grosse Classen von Orga- 
nismen, wie z. B. die Medusen, die nackten Mollusken, welche 
keine Schale haben, ein grosser Theil der Gliederthiere, fast alle 
AVürmer und selbst die niedersten Wirbelthiere gar keine festen 
und harten, versteiiierungsfähigen Körpertheile besitzen. Ebenso 
sind gerade die wichtigsten Pflanzentheile, die Blüthen, meistens 
so weich und zart, dass sie sich nicht in kenntlicher Form conser- 
viren können. Von allen diesen wichtigen Lebensformen werden 
wir naturgemäss auch gar keine versteinerten Reste zu finden er- 
warten können. Ferner sind die Embryonen und Jugendzustände 
fast aller Organismen so weich und zart, dass sie gar nicht ver- 
steinerungsfähig sind. Was wir also von Versteinerungen in den 
neptunischen Schichten-Systemen der Erdrinde vorfinden, das sind 
im \'erhältniss zum Ganzen nur wenige Formen, und meistens 
nur einzelne Bruchstücke. 

Sodann ist zu berücksichtigen, dass die Meerbewohner in einem 
viel höheren Grade Aussicht haben, ihre todten Körper in den ab- 
gelagerten Schlammschichten versteinert zu erhalten, als die Be- 
wohner der süssen Gewässer und des Festlandes. Die das Land 
bewohnenden Organismen können in der Regel nur dann ver- 
steinert werden, wenn ihre Leichen zufällig ins Wasser fallen und 
auf dem Boden in erhärtenden Schlamm-Schichten begraben wer- 
den, was von mancherlei Bedingungen abhängig ist. Daher kann 
es uns nicht Wunder nehmen, dass die bei weitem grösste Mein- 



XVr. Geringer Bruohtheil der versteiiierungsfähigeii Organismen. 395 

zahl i\vv Ver.steineruiigcii Oi-tijmisincii an.g'ohöi-t, die im Meere 
lebten, und dass von den Laiidliowoluiern verliiiltnissniässiti' nur 
sehr wenige im fossilen Zustande erhalten sind. \Velche Zufällig- 
keiten hierbei in's Spiel kommen, mag Ihnen allein der Umstand 
beAveisen, dass man von vielen fossilen Säugethieren, insbesondere 
von fast allen Säugethieren der Secundärzeit, weiter Nichts kennt, 
als den Unterkiefer. Dieser Knochen ist erstens verhältnissmässig 
fest und löst sich zweitens sehr leicht von dem todten Cadaver, 
das auf dem Wasser schwimmt, ab. Während die l^eiche vom 
Wasser fortgetrieben und zerstört wird, fällt der Unterkiefer auf 
den Grund des Wassers hinab und wird hier vom Schlamm um- 
schlossen. Daraus erklärt sich allein die merkwürdige Thatsache, 
dass in einer Kalkschicht des Jurasystems bei Oxford in England, 
in den Schiefern von Stonesfield, bis jetzt bloss die Unterkiefer 
von zahlreichen Beutelthieren gefunden worden sind, den ältesten 
Säugethieren, welche wir kennen. Von dem ganzen übrigen Kör- 
per derselben war auch nicht ein Knochen mehr vorhanden. Die 
„exacten" Gegner der Entwickelungstheorie würden nach der bei 
ihnen gebräuchlichen Logik hieraus den Schluss ziehen müssen, 
dass der Unterkiefer der einzige Knochen im Leibe jener merk- 
würdigen Thiere war. 

Für die kritische Würdigung der vielen unbedeutenden Zu- 
fälle, die unsere Kenntniss der Versteinerungen in der bedeutend- 
sten Weise beeinflussen, sind ferner auch die Fussspuren sehr 
lehrreich, welche sich in grosser Menge in verschiedenen ausge- 
dehnten Saudsteinlagern, z. B. in dem rothen Sandstein von Con- 
necticut in Nordamerika, finden. Diese Fusstritte rühren offenbar 
von Wirbelthieren, wahrscheinlich von Reptilien her, von deren 
Körper selbst uns nicht die geringste Spur erhalten geblieben ist. 
Die Abdrücke, welche ihre Füsse im Schlamm hinterlassen haben, 
verrathen uns allein die vormalige Existenz von diesen uns sonst 
ganz unbekannten Thicreu. 

Welche Zufälligkeiten ausserdem noch die Grenzen unserer 
paläontologischen Kenntnisse bestimmen, können Sie daraus er- 
messen, dass man von sehr vielen wichtigen Versteinerungen nur 
ein einziges oder nur ein paar Exemplare kennt. Es sind noch 



396 Mangelhaftigkeit der paläontologischen Schöpfungs-rrkunde. XVI. 

nicht dreissig Jalire her, seit wir mit (k-m uiivullsliiiidigeii Ab- 
druck eines Vogels aus dem Jurasystem l)ekamit wurden, dessen 
Kenntniss für die Phylogenie der ganzen Vögelclasse von der 
allergrössten Wichtigkeit ist. Alle bisher bekannten Vögel stellten 
eine sehr einförmig organisirte Gruppe dar. und zeigten keine auf- 
fallenden Uebergangsbildungen zu anderen AVirbclthierclassen, auch 
nicht 7Ai den nächstverwandten Reptilien. Jener fossile Vogel aus 
dem Jura dagegen (Air/ixcopfcnjj-) besass keinen gewöhnlichen 
Vogelschw^anz, sondern einen Eidechsenschwanz, und bestätigte 
dadurch die aus anderen (Jriinden vermuthete Abstammung der 
\'ögel von den Eidechsen. Durch dieses einzige Petrefact wurde 
also nicht nur uusere Kemitniss von dem Alter der Vögelclasse, 
sondern auch von ihrer Blutsverwandtschaft mit den Reptilien 
wesentlich erweitert. Eben so sind unsere Kenntnisse von 
anderen Thiergruppen oft durch die zufällige Entdeckung einer 
einzigen Versteinerung wesentlich umgestaltet wurden. Da wir 
aber wirklich von vielen wichtigen Petrefacten nur sehr we- 
nige E.vemplare oder nur Bruchstücke kennen, so muss auch aus 
diesem Grunde die paläontologische Urkunde höchst unvollstän- 
dig sein. 

Eine weitere und sehr empfindliche Jiücke derselben ist durch 
den Umstand bedingt, dass die Zwischen- Formen, welche die 
verschiedenen Arten verbinden, in der Regel nicht erhalten sind, 
und zwar au.s dem einfachen Grunde, weil dieselben (nach dem 
l'rincip der Divergenz des Charakters) im Kampfe um's Dasein 
ungünstiger gestellt waren, als die am meisten divergirenden 
Varietäten, die sich aus einer und derselben Stamm-Form ent- 
wickelten. Die Zwischenglieder sind im Ganzen immer rasch 
ausgestorben und haben sich nur selten vollständig erhalten. Die 
am stärksten divergirenden Formen dagegen konnten sich längere 
Zeit hindurch als selbstständige Arten am Leben erhalten, sich 
in zahlreichen Individuen ausbreiten und demnach auch leichter 
versteinert werden. Dadurch ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass 
nicht in vielen Fällen auch die verbindenden Zwischen -Formen 
der Arten sich so vollständig versteinert erhielten, dass sie noch 
gegenwärtig die systematischen Paläontologen in die grösste Ver- 



XVI. Ursachen des >rangels fossiler Zwisrlien-Fruineii. BOT 

legenhelt versetzen uiul ciKllnse Strcitit^keiten filier die ganz will- 
Iviirlichen (rrenzen der Species liervorrufen. 

Ein ausgezeichnetes Beispiel der Art liefert die heriilnnte 
vielgestaltige Süsswasser-Schneeke aus dem Stul)enthal hei Stein- 
lieini in AVürtemherg, welche hald als I\ilutliii(i, hald als Valrata, 
bald als ]*l(inoi-hi>i widfifonnis ix'schrieben worden ist. Die schnee- 
Nveissen Schalen dieser kleinen Schnecke setzen mehr als die 
Hüllte von der ganzen iMasse eines tertiären Kalkhiigels zusam- 
men, und oft'enbareu dabei an dieser einen Localität eine solche 
wunderbare Formen- Manichfaltigkeit, dass uian die am meisten 
divergirenden Extreme als wenigstens zwanzig ganz verschiedene 
Arten lieschreiboii und diese sogar in vier ganz verschiedene 
(Gattungen versetzen könnte. Aber alle diese extremen Formen 
sind durch so massenhafte verbindende Zwischenformen verknüpft, 
und diese liegen so gesetzmässig über und neben einander, dass 
Hilgendorf daraus auf das Klarste den Stammbaum der ganzen 
Formen -(Jruppe entwickeln konnte. Ebenso finden sich l)ei sehi- 
vielen anderen fossilen Arten (z. B. vielen Ammoniten, Terebra- 
teln, Seeigeln, Seelilien u. s. w.) die verknüpfenden Zwischen-For- 
men in solcher Masse, dass sie die „fossilen Specieskrämer" zur 
Yerzweif 1 u ng bringen . 

Wenn Sie nun alle vorher angeführten Verhältnisse erwägen, 
so werden Sie sich nicht darüber wundern, dass die [»alütuitolo- 
gische Schöpfungs- Urkunde ganz ausserordentlich lückenhaft und 
unvollständig ist. Aber dennoch halten die wirklich gefundenen 
Versteinerungen den grössteu Werth. Ihre Bedeutung für die 
natürliche Schöpfungs-Oeschichte ist nicht geringer als die Bedeu- 
tung, welche die berühmte Inschrift von Rosette und das JJecret 
von Kanopus für die Völkergeschichte, für die Archäologie und 
Philologie besitzen. A^'ie es durch diese beiden uralten Inschrif- 
ten möglich wurde, die (ieschichte des alten Egyptens ausseror- 
dentlich zu erweitern, und die ganze Hieroglyphenschrift zu ent- 
zitfern, so genügen uns in vielen Fällen einzelne Knochen eines 
Thieres oder unvollständige Abdrücke einer niederen Thier- oder 
Ptlanzenform, um die wichtigsten Anhaltspunkte für die Geschichte 
einer ganzen (ii-uppe und die Erkenntniss ihres Stamm1.)aums zu 



398 Unvollkommenheit der paliiontologischen Schöpfiings-Urliunde. XVI. 

gewinnen. Ein paar kleine Backzähne, die in der Keuper -For- 
mation der Trias gefunden wurden, haben für sich allein den 
sicheren Beweis geliefert, dass schon in der Triaszeit Säugethiere 
existirten. 

Von der Unvollkommenheit des geologischen Schöpfungs- 
1)erichtes sagt Darwin, in Uebereinstimmung mit Lyell, dem 
berühmten, kürzlich verstorbenen Geologen: „Der natürliche Schöp- 
fungsbericht, wie ihn die Paläontologie liefert, ist eine Geschichte 
der Erde, unvollständig erhalten und in wechselnden Dialecten 
geschrieben, wovon aber nur der letzte, Idoss auf einige Theile 
der Erdoberfläche sich beziehende Band bis auf uns gekommen 
ist. Doch auch von diesem Bande ist nur hie und da ein kurzes 
Capitel erhalten, und von jeder Seite sind nur da und dort einige 
Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wechselnden Sprache die- 
ser Beschreibung, mehr oder weniger verschieden in der ununter- 
brochenen Keihenfolge der einzelnen Abschnitte, mag den anschei- 
nend plötzlich wechselnden Lebensformen entsprechen, welche in 
den unmittelbar auf einander liegenden Schichten unserer weit 
von einander getrennten Formationen begraben liegen." 

Wenn Sie diese ausserordentliche Unvollständigkeit der pa- 
läontologisfhen Urkunde sich beständig vor Augen halten, so wird 
es Ihnen nicht wuiulerbar erscheinen, dass wir noch auf so viele 
unsiclu're Hypothesen angewiesen sind, indem wir wirklich den 
Stammbaum der verschiedenen organischen Gruppen entwerfen 
wollen. Jedoch besitzen wir glücklicher AVeise ausser den Ver- 
steinerungen auch noch andere historische Urkunden; und diese 
sind in vielen Fällen von nicht geringerem und in den meisten 
sogar von viel höherem Werthe als die Petrefacten. Die bei 
weitem wichtigste von diesen anderen Schöpfungs- Urkunden ist 
ohne Zweifel die Ontogenie oder Keimes- Geschichte; denn sie 
wiederholt uns kurz in grossen, markigen Zügen das Bild der 
Stammes-Goschichte oder Phylogenie (vergl. oben S. 309). 

Allerdings ist die Skizze, welche uns die Ontogenie der 
Organismen von ihrer Phylogenie giebt, in den meisten Fällen 
mehr oder weniger verwischt, und zwar um so mehr, je mehr die 
Anpassung im Laufe der Zeit das Ueljergewicht über die Verer- 



XVI. Scliöpfungs-Urkunden der Oiitogeiiio. o99 

hiuig erlangt hat, uiul je inäclitiger das (iesotz der abgekürzten 
Vererbung und das (iesetz der weclisellH^ziiglichen Anpassung ein- 
gewirkt haben. Allein (hulurch wird der hohe Werth nicht ver- 
mindert, w^elchen die wirklich treu erhaltenen Züge jener Skizze 
besitzen. Besonders für die Erkenntniss der frühesten 
paläontologisclien Entwickelungs-Zustände ist die On- 
togenie von ganz unschätzbarem Werthe, weil gerade von 
den ältesten Entwickelungs- Zuständen der Stämme und Classen 
uns gar keine versteinerten Reste erhalten worden sind und auch 
schon w'egen der weichen und zarten Körper-Beschaffenheit der- 
selben nicht erhalten bleiben konnten. Keine Versteinerung könnte 
uns von der unschätzbar w'ichtigen Thatsache bericiiten, welche 
die Ontogenie uns erzählt, dass die ältesten gemeinsamen Vor- 
fahren aller verschiedenen Thier- und Pflanzen-Arten ganz ein- 
fache Zellen, gleich den Eiern waren. Keine Versteinerung könnte 
uns die unendlich werthvolle, durch die Ontogenie festgestellte 
Thatsache beweisen, dass durch einfache Vermehrung, Gemeinde- 
bildung und Arbeitstheilung jener Zellen die unendlich mannich- 
faltigen Körperformen der vielzelligen Organismen entstanden. 
Allein schon die (iastrulation (S. 300) ist eine der wichtigsten 
Stammes-Urkunden. So hilft uns die Ontogenie über viele und 
grosse Lücken der Paläontologie hinweg. 

Zu den unschätzbaren Schöpfungs-Urkunden der Paläontologie 
und Ontogenie gesellen sich nun drittens die nicht minder wich- 
tigen Zeugnisse für die Blutsverw\andtschaft der Organismen, 
welche uns die vergleichende Anatomie liefert. Wenn äusser- 
lich sehr verschiedene Organismen in ihrem inneren Bau nahe- 
zu übereinstimmen, so können wir daraus mit voller Sicherheit 
schliessen, dass dieseUebereinstimmung ihren Grund in der Vererbung, 
jene Ungleichheit dagegen ihren Grund in der Anpassung hat. Be- 
trachten Sie z. B. vergleichend die Hände oder Vorderpfoten der 
neun verschiedenen Säugethiere, welche auf der nachstehenden 
Tafel IV abgebildet sind, und bei denen das knöcherne Skelet- 
Gerüst im Innern der Iland und der fünf Einger sichtbar ist. 
Ueberall finden sich bei der verschiedensten äusseren Form die- 
selben Knochen in derselben Zahl, Lagerung und Verbindung wieder. 



400 Scliöpfungs-Urkunden der vergleichenden Anatomie. XYI. 

Dass die Hand des Menschen (Fig. 1) von derjenigen seiner 
nächsten Verwandten, des Gorilla (Fig. 2) und des Drang 
(Fig. 3), sehr wenig verschieden ist, wird vielleicht sehr natürlich 
erscheinen. Wenn aber auch die Vorderpfote des Hundes (Fig. 4), 
sowie die Brustflosse (die Hand) des Seehundes (Fig. 5) und des 
Delphins (Fig. ß) ganz denselben Avesentlichen Bau zeigt, so wird 
dies schon mehr überraschen. Und noch wunderbarer wird es Ihnen 
vorkommen, dass auch der Flügel der Fledermaus (Fig. 7), die 
Grabschaufel des Maulwurfs (Fig. 8) und der Vorderfuss des 
unvollkommensten aller Siiugethiere, des Schna belthiers (Fig. 9) 
ganz aus densell)en Knochen zusammengesetzt ist. Nur die Grö.sse 
und F(»rm der Knochen ist vielfach geändert. Die Zahl und die 
Art ihrer Anordnun<i' und Verbindung ist dieselbe geblieben. 
(Vergl. auch die Erklärung der Taf. IV im Anhang.) Es ist ganz 
undenkbar, dass irgend eine andere Ursache, als die gemeinschaft- 
liche Vererlumg von gemeinsamen Stannn-Eltciii diese wunderbare 
Homologie oder Gleichheit im wesentlichen inneren Bau bei so 
verschiedener äusserer Form verursacht habe Tnd wenn Sie nun 
im System von den Säugethieren weiter iiinunter.steigeu, und fin- 
den, dass sogar Ix'i den Vögeln die Flügel. Ix'i den Heptilien und 
Amphibien ilie Vorderfüsse, wesentlich in derselljen Weise aus 
(lensell)en Knochen zusammengesetzt sind, wie die Arme des Men- 
schen und die Vorderbeine der übrigen Säugethiere, so können Sie 
schon daraus auf die gemeinsame Abstammung aller dieser Wir- 
belthiere mit voller Sicherheit schliessen. Der Grad der inneren 
Form-Verwandtschaft enthüllt Ihnen hier, wie überall, den Grad 
der wahren Stamni-VerwancUschaft. 



■.■H.s.'ua 



lliiiitl lU'ii iii'iiii i'(7y( ///<■(/, '/i(-/i S(///(/('//t/('ri7i. 




J..\fi7iM7t.'J. (r('rin<i.'t. (iniiKf. i.Iiiiinl. J.Sic/ianJ. U. DcZ/ihai. 
7. FliiliiiiKiKs. <"i .Viiuliiniri'. .').Sc]iiiiiliiltlni-r. 



Siebzehnter Vortrag. 

Phylogenetisches System der Organismen. 
Protisten und Histonen. 



Specielle Durchführung der Descendenz-Theorie in dem natürlichen System 
der Organismen. Construction' der Stammbäume. Neuere Fortschritte der 
Phylogenie. Abstammung aller mehrzelligen Organismen von einzelligen. 
Abstammung der Zellen von Moneren. Begriif der organischen Stämme oder 
Phylen. Zahl der Stämme des Thierreichs und des Pflanzenreichs. Einheit- 
liche oder raonophyletische und vielheitliche oder polyphyletische Descendenz- 
Hypothese. Das Reich der Protisten oder Zellinge (einzellige Organismen). 
Gegensatz zum Reiche der Histonen oder Webinge (vielzellige Thiere und 
Pflanzen). Grenzen zwischen Thierreich und Pflanzenreich. ürpflanzen 
(Protophyta) und Urthiere (Protozoa). Monobien und Coeuobien. Challenger- 
Resultate. Geschichte der Radiolarien. System der organischen Reiche. 

Meine Herren! Durch die denkende Vergleicliung der indivi- 
duellen und paläontologisclien Entwickelung, sowie durch die ver- 
gleichende Anatomie der Organismen, durch die vergleichende 
Betrachtung ihrer entwickelten Form- Verhältnisse, gelangen wir 
zur Erkenntniss ihrer stufenweis verschiedenen Form-Verwandt- 
schaft. Dadurch gewinnen wir aber zugleich einen Einblick in 
ihre wahre Stamm-Verwandtschaft; denn diese ist ja nach 
der Descendenz-Theorie der eigentliche Grund der Form- Verwandt- 
schaft. Wenn wir also die empirischen Resultate der Embryologie, 
Paläontologie und Anatomie zusammenstellen, kritisch vergleichen, 
und zur gegenseitigen Ergänzung benutzen, dürfen wir hoffen, uns 
der Erkenntniss des natürlichen Systems, und somit auch des 
Stammbaums der Organismen zu nähern. Allerdings bleibt 
unser menschliches Wissen, wie überall, so ganz besonders hier, 

Haeckel, Natürl. Schopfungs-Gesch. 8. Aufl. 2G 



402 Specielle Durchführung der Descendenz-Tlieorie. XVII. 

nur Stückwerk, schou wegen der ausserordentlichen Unvollständig- 
keit und Lückenhaftigkeit der empirischen Schöpfuugs- Urkunden. 
Indessen dürfen wir uns dadurch nicht abschrecken lassen, jene 
höchste Aufgabe der Biologie in Angriff zu nehmen. Lassen Sie 
uns vielmehr sehen, wie weit es schon jetzt möglich ist, trotz 
des unvollkommenen Zustaudes unserer embryologischen, paläon- 
tologischen und anatomischen Kenntnisse, eine annähernde 
Hypothese von dem verwandtschaftlichen Zusammenhang der 
Organismen aufzustellen. 

Darwin giebt uns in seinen Werken auf diese speciellen 
Fragen der Descendenz-Theorie keine Antwort. Er äussert nur 
gelegentlich seine Vermuthung, „dass die Thiere von höchstens 
vier oder fünf, und die Pflanzen von eben so vielen oder noch 
weniger Stamm-Arten herrühren". Da aber auch diese wenigen 
Hauptformen noch Spuren von verwandtschaftlicher Verkettung 
zeigen, und da selbst Pflanzen- und Thierreich durch vermittelnde 
Uebergangs-Formen verbunden sind, so gelangt er weiterhin zu 
der Annahme, „dass wahrscheinlich alle organischen Wesen, die 
jemals auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform ab- 
stammen". 

Ich habe 1866 in der systematischen Einleitung zu meiner 
allgemeinen Entwickelungs-Geschichte (im zweiten Bande der gene- 
rellen Morphologie) eine Anzahl von hypothetischen Stammtafeln 
für die grösseren Organismen-Gruppen aufgestellt, und damit that- 
sächlich den ersten Versuch gemacht, die Stammbäume der 
Organismen in der Weise, wie es die Entwickelungs-Theorie 
erfordert, wirklich zu construiren. Dabei war ich mir der ausser- 
ordentlichen Schwierigkeiten dieser wichtigen Aufgabe vollkommen 
bewusst. Indem ich trotz aller abschreckenden Hindernisse die- 
selbe dennoch in Angrifl' nahm, beanspruchte ich weiter Nichts, 
als den ersten Versuch gemacht und zu weiteren und besseren 
Versuchen angeregt zu haben. Die meisten Zoologen und Bota- 
niker sind von diesem Anfang wenig befriedigt gewesen, und am 
wenigsten natürlich in dem engen Specialgebiete, in welchem ein 
Jeder besonders arbeitet. Allein wenn irgendwo, so ist gewiss 
hier das Tadeln viel leichter als das Bessermachen. 



XVII. Construction der Stammbäume. 403 

In den 28 Jahren, welche .seit dem Erscheinen der „Gene- 
rellen i\Ior j)holog'ie" verflossen sind, ist sehr Viel geschehen, 
um den dort entworfenen Cirundriss der Phylogenie auszuführen. 
Zwar erhoben sich anfänglich viele Stimmen, welche nicht nur 
jene ersten Entwürfe für ganz verfehlt, sondern die phylogene- 
tische Forschung und die damit verknüpfte Construction hypo- 
thetischer Stammbäume überhaupt für unwissenschaftlich, ja sogar 
für unmöglich erklärten. Du Bois-Heymond suchte sie lächer- 
lich zu machen, indem er sie mit den philologischen Forschungen 
über die Stammbäume der homerischen Helden verglich. Aber 
die Freude unserer Gegner über diese und ähnliche, namentlich 
von Physiologen ausgehende Angriffe war nur von kurzer Dauer; 
denn bald regte sich überall in erfreulichster Weise der phyloge- 
netische Forschungstrieb. Jeder denkende Morphologe, der eine 
grössere oder kleinere Gruppe des Thierreichs systematisch bear- 
beitete, wurde durch die Erkenntniss ihrer Form -Verwandtschaft 
von selbst zu der Frage nach ihrer Stamm-Verwandtschaft hingeführt; 
und in vielen Fällen ergaben sich die Grundzüge derselben mit 
so viel Klarheit, dass man sich eine vollkommene Vorstellung 
von der Entstehung und stufenweisen Eutwickelung dieser Thier- 
Gruppe machen konnte; so z. B. bei den Hufthieren, Haifischen, 
Krebsthieren , Ammoniten, Seeigeln, Seelilien u. s. w. Ich selbst 
habe in meinen Monographien der Radiolarieu, Kalkschwämme, 
Medusen und Siphonophoren zu zeigen versucht, wie weit es 
möglich ist, den Stammbaum einer formenreichen Thier-Gruppe 
auf Grund der bekannten Urkunden zu ermitteln. Gleich allen 
anderen wissenschaftlichen Hypothesen, welche zur Erklärung der 
Thatsachen dienen, werden auch meine genealogischen Hypothesen 
so lange auf Berücksichtigung Anspruch machen dürfen, bis sie 
durch bessere ersetzt werden. 

Hoffentlich wird dieser Ersatz recht bald geschehen, und ich 
wünschte Nichts mehr, als dass mein erster Versuch recht viele 
Naturforscher anregen möchte, wenigstens auf dem engen, ihnen 
genau bekannten Specialgebiete des Thier- oder Pflanzenreichs die 
genaueren Stammbäume für einzelne Gruppen aufzustellen. Durch 
zahlreiche derartige Versuche wird unsere genealogische Erkennt- 

26* 



404 Gegenseitige Ergänzung der Schöpfungs-Urkiinden. XVII. 

iiiss im Laufe der Zeit langsam fortschreiten, und mehr und mehr 
der Vollendung näher kommen, obwohl mit Bestimmtheit voraus- 
zusehen ist, dass ein vollendeter Stammbaum niemals wird er- 
reicht werden. Es fehlen uns und werden uns immer fehlen 
die unerlässlichen paläontologischen Grundlagen. Die ältesten Ur- 
kunden werden uns ewig verschlossen bleiben aus den früher 
bereits angeführten Ursachen. Die ältesten, durch Urzeugung 
entstandenen Organismen, die Stamm -Eltern aller folgenden, 
müssen wir uns nothwendig als Moneren denken, als einfache 
weiche structurlose Plasma-Klümpchen, ohne jede bestimmte Form, 
ohne irgend welche harte und geformte Theile. Diese und ihre 
nächsten Abkömmlinge waren daher der Erhaltung im versteinerten 
Zustande durchaus nicht fähig. Ebenso fehlt uns aber aus den 
im letzten Vortrage ausführlich erörterten Gründen der bei weitem 
grösste Theil von den zahllosen paläontologischen Documenten, 
die zur sicheren Durchführung der Stammes-Geschichte oder Phy- 
logenie und zur wahren Erkenntniss der organischen Stammbäume 
eigentlich erforderlich wären. Wenn wir daher das Wagniss ihrer 
hypothetischen Construction dennoch unternehmen, so sind wir 
vor Allem auf die Unterstützung der beiden anderen Urkunden- 
Reihen hingewiesen, welche das paläoutologische Archiv in wesent- 
lichster Weise ergänzen, der vergleichenden Anatomie und Keimes- 
Geschichte. 

Wenn wir nun diese höchst werthvollen Urkunden gehörig 
denkend und vergleichend zu Rathe ziehen, und vom allgemeinsten 
Standpunkt der Zellen-Theorie einen umfassenden Blick auf die 
Gesammtheit der Lebens-Formen werfen, so begegnen wir zunächst 
einer höchst wichtigen Thatsache: Die niedersten und einfachsten 
Lebens-Formeu , die sogenannten Ur-Pflanzen und Ur-Thiere, be- 
stehen zeitlebens nur aus einer einfachen Zelle; sie sind perma- 
nent einzellig. Hingegen sind die meisten Organismen, insbe- 
sondere alle höheren Thiere und Pflanzen vielzellig, aus einer 
Vielzahl von eng verbundenen Zellen zusammengesetzt; sie nehmen 
ihren Ursprung aus einem Ei und dieses Ei ist bei den Thieren 
ebenso wie bei den Pflanzen eine einzige ganz einfache Zelle: ein 
Klümpchen einer Eiweiss- Verbindung, in welchem ein anderer 



XVII. Abstammuno: aller mehrzelligen Organismen von einzelligen. 405 

eiweissartiger Körper, der Zellkern, eingeschlossen ist. Diese 
kernhaltige Zelle wächst und vergrössert sich. Durch Theilung 
bildet sich ein Zellen-Hiinfchen, und aus diesem entstehen durch 
Arbeitstheilung in der früher beschriebenen Weise die vielfach 
verschiedenen Formen, welche die ausgebildeten Thier- und Pflan- 
zen-Arten uns vor Augen führen. (Vergl. S. 298.) Dieser unend- 
lich wichtige Vorgang, welchen wir alltäglich bei der embryolo- 
gischen Entwickelung jedes thierischen und pflanzlichen Indivi- 
duums mit unseren Augen Schritt für Schritt unmittelbar verfol- 
gen können, und welchen wir in der Regel durchaus nicht mit 
der verdienten Ehrfucht betrachten, belehrt uns sicherer und voll- 
ständiger, als alle Versteinerungen es thun könnten, über die ur- 
sprüngliche paläontologische Entwäckelung aller mehrzelligen Orga- 
nismen, aller höheren Thiere und Pflanzen. Denn da die On- 
togenie oder die Keimes-Geschiehte jedes einzelnen Individuums 
nur ein kurzer Auszug seiner Phylogenie oder Stammes-Geschichte 
ist, eine Recapitulation der paläontologischen Entwickelung seiner 
Vorfahrenkette, so können wir daraus zunächst mit voller Sicher- 
heit den eben so einfachen als bedeutenden Schluss ziehen, dass 
alle mehrzelligen Thiere und Pflanzen ursprünglich von 
einzelligen Organismen abstammen. 

Die uralten primordialen Vorfahren des Menschen so gut wie 
aller anderen Thiere und aller aus vielen Zellen zusammengesetzten 
Pflanzen waren einfache, isolirt lebende Zellen. Dieses unschätz- 
bare Geheimniss des organischen Stammbaumes wird uns durch 
die Ei-Zelle der Thiere und Pflanzen mit untrüglicher Sicherheit 
verrathen. Wenn die Gegner der Descendenz-Theorie uns ent- 
gegenhalten, es sei wunderbar und unbegreiflich, dass ein äusserst 
complicirter vielzelliger Organismus aus einem einfachen einzelli- 
gen Organismus im Laufe der Zeit hervorgegangen sei, so ent- 
gegnen wir einfach, dass wir dieses unglaubliche Wunder jeden 
Augenblick nachweisen und mit unseren Augen verfolgen können. 
Denn die Embryologie der Thiere und Pflanzen führt uns in kür- 
zester Zeit denselben Vorgang greifbar vor Augen, welcher im 
Laufe ungeheurer Zeiträume bei der Entstehung des ganzen Stammes 
ursprünglich stattgefunden hat. 



406 Abstammung aller mehrzelligen Organismen von einzelligen. XVII. 

Auf Gruucl der keimesgeschichtlichen Urkunden können wir 
also mit voller Sicherheit behaupten, dass alle mehrzelligen Or- 
ganismen eben so gut wie alle einzelligen ursprünglich von ein- 
fachen Zellen abstammen; hieran würde sich sehr natürlich der 
Schluss reihen, dass die älteste Wurzel des Thier- und Pflanzen- 
reichs gemeinsam ist, eine einfachste Zelle. Denn die ver- 
schiedenen uralten „Urzellen", aus denen sich die wenigen 
verschiedenen Hauptgruppen, die „Stämme" oder Phylen des Thier- 
und Pflanzenreichs entwickelt haben, können ihre Verschiedenheit 
selbst erst erworben haben, und können selbst von einer gemein- 
samen „Urstamm-Zelle" abstammen. AVo kommen aber jene 
wenigen „Urzellen" oder diese eine „Urstamm-Zelle" her? Zur 
Beantwortung dieser genealogischen Grundfrage müssen wir auf 
die früher erörterte Plastiden-Theorie und die Urzeugungs-Hypo- 
these zurückgreifen. (S. 368.) 

AVic wir damals zeigten, können wir uns durch Urzeugung 
unmittelbar nicht Zellen entstanden denken, sondern nur Mo- 
neren, Urwesen der denkbar einfachsten Art, gleich den noch 
jetzt lebenden Protamocben. Protomyxen u. s. w. Nur solche 
structurlose Plasma-Körpcrchen, deren ganzer eiweissartiger Leib 
so gleichartig in sich wie ein anorgischer Krystall ist, und den- 
noch die beiden organischen Grundfunctionen der Ernährung und 
Fortpflanzung vollzieht, konnten unmittelbar im Beginn der lauren- 
tischen Zeit aus anorgischer Materie durch Autogonie entstehen. 
W^ährend einige Moneren auf der ursprünglichen einfachen Bil- 
dungsstufe verharrten, bildeten sich andere allmählich zu Zellen 
um, indem der innere Kern des Plasma-Leibes sich von dem 
äusseren Zellschleim sonderte. Andererseits bildete sich durch 
Differenzirung der äussersten Zellschlcimschicht sowohl um ein- 
fache (kernlose) Cytoden, als um nackte (aber kernhaltige) Zellen 
eine äussere Hülle (Membran oder Schale). Durch diese beiden 
Sonderungsvorgänge in dem einfachen Urschleim des Moneren- 
Leibes, durch die Bildung eines Kerns im Innern, einer Hülle an 
der äusseren Oberfläche des Plasma-Körpers, entstanden aus den 
ursprünglichen einfachsten Cytoden, den Moneren, jene vier ver- 
schiedenen Arten von Piastiden oder Individuen erster Ordnung, 



XVII. Abstaimuuug der Zellen von Moneren. 407 

aus denen weiterhin alle übrigen Uroanismen durch Difl'eren- 
zirung und Zusanimensetzung sich entwickein Iconnten. (S. oi^S). 
Jedenfalls sind die Moneren die Urquellen alles Lebens. 

Hier wird sich Ihnen nun zunächst die Frage aufdrängen: 
Stammen alle organischen Cytodeu und Zellen, und mithin auch 
jene Urzellen, welche wir vorher als die Stamm-Eltern der weni- 
gen grossen Haupt-Gruppen des Thier- und Pflanzenreichs be- 
trachtet haben, von einer einzigen ursprünglichen Moneren-Form 
ab, oder giebt es mehrere verschiedene organische Stämme, deren 
jeder von einer eigenthümlichen selbstständig durch Urzeugung 
entstandenen Moneren-Art abzuleiten ist. Mit anderen Worten: 
Ist die ganze organische Welt gemeinsamen Ursprungs, 
oder verdankt sie mehrfachen Urzeugungs- Acten ihre 
Entstehung? Diese genealogische Grundfrage scheint auf den 
ersten Blick ein ausserordentliches Gewicht zu haben. Indessen 
werden Sie bei näherer Betrachtung bald sehen, dass sie dasselbe 
nicht besitzt, vielmehr im Grunde von untergeordneter Bedeu- 
tung und polyphyletisch zu beantworten ist. 

Hier müssen wir nun zunächst den Begriff des organi- 
schen Stammes feststellen. Wir verstehen unter Stamm oder 
Phylum die Gesammtheit aller derjenigen Organismen, deren 
Abstammung von einer gemeinsamen Stamm-Form aus anatomi- 
schen und entwickelungsgeschichtlichen Gründen nicht zweifelhaft 
sein kann, oder doch wenigstens in hohem Maasse wahrscheinlich 
ist. Unsere Stämme oder Phylen fallen also wesentlich dem Be- 
grifle nach mit jenen wenigen „grossen Classen" oder „Haupt- 
Classen" zusammen, von denen auch Darwin glaubt, dass eine 
jede nur blutsverwandte Organismen enthält, und von denen er 
sowohl im Thierreich als im Pflanzenreich nur sehr wenige, in 
jedem Reiche etwa vier bis fünf annimmt. Im Thierreich würden 
diese Stämme im Wesentlichen mit jenen vier bis acht Haupt- 
abtheilungen zusammenfallen, welche die Zoologen seit Baer und 
Cuvier als „Haupt-Formen, General-Pläne, Zweige oder Kreise" 
des Thierreichs unterscheiden. (Vergl. S. 48.) Baer und Cuvier 
unterschieden deren nur vier, nämlich 1. die Wirbelthiere 
(Ve rieb rata); 2. die Gliederthiere (Articulata); 3. die Weich- 



408 Begriff der organischen Stämme oder Phylen. XYII. 

tliiere {Mollusca) und 4. die Strahlthiere (Radiata). Gegen- 
wärtig unterscheidet man gewöhnlich acht, indem man die drei 
ersten Haupt-Classen oder Kreise beibehält, die vierte aber (Strahl- 
thiere) in fünf Zweige auflöst; diese sind die Mantel thiere 
(Ttcnicata) , Sternthiere {Echinodcrma), Wurmthiere {Hel- 
viinthes), Pflanzenthiere (Zoophi/ta) und Urthiere (Frotozoa). 
Innerhalb jedes dieser acht Stämme zeigen alle dazu gehörigen 
Thiere trotz grosser Mannichfaltigkeit der äusseren Form dennoch 
im inneren Bau so zahlreiche und wichtige gemeinsame Grund- 
ziige, dass wir ihre Stamm -Verwandtschaft vorläufig mit grosser 
Wahrscheinlichkeit annehmen können. 

Dasselbe gilt auch von den sechs grossen Haupt-Classen, 
welche die neuere Botanik im Pflanzenreiche unterscheidet, näm- 
lich 1. die Blumenpflanzen (Plianerogamae); 2. die Farne 
(Füicinae); 3. die Mose (Muscinae)] 4. die Flechten (Lichenes); 
5. die Pilze (Fungi) und (i. die Tange {Algae). Die letzten 
drei Gruppen zeigen selbst wiederum unter sich so nahe Beziehun- 
gen, dass man sie als Thalluspflanzen {Tludlopliyta) den drei 
ersten Haupt-Classen gegenüber stellen, und somit die Zahl der 
Phylen oder Haupt-Gruppen des Pflanzenreichs auf vier beschrän- 
ken könnte. Auch Mose und Farne könnte man als Prothallus- 
pflanzen {Prothaliota) zusammenfassen und dadurch die Zahl 
der Pflanzenstämme auf drei erniedrigen: Blumenpflanzen, Pro- 
thalluspllanzen und Thalluspflanzen. Wir wollen aber dieser Ein- 
tlieilung gleich die ausdrückliche Bemerkung hinzufügen, dass die 
morphologischen und phylogenetischen Beziehungen der sechs 
Stämme des Pflanzenreichs ganz andere sind, als diejenigen der 
acht Stämme des Thierreichs. 

Gewichtige Thatsachen der vergleichenden Anatomie und Ent- 
wickelungs-Geschichte legen sowohl im Thierreich als im Pflanzen- 
reich die Vermuthung nahe, dass auch diese wenigen Flaupt-Classen 
oder Stämme unter sich wiederum stammverwandt sind. Wir 
werden nachher sehen, in wie verschiedener Weise dieser phylo- 
genetische Zusammenhang der Stämme im Thierreich einerseits, 
im Pflanzenreiche andererseits zu denken ist. Man könnte selbst 
noch einen Schritt weiter gehen und mit Darwin annehmen, dass 



XVII. '^ahl der Stämme des Thierreichs und des Pflanzenreichs. 409 

die beiden Stammbäume des Tliicr- uiul Pflanzenreichs an ihrer 
tiefsten Wurzel zusammenhiingcn; dann würden entweder die 
niedersten und ältesten Thiere und Pflanzen von einem einzigen 
gemeinsamen Urwesen, oder die ersteren von den letzteren ab- 
stammen. Natürlich könnte nach unserer Ansicht dieser gemein- 
same Urorganismus nur ein einfachstes durch Urzeugung ent- 
standenes Moner sein. 

Vorsichtiger werden wir vorläufig jedenfalls verfahren, wenn 
wir diesen letzten Sclu'itt noch vermeiden, und wahre Stamm- 
Verwandtschaft nur innerhalb jedes Stammes oder Phylum an- 
nehmen, wo sie durch die Thatsachen der vergleichenden Ana- 
tomie, Ontogenie und Paläontologie ziemlich sicher gestellt wird. 
Aber schon jetzt können wir bei dieser Gelegenheit darauf hin- 
weisen, dass zwei verschiedene Grund-Formen der genealogischen 
Hypothesen möglich sind, und dass alle verschiedenen Unter- 
suchungen der Descendenz-Theorie über den Ursprung der organi- 
schen Formen-Gruppen sich künftig entweder mehr in der einen 
oder mehr in der andern von diesen beiden Richtungen bewegen 
werden. Die einheitliche (einstämmige oder monophyle- 
tische) Abstammungs-Hypothese wird bestrebt sein, den ersten 
Ursprung sowohl aller einzelnen Organismen-Gruppen als auch 
der Gesammtheit derselben auf eine einzige gemeinsame, durch 
Urzeugung entstandene Moneren-Art zurückzuführen. Die viel- 
heitliche (vielstämmige oder polyphyletische) Descendenz- 
Hypothese dagegen wird annehmen, dass mehrere verschiedene 
Moneren-Arten durch Urzeugung entstanden sind, und dass diese 
mehreren verschiedenen Haupt-Classen (Stämmen oder Phylen) 
den Ursprung gegeben haben. Im Grunde ist der scheinbar sehr 
bedeutende Gegensatz zwischen diesen beiden Hypothesen nur von 
geringer Wichtigkeit. Denn beide, sowohl die einheitliche oder 
monophyletische, als die vielheitliche oder polyphyletische Descen- 
denz-Hypothese, müssen nothwendig auf Moneren als auf die 
älteste Wurzel des einen oder der vielen organischen Stämme 
zurückgehen. Da aber der ganze Körper aller Moneren nur aus 
einer einfachen, structurlosen und formlosen Plasson-Masse, einer 
eiweissartigen Kohlenstoff- Verbindung besteht, so können die Un- 



410 Monopliyleti.sche und polyphyleti.sche Hypothesen. XVII. 

terschiede der verschiedenen Moneren nur chemischer Natur sein 
und nur in einer verschiedenen molekularen Zusammensetzung 
jener schleimartigen Plasma-Verbiudung bestehen. Diese feinen 
und verwickelten Mischungs-Verschiedenheiten der unendlich man- 
nichfaltig zusammengesetzten Eiweiss- Verbindungen sind aber vor- 
läufig für die rohen und groben Erkenntnissmittel des Menschen 
gar nicht erkennbar, und daher auch für unsere vorliegende Auf- 
gal)e zunächst von weiter keinem Interesse. 

Die Frage von dem einheitlichen oder vielheitlichen Ursprung 
wird sich auch innerhalb jedes einzelnen Stammes immer wieder- 
holen, wo es sich um den Ursprung einer kleineren oder grösseren 
Gruppe handelt. Im Pflanzenreiche z. B. werden die einen Bo- 
taniker mehr geneigt sein, die sämmtlichen Blumen-Pflanzen von 
einer einzigen Farn-Form ab/.uleiten, während die andern die Vor- 
stellung vorziehen werden, dass mehrere verschiedene Phanero- 
gamen-Gruppen aus mehreren verschiedenen Farn-Gruppen hervor- 
gegangen sind. Ebenso werden im Thierreiche die einen Zoologen 
mehr zu Gunsten der Annahme sein, dass sämmtliche placentale 
Säugethiere von einer einzigen Beutelthier-Form abstammen, die 
andern dagegen mehr zu Gunsten der entgegengesetzten Annahme, 
dass mehrere verschiedene Gruppen von Placental-Thieren aus 
mehreren verschiedenen Beutelthier-Gruppen hervorgegangen sind. 
\Xm das Menschen-Geschlecht selbst betriff"t, so werden die Einen 
den Ursprung desselben aus einer einzigen Affen-Form vorziehen, 
während die Andern sich mehr zu der V'orstellung neigen werden, 
dass mehrere verschiedene Menschen-Arten unabhängig von ein- 
ander aus mehreren verschiedenen Affen-Arten entstanden sind. 
Ohne uns hier schon bestimmt für die eine oder die andere Auf- 
fassung auszusprechen, wollen wir dennoch die Bemerkung nicht 
unterdrücken, dass im Allgemeinen für die höchsten und 
höheren Formen-Gruppen die einstämmigen oder mono- 
phyletischen Descendenz-Hypothesen mehr innere Wahr- 
scheinlichkeit besitzen, dagegen für die niederen und nie- 
dersten Abtheilungen die vielstämmigen oder polyphy- 
letischen Abstammungs-Hypothesen. Das gilt sowohl für 
das Thierreich wie für das Pflanzenreich. 



XVII. Monophyletische uihI poly|ihyletisclie Desceiulenz. 411 

Der früher erörterte chorologischo Satz von dem einfachen 
„Schöpfungs-Mittelpiinkte" oder der einzigen l'rheiniiitli der meisten 
Species führt zu der Annahme, dass auch die Stamm-Korm einer 
jeden grösseren und kleineren natürlichen (Jruppe nur einmal 
im Laufe der Zeit und nur an einem Orte der Erde entstanden 
ist. Für alle einigermaassen ditt'erenzirten und höher entwickelten 
Classen und Classen-Gruppen des Thier- und Pllanzenreichs darf 
man diese einfache Stammeswurzel, diesen monophyletischen Ur- 
sprung als gesichert annehmen (vergl. S. 313). Für die einfachen 
Organismen niedersten Ranges gilt dies aber nicht. Vielmehr 
wird wahrscheinlich die entwickelte Descendenz-Theorie der Zu- 
kunft den polyphyletischen Ursprung für viele niedere und unvoll- 
kommene Gruppen der beiden organischen Reiche nachweisen 
(vergl. meinen Aufsatz über „Einstämmigen und vielstämmigen 
Ursprung" im „Kosmos" Bd. IV, 1879). Auf der anderen Seite 
sju'echen wieder manche Thatsachen für einen ursprünglichen Zu- 
sammenhang der ältesten Stamm-Wurzeln. Man kann daher 
vorläufig immerhin (— als heuristische Hypothese! — ) für das 
Thierreich einerseits, für das Pflanzenreich andererseits eine ein- 
stämmige oder monophyletische Descendenz annehmen. 

Um diese schwierigen Fragen der Stammes-Geschichte richtig 
zu beurtheilen, und um sich ihrer Lösung mit Sicherheit nähern 
zu können, muss man vor Allem ein wichtiges Verhältniss im 
Auge behalten, nämlich den bedeutungsvollen Unterschied in der 
Entwickelung der einzelligen und der vielzelligen Organismen. 
Dieser Unterschied ist bisher viel zu wenig gewürdigt worden, ob- 
wohl er die grösste Wichtigkeit, sowohl in morphologischer als 
physiologischer Beziehung besitzt. Denn der bleibend einzellige 
Organismus verhält sich zum höher entwickelten vielzelligen ganz 
ähnlich, w^ie die einzelne menschliche Person zum Staate. Nur 
durch die innige Verbindung vieler Zellen zu einem Ganzen, 
durch ihre Arbeitstheilung und Formspaltung, wird jene höhere 
Entfaltung der Lebensthätigkeiten und Formbildungen möglich, 
welche wir bei den vielzelligen Thieren und Pflanzen bewundern. 
Bei den einzelligen Lebensformen vermissen wir dieselbe; sie 
bleiben stets auf einer viel niederen Stufe stehen. 



412 Abstammung der Histonen von Protisten. XVII. 

Aus diesen und anderen Gründen habe ich schon früher vor- 
geschlagen, die ganze organische Köi'perwelt zunächst in zwei 
Haupt-Gruppen einzutheilen: Protisten und Histonen. Die Pro- 
tisten oder Einzelligen behalten entweder zeitlebens ihre volle 
Selbstständigkeit als einfache Zellen bei {Eremobia), oder sie bil- 
den durch Gesellung nur lockere Zell hör den (Coenobia) , aber 
niemals wirkliche Gewebe. Die Histonen oder Vielzelligen 
hingegen sind nur im Beginn ihrer Existenz einzellig; bald ent- 
stehen durch wiederholte Theilung der Stamm -Zelle organisirte 
Zell -Verbände und aus diesen Gewebe (IJista)] die einfachste 
Form des Gewebes ist bei den Pflanzen der Thallus, bei den 
'riiieren die Keimhaut oder das Blastoderma. 

Aus den Thatsachen der vergleichenden Keimesgeschichte 
dürfen wir mit voller Sicherheit den Schluss ziehen, dass alle 
Histonen ursprünglich von Protisten abstammen; alle 
vielzelligen Thiere sowohl, wie alle vielzelligen Pflanzen müssen 
natürlich ursprünglich aus einzeiligen Vorfahren entstanden sein; 
denn noch heute entwickelt sich thatsächlich jeder einzelne viel- 
zellige Organismus aus einer einzelligen Keimform (Ojtula, S. 297). 
Diese „Stamm -Zelle" ist nach dem biogenetischen Grundgesetze 
die erbliche Wiederholung der „Urzelle", der ursprünglichen 
historischen Ahnenform oder des einzelligen Vorfahren. Daraus 
folgt aber keineswegs, dass alle uns bekannten Protisten zu den 
Vorfahren der Histonen gehören; im Gegentheil! Nur ein sehr 
kleiner Bruchtheil der ersteren darf in den Stammbaum der letz- 
teren einbezogen werden. Die überwiegende Mehrzahl aller 
Protisten gehört selbstständigen Stämmen an, welche weder 
zum Pflanzenreiche noch zum Thierreiche in directer phylogene- 
tischer Beziehung stehen. 

Durch die ausgedehnten mikroskopischen Untersuchungen des 
letzten halben Jahrhunderts sind wir mit einer wunderbaren Welt 
des sogenannten „unsichtbaren Lebens" bekannt geworden. Das 
verbesserte Mikroskop hat uns viele Tausende von Arten kleinster 
Lebew^esen kennen gelehrt, welche dem unbewaffneten Auge 
verborgen waren, und welche trotzdem durch die Mannichfaltigkeit 
ihrer zierlichen Gestalten, wie ihrer einfachen Lebens-Erscheinun- 



XVII. Gegensatz der llistonen und Protisten. 41.S 

gen iiiisei" höchstes Interesse erregen. Die erste umfassende Darstel- 
lung derselben gab 1838der berühmte Berliner Mikrologe Gottfried 
Ehren berg in seinem grossen Werke: „Die Infnsions-Thierchen 
als vollkommene Organismen". Dieses Werk entiiält die Beschrei- 
bung und Abbildung zahlreicher mikroskopischer Organismen aus 
den verschiedensten Classen, von ganz ungleicher Organisation. 
Ehrenberg war durch seine Untersuchungen zu der irrthümlichen 
Ueberzeugung gelangt, dass ihr Körper allgemein eine sehr voll- 
kommene Zusammensetzung aus verschiedenen Organen besitze, 
ähnlich dem der höheren Thiere; er gründete auf diesen Irrthum 
„das ihm eigene Princip überall gleich vollendeter Organisation". 
In der That besteht diese aber nicht; und die Mehrzahl seiner 
sogenannten „Infusions-Thierchen" sind einzellige Protisten. 

In demselben Jahre, 1838, in welchem Ehrenberg sein 
grosses Infusorien-Werk verött'entlichte, begründete Schwann seine 
Zellen-Theorie, deren eifrigster Gegner der erstere bis zu seinem 
Tode (1876) geblieben ist. Als grösster Fortschritt ergab sich 
aus der Zellen -Theorie zunächst die Erkenntniss, dass alle ver- 
schiedenen Gewebe des Thier- und Pflanzen -Körpers aus einem 
und demselben Form -Elemente zusammengesetzt seien, aus der 
einfachen Zelle. Sowohl die Stengel und Blätter, die Blüthen 
und Früchte der Pflanzen, als die Nerven und Muskeln, die 
Decken- und Binde-Gewebe der Thiere, sind Anhäufungen von 
Milliarden mikroskopischer Zellen ; ihre verschiedene Beschaffenheit 
beruht lediglich auf der verschiedenen Anordnung und Zusani- 
menset/Aing, Arbeitstheiluug und Formspaltung der constituirenden 
Zellen. In den einfacheren Geweben der Pflanzen bewahren diese 
Zellen, als Bausteine der Gewebe, eine grössere Selbstständigkeit 
und werden gewöhnlich von einer festen Haut oder Membran 
umhüllt; diese fehlt dagegen den meisten Zellen der thierischen 
Gewebe, welche eine höhere Ausbildung erreichen. 

Zahlreiche mikroskopische Lebensformen, welche Ehrenberg 
als hoch organisirte Infusions-Thierchen beschrieben hatte, wur- 
den schon bald darauf als einfache, selbststäudig lebende Zellen 
erkannt; und 1848 wurde dieser Nachweis von Siebold sogar 
für die Wimpertliierchen {Ciliata) und Wurzelfüssler (Rhizopor/a) 



414 Grenzen zwischen Thieneich und Pflanzenreich. XVII. 

gefülirt, welche man allgemein für hoch orgauisirte Thiere ge- 
halten hatte; er gründete für sie die besondere Hauptklasse der 
einzelligen Ur-Thiere (Protozoa). Indessen dauerte es immerhin 
noch ziemlich lauge, ehe diese bedeutungsvolle Erkenutniss .sich 
allgemeine Anerkennung erwarb. Erst nachdem unsere Kenntniss 
vom Zellenleben sich weiter ausgebildet hatte, und nachdem ich 
(1872) die echten vielzelligen Thiere als Metazoen den einzel- 
ligen Protozoen gegenüber gestellt hatte, wurde die Grundver- 
schiedenheit beider Reiche allgemein anerkannt. 

Je mehr wir nun aber durch ausgedehnte Untersuchungen 
von der Natur der einzelligen Organismen kenneu lernten, und 
je weiter der grosse von ihnen gebildete Formenkreis sich aus- 
dehnte, desto stärker wurden die Zweifel, ob denn wirklich alle 
diese sogenannten „Ur-Thiere" als echte Thiere zu betrachten 
seien? Viele von ihnen schienen eher einfachste Pflanzen zu sein, 
und manche Gruppen waren so unmittelbar durch Uebergangs- 
Formen mit echten vielzelligen Pflanzen (Algen) verknüpft, dass 
man sie als einzellige Pflanzen betrachten konnte. Niemand 
aber vermochte eine scharfe Grenze zwischen diesen „Ur-Pflan- 
zen" (Protophyta) und jenen „Ur-Thieren" (Protozoa) zu linden. 
Und doch musste eine solche Grenze gefunden und abgesteckt 
werden, wenn überhaupt eine Grenze zwischen Thierreich und 
Pflanzenreich, sowie eine klare Begriffsbestimmung dieser beiden 
grossen Reiche der organischen Welt erhalten werden sollte. 

Durch vielfache Versuche, diese schwierigen und wichtigen 
Fragen zu lösen, entstanden vor dreissig Jahren — kurz vor und 
nach dem Erscheinen von Darwin's Hauptwerk (1859) — eine 
grosse Anzahl von interessanten Abhandlungen. In diesen be- 
mühten sich Zoologen und Botaniker, Anatomen und Physiologen, 
Embryologen und Systematiker, irgend eine bestimmte Grenze 
zwischen Thierreich und Pflanzenreich festzustellen. So 
leicht und sicher diese Grenzbestimmung bei Vergleichung der 
höheren Thiere und Pflanzen erscheint, so schwierig, ja unmög- 
lich gestaltet sie sich bei den niederen und unvollkommenen 
Organismen. Alle Merkmale im Körperbau und den Lebens- 
Erscheinungen, welche die höheren und vollkommenen Thiere 



XVII. Begründung des Protistenreiclies. 415 

und Pllaiizen in so auffallenden Gegensatz stellen, erscheinen ver- 
wischt oder gemischt bei vielen niederen und einfachen Lebens- 
formen. Insbesondere zeigen viele einzellige Organismen ent- 
weder einen so indifferenten Charakter, oder eine solche Mischung 
von aninuilen und vegetalen Eigenschaften, dass es rein willkni'- 
lich erscheint, oli man sie zum Thierreich oder zum Pflanzenreich 
stellen will. 

Gestützt auf diese Erwägungen, sowie auf die anerkannte 
Erfolglosigkeit jener Grenzbemühungen, versuchte ich 1866 in 
meiner „Generellen Morphologie" die Lösung der Frage auf einem 
anderen Wege. Das zweite Buch jenes Werkes enthält ausführ- 
liche „allgemeine Untersuchungen über die Natur und erste Ent- 
stehung der Organismen, ihr Verhältniss zu den Anorganen, und 
ihre Eintheiluug in Thiere und Pflanzen" (Band I, S. 111—238). 
Ich schlug dort vor, ein besonderes „Reich der Protisten" für alle 
jene niederen Lebensformen zu gründen, welche weder als echte 
Thiere noch als echte Pflanzen gelten können. Als wesentlichen 
Charakter dieses Protisten- Reich es stellte ich in den Vorder- 
grund: „die allgemeine bleibende Selbstständigkeit der Pla- 
stiden, oder der Individuen erster Ordnung (Zellen oder Cytoden), 
sowie den damit verknüpften Mangel der Gewebe. Der ganze 
entwickelte Organismus der Protisten bildet gewöhnlich nur 
eine einzige Plastide, eine Monobie (bald eine kernlose 
Cytode, bald eine kernhaltige Zelle); seltener entstehen durch 
wiederholte Theilung der Zelle und lockere Verbindung der Theil- 
producte sogenannte Zellhorden oder Coenobien (auch Zell- 
colonien oder Plastidenstöckchen gennannt). Aber niemals ent- 
wickeln sich aus denselben die festen Zell -Verbände, welche Avir 
Gewehe nennen, und welche den vielzelligen Organismus der 
echten Thiere und Pflanzen aufbauen. 

Die formenreichen Classen, welche das Protistenreich zusam- 
mensetzen, habe ich später in verschiedenen Schriften eingehender 
geschildert, und zum Theil in etwas veränderter Anordnung und 
Begrenzung aufgeführt, so namentlich in meinen Studien über 
Moneren, Infusorien und Radiolarien, sowie in meiner Gastraea- 
Theorie (1873). Eine kleinere Abhandlung über „Das Protisten- 



416 Ergebnisse der Cliallenger-Expedition. XVII. 

leicli", erschien 1878 im „Kosmos" und enthält „eine populäre 
Uebersicht über das Formen-Gebiet der niedersten Lebewesen". 
Indessen kann das kurze, jener Abhandlung angehängte System 
der Protisten, — gleich ähnlichen späteren Versuchen anderer 
Naturforscher — nur als ein vorläufiger Versuch zur systemati- 
schen Lösung jener schwierigen Fragen gelten; und dasselbe gilt 
von der verbesserten Form dieses Systems, welche ich hier so- 
gleich folgen lassen werde. Es werden noch viele andere Ver- 
suche, von verschiedenen Gesichtspunkten aus, gemacht werden 
müssen, ehe wir befriedigende Klarheit über die systematische 
Anordnung der Protisten-Classen und die ihr zu Grunde liegende 
phylogenetische Verwandtschaft erlangen werden. 

Jedenfalls ist durch die bisherigen Versuche schon sehr viel 
erreicht worden, so namentlich die wichtige Ueberzeugung, dass 
grosse und furmeureiche Protisten-Classen (so z. B. die Diatomeen, 
Mycetozoen, Rhizopoden, Ciliaten) solbststäudige Entwickelungs- 
reihen einzelliger Lebensformen darstellen, ganz unabhängig von 
den echten, vielzelligen Thicreu und Pflanzen. Wenn man früher 
die Bacterien und Mycetozoen mit Pilzen, die Siphoneen mit Moseu, 
die Thalamarien mit Mollusken, die Radiolarien mit Echinodermen, 
die Ciliaten mit Würmern verglich, und wenn man nahe Ver- 
wandtschafts-Beziehuugen zwischen diesen gänzlich verschiedenen 
Classen aufzufinden sich bemühte, so sind jetzt dagegen solche 
falsche Vergleiche nicht mehr möglich. 

Die überraschenden Entdeckungen der letzten Decennien, vor 
allen die grossartigen Ergebnisse der Challeuger-Expedition, 
haben uns auserdem in mehreren selbstständigen Protisten-Classen 
einen Reichthum an merkwürdigen neuen Lebensformen offenbart, 
von dem man früher keine Ahnung hatte. Die Abgründe des 
Oceans, insbesondere die ausgedehnten Tiefsee-Becken zwischen 
6000 und 9000 Meter, galten noch vor dreissig Jahren für leblose 
Einöden, von keinem lebendigen Wesen bewohnt. Die vierjährigen 
Tiefsee-Forschungen der englischen Challenger- Expedition , geleitet 
von Sir Wyville Thomson und Dr. John Murray (1873—1876), 
haben das Gegentheil gelehrt. Jene Abgründe sind bevölkert von 
vielen Tausend Arten wunderbarer Protisten, welche durch die 



XVII. Geschichto dov Radiolarien. 417 

unglaubliche Ziorliclikoit und Maniiic'lii'alti,u;kcit ihrer einzelligen 
KörperbiUlung alles bisher Bekannte übertrelfen ; sie öllen uns eine 
neue Welt der Forschung und Erkenntniss, und erweitern unsere 
biologischen Anschauungen in IVülier inigeahnter Weise. Das 
grosse Werk ii!)er die Challeuger-Reise, von der englischen Regie- 
rung mit beispielloser Freigebigkeit ausgestattet und verölVentliclit, 
enthält Jetzt schon über dreissig grosse F'olio-Bände, mit vielen 
tausend Tafeln. Mehrere Hunderte derselben stellen nur einzellige 
neue lieljensl'ormen des Protistenreichs dar. 

Als Beispiel für die überraschende, dadurch gewonnene Er- 
weiterung unseres morphologischen (Jcsichtskreises führe ich hier 
die Radiolarien an, die zierlichste und formenreichste von allen 
Protisten-CIassen. Taf. XV und XVI zeigen ein paar Dutzend 
verschiedene F'ormen derselben. Die ersten beiden Arten dieser 
kieselschaligen See-Rhizopoden wurden 1834 von Meyen beschrie- 
ben. Später (1847) entdeckte Ehren borg gegen dreihundert 
fossile Arten derselben in dem Gestein der Antillen-Insel Barba- 
dos; er kannte aber bloss ihre zierlichen gitterartig durchbrochenen 
Kieselschalen, während ihre Organisation ihm unbekannt blieb. 
Diese w'urde erst 1858 von dem grossen Berliner Biologen Jo- 
hannes Müller in seinem letzten TV^erke beschrieben; er unter- 
schied 50, lebend von ihm im Mittelmeer beobachtete Arten und 
vertheilte diese auf 20 Gattungen. Ich selbst setzte unmittelbar 
nach seinem Tode die Untersuchungen meines unvergesslichen 
Meisters in Messina fort, und gal) 1862 in meiner Monographie 
der Radiolarien die Beschreibung und Abbildung von 144 neuen 
Arten. Mit anderen neuen Formen derselben machte uns sodann 
1879 Richard Hertwig bekannt, welcher auch zuerst über- 
zeugend nachwies, dass ihr ganzer Organismus, trotz seiner wun- 
derbaren Zusammensetzung, eine einzige Zelle bilde. Die Tief- 
see-Lothungen des „Challenger" ergaben sodann, dass ausgedehnte 
Gebiete des tiefen Ocean-Bodens mit „Radiolarien-Schl am m " 
bedeckt sind, einem feinen kreideähnlichen Pulver, welches fast 
allein aus IMilliarden solcher zierlichen Kieselschalen besteht; viele 
Tausende davon gehen auf ein Gramm. In der systematischen 
Beschreibung dieser „Challenger-Radiolarien'\ welche ich 1887 gab 

Haeckel, Natürl. Schöpfuugs-Gesch. 8. AuH. 2< 



418 Monopliyletisches und polypliyletisclies Protisten-System. XYII. 

(drei Bünde, mit 140 Tafel n), unterschied ich 4 Legionen, 20 Ord- 
nungen, 85 Familien, 739 Gattungen, und 4318 Arten. (Vergl. 
meine „Allgemeine Naturgeschichte der Radiolarien", Berlin 1887.) 

Aehnlich wie das System der Eadiolarien, ist auch das System 
der Diatomeen und der Thalamaricn (oder Foraminileren) durch 
die grossartigen Entdeckungen der C'hallenger-Expedition in er- 
staunlichem Maasse gewachsen. Viele werthvolle I^eiträge dazu 
sind ausserdem durch den emsigen Bienenfleiss zahlreicher jün- 
gerer Naturforscher geliefert worden. Nicht minder werthvoll aber 
als diese quantitative Erweiterung unserer Protisten-Kenntnisse, 
ist die qualitative Vertiefung des allgemeinen Verständnisses, 
welche wir denselhcn verdanken. Unsere Anschauungen von der 
ersten Entwickelung des organischen Lebens, von der Bedeutung 
der einzelligen Organisation, von den Beziehungen der Protisten 
zu den llistonen u. s. w. sind dadurch in vielfacher Richtung ge- 
klärt und befestigt worden. Einerseits ist die Walu'scheinlichkeit 
vom polyphyletischen Ursprung des Protisten-Reiches, von einer 
unabhängigen Entwickelung zahlreicher einzelner Stämme von 
einzelligen Organismen, immer einleuchtender geworden; anderer- 
seits ist für zahlreiche Arten einer einzigen I^rotisten-Classe der 
monophyle tische Ursprung, die Ableitung von einer einzigen 
gemeinsamen Stamm-Form, mit grosser Wahrscheinlichkeit dar- 
gethan worden. So habe ich z. B. gezeigt, dass alle 4318 Radio- 
larien- Arten nur iModificationen von 4 ursprünglichen Typen dar- 
stellen, und dass auch diese 4 Urformen sich phylogenetisch durch 
JJivergonz von einer einfachen kugeligen Zelle ableiten lassen 
(Actissa, Tai. XVF, Fig. 1). Vergl. Taf. XV und XVI, S. 448. 

Auch die Zellen-Theorie ist durch diese neueren Protisten- 
Forschungen mächtig gefördert worden. Die Entdeckung der Mo- 
neren hat uns die Hypothese der Urzeugung annehmbar gemacht, 
und gelehrt, dass die ursprünglichste Lebensform die ("ytode ist, 
nicht die Zelle; die kernhaltige Zelle hat sich erst secundär aus 
der kernlosen Cytode entwickelt. Die winzigen Bacterien, eben- 
falls zu den IMoneren zu rechnen, haben uns gezeigt, dass die 
kleinsten und unscheinbarsten Lebens-Formen die grösste und 
eingreifendste Rolle im Kampf um's Dasein spielen; Hundert- 



XYII. Priücipieii der pliylogenctisclicii Classification. 419 

tauseiule von Mcuschenk'beu erlii'geii alljälirlicli dou AugrilVeu der 
Bacillen der Tuberculose, der Cholera, des Typhus, verschiedener 
Infectioiis-Fieber u. s. w. Die Syncyticn, oder die riesengrossen 
vielkernigen Zellen, führen uns die erstaunliche Höhe der Organi- 
sation vor Augen, welche die einzelne Zelle l'iir sich erreichen 
kann; die Siphoneen-Zelle wird ähnlich einer Blumenpllanze, mit 
Wurzel, Stengel nnd Blättern (Fig. 17); die Polythalamien-Zelle 
wird ähnlich einem Weichthier, mit vi^lkammeriger kalkiger Nau- 
tilus-Schale. Die Zellhorden oder Coenobien der socialen Pro- 
tisten (Volvocinen, Catallacten u. s. w.) belehren uns darüber, wie 
der vielzellige Organismus ursprünglich aus dem einzelligen ent- 
standen ist; sie bilden den Uebergang zu den Histonen mit ihren 
Geweben. Mit Rücksicht auf diese wichtigen Fortschritte